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Anna Elisabeth Seeligmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Anna Elisabeth Seeligmann (Anneliese)

Nachname: Seeligmann
Vorname: Anna Elisabeth
abweichender Vorname: Anneliese
Geburtsdatum: 29. März 1910
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Dr. Richard und Anna S.
Verwandtschaftsverhältnis: Halbschwester von Hermine Elisabeth (13.7.1896-?)
Adresse: Moltkestr. 23
Schule/Ausbildung: Fichte-Mädchenrealschule mit Oberrealschule, 1924/25 nachweisbar
1926/27: Höhere Mädchenschule (spätere Fichte,- bzw. Lessing-Schule)
Schule für technische Assistentinnen in Freiburg i.Br.
Beruf: Medizinisch-technische Assistentin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
7.9.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Anna Elisabeth Seeligmann

Im Stadtarchiv fällt uns die Wahl zunächst schwer, die Patenschaft für eine Person auszuwählen. Über welche der vielen unbekannten ermordeten Jüdinnen möchten wir gerne Nachforschungen anstellen, um ihren Lebensweg darzustellen? Der Anknüpfungspunkt ist schließlich das Geburtsdatum von Anna Elisabeth Seeligmann, denn 45 Jahre später ist eine der Verfasserinnen geboren.
Auf dem Foto der Kennkarte lächelt eine junge, selbstbewusste Frau in Ledermantel oder -jacke. Wir lesen die Eintragungen der Karte aus der „Judenkartei“ vom August 1939 und uns wird klar, dass wir gerne mehr aus dem Leben dieser Frau erfahren wollen. Bereits aus den wenigen Daten dieser Karte ergibt sich eine für die damalige Zeit eher ungewöhnlich „moderne“ Biografie, denn Anna Elisabeth Seeligmann hat eine umfangreiche Ausbildung zur medizinisch technischen Assistentin und Laborantin absolviert und ist mit 28 Jahren noch ledig.

Eltern und Geschwister
Der Vater Richard Seeligmann, geboren am 6. August 1872 in Karlsruhe, war praktischer Arzt. Er verstarb am 27. Januar 1916 in Karlsruhe, wovon auch eine zwei Tage später aufgegebeneTodesanzeige im Karlsruher Tagblatt zeugt. Er war Kriegsteilnehmer und an Kriegsfolgen im Lazarett seiner Heimatstadt verstorben.
Die Mutter Anna Neumann wurde am 17. Oktober 1883 in Mannheim geboren. Sie war in erster Ehe seit 1894 in Worms mit dem jüdischen Kaufmann Heinrich Schweizer verheiratet. Wann und warum die Familie von Worms nach Karlsruhe übersiedelte ist nicht bekannt, die Tochter Hermine (Mia) Elisabeth Schweizer wurde aber am 13. Juli 1896 hier geboren. Die Ehe wurde am 19. April 1908 in Karlsruhe geschieden.
Anna Neumann heiratete am 10. August 1908 Dr. Richard Seeligmann.
Anna Elisabeth, die einzige Tochter der Eheleute Richard und Anna Seeligmann, ist in Karlsruhe am 29. März 1910 geboren. Ob die 14 Jahre ältere Halbschwester Mia im gleichen Haushalt gelebt hat, ist nicht bekannt. Aufgrund ihres Alters dürfte dies aber anzunehmen sein.

Jugend und Ausbildung
Aufgewachsen ist Anna Elisabeth im elterlichen Haus in der Moltkestraße 23. Als der Vater verstarb, wurden Anna Elisabeth und ihre Mutter Anna als Eigentümerinnen in Gütergemeinschaft im Grundbuch eingetragen.
Wie alle jüdische deutsche Bürgerinnen musste auch Anna Elisabeth aufgrund der Verordnung vom 23. Juli 1938 und „unter Hinweis auf ihre Eigenschaft als Jude“ eine neue Kennkarte beantragen und bis zum 31. Dezember einen Antrag dazu stellen. Diese Kennkarte wurde 1939 zusammen mit der „Volkskartei-Karte“ geführt, in der alle Erwachsenen ihre beruflichen und sonstigen Qualifikationen aufführen mussten, damit dies für die Kriegsplanung berücksichtigt werden konnte.
Daraus geht hervor, dass sie die höhere Mädchenschule, Abschluss Klasse 10 besucht hat. Im Jahresbericht der Lessing-Mädchenrealschule 1926/27 findet sich tatsächlich ihr Name im "Fortbildungskurs".
Nach der höheren Mädchenschule besuchte sie für zwei Klassen eine Handelsschule. Auch hier ist nicht bekannt, wo und welche Schule dies war, rein rechnerisch müsste dies im Zeitraum zwischen 1928 und 1930 gewesen sein.
Bis 1932 besuchte Anna Elisabeth für weitere zwei Jahre eine Schule für technische Assistentinnen in Freiburg im Breisgau und hat dort die Prüfung zur medizinisch-technischen Assistentin/Laborantin abgelegt. Auch hier blieben weitere Recherchen in Freiburg ergebnislos.
Darüber hinaus gibt die Karteikarte Aufschluss darüber, dass Anna Elisabeth 1929 einen Helferinnenkurs im Sanitätsdienst besucht hat und Mitglied im Roten Kreuz war, bis sie 1933, auf Grund ihrer jüdischen Konfession zwangsweise ausgeschlossen wurde.
Weiterhin vermerkt ist, dass sie keine Erfahrungen oder Kenntnisse in Landwirtschaft, Hauswirtschaft oder Fabrikarbeit hatte. Die abgefragten besonderen Fähigkeiten wie Motorrad- oder Kraftfahren, Fliegen oder Reiten werden verneint.
Anna Elisabeth Seeligmann war nicht oder nicht länger als drei Monate im Ausland, sprach jedoch Englisch.
Möglicherweise hat sich Anna Elisabeth durch den Beruf ihres Vaters zu einer Laufbahn im medizinisch-technischen Bereich entschlossen. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise darauf, dass sie nach ihrer Ausbildung berufstätig war. Laut den Angaben der Kennkarte besaß sie kein Arbeitsbuch und war weder angestellt noch selbständig tätig.
Bekannt ist, dass sie seit dem 8. November 1932 im Karlsruher Turnverein (KTV) Mitglied und dort in der Abteilung Fechten aktiv war. Nach Einführung des Gesetzes „zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 übernahmen einige der deutschen Turn- und Sportverbände unverzüglich einen „Arierparagraphen“ in ihren Wirkungsbereich und schlossen jüdische Mitglieder aus. So wurde die Mitgliedschaft von Anna Elisabeth im KTV aufgrund des jüdischen Glaubens am 30. Juni 1933 gelöscht.
Über diese Angaben hinaus wissen wir leider weder etwas über Anna Elisabeths berufliche noch über ihre private Situation. Was waren ihre beruflichen Ziele? Von welchen finanziellen Mitteln hat sie gelebt? Was hat sie in ihrer Freizeit gemacht? Was für ein Charakter war sie und mit welchen Menschen hat sie sich umgeben?
All diese Fragen lassen sich nur durch Vermutungen beantworten.
Wir sehen auf dem Foto von 1938 Anna Elisabeth Seeligmann als moderne, bürgerliche junge Frau, die trotz entgegenstehender Umstände einen lebenslustigen Eindruck macht. Auch war sie offensichtlich selbstbewusst, denn Jahre zuvor hatte sie sich z.B. einen Platz in der eher elitär-männlichen Welt des Fechtsports gesucht.
Und gleichzeitig fragen wir uns, wie mochte sie sich zum Zeitpunkt dieser Fotoaufnahme gefühlt haben? Nachdem durch die nationalsozialistischen Judengesetze seit 1933 die Grundrechte für jüdische deutsche Bürgerinnen abgeschafft und sie wie alle anderen der Willkür des nationalsozialistischen Terror-Regimes ausgesetzt war?
Nachdem sie ab 1933 keine Arbeit aufnehmen konnte und ihre möglicherweise vorhandenen beruflichen Pläne nicht verwirklichen konnte, sie aus dem Roten Kreuz, dem KTV ausgeschlossen wurde? Als mit Gesetz vom 5. Oktober 1938 ihr Reisepass ungültig wurde und sie ab dem ersten Januar 1939 zusätzlich den Vornamen Sara annehmen musste?
Über ihre Persönlichkeit wissen wir nichts, doch aufgrund der im Generallandesarchiv vorhandenen „Arisierungsakte“ von Anna Elisabeth Seeligmann sowie aus der Wiedergutmachungsakte ihrer Mutter Anna wissen wir einiges über ihr materielles Vermögen.

Besitz
Nach Auskunft des Grundbuchamtes Karlsruhe gehörte das Haus in der Moltkestrasse 23 Anna Elisabeth und ihrer Mutter Anna in fortgesetzter Gütergemeinschaft.
Aufgrund eines Gesetzes vom 30. April 1939 wurden jüdisch-deutsche Hausbesitzende dazu verpflichtet, jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger in ihren Häusern aufzunehmen; umgekehrt durften Juden in „arischen“ Häusern nicht mehr länger zur Miete wohnen. Dies ist der Grund dafür, dass zahlreiche Personen jüdischen Glaubens in der Moltkestraße 23 lebten und dieses Gebäude in den Akten als „Judenhaus“ bezeichnet wurde. In dem großen, zweigeschossigen Gebäude haben u.a. Hedwig und Mina Bodenheimer und Jenny und Josef Hausmann gewohnt.
Von ihrer Tante Ida Seeligmann (väterlicherseits, verstorben 26. September 1938 in Karlsruhe), die sie zur Alleinerbin bestimmte, hat Anna Elisabeth u.a. bedeutende Summen an Sicherungshypotheken für Anwesen in der Augartenstraße 4 und Stephanienstraße 92 geerbt.
Am 12. November 1938 wurde aufgrund der in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 angerichteten Schäden in schamloser Umkehrung der Tatsache, dass den Juden leiblicher und riesiger materieller Schaden angetan wurde, von ihnen eine „Sühneleistung“ von einer Milliarde Reichsmark auferlegt. Die „Sühneleistung“ für jede abgabepflichtige jüdisch-deutsche BürgerIn betrug 20 Prozent des im April 1938 fiskalisch angemeldeten Vermögens, zahlbar in vier Raten (15. Dezember 1938, 15. Februar, 15. Mai und 15. August 1939) sowie weitere 5 Prozent zahlbar am 15. November 1939.
Ob die Hypotheken aus Furcht vor Enteignung an eine vertraute Person überschrieben wurden, wissen wir nicht. Jedoch ist belegt, dass dies am 7. Dezember 1938 geschah.
Die Urkunde des Notariats Karlsruhe besagt: „aufgrund eines Vermächtnisses der Erblasserin und zufolge bestehender Einigung trete ich, die unterzeichnende Anna Elisabeth Seeligmann, die beiden oben genannten Hypotheken an Fräulein M[.] S[.], Hausdame in Karlsruhe, […] ab.“
Aufgrund der in der Wiedergutmachungsakte angegebenen Aktienwerte und sonstigen Vermögensangaben geht hervor, dass die Familie Seeligmann und damit auch Anna Elisabeth gut situiert war. Uns liegen keine Unterlagen vor, von welchem Konto die ersten vier Raten der „Vermögensabgabe“ beglichen wurden. Die fünfte Rate wurde jedoch von einem Wertpapierdepot beim Bankhaus K. Feuchter & Co KG in Karlsruhe abgebucht, das Anna Elisabeth zusammen mit ihrer Tante Ida Seeligmann besaß.
Von diesem Konto wurden am 22. November 1939 für die Vermögensabgabe Aktien und Schuldverschreibungen der I.G. Farbenindustrie sowie der Rheinisch Westfälischen Elektrizitätswerke AG an den NS-Staat über die Preußische Staatsbank, Berlin überschrieben.
Weiterhin ist ein „außergewöhnlich kostbarer“ Hausrat für 12 – 15 Zimmer im Wert aus der Moltkestraße dokumentiert, der nach Holland zur geplanten Emigration in die USA verbracht wurde und dort „verloren“ ging. Das restliche Inventar, das versteigert wurde, hatte ebenfalls einen beträchtlichen Wert. Angesichts der Verfolgung und des Verkaufsdrucks konnten seinerzeit deutsche Bürger die Einrichtungsgegenstände relativ billig erstehen, für eine Kaufsumme von rund 10.000,- RM an Gegenständen, die einen mehrfachen Wert gehabt haben dürften.

Deportation und Tod
Gesichert ist, dass Anna Elisabeth wie fast alle Karlsruher jüdisch-deutschen Bürgerinnen und Bürger am 22. Oktober 1940 zusammen mit ihrer Mutter in das Internierungslager nach Gurs deportiert wurde.
Die Mutter Anna wurde am 17. März 1941 vom Camp Gurs nach Pau entlassen und konnte danach in die USA emigrieren, vermutlich zu ihrer dort lebenden Tochter Mia, die verheiratet war und einen Sohn hatte. Sie verstarb in San Francisco am 18. Februar 1950.
Anna Elisabeth gelang dagegen die schon seit 1938 angestrengte Emigration nicht mehr. Sie wurde am 7. September 1942 von Paris-Drancy nach Auschwitz deportiert. Von da an verliert sich ihr Leben. Gehörte sie unter die 889 mit diesem Transport Deportierten, die unmittelbar bei Ankunft in Auschwitz in die Gaskammer geschickt wurden? Oder war sie eine von den 52 Frauen, die zunächst zur KZ-Arbeit selektiert wurden? Von diesen überlebte keine die Verfolgung und den Krieg. Als Gerücht tauchte im „Wiedergutmachungsverfahren“ die Aussage auf, dass Anna Elisabeth zu einem späteren Zeitpunkt im KZ Theresienstadt gewesen sein soll. Das lässt sich nicht bestätigen.
Da ein Todesdatum nicht bekannt war, wurde sie gemäß § 10 Bundesentschädigungsgesetz von 1953 mit Datum vom 8. Mai 1945 für tot erklärt. Das war ein rein formeller juristischer Akt, tatsächlich war sie lange vorher ermordet worden.

(Sabine Keilus und Ute Oberacker, Juli 2005)