Personendaten

Julius Simon

Nachname: Simon
Vorname: Julius
Geburtsdatum: 22. Januar 1883
Geburtsort: Frankfurt a.M. (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Josef und Sara, geb. Oster, S.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwer von Katharina S.;

Vater von Julius jun., Rudolf und Walter
Adresse: Degenfeldstr. 15
Wilhelmstr. 36
Nelkenstr. 55
Kronenstr. 62
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Kaufmännischer Angestellter (Abteilungsleiter beim Kaufhaus Tietz)
Handelsreisender (Hausierer)
Deportation: 10.1.1944 nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
28.10.1944 nach Auschwitz (Polen)
Sterbedatum: 15. November 1944
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Julius Simon

Julius Simon kam am 22. Januar 1883 als Sohn von Josef und Sara Simon, geborene Oster, in Frankfurt am Main auf die Welt. Über seine elterliche Familie und seine Kindheit ist uns nichts weiter bekannt geworden, außer dass sie in Frankfurt ihren Lebensmittelpunkt behielt; Julius hatte mehrere Schwestern.
Er besuchte die Volksschule und absolvierte unmittelbar im Anschluss daran wie seinerzeit allgemein üblich im Alter von gerade einmal 14 Jahren, von 1897 bis 1900, eine Ausbildung. Er entschied sich für eine kaufmännische Ausbildung zum Handelsgehilfen. Dies war in jüdischen Familien häufig so, da die Kinder mit einer solchen Ausbildung sehr oft das elterliche oder ein verwandtschaftliches Geschäft übernahmen oder in der so genannten Gründerzeit und sich entwickelnden Industriegesellschaft selbst aufbauten. So wurde die Ausbildung auch oft in einem Geschäft eines Verwandten absolviert. Doch Julius Simon machte seine Ausbildung in einer der gerade entstandenen Neuerungen in Deutschland, in einem Kaufhaus, bei Hermann Tietz in Frankfurt am Main. Die Gebrüder Hermann (1837-1904), Leonhard (1849-1914) und Oskar Tietz (1858-1932) gelten als die Initiatoren, die Warenhäuser nach dem Muster der Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris und New York entstehenden Kaufhäuser anstelle von Einzelgeschäften in Deutschland verbreiteten. Jeder von ihnen zog seine eigene Filialkette auf.
Julius Simon galt wohl als tüchtig und so übernahm er 1910 beim Kaufhaus Leonhard Tietz in Mainz die verantwortliche Abteilungsleitung für Galanterie- und Spielwaren. Dabei hat er die von seinen Vorgesetzten in ihn gesetzten Erwartungen stets erfüllt. „Er hat sich durch steten Fleiß, Umsicht und Geschäftsinteresse unsere volle Zufriedenheit erworben“, hieß es dann auch im Zeugnis von 1912 dazu und weiter: „Seinen Untergebenen war er ein energischer gerechter Vorgesetzter, sodaß wir ihn bei seinem freiwilligen Austritt bestens empfehlen können.“
Er wollte also noch weiter kommen und so trat er am 1. Mai 1912 eine neue Stelle an, diesmal beim Kaufhaus von Hermann Tietz in Koblenz als Einkäufer und Abteilungsleiter.
An seinem neuen Wirkungsort Koblenz lernte Julius Simon die sechs Jahre jüngere Katharina Ida Franziska Klein kennen. Ihr Vater war Schneider gewesen. Beide heirateten standesamtlich in Koblenz am 21. August 1915. Seine Ehefrau war nicht jüdischer, sondern römisch-katholischer Konfession. Christlich-jüdische Ehen, so genannte Mischehen, waren zwar zu diesem Zeitpunkt nicht mehr außergewöhnlich, doch machten sie insgesamt nur einen verschwindenden Teil aus. Trotz der Assimilierungsbestrebungen um die Jahrhundertwende war für viele damit ein innerer Konflikt verbunden. Doch auch die Amtskirche machte es dem Paar schwer und verweigerte zunächst die kirchliche Trauung. Die Kinder der Eheleute wurden allesamt katholisch getauft und erzogen. In Koblenz kamen am 19. März 1918 die Söhne Rudolf Wilhelm Simon und Julius Josef Simon zur Welt, ein Zwillingspaar. Eine zuvor geborene Tochter, das erste Kind der Familie, war gleich bei der Geburt verstorben.
Bereits unmittelbar nach der Hochzeit 1915 musste Julius Simon als Soldat einrücken und blieb es bis 1918. Sein militärischer Werdegang konnte nicht festgestellt werden.
Der dritte Sohn, Walter Simon, wurde schon in Karlsruhe geboren, am 2. November 1923. 1919 war die Familie bereits nach Karlsruhe gezogen, wo Julius Simon neue Aufgaben im größten Kaufhaus der Stadt, der Hermann Tietz AG, übernahm.
19 Jahre nach der standesamtlichen Heirat durfte das Ehepaar am 24. Januar 1934 in Koblenz die Heirat auch nach kirchlich-katholischem Ritus nachvollziehen. Dies verdankten sie dem geistlichen Rat Dr. Albert Kieser in Karlsruhe, der sich für die Genehmigung der kirchlichen Trauung eingesetzt hatte.
Die äußeren Umstände hatten sich seit 1933 gänzlich verändert. Julius Simon musste dies als Angestellter der Tietz AG unmittelbar erleben. In den vergangenen Jahren war er in leitenden Positionen als Einkäufer und Abteilungsleiter bei Spiel- und Korbwaren, Musikinstrumenten, Fahrrad- und Sportartikeln tätig gewesen. Ende des Jahres 1934 nun wurde er aufgrund der Arisierung des vormals jüdischen Kaufhauskonzerns Hermann Tietz AG entlassen. 1933 hatte der Hauptkapitaleigner die Dresdner Bank eine neue Führung installiert, die den nationalsozialistischen Arisierungsbestrebungen Vorschub leistete. Der eingeführte Name Tietz wurde in „Union, Vereinigte Kaufstätten GmbH“, kurz Kaufhaus Union, umgewandelt. In seinem ausgestellten Zeugnis wurde Simon Julius noch attestiert: „Herr Simon, den wir als einen äusserst ehrlichen, fleissigen und interessierten Menschen kennengelernt haben, war uns stets ein angenehmer Mitarbeiter. Der Austritt des Herrn Simon erfolgt auf Grund der Forderungen der nationalsozialistischen Organisationen, nachdem unsere entgegen gerichteten Bemühungen zur Vermeidung der Entlassung zu keinem Ergebnis geführt haben. Wie wünschen Herrn Simon für seine Zukunft das Allerbeste.“
Dies blieb ein frommer Wunsch. Julius Simon hatte nur eine kleine Abfindung erhalten und musste nun zusehen, wie er den Lebensunterhalt verdienen konnte. Von dem erhaltenen Geld kaufte er eine Menge Krawatten auf, die er gewinnbringend weiterzuverkaufen suchte, weil er offensichtlich nichts anderes mehr finden konnte und die Verantwortung für die Familie ihn dazu zwang.
Doch auch innerhalb der Familie zogen dunkle Wolken auf. Ehefrau Katharina erkrankte 1934 schwer und starb am 31. August des darauf folgenden Jahres. Julius Simon und die noch minderjährigen Söhne mussten nun ohne Ehefrau und Mutter zurecht kommen.
Der auf sich gestellten Familie wurde überdies die Wohnung gekündigt, da der Vermieter keinen Juden im Haus haben wollte.
Die Zwillinge Rudolf und Julius junior hatten die Kant-Oberrealschule (heute Kant-Gymnasium) besucht, ohne dabei die Mittlere Reife zu erwerben. Rudolf machte im Anschluss daran beim Kaufhaus Tietz, in dem sein Vater Einkäufer der Spielwarenabteilung war, eine Lehre zum Verkäufer. Wie sein Vater jedoch wurde er entlassen, blieb arbeitslos und konnte ab 1935 nur hin und wieder Hilfstätigkeiten ausführen, die nur wenig Geld für den Lebensunterhalt einbrachten. Der jüngste Sohn Walter konnte nach Beendigung der Volkschule 1938 keine Lehrstelle in Karlsruhe finden, das Arbeitsamt sei ihm „dazwischen getreten“, wie er 1946 in einer eidesstattlichen Erklärung sagte. Über Verwandte in Frankfurt a.M. konnte er glücklich dort eine Ausbildung zum Blechner und Installateur machen. Auch Julius junior wählte diesen Ausbildungsberuf.
Damit war der Familienzusammenhang auseinander gerissen. 1939 war Julius Simon gezwungen, da ihm als Jude Fürsorgeleistungen streitig gemacht wurden, er praktisch nur noch etwas Geld durch Verkauf seines einst schönen Mobiliars sowie seiner Büchersammlung einnahm, beim städtischen Tiefbauamt Hilfsarbeiten zu verrichten. Dazu waren eigene „Judenkolonnen“ gebildet worden, denn auch bei den Wohlfahrtsarbeiten wurde zwischen „arischen“ und jüdischen Fürsorgeleistungsempfängern unterschieden. Für eine niedrige Vergütung mussten die Männer jeden Alters, Julius Simon war inzwischen 56 Jahre alt, schwere Bodenverbesserungs- und Hochwasserschutzarbeiten ausführen.
Julius Simon hatte nach der letzten Wohnungskündigung der 5-Zimmer-Wohnung in der Degenfeldstraße längst eine kleinere 3-Zimmerwohnung in der Nelkenstraße bezogen. 1941 war ihm das Wohnen aber auch hier nicht mehr erlaubt, so dass er ein Zimmer im jüdischen Altenheim in der Kronenstraße 62 beziehen musste, seine letzten ihm noch verbliebenen Möbel konnte er nicht mitnehmen, musste sie verschleudern oder verloren geben. Seit Oktober 1940 waren fast alle Juden aus Karlsruhe nach Gurs deportiert worden. Allein die in „privilegierter Ehe“ lebenden, d.h. mit einem christlichen Ehepartner lebenden waren davon ausgenommen. Da Julius Simons katholische Ehefrau aber verstorben war, war der Grund seiner Nichtdeportation an jenem 22. Oktober 1940 der noch minderjährige Sohn Walter.
1942 musste Julius Simon vor der Gestapo erscheinen, die ständig Deportationsmöglichkeiten überprüfte. Wegen der Minderjährigkeit Walters und da er angeben konnte, seine beiden älteren Söhne ständen als Soldaten an der Front, blieb er nochmals verschont. In jenem Jahr 1942 aber wurden Julius junior und Rudolf als „Halbjuden“ als wehrunwürdig aus der Wehrmacht entlassen. Rudolf übte Hilfsarbeiten aus und wohnte dabei im Zimmer seines Vaters im Altenheim.
Die Gestapo sah mit dem Heranrücken der Volljährigkeit mit 21 Jahren Walter Simons kein „Deportationshindernis“ mehr. Am 10. Januar 1944 wurde Julius Simon am frühen Morgen von drei Gestapobeamten aus dem Bett geholt und nach dem KZ Theresienstadt im Protektorat Böhmen-Mähren deportiert. Sein Sohn Julius Simon jun. wurde von der Verhaftung seines Vaters unterrichtet, kam aber zwei Stunden zu spät in Karlsruhe an und konnte so nur noch den Abtransport seines Vaters nach Theresienstadt miterleben. Ein Mithäftling im KZ, der mit ihm die gleiche Bettstelle teilte, der überlebende Julius Meier, erinnerte sich an ihn, beschreibt Julius Simon als fleißigen und jedem gegenüber hilfsbereiten Mann. Laut den Aussagen von Julius Meier wurde Herr Simon im Sommer des Jahres 1944 schwer krank und „lag 2 Monate nieder".
Er erholte sich zwar nochmals, wurde aber nie wieder richtig gesund. Im Oktober 1944 kam er mit dem letzten Transport aus Theresienstadt nach Auschwitz, wo er ermordet wurde.

Die drei Söhne lebten als „Halbjuden“ in ständiger Furcht vor Verfolgung und Abtransport. Rudolf Simon, der in Frankfurt a.M. weilte, sollte 1944 als Zwangsarbeiter zur Organisation Todt gehen, entzog sich aber durch Flucht. Er ging nach Karlsruhe zurück und konnte versteckt im katholischen St. Angela-Haus in der Waldhornstraße 55, einem seit 1928 in der Karlsruher Altstadt errichteten Sozialwerk mit Kindergarten und auch betreutem Wohnen für alte Menschen und Zimmervermietung (das Haus steht noch und beherbergt heute eine Kindertagesstätte der Caritas), dort bis zur Befreiung mit dem Einmarsch französischer Truppen am 3. April 1945 überleben. 1946 schrieb er rückblickend über die Befreiung: „Mir selbst ist es nun erst möglich wieder frei aufzuatmen und die Zukunft nach meinem Willen zu gestalten.“ Auch Walter Simon sollte in Frankfurt noch mit dem letzten Transport nach Theresienstadt im März 1945 deportiert werden. Auch er konnte sich durch Flucht nach Karlsruhe und Verstecken retten. Wie Julius junior das Kriegsende erlebte, ist nach den bisher zugänglichen Informationen nicht überliefert.
Walter Simon heiratete 1947 und lebte noch viele Jahre als Blechnermeister in Karlsruhe. Die Zwillinge Julius junior und Rudolf hatten weiterhin Gemeinsamkeiten, beide heirateten im selben Jahr 1946, blieben in Karlsruhe leben, Julius Simon junior als Blechnermeister, Rudolf Simon zuletzt als Justizangestellter. Beide verstarben auch im gleichen Jahr in Karlsruhe, Julius junior am 10. Februar 2001, Rudolf am 7. Juni 2001.

(Lucia Schmitz, Gabriel Klebowski, Lena Mayer, Elena Sophie Klafsky, Anke Meißner, Fichte-Gymnasium 10. Klasse, Juli 2007)