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Luise Rothschild, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Luise Rothschild

Nachname: Rothschild
Vorname: Luise
Geburtsdatum: 3. Juli 1917
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Sally und Fanny, geb. Traub, R.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Max
Adresse: Herrenstr. 12
nach 1934: Herrenstr. 14, nach Berlin, später Frankfurt a.M. verzogen
Schule/Ausbildung: Fichte-Mädchenrealschule mit Oberrealschule, Mittlere Reife
Oktober 1940, Ausbildung zur Säuglings- oder Kinderpflegerin im Heim des ehemaligen Jüdischen Frauenbundes, Neu-Isenburg
Beruf: unbekannt (Arbeit im elterlichen Geschäft)
Krankenschwester, Kinderkrankenschwester (ab September 1941 im Jüdischen Krankenhaus Frankfurt a.M.)
Deportation: 24./26.9.1942 von Frankfurt a.M. über Berlin nach Raasiku (Sowjetunion, heute Estland)
23.8.1944 nach Stutthof (Deutschland, heute Polen)
Sterbeort: Stutthof (Deutschland, heute Polen)

Biographie

Luise Rothschild

Luise Rothschild wurde am 3. Juli 1917 als Tochter des Kaufmanns Salomon (Sally) Rothschild und dessen Ehefrau Fanny in Karlsruhe geboren. Zu diesem Zeitpunkt war die Familie, zu der auch Luises drei Jahre älterer Bruder Max gehörte, in der Kreuzstraße 28 wohnhaft.
Für den Lebensunterhalt sorgte Vater Sally, der ein koscheres Lebensmittelgeschäft in der Zähringerstraße 77 betrieb. Dieses Geschäft hatte er um 1912 von seinem eigenen Vater Max übernommen und es bei dem eingeführten Geschäftsnamen „Max Rothschild“ belassen. Der Vater hatte neben der Geschäftsführung noch die Aufgabe eines Kantors in der liberalen jüdischen Gemeinde.
Am 7. März 1911 hatten Salomon Rothschild und Fanny, geborene Traub, in Würzburg geheiratet.

Dort in der Nähe, im unterfränkischen Burgpreppach, war Fanny als ältestes von vier Geschwistern aufgewachsen: Frieda (geboren am 30. März 1889), Louis (geboren am 25. April 1891, vermisst 1917), Eva (geboren am 20. April 1894, gestorben 18. April 1902) und Meta (geboren am 10. März 1897). Alle waren in Burgpreppach zur Welt gekommen; Schwester Frieda gelang noch im März 1940 die Emigration in die USA, Meta dagegen wurde zusammen mit ihrer vierköpfigen Familie 1940 nach Gurs deportiert, in dessen Folge ihr Mann bei einem Unfall 1941 ums Leben kam. Sie selbst konnte sich später verstecken und mit einem ihrer Söhne nach der Befreiung in die USA auswandern, der andere Sohn war bereits nach Palästina emigriert.

Burgpreppach selbst war einmal ein kleines Örtchen mit bedeutendem jüdischen Bevölkerungsanteil und sogar dem Sitz eines Distriktrabbinats. Etwa ein Drittel der rund 550 Einwohner während des 19. Jahrhunderts waren Juden und auch 1933 machte ihr Anteil noch über 15 Prozent aus. Eine jüdische Gemeinde existierte dort bereits seit der Mitte des 17. Jahrhunderts. Ein erster Traub und damit vermutlich direkter Vorfahre von Fanny Rothschild, geborene Traub, war der Tuch- und Spezereienhändler Salomon Löw Traub, dessen Schutzbrief mit Niederlassungsrecht in Burgpreppach von 1801 datiert.

Fanny Rothschild zog selbstverständlich nach der Heirat zu ihrem Mann, der seine Existenz und Lebensmittelpunkt in Karlsruhe hatte, und sie half auch im Geschäft mit, obwohl sie offiziell als „Hausfrau“ geführt wurde. Über das religiöse Verständnis der Familie ist nichts näheres überliefert. Jedoch gehörte Fanny Rothschild dem Israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein, der Tachrichim-Kasse, an, dessen Haupttätigkeit in der Unterstützung seiner Mitglieder in Krankheitsfällen bestand. Dieses Engagement belegt ihre Eingebundenheit in das jüdische Leben in Karlsruhe, das sicherlich auch für die ganze Familie galt.

Im Jahre 1919, Luise war zwei Jahre alt, zog die Familie in die Herrenstraße 12 in das erste Obergeschoss einer größeren Wohnung um. Im Erdgeschoss befand sich nun das Lebensmittelgeschäft, das in damaligen Adressbüchern als „koscheres Kolonialwarengeschäft“ geführt wurde. Das Geschäft führte ein sehr großes Sortiment an Lebensmitteln und hatte eine große Anzahl nichtjüdischer Kunden. Unter den jüdischen Kunden waren es nicht allein Privatpersonen, sondern auch überregionale Einrichtungen wie Hotels, Sanatorien und Kinderheime, die sich vor Ort nicht mit koscheren Produkten eindecken konnten. Die Belieferung erfolgte per Versand über die Eisenbahn, ein Bote brachte die Warensendungen an den Bahnhof.

Während Max ab 1924 die Kant-Oberrealschule besuchte, an der er um Ostern 1933 auch das Abitur ablegte, wechselte Luise nach der Volksschule auf die Fichte-Schule, die vor 1918 als Höhere Töchterschule bekannt war und nun eine Mädchenrealschule mit angeschlossener Oberrealschule war. Dort legte Luise 1934 die Mittlere Reife ab.

Zwar hatte Bruder Max laut seinem letzten Schulzeugnis nur „ausreichend“ in seinen Französischkenntnissen, trotzdem emigrierte er 1933 nach Frankreich. Er versuchte sich eine Existenz aufzubauen, was ihm nicht gelang und ihm finanzielle Probleme brachte, da ihm die Aufenthaltsgenehmigung versagt blieb. Glücklich schien dann 1934 die Fügung, nach Palästina auswandern zu können.

Die Hintergründe für seine Auswanderung liegen nicht belegt vor, aber sehr wahrscheinlich waren es die im April 1933 verabschiedeten Gesetze und Verordnungen der NS-Machthaber, die die Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten für Juden stark einschränkten. So durfte ihr Anteil an den einzelnen Schulen und Universitäten nicht mehr als fünf Prozent, im gesamten Reichsgebiet nicht mehr als 1,5 Prozent betragen. Das von Max geplante Chemiestudium an der Technischen Hochschule in Karlsruhe war ihm demnach nicht mehr möglich. Hinzu kam, dass er Ende März des Jahres 1933 auf dem Karlsruher Marktplatz von Angehörigen der SA überfallen worden war, was ihm die aufkommende antisemitische Stimmung in Deutschland sicher mehr als deutlich machte.

Die Familie Rothschild musste wie fast alle anderen jüdischen Geschäftsinhaber unter dem seit 1. April 1933 verordneten Judenboykott leiden. Dieser bedeutete für sie einen Rückgang des Umsatzes, da ein Teil der nichtjüdischen Bevölkerung den ideologischen Vorgaben folgte. Vorerst konnte Familie Rothschild ihr Lebensmittelgeschäft aber noch betreiben, denn der so genannte „Arierparagraph“ betraf vor allem Juden im öffentlichen Dienst.

Am 28. April 1934 erfuhr die Familie einen schweren Schicksalsschlag. Vater Salomon Rothschild verstarb plötzlich im Alter von nur 52 Jahren. Nun musste Fanny Rothschild das Geschäft alleine weiterführen um die Existenz zu sichern. Zuvor schon hatten beide Kinder mitgeholfen und nun nach dem Fortzug von Max war es Luise, die der Mutter beiseite stand.
Mutter und Tochter zogen in eine kleinere Wohnung in die unmittelbare Nachbarschaft im Hinterhof der Herrenstraße 14 und verlegten das nun stark verkleinerte Lebensmittelgeschäft in die Herrenstraße 9. Das Gebäude in der Herrenstraße 14 gehörte der Jüdischen Gemeinde, der „liberalen“ Israelitischen Religionsgemeinschaft. Auch dies scheint dafür zu sprechen, dass Familie Rothschild in der Gemeinde eine starke Bindung hatte.

Im Herbst des Jahres 1934 schloss Fanny eine Lebensversicherung über 544 RM im Erlebnisfall ab, um im Falle ihres Ablebens ihre Kinder zumindest noch etwas unterstützen zu können oder bei Fälligwerden selbst ein kleines finanzielles Polster zu haben. Geschah dies aus der gemachten Erfahrung nach dem Tod des Ehemanns, welcher die Familie in Existenzsorgen brachte oder muss man zugleich die äußerst mittellose Lage von Fanny und Luise Rothschild sehen? Denn diese Summe war auch unter damaligen Verhältnissen lächerlich wenig, um sie als Absicherung zu begreifen.

Obwohl Luise nach dem Tod des Vaters fleißig im Lebensmittelgeschäft half, was ihre Mutter später noch dankbar ausdrückte, ging das Geschäft nur noch sehr schlecht.
Dies lag insbesondere daran, dass die Repression des „Judenboykotts“ ihre Wirkung entfaltete, sodass aufgrund der „Nürnberger Gesetze“ von 1935 jüdisches Leben in Deutschland immer schwieriger wurde und allmählich immer mehr Juden emigrierten. Deshalb ging die bisherige Nachfrage nach koscheren Lebensmitteln zurück oder die jüdischen Hotels und sozialen Einrichtungen mussten sogar ganz schließen. Somit fielen deren Großbestellungen an das Geschäft der Rothschilds als wichtige Einnahmequelle weg.

Dann kam die „Reichspogromnacht“ am 9./10. November 1938. Beide Synagogen in Karlsruhe wurden niedergebrannt, nahezu alle Geschäfte von jüdischen Inhabern verwüstet. Auch im Geschäft der Rothschilds wurden die Fensterscheiben zertrümmert. An eine Fortführung des Lädchens war nicht mehr zu denken. Zum 31. Dezember desselben Jahres wurden dann auch alle jüdischen Geschäfte, die nicht bis dahin in „arisches“ Eigentum übergegangen waren, zwangsweise aufgelöst. Mutter und Tochter Rothschild standen nun ohne eigenes Einkommen da. Ob Luise Rothschild bereits vorher eigene Ausbildungspläne hatte, oder durch den Niedergang des Geschäftes dazu gezwungen war, ist unklar. Etwa zum Zeitpunkt des Novemberpogroms besuchte sie die Frauenarbeitsschule, um ihre Fähigkeiten im Nähen zu vervollkommnen. Danach, d.h. Ende 1938, arbeitete sie auch in der Schneiderei Geschwister Traub, einer großen Damenschneiderei mit vielen Angestellten in der Hebelstraße 23. Da es ein jüdischer Betrieb war, musste auch er zum Jahresende schließen. Luise Rothschild entschloss sich, ihre Ausbildung abzuschließen und übersiedelte nach Berlin, um innerhalb der dort noch bestehenden variationsreichen jüdischen Lebenswelt Modezeichnen und Zuschneiden für Entwürfe in der Damenkonfektion zu erlernen. Da im Jahre 1939 klar war, dass es für Juden keine Perspektive mehr im nationalsozialistischen Deutschland gab, wusste auch Luise, dass sie damit in diesem Land keine Chance mehr haben würde. Hatte sie diesen Weg vielleicht bereits mit dem Gedanken beschritten, wie ihr Bruder Max nach Palästina zu gehen? Jedenfalls beschloss sie auch die Säuglingspflege zu erlernen. Mutter Fanny brachte dies später in den Zusammenhang, dass sich die „Notwendigkeit der Ausreise stärker stellte“. Auch diese Kenntnisse wären für ein Leben in Palästina, etwa in einem Kibbuz wichtig gewesen. Die jüdische Alijah-Bewegung, der organisierte Versuch zur jüdischen Einwanderung nach „Erez Israel“, jedenfalls setzte zur Vorbereitung dazu auf landwirtschaftliche und handwerklich-praktische Kurse und Praktika, wozu auch die Pflege gehörte. Wie weit tatsächlich solche Pläne bei Luise Rothschild gediehen waren, lässt sich nicht festhalten. Jedenfalls zog sie am 8. Oktober 1940 nach Neu-Isenburg, wo sich das Heim des „Israelitischen Frauenbundes“ befand. Dieser war 1907 gegründet worden von der wichtigen jüdischen Frauenrechtlerin und Sozialpolitikerin Bertha Pappenheim (1859-1936), einer Cousine der Karlsruherin Anna Ettlinger (1841-1934), die wiederum 1893 das erste Mädchengymnasium in Deutschland (heute Lessing-Gymnasium), in Karlsruhe mitbegründet hatte. Der reformorientierte „Israelitische Frauenbund“ setzte im Gegensatz zur traditionellen jüdischen Wohltätigkeit auf eine Erziehung zur Selbstständigkeit, auf ein Modell moderner Sozialarbeit. Im Heim in Neu-Isenburg fanden entwurzelte jüdische Mädchen und ledige Mütter mit ihren Kindern einen Platz. Die 1936 verstorbene Bertha Pappenheimer selbst stand bis zu ihrem Tod dem Zionismus und der damit verbundenen Alijah ablehnend gegenüber. Im „Israelitischen Frauenbund“, der bereits 1938 von den Nationalsozialisten verboten worden war - das Heim wurde erst 1942 aufgelöst und alle verbliebenen Einwohnerinnen deportiert und ermordet - aber gab es bereits zu diesem Zeitpunkt eine starke zionistische Strömung.

Zum 1. September 1941 verließ Luise Rotschild Neu-Isenburg und begab sich nach Frankfurt a.M., wo sie im dortigen Israelitischen Krankenhaus in der Gagernstraße ihre Arbeit aufnahm. Hier lebte und arbeitete Luise bis zur ihrer Deportation am 24. September 1942. An jenem Tag wurde sie zusammen mit zahlreichen anderen Juden verschleppt, zunächst einmal über Berlin. Am 26. September kamen dort noch weitere Juden hinzu und der übervolle Zug brachte über 1.000 Menschen nach Estland, genauer nach Raasiku bei Reval. Dort wurden viele von ihnen in den Massenerschießungen ermordet, einige aber in Lagern in unmittelbarer Umgebung gebracht, wo sie Zwangsarbeit leisten mussten. Unter ihnen befand sich Luise Rothschild. Details über ihr Leiden bleiben aber im Dunkeln. Jedenfalls überlebte sie unter diesen Umständen zunächst. Als im Sommer 1944 die Arbeitslager wegen der herannahenden Roten Armee geräumt wurden, wurden die wenigen Überlebenden in das KZ Stutthof bei Danzig verbracht. Diese Überlieferung nach Stutthof ist das letzte, was wir von Luise Rotschild nachweisen können. Danach verliert sich ihre Spur. Eventuell ist sie dort umgekommen oder auf dem Weg in ein anderes Konzentrationslager, in die die Häftlinge wiederum von Stutthof aus gebracht wurden. Die genauen Todesumstände werden sich nie mehr aufklären lassen.

Fanny Rothschild war wie nahezu alle badischen und saar-pfälzischen Juden am 22. Oktober 1940 zunächst nach Gurs in Frankreich deportiert worden. Dort erkrankte sie an einer Ohrspeicheldrüseninfektion, die unbehandelt zu einem schweren Abszess und schließlich Hörverlust auf einem Ohr führte. Da sie bereits vor der Deportation in Deutschland seit Beginn 1939 versucht hatte, in die USA zu Verwandten zu emigrieren, konnte sie diese Bemühungen von Gurs aus fortsetzen. Die Verwandten in den USA gaben ihr ein Affidavit (Bürgschaft), doch das Visum wollte nicht kommen. Schließlich besorgte ihr ein Bruder einer Schwägerin ihres verstorbenen Ehemannes in Mexiko ein Visum für dieses Land. Zahlreiche andere Internierte in Gurs hatten vergeblich über entfernte Verwandte oder Bekannte ähnliches versucht. Schließlich konnte Fanny Rothschild am 16. Mai 1941 von Gurs in eines der Transitlager für Frauen in Marseille, das „Hotel Terminus“ verlegt werden. Dort musste sie jedoch noch über ein halbes Jahr bis zum 13. Januar 1942 warten, ehe sie eine Schiffspassage über Casablanca nach Mexiko zu ihren Verwandten erhielt. Zu diesem Zeitpunkt war die Überfahrt über den Atlantik wegen der deutschen U-Boote äußerst gefährlich. In Mexiko verblieb sie über zwei Jahre, ehe sie noch während des Kriegs 1944 endlich in die USA einreisen konnte, wo sie mittellos bei der Familie eines Cousins in New York lebte. Dort verstarb sie schwer krank am 8. Februar 1962.

Luises Bruder Max Rothschild indes, der 1934 nach Palästina ausgewandert war, konnte ebenso wie Mutter Fanny der Vernichtung durch die Nationalsozialisten entkommen. Bis etwa 1940 war er als Landarbeiter im Kibbuz Chefez Chaim im Wüstenvorland tätig, zog aber wegen der für ihn schweren Arbeit 1943 in das Städtchen Bat Yam zu Bekannten, wo er seinen Lebensunterhalt als einfacher Krankenkassenangestellter der Gewerkschaft Histradut verdiente. Noch im Kibbuz hatte er geheiratet, aus der Ehe gingen vier Kinder hervor, 1939, 1940, 1948 und 1953 geboren. Daneben engagierte er sich lokalpolitisch für die sozialdemokratische Arbeiterpartei, war Mitglied im Stadtrat und schließlich sogar Bürgermeister von Bat Yam bis 1983. Diese Stadt blieb seine neue Heimat bis zu seinem Tod am 7. Juli 1994.

(Simone Jennissen, 12. Klasse Lessing-Gymnasium, April 2009)

Das Gedenkbuch zum Heim des Jüdischen Frauenbundes in Neu-Isenburg wurde 2010 online gestellt un denthält weiterreichende biographische Informationen zu Luise Rothschild

http://gedenkbuch.neu-isenburg.de/rothschild-luise-liesel/