Aus dem Fotoalbum

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Sophie Spiegel (sitzend), Juli 1930 Suderode (Foto: privat)

Personendaten

Sophie Spiegel

Nachname: Spiegel
Vorname: Sophie
Geburtsdatum: 31. Januar 1903
Geburtsort: Sandersleben (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Siegmund und Frieda S.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Max, Netty und David
Adresse: Kriegsstr. 88, August 1940 von Baden-Baden zugezogen
Schule/Ausbildung: Handelsschule in Sandersleben
Beruf: Haushaltsgehilfin
Sekretärin (im Central-Hotel Baden-Baden)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Rivesaltes (Frankreich)
6.11.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Sophie Spiegel

Von Sophie Spiegel war bis zum Frühjahr diesen Jahres außer ihrem Namen und ihrem schrecklichen Schicksal, mit 39 Jahren in das KZ Auschwitz deportiert zu werden, fast nichts bekannt. Erst im August 1940 war sie von Baden-Baden nach Karlsruhe gekommen, nur zwei Monate später wurde sie zusammen mit all den anderen Juden aus Baden, aus der Pfalz und von der Saar in das südfranzösische Internierungslager Gurs verbracht. In dieser Zeit hat sie hier keine Spur hinterlassen. Nicht einmal ein Meldeeintrag, ein Adressbucheintrag ist überliefert. Vermutlich wäre auch niemals mehr etwas zum Leben von Sophie Spiegel in Erfahrung zu bringen gewesen, wenn sich nicht ihre Nichte an die Stadt gewandt hätte, die ihren Namenseintrag im Gedenkbuch für die Karlsruher Juden im Internet gesehen hatte. Ada A. ist 1942 geboren und hat ihre Tante niemals gesehen. Nur wenig ist in der Erinnerung der Familie von ihrem Mitglied erhalten geblieben, dem die Flucht in die Auswanderung nicht mehr gelang. Dieses wenige zeigt eine Frau, die fern der Familie in Baden-Baden ein selbstständiges Leben führte, die Träume hatte und ihr Leben sehr bewusst plante. Die nationalsozialistische Verfolgung machte all dies zunichte.

Ein überliefertes Foto aus dem Sommer 1930 zeigt Sophie Spiegel auf einem Stuhl in einem Garten in Suderode. Dem Anschein nach eine unbeschwerte idyllische Situation, die andere Person ist unbekannt. Sophie Spiegel macht den Eindruck einer selbstbewussten, fröhlichen Frau, der es wohl auch Freude bereitete, sich unaufdringlich modisch, in dezenter Form zu kleiden.

Sophie Spiegel ist am 31. Januar 1903 als ältestes von vier Kindern von Siegmund und Frieda Spiegel im anhaltinischen Sandersleben geboren. Im Mittelalter hatte der kleine Ort im Mansfeldischen Bergrevier Stadtrecht erhalten, lange danach gelangte Sandersleben als Handelsmittelpunkt zu erneuter Blüte. Wichtigen Anteil daran hatte die seit Ende des 17. Jahrhunderts wachsende jüdische Gemeinde dort. Vater Siegmund wirkte gleichfalls kaufmännisch. Dabei hatte er sich intensiv dem Thora-Studium gewidmet und wirkte in der kleinen Sanderslebener Gemeinde auch als Religionslehrer. Es war eine fromme jüdische Familie. In den Briefen der Familienmitglieder fällt auch immer wieder das Vertrauen auf Gott auf, in den alltäglichen Situationen, besonders aber auch, als es der Familie während der Verfolgung sehr schlecht erging. Wie es sich für gläubige Juden gehört, schrieben sie den angerufenen „Gott“ nicht aus, da sein Name nicht zu nennen war, sondern stets „G’tt“.

Sophie hatte noch jüngere Geschwister: Netty, Max und David, alle wuchsen im sachsen-anhaltinischen Sandersleben auf. Sophie besuchte nach der Volksschule die Handelsschule am Ort. Doch um 1926 zog die gesamte Familie in die nahe Großstadt Halle. Vater Siegmund versah anfangs die Stelle des Kantors der jüdischen Gemeinde. Im Erwerbsleben wirkte er als Vertreter. Die Familie wohnte anfangs in der Großen Brunnenstraße 54, ab 1930 in der Großen Ulrichstraße 44. Sophie verließ die Stadt der Arbeit wegen. Sie arbeitete im Hotel- und Gastronomie-Gewerbe im nahen Bad Suderode und in Plauen und ebenso in Privathaushalten. Auch in Halle selbst hatte sie zwischendurch Anstellungen. Dort blieb sie bis 1936, bis sie schließlich am 19. Februar 1936 nach Baden-Baden ging, von ihrer ursprünglichen Heimat ziemlich weit entfernt gelegen. Ausschlaggebend dafür war, dass sie ihre vorige Stellung verloren hatte und von der Familie wieder miternährt werden musste. Als Beruf ist in der Anmeldung in Baden-Baden „Küchenaufsicht“ notiert. Sie hatte inzwischen reichlich Erfahrung. Für diese leitende Stellung muss sie auch über gehöriges Selbstbewusstsein verfügt haben. Zwar war es wirtschaftliche Notwendigkeit, die sie so weit von ihrem bisherigen Lebensmittelpunkt sich entfernen ließ, doch zeugt dieser Schritt von persönlichem Mut und Durchsetzungswillen. Ihre neue Arbeitsstelle war im Central-Hotel in der Stephanienstraße 2. Dieses war in jüdischem Besitz. Nach der Familienerinnerung soll sie dort auch als Sekretärin gearbeitet haben. Auch wenn der Frauenverdienst der Zeit gemäß niedriger im Vergleich zum Gehalt eines Mannes in vergleichbarer Stellung gewesen sein dürfte, konnte sich Sophie Spiegel davon selbstständig ernähren. Vermutlich hatte sie es mit ihren Fähigkeiten und langen Erfahrung zu einer Vertrauensstellung gebracht. Das Hotelfach verlangte besondere Kompetenz im Umgang mit den Gästen der Kurstadt, über die sie offensichtlich verfügte.
Sophie Spiegel blieb stets in Kontakt mit der Familie über regelmäßige Briefe und Zusammentreffen, wenn möglich. Doch die Verfolgung der Juden durch die Nationalsozialisten machte die Aufrechterhaltung der Familienbande zum Problem. Max Spiegel war schon im April 1933 nach England emigriert, wo bereits ein Onkel mütterlicherseits lebte. Doch der Anfang war sehr schwer für ihn. Schwester Netty konnte 1938 folgen. Bruder David, ebenfalls ledig, gelang es nur ganz knapp, die allerletzte Fluchtmöglichkeit nach Shanghai in China zu nutzen. Dieses wurde während der japanischen Besetzung aber gleichfalls jüdisches Ghetto. Er überlebte jedoch und gelangte nach dem Krieg nach England, ging dann aber schon bald in die USA nach Cleveland, Ohio, heiratete und hatte eine Familie. Max hatte in England bereits nach kurzer Zeit eine Frau kennen gelernt, die er später auch heiratete. Aus einem Brief von Mutter Frieda Spiegel an ihren Sohn spricht ihre ganze mütterliche Sorge: „Mit der Photographie von Fräulein Mabel haben wir uns sehr gefreut“, schreibt sie darin, „sie macht einen sehr netten und gutmütigen Eindruck. In welcher Beziehung stehst Du eigentlich mit ihr, daß sie uns die Photographie schickte, hat sie Messumen [jiddisch: Geld] oder ist es blos Freundschaft? Dort wissen die Mädels keine Chachmes [jiddisch: unaufrichtige Komplimente], wenn du dort einem Mädel dein Wort gibst musst es halten, sonst kannst du dir dort die größten Unannehmlichkeiten zuziehen und kriegst einen schlechten Ruf.“ Wie weit dieser mütterliche Rat aus der Ferne ernst gemeint oder eher unfreiwillig komisch war, mag offen bleiben. Weiter jedenfalls berichtet sie Max im gleichen Brief über die ernste Lage der Familie in Deutschland: „Nach hier brauchst du keine Sehnsucht zu haben… Wie bin ich froh, daß du fort bist, denn wir haben selber nicht zu essen. Es ist wirklich niemals keine Aussicht was zu verdienen und die teuere Miete. Sophie ist noch in Plauen und wird wahrscheinlich zum 15.ten nach Hause kommen. Nun ist Sophie auch ohne Stelle…Man legt sich schlafen mit Sorgen und Moire [jiddisch: Angst, Furcht], und man erwacht mit Sorgen.“ Insbesondere beschrieb sie auch die erfolglose Suche nach einer billigeren Wohnung, was so schwierig war, weil offensichtlich niemand Juden wollte.


Ein kurzer handschriftlicher Brief Sophies an ihre Geschwister Netty und Max auf einem Briefbogen des Hotels vom 2. Januar 1939 - sie hatte jedoch mit dem klassischen Fehler zum Beginn eines Jahres irrtümlich mit „1938“ datiert – gibt nur wenige, aber äußerst wichtige Details ihrer neuerlichen Lebensumstände und -planung wieder. Offensichtlich hatte sie längere Zeit von ihren Geschwistern nichts mehr gehört. Nun, da sie deren Adresse erfahren hatte, habe sie diese an den „Betreffenden weiter gesandt“. Bei dem „Betreffenden“ handelte es sich um Egon Borower, am 19. Juli 1897 im niederschlesischen Bunzlau (heute Boleslawiec in Polen) geboren, mit dem Sophie Spiegel in Verbindung stand. Borower galt durchaus als vermögend, es existiert noch ein Foto, das ihn mit eigenem Auto zeigt. Sophie plante, zusammen mit ihm ebenfalls nach England zu emigrieren. Die Einreisebestimmungen dort waren sehr eng und auch Juden konnten nur in äußerst beschränkter Zahl in wenigen Mangelberufen, wie Haushalts- und Hotelhilfen einreisen. Es liegt die Vermutung nahe, dass Sophie Spiegel es auf diese Weise versuchte. Sie plante wohl eine Heirat mit Egon Borower. Dass es sich zunächst einmal um eine Zweckbeziehung handelte, wie in dieser Zeit einige Ehen vor allem unter der Hinsicht der Auswanderung für beide Partner geschlossen wurden, ließen sich in Sophie Spiegels Zeilen an die Geschwister hineinlesen: „Es handelt sich [bei dem „Betreffenden“] um einen sehr, sehr anständigen, bekannten Menschen. Er hat bis vor einigen Monaten ein Kaufhaus in Bunzlau besessen, welches er im Begriff ist zu verkaufen. Also, es ist schliesslich alles in Bestimmung und werden wir uns erst mal persönlich kennen lernen, ob wir zueinander passen, oder nicht.“ Noch viel eher wahrscheinlich scheint aber eine traditionelle Eheanbahnung über Heiratsvermittlung zu sein. Jedenfalls schienen sie nach ihrem Zusammentreffen „zueinander zu passen“ und es gab eine inoffizielle Verlobung. Ja, in der Familie wurde auch von der „großen Liebe“ der Beiden gesprochen. Borowers Kaufhaus war inzwischen „arisiert“ worden, er besuchte im Frühjahr 1939 einen Kurs in der „Privat-Dienerschule“ von Karl Herforth in Breslau, um das Bedienen und Kellnern zu erlernen und damit vielleicht die Auswanderungschancen zu verbessern. Womöglich auf Anraten Sophies? Doch zur Auswanderung kam es nicht mehr.

In ihrem erwähnten Brief hatte sie den Verwandten nichts von den schrecklichen Erlebnissen während der „Reichskristallnacht“ erzählt. In Baden-Baden war am 9./10. November 1938 dasselbe organisierte Pogrom geschehen wie überall in Deutschland. Das Hotel Central als jüdisch geführtes Hotel nahm dabei eine besondere Stellung ein. Nachdem in der Nacht zuvor die Synagoge geschändet und später niedergebrannt, Geschäfte und Wohnungen erbrochen worden waren, wurden am frühen Nachmittag des 10. November jüdische Männer von Gestapo- und SS-Leuten in das unweit der Synagoge gelegene Hotel getrieben. Ein SS-Führer aus Karlsruhe schmähte die Männer und soll einen von ihnen gezwungen haben, mit einem Stuhl eine Glasvitrine zu zertrümmern. Am Abend wurden 52 von ihnen als „Schutzhafthäftlinge“ per Zug in das KZ Dachau verbracht.

Mit der Zwangsarisierung verlor Sophie Spiegel ihre Stellung und Einkommen, sie blieb aber zunächst weiter in Baden-Baden. Im August 1940 verzog sie dann nach Karlsruhe, in die Kriegsstraße 88, das ehemalige jüdische Hotel Nassauer Hof. Inzwischen war dies ein so genanntes Judenhaus.
Nur zwei Monate später, am 22. Oktober 1940 kam es zur Deportation fast aller Juden nach Gurs. Darunter befand sich auch Sophie Spiegel. Im folgenden Jahr wurde sie in das Lager Rivesaltes verlegt. Vom 22. August 1942 ist noch ein kurzer Brief von ihr aus Gurs an „meine geliebten Eltern, Ihr lieben alle“ gerichtet. Trotz allem, was sie bisher erlebt hatte, Deportation, Not und Elend im Lager, die Trennung von Egon Borower (sie scheibt im Brief „vom G’ttseeligen Egon“, was auf seinen Tod hinweist, der sich aber in keiner Aufstellung über den Holocaust erschließt, vielleicht also ein „gewöhnlicher“ Sterbefall war?), behält sie zumindest nach außen ihren Optimismus. „Nun meine Lieben wollte ich Euch nochmals bitten, sollte ich jemals längere Zeit von mir nichts hören lassen, so bitte ich Euch meine Lieben in keiner Weise beunruhigt zu sein; denn wie ich Euch in meinen letzten Briefen geschrieben hatte, bin ich von unbegrenztem G’ttvertrauen… Vor allem bleibt gesund und verliert nicht den Mut, denn es lohnt sich. Es dauert nicht mehr lange und der schönste Tag meines Lebens wird dann sein, Euch alle in meine Arme schliessen zu können. Dies für heute in Eile küsst Euch herzlichst Eure Sophie“. Dieser Optimismus war unbegründet, war doch spätestens Ende 1941 jede Möglichkeit zur Ausreise nahezu aussichtslos.
Aus dem Brief geht auch hervor, wie sie zukünftig hoffte, den Briefkontakt mit ihren Eltern und Netty und mit Max in England aufrecht zu erhalten – über die Schweiz. Dazu gab sie die Adresse einer in Luzern wohnenden Tante von Egon Borower an, wo sie hoffte, die Familie „künftig brieflich zu treffen“. Die Liaison mit Egon Borower scheint sich demnach aus den komplizierten Anfängen zu einer festen Verbindung entwickelt zu haben. Eine Chance zum Zusammenleben, das sich Sophie Spiegel wohl sehr gewünscht hatte, gab es nicht.

Am 6. November 1942 wurde Sophie Spiegel zusammen mit 1.000 anderen Juden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert. Dort verliert sich die Spur dieser stets selbstständig handelnden Frau. Bei der Ankunft im KZ waren 92 Frauen zur Zwangsarbeit selektiert worden. Befand sich Sophie Spiegel darunter? Wir wissen es nicht. Keine einzige dieser Frauen lebte noch am Ende des Krieges.

Diese kurze Darstellung beruht auf Berichten der Nichte von Sophie Spiegel, Ada A. in England, und von ihr in Kopie übergebenen hinterlassen Briefe der Familie. Sie sah den Eintrag zu Sophie Spiegel im Gedenkbuch via Internet. Ohne ihre Kontaktaufnahme mit dem Institut für Stadtgeschichte Karlsruhe hätte zu Sophie Spiegel vermutlich keine Kurzbiographie zum Gedenken recherchiert werden können.

(Jürgen Schuhladen-Krämer, Juli 2007)