Personendaten

Klara Salomon

Nachname: Salomon
geborene: Schwabe
Vorname: Klara
Geburtsdatum: 10. Juli 1848
Geburtsort: Glasgow (Schottland)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Gustav S.;

Mutter von Else
Adresse: Karlstr. 49a
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 8. Dezember 1941
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Klara Salomon

Klara Salomon verbrachte einen wichtigen Teil ihres Lebens nicht in Karlsruhe. Fast mutet ihr Herzug in die kleinere badische Residenz wie das Ankommen in einem kleinen Hafen nach einem Leben in der weiten Welt an. Doch Vieles in ihrem Leben ließ sich nicht rekonstruieren und bleibt unbeschrieben.

Schon ihre Geburt lässt einen erstaunen. Sie kam am 10. Juli 1848 als Klara Schwab in Glasgow in Schottland auf die Welt. Warum dort, lebten die Eltern etwa in dieser bedeutenden schottischen Industrie und Seehandelsstadt, sozusagen einem Tor des aufstrebenden britischen Empires? Oder war es Zufall? Wir wissen es nicht, auch wie sie aufwuchs bleibt unbeleuchtet. Zu Beginn des Jahres 1871 verehelichte sie sich mit Gustav Salomon aus Dresden. Er war am 2. Mai 1841 dort geboren worden, ebenso wie sein Vater Meier Salomon 1809 schon in der großzügigen königlich-sächsischen Residenzstadt geboren war und das Bürgerrecht genoss. Die Familie Salomon war also eine alte in Sachsen verwurzelte jüdische Familie. 1861 wurde dem noch nicht einmal 14-Jährigen die Befreiung „wegen Untüchtigkeit“ vom Militärdienst bescheinigt. Vom Onkel Löser Wolf übernahm Gustav Salomon dessen Buch- und Antiquariatshandlung, in der er sich schon als Kind immer aufgehalten hatte, ehe das Buchhandelsgeschäft bei ihm auch ordentlich lernte. Rasch etablierte er sich als eine erste Adresse im antiquarischen Buchhandel. Im April 1871 wurde ihm durch den Rat der „Haupt- und Residenzstadt“ Dresden die Konzession als Bücherauktionator und Taxator verliehen. Im Antrag dazu war auf seine Befähigung verwiesen worden. „Durch seine Kenntnisse der Literatur und des Antiquariats“, hieß es da, „durch seine in- und ausländischen Verbindungen ist er befähigt, den Buchauktionen Dresdens eine ähnlichen Einrichtung in anderen Städte entsprechende Bedeutung zu verschaffen.“ [sic] Noch im Jahr der Heirat 1871 am letzten Tag, dem 31. Dezember, wurde die Tochter Else geboren. Sie wuchs wohlbehütet in der bürgerlichen Familie auf und besuchte eine höhere Schule. Im Alter von 51 Jahren verstarb Gustav Salomon plötzlich. Er wurde auf dem Neuen Israelitischen Friedhof Dresdens beigesetzt. Dort befindet sich noch sein Grab mit einem hellen Sandstein-Obelisken, dessen Vorderinschrift nur noch teilweise leserlich ist. Sein Name und die Zeile „tief betrauert von seiner Familie“ sind zu entziffern, auf der Rückseite ist in hebräischer Schrift vermerkt: „Hier ist verborgen - shalom [=Salomon] Sohn des m’ir [=Meir] - Er wurde geboren am 11. iyyar [5]601 - und ging zu seiner Ewigkeit am Vortage des - heiligen Sabbat, d. 13 kislew [5]653“ Soweit die Inschrift in deutscher Übersetzung, die aus der denkmalpflegerischen Aufnahme aller Gräber dieses Friedhofes herrührt und im Stadtarchiv der Stadt Dresden vorliegt.
Gustav Salomon hatte seiner Witwe Klara und der halbwaisen Tochter Else genügend hinterlassen, das ihnen genügend Raum zur Lebensgestaltung ließ und Else eine Ausbildung erlaubte. Zu jener Zeit war eine Ausbildung für Frauen noch etwas ganz Außergewöhnliches, doch der frühe Tod des Vaters mag die Notwendigkeit, ohne einen Ehemann gegebenenfalls auf eigenen Füßen stehen zu können, unterstrichen haben. Im bereits fortgeschrittenen Alter Klara Salomons kam der Entschluss, Dresden zu verlassen und nach Karlsruhe zu gehen. Die Umstände dazu sind nicht mehr nachvollziehbar. Wann sie genau hierher kamen ist ebenfalls nicht ganz klar. Es wird vermutlich 1913 gewesen sein. Im Adressbuch sind sie jedenfalls ab 1914 nachweisbar, in der Karlstraße 49a. Gab es aus den vielen väterlichen Verbindungen von früher eine Gelegenheit dazu oder gab es unter den anderen jüdischen Familien mit Namen Salomon eine verwandtschaftliche Beziehung? Das muss offen bleiben. Die Mutter und die ledige Tochter Else blieben zusammen. „Fräulein Else Salomon“ war nämlich seit dem 1. Juli 1913 beamtete Sekretärin und damit „Hilfe für den laufenden Dienst“ unter dem neu eingesetzten Leiter des Karlsruher Stadtarchivs, das sich damals im stattlichen ehemaligen Wasserwerkgebäude in der Gartenstraße 53 befand (von 1896 bis 1923), Dr. Erwin Vischer.
Am Ende der Monarchie beschlossen beide im Dezember 1918 nach ihrem nun mehrjährigen Aufenthalt in Karlsruhe, die bis dahin noch bestehende sächsische Staatsangehörigkeit gegen die badische zu tauschen, was nur ein formeller Akt war, dem 14 Tage nach Antragstellung anstandslos entsprochen wurde.
Klara Salomon lebte als Privatier, verfügte also über eigenes Vermögen, Tochter Else war durch ihre Berufstätigkeit gleichfalls selbstständig. Als 1921 die Städtische Bücherei mit Lesehalle eröffnet wurde, wechselte sie dorthin, denn damit wurde das Stadtarchiv verkleinert und zog schließlich in den Keller des Rathauses. Sie arbeitete ferner noch in der Bauregistratur des städtischen Rathauses und war zuletzt bei der Städtischen Sparkasse tätig, ehe sie um 1932 in Pension ging.
Der Nationalsozialismus aber brachte sie um die durch ihre Berufstätigkeit erworbene Pension. Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ (BBG) vom Mai 1933 wurde Grundlage, ihr als Jüdin die Pension wieder zu entziehen. „Entzug des Ruhegehaltes mit Ablauf des 31.12.1933 gemäß § 3 ff BBG – Personalakten sind verbrannt“, war in den Unterlagen der Stadtverwaltung Karlsruhe dazu nach 1945 noch vermerkt.
Mutter und Tochter müssen sehr eng zusammen gerückt sein, und mussten ihr Leben aus dem zusammenschmelzenden Vermögen fristen.

Am 22. Oktober 1940 wurden Klara und ihre Tochter im Zuge der „Freimachung“ Deutschlands von Juden verhaftet und zusammen mit nahezu allen badischen und saarpfälzischen Juden in das Lager Gurs an der französisch-spanischen Grenze deportiert.
Aus einem Augenzeugenbericht der Nachbarin Gustel V., welchen sie 1987 gab, geht hervor, wie die Abholung Klara Salomons und ihrer Tochter Else von ihrer Wohnung für alle Bewohner, Nachbarn und Beteiligten sehr überraschend kam. Am Vormittag des 22. Oktober 1940 erschienen zwei Polizisten und forderten die inzwischen 92-jährige Klara Salomon und die 68-jährige Tochter auf, ihre Habseligkeiten zu packen. Anschließend versiegelten sie die Wohnung und verweigerten den beiden Frauen jeden weiteren Zutritt zu ihrer Wohnung. Da sich der Abtransport verzögerte, mussten Klara und Else Salomon noch einige Stunden im Gebäude in der Karlstraße verbringen. Es wurde ihnen lediglich gestattet, sich im kalten Treppenhaus auf Stühle zu setzen, die von der Familie V. freundlicherweise zur Verfügung gestellt wurden. Während der Wartezeit wurde für die beiden Frauen, laut Frau V., sogar der Gang zur Toilette überwacht.
In Gurs mangelte es den Deportierten nach Aussagen von ehemaligen Gefangenen an fast allem. Unter den hauptsächlich hygienischen und medizinischen Verhältnissen litten besonders die alten Menschen, viele starben noch im Winter des Deportationsjahres. Klara Salomon aber litt noch weiter. Sie verstarb am 8. Dezember des Folgejahres 1941.

Else Salomon hatte Glück, ihr gelang in der Folgezeit durch den französischen Präfekten die Entlassung aus dem Lager und sie geriet nicht wie andere dieser Entlassenen wieder auf eine der Transportlisten in die Vernichtungslager im Osten. Sie überlebte in Frankreich die Verfolgung und wohnte zuletzt in Nizza. Dort blieb sie bis 1950, inzwischen schon 79 Jahre alt, und beantragte die Wiederaufnahme der Zahlung ihres Pensionsanspruches. Dieser Rechtsanspruch wurde ihr bewilligt. Es war wiederum ihre eigene Initiative, die ihr 1950 die nach der Deportation durch das NS-Regime entzogene deutsche Staatsbürgerschaft wiedererlangen ließ. Im selben Jahr, 1950, kehrte die inzwischen alte Dame nach Karlsruhe zurück, wo sie bis zu ihrem Tode am 3. Dezember 1960 in der Sophienstraße 43 in einem Zimmer wohnte und betreut wurde. Als Entschädigung für die Zeit im Internierungslager erhielt sie für sich und ihre Mutter für jeden Monat 150 DM, oder insgesamt 1.950 DM. Ebenso erhielt sie eine Rückerstattung für das 1940 noch vorhandene Restvermögen. Nicht entschädigt werden konnten die seelischen Schäden für eine Frau, die nicht nachvollziehen konnte, was ihr widerfahren war.

(Felix Jahn, Patrick Reker, Julien Becker, Sara Schäfer, Sophie Esders, 10. Klasse Fichte-Gymnasium, Juli 2007)