Personendaten

Theodolinde Schlössinger (Theolinde Kaufmann, verh.)

Nachname: Schlössinger
abweichender Nachname: Kaufmann, verh.
Vorname: Theodolinde
abweichender Vorname: Theolinde
Geburtsdatum: 3. April 1908
Geburtsort: Waldshut (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Leopold und Bertha, geb. Heilmann, Sch.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Alfred Kaufmann
Adresse: Karl-Hoffmann-Str. 5
Kriegsstr. 163
Schule/Ausbildung: Lessing-Mädchengymnasium, Abitur 1926
Emigration: 13.6.1933 nach Belgien, Antwerpen
Deportation: 31.7.1943 von Malines nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

In Gedenken an Theodolinde Schlössinger und ihre Familie.

Diese Biografie ist Theodolinde Schlössinger, verheiratete Kaufmann, gewidmet, die ein Opfer des Holocaust wurde. Ihre persönliche Situation ist zu einem großen Teil vor dem Hintergrund der Stellung ihres Vaters Vaters Leopold Schlössinger nachzuvollziehen, was Theodolinde betrifft, bleiben auch nach der intensiven Nachforschung noch viele offene Fragen: Welchen Lebensweg hatte sie außer der Schule noch vor ihrer Ausreise nach Belgien? Welche Bindung hatte sie an ihre Mutter, die nicht die leibliche war? Wie ging sie als bereits Erwachsene mit der dritten Ehe des Vaters 1929 um? Was versprach sie sich von ihrem Leben in Belgien? Der Vater geriet nicht in die ersten nationalsozialistischen Judendeportationen, da ihn der Status der so genannten privilegierten Mischehe schützte.
Diese Biografie soll auch ihren Teil dazu beitragen, dass die zahllosen Opfer des Antisemitismus im Holocaust in Deutschland nicht vergessen werden, darunter Theodolinde Schlössinger.

Leopold Schlössinger
Leopold Schlössinger wurde am 9. Juli 1873 als Sohn des - wie Juden im Amtsdeutschen genannt wurden - Israeliten Abraham Schlössinger und Babette Schlössinger, geborene Bauer, in Neckarzimmern geboren. Als Kind besuchte er die Höhere Bürgerschule Mosbach, danach ein Gymnasium in Bruchsal, wo er seinen Abschluss machte, ab 1893 besuchte er die Technische Hochschule Karlsruhe und studierte Ingenieurswesen. Die Hauptthemen seines Studiums waren Mathematik, Festigkeitslehre, Entwerfen von Eisenbahnhochbauten, Agrarpolitik, Volkswirtschaftslehre und Brückenbau. 1895 unterzog er sich der Prüfung zur Vorbereitung zum öffentlichen Dienst und absolvierte schließlich 1897 seine wissenschaftliche Staatsprüfung erfolgreich. Auf dieser Grundlage fand er sogleich eine Anstellung bei der badischen Staatseisenbahn, legte am 7. März 1898 den Beamteneid ab. Es schloss sich eine praktische Ausbildungszeit beim Großherzogliches Eisenbahn-Baubüro Überlingen an, wo er sich einige Monate später beurlauben ließ, um den für höhere Absolventen möglichen einjährigen, anstelle des sonst geltenden dreijährigen, Wehrdienst zu leisten. Danach hatte er zwischenzeitlich immer wieder an kurzen militärischen Übungen teilzunehmen, sein Dienstgrad blieb ,,Gefreiter''. Bereits 1902 wurde er in Freiburg zum Regierungsbaumeister ernannt, von dort der Bahnbauinspektion in Waldshut am Hochrhein zugeteilt. Von da an war Leopold Schlössinger beruflich voll ausgelastet. Er bat 1905 um eine Versetzung, auch vor dem Hintergrund seiner Pläne zu einer Heirat. Dabei verlautbarte er offen, dass ihn die Arbeit sehr in Anspruch nehme. Eine Versetzung wurde ihm von der Generaldirektion aber nicht bewilligt.

Am 2. April 1907 heiratete er Bertha Heilmann, die am 25. Juli 1884 als Tochter von Salomon Heilmann und Lina Heilmann, geborene Harburger, geboren wurde, gleichfalls aus jüdischem Haus. Schon am 3. Februar 1908 kam ihre Tochter Theodolinde in Waldshut zur Welt. Ein Familienglück konnte sich nicht einstellen, denn schon kurz darauf am 31. Mai des gleichen Jahres verstarb seine Frau Bertha mit nur 24 Jahren. Damit war Leopold Schlössinger „alleinerziehender“ Vater, wenn es den Begriff seinerzeit dafür schon gegeben hätte. Vor dieser Situation aber wurde er jetzt nach Karlsruhe versetzt, da er hier Verwandtschaft hatte, auf die er sich mit seiner gerade einmal vier Monate alten Tochter Theodolinde stützen konnte. „Alleinerziehende“ Väter seinerzeit strebten meist eine schnelle Wiederverheiratung an, Mütter mit dem gleichen Schicksal hatten es damals wesentlich schwerer. Aber erst am 2. Mai 1912 heiratete er nochmals, Mathilde Flegenheimer, die am 4. November 1875 als Tochter jüdischer Kaufmannseltern in Mannheim geboren wurde. Es lässt sich vermuten, dass er sich persönlich um seine Tochter Theodolinde seit dem Tod der ersten Ehefrau kaum selbst umfangreich gekümmert haben kann, angesichts seiner beruflichen Einspannung. Wieweit die von ihm genannte Hilfe bei der Erziehung reichte, bleibt aber unklar. Obgleich die „Stiefmutter“ ein oft böses Klischee war, das ganz und gar nicht der Realität entsprach, hätten wir zu gerne gewusst, wie sie und die heranwachsende Theodolinde sich verstanden.



Noch im Todesjahr seiner Frau Bertha, am 17. Oktober 1908, war er zum Regierungsbaumeister befördert worden mit dem Titel ,,Bahnbauinspektor zur Generaldirektion der Staatseisenbahnen'' Abteilung 1D, 1911 erreichte er die Position eines Oberbauinspektors. Die berufliche und vermutlich familiäre Belastung ging nicht spurlos an ihm vorüber. Im Sommer 1911 hatte ein Bahnarzt bei ihm nervöse Leiden diagnostiziert und hielt eine Erholung für dringend notwendig. Eventuell half ihm die Wiederverheiratung aber mehr als jede Kur.

Leopold Schlössinger fand im Ersten Weltkrieg offensichtlich keine Verwendung als Soldat. Ob aus Untauglichkeit oder vermutlich eher als unabkömmlich in seiner Stellung, muss offen bleiben. 1916 erhielt er das Kriegsverdienstkreuz. Dies war eine Auszeichnung für diejenigen, die nicht an der Front kämpften, aber durch Einsatz in der Heimat ebenfalls Anstrengungen zur Unterstützung im Krieg leisteten. Dies dürfte auf Leopold Schlössinger in seiner Tätigkeit bei der Eisenbahn zugetroffen haben, die mit Nachschub- und Verwundetentransporten große Aufgaben zu bewältigen hatte.
Der Übergang vom Großherzogtum auf die Republik veränderte zunächst nicht viel in seiner Arbeit. Doch eines, die badische Staatseisenbahn wurde in die Deutsche Reichsbahn eingegliedert, die frühere Generaldirektion der Großherzoglichen Eisenbahn in Karlsruhe, war „nur“ noch eine von mehreren Bahndirektionen im Deutschen Reich. Auch musste er den Beamteneid leisten, anstelle auf den Großherzog nun auf die Republik.

Am 21. Juli 1923 wurde Leopold Schlössinger zum Vorstand des Bahnunterhaltungsbüros ernannt. Er hatte inzwischen auch eine stattliche Gehaltsstufe erreicht, 14.500 M jährliches Grundgehalt erlaubten ein sehr gutes bürgerliches Leben. Wie dieses für die Familie genau aussah, verbirgt die spröde Personalakte jedoch leider vollständig. Eine weitere höhere Position sollte er auch nicht mehr erreichen. In der politischen Krise der Weimarer Republik in den Anfangsjahren vor dem Hintergrund der Reparationszahlungen, der nach deren Verweigerung 1923 die zuvor angedrohte französische Besetzung des Ruhrgebiets folgte, verschlimmerte sich die wirtschaftliche Krise. Der Staat versuchte durch Einsparungen entgegen zu steuern, Einsparungen unter anderem durch Abbau seiner eigenen Beamten. Ab dem 1. März 1924 war Leopold Schlössinger in den einstweiligen Ruhestand versetzt: „Auf Grund des Artikels 3 der Personal-Abbau-Verordnung vom 27. Oktober 1923 (RGBl I S.999) in Verbindung mit Artikel 1 Ziffer III werden Sie unter Bewilligung des gesetzlichen Wartegeldes mit Ablauf des 29. Februar 1924 einstweilen in den Ruhestand versetzt“, wurde ihm beschieden. Leopold Schlössinger erhielt aufgrund seiner Beamtenjahre eine Ruhestandspension, die sich auf etwa Dreiviertel des Betrages bei normalem Erreichen der Pensionsgrenze ergeben hätte. Ob sich diese Maßnahme für den Staat rechnete, mag eine Frage sein. Die andere Frage aber, ob und wie Leopold Schlössinger sich damit arrangierte und was es für Frau und Tochter mit sich brachte bleibt unbeantwortet. Sein Ruhestandsgeld, während der Brüningschen Notverordnungen nochmals gekürzt, betrug 1931 etwas mehr als 594 RM. Etwa doppelt so viel wie ein Facharbeiter verdiente, aber deutlich weniger, als er mit einer ununterbrochenen Berufslaufbahn verdient hätte.

Am 23. Juli 1929, starb Mathilde Schlössinger, seine zweite Ehefrau. Sie wurde nur 45 Jahre alt. Tochter Theodolinde war da schon 21 und auch nach dem Gesetz erwachsen.
Leopold Schlössinger verheiratete sich ein drittes Mal, am 19. Dezember 1929 mit Frida Hartmann. Frida Hartmann war am 14.05.1882 in Ilshofen/Schwäbisch Hall geboren, sie war protestantischer Konfession.

Seit dem 1. Mai 1933 wurde aus dem „einstweiligen“ Ruhestand des 59-Jährigen ein „endgültiger“ Ruhestand. Merkwürdigerweise gibt seine Dienstakte keinen näheren Aufschluss dazu. Es muss aber der Grund im nationalsozialistischen Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom April 1933 liegen, demnach Juden aus dem Staatsdienst zu entlassen waren. Für Leopold Schlössinger änderte dies tatsächlich aber kaum etwas an seinem Status, der bereits zuvor „Ruhestand“ war. Wie er darüber hinaus die fortschreitende Diskriminierung von Juden erlebte, wissen wir nicht. Noch 1933, im September, zog er mit seiner Ehefrau nach Heidelberg. Da lebte Theodolinde bereits nicht mehr in der gemeinsamen Wohnung in der Karl-Hoffmann-Straße 5.
Diese Ehe rettete ihn 1940 davor, dem Schicksal von über 6.500 badisch-saarpfälzischen Juden folgen zu müssen, die am 22. Oktober 1940 in das besiegte Frankreich deportiert wurden und in das Lager Gurs kamen. Von dort kamen die meisten seit dem Sommer 1942 in die Vernichtungslager. Die Ehe mit seiner Frau Frida, die Christin war, galt nach den Nürnberger Rassegesetzen als „privilegierte Mischehe“. Der jüdische Partner fiel so zunächst nicht unter die Deportationen seit 1940. Doch die Nationalsozialisten deportierten sogar noch 1945 im Februar, kaum zwei Monate vor Kriegsende in Südwestdeutschland die letzten Juden dieser Verbindungen nach Theresienstadt. Leopold Schlössinger wäre darunter gewesen.
Doch er war eines natürlichen Todes in Heidelberg am 18. Mai 1942 mit 69 Jahren gestorben.

Festhalten lässt sich noch, dass Leopold Schlössinger offenbar etwa 1938 zumindest an eine Auswanderung aus Deutschland dachte, weil er Jude war. Er durchdachte eine Möglichkeit der Übersiedelung zur Tochter Theodolinde, die im Ausland lebte. Oder war es Theodolinde, die ihm dies vorschlug? Schließlich lehnte er dies doch ab: ,,Meine Frau“, so schrieb er im Dezember 1938 an die Eisenbahnpensionskasse, „wird diese Auswanderung, die für sie keine Notwendigkeit sein würde, kaum dauernd durchhalten wollen. Sie würde eine gesicherte Existenz aufgeben, auf die sie durch meine Heirat im Jahre 1929 Aussicht hatte.'' Im gleichen Brief fragt er auch noch an, ob es eine Möglichkeit gebe, seinen Teil der Ruhebezüge auf sie zu übertragen. Als Antwort bekam er die Mitteilung, dass dies möglich wäre, wenn er vom deutschen Konsulat eine Bescheinigung erhalten würde, dass er keine deutsche Staatsangehörigkeit mehr besitze. Des Weiteren müsse sich die Ehefrau im Inland aufhalten.

Leopold Schlössinger war ein ehrgeiziger Mann, der seinen Beruf im Eisenbahnbauwesen sehr ernst nahm. Juden im Staatsdienst waren eher die Ausnahme. Juden waren um 1900 fast immer noch überwiegend im Kaufmannsbereich tätig; wenn es Akademiker waren, waren sie hauptsächlich in freien Berufen, zum Beispiel als Rechtsanwälte oder Ärzte, zu finden. Dass Leopold Schlössinger als Beamter im technischen Bereich war, ist nochmals eine eher seltene Ausnahme. Nicht nur im Beruf war er bemüht, Bestes zu leisten. Als Vater einer Tochter, deren Mutter, seine Ehefrau, früh starb, war es sicher nicht leicht für ihn, sie zusammen mit seiner zweiten Ehefrau großzuziehen. Dass dennoch ein gutes Verhältnis bestanden zu haben scheint, lässt sich eventuell in der Geschichte von Theodolinde Schlössinger im Folgenden erkennen.

Theodolinde Babette Schlössinger
Obwohl der Geburtsname Theodolinde Babette Schlössinger war, taucht sie in den Akten auch als Theolinde und sogar Theolinda auf. Theodolinde Babette Schlössinger wurde am 3. Februar 1908 in Waldshut geboren, wie bereits bemerkt, und wuchs recht bald danach in Karlsruhe auf.
Nach der Grundschule besuchte sie das Lessing-Mädchengymnasium Karlsruhe und machte dort ihr Abitur im Jahr 1926. Ob sie einen Plan für ein Studium oder einen Beruf hatte und diesen nicht umsetzen konnte, wissen wir nicht. Jedenfalls ließ sich diesbezüglich nichts feststellen und anscheinend kam der Vater für ihren Unterhalt auf. Fast scheint es, dass sie seit der dritten Ehe des Vaters nicht mehr in dessen Haushalt lebte.
Am 13. Juni 1933 verließ sie Deutschland und ging nach Antwerpen in Belgien, zunächst mit einem zuvor in Frankfurt am Main besorgten Visum für zwei Jahre. Ihre Motive dafür bleiben unklar, vermutlich war es nicht der diskriminierende Antisemitismus der neuen Machthaber seit 1933. Als Ausländerin erhielt sie keine Arbeitserlaubnis in Belgien. Aber ob sie diese überhaupt anstrebte, muss offen bleiben. Vor der Fremdenpolizei in Antwerpen gab sie an, vom Vater monatlich 1.000 belgische Francs zu erhalten. Sie lebte in einem möblierten Zimmer für 250 Francs in der Gretzrysstraat 14. Das war alles nicht rosig, wenn man dies als Äquivalent für ca. 120 RM berechnet, aber passabel. Es scheint, dass sie von Beginn an vorhatte, sich in Belgien niederzulassen. Sie beantragte im Dezember 1933 eine Identitätskarte und gab dabei an, dass sie in Belgien leben wolle, nicht vorhabe, eine Arbeit anzunehmen. Ob sie dies nur sagte, weil die Arbeitsannahme durch Ausländer staatlich unerwünscht war? Die regelmäßig notwendige Registrierung durch die städtische Fremdenpolizei erfolgte anstandslos. Als das Visum 1935 ablief, erhielt sie ein neues, regelmäßig. Allerdings immer nur für drei Monate, was sicherlich lästig und nervenaufreibend war. Im Sommer 1935 plante sie einen dreiwöchigen Urlaub in Haute Savoie in Frankreich und erbat über einen Rechtsanwalt, ihr Zertifikat verlängern zu lassen und ein Visum zu erteilen, damit sie nach ihrem Urlaub wieder zurück nach Belgien kehren konnte. Diesem Antrag wurde stattgegeben. Die Visa wurden auch die folgenden Jahre immer wieder für drei Monate verlängert. Inzwischen hatte sie einen Fremdenpass. Denn ihre deutsche Staatsbürgerschaft hatte sie mittlerweile verloren, die belgische nicht erhalten und so galt sie als staatenlos. Was machte Theolinde Schlössinger, wie verbrachte sie ihre Zeit in Belgien? Dazu lässt sich nicht einmal mutmaßen.
Jedenfalls hatte sie inzwischen einen Mann kennengelernt, einen deutschen Juden, Alfred Kaufmann.

Alfred Kaufmann war der Sohn von Siegried Kaufmann (dieser wurde am 20. April 1941 von Frankfurt am Main in das Ghetto von Lodz im besetzten Polen deportiert und kam um) und Paula Kaufmann, geborene Leopold. Geboren war er am 27. Juli 1905 in Frankfurt am Main, war deutscher Staatsbürger.
Seit dem 16. November 1933 lebte Alfred Kaufmann in Luxemburg, war Korrespondent und Vertreter von Verlagen. Ab Oktober 1935 war er Vertreter der Firma N.V. van Ditmar’s Boeken Import – Bücher, Zeitungen und Zeitschriften - in Amsterdam, Holland, und dabei beruflich oft für einige Monate in Belgien unterwegs. Für N.V. Van Dittmar's war er ein wertvoller Fachmann für den Import von englischen, französischen und deutschen Büchern. Ab dem 3 . Februar 1936 ist er in Belgien wohnhaft, in der Stadt Antwerpen, in der Capuzienerstraat 9. Am 22. Mai 1937 verheiraten sich Alfred Kaufmann und Theodolinde Schlössinger. Kinder sollten keine aus der Ehe hervorgehen.
Nun finden wir Hinweise darauf, dass Theodolinde zwischenzeitlich auch als Fremdsprachenkorrespondentin und Privatsekretärin arbeitete. Vermutlich ging es dem Ehepaar recht gut.

Doch das änderte sich im September 1939. Mit dem Kriegsbeginn am 1. September 1939 und den anschließenden Kriegserklärungen Frankreichs und Englands galten verschärfte Bestimmungen gegen Ausländer wie Alfred und Theodolinde Kaufmann. Alfred Kaufmann bekam sein Visum nur noch tageweise verlängert, was seine Vertretertätigkeit für die niederländische Firma in Frage stellte, die mehrmals zu seinen Gunsten - für ihr eigenes Interesse - intervenierte. Als Deutschland im Mai 1940 den Krieg begann und dabei die neutralen Niederlande und Belgien überrannte, wurde die Lage noch schlimmer. Als staatenloser Jude war Alfred Kaufmann von der Internierung durch belgische Behörden bedroht. Ob er dies tatsächlich erlebte lässt sich nicht belegen, aber es ist wahrscheinlich. Diese Internierten wurden vor den vorrückenden deutschen Truppen von den belgischen Streitkräften nach Frankreich verbracht und dort in französischen Lagern interniert. Auf diese Weise waren zahlreiche deutsche Juden aus Belgien in das Lager St. Cyprien am Mittelmeer gekommen. Über Alfred Kaufmann lässt sich allein feststellen, dass er in Frankreich zuletzt in Toulouse war, zum Zeitpunkt als Frankreich bereits besiegt war und Toulouse zur unbesetzten Zone gehörte. Nachweislich kam er von dort nach Belgien zurück, registriert am 8. September 1940 in Antwerpen. Wie dies gelang, bleibt offen. Belgien war inzwischen deutsch besetzt. Theodolinde war am Leben und unversehrt. Seit Januar 1941 wohnten beide dann in Saint Josse-ten-Noode bei Brüssel. Es muss zwischenzeitlich wieder eine Trennung gegeben haben. Im Oktober 1941 lebte Theodolinde gemäß amtlichem Vermerk der Fremdenpolizei in Schaerbeek bei Brüssel, wo sie wieder von Antwerpen zugezogen sein soll. Ein Hinweis auf Alfred Kaufmann findet sich dabei nicht. Er war nämlich zuletzt noch in Saint Josse-ten-Noode geführt.
Die nationalsozialistische Judenverfolgung beendete schließlich das Leben der Beiden.
Seit dem Sommer 1942 rollten auch aus Belgien Eisenbahntransporte nach Auschwitz. Theodolinde wurde im folgenden Jahr, am 8. Juli 1943 in das Sammellager Malines überführt. Von dort fuhren die Transporte in die Vernichtungslager. Am 27. Juli 1943 war Theodolinde, verheiratete Kaufmann, im Transport nach Auschwitz. Dort kam der Zug am 31. Juli 1943 an. Mit hoher Wahrscheinlichkeit starb sie direkt bei der Ankunft dort im Gas, mit 35 Jahren,

Alfred Kaufmann lebte zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr. Nachzuvollziehen ist seine Verbringung in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich bereits lange vor Theodolindes Deportation, am 17. Juli 1942. Dort ist sein Tod genau am 27. Juli 1942, seinem 37. Geburtstag und nur 11 Tage nach Verbringung in das KZ, registriert.

Nachtrag:
Frida Schlössinger, die dritte Ehefrau Leopold Schlössingers, stellte in der Nachkriegszeit Anträge auf Wiedergutmachung. Sie gab darin an, nicht die vollen Lebensmittelmarken und ungenügende Arzneimittel erhalten zu haben, weil sie mit einem Juden verheiratet war. Außerdem waren ihr und ihrem Mann 1939 Edelmetalle in Form von Silber und Gold abgenommen worden sowie ein Radio, Leopold Schlössinger habe den Judenstern tragen müssen, obwohl er wegen der Heirat mit ihr davon eigentlich ausgenommen gewesen wäre. Ihr Antrag auf Entschädigung wurde zunächst abgelehnt, erst nach weiterer Auseinandersetzung wurde ihr 1962 ein Entschädigungsbetrag zugesprochen. In dem über lange Zeit geführten Verfahren kam sie nie auf Theodolinde zu sprechen.
Frida Schlössinger starb am 21. November 1962 im Alter von 80 Jahren in Stuttgart.

(Denise Jezak, 12. Klasse Lessing-Gymnasium, Dezember 2013)