Aus dem Fotoalbum

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Alfred Schriesheimer (Zweiter von links, halb verdeckt) im Kreis seiner Nachbarn vor der Schmiede von Adam Elfner, Leutershausen, Großsachsener Straße, an einem Karfreitag um 1930. (Foto: Gemeindearchiv Hirschberg)

Personendaten

Alfred Abraham Schriesheimer

Nachname: Schriesheimer
Vorname: Alfred Abraham
Geburtsdatum: 1. Juli 1873
Geburtsort: Leutershausen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Herz und Jette, geb. Arnsberg, Sch.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Henriette Emma Sch.
Adresse: 1939: Kaiserstr. 122
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Masseube (Frankreich)
7.3.1944 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Alfred Abraham und Henriette Emma Schriesheimer

In Auschwitz verschollen: Alfred Abraham Schriesheimer und Emma Henriette Schriesheimer aus Leutershausen an der Bergstraße

Alfred Schriesheimer kam am 1. Juli 1873 im badischen Leutershausen an der Bergstraße, heute Ortsteil der Gemeinde Hirschberg, zur Welt. Seine Eltern waren der „Handelsmann“ Herz Schriesheimer II. und dessen Frau Jette, eine geborene Arnsberg. Wie dem Geburtseintrag im Leutershausener Standesregister zu entnehmen ist, wurde dem Neugeborenen der Vorname Abraham „beigelegt“, der später dem freilich nicht amtlichen Vornamen Alfred wich. Unter diesem Vornamen ist Schriesheimer bei den ältesten noch lebenden Leutershausenern in Erinnerung. Sie kennen ihn ferner noch unter seinem Übernamen der „Stamper“, den er erhielt, weil er beim Sprechen angeblich die Angewohnheit hatte, mit dem Fuß auf den Boden zu stampfen. Einer anderen Erklärung zufolge hängt der Übername mit dem künstlichen Bein zusammen, dessen sich Schriesheimer seit einem Unfall bedienen musste. Über seine Kindheit und Jugend ist weiter nichts bekannt. 1898 wird er im Leutershausener Gemeinderatsprotokoll und im Bürgerbuch wieder fassbar: im dafür üblichen Alter von 25 Jahren wurde ihm am 28. Juli 1898 als „Schriesheimer, Abraham, genannt Alfred“ zusammen mit seiner Ehefrau „Emma (Henriette), geb. Maas“ die „bürgerliche Aufnahme“ zu Leutershausen zuteil. Unter der Nummer 836 wurden diese Aufnahme und das damit verbundene Recht auf Genuss der Allmende im Bürgerbuch der Gemeinde Leutershausen dokumentiert.
Emma, eigentlich Henriette, Schriesheimer, geb. Maas war am 10. Mai 1874 in der Hauptstraße 24 des rheinhessischen Dolgesheim, heute Ortsteil der Verbandsgemeinde Guntersblum, zusammen mit ihrer Zwillingsschwester Mina zur Welt gekommen. Sie stammte aus ähnlichen Verhältnissen wie ihr späterer Ehemann, wird doch als Stand ihres Vaters, des 27-jährigen Joseph Maas II. zu Dolgesheim, in ihrer Geburtsurkunde ebenfalls „Handelsmann“ angegeben. Die Mutter war die 22-jährige Paulina, geborene Löb. Als Zeugen erscheinen in der Geburtsanzeige der Handelsmann Joseph Maas I., 51 Jahre alt, vermutlich als Großvater, und der 47-jährige Handelsmann Nathan Levi, beide aus Dolgesheim.
Als Alfred Abraham und Emma Henriette Schriesheimer das Leutershausener Bürgerrecht übertragen bekamen, war Alfreds Vater Herz Schriesheimer bereits verstorben. Wir dürfen annehmen, dass Alfred Abraham Schriesheimer in das Geschäft seines Vaters eingetreten war und damit auch den Lebensunterhalt seiner Mutter sichern half, die 1906 das Haus Hauptstraße 1 übernahm. Dieses an der „Drehscheib“ gelegene Haus war seit den 1720er Jahren immer im Besitz jüdischer Familien und beherbergte bis zur Errichtung der neuen Leutershausener Synagoge im Jahre 1868 die „Schul“, d. h. den Kultraum der jüdischen Gemeinde. Jette Schriesheimer übertrug dieses Haus dann 1910 ihrem Sohn Alfred Abraham; sie selbst verstarb 1916.
Im Adressbuch von 1911 erscheint Alfred Abraham Schriesheimer als Schuhwarenhändler. Belegt ist, dass er daneben eine Kohlenhandlung betrieb. Ferner wird berichtet, dass er gelegentlich mit dem in Leutershausen angebauten Tabak handelte. In Erinnerung ist schließlich, dass Schriesheimer dem ärmeren Teil seiner Kundschaft Kredit einräumte und sich dabei als geduldiger Gläubiger erwies. Auf einem Foto aus dem Besitz von Kurt Elfner sehen wir Alfred Abraham Schriesheimer wie selbstverständlich im Kreis seiner Nachbarn, die sich feiertäglich herausgeputzt an einem Karfreitag zu Anfang der 1930-er Jahre zu einem Plausch unter dem Vordach der Schmiede des Adam Elfner in der Großsachsener Straße zusammengefunden hatten.
Das Unglück des Ehepaares Schriesheimer begann mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Unter dem Druck der Verhältnisse, aber noch vor Beginn der erzwungenen „Arisierung" jüdischen Vermögens, verkaufte Alfred Abraham Schriesheimer Anfang September 1937 sein Anwesen Hauptstraße 1 für 10 000 Reichsmark an die Gemeinde Leutershausen. Gemäß Kaufvertrag hatte er das Anwesen, Wohnhaus und Nebengebäude, bis spätestens zum 1. Oktober zu räumen. Hatte das Haus in der jüdischen Tradition Leutershausens, wie erwähnt, eine besondere Rolle gespielt, so wurde es jetzt, wie zum Hohn, unter dem Namen „Horst-Wessel-Haus“ den Gliederungen der örtlichen NSDAP zur Verfügung gestellt, an deren Spitze als Ortsgruppenleiter Bürgermeister August Reinhard stand.
Wohin das Ehepaar Schriesheimer sich nach dem Auszug aus dem Haus begab, war bislang nicht mehr lückenlos zu ermitteln. Die Erinnerung von Zeitzeugen, man habe das Ehepaar in Heidelberg gesehen, ließ sich nicht belegen. Im März 1939 ist Schriesheimer in Karlsruhe nachweisbar. Er führte zu dieser Zeit seinen eigentlichen Vornamen Abraham mit dem Zusatz Israel, den er auf Grund der Verordnung vom 17. August 1938 zusätzlich zu führen hatte. So wurde auch sein Geburtseintrag im Leutershausener Standesregister am 8. Dezember 1938 durch den Ratschreiber mit der Bemerkung versehen: „Der Nebenbezeichnete hat zugleich den Vornamen Israel angenommen“. Seine Anwesenheit in Karlsruhe ergibt sich aus einem Gesuch, das er als Abraham Israel Schriesheimer, wohnhaft zu Karlsruhe, Kaiserstraße 122, an das Badische Ministerium der Finanzen und Wirtschaft richtete. Er nahm darin Bezug auf die Ablieferungspflicht von Gegenständen aus Edelmetall, der die Juden unterworfen waren. Schriesheimer bat darum, „ausnahmsweise“ seine goldene Taschenuhr behalten zu dürfen, die er gemäß der Verordnung über die Ablieferung jüdischen Vermögens bereits gemeldet habe. Es handle sich dabei um eine Uhr mit dünnem Gehäuse, die ihm vor 40 Jahren ein lieber Jugendfreund zum Andenken überlassen habe. Er sei nun 66 Jahre alt, unfallverletzt, mit künstlichem Bein und operiertem Arm und seit fünf Jahren krank. Da er gehbehindert sei, setze er sich, soweit es die Witterung erlaube, täglich in den Botanischen Garten oder in den Schlossgarten und da er sonst keine Taschenuhr besitze, würde ihm der Zeitmesser sehr fehlen. Die Unterschrift unter dem maschinenschriftlich verfassten Gesuch stammt nicht von seiner Hand, offenbar erlaubte ihm die erwähnte Operation das Schreiben nicht mehr. Das Badische Finanzministerium verwies Schriesheimer in seiner Antwort an das Reichsfinanzministerium, das in dieser Angelegenheit entscheidungsbefugt sei. Vom Anfang September 1939 stammt eine weitere Nachricht über das Ehepaar. Alfred Abraham Schriesheimer und seine Ehefrau hielten sich in jenen Tagen aus unbekanntem Anlass kurzzeitig im Hardheim bei Buchen auf. Von dort gingen sie am 10. September wieder zurück nach Karlsruhe.
In Karlsruhe schließlich gerieten Alfred Abraham und Emma Henriette Schriesheimer in die Fänge der Gauleiters Wagner, der die badischen Juden in der berüchtigten Abschiebeaktion vom 22. Oktober 1940 nach Gurs am Fuß der Pyrenäen verschleppen ließ. Im Lager Gurs, der „Vorhölle von Auschwitz“, teilte das Ehepaar das Schicksal der anderen dorthin Verschleppten. Männer und Frauen wurden voneinander getrennt. Was ihnen in den folgenden Jahren widerfuhr, ließ sich nicht mehr feststellen. Sicher ist, dass sie Anfang März 1944 ins Sammellager Drancy bei Paris kamen, um von dort am 7. März 1944 nach Auschwitz verbracht zu werden. Hier verliert sich ihre Spur.
Von Amts wegen erinnerte man sich an Alfred Abraham Schriesheimer, als am 18. Oktober 1948 der Leutershausener Ratschreiber den zehn Jahre zuvor von ihm selbst eingetragenen „Standesvermerk“ über die – erzwungene - Annahme des Vornamens Israel durch Alfred Abraham Schriesheimer im Standesregister für unwirksam erklärte. Mit dem „ehemaligen Haus Schriesheimer“ schließlich hatten sich Gemeindeverwaltung und Gemeinderat zu befassen. Im Januar 1951 kam der Vergleich mit der JRSO (Jewish Restitution Successor Organization) zu Stande, demzufolge die Gemeinde Leutershausen für den 1937 geschehenen Erwerb des Anwesens Schriesheimer eine Nachzahlung in Höhe von
8 000 DM zu leisten hatte. Beide Maßnahmen verblassen vor dem am Ehepaar Schriesheimer begangenen Verbrechen.
In Erinnerung gerufen wurde das geschehene Unrecht 1988 anlässlich der historischen Aufarbeitung des Schicksals der Karlsruher Juden. Die in diesem Zusammenhang entstandene, im Druck vorliegende „Gedenktafel“ der in den Konzentrations- und Vernichtungslagern ums Leben gekommenen Karlsruher Juden und das einige Jahre später errichtete Ehrenmal auf dem neuen israelitischen Friedhof zu Karlsruhe verzeichnen auch Alfred Abraham und Emma Henriette Schriesheimer, obwohl sie eigentlich keine Karlsruher waren. Vielmehr gerieten sie hier, wie andere Leidensgenossen, in die nationalsozialistische Verfolgungs- und Vernichtungsmaschinerie, der sie auch durch ihren Wegzug aus der angestammten Heimat in die Anonymität einer Großstadt nicht entkommen konnten. Die ehemalige Synagoge in Leutershausen wäre ein würdiger Ort, ihnen und den weiteren Leutershausener NS-Opfern in ihrem Heimatort ein namentliches Gedenken zu widmen.

(Rainer Gutjahr, Juni 2007)