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Werner Seeligmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Werner Friedrich Seeligmann

Nachname: Seeligmann
Vorname: Werner Friedrich
Geburtsdatum: 15. Februar 1916
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Oskar und Therese S.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Sophie Luise, Herbert, Heinz Alfred und Ernst August
Adresse: Reinhold-Frank-Str. (Westendstr.) 64, nach 1938/39 Berlin-Weißensee, jüdsiches Pflegeheim in der Wörtstr. 20
unbekannt
Schule/Ausbildung:
Deportation: 13.6.1942 von Berlin nach Sobibor (Polen)
Sterbeort: Sobibor (Polen)

Biographie

Oskar, Werner und Herbert Seeligmann

Frühzeit und Gründerjahre
Als die jüdische Bevölkerung in Baden Anfang des 19. Jahrhunderts unter französischem Einfluss erste formelle Gleichberechtigung erhielt, wurden feste Nachnamen eingeführt. Ein Seligmann Aisik kam der Familienüberlieferung nach im frühen 18. Jahrhundert aus dem Kraichgau-Städtchen Eppingen nach Karlsruhe;1 sein Rufname wurde offenbar zum Familiennamen, dessen ältester belegbarer Träger der Karlsruher Bürger, Kaufmann und Synagogenrat A(a)ron Se(e)ligmann war. Geboren 1793 in Karlsruhe2, heiratete er Lea Worms aus Landau3. Ihr 1815 in Karlsruhe geborener Sohn Julius wiederum ging die Ehe ein mit der 1823 geborenen Karlsruherin Rosalie Haas.4
Das Ehepaar hatte sechs Kinder, der Erstgeborene war Alfred Seeligmann5, geboren am 12. August 1846 in Karlsruhe. Er besuchte das Lyceum; über seine Berufsausbildung ist nichts bekannt. 1875 heiratete er seine Cousine Sophie aus Mannheim,6 Tochter von Henriette geborene Haas und Moritz Fraenckel, einem Bankier.
1870, in der Gründerzeit, hatte Rosalies und Henriettes Bruder Albert Haas (zeitweiliger Synagogenratsvorsitzender und „Königlich Bayerischer Konsul“)7 mit anderen am Karlsruher Friedrichsplatz ein Geschäftshaus errichten lassen, worin er ein Bankgeschäft betrieb8. Er war mit Antonie („Toni“) geborene Gutmann verheiratet9. Ihre einzige Tochter Amalie Haas (geboren 1846), Alfred Seeligmanns gleichaltrige Cousine, heiratete Dr. Lion Seeligmann, der dort auch eine Arztpraxis führte10.
So war die Familie Haas mit den Seeligmanns eng verflochten.
Als kaum 30-jähriger übernahm nun Alfred Seeligmann 1877 die Bank,11 die fortan als „Bankgeschäft Alfred Seeligmann & Cie“ firmierte. Das Gebäude gehörte inzwischen der 1870 gegründeten Badischen Bank in Mannheim.12
Die Seeligmanns wohnten in der Langen Straße (der späteren Kaiserstraße) 156. Am 2. Juni 1876 kam Oskar, am 25. Februar 1878 Amalie zur Welt.
Wohl im Herbst 1880 wurden Wohnung und Bank in das eigene Haus Kaiserstraße 96 verlegt. Dies war ein dreigeschossiger Bau des frühen 19. Jahrhunderts nahe der Kreuzung Herrenstraße. Im Haus lebten auch die Schwiegereltern Fraenckel. Um 1890 hatte Familie Seeligmann bereits Telefon, Nr. 186; so etwas gab es erst seit wenigen Jahren in Karlsruhe. 1891 richtete der Landauer Architekt Prof. Ludwig Levy einen neuen Kassenraum ein.13
Alfred Seeligmanns Vater Julius starb 1890 im Alter von 75 Jahren. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte Alfreds Mutter Rosalie im Haus ihres Sohns; sie starb 70-jährig im Jahr 1893.14
Um die Jahrhundertwende eröffnete im Haus Kaiserstraße 96 der Postkartenverlag der Geschwister Moos, bald zugleich eine Kunstgalerie, welche sich die Ladenfront mit der Bank teilte. Die Galerie Moos bot Tradition und Avantgarde und genoss in der Kunstszene einen exzellenten Ruf (siehe dazu im Gedenkbuch den Beitrag zu Friedrich und Klara sowie Edith Moos).

Übergänge
Alfred Seeligmanns Kinder Oskar und Amalie wuchsen in Karlsruhe auf; Oskar besuchte das humanistische Gymnasium in Karlsruhe (Bismarck-Gymnasium) und das Gymnasium im elsässischen Zabern/Saverne, bis zum Abitur; seine Schwester besuchte 1885–1894 die Viktoria-Schule in Karlsruhe. Oskar Seeligmann nahm im Wintersemester 1895/96 an der Technischen Hochschule ein Studium in Mathematik und Naturwissenschaften auf.15 In der Folge lernte er das Bankfach im väterlichen Bankhaus und bei der Deutschen Effecten- und Wechselbank Frankfurt a.M.; um 1902 war er „Bankbeamter“ (d.h. Bankangestellter), zwei Jahre später schon „Bankier“, und zwar als Gesellschafter des Vaters. Ab 1906 firmierte das Geschäft (neben dem üblichen „Alfred Seeligmann & Cie“) explizit als „Alfred & Oskar Seeligmann“.
1896 verstarb die Mutter Sophie mit kaum mehr als 50 Jahren.
Im April 1900 bezog die Familie des Witwers Alfred Seeligmann eine neue Wohnung in der eigenen Villa Moltkestraße 21.16 Als mittelständischer Privatbankier hatte er als wichtiges Standbein offenbar Aufsichtsratsmandate inne. So war er Mitglied in den Aufsichtsräten von Dyckerhoff & Widmann AG Karlsruhe/Biebrich;
den Eisen-Werken Gaggenau;
der Badischen Gesellschaft für Zuckerfabrikation Waghäusel;
der Badischen Baumwollspinnerei und -weberei Neurod;
der Mühlburger Brauerei-Gesellschaft, vormals Seldenecksche Brauerei (im Jahr 1900 mitbegründet);
der Chemischen Fabrik vormals Goldenberg Geromont & Cie, Winkel (Rh.) (Vorsitz ab 1911);
der Spinnerei und Weberei Offenburg (Vorsitz ab 1915);
der Mitteldeutschen Creditbank (Frankfurt a.M.);
der Gewerbe- und Vorschussbank Karlsruhe.17
Die Zuckerfabrik Waghäusel war übrigens Anfang des 19. Jahrhunderts hauptsächlich durch das namhafte Bankhaus Salomon (von) Haber finanziert, in den 1840ern durch beschäftigungspolitische Intervention des badischen Staats gesichert worden und beschäftigte zu Alfred Seeligmanns Zeiten Tausende von Menschen; aus ihr ging die heutige Südzucker AG hervor.
Alfred Seeligmanns Tochter Amalie heiratete 1904 den Augenarzt Dr. Georg Modrze18 (in einer Annonce hieß es: „Sprechstunde in Dr. Ellingers Augenklinik Stefanienstraße 66“) und wurde Hausfrau. Sie wohnten im väterlichen Haus Moltkestraße 21, parterre.
Im Nachbarhaus, der ehemaligen Villa des TH-Professors Marc Rosenberg (einer Kapazität auf dem Gebiet der Goldschmiedekunst), Moltkestraße 23, wohnte Oskars und Amalies Cousin Dr. med. Richard Seeligmann mit Familie.
1907 heirateten Oskar Seeligmann und Therese („Thea“) Dux, geboren am 9. März 1882 in Hildesheim; sie hatten sich in Wiesbaden kennengelernt. Thea Dux hatte in Hildesheim die Höhere Töchterschule besucht; ihre Mutter war eine geborene Herzberg. Ihr Vater August Dux (um 1847-1902) war dort Bankier und von 1883 bis zu seinem Tod Erster Gemeinde-Vorsteher der liberalen Jüdischen Gemeinde.19
Er hatte mehrere Stiftungen ins Leben gerufen, z.B. eine „Stiftung für die Bar-Mizwa-Feier und Konfirmanden/Konfirmandinnen“.20 Meldungen in der C.V.-Zeitung „Im deutschen Reich“, dem Organ des 1893 gegründeten „Centralvereins Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens“ (C.V.) werfen ein wenig Licht auf die gesellschaftliche Rolle der Familie. Zunächst, sehr nobel (H. 10, Oktober 1896, S. 519f.):
„Hildesheim: Dem hochwürdigen Bischof Wilhelm haben zu seinem Doppeljubiläum die Herren Landesrabbiner Dr. Lewinsky, Banquier August Dux und Gustav Sabel die Glückwünsche der hiesigen Synagogen-Gemeinde überbracht. Auf die Ansprache des Landesrabbiners erwiderte der Bischof, daß die Liebe den Grundzug jeder Religion bilde und bleiben müsse und sich auch im Judenthum kundgebe. [...] Mit Freuden gedenke er seiner früheren jüdischen Schüler am Josephineum [...] von denen sich mehrere jetzt in sehr ehrenvollen Stellungen befänden.“21
Dann, aus heutiger Sicht eher skurril (H. 10, Oktober 1898, S. 522f.):
„Hildesheim: Anläßlich seines Geschäftsjubiläums hat der Vorsteher der hiesigen Synagogen-Gemeinde, Bankier August Dux (ein bewährtes Mitglied des Central-Vereins) der hiesigen Synagogen-Gemeinde einen namhaften Betrag zur Errichtung eines ‚Wilhelm Wolf Dux und Henriette Dux-Stiftshauses’ überwiesen. Um das Andenken seiner verstorbenen Eltern auch in weiteren Kreisen zu erhalten, überwies er ferner der Stadt Hildesheim 7000 Mark zur Begründung einer ‚Wilhelm Wolf und Henriette Dux-Stiftung’. Die Zinsen des Stiftungskapitals sollen je zur Hälfte den beiden hiesigen Waisenhäusern in der Weise zu gute kommen, daß an den Geburtstagen des Kaisers und der Kaiserin Prämien, bestehend in vaterländischen Schriften, zur Vertheilung gebracht werden.“22
1901 war das erwähnte Stiftshaus, offenbar ein Altersheim, auf Gelände des alten jüdischen Friedhofs an der Teichstraße fertig gestellt. Im Hinblick auf die talmudische Vorschrift der fortdauernden Totenruhe scheint dies ein sehr ungewöhnlicher Vorgang.23
August Dux spendete in den Jahren 1894 und 1899 dem Roemer-Museum (heutiges Roemer-Pelizaeus-Museum) seiner Heimatstadt auf Vermittlung seines Neffen Wilhelm Spiegelberg (1870-1930) altägyptische Objekte.24 Professor Spiegelberg war Ordinarius für Ägyptologie in Straßburg und München, er erforschte aus Papyrusfunden die demotische Sprache und Schrift, beriet Thomas Mann bei der Vorbereitung seines Joseph-Romans und begleitete ihn auf einer Ägyptenreise.
Zur weiteren Verwandtschaft zählten: Dr. Walter Dux (*1889-?), Chemiker, Direktor der Sichel-Klebstoff-Werke Hannover, Freund und Förderer des Künstlers Kurt Schwitters; Max Meyerhof (1874-1945), der als Augenheilkundler bahnbrechende Fortschritte bei der Heilung von Augenkrankheiten in Ägypten erzielte; Otto Spiegelberg (1830-81), Professor der Gynäkologie; Otto Meyerhof (1884-1951), der als Biochemiker (zusammen mit A.V. Hill) den Nobelpreis für Medizin für Untersuchungen des Stoffwechsels im Muskel erhielt; Agnes Meyerhof (1858-1942 Theresienstadt), Malerin und Bildhauerin in Frankfurt a.M. und Leonie Meyerhof, bekannt unter dem Pseudonym Leo Hildeck (1860-1933), Frauenrechtlerin und populäre Schriftstellerin ihrer Zeit, in Theresienstadt umgekommen.

Zuwächse und Neuorientierungen
Die junge Familie Oskar und Thea Seeligmann wohnte zur Miete in Karlsruhe, Haydnplatz 3, im 1. Obergeschoss, Tel. 1161, an einer malerischen, 1903 angelegten halbkreisförmigen Grünanlage mit Brunnen und Torbögen.
Am 26. September 1910 wurde das erste Kind Ernst August Julius Moritz geboren. Am 16. November 1912 kam der zweite Sohn, Heinz Alfred zur Welt.
Ab 1915 wohnte die Familie im eigenen, dreistöckigen Haus Westendstraße 64, mit 16 Zimmern und Hauspersonal, Telefon: 1764.
In derselben Zeit plante Großvater Alfred Seeligmann für die Bank in der Kaiserstraße 96 einen fünfgeschossigen Neubau (Architekten G. & F. Betzel); am 1. Januar 1916 ging das Bankgeschäft samt Grundstück per Verkauf an die Mitteldeutsche Creditbank über, im April des Jahres wurde der Altbau abgerissen25. Der Aufkauf der Privatbanken durch große Aktienbankkonzerne entsprach einem Trend; so erging es vielen Karlsruher Privatbankiers von 1870 bis in die Weimarer Zeit; daraus ist nicht unbedingt ein geschäftlicher Niedergang abzuleiten. (Auch die Mitteldeutsche Creditbank selbst wurde übrigens 1929 von der Commerzbank übernommen.)
Am 15. Februar 1916 kamen bei den Seeligmanns Zwillinge zur Welt: erst Sophie Luise, als zweiter Werner Friedrich.26 Der Junge war von Geburt behindert.
Am 5. Juni 1917 starb Großvater Alfred Seeligmann und wurde am 8. Juni auf dem städtischen Hauptfriedhof bestattet; ein altkatholischer Geistlicher hielt die Trauerrede. Seinem Enkel Ernst zufolge hatte der Großvater eine indifferente Haltung gegenüber dem Judentum gehabt, ja es als gesellschaftliches Hindernis gesehen.27 So hatte sein Bruder Hermann 1899 für sich den Familiennamen auf „Selden“ ändern lassen.28 In diesem Kontext ist zu bedenken, dass selbst die weitgehend angepassten, nicht mehr religiös lebenden, bildungsbürgerlichen Familien meist unter ihresgleichen blieben.29 Das deutet auf tiefergehende gesellschaftliche Barrieren, die sich später in der Zeit der Verfolgung verheerend auswirkten.
Ende der 1910er Jahre kamen Ernst („Männe“ genannt) und Heinz in die recht exklusive, private Dr. Isenbartsche Grundschule in Karlsruhe; dort besuchten beide den evangelischen Religionsunterricht und machten auch erste Bekanntschaft mit antisemitischen Pöbeleien. Der nächste Schritt war ein Jahr vorbereitende Seminarschule. Wie schon Vater und Großvater, gingen Ernst und Heinz dann aufs Karlsruher Bismarck-Gymnasium, bis zum Abitur 1928 bzw. 1931.
Am 27. Juni 1923 war das fünfte Geschwisterkind da, Herbert. Er war von Geburt durch ein Fußleiden (Klumpfüße) und starke Kurzsichtigkeit beeinträchtigt.
Seit dem Tod des Vaters war Oskar Seeligmann, neben einem Herrn Kolmer, einer von zwei Filialdirektoren der Mitteldeutschen Creditbank (MCB) in Karlsruhe. Er war u.a. Großaktionär der Badischen Spinnerei und Weberei in Offenburg und der Badischen Gesellschaft für Zuckerfabrikation AG in Waghäusel (seit 1926 Süddeutsche Zucker AG, heute Südzucker AG), wo er auch Aufsichtsratsmitglied war, ferner u.a. in der Badischen Treuhand-Gesellschaft Karlsruhe und der Brauereigesellschaft „zum Engel“ Heidelberg.30 Sein Hauptarbeitsgebiet war der Effektenhandel, also z.B. Warentermingeschäfte mit Rohstoffen.
Ende 1924 wurde die Filiale, vielleicht als Folge der Inflation, von der MCB aufgegeben und zur Badischen Landesgewerbebank, die Oskar Seeligmann bis etwa 1929 ebenfalls leitete. Dann geriet diese durch die Weltwirtschaftskrise „in Vergleich“. Für den Mehrheitsaktionär, der auch im Aufsichtsrat gesessen hatte, war dies ein herber Verlust; das Seeligmannsche Bankgeschäft war fortan ein Büro in der Wohnung Westendstraße 64.31 Er vergab nun Kredite gegen Sicherheiten oder auf Wechsel, die er bei der befreundeten Bank Baer & Elend in Karlsruhe diskontieren ließ, oder er makelte Wertpapiere für ebendiese.
Die Tochter Sophie („Maus“ genannt) besuchte in den 1920ern das Mädchen-Realgymnasium in Karlsruhe, ihr Zwillingsbruder Werner wurde wohl betreut; später hieß es über ihn in einer Nazi-Kartei, „wegen Schwachsinns des Schreibens unkundig“.32
Der Zweitälteste, Heinz, lernte als einziger seiner Geschwister zeitig Hebräisch, interessierte sich für linke Politik, die Halacha, die jüdische Geschichte und las viel. Der Vater hatte sich anfangs noch empört, dass sein Sohn um ein Haar zum zionistischen Blau-Weiß „gekeilt“ worden wäre; um 1927 war er aber nicht mehr zu bremsen und aktiv im Jugendbund Kadima (dt. „Vorwärts/Ostwärts“). Immerhin implizierte der Zionismus das Scheitern der deutsch-jüdisch verwurzelten Familientradition.
Ein weitläufig Verwandter, Sigmund Seeligmann (1873-1940), in Amsterdam lebender orthodoxer Gelehrter und Gründer einer bedeutenden Hebraica- und Judaica-Bibliothek, hatte sich schon in der von Theodor Herzl geprägten Anfangszeit dem Zionismus zugewandt.
1931 bis Sommer 1933 war Heinz nun Banklehrling bei Baer & Elend. Einer der Inhaber, Emil Baer, hatte noch bei Großvater Alfred Seeligmann gelernt.
Der Mutter war es noch wichtig, an den hohen Feiertagen Rosch Haschana oder Yom Kippur in die Synagoge zu gehen; auch die hebräischen Gebete waren ihr geläufig.33 Der Vater rechnete sich nur im Stillen zum jüdischen Glauben und fühlte sich klar einer deutschen Kultur zugehörig. Seine Kinder wuchsen mit einigen christlichen Bräuchen wie Weihnachten und Ostern auf und kamen erst im Laufe der Jahre mit dem Judentum näher in Berührung. So begann er, auf Heinz' erwachtes Interesse an jüdischen Dingen hin, am Freitag Abend Schabbat-Kerzen anzuzünden und ließ sich von dem etwa 12-jährigen die zugehörigen hebräischen Segenssprüche (Kiddusch) in Umschrift aufschreiben, damit er sie sprechen könne.34 Er spendete für die (als sehr orthodox geltenden und oft bedürftigen) „Ostjuden“ und nun auch für den Aufbau in Palästina.
Der älteste Sohn, Ernst, stand der Hinwendung zu Glauben und Tradition oder gar einem jüdischen Nationalstaat zunächst sehr skeptisch gegenüber und vertrat weiter eine deutsch-jüdische Integrationslinie, die den Zionismus ablehnte und auf ein rechtsstaatliches, humanistisch geprägtes Deutschtum setzte.
Vater Oskar Seeligmann war 1911-1924 Mitglied der Freimaurerloge „Leopold zur Treue“ in Karlsruhe, bis zum Ausschluss der nichtchristlichen Mitglieder. (1930 war er unter den Begründern der konfessionsneutralen Abspaltung „Friede und Freiheit“.35 Er war im Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) und in der Karlsruher Museumsgesellschaft; er förderte den Arbeiterbildungsverein, eine Gründung von liberalen Bürgern. Vor 1918 gehörte er der Nationalliberalen Partei in Baden an, einer Strömung, in der es durchaus linksliberale Kräfte, aber auch konservative Militaristen gab. Protagonisten dieser Partei wie Ernst Bassermann, Ludwig Bamberger oder Eduard Lasker bewegten sich in ähnlichen gesellschaftlichen Kreisen wie die Seeligmanns.
Die 1908 geborene Cousine der fünf Seeligmann-Geschwister, Sophie Suse Modrze, scheint die Hinwendung zum Judentum nicht vollzogen zu haben: Getauft und christlich erzogen, besuchte sie nach Schulabschluss das Kindergärtnerinnenseminar des ev. Diakonissenhauses Bethlehem in Karlsruhe. 1933 arbeitete sie im „Karlsruher Kindersolbad“ in Donaueschingen, war ausgebildete Kindergärtnerin und Jugendleiterin.36 Die 1910 geborene Cousine Anna Elisabeth Seeligmann (in Auschwitz umgekommen, siehe ihren Gedenkbuchbeitrag) war inzwischen medizinisch-technische Assistentin (MTA); beider Väter waren Ärzte. Annelieses Vater Dr. Richard Seeligmann war 1918 dem Ersten Weltkrieg zum Opfer gefallen.

Verfolgung und Emigration
Seit 1928 studierte Ernst bereits Jura, sieben Semester in Freiburg, Heidelberg und Hamburg. Jüdischen Organisationen hielt er sich fern, schloss sich aber dem Demokratischen Studentenbund und der SPD an, absolvierte 1931 das Erste Staatsexamen und trat im November den juristischen Vorbereitungsdienst als Gerichtsreferendar beim Amtsgericht Bruchsal an. Ein Großonkel, Reichsgerichtsrat Richard Michaelis (1856-1941, Schwager von Großvater Alfred, Sohn des Archäologen Adolf Michaelis) hatte seine Berufswahl stark beeinflusst und ihm zum Eintritt in den Staatsdienst zu- und vom freien Anwaltsberuf abgeraten. Ein erster gravierender Einschnitt kam, als Ernst am 8. April 1933 „wegen jüdischer Abstammung“ beurlaubt und zwei Monate später aus dem Beamtenstand entlassen wurde. Damit war seine juristische Laufbahn jäh zu Ende. Er hatte Richter oder Notar werden wollen.
Etwa gleichzeitig ging seine Schwester Sophie auf die Gewerbeschule, sie hatte offenbar eine Ausbildung begonnen. An der renommierten Israelitischen Gartenbauschule Ahlem bei Hannover konnte sie dann als geprüfte Gärtnerin abschließen. Die dortige Ausbildung dauerte in der Regel vier Jahre; die Eltern zahlten etwa 50 RM pro Monat zu.
Heinz betätigte sich etwa drei Jahre in leitender Funktion in der Organisation Hechaluz in Berlin-Charlottenburg, Meinekestraße 10, unterbrochen 1935 von einem halben Jahr Hachschara (landwirtschaftlicher Vorbereitung) in der Schweiz. In einem Zeitungsartikel von 1935 wird der 22-jährige als Redner auf einer Weϊdah (dt. Ratsversammlung) der Jugendbewegung Habonim (dt. Bauleute) vom 21. bis 23. Juni 1935 auf dem brandenburgischen Gut Winkel erwähnt (Jüdische Rundschau, Nr. 53 vom 2. Juli 1935, S. 8); er erläuterte den Anwesenden die Beziehung des Hechaluz zu den Jugendbünden.37 Der Hechaluz förderte die berufliche „Umschichtung“, denn die Elterngeneration hatte sich meist nur in akademischen Berufen und im Handel etablieren können; es fehlten für den Aufbau von Erez Israel qualifizierte Arbeitskräfte und es musste Ivrit gelernt werden, das moderne Hebräisch. Allein zwischen 1933 und 1936 wurden durch den Berliner Hechaluz 7.000 Menschen bei der Auswanderung nach Palästina unterstützt,38 an dieser politischen und humanitären Leistung hatte Heinz Seeligmann zweifellos Anteil.
Sein Bruder Ernst war 1933 als Arbeiter in einer „Autogarage“, d.h. Werkstatt, nach eigenem Bekunden „sehr ungeschickt und unglücklich“, dann kurze Zeit Bankvolontär. Im Mai 1934 folgte für sechs Monate ein Versuch der „Umschichtung“ auf Landwirtschaft in den Niederlanden. Hier erwarb er Kenntnisse über Tierzucht, speziell Pferde, und lernte Reiten. Wegen totaler Erschöpfung musste er jedoch abbrechen. Zwischendurch arbeitete er in einer Karlsruher Buchhandlung, machte 1935 einen erneuten Versuch der Hachschara-Umschulung in Ostpreußen, brach aber dort gesundheitlich zusammen und kehrte in die Buchhandlung zurück. Juni 1936 erhielt er den gewünschten Reisepass für die Auswanderung.
Seinem Bruder Heinz gelang am 1. März 1936 der große, lang vorbereitete Schritt; mit dem italienischen Schiff „Galiläa“ reiste er nach Haifa aus. Er schloss sich nach wenigen Monaten dem sozialistischen Kibbuz Givat Brenner bei Rechovot, nicht weit von Tel Aviv, an. Ein Kollektiv namens „Cherut“ (Freiheit) aus der Nähe von Hameln und Chaluzim (dt. PionierInnen) aus Polen und Russland hatte die Siedlung wenige Jahre zuvor begründet.
Ernst Seeligmann war bis Frühjahr 1937 erneut in Ostpreußen, als Hauslehrer, später zog er nach Berlin um und arbeitete als „Betriebsassistent“ auf dem zuvor erwähnten, ca. 75 ha großen Gut Winkel in Spreenhagen östlich von Berlin. Sein Leiter Martin Gerson war zeitweilig Koordinator aller deutschen Hachschara-Einrichtungen; vermutlich hier lernte Ernst dessen Schwester, die Gärtnerin Wally Gerson kennen, die im selben Jahr nach Palästina emigrierte. Winkel bot 80-100 jungen Menschen Ausbildungsplätze in Gartenbau, Land- und Hauswirtschaft.39
Ernst war bis Herbst 1938 an einem Autohandel in Berlin beteiligt. Bei amtlichen Stellen bemühte er sich intensiv um ein Auswanderungsziel außerhalb Palästinas. Ein „Affidavit aus Amerika“ versprach die Auswanderung 1939 oder 1940, aber im November 1938 traf Ernst der nächste Schlag: Wie unzählige andere Männer, häufig aus sozial besser gestellten Familien, wurden sein Vater Oskar und er ins KZ Dachau verschleppt.
Ludwig Elend, der Bankdirektor, bei dem sein Bruder Heinz gelernt hatte, berichtete später von dieser „Aktion“ im Gefolge der Novemberpogrome: „Am 9. Nov. 1938 kamen mehrere SA Leute [und] zerrten mich aus der Wohnung [...] Ich wurde dann mit vielen anderen Häftlingen nach einer Kaserne gebracht, und dort mussten wir stundenlang mit dem Gesicht zur Wand stehen. In der Mitte des Raumes standen SA-Leute mit geladenem Gewehr [...] Ein höherer SA Mann ließ uns stramm stehen und bedeutete uns, dass wir ‚lange genug gelebt’ hätten und ‚unser Schicksal besiegelt’ sei. So verging der Tag bis zum Abend, wo wir verladen wurden. Der Zug lief die ganze Nacht, bis zum nächsten Morgen in München. Zu essen bekamen wir nichts. In München wurden wir dann [...] nach Dachau befördert, wo wir bei der Ausladung wiederum erneut misshandelt wurden. Wir wurden z.B. nach unseren Berufen gefragt und mit Ohrfeigen und sonstigen Schlägen traktiert. [...] Unsere Tätigkeit in Dachau war den ganzen Tag über: Stehen und militärisches Marschieren, in der Kälte, [im] Regen ohne Kopfbedeckung …“40
Aus dieser „Schutzhaft“ kam der Vater Oskar Seeligmann am 22. November wieder frei; sein Sohn Ernst wurde erst im Dezember freigelassen, und zwar unter der Bedingung, Deutschland nachweislich zu verlassen. Diese Ausreise (nach den USA) kam nicht zustande; noch ein Jahr später, im Dezember 1939 sah ihn das Palästinaamt in Berlin (Jewish Agency for Palestine) für die Auswanderung vor.41
Oskar Seeligmann fasste die Lage unter den Nazis als großes Unglück auf, aber ertrug sie mit Geduld und Würde. Er konnte sich (so sein Sohn Ernst) mit dem Gedanken der eigenen Auswanderung nicht anfreunden; dem Zionismus gegenüber war er jetzt jedoch aufgeschlossen und unterstützend und las mit Interesse alles Neue über den Aufbau in „Erez Israel“.
Bald nach 1933 hatte er die Aufsichtsratsmandate abgeben müssen, das Bankgeschäft wurde zunehmend schwierig. So prellte ihn ein Kreditnehmer aus Pforzheim mit betrügerischen Sicherheiten um große Beträge; auf Oskar Seeligmanns juristische Schritte hin drohte dieser ihm unverhohlen unter Hinweis auf dessen „jüdische Rasse“ und flüchtete, ohne einen Pfennig gezahlt zu haben, 1935 nach den USA.42 Im selben Jahr wurde das „Bankhaus Oskar Seeligmann“ aufgelöst. 1936 inserierte Oskar Seeligmann noch in der CV-Zeitung „Finanzielle Beratung, Vermögens- und Hausverwaltungen, Treuhandgeschäfte aller Art“,43 das Adressbuch führt ihn im selben Jahr als „Bankdirektor a.D.“.
Mal mehr, mal weniger erfolgreich als Kompagnon seines Vaters, als Filialleiter der Mitteldeutschen Creditbank bzw. der Badischen Landesgewerbebank oder als selbstständiger Bankier hatte er wirtschaftlich mancherlei Unbill überstanden (Inflation 1923, Weltwirtschafts- und Bankenkrise 1929-31); die räuberische NS-Politik übertraf aber alles bisher Dagewesene. So mussten er und seine Schwester Amalie 1939 jeweils fast 50.000 RM „Judenvermögensabgabe“ leisten.44 Seitdem lebte die Familie von den Resten des Vermögens und einigen Mieteinnahmen. Ende 1938 wohnten in der Westendstraße 64, wohl mitsamt Angehörigen, zur Miete:
Dr. Abraham Kronstein, zuvor Geschäftsführer der Karlsruher Elektra-Lackwerke (später nach Gurs deportiert, Emigration in die USA 1941); sein Sohn Dr. Max Kronstein (offenbar noch 1938 nach USA emigriert); Witwer von Lotte Kronstein-Landauer, Gustav Landauers Tochter aus erster Ehe;45 der ehemalige SPD-Stadtrat und badische Landtagsabgeordnete Leo Kullmann, Oberlandgerichtsrat a.D. (später in Gurs umgekommen).
Ende April 1939 trat die gesetzlich angeordnete Zusammenlegung in „Judenhäusern“ in Kraft, so auch hier. 1940/41 nennt das Adressbuch die Busunternehmerin Berta Pieck als Eigentümerin. Das Haus wurde 1942 vom Reichsfiskus beschlagnahmt und ist im Bombenkrieg zerstört worden. Ab 1943 hieß die Westend-Straße infamerweise „Reinhard-Heydrich-Straße“, nach einem Hauptinitiator des Holocaust. Nach dem Krieg wurde sie in Reinhold-Frank-Straße umbenannt.
Über Herbert, den jüngsten der Geschwister, ist wenig überliefert. Am 4. Juli 1936 feierte die Familie seine Barmitzwa, angekündigt im Israelitischen Gemeindeblatt Ausgabe B vom 26. Juni 1936. Er besuchte bis 1937 das Goethe-Realgymnasium in Karlsruhe und absolvierte dann eine Berufsvorlehre (ein Art Praktikum) an der renommierten Israelitischen Gartenbauschule Ahlem bei Hannover. Am 1. April 1940 zog er nach Berlin, zwischenzeitlich mag er bei Verwandten bzw. weiter in Ausbildung gewesen sein, dazu waren jedoch keine Angaben zu finden.
Ihr Zwillingsbruder Werner wohnte nach 1938/39 im „Dauerheim für jüdische Schwachsinnige“ in Berlin-Weißensee, Wörthstraße 20 (Direktor Julius Stein, später Dr. Adolf Baronowitz). Dies war keine geschlossene Anstalt; schwierige, z.B. „selbstgefährliche“ Insassen wurden dort nicht aufgenommen. Vielmehr lebten dort etwa 100 „Pfleglinge“ (ca 2/3 davon Männer), betreut von sieben Pflegekräften und einem externen Arzt (Dr. Arnswalder), unter einfachen, aber nicht unwürdigen Bedingungen. So wurden z.B. die Kaschrut-Speiseregeln eingehalten.46 Das Haus lag im Grünen, nahebei der „Gute Ort“, der große Jüdische Friedhof Weißensee. Denkbar ist, dass Werner Seeligmann dort in der Friedhofsgärtnerei aushalf, wo es 40 Praktikantenstellen im Rahmen der Hachschara gab.47

Der ältere Bruder Heinz (nunmehr Chaim), seit 1936 in Palästina, wurde zunächst Hafen- und Landarbeiter und engagierte sich beim Aufbau seines Kibbuz Givat Brenner. Er heiratete dort 1939 die aus Litauen stammende Schifra Gurwitz.

Am 22. Oktober 1940 traf die Familie ein schwerer Schlag: Es wurden Thea und Oskar Seeligmann, dessen Schwester Amalie Modrze, Sohn Ernst, Schwägerin Anna und deren Tochter Anneliese mit über 900 Menschen aus Karlsruhe in einer viertägigen, strapaziösen Bahnfahrt nach dem südfranzösischen Internierungslager Gurs abgeschoben.

Shoa und Neubeginn
Der Winter 1940/41 war außergewöhnlich hart und die Bedingungen im „Camp de Gurs“ erbärmlich; bevor Hilfsorganisationen Erleichterung brachten, starb am 22. Januar 1941 der Vater Oskar Seeligmann, er war laut Ernst „den Anstrengungen von Gurs nach wenigen Monaten stillen Leidens nicht mehr gewachsen“.48 Amalie Modrze, seine 1878 geborene Schwester, starb, nach Aufenthalt im
Lager Masseube, am 8. Mai 1943 im Krankenhaus der Stadt Auch.

Therese Seeligmann überstand die Internierung in Gurs, die sie getrennt von ihrem Mann hatte erdulden müssen, kam nach Uzerche im zentralfranzösischen Limousin, starb jedoch am 22. Januar 1947 an den Haftfolgen in einem Hospiz in Corrèze bei Limoges. Ihre Schwägerin Anna konnte 1941 Gurs verlassen und emigrierte in die USA, ihre Tochter Anneliese kam aber „auf Transport“ und verlor im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau ihr Leben.
Ernst, der gut Französisch sprach, konnte in einer Verwaltungsstelle in Gurs arbeiten, dann sich im Sommer 1941 der „182ème Groupe de Travailleurs Etrangers“ anschließen und wurde am 4. August 1941 aus Gurs entlassen. Er arbeitete zuletzt in einem Steinbruch in Buzy (Basses Pyrénées), bis er am 9. November 1942 über die Grenze flüchten konnte. Er hatte vom Abtransport der jüdischen Internierten aus Gurs erfahren.49 In Spanien wurde er verhaftet und bis April 1943 in Miranda del Ebro interniert. Bis Januar 1944 blieb er unter Polizeiaufsicht in Barcelona, dann gelang ihm die Emigration nach Palästina. Dort wohnte er anfangs in Tel Aviv; zu dieser Zeit wusste er von der mittlerweile kranken Mutter in Frankreich.50 Er war zunächst in der Armee und heiratete 1945 die im seinerzeit preußischen Filehne (Bezirk Bromberg) geborene Wally Gerson,51 die inzwischen in Givat Brenner lebende Schwester seines umgekommenen Kollegen Martin Gerson (fünf Kinder gingen aus der Ehe hervor. In Israel erkrankte er schwer und verlor 1951 das Gehör. 1989 ist er verstorben).

Verschleppt wurde der schwerbehinderte Werner; sein Weg führte am 13. Juni 1942 aus dem Dauerheim in Berlin-Weißensee im 15. Osttransport zunächst nach Majdanek (Lublin), wo die Insassen des Zuges einer „Selektion“ unterzogen wurden für das dortige Zwangsarbeitslager; falls Werner die Strapazen soweit überstanden hat, gelangte er letztlich in das Vernichtungslager Sobibór nahe der Grenze zur Ukraine, wo alle einen schrecklichen Tod fanden.52
Seine Schwester Sophie, seit 1939 in Palästina, mag in ihrem erlernten Beruf als Gärtnerin gearbeitet haben. Sie heiratete 1956 Jescheskel Tanai und lebte bei Haifa.

Ihr jüngster Bruder Herbert, inzwischen ohne Vater und wohl ohne Kontakt zur Mutter in Frankreich, arbeitete im Herbst 1942 im Jugendwohnheim des Jüdischen Wohlfahrtsamts in der Berliner Rosenstraße 2-4 als Küchenhilfe. Das Wohnheim war offenbar ein Provisorium der Jüdischen Gemeindeverwaltung für durch die Verfolgungen elternlos Gewordene und scheint nur einige Monate existiert zu haben.53 Gleich nebenan stand das älteste Bethaus Berlins, die Synagoge Heidereutergasse. Herbert Seeligmann wurde am 14. Dezember 1942 im 25. Osttransport aus Berlin nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ist dort wohl bald, nicht später als im Februar des folgenden Jahres, umgekommen.54 Sein Schicksal teilte offenbar die gesamte Gruppe aus der Rosenstraße, mindestens 46 junge Menschen.55 Die Akten des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg (Landeshauptarchiv Potsdam, Pr Br Rep 36 A II REp 092, Nr. 35389) vermerkten 1944, dass sein „Vermögen“ (etwa 25 RM) eingezogen sei. „Der Jude ist nach dem Osten abgeschoben“.56

Cousine Sophie Suse war zu einer Ausbildung im Krankenhaus der Jüdischen Gemeinde Frankfurt a.M., als sie mit Transport XII/3 am 15. September 1942 nach Theresienstadt (Terezín) verschleppt wurde, und weiter am 1. Oktober 1944 mit Transport Em nach Auschwitz-Birkenau. Von dort gelangte sie, vielleicht mit einem Arbeitskommando, nach dem niederschlesischen Kudowa-Sackisch (polnisch: Kudowa-Zdrój-Zaksze). Sie überlebte, ging als Krankenschwester in die Schweiz, ab den 1950er Jahren lebte und arbeitete sie als susan Modge in den USA.57 Sie ist eine der ganz, ganz wenigen, die irrtümlich als Opfer des Holocaust aufgeführt sind – so im Gedenkbuch des Bundesarchivs, auch in der 2. Auflage von 2006.
Chaim Seeligmann war zunächst Soldat in der Palmach, einer paramilitärische Jugendorganisation der Hagana; trotz vieler Bemühungen konnte er erst einige Jahre nach Kriegsende als Sendbote für die Alija nach Frankreich; die Mutter war bereits gestorben.
Er wurde Erzieher, Dozent und Mitarbeiter in der Kibbuzbewegung. Aus seiner Ehe gingen drei Kinder hervor.
Noch der fast 95-jährige (2007) ist aktiv als Historiker der jüdischen Jugendbewegung, er analysiert bislang wenig beachtete Wurzeln des Kibbuzlebens im gewaltfreien Anarchismus, diskutiert mit progressiven christlichen Initiativen und pflegt herzliche Kontakte in die alte Heimat.

(Christoph Kalisch, September 2007)



Anmerkungen:
[1] Isaak und Lehnübersetzung aus hebr. Baruch; Stadtarchiv Karlsruhe (STAKA) 8/StS13/486 nennt Eisig Seligmann Ettling(er) aus Eppingen; Ettlinger auch anderweitig mehrfach belegt, daher wohl letztlich als Herkunftsname zu deuten.
[2] Isr. Standesregister Generallandesarchiv Karlsruhe (GLA) 390/2008-2010 bestätigt: „Aron S., Kaufmann von hier“, d.h. Karlsruhe.
[3] Die Familie wohnte ab 1846 im ehem. Pfarrhaus Innerer Zirkel 21 (Hirsch: 100 J. Bauen u. Schauen, Bd 1, S. 540).
[4] Ebenda; zu Aron Seeligmann vgl. auch Wegweiser 1818 (Repr. 1978, S. 2).
[5] Amalie, 28.12.1848-?; Herrmann, 26.12.1850-?; Auguste, 21.4.1855-?, 1881 Heirat mit Bankier Ferdinand Nadenheim; Luise Theodora, 6.9.1857-21.5.1882; Anna Henriette, 21.1.1860-?, 1887 Heirat mit Richard Michaelis.
[6] GLA 390/2008-2010; Israelitisches Standesregister.
[7] Wohl auf die ehemals bayerische Pfalz bezogen, vgl. das heutige Bundesland Rheinland-Pfalz
[8] Vgl. Stadtplätze in Karlsruhe (2003); „Kgl-Bayer. Konsul“, d.h. stammte wohl aus der Pfalz, vgl. Isr. Standesregister.
[9] So in Isr. Standesregister, falsch in Stammtafel in STAKA 8/StS 13/486.
[10] Adressbücher Karlsruhe 1876 ff; hier hatten auch die Modistinnen Anna und Marie Levinger ein Geschäft.
[11] Im Adressbuch Karlsruhe 1878, Stand Herbst 1877 erstmals: „Bankgeschäft Alfred Seeligmann & Cie“.
[12] 1870 gegründet.
[13] STAKA 1/BOA 2803-4 und 8/PBS XIVe 104.
[14] Adressbücher Karlsruhe und Isr. Standesregister.
[15] Werner: Juden in Karlsruhe, S. 576.
[16] Hinweis auf Adressänderung zum 1.4.1900 in Adressbuch. Noch in den 1950ern erkundigte sich eine damalige Hausdame, Eleonore Prokopp, nach der Familie.
[17] Angaben aus Adressbuch der Direktoren und Aufsichtsräte 1910 bzw. Todesanzeigen Juni 1917 in Karlsruher Tagblatt und Badische Presse.
[18] Isr. Standesregister.
[19] Schneider, Jörg: Die jüdische Gemeinde in Hildesheim von 1871-1942. Diss. 1999
[20] Der Gemeindebote. Beilage zur 'Allgemeinen Zeitung des Judenthums'. 67. Jg., Nr. 1 v. 2.1.1909, S. 3.
[21] Im deutschen Reich, H. 10, Oktober 1896, S. 519f.
[22] Im deutschen Reich, H. 10, Oktober 1898, S. 522f.
[23] Schneider, Jorg: Die jüdische Gemeinde in Hildesheim von 1871-1942. Diss. Göttingen 1999, Abschnitt 6, S. 1-5.
[24] Korrespondenz 2007 mit Frau Dr. B Schmitz (RPM).
[25] STAKA 1/BOA 2803-4. Ab 1917 umnummeriert in Kaiserstraße 187.
[26] Die Reihenfolge wird im Isr. Standesregister so angegeben.
[27] Zu Ernst S. und dessen Aussagen über seinen Vater vgl. STAKA 8/StS 13/486.
[28] Isr. Standesregister.
[29] Chaim S.: Traum 2002
[30] vgl. Adressbuch der Direktoren und Aufsichtsräte 1925/26
[31] Das Bankgeschäft wird unter dieser Adresse mehrfach erwähnt
[32] Ende 1938, vgl. Personenkartei StadtA KA 1/AEST/1239
[33] Chaim Seeligmann: Es war nicht nur ein Traum. Autobiographische und kibbuzgeschichtliche Skizzen, Bad Tölz 2002, S. 13.
[34] Chaim Seeligmann, Traum, S. 19.
[35] Auskunft Dt. Freimaurermuseum Bayreuth.
[36] GLA 480/552.
[37] Jüdische Rundschau, Nr. 53, 2. Juli 1935, S. 8. Fand 21.-23. Juni 1935 auf Gut Winkel bei Spreenhagen statt.
[38] http://userpage.fu-berlin.de/~bodomr/hechaluz.html .
[39] Jüd. Gemeindeblatt Berlin 23. Februar 1936 nennt 80, anderswo höhere Zahlen.
[40] GLA 480/7401/1.
[41] GLA 480/11770.
[42] Fritz Oberle, vgl. GLA 480/11369.
[43] Chaim Seeligmann, Traum, S. 13 nennt vage 1935/36.
[44] GLA 480/11770.
[45] Inhaber wichtiger Polymer-Patente, Bruder des Kartellrechtsspezialisten Prof. Dr. Heinrich Kronstein.
[46] Landesarchiv Berlin, A Rep 048-08, Nr 217.
[47] Vgl. Der Morgen, Heft 6 (Dezember 1933), S. 379.
[48] STAKA 8/StS 13/486.
[49] Chaim Seeligmann, Traum, S. 65) und GLA 480/11770.
[50] Badisches Justizministerium, Personalakte Seeligmann, Ernst August Julius Moritz aus Karlsruhe, Nr. 1825.
[51] Geb. in Filehne, im preuß. Bezirk Bromberg; heute Polen.
[52] Vgl. Berliner Gedenkbuch, S. 1420 und Gottwaldt/Schulle: Judendeportationen, S.215f; wohl irrig in yadvashem.org, wo Auschwitz-Birkenau angegeben ist. Vgl. auch Ursula Endres unter http://www.dtmb.de/medieninfo/Mi_051020_judendeportationen_texte.pdf .
[53] Hans Rosenthal berichtet kurz darüber in seinen Erinnerungen „Zwei Leben in Deutschland“ 1987, S. 54 und 298.
[54] Vgl. Berliner Gedenkbuch, ebda, und Gottwaldt/Schulle: Judendeportationen:399f.
[55] Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Pr Br Rep 36 A II Rep 092, Nr 55136, Deportationsliste von ITS Arolsen; bei Gottwaldt/Schulle „37 Jugendliche im Alter zwischen 12 und 21 Jahren“.
[56] Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Pr Br Rep 36 A II Rep 092, Nr 35389.
[57] In yadvashem.org irrtümlich als „perished“ verzeichnet.