Aus dem Fotoalbum

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Walter Schäfer mit seinen Schwestern Dora und Ruth, Aufnahme vermutlich um 1940 (Foto: Privatbesitz)

Personendaten

Walter Schäfer

Nachname: Schäfer
Vorname: Walter
Geburtsdatum: 18. Mai 1923
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Oskar und Meta Sch.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Dora und Ruth
Adresse: Nowackanlage 7
Schule/Ausbildung: Gartenschule
1933-1936: Humboldt-Realgymnasium
Beruf: Schüler
Emigration: 1939 [?] in die Niederlande
Deportation: zu unbekanntem Zeitpunkt in Arbeitserziehungslager nach Lahde/Westfalen (Deutschland)
Sterbedatum: 17. September 1943
Sterbeort: Lahde/Westfalen (Deutschland)
(Arbeitserziehungslager)

Biographie

Walter Schäfer

Walters Vater, Oskar Schäfer, stammte aus Tarnopol (heute Ukraine), damals zu Österreich-Ungarn zugehörig. Von Frankfurt am Main kam er 1907 nach Karlsruhe. Walters Großvater hatte in Frankfurt und Karlsruhe einen Eiergroßhandel aufgebaut, der der Familie eine gute bürgerliche Existenz sicherte. Oskar Schäfer stieg später in den Betrieb als Kaufmann ein. Die Lebensmittelhandlung scheint floriert zu haben, 1914 hatte der Großvater 63.000 Mark zu versteuern. Bald konnte sich die Familie ein eigenes Haus leisten, sie zog von der Adlerstraße 13 in die Nowackanlage 7.
Noch war Oskar Schäfer aber kein deutscher Staatsbürger. 1910 stellte er deshalb seinen ersten Einbürgerungsantrag. Der Antrag wurde allerdings abgelehnt, weil die Polizeibehörde in Frankfurt (damals preußisch) Einspruch erhoben hatte. Die Preußen hatten Angst, dass zu viele Ausländer und Staatenlose – wie Schäfer es damals war – in Baden die deutsche Staatsbürgerschaft erlangten, um dann ohne großen Aufwand die preußische ausgestellt zu bekommen. Diesen Weisungen aus Preußen gaben die badischen Behörden statt. 1914, mit Beginn des Ersten Weltkriegs, stellte Oskar Schäfer einen zweiten Antrag. Er begründete ihn damit, seinen Militärdienst ableisten zu wollen. Mit dem Verweis auf den heranrückenden Termin des Fahneneids übte er Druck auf die Behörde aus, und angesichts des Bedarfs an Soldaten wurde Oskar Schäfer rasch Deutscher und kämpfte als Soldat im Ersten Weltkrieg (dies sollte auch später für Walter Schäfer eine wichtige Rolle spielen). Übrigens meldeten sich während des Krieges plötzlich die österreichischen Behörden bei Oskar Schäfer wegen des Militärdienstes, nachdem ihnen jahrelang das Schicksal des früheren Staatsbürgers gleichgültig gewesen war.

Der Vater von Walter Schäfers Mutter, Meta Schäfer geborene Kleinmeyer, war Prokurist und später Teilhaber an der Fürther Spiegel- und Spiegelglasmanufaktur Gutmann & Clußmann. Meta Schäfer wuchs in Fürth auf, wo sie am 15. Januar 1922 Oskar Schäfer heiratete. Anschließend zog sie dann zu ihm nach Karlsruhe.

Gut ein Jahr nach der Hochzeit von Oskar und Meta Schäfer kam Sohn Walter im Ludwig-Wilhelm-Krankenhaus (Landesfrauenklinik, heute Psychiatrie des Städtischen Klinikums) in Karlsruhe auf die Welt, am 18. Mai 1923, genau um 6:30 Uhr.
Ein Jahr später, am 23. August 1924, bekam die junge Familie Zuwachs: Schwester Dora erblickte das Licht der Welt. Am 6. September 1929 wurde – ebenfalls in der Landesfrauenklinik – Walters zweite Schwester Ruth geboren.
Walter Schäfer verbrachte seine Kindheit im elterlichen Haus in der Nowackanlage 7 (siehe Foto), in dem auch die Eiergroßhandlung des Vaters ihren Sitz hatte. Bis zum Jahr 1933 besuchte Walter Schäfer die Volksschule, um dann auf das Humboldt-Realgymnasium zu wechseln. Dieser Wechsel ging nicht problemlos vonstatten, da für Juden als „Nichtarier“ der Besuch höherer Schulen nicht ohne weiteres gestattet war. Eine Aufnahme von nichtjüdischen Schülern war nur dann möglich, wenn der Vater einen Nachweis erbringen konnte, für das Deutsche Reich oder einen seiner Verbündeten im Ersten Weltkrieg an der Front gekämpft zu haben. Bei Walter Schäfer war dies der Fall, Oskar Schäfer hatte schließlich dem Militärdienst seine Einbürgerung zu verdanken. Deshalb erging am 5. Mai 1933 folgender Bescheid: „Auf Grund der vorgelegten Militärpapiere ist Ihr Sohn Walter, vorbehaltlich der Genehmigung durch die Regierung, in die Sexta auf Probe aufgenommen.“
Am 8. Mai erfolgte außerdem folgender Eintrag in die Schulordnung: „Oskar Schäfer legt Militärpapiere vor, die belegen, dass er ab 20. Mai 1915 ‚an der Front für Deutschland gekämpft hat’“. Walter Schäfer bewies sich als zuverlässiger und eifriger Schüler, was sich in den durchweg guten Noten niederschlug. In ihrer Beurteilung über Walter Schäfer attestierten die Lehrer 1936: „Gewandt und kräftig, sehr guter Schwimmer; ruhig und gediegen; gewissenhaft, immer bestrebt sein Bestes zu geben;“ Außerdem wurde ihm ein „zuvorkommendes und freundliches Wesen“ bestätigt. Walter Schäfer trat 1936 aus dem Humboldt-Realgymnasium aus. Nachdem die Situation für die Juden in Deutschland nach der „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 immer bedrohlicher geworden war, gelang der fünfköpfigen Familie Schäfer 1939 die Emigration in die Niederlande.
In dieser Zeit wurde Walter Schäfer als „Student“ geführt. Zuletzt arbeitete er aber bei einem Bauern bei Gouda, nordöstlich von Rotterdam. Seine Schwester Dora arbeitete als Krankenschwester in Apeldoorn, östlich von Amsterdam. Sie lebte dort im Zwolscheweg 526. Der letzte Wohnsitz von Walter Schäfer war Voorst bei Zutphen, ganz in der Nähe von Apeldoorn. Er war dort ab dem 14. November 1941 gemeldet.
Seit der Besetzung der Niederlande durch die Deutsche Wehrmacht am 10. Mai 1940 war die Familie allerdings auch in den Niederlanden nicht mehr sicher. So wurde das frühere Flüchtlingslager Westerbork im Nordosten der Niederlande ab 1942 in ein Durchgangslager für Juden nach den Vernichtungslagern unter deutscher Kontrolle umgewandelt. In der ersten Hälfte des Jahres 1942 wurden 400 in niederländischen Städten wohnende deutsche Juden nach Westerbork deportiert. Ab Juli 1942 begann der systematische Transport von Juden aus den übrigen Teilen der Niederlande nach Westerbork.
Auch Walter Schäfers Eltern sowie seine Schwestern wurden vermutlich in diesem Zusammenhang nach Westerbork gebracht. Von dort ging der Weitertransport nach Auschwitz. In einem der 68 Deportationszüge, die von Westerbork nach Auschwitz fuhren, saßen auch Oskar, Meta, Ruth und Dora Schäfer. Sie teilten das Schicksal von 54.930 Juden, die mit diesen Zügen aus Westerbork in das Konzentrationslager gebracht wurden, wo die Familie noch im selben Jahr in den Gaskammern ermordet wurde.
Walter Schäfer hingegen blieb zunächst ausgenommen. Am 20. Juli 1943 wurde er aber in das damals neu aufgebaute „Arbeitserziehungslager“ Lahde deportiert, die genauen Umstände hierfür sind unbekannt. „Arbeitserziehungslager“ waren während des Zweiten Weltkriegs errichtete Straflager für Personen, denen in der Regel Verstöße gegen die Arbeitsdisziplin der Kriegswirtschaft vorgeworfen wurden, z.B. durch „Arbeitsverweigerung“, „Bummelei“ oder „unentschuldigtes Fernbleiben“. Eingewiesen durch die Gestapo, sollte in den Arbeitserziehungslagern durch harte Arbeit und KZ-ähnliche Haftbedingungen bestraft und gleichzeitig ein allgemeiner Abschreckungseffekt erreicht werden, offiziell war eine „Besserung“ oder „Erziehung“ der Insassen das Ziel. Nach mehrwöchiger Haft (21, 42 oder 56 Tage) wurden die meisten Inhaftierten wieder an ihre Arbeitsplätze überstellt. Dies galt allerdings nicht für die drei Insassen jüdischen Glaubens, zu denen Walter Schäfer zählte.
1943 war das „Arbeitserziehungslager“ Liebenau bei Hannover nach Lahde/Westfalen verlegt worden. Die Insassen dieses Lagers sollten Arbeiten an der Staustufe Petershagen im Zuge der Mittelweserkanalisierung und außerdem den Bau des Kraftwerks Lahde durchführen. Die Arbeit auf diesen Großbaustellen war mit dem Kriegsbeginn unterbrochen worden. Das Lager entstand an der damaligen Kreisstraße, der heutigen Bundesstraße 482. Es war für ca. 700 Häftlinge vorgesehen und bestand aus vier Holzbaracken mit je zehn Räumen von etwa 25 m2 Größe. Jeder dieser Räume war mit 20 Gefangenen belegt. Neben einer weiteren Baracke, die als Krankenrevier diente, befand sich im Eingangsbereich des Lagers an der Straße die Verwaltungs- und Personalbaracke für die Wachmannschaften; während im hinteren, östlichen Teil des Lagers der berüchtigte Arrestbunker mit Einzelzellen aus Stein erbaut worden war. Dort befanden sich auch der Appellplatz und der Lagergalgen für Hinrichtungen.
Die Wachmannschaft des Arbeitserziehungslagers umfasste etwa 30 Leute, zur Hälfte Angehörige des SD (Sicherheitsdienstes). Die übrigen Wachmänner gehörten der Schutzpolizei an.
Die Verpflegung der Lagerinsassen sah nach späteren Angaben des stellvertretenden Lagerleiters folgendermaßen aus:
Frühstück:: schwarzer Kaffee, Brot mit Margarine oder Butter oder Marmelade oder Honig oder Käse oder 1,5 l Suppe
Mittagessen: dasselbe, des Öfteren auch Streichwurst als Brotaufstrich
Abendbrot: Eintopf mit Kartoffeln, Gemüse und Fleisch, Nährmittel (Kriegsbedingte Ersatznahrungsmittel wie z.B. Kunsthonig).
Für arbeitende Menschen war die Suppe allerdings viel zu mager, auch wenn sie Fleisch enthielt, zumeist Pferdefleisch. Hinzu kam die schlechte Bekleidung: trotz Temperaturen unter dem Gefrierpunkt waren die Häftlinge nur mit Drillichanzügen und Holzschuhen bekleidet. Aufgrund dieser Umstände hat es im Lager Lahde normalerweise zwei bis drei Tote täglich gegeben, zeitweilig auch fünf bis sechs.
Bei Überprüfung des Totenregisters fällt auf, dass die Todesfälle der Juden oder „Mischlinge“ fast ausschließlich im September, Oktober 1943 eingetragen wurden. Jüdische Häftlinge hatten in Lahde also nicht lange zu leben...

Walter Schäfer starb gut zwei Monate nach seiner Ankunft im Arbeitserziehungslager Lahde am 17. September 1943 um 7:30 Uhr. Der Todeszeitpunkt lässt auf eine Hinrichtung beim Morgenappell schließen, Todesursache kann aber auch Entkräftung oder Erkrankung aufgrund der brutalen Zustände gewesen sein. Nach Aussagen des Lagerarztes – diese Aufgabe musste übrigens der praktische Arzt von Lahde übernehmen – war er in ca. 300 Fällen gezwungen worden, einen Totenschein auszustellen, ohne die Leiche überhaupt gesehen zu haben. Dies lässt die Angaben des Todeszeitpunktes auf dem Totenschein wiederum unglaubwürdiger erscheinen. Allerdings sind nach Zeugenaussagen des österreichischen Lagerwachmanns Morawitz (1947 vor einem Militärgericht) alle Juden und Halbjuden des Lagers Lahde getötet worden; Walter Schäfer ist demnach ziemlich sicher eines gewaltsamen Todes gestorben.

Am 7. März 1947 wurde Walter Schäfer im niederländischen Voorst offiziell abgemeldet mit der Bemerkung „verzogen, unbekannt wohin“.

(Julian Merkert, Humboldt-Gymnasium, März 2003)