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Porträt der Tochter Erika, Kolossalgemälde in Öl vom Maler Wilhelm Hempfing als Anerkennung für die Familie Simon

Personendaten

Paula Simon

Nachname: Simon
geborene: Haas
Vorname: Paula
Geburtsdatum: 7. Juli 1884
Geburtsort: Kandel (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Nathan S.;

Mutter von Erich und Erika (1911-1991)
Adresse: bis 1937: Kaiserstr. 201
1937-1940: Klosestr. 6
Beruf: Kauffrau (Inhaberin eines Schuhgeschäfts, Kaiserstr. 201)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Nathan und Paula Simon

Wir, eine Gruppe von fünf Schülern am Heisenberg-Gymnasium, beschäftigten uns mit dem Schicksal von Paula und Nathan Simon, nur zwei von fast 1000 jüdischen Karlsruher Bürgern, die in der Zeit des Nationalsozialismus auf Grund ihrer jüdischen Religion in den Vernichtungslagern ermordet wurden, weil wir durch die Biographien von Paula und Nathan Simon deutlich machen wollen, dass es den Nationalsozialisten nicht gelungen ist, jegliche Erinnerung an jüdische Spuren in der Stadt auszulöschen. Die Erinnerung an die Familie Simon soll damit gewahrt bleiben.

Nathan Simon wurde am 11. Oktober 1872 in Pohl-Göns, Kreis Friedberg in Hessen geboren. Er hatte die Realschule in Butzbach besucht und anschließend Kaufmann gelernt. Der Weg von Hessen nach Karlsruhe, wo er seit 1911 nachweisbar ist, ist nicht mehr nachvollziehbar. Paula Simon, Mädchenname Haas, wurde am 7. Juli 1884 in Kandel geboren. Um ihre kranke Schwester zum Arzt zu begleiten, fuhr sie oft nach Karlsruhe.
1910 heirateten Paula und Nathan. Ein Jahr nach ihrer Heirat wurde 1911 ihre Tochter Erika geboren. Es scheint, dass die Simons beschlossen ihr Glück mit einem Geschäft in der Großstadt zu versuchen – in Karlsruhe. Gemeinsam gründeten sie 1912 das „Schuhhaus Simon“, Nathan war offiziell Prokurist. Im selben Jahr, am 24. Dezember 1912 brachte Paula den Sohn Erich zur Welt.
Aus dem Ersten Weltkrieg, in dem er zwischen 1916 und 1918 beim Landsturm dienen musste, kehrte Nathan unverletzt und undekoriert zurück. Paula war in dieser schweren Zeit ganz auf sich gestellt, hatte das Geschäft alleine zu führen und die beiden kleinen Kinder zu versorgen. Nach dem Krieg setzte die Familie alles daran, das Schuhgeschäft erfolgreich auszubauen, was ihnen auch trotz der wirtschaftlich schweren Jahre zu Beginn und Ende der Weimarer Republik gelang. Elegantes Schuhwerk, importiert aus Frankreich und was sonst als chique galt, wurde zeitweise von bis zu acht Angestellten an die Kundschaft gebracht. Das Geschäft in der Kaiserstraße 201, einem der repräsentativsten Jugendstilhäuser der Stadt (es steht heute noch), gehörte zu den ersten Adressen in Karlsruhe, in dem vornehme Bürger aus dem Karlsruher Westend ebenso einkauften wie Künstler aus Theater und Akademien. Da letztere bisweilen in Zahlungsverzug gerieten, verrechneten sie gelieferte Schuhe manchmal mit Kunstgegenständen. Davon sammelten sich mehrere in der über dem Geschäft liegenden großzügigen Siebenzimmerwohnung der Familie an. Darunter befand sich auch das Kolossalgemälde des Malers Wilhelm Hempfing, der darin die Tochter des Hauses, Erika, porträtierte; auch vom Sohn Erich wurde ein Porträt angefertigt. Erika heiratete später, 1932 in München und wohnte dann in Berlin; sie überlebte Krieg und Verfolgung. Es waren aber nicht nur rein geschäftliche Beziehungen, die die Simons mit den Künstlern unterhielten. Sohn Erich berichtet auch von geselligen Besuchen von Künstlern bei Tee und Kaffee in der elterlichen Wohnung, von deren Rundbogenfenster man einen so prächtigen Blick auf die Kaiserstraße hatte. Überhaupt wurde in der Familie Kunst und Kultur hoch geschätzt, musikalische Ausbildung der Kinder und Theaterbesuche waren obligatorisch. Trotzdem scheint Nathan Simon vollständig in seiner Arbeit aufgegangen zu sein und spannte auch seine Kinder ständig im Geschäft ein, selbst wenn dies mit den Anforderungen aus deren Besuch der Höheren Schule in Konflikt geriet. Er nahm auch die Funktion des Schriftführers des badischen Schuhhändlerverbandes ein, nicht nur wegen seiner schönen Handschrift, sondern auch wegen der Bedeutung seines Geschäfts innerhalb der Branche.
In der Familie nahm die religiöse Tradition keine herausragende Stelle ein. Sohn Erich trat, sobald dies möglich war, mit 16 Jahren aus dem jüdischen Religionsunterricht aus. Auch wenn dies nicht im Sinne der Eltern war, stimmte Nathan letztlich doch zu.
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten gingen die Geschäftsumsätze stark zurück. Einige langjährige Kunden, die nicht gesehen werden wollten, wie sie „bei Juden“ einkauften, kamen nun über den Hintereingang Waldstraße in das Geschäft.
1937 wurden das Ladengeschäft und die dazugehörige Wohnung in der Kaiserstraße vom Hausbesitzer, der Badischen Beamtenbank, gekündigt, da dort der „arische“ Uhrmacher Kamphus einziehen wollte.
Obwohl die Zeichen sichtbar ungünstig standen, eröffneten Simons erneut ein Schuhgeschäft, nicht mehr in der ersten Adresse Kaiserstraße, sondern in der Herrenstraße, die damals für ein Modewarengeschäft eher peripher gelegen war, und nur noch auf einem Viertel der früheren Fläche. In der so genannten „Reichskristallnacht“ wurde auch dieses Geschäft zerstört und die auf die Straße geworfenen Schuhe geplündert. Das Geschäft wurde durch einen eingesetzten Treuhänder liquidiert, aus dem Geschäftsvermögen musste die Familie die so genannte Sühneabgabe („Judensteuer“) zahlen.
Am Tag nach dem 9. November 1938 verhaftete man Nathan und Erich und brachte sie vorerst ins Polizeipräsidium am Marktplatz. Während Erich in das KZ Dachau verschleppt wurde, kam Nathan vermutlich seines Alters wegen noch am selben Tag frei. Nach seiner Entlassung aus Dachau bemühte sich Erich intensiv um die Auswanderung. Es gelang ihm in fast „letzter Minute“ 1939 die Ausreise über Genua nach Bolivien. Am 13. Oktober war er mit dem Zug von Karlsruhe nach Genua losgefahren. Paula und Nathan hatten ihn zum Bahnhof begleitet und beim Abschied zugewinkt. Beide hätten später nachfolgen sollen, was sich jedoch als unmöglich erwies. Erich hatte versucht, Wertgegenstände im Gepäck aus Deutschland zu schmuggeln. Die gingen jedoch verloren und damit auch die Chance auf eine Ausreise. Die benötigten 2000 US-Dollar für Einreiseerlaubnis und Gefälligkeit für die bolivianischen Beamten hatte er nicht aufbringen können.
Am 22. Oktober 1940 wurden Nathan und Paula nach Frankreich in das Internierungslager Gurs deportiert. Von dort schrieben sie einige Briefe an ihre Kinder, die letzten Nachrichten.
Am 12. August 1942 deportierte man sie nach Auschwitz, wo sie schließlich durch Gas getötet wurden.

Im Geschichtsunterricht beschäftigte sich die Klasse 10a des Heisenberg-Gymnasiums in einem längerfristigen Projekt mit dem Schicksal der Juden, insbesondere der Karlsruher Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sind. Dabei ging es uns darum, mit der Rekonstruktion der Lebensläufe ein Stück weit die jüdische Kultur und die jüdischen Traditionen kennen zu lernen. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts hatten wir einen Holocaustüberlebenden als Zeitzeugen zu Gast, nahmen wir an einem Stadtrundgang auf jüdischen Spuren in Karlsruhe teil, studierten Akten der Opfer im Stadtarchiv Karlsruhe, recherchierten im Generallandesarchiv Karlsruhe und besuchten während unserer Schullandheimfahrt das Kleine Lager und das Ghetto in Theresienstadt, was uns sehr beeindruckte und bewegte.

(Sylvia Nyilas, Amrei Temming, Levi Dörflinger, Philipp Frommater, Maximilian Rückert Salas, - Schülerinnen und Schüler der Klasse 10a des Heisenberg-Gymnasiums, Schuljahr 2001/2002)