Personendaten

Hedwig Bodenheimer

Nachname: Bodenheimer
Vorname: Hedwig
Geburtsdatum: 7. September 1877
Geburtsort: Rastatt (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Bernhard ( 6.4.1844 - 25.4.1901) und Henriette, geb. Bernheimer (1851 - ), B.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Mina und Elvira (1881-1895) B.
Adresse: 1914: Werderstr. 18
1919-1938: Klauprechtstr. 33
1938: Welfenstr. 6
1939: Amalienstr. 67
1939/40: Moltkestr. 23
Beruf: Lehrerin (Hauptlehrerin)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
14.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Hedwig und Mina Bodenheimer

Hedwig Bodenheimer kam am 7. September 1877 in Rastatt als älteste Tochter des Kaufmanns Bernhard Bodenheimer und seiner Frau Henriette, geborene Bernheimer, auf die Welt. Mina folgte als zweites Kind nur eineinviertel Jahre später am 19. Januar 1879. Ein weiteres Geschwisterkind, Elvira, wurde am 15. Januar 1881 geboren, starb aber mit kaum 15 Jahren bereits am 6. Dezember 1895.

Hedwig besuchte in Rastatt die „Höhere Töchterschule“, während Mina offensichtlich in die Elementarschule ging, und wählte danach den Weg einer Lehrerin. Es war zu jener Zeit noch nicht üblich, dass junge Frauen auch nach höherem Bildungsabschluss eine Ausbildung absolvierten. Sie ging dazu von Rastatt nach Karlsruhe, wo sie das Lehrerinnenseminar, auch Prinzessin-Wilhelm-Stift genannt, in der Sophienstraße 31/33 besuchte. 1895 legte sie dort die erste Lehrerinnenprüfung ab, im Jahr 1896 folgte die zweite oder „Höhere Lehrerinnenprüfung“, beide Male mit gut bis sehr gut.
Lehrerinnen blieben ledig oder gaben, wie es dem Rollenbild entsprach, bei Heirat ihren Beruf wieder auf. Hedwig Bodenheimer blieb zeitlebens unverheiratet. Sie wollte in ihrem Beruf auch arbeiten. Doch Männer wurden leichter in den Schuldienst übernommen als Frauen. Am 5. Mai 1897 stellte Hedwig Bodenheimer den ersten Antrag zur Einstellung in den staatlichen Schuldienst. Dieser Antrag wurde, wie viele folgende, abschlägig beschieden, fast immer gleichlautend, dass keine geeignete Stelle zur Verfügung stünde. Währenddessen fanden die männlichen Absolventen des Lehrerseminars wesentlich schneller Aufnahme in den Staatsdienst.

So arbeitete Hedwig Bodenheimer, wie es noch zu Beginn des 19. Jahrhunderts für männliche Lehrer üblich gewesen war, als Erzieherin in Privathaushalten, in Karlsruhe, in Neuwied und auch Frankfurt a.M. Inzwischen war ihr Vater in Rastatt am 25. April 1901 verstorben. Sie war damit die einzige Familiennachkommin mit einem Einkommen, wenn auch einem geringen. Deshalb stellte sie 1903 aus Frankfurt am Main erneut Antrag auf Übernahme in den Lehrdienst vor diesem Hintergrund und dem Hinweis, dass ihre Mutter ihre Hilfe brauche. Dem Antrag wurde erneut nicht stattgegeben, mit der Begründung, es gäbe für sie keine Verwendungsmöglichkeit. Hedwig Bodenheimer ließ sich davon nicht entmutigen, und stellte zwischen 1905 und 1908 beharrlich weitere Anträge.

Endlich bekam sie nach mehr als zehn Jahren in Warteposition am 14. Mai 1908 die Zusage. Sie wurde an die Volksschule in Hockenheim beordert. Die jährliche Vergütung als „Unterlehrerin“ betrug zu Anfang 1.000 Mark, das war weniger, als ein Arbeiter seinerzeit verdiente. 1909 leistete sie den Beamteneid, noch auf den Großherzog, den sie 1919 auf die Republik erneuerte. 1912 stellte sie erstmals einen Antrag zur Versetzung nach Rastatt, um ihrer Mutter und Schwester nahe zu sein. Die Schulkommission des Rastatter Gemeinderats war davon jedoch nicht begeistert, da sie ausführte, dass bei 11 bis 12 jüdischen Schulkindern keine Pflicht zur Verwendung einer jüdischen Lehrerin bestünde. Es ging hierbei um finanzielle Aspekte, da auch der Religionsunterricht für die jüdischen Schülerinnen und Schüler zu erteilen war. Dasselbe Problem formulierte die Schulkommission in Hockenheim, der die für den Religionsunterricht anfallenden Überstunden beklagte. Außerdem führte die Kommission an, dass sie wegen Krankheit öfter abwesend sei. Schließlich wurde Hedwig Bodenheimer zum 1. April 1913 versetzt, nach Karlsruhe. Aus ihrer Dienstakte geht leider nicht hervor, an welchen Volksschulen sie unterrichtete. Anfangs jedenfalls an der Karl-Wilhelm-Schule (heute die Heinrich-Meidinger-Schule), später auch an der Tulla-Schule, wie aus einem Eintrag im Adressbuch hervorgeht. Bei den regelmäßigen Schulvisitationen bekam sie die Beurteilung „ziemlich gut“, anfangs jedoch auch einmal mit der zusätzlichen Bemerkung „hat noch mit Methoden zu kämpfen“, „ist etwas ängstlich“, „scheint krank zu sein“. 1926 wurde Hedwig Bodenheimer zur Hauptlehrerin befördert.

Eine Zeit lang wohnte sie in der Südstadt, in der Werderstraße 14, zog dann nach Ende des Ersten Weltkriegs in die Klauprechtstraße 33, wo sie eine Dreizimmerwohnung bewohnte, die offensichtlich für Beamte belegt war. 1931 zog sie aus, um diese für einen verheirateten Lehrerkollegen freizumachen und zog in die Welfenstraße 6, eine Neubauwohnung.

Über Mina Bodenheimers Leben ließ sich fast nichts in Erfahrung bringen. Auch sie blieb unverheiratet und lebte deswegen zuhause. Die Lebensumstände waren nach dem frühen Tod des Vaters 1901 nicht komfortabel. Mina arbeitete in einem Warengeschäft, um zum Lebensunterhalt beizutragen. Als die Mutter schwer leidend wurde, musste sie die Stellung aufgeben, um sich ganz deren Pflege zu widmen. Schwester Hedwig musste nun die Mutter und die Schwester finanziell unterstützen. Nachdem auch die Mutter verstorben war, ging Mina zur Schwester Hedwig nach Karlsruhe, wo beide in einem gemeinsamen Haushalt lebten. Ob Mina durch Übernahme von Haushaltsarbeiten die ältere Schwester Hedwig entlastete, kann nur vermutet werden. Für Hedwig waren die 1920er Jahre eine Zeit, in der ihre Gesundheit sehr angeschlagen war. Ihre Dienstzeiten wurden von längeren Krankheitszeiten wegen Herz- und Kreislaufproblemen unterbrochen.

Am 7. April 1933 wurde sie vor dem Hintergrund des „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ „beurlaubt“ und am 11. Mai 1933 bekam sie den Bescheid, dass sie zum 1. September 1933 in den Ruhestand versetzt werde, mit 56 Jahren. Hedwig Bodenheimer bat darum, nicht in den Ruhestand versetzt zu werden, da sie dringend das Geld brauche, denn ihre Schwester sei herzleidend, und sie könne auch Religionsunterricht erteilen. Doch als Jüdin hatte sie keine Chance. Ein männlicher jüdischer Kollege wäre allenfalls als Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs unter die Ausnahmebestimmung des Gesetzes gefallen. Ihre ruhegehaltsfähigen Bezüge betrugen 312 Mark monatlich. Für eine alleinstehende Person sicherlich ausreichend, aber die Schwestern lebten gemeinsam davon.

1935 hat das Stadtschulamt Karlsruhe schon vor dem Erlass zur Rassentrennung diese an den Schulen betrieben, um eine „volkshafte Bildung“ zu garantieren. Auch der Oberrat der Israeliten Badens setzte sich für die Einrichtung jüdischer Volksschulen ein, um Druck von den jüdischen Kindern zu nehmen. Es wurde dann aber doch erst 1936 eine „jüdische Schulabteilung“ eingerichtet, die zwangsweise alle jüdischen Jungen und Mädchen der Volksschulen besuchen mussten. Die Jüdische Schule befand sich in den Räumen der Lidellschule, besucht von zunächst 207 jüdischen Schulkindern. Nach der Vorstellung des Oberrats der Israeliten in Baden sollten vier Lehrkräfte, die 1933 entlassen worden waren, hierfür über das Ministerium des Kultus, des Unterrichts und der Justiz eingestellt werden. Hedwig Bodenheimer wurde neben Flora Hirsch und Cäcilia Schweizer unter der Leitung des früheren Gymnasiallehrers Josef Hausmann als eine der möglichen Kandidatinnen vorgeschlagen. Sie wurde dann aber nicht verpflichtet, da zunächst doch nur drei Lehrkräfte eingesetzt wurden, da das Kultusministerium auf dem Klassenteiler von 70 bestand.

Zu diesem Zeitpunkt wohnten Hedwig und Mina Bodenheimer noch in der Welfenstraße 6, zogen dann aber in die Amalienstraße 67. 1939 ist Hedwig Bodenheimer im Karlsruher Adressbuch noch als „Höhere Lehrerin a.D.“ verzeichnet. Ein Jahr später finden sich die Schwestern in der Moltkestraße 23 wieder. Diesmal separiert unter den jüdischen Einwohnern. Hedwig Bodenheimer wird ohne ihre frühere Berufsbezeichnung vermerkt, immerhin ist nun auch die Schwester Mina extra aufgeführt. Es war ein so genanntes Judenhaus, darin wohnte auch das Ehepaar Hausmann. Josef Hausmann war vor seiner Entlassung Reallehrer am Markgrafen-Gymnasium in Durlach und später Leiter der Jüdischen Schule gewesen.

Bis zum Jahr 1940 gibt es in den Akten keine weiteren Vermerke zu Hedwig Bodenheimer, ebenso nicht zu Mina Bodenheimer. Beide wurden am 22. Oktober 1940 aus Karlsruhe zusammen mit den anderen jüdischen Einwohnern Karlsruhes nach Gurs deportiert. Aufgeführt in der Transportliste unter den Nummern 1312 und 1327. Die beiden inzwischen älteren Frauen überlebten die furchtbaren Bedingungen des Lagers Gurs. Doch nur, um am 14. August 1942 über Drancy im Sammeltransport nach Auschwitz überstellt zu werden.
Keine der Schwestern hat dort überlebt. Mit ziemlicher Sicherheit wurden beide unmittelbar nach der Ankunft durch Gas ermordet.

(Ellen Zapf-Chavez, Juli 2013)