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Hedwig Ruben, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Hedwig Ruben

Nachname: Ruben
geborene: Silbermann
Vorname: Hedwig
Geburtsdatum: 29. November 1882
Geburtsort: Wartenburg/Ostpreußen (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Paul R.;

Mutter von Eva und Alfred
Adresse: Adlerstr. 33
Wilhelmstr. 36
Schule/Ausbildung: Volksschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Im Andenken an Johanna Ruben, Paul, Hedwig und Eva Ruben sowie Siegfried Ruben

Die Herkunft der Familie Ruben liegt in West- und Ostpreußen. Es war eher selten, dass eine jüdische Familie von dort in den Südwesten Deutschlands kam.
Paul Ruben wurde am 25. Januar 1883 in Altmark im westpreußischen Landkreis Stuhm geboren. Altmark war ein Dorf mit kaum mehr als 1.000 Einwohnern, das nach 1945 polnisch wurde und seitdem Stary Targ heißt. Von den fast 200 jüdischen Einwohnern des Kreises lebte über die Hälfte im Bezirksort Stuhm (Sztum). In Altmark selbst wohnten die jüdischen Familien Hammerschlag und Seliger. Die Eltern von Paul Ruben waren Jakob Ruben und Johanna, geborene Seeliger. Vermutlich hatte sich der Vater nach der Heirat in dem Örtchen niedergelassen. Noch vor Paul war am 19. März 1881 Bertha geboren worden, am 23. Oktober 1887 kam Paula zur Welt und am 21. Januar 1892 Siegfried, ebenfalls in Altmark. Ob die Familie weitere Kinder hatte, lässt sich nicht nachweisen. Auch über das Aufwachsen der Kinder des Ehepaares liegen keine Kenntnisse vor. Nachweislich verheiratete sich Bertha als Joachimsthal und lebte später in Berlin. Paul, Siegfried und Paula lebten später alle in Karlsruhe.

Paul Ruben verheiratete sich am 14. Oktober 1907 in Wartenberg (polnisch: Barczewo) mit Hedwig Silbermann, die dort am 29. November 1882 geboren war. Das Städtchen Wartenburg lag in Ostpreußen, unweit von Altmark, und hatte eine kleine jüdische Gemeinde, die sogar auf das Jahr 1281 zurückging und damit ebenso geschichtsträchtig zu benennen ist als die nicht weit entfernt liegende Marienburg des Deutschordens, die etwa den gleichen zeitlichen Ursprung hat. Die jüdische Gemeinde verfügte über eine Synagoge und einen Friedhof. Zum Zeitpunkt von Hedwig Silbermanns Geburt lebten 111 Juden unter den rund 3.200 Einwohnern, 25 Jahre später hatte sich die Zahl fast halbiert auf 62. Die Bevölkerung zog es in die Städte, wo es ein besseres Auskommen und vermutlich mehr Lebensqualität gab, so auch die Rubens.

Der Versuch, den Lebensweg des Ehepaares Rubens aus den östlichen Teilen Deutschlands nach Karlsruhe festzustellen, erwies sich als schwierig. Über das Stadtarchiv Dortmund konnte festgestellt werden, dass Paul Ruben 1907 als lediger Handlungshilfe von Duisburg-Ruhrort nach Dortmund in die Münsterstraße 45 zuzog. Wo er zuvor gelebt hatte und wann er von Altmark in das Ruhrgebiet kam, muss offen bleiben. Für die Heirat ist er demnach zurückgekehrt, vermutlich hatte er Hedwig bereits früher kennengelernt gehabt. Nach der Heirat begab er sich wieder nach Dortmund, zunächst allein, zog 1908 in die Krautstraße und ließ erst dann seine frisch vermählte Ehefrau aus Wartenberg nachkommen. Als sie 1909 von dort wegzogen waren sie bei der Einwohnermeldebehörde schon zu dritt in der Krautstraße gemeldet, denn in der Zwischenzeit war ihre Tochter Eva am 16. September 1908 zur Welt gekommen, zu ihr jedoch später mehr. Die dreiköpfige Familie verzog am 13. Januar 1909 aus Dortmund und begab sich nach Neustadt a.d. Hardt (heute Weinstraße). Dort sollte die Familie 20 Jahre lang in der Hauptstraße 84 leben, bis 1929. Bereits ein Jahr nach Tochter Eva kam am 22. September 1909 ein weiteres Kind auf die Welt, der Sohn Alfred. Die Lebensumstände der Familie ließen sich nicht erhellen. Paul Ruben arbeitete kaufmännisch, ohne dass darüber genauere Informationen vorliegen.

Sein acht Jahre jüngerer Bruder Siegfried Ruben kam unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg nach Karlsruhe und gründete 1919 in der Kaiserstraße 175 die Textilgroßwarenhandlung Siegfried Ruben. 1920 verheiratete er sich mit 1894 geborenen Henriette Hess. Kinder entsprangen dieser Ehe nicht, sie geriet auch in die Krise und es folgte die Scheidung. So wie sein Eheleben verlief auch Siegfried Rubens Geschäftskarriere mit Höhen und Tiefen, 1929 gründete er eine mechanische Kleiderfabrik und hatte für einige Jahre ein gutes Auskommen.

Über den Bruder Siegfried könnte auch Paul Ruben seinen ersten Bezug zu Karlsruhe bekommen zu haben. In Karlsruhe hatte ein Louis Kaufmann im Jahr 1900 zusammen mit zwei Gesellschaftern eine gleichnamige Fabrik für Sattlerwaren gegründet. Nach seinem Ausscheiden führte der andere Gesellschafter Albert Mändle die Firma unter dem eingeführten Namen Kaufmann weiter, in der Klauprechtstraße 44. Als 1926 der dritte Gesellschafter austrat, trat Paul Ruben - die Familie lebte immer noch in Neustadt a.d.W. - ein. 1929 wurde er dann der Alleininhaber.
In diesem Jahr zog die Familie schließlich von Neustadt nach Karlsruhe, nahm eine Mietwohnung in der Brahmstraße 18. Im Adressbuch firmierte er als „Fabrikant“ Die Familie dürfte sich wohl große Hoffnungen auf eine bessere Zukunft gemacht zu haben. Doch es kam anders. Ein Jahr später zog man in eine einfachere Wohnung in der Durlacher Allee 21. Die Firma geriet wohl in der Folge der großen Wirtschaftskrise in Konkurs, im Mai 1931 kam es zu einem Vergleichsverfahren. Immerhin war es kein Bankrott, man konnte die Gläubiger teilweise befriedigen und die Firma konnte weiter existieren. Der Firmenname wurde allerdings geändert in Albert Mändle Nachfolger OHG, offiziell registriert zum 1. Juli 1932. Mändle selbst hatte nach seinem erwähnten Ausstieg 1929 gar nichts mehr mit der Firma zu tun, doch konnte sie nicht mehr unter dem alten Namen weitermachen und unter dem Namen Paul Ruben ging es gar nicht. Gesellschafter dieser Firma waren seine Ehefrau Hedwig und ein Arthur Singer aus Neustadt a.d.H. (an der Weinstraße). Die Beziehung zu Singer ist unklar, 1935 wurde Hedwig Ruben auch alleininhaberin der Familie. Klar dagegen war, dass Paul Ruben in dieser Firma formal nur noch angestellt war, als Prokurist. D.h. er übte tatsächlich die Geschäftsführung aus, allerdings nicht mehr so prestigeträchtig wie als früherer Firmeninhaber und formal damit als leitender Angestellter seiner Ehefrau. Die Firma produzierte inzwischen in der Ostendstraße 15. Immerhin hatte die Familie während des ganzen Konkursverfahrens und danach ihre Wohnung in der Durlacher Allee halten können. Die hieß allerdings nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten Robert-Wagner-Allee. Paul Ruben war nach Aussage des Sohnes Alfreds in der Firma vor allem für die direkten Kundenkontakte verantwortlich, die sich in Karlsruhe selbst befanden, der Kundenkreis reichte aber auch von Mannheim und Heidelberg bis Freiburg und in die Pfalz bis Pirmasens. Die nationalsozialistische Machtübernahme bedeutete für das jüdische Geschäft einen Einbruch bei der nichtjüdischen Kundschaft, doch noch konnte es sich halten.

Die Kinder Rubens entwickelten sich. Eva, die eine Brille tragen musste, besuchte ein „Lyzeum“, ob sie damit ein Gymnasium oder einfach eine höhere Schule meinte ist unklar. Jedenfalls erlernte sie den Beruf der „Kindergärtnerin“, also Erzieherin, in einer qualifizierten Ausbildung in der Fröbel-Schule in Mannheim. Sie verheiratete sich nicht und übte ihren Beruf aus, richtete einen privaten Kindergarten ein. Der war jedoch mittelbar angebunden an die liberale jüdische Gemeinde, wozu sie deren Räume in der Herrenstraße 14 nutzen konnte. Es gab bereits einen jüdischen Kindergarten in Karlsruhe, den orthodoxen in der Karl-Friedrich-Straße 14, den auch nichtorthodoxe Juden besuchen konnten. Offensichtlich aber deckte Eva Ruben einen Bedarf nach nichtorthodoxer Kindererziehung ab. Es scheint, dass sie sich wie viele junge Juden auch den Ideen des Zionismus zuwandte und an eine Auswanderung nach Palästina dachte, was damals britisches Mandatsgebiet war. Am 16. Januar 1936 stellte sie Antrag auf einen Reisepass, der ihr auch im Februar 1936 ausgehändigt wurde. Der Grund für die Beantragung des Passes war zum einen eine Fahrt mit einer Lehrergesellschaft zur „Arbeit im Schul- und Erziehungswesen“ in Palästina und stand zum anderen in direkter Verbindung damit als Orientierungsreise zwecks geplanter Auswanderung. Die Nationalsozialisten legten dazu keine Steine in den weg, wollten sie juden doch aus Deutschland heraus haben, es wäre eher die britische Mandatsmacht gewesen, die hier einschränkend wirkte. Die gesamte Reise ging ca. einen Monat, vom 3. März 1936 bis zur Rückkehr am 30. März 1936. Die Stempel im Reisepass bezeugen die Route am 3. März über Salzburg in Österreich nach Triest in Italien am 4. März und von dort aus direkt nach Palästina mit dem Schiff. Welche Eindrücke sie aus Palästina mit zurückbrachte, warum sie nicht dort blieb oder später tatsächlich die zionistische Auswanderung, Alija genannt, betrieb, gehen aus den dürren Akten nicht hervor.
Für die Familie Rubens wurden die Bedingungen schlechter wie für alle Juden. Die Firma musste 1938 aufgegeben werden, die Familie zog in die Karlsruher Südstadt, in die Wilhelmstraße 36, wo sie bis zuletzt wohnte.

Sohn Alfred Ruben besuchte das humanistische Gymansium in Neustadt a.d.W., das er mit der Mittleren Reife. Er absolvierte eine kaufmännische Lehre und arbeitete vor 1933 bei der Firma „Gebrüder Lesem“ in Mainz, die auf den Verkauf von Knabenkonfektion spezialisiert waren. Als ihm 1933 die Arbeitsstelle wegen antijüdischer Maßnahmen, die in ganz Deutschland durchgeführt wurden, gekündigt wurde, wechselte er in die Polsterfabrik seiner Eltern in Karlsruhe. Am 2, Februar 1937 heiratete er Ruth Sophie Rosenthal aus München, dort geboren am 23. Juni 1916. Sie wanderten 1938 zusammen nach Manila auf den Philippinen aus, nahmen dabei ihren Hund mit. Diese Auswanderung verlief mit der Bahn von Karlsruhe nach Bremerhaven, von dort aus ging es in der ersten Klasse auf dem Dampfer „Potsdam“ nach Manila. Allein die Schiffsreise erster Klasse kostete damals 1.300 RM, was darauf schließen lässt, dass die finanzielle Lage in der Familie bis dahin durch die Sattler- und Polsterfabrik einträglich gewesen war. In Manila wohnten die beiden dann einige Jahre in einer jüdischen Gemeinde in der wohl auch einige fernere Verwandte zu Hause waren. Bevor sie aus Deutschland flüchteten, hatten Alfred und seine Frau Ruth Sophie einen Ausbildungskurs im Friseur- und Kosmetikgewerbe gemacht, offensichtlich gedacht zur Existenzsicherung in diesem fernen Land, das sie sich wohl ohne die NS-Verfolgung kaum ausgesucht hätten.
Am 22. Oktober 1940 wurde fast alle noch in Karlsruhe verbliebenen nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Paul und Hedwig mit ihrer Tochter Eva wurden an jenem Morgen von Polizei aus ihrer Wohnung in der Wilhelmstraße geholt und zum Karlsruher Bahnhof gebracht. Drei Tage danach kamen sie im Lager Gurs an. Die dortigen furchtbaren Bedingungen sind vielfach beschrieben. Die Rubens wurden von dort am 26. Januar 1942 in das Internierungslager Récébédou verlegt, wo Familien, Kindern und ältere Leute hingebracht wurden. Als im Sommer 1942 mit der Vichy-Kollaboration die Deportation der Juden in den Osten vereinbart worden war, gehörte alle drei Rubens zu denen, die in den ersten Transporten in das Transitlager Drancy bei Paris überstellt wurden. Von dort fuhr ein Zug mit 1.007 Menschen am 12. August 1942 nach Auschwitz. Fast alle wurden bei Ankunft sofort im Gas ermordet. Das Kriegsende überlebten 10 Männer. Paul Ruben war nicht darunter.
Alfred, Hedwig und Eva Ruben wurden in Auschwitz ermordet. Alfred Ruben war am Schluss der einzige Überlebende der Familie.

1945 wurde Alfred Ruben mit dem Tod seiner Frau in Manila zum kinderlosen Witwer. Eine Rückkehr nach Deutschland konnte er sich nicht vorstellen, so übersiedelte er 1947 von den Philippinen nach Okinawa in Japan. Bis wann er dort lebte ist nicht genau bekannt, jedoch ist nachweisbar man, dass er zwischen 1952 und 1957 in die USA auswanderte und in Miami lebte. 1966 kam er in Deutschland an, wohnte als Untermieter bei einem Ehepaar in Frankfurt a.M. Er betrieb sein Wiedergutmachungsverfahren und gab auch an für das gesetzlich mögliche Rückkehrgeld von 6.000 DM in Deutschland zu verbleiben, um sich hier eine Existenz aufzubauen. Aber noch im Juni 1966 kehre er zurück in die USA und lebte dort unter seinem neuen Namen Frederic-Pierre Randall. Dort endet die Dokumentation. Von Alfred Ruben ist weder Sterbeort noch Sterbedatum bekannt.
Paul Rubens Bruder Siegfried wurde ebenfalls 1940 nach Gurs deportiert, kam über Récébédou nach Drancy und ebenfalls im Transport am 12. August 1942 nach Auschwitz. Seine geschiedene Ehefrau Hedwig war rechtzeitig ausgewandert.
Die anfangs genannte Schwester Paula hatte sich mit Josef Stern aus Malsch verheiratet. Das Ehepaar lebte in gutsituierten Verhältnissen in Karlsruhe. Beide konnten 1938 nach Palästina emigrieren.

(Alexander Merkle, 12. Klasse Lessing-Gymnasium, November 2014)