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Rifka Rotberg um 1939, Porträt der belgischen Fremdenpolizei (Foto: Belgisches Staatsarchiv)

Personendaten

Rifka Rotberg

Nachname: Rotberg
geborene: Dzialowska
Vorname: Rifka
Geburtsdatum: 26. Dezember 1890
Geburtsort: Mszconów (Russland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Fischel und Rosa, Fischer, R.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Hirsch R.
Adresse: Fasanenstr. 35
Steinstr. 15
Emigration: 24.7.1939 nach Belgien (Belgien)

Biographie

Hermann und Regina Rotberg

Das Ehepaar Rotberg lebte in der Zwischenkriegszeit in Karlsruhe. Hirsch Rotberg betrieb in der Fasanenstraße 35, später in der Steinstraße 15, jeweils von der Wohnung aus im Obergeschoss einen kleinen, ambulanten Handel. Als Juden wurden die beiden 1939 aus Deutschland vertrieben, flohen nach Belgien und weiter nach Frankreich. Sie sind während des Krieges an unbekanntem Ort, vermutlich in Osteuropa, ermordet worden.

Hirsch (Hermann Zvi) Rotberg wurde am 6. Dezember 1893 in der polnischen Kleinstadt Staszów (sprich: „Stáschuff“) geboren. Andere Quellen nennen als seinen Geburtsort das damalige Zentrum der Textilindustrie, Łódź, wo er zumindest aufgewachsen ist.
Sein Vater Majer (Me'ir) Rotberg, von Beruf Schuster, Sohn des Szyja (Jehoschua), und seine Mutter Pesia/Pessel Sara, Hausfrau, waren aus Polaniec bei Staszów gebürtig. Hirsch hatte einen Bruder Motek (Motel/Mordechai), geboren 1890 in Łódź, von Beruf Möbeltischler, und eine 1899 eben dort geborene Schwester Ita.

Seit 1917 lebte Hirsch Rotberg in Deutschland, im August des Jahres heiratete er Rifka (Regina) geborene Dzialowska im damals deutsch verwalteten Straßburg, wo Angehörige der Braut wohnten. Sie war am 26. Dezember 1890 in Mszczonów, mundartlich „Amshinov“, einem Städtchen südwestlich von Warschau geboren. Ihre Eltern hießen Fischel Dzialowski und Rosa Ruchla, geborene Fischer und stammten beide von dort.

Um 1918 wohnten Hirschs Eltern und seine Schwester Ita laut „Personenblatt“ im Residentenregister in der ulica Kamienna 3 in Łódź. (Ita ist noch in jungen Jahren verstorben). Auf einem weiteren Blatt finden sich „Hersz Rotberg, Arbeiter“ und seine Frau Rywka (Regina) geborene Działowska, sie wohnten in der einige Straßen entfernten ulica Zielona 53. Sie waren aus Deutschland zugezogen. Am Rand des Dokuments schrieb eine Amtsperson auf Polnisch sinngemäß: „30. VI. 19 abgereist nach unbekannter Adresse“.

Ab Herbst 1920 stand dann „Rotberg, Hirsch, Händler“ im Karlsruher Adressbuch, mit der Adresse Fasanenstraße 35, Hinterhaus 2. Stock (1. OG).
Im Adressbuch 1922 erschien der Händler Hirsch Rotberg in der Rubrik „Kurz-, Weiß-, Woll-, Garn-, Strick-, Strumpf- und Posamentierwarengeschäfte“, sonst meistens einfach in der Rubrik „Händler“, was vielerlei umfassen konnte, etwa den Ankauf von Wiederverwertbarem wie den Verkauf von Bett-, Tisch- und Leibwäsche, von Rohmaterialien zum Nähen und Schneidern oder auch von Konfektion.

Etwa 1927 zogen die Rotbergs in die Steinstraße 15, 2. Stock, Ecke Adlerstraße, ebenfalls im Dörfle, um. Eine Zeitungsannonce in der Badischen Presse vom 4. Dezember 1927 wirft ein Licht auf die bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnisse:
„Die höchsten Preise für Hasen-Felle u. Weinflaschen jeder Art zahlt Rotberg, Steinstr. 15 II. Karte genügt. Auf Wunsch abgeholt.“
Hasenfell war ein relativ günstiges Material, ähnlich Kaninchen, als Pelzbesatz für den Mantelkragen. Vermutlich lieferte Hirsch Rotberg an Kürschner, die das Material noch färbten. Mit den Weinflaschen wurden vielleicht Winzer im Elsass oder in Südbaden beliefert, die sie reinigten und wiederbefüllten. In den Jahren relativer wirtschaftlicher Blüte um 1925-28 dürfte Ehepaar Rotberg damit zu den Geringverdienern gezählt haben.

In der Karlsruher Zeitung vom 17. Juni 1930 tauchen die Rotbergs noch einmal auf, unter „Güterrechtsregistereinträge“ ist zu lesen: „Rotberg, Hirsch, Händler und Ryfka geb. Dzialowska, Vertrag vom 22. Mai 1930, Gütertrennung“. Denkbar, dass Frau Rotberg auf eigene Rechnung geschäftlich tätig war und damit der gemeinsame Ruin vermieden werden konnte, sollte einer der beiden in Schulden geraten.

Hirsch und Rifka Rotberg hatten keine Kinder. Hirschs 1925 geborener Neffe Moniek (Menashe/Moritz), einziges Kind seines Bruders Motek und Frau Gitel, heute (2018) 93-jähriger Holocaustüberlebender in Israel, erinnert sich lebhaft an seinen Onkel, der oft aus Deutschland zu Besuch gekommen sei und ihn zu sich nach Karlsruhe eingeladen habe – wohin die Eltern ihren einzigen, damals kaum 12-jährigen Sohn aber nicht reisen ließen. Sein Onkel brachte Bananen mit, so erinnert er sich, und kaufte in Lodz polnische Salami, die er sehr mochte.

Als Ende Oktober 1938 auch aus Karlsruhe die jüdischen Männer mit ehemals polnischen Papieren – etwa 60 Personen – gewaltsam und ohne ihre Angehörigen an die Grenze abgeschoben wurden, blieb Hirsch Rotberg mit seiner Frau zurück – vielleicht aus gesundheitlichen Gründen, vielleicht, weil er sich gerade auswärts befand.

In der Volkszählung am 17. Mai 1939 mit ihren separaten „Ergänzungsbögen für jüdische Haushalte“ wurde das Ehepaar Rotberg in der Steinstraße 15 erfasst. Um diese Zeit waren bereits viele zur Miete wohnende Juden systematisch bei jüdischen Vermietern einquartiert, wie damalige Akten über die „Mietverhältnisse von Juden“ in Karlsruhe zeigen. Der Bogen für das Haus Steinstraße 15, das dem jüdischen Metzgermeister Theodor Schuster gehörte, nennt die Wohnung der Rotbergs im 2. Stock: zwei Zimmer, Küche, Abort, kein Bad. Der Name Rotberg ist nachträglich durchgestrichen und mit „Jak. Falkenberg, 4 Personen“ überschrieben.

Ein überliefertes Schreiben der Karlsruher Polizeibehörde vom 19. Juli 1939 besagt: „Rotberg hat seinen Gewerbebetrieb nunmehr aufgegeben“ – es handelte sich um „Weiß-, Kurz- und Wollwaren“. „Familie Rotberg will in den nächsten Tagen nach Polen auswandern“.
Laut Gestapo-Listen sind die beiden „am 18.7.1939 ausgewandert“ und als „staatenlose Juden“ bezeichnet, besaßen also keine Pässe mehr, was die Ausreise verkompliziert haben muss. Ins westliche Ausland gelangten manche „Staatenlose“ auf verschlungenen Wegen noch bis Kriegsausbruch, oft in der Hoffnung, einen Überseehafen zu erreichen.

Am 24. Juli 1939 reisten Hirsch und Rifka Rotberg über den Grenzübergang Losheimergraben bei Aachen nach Belgien ein. Im Polizeibericht heißt es, die beiden seien zuvor zusammen mit Benjamin Wolf Mantel aus Köln im Zug in Kalterherberg bei Aachen kontrolliert und zurückgewiesen worden.
Ab dem 6. August fanden die beiden in der Hauptstadt Brüssel mit Hilfe einer jüdischen Organisation eine Unterkunft, zunächst in der Rue de Bogards 40 bei Warschawski, dann in der Chaussée de Forest 100, zuletzt in der Rue Fontainas 38. Nach eigener Aussage in einem Fragebogen der Fremdenpolizei von August 1939 warteten sie auf das Zertifikat für die Einreise nach Palästina und bemühten sich dafür um Verlängerung ihres Aufenthaltsstatus. Hirsch Rotberg gab bei den belgischen Behörden seinen Beruf als Mechaniker bzw. als Eisendreher an. Offenbar bestritt er den Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter, unterstützt von einem Jüdischen Hilfskomitee. Der Neffe Menashe erinnert sich, dass seine Familie in der Frühzeit des Lodzer Ghettos in der ulica Pawia 24 vom Onkel aus Belgien immer wieder Lebensmittelpakete erhielt.

Am 26. April 1940 meldete ein Polizeibeamter eine Sachbeschädigung durch Hirsch Rotberg, bei der aber kein Mensch zu Schaden kam – was der Grund des Vorfalls war, wird nicht gesagt. Am 13. Mai 1940, kurz nach Beginn des deutschen Einmarschs in Belgien, verließen Hirsch und Rifka Rotberg Brüssel und flohen, wie mehrere Zehntausend jüdische Migranten ohne belgische Papiere, in das noch unbesetzte Frankreich. Dann verliert sich ihre Spur.

Ohne Zertifikat für ein Auswanderungsland und ohne gültige Ausweispapiere werden die beiden in Frankreich geblieben, vielleicht untergetaucht sein und später interniert und in der Deportation zu Tode gekommen sein. Nicht wenige Opfer antijüdischer Verfolgung sind bis heute namenlos geblieben oder ihr Schicksal nur bruchstückhaft oder widersprüchlich belegt.

Menashe Rotberg, dessen Eltern Motek und Gitel im Ghetto an Hunger, Not und Elend gestorben waren, hat über die Jahre immer wieder nach seinem Onkel geforscht. Bereits im Januar 1948 korrespondierte er aus dem D.P. Camp Dorfen bei Erding, wo er die Jüdische Blumengartenschule besuchte und eine Familie gegründet hatte. Damals bestand noch die vage Vermutung, Onkel und Tante hätten überlebt, seien 1946 im tschechoslowakischen Bratislava gesehen worden und nach Kanada oder den USA ausgewandert. In Toronto wurde die Adresse eines Henry Rotberg ausfindig gemacht und gemutmaßt, er sei der Emigrant aus Karlsruhe. In der Tat gab es dort auch Rotbergs aus Lodz, aber die Gesuchten fanden sich nicht.

Anfang 1948 beantwortete Heinrich Freund im Namen der Karlsruher Jüdischen Gemeinde eine Anfrage: „Unseres Wissens ist Herr Rotberg im Jahr 38 oder 39 nach Polen evakuiert worden“. Im Juni 1948 ging auch eine Anfrage des Neffen an die Jewish Agency for Palestine, ob sich sein Onkel im inzwischen gegründeten Staat Israel aufhielte. In solchen Fällen wurden die Namen der Suchenden und der Vermissten im Radio aufgerufen, auch dies vergebens.

Ein Schreiben des Internationalen Suchdienstes Arolsen von 1964 zu Ehepaar Rotberg zitiert aus dem Suchantrag des Neffen: „Waren 1940 in Brüssel, Belgien, und seitdem fehlt jede Nachricht“.
1991 schrieb Menashe Rotberg nach Karlsruhe: „Ich habe einen Onkel gehabt, der gewohnt hat in Karlsruhe, Steinstraße 15. Im Jahre 1940-41 ist er mit seiner Frau geschickt in Konzentrationslager und vergast geworden“. Mangels Unterlagen oder Zeugenaussagen wurde die Entschädigungssache nach Jahren ad acta gelegt.
In einem weiteren Schreiben von 1991 äußerte Menashe Rotberg die Vermutung, der Onkel sei (auch) im KZ Dachau gewesen. Die Gedenkstätte in Dachau hat keinen Beleg dafür. Vielleicht beruht die Angabe auf einer Verwechslung, da ein Hersz Rotberg, geb. 12. Juni 1915 in Lodz, Häftling in Dachau war.
Auch 2015 berichtet Menashe Rotberg in einem Interview mit der polnischen Wissenschaftlerin Agnieszka Ilwicka, sein Onkel sei vor dem Krieg oft aus Deutschland zu ihnen nach Lodz – sie wohnten in der ul. Srodmiejska 8 – zu Besuch gekommen. Er beschreibt seine Angehörigen als traditionell, nicht orthodox; man ging Freitagabend und Samstag früh zum Beten in die Wilker Shul auf der Zachodnia. Die Muttersprache war Jiddisch, neben der jeweiligen Landessprache. Menashe spricht mehrmals mit Zuneigung von seinem Onkel, der während des Krieges in Belgien gewesen sei; weiter habe er von ihm nie mehr gehört.

Nach über 60 Jahren Nachforschungen müssen wir mit sehr großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Hirsch und Rifka Rotberg dem Naziterror zum Opfer gefallen sind.

(Christoph Kalisch, Dezember 2018)


Wichtigste Quellen:
- Belgisches Staatsarchiv Brüssel, Dossiers der Fremdenpolizei A362.956.
- StadtAK 1/H-Reg 1492 „Mietverhältnisse von Juden“, 8/StS 34/136 (ITS Arolsen Gestapo-Listen).
- Generallandesarchiv Karlsruhe 237 Zugang 1967-19 Nr. 661; 480/31295.
- Archiwum Państwowe w Łodzi, Bestand: 39/221/0 Akta miasta Łodzi » Serie: 4.12 Wydział Ewidencji Ludności, vgl. www:szukajwarchiwach.pl/ .
- Yiddish Book Center, Oral History, Interview Menashe Rotberg 2015.