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Julius Scharff, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Julius Scharff

Nachname: Scharff
Vorname: Julius
Geburtsdatum: 18. August 1879
Geburtsort: Landau (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Eduard und Regina, geb. Roos, Sch.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Helene Sch.;

Vater von Ilse;

Bruder von Klara Viktoria (1876-1940), Friedrich (1879-1964) und Wilhelm (1885-1968)
Adresse: 1912: Douglasstr. 18
1914: Amalienstr. 24
1919: Kriegsstr. 105
1929: Amalienstr. 24
1931: Gartenstr. 3a
1938: Ritterstr. 3
1940: Stephanienstr. 9
Schule/Ausbildung: Realschule, 4 Jahre
Beruf: Kaufmann, Lebensmittelhändler (Teilhaber der Kolonialwaren- und Weinhandlung Gebrüder Scharff)
Handelsvertreter
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Les Milles (Frankreich)
19.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familie Scharff

Rückblick
Spätestens seit dem Mittelalter um das Jahr 1000 war das Rheintal zwischen Basel und Köln von Menschen jüdischen Glaubens besiedelt, mit urbanen Schwerpunkten wie z.B. Speyer, Worms, Mainz, Köln. Bekanntlich wechselten sich Zeiten von Duldung mit solchen Zeiten ab, in denen Pogrome unbeschreiblichen Ausmaßes und Brutalität das Verhältnis von Christen zu Juden kennzeichneten. Durch den Übergang des ursprünglichen kaiserlichen Judenregals - d.h. der Anerkennung als unmittelbare „Schutzjuden“, gegen Geldleistung - im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation auf einzelne Landesfürsten bereits im 13. Jahrhundert, gab es zu verschiedenen Zeiten eine jeweils unterschiedliche Ansiedelungspolitik. Nach 1700 hatte sich eine breitere jüdische Besiedlung auf dem Land ergeben, wie sie noch bis in die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert bestand und sogar bis zur Vernichtung des jüdischen Lebens in Deutschland nach 1933 nachweisbar war. So existierten in der heutigen Vorderpfalz mit den seinerzeit verschiedenen Landesherrschaften der Kurpfalz, später Königreich Bayern, dem Fürstbistum Speyer und Zwischenzeiträumen französischer Zugehörigkeit, zuletzt von 1794 bis 1815, zahlreiche Landgemeinden mit einer jüdischen Gemeinde. Mit der Industrialisierung und der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts zogen Juden noch vermehrter als Nichtjuden in die Städte. In der Vorderpfalz erlebte Landau nach Schleifung seiner Vaubanschen Festungsanlagen nach 1871 einen Aufschwung. Zahlreiche Juden aus den umliegenden südpfälzischen Gemeinden ließen sich nieder. Entsprechend dem Verlauf von Wall und Graben der ehemaligen Festungsanlage entstanden auch in Landau u.a. die so genannten Ringstraßen.
Vor allem um die Jahrhundertwende waren Landauer Juden deutlich an dem rapiden Wandel einer sich öffnenden Stadt beteiligt. Der florierende jüdische Weinhandel, verbunden mit einer regen Bautätigkeit an den Ringstraßen und die Realisierung einer großen Synagoge sind nur Stichworte dieser Entwicklung.
Ein Gebäudeplan der Stadt Landau zeigt als eine von vielen Weinhandlungen die „Fa. Heinrich Scharff u. Sohn“. Ihr jüdischer Inhaber gehörte zu den wohlhabendsten Bürgern der Stadt. Zwar gab es verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie Julius Scharff, die im Folgenden porträtiert wird, doch die waren nur noch indirekt. Die elterliche Familie von Julius Scharff gehörte zu den zugewanderten ärmeren Landjuden, die es in der ersten Generation nicht zu Vermögen und sozialen Aufstieg schafften.

Die familiären Zusammenhänge
Julius Scharff wurde am 18. August 1879 in Landau geboren als Sohn des ursprünglich 1847 in Essingen - heute Stadtteil von Landau - geborenen Eisenhändlers Eduard Scharff (gestorben 1913 Landau). Julius’ Mutter Regina, geborene Roos, war 1854 in Ingenheim i.d. Pfalz geboren.
Julius hatte eine drei Jahre ältere Schwester, Klara Viktoria, später verheiratete Heller, die kurz nach der Deportation nach Gurs im Oktober 1940 dort im November verstarb. Sein Bruder Friedrich (Fritz), 1881 in Landau geboren, konnte noch 1938 nach Kuba bzw. in die USA auswandern und starb dort 1968.
Julius Scharff wuchs in Landau auf, besuchte dort die Schule, darunter vier Jahre die Realschule. In seiner späteren Volkskarteikarte von 1939 gibt er als erlernten Beruf „Lebensmittelgroßhändler“ an. Ebenfalls aus dieser Quelle geht hervor, dass er sich „im Jahre 1904 ein Jahr in Paris zur kaufmännischen Ausbildung und Erlernung der (französ.) Sprache“ aufgehalten hat. 1912 machte sich Julius Scharff zusammen mit seinem Bruder Friedrich in Karlsruhe selbständig, dazu unten mehr.

Zu Beginn seiner Existenzgründung hatte sich Julius Scharff am 23. Februar 1914 in Frankfurt a.M. mit der Kontoristin Helene Martha Blum verheiratet. Sie war dort am 29. Mai 1890 zur Welt gekommen als Tochter des Kaufmanns Elias Blum, geboren 1855 in Bodenheim bei Oppenheim am Rhein, und seiner Ehefrau Mathilde, geborene Mayer, geboren 1869 in Frankfurt a.M. Beide Elternteile waren gleichfalls jüdischer Religion. Ein weiteres Kind der Familie Blum bzw. Schwester von Helene Scharff war Alice Blum, später verheiratete Loewenberg, geboren am 16. November 1891 in Frankfurt a.M.
Aus den spärlichen Unterlagen geht hervor, dass Helene die Höhere Töchterschule und anschließend die Höhere Handelsschule besucht hatte. Ihre berufliche Tätigkeit als Kontoristin gab sie entsprechend dem damaligen Rollenverständnis nach der Verheiratung auf und blieb Hausfrau und Mutter.
Julius Scharff hatte als gebürtiger Landauer die bayerische Staatsbürgerschaft inne und nach der Heirat damit auch seine Ehefrau. Formell ließ er diese zum 1. Januar 1919 in die badische ändern. Ein reiner Routinevorgang für die Behörden. Für die Familie aber wird damit deutlich, dass sie ihren Lebenspunkt in Karlsruhe hatte und nicht an einen Wegzug dachte.
Am 14. August 1920 wurde Ilse, die einzige Tochter, in Karlsruhe geboren.

Auffällig ist, dass die Familie von Beginn an in Karlsruhe häufig die Wohnadresse wechselte. Vielleicht ist dies auch bereits ein Hinweis auf geschäftliche Probleme?
Bedauerlicherweise existieren keinerlei Belege oder Nachweise aus der ganz persönlichen Lebensführung der drei Scharffs, wie z.B. ein Lebenslauf oder auch Briefe, Zeugnisse, Erlebnis- oder Erfahrungsberichte. So lassen sich keine besonderen Aussagen über ihr persönliches wie gesellschaftliches Leben treffen. In das jüdische Gemeindeleben waren sie eingebunden. So war Julius Scharff seit 1919 im Vorstand des Israelitischen Männerkrankenvereins. Auch dem Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein - dieser für unser heutiges Verständnis überraschend anmutender Fakt liegt darin begründet, dass es sich nicht um einen im politischen Sinne verstandenen Frauenverein handelt, so dass Männer im vorstand und in Funktionen waren - gehörte er an. Als besonderes Amt übte er mindestens in den 1930er Jahren das des Rechners des jüdischen Erholungs-Kinderheims in Bad Dürrheim aus - des zu Ehren des Großherzogspaars 1906 gestifteten Friedrich-Luisen-Hospizes -, das eine bedeutende Sozialeinrichtung für alle badischen jüdischen Gemeinden war. Das heißt, ihm wurde auch eine besondere Verantwortung anvertraut. Auch Helene war aktiv im jüdischen Vereinsleben, war Mitglied im Israelitischen Frauenverein und im Frauenwohltätigkeitsverein.

Tochter Ilse war Volksschülerin im St.-Hedwigshaus in der Sophienstraße 69/71, einer katholischen Bildungs- und Hauswirtschaftsanstalt betreut von Nonnen des Klosters „Maria Hilf“, Bühl, blieb danach 1936/37 in der dortigen Fortbildungsschule. Bemerkenswert ist, dass sie eine katholische Einrichtung besuchte. So blieben ihr vielleicht antisemitische Anpöbeleien in der Schule erspart, wie sie andere jüdische Kinder unmittelbar erlebten. Bemerkenswert ist aber der Umstand, dass die im jüdischen Gemeindeleben engagierten Eltern keine Berührungsängste zum Katholizismus gehabt zu haben scheinen. Die katholische Einrichtung wiederum unterschied nicht nach „rassischen“ Gesichtspunkten, so dass keine Separierung „nichtarischer“ Schüler stattfand, im Gegensatz zu den normalen Volksschulen, die ab 1936 keine jüdischen Schüler mehr besuchen durften. Im Mai 1937 stellten die Eltern Scharff für Ilse einen Reisepassantrag auf zwei Jahre. Grund war, dass Ilse nach England gehen sollte, um dort noch im Juni 1937 einen Jahreskurs in einer Schule zu besuchen, dem „Highbury Home“ in London, N.W.3. Um was für eine Schule, außer offensichtlich einer Haushaltungsschule, es sich genau handelte, ließ sich nicht feststellen. Offen muss auch bleiben, ob eventuell bereits der Gedanke eine Rolle spielte, die Tochter im Ausland zu haben und gegebenenfalls nachzukommen. Bruder Friedrich Scharff bereitete zu diesem Zeitpunkt seine Emigration aus Deutschland vor. Nachweislich wurde der beantragte Pass für Ilse 14 Tage später anstandslos ausgehändigt. Nicht belegbar aber ist, dass Ilse die Reise nach England angetreten hätte. Womöglich kam im letzten Augenblick etwas dazwischen.

Aus dem Erwerbsleben von Julius Scharff
Über die frühen Jahre der Firma von Julius und Friedrich „Gebrüder Scharff“ liegen wenig gesicherte Erkenntnisse vor.
Laut einem Brief von Julius Scharff vom 11. Juni 1938 an das Amtsgericht Karlsruhe, sei es 1912 zusammen mit seinem Bruder Friedrich zur Firmengründung mit Stammhaus in Landau / Pfalz und Filialen in Karlsruhe und München gekommen. Tatsächlich ließ sich dies weder in Landau noch in München nachweisen. Sicher ist aber, dass die Firma als „Gebrüder Scharff“ anfangs mit dem Zusatz „Kolonialwaren und Weine en gros“, später als „Lebensmittelhandlung und Großhandel“ mit den beiden gleichberechtigt haftenden Gesellschaftern als OHG seit 1912 in Karlsruhe existierte. Unsere nicht zu belegende Vermutung ist, dass Julius und Friedrich Scharff zuvor bei der genannten Weinhandlung „Heinrich Scharff“ gearbeitet hatten, die tatsächlich über Filialen im südwest- und süddeutschen Raum verfügte, und schließlich 1912 nach Karlsruhe zogen und sich selbstständig machten.

Der Umfang dieser Geschäftstätigkeit ist mangels vorliegender Zahlen schwer einschätzbar. Julius Scharff schrieb 1938 von „erheblichen Umsätzen“ und bedeutenden Lebensmittelan- und -verkäufen vor und auch während der Zeit des 1. Weltkriegs. Offensichtlich hatte das Brüderpaar versucht, einen sehr groß angelegten Handel aufzuziehen und dazu das in dieser Zeit sich ausdehnende Filial-System umzusetzen. Zu Beginn des Weltkriegs hatten die Brüder neben ihrem Bürobetrieb Filialen in der Amalienstraße 27, in der Bernhardstraße 8, in der Rheinstraße 34a und in der Wilhelmstraße 30. Das Stadtgebiet Mitte, Ost, West und Süd war so abgedeckt.
Doch nach Ende des Weltkriegs gab es 1919 die Filiale in der Südstadt nicht mehr und ab 1922 gab es keinerlei Filialen mehr. Von da an wurde der Großhandel nur noch mit dem eigenen Büro in der Kriegsstraße 200, ab 1927 in der Sophienstraße 36 und ab 1931 in der Gartenstraße 3a abgewickelt. Zu diesem Zeitpunkt muss man das Geschäft eher als eine Handelsvertretung bezeichnen denn als wirklichen Großhandelsbetrieb. Möglicherweise hatten wirtschaftliche Bedingungen die großen Pläne zunichte gemacht. Immerhin waren die Brüder durch ihre kompetente Vertretungstätigkeit noch in der Lage, sich und ihre Familien zu ernähren.

Offensichtlich ist, dass das Geschäft der Gebrüder Scharff wirtschaftliche Schwierigkeiten hatte. Dies wurde nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten durch den so genannten Judenboykott noch verschärft. Längst hatten die beiden Scharffs keine Angestellten mehr, sondern holten ihre Aufträge und Vermittlungen durch Reisetätigkeit zu Kunden und potentiellen Kunden, eine mühselige Vertretertätigkeit. Eine feste Größe war eine übernommene Vertretung für die schon genannte Firma „Heinrich Scharff & Söhne“, Verkauf von Weinen, Spirituosen, Kolonialwaren und Bonbons an Kleinhändler gewesen, die sie von 1927 bis 1935 innehatten und monatlich 900 bis 1.200,- RM Einkommen gebracht hatte. Die beiden Brüder lösten die Gesellschaftsform OHG offiziell 1937 auf, Friedrich Scharff war bereits in den Vorbereitungen einer Emigration, ließen aber den Firmennamen bestehen unter dem Julius Scharff weiterarbeitete, während Friedrich die letzten Monate allein unter seinem Namen Aufträge vermittelte. Ende 1937 begannen Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwierigkeiten zu bereiten. Die Firma „Gebrüder Scharff“ war 1912 in das Handelsregister eingetragen worden. Dies war verpflichtend für Gesellschaften und für größere Betriebe. Nun aber drang die IHK beim Amtsgericht Karlsruhe, das das Handelsregister führte, auf die Löschung daraus, da sie den Betrieb als Kleinstbetrieb wertete. Zu fragen wäre, ob die IHK durch ihre Geschäftsführung alleine darauf kam. Auch angenommen werden könnte, dass Konkurrenz aus der Branche auf Löschung insistierte. Bekanntermaßen bedeutete die „Arisierung“ im Handel das Ausscheiden eines (jüdischen) Mitbewerbers. Doch geben die Akten keine Auskunft über die tatsächlichen Motive. Eindringlich sichtbar aber wird das verzweifelt zu nennende Bemühen von Julius Scharff gegen alle Widerstände und staatliche Ideologie seine berufliche Existenz und damit seine zumindest materielle Lebensgrundlage vor dem Ruin zu retten bzw. zu erhalten, so weit und so lange es denn möglich war. Ihm kam es darauf an, den eingeführten Firmennamen und den Handelsregistereintrag „Gebrüder Scharff“ zu behalten, weil er sich damit offensichtlich bessere Optionen versprach, überhaupt auch, im Ausland tätig zu sein, was eine seiner Geschäftsgrundlagen bildete.
In mehreren Schreiben versuchte er immer wieder, das Register-Gericht von der Bedeutung seiner diversen Geschäfte und Geschäftsverbindungen und künftig zu erwartenden Geschäftsabschlüssen darzulegen. dies auch vor dem Hintergrund des Reichsinteresses nach Erlangung von Devisen. Die von ihm aufgezeigten einzelnen Verkaufserfolge belegen fast noch deutlicher, wie schlimm seine Situation war, die Verzweiflung, einfach alles zu verkaufen, was möglich war. Da 1.000 Dosen Wasserglas (Haltbarmachungsmittel) nach Strasbourg, dort Backextrakt nach Steigerwald, dann Mostäpfel franko Kehl, einmal Beleuchtungsmittel für das E-Werk Strasbourg usw. usf. Das Handelsregistergericht ließ sich wiederholt Geschäftsberichte und -erwartungen vorlegen, die, wenn sie so nicht eintrafen, wie Julius Scharff optimistisch dargelegt hatte, von ihm mit besonderen Umständen wie bspw. Franc-Abwertung etc. erklärt wurden. Währenddessen drang die IHK wiederholt auf die Löschung und schaffte es durch beharrlichen Druck, dass Julius Scharff im November 1938 seinen Reisepass nicht mehr verlängert bekam. Dies war aber Voraussetzung für seine Handelsvertretungstätigkeit, die überwiegend im französisch-deutschen Grenzgebiet stattfand. Die Scharff vom Handelsregistergericht zuletzt gesetzte Frist für Anfang Januar 1939 wurde obsolet.

Deportation, Lager und Ermordung
Nach der Reichspogromnacht 1938 folgte die erzwungene „Arisierung“ aller jüdischen Geschäfte zum 31. Dezember 1938. Damit war die geschäftliche Existenz von Julius Scharff in Deutschland ohnehin vernichtet. Die Tätigkeit im Ausland hätte er formal noch weiter ausüben können. Doch am 7. März 1939 ließ ihm das Handelsregistergericht die Aufforderung zur Firmenlöschung zukommen. Diese wurde formal am 20. März ausgeführt.

Bruder Friedrich Scharff, der nach der Verselbständigung 1937 Handelsvertretungen für Firmen vor allem im speyerischen Raum übernommen hatte, verließ Deutschland nach längerer Vorbereitung am 20. April 1938 mit dem Dampfer „Washington“ nach New York. Bis April 1938 war er ledig geblieben. Erst am 8. April 1938 hatte er in Baden-Baden die 1892 in Altdorf/Lahr geborene Paula Wertheimer geheiratet. Eventuell war es eine Heirat, die einer weiteren Person durch die Ehepartnerschaft zur Ausreise verhelfen sollte? Paula Scharff konnte ihrem Mann 1939 in die USA nachfolgen. Ohne Verheiratung hätte sie auf einer längeren Einwanderungsliste womöglich jahrelang warten müssen, wie zahlreiche Juden in Deutschland und womöglich wäre die Deportation 1940 zuvor erfolgt.

Inzwischen wohnte Familie Scharff seit dem August 1939 in der Stephanienstraße 9, im I.OG als Mieter in einem Haus, das dem „Israelischen Landesstift“ gehörte. Im Krieg wurde es bei einem Luftangriff durch einen Bombentreffer total zerstört. Nach einem neuen Mietgesetz vom April 1938 sollten Juden nicht mehr in „arischen“ Häusern wohnen, sondern in so genannten Judenhäusern.

Auch Familie Scharff sah in Deutschland für sich keine Zukunft mehr, wollte auswandern. Zugleich war es erklärtes Ziel des Nationalsozialismus zu diesem Zeitpunkt, Juden aus Deutschland zu vertreiben. Die Schwester Alice von Helene Scharff hatte nach ihrer Verheiratung in Solingen-Ohligs gelebt und war noch vor Kriegsbeginn 1939 nach Südamerika, nach Argentinien emigriert. Ofensichtlich war dies der Anlass, dass die Scharffs versuchten ebenfalls nach Südamerika zu gelangen.

Im August 1939 stellten die drei Scharffs Ausreiseanträge nach Chile. Am 23. November 1939 bereits wurden ihnen die Reisepässe für die Visaerteilung über Bremen ausgehändigt. Doch zur Ausreise und damit dem Schutz ihres Lebens kam es nicht mehr. Obwohl das NS-Regime auch zu diesem Zeitpunkt noch auf die Vertreibung setzte, war seit Kriegsbeginn die Emigration noch schwieriger geworden. Welche konkreten objektiven Schwierigkeiten für die Scharffs bestanden, lassen sich aber nicht ersehen. Damit aber saßen sie im Land fest, und mussten erleben, was nun kam.

Am 22. Oktober 1940 kam mit berechnender Absicht die unangekündigte landesweite Deportation der badischen und saar-pfälzischen Juden nach Gurs im von den Deutschen unbesetzten Teil Frankreichs, ein Internierungslager in den Pyrenäen. Der Tag der Deportation fiel - von den Nazis wohl mit Absicht gewählt - auf Sukkoth , das jüdische Laubhüttenfest.
Unter den über 6.500 Deportierten an diesem Tag waren auch Julius und Helene Scharff mit Tochter Ilse. Die Bedingungen im Lager Gurs waren entsetzlich. Es mangelte an Nahrung, Heizmittel, Medikamenten, Hygiene, an allem, was ein Leben bisher ausgemacht hatte. Teilweise mussten die Neuangekommenen zunächst auf dem nackten Boden schlafen, bis genügend Strohsäcke als Schlaflager vorhanden waren. Ein weiterer Schock für die malträtierten Menschen: Männer und Frauen wurden getrennt, Familien auseinander gerissen. Auch die Scharffs!
Im November 1940 befanden sich 12.000 internierte Menschen in Gurs. Auf dem Deportationsfriedhof von Gurs befinden sich 1073 Gräber der Opfer, die während der Internierung dort gestorben sind.
Von Gurs aus war die Ausreise nach Übersee, in irgendein Land, das jüdische Flüchtlinge noch aufnahm, de jure immer noch möglich, faktisch aber kaum noch durchführbar. Doch viele der Internierten, die bereits in Baden die Einreiseanträge nach Amerika oder anderswohin gestellt hatten setzten ihre ganze Hoffnung darauf. Julius Scharff schrieb aus Gurs mit Seinem Absender Camp de Gurs, Ilôt E, Baraque 7 am 4. Januar 1941

„An das verehrl(iche) Polizeipräsidium (Passstelle)“ nach Karlsruhe:
„Ich gestatte mir, mich mit folgender Bitte an Sie zu wenden.
Zum Zwecke unserer Auswanderung nach Chile benötige ich raschmöglichst und dringend sowohl meinen Reisepass als auch diejenigen meiner Frau... und meiner Tochter.
Ich bitte höfl. die 3 Reisepässe zur Weiterleitung an mich per Einschreibebrief an Herrn .... Basel... zu senden.
Für Ihre Auslagen füge ich 2 Antwortscheine bei. Etwaige Mehrkosten bitte ich nach zu nehmen. Zur Entgegennahme der drei Reisepässe ermächtige ich hiermit ausdrücklich den vorgenannten Herrn ...
Gleichzeitig ermächtige [ich] Sie hiermit den Betrag zur Deckung der Kosten evtl. von meinem Postscheckkonto 4699 zu erheben.
Für Ihre Bemühungen bestens dankend, zeichne ich
Ergebenst!
Julius Israel Scharff“

Vom Polizeipräsidium Karlsruhe kann Julius Scharff keine Antwort erhalten haben. Dieses vertrat den Standpunkt, dass für Papiere aus den am 22. Oktober 1940 versiegelten Wohnungen, deren Fahrnisse dann dem Generalbevollmächtigten für jüdisches Vermögen unterstanden, allein die zwangsweise eingerichtete Reichsvereinigung der Juden - Außenstelle Baden-Pfalz zuständig sei. Ersichtlich wird aber, dass die Familie Scharff nachwievor versuchte, aus Europa und dem Schatten der NS-Gewalt versuchte, zu entkommen.
Wer Verwandte im neutralen Ausland hatte, die Unterstützung durch Hilfspakete und Geldüberweisungen leisten konnten, hatte kleine Erleichterungen. Die Scharffs bekamen von Alice Loewenberg, der Schwester Helene Scharffs, aus Argentinien Unterstützung durch Geldleistungen. Immer noch war es möglich, über Südfrankreich nach Übersee zu entkommen. Praktisch aber wurde dieses Schlupfloch immer kleiner. Die Scharffs setzten das ganze Jahr 1941 und auch noch zu Beginn 1942 immer noch auf die Hoffnung herauszukommen. Dem kamen sie näher, als sie eines Tages aus Gurs in die Ausreiseinternierungslager bei Marseille verlegt wurden. Aber wieder zerschlug sich alles, das rettende Tor zur Ausreise blieb verschlossen. Die letzte Lebensnachricht von ihnen an Helene Loewenberg in Argentinien stammt vom 11. April 1942. Diese kam aus dem Lager Les Milles bei Marseille. Das zeigt, dass sich zu diesem Zeitpunkt die Ausreise als undurchführbar erwiesen hatte, weswegen sie von den französischen Behörden zunächst nach dem Lager Les Milles bei Marseille verlegt wurden.
Seit Juli 1942 fuhren täglich Deportationszüge aus Drancy bei Paris in das Vernichtungslager Auschwitz.

Julius, Helene und Ilse Scharff wurden von den Vichy-Kollaborateuren von Les Milles direkt nach Drancy den deutschen NS-Schergen überstellt.
Aus den akribisch geführten Transport-Listen ist ersichtlich, dass Julius, Helene und Ilse Scharff am 19. August 1942 von Drancy die Fahrt in die Ungewissheit antreten mussten. Nach Auschwitz.
Julius, Helene und Ilse Scharff aus Karlsruhe werden unmittelbar nach ihrer Ankunft in Auschwitz von den Schergen des deutschen Nationalsozialismus ermordet worden sein.

(Dörthe und Hans von Frankenberg und Ludwigsdorff, September 2012)