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Käthe Rosenfelder 1937. Porträt in Reisepassantrag für Frankreich (Foto: GLA)

Personendaten

Käthe Henriette Rosenfelder

Nachname: Rosenfelder
geborene: Hirsch
Vorname: Käthe Henriette
Geburtsdatum: 13. Dezember 1903
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Adolf und Emma, geb.Siegel, H.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Dr. Fritz R.;

Mutter von Edith
Adresse: 1903: Waldhornstr. 10
Wendtstr. 19
Schubertstr. 2
Emigration: September 1938 nach Frankreich
Deportation: 26.8.1942 verhaftet und nach Les Milles (Frankreich)
7.9.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Käthe Rosenfelder

Im Andenken an Dr. Fritz Rosenfelder und seine Ehefrau Käthe, geborene Hirsch

Am Beginn der Biographie stehen meine persönlichen Erinnerungen aus Erzählung meiner Mutter, die im Haushalt bei den Rosenfelders arbeitete.
Die Verbindung meiner Mutter, Jahrgang 1900, zu Käthe Rosenfelder, 1903 geboren, war eine sehr enge, fast freundschaftliche. Sie hatte bereits seit einigen Jahren im elterlichen Haushalt von deren Ehemann Dr. Fritz Rosenfelder als Hausangestellte und Köchin gearbeitet.
Käthe, eine liebenswerte, gescheite Frau, ließ 1927 in ihrem schönen, imposanten Jugendstilhaus in der Wendtsraße 19, Ecke Kaiserallee, für meine Eltern aus den Mansarden im Dachgeschoss eine Wohnung herrichten. Dort verbrachte ich, Jahrgang 1934, mit meinen Eltern und meinen Geschwistern eine schöne Kinderzeit. Käthe Rosenfelder bekam fast zeitgleich wie meine Mutter ein Mädchen: Edith. Meine große Schwester Eva und Edith wuchsen in den ersten Lebensjahren zusammen auf, wie ein mir viel bedeutendes Foto in meinem Privatbesitz zeigt. Darauf ist Edith Rosenfelder in der Mitte zu sehen, links meine Schwester Eva, rechts mein Bruder auf einem Stühlchen und ich, mit etwa einem Jahr. Die Aufnahme ist auf der Straße vor dem Rosenfelder-Haus, dessen schöne Fenster mit Rundbogen darauf zu sehen sind.

Meine Mutter musste nach den Nürnberger Rassegesetzen, die den Einsatz von Dienstpersonal bei Juden einschränkten, ihren Arbeitsplatz bei den Rosenfelders aufgeben. Sie schenkte der kleinen Tochter Edith Rosenfelder zum Abschied ein Buch mit der Widmung, die Dr. Fritz Rosenfelder 1945 memorierte:
„Ach ich muss jetzt von Dir scheiden
Ob ich will oder mag nicht
Denn ich darf Dich nicht mehr lieben
Adolf Hitler leidet’s nicht.“

Käthe Henriette Rosenfelder war eine geborene Hirsch, als Tochter von Kaufmann Adolf Hirsch und Emma, geborene Siegel, am 13. Dezember 1903 in Karlsruhe auf die Welt gekommen. Sie hatte noch einen jüngeren Bruder, Ernst, 1907 geboren. Käthe verheiratete sich am 19. Juli 1927 in Karlsruhe mit dem Rechtsanwalt Dr. Fritz Rosenfelder.

Fritz David Rosenfelder war am 20. Juni 1894 in München geboren als Sohn des Kaufmanns Issak Rosenfelder und Sofie, geborene Schnurmann, welche einer Fabrikantenfamilie entstammte. Er hatte noch einen drei Jahre älteren Bruder Max, sowie den 1892 geborenen Bruder Karl, der später promovierte und vor 1933 als Literat und Dramaturg arbeitete, ehe er durch die Nationalsozialisten seine Stellung am Theater verlor.
Die elterliche Familie zog kurz nach Fritz’ Geburt von München nach Karlsruhe. Hier besuchte er das Gymnasium (Bismarck-Gymnasium) und legte 1912 das Abitur mit gutem Ergebnis ab, allein im Turnen hatte er befriedigend. Vater Isaak verstarb bereits 1909. Die Familie litt keine materielle Not aufgrund ihres Vermögens. Obwohl Fritz zunächst mit einem Medizinstudium geliebäugelt hatte, studierte er schließlich Jura in Heidelberg, Genf, Wien und München. Der Erste Weltkrieg unterbrach sein Studium, Fritz meldete sich sofort als Kriegsfreiwilliger. Bruder Max fiel bereits in den ersten Kriegswochen im September 1914 als Angehöriger des badischen Infanterieregiments 110; auch Bruder Karl machte den gesamten Krieg mit. Fritz Rosenfelder war beim badischen Feldartillerieregiment Nr. 14, wo er in der neu gegründeten Schallmessungsgruppe in vorderster Linie war und wurde 1917 Unteroffizier. Im Mai 1918 verwundete ihn ein Granatsplitter an der linken Hand und am rechten Bein schwer. Er verlor zwei Finger, die anderen der linken Hand blieben unbeweglich, so dass er später zu 50 % als Kriegsinvalide eingestuft wurde. Mehrere Operationen verbesserten die Gebrauchsfertigkeit der Hand nicht. Dafür war er dekoriert mit dem EK II und dem Schwarzen Verwundetenabzeichen.

Sichtbar kriegsverstümmelt beendete Fritz Rosenfelder danach sein Studium und promovierte 1920 in Heidelberg mit „Die Steuerhinterziehung der Reichsabgabenordnung und ihre Erscheinungsformen“.
Eine Begebenheit aus der sich daran anschließenden Referendariatszeit wirft vielleicht ein Schlaglicht auf seine Persönlichkeit: Der Karlsruher Landgerichtspräsident beschwerte sich 1921 beim Kultusministerium über Rosenfelder, weil dieser während seines Ausbildungs-Einsatzes beim Notariat die Bibliothek des Landgerichts benutzte, was unstatthaft sei. Rosenfelder hatte offensichtlich genügend Selbstbewusstsein, sich dem Ansinnen des Gerichtspräsidenten entgegen zu stellen. Der darauf folgenden Rüge hätten sich die meisten sicherlich gefügt. Nicht so Rosenfelder, der dies als „schwere persönliche Beleidigung“ auffasste und Vorlage darüber beim Innenministerium verlangte. Erfolg hatte der juristische Anfänger damit zwar nicht, doch war er mit allen Mitteln für sein persönliches Gerechtigkeitsempfinden eingestanden.
Während seines Referendariats absolvierte er den vorgeschriebenen Abschnitt Rechtsanwaltspraxis bei der renommierten Sozietät Max Homburger und Hugo Stein, beide zugleich die führenden Repräsentanten jüdischen Lebens in Karlsruhe und Baden. Eventuell gab dies den Ausschlag 1923 eine Rechtsanwaltskanzlei zu begründen, da sich eine bereits in Aussicht stehende Stellung in der Reichsfinanzverwaltung aufgrund der gerade erlassenen finanzbedingten Zulassungsbeschränkungen und dem Personalabbau im Staatsdienst zerschlagen hatte. Zunächst trat Fritz Rosenfelder als Sozius in die Kanzlei des angesehenen und vielbeschäftigten Anwalts Dr. Wilhelm Frey in der Erbprinzenstraße 31 ein. Dieser war Stadtrat und hatte seine Klientel weitgehend in Kreisen der städtischen und staatlichen Behörden. Der Rechtsanwalt und Stadtrat Hermann Kessler beschreibt 1960 die Umstände so: „Sein junger Sozius Dr. Rosenfelder fügte sich in diese Praxis sehr geschickt und mit großem Fleiß und gutem Erfolg ein. Er befasste sich speziell mit einem damals akuten Problem, in dem er sich der Frage der Aufwertung [eine Spezialfrage infolge der Inflation, da ohne Aufwertung Schulden zu Lasten der Gläubiger entwertet worden wären] besonders zuwandte. Auf diesem Gebiet war er auch publizistisch tätig, machte sich einen Namen und war als Vertrauensanwalt auf diesem Gebiet für die Aufwertungsgesetzgebung und ihre Folgen als ständiger Vertreter eines großen Verbandes tätig.“ Nach Freys Tod 1931 führte Fritz Rosenfelder die Kanzlei allein weiter.

Familie Rosenfelder lebte demnach in wohlsituierten Verhältnissen. Die Mutter Rosenfelder hatte 1919 ein zu Jahrhundertbeginn ein mit dem Jugendstil vorwegnehmenden Elementen erbautes repräsentatives Wohnhaus in der Wendtstraße 19 erworben, das nach deren Tod 1934 auf die Söhne Fritz und Karl überging. Letzterer befand sich zu diesem Zeitpunkt bereits außer Landes und ging schließlich in die USA.
Im Jahr nach der Heirat kam Tochter Edith am 2. Juli 1928 auf die Welt. Über Käthe Rosenfelder liegen keine eigenen Informationen vor. Vermutlich hat sie über die Erziehung von Edith und die Führung des Haushalts hinaus auch eigenen Interessen nachgehen können und repräsentative Pflichten erfüllt. Sie engagierte sich in den jüdischen Wohltätigkeitsvereinen wie dem Israelitischen Frauenverein. Fritz Rosenfelder war Mitglied der jüdischen Loge B‘nai Brith, wo sich die gesellschaftlich arrivierten Kreise trafen. Auch gehörte er seit 1928 der Hebel-Loge an, in der er rasch vom Schriftführer 1930 zu einem der so genannten Obermeister 1932 avancierte. Das heißt, er bewies ein überdurchschnittliches Engagement in dieser rund 100 Mitglieder zählenden Loge. Seine zugewandte Geselligkeit machte ihn offensichtlich beliebt. Fritz Rosenfelder hatte noch eine weitere Passion, die Literatur bzw. eigene Schreibversuche. In der Deutschen Nationalbibliothek sind von ihm unter anderem Lyrik-Stücke überliefert.

Das Jahr 1933 bedeutete einen tiefen Einschnitt. Zwar fiel Fritz Rosenfelder nicht unter das „Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft“, das ebenso wie das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ am 7. April 1933 erlassen wurde und Juden aus ihrer beruflichen Stellung ausschloss, weil für ihn die Ausnahme als Frontkämpfer galt. Doch nun verlor er zahlreiche Mandate. Einige Juden verließen Deutschland aufgrund der diskriminierenden Umstände. Eventuell war es Rosenfelders streitbare Auffassung oder auch nur der Umstand, dass der Posten zu besetzen war, aber nun übernahm der, der für „das Vaterland“ 1914 bis 1918 die Gesundheit geopfert hatte, die Führung des badischen Landesverbandes des „Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten“.
Die sich häufenden Auswanderungen, korrekt: Flucht oder Vertreibung, von Juden aus Deutschland, bedeuteten für jüdische Organisationen enorme Kraftanstrengungen. Gleich zu Jahresbeginn 1936 errichtete der „Hilfsverein der Juden in Deutschland“ reichsweit so genannte Auswandererberatungsstellen ein. Die Leitung der Zweigstelle in Karlsruhe, die für ganz Baden mit Ausnahme Mannheims zuständig war, wurde Fritz Rosenfelder übertragen.

Doch gab es für ein Weiterleben in Deutschland keine Perspektive mehr. Fritz Rosenfelder konnte nur noch jüdische Mandantschaft vertreten. So suchte er neue Perspektiven und begab sich Anfang 1937 nach Paris zum Sondieren, was eventuell möglich wäre.
Käthe und Edith Rosenfelder blieben in Karlsruhe. Für eine geplante Reise zu ihrem Bruder nach Prag im Frühjahr 1937 wurde Käthe Rosenfelder die Ausstellung eines Passes verweigert. „Ein dringendes Bedürfnis ist hierfür nicht gegeben“, beschied die Gestapo, die letztlich über Auslandsreisen zu entscheiden hatte. Ein erneuter Pass-Antrag wenige Wochen später für eine Reise in das italienische Florenz zu einer Freundin wurde dagegen umstandslos genehmigt. Als sie im Juli 1937 auch noch eine Erweiterung des Passes für Schweiz-Reisen mit der ausdrücklichen Begründung, ihren Mann Fritz dort zu treffen, beantragte, wurde ihr auch dies ohne Schwierigkeiten genehmigt. Was sie aber nicht erhielt, war die Ausweitung des Reisepasses nach Frankreich. Darin zeigten sich sowohl Willkür als Schikane.
Inzwischen interessierten sich die Behörden auch wegen Fritz Rosenfelders Verbleib in Paris. Angeblich lag auch eine Forderung über rund 4.500,- RM eines Privatmannes gegen ihn vor. Jedenfalls, als Käthe Rosenfelder im März 1938 abermals einen Anlauf zum Erhalt eines Reisepasses gültig für Frankreich unternahm und dabei angab, - unterstützt von der Auswandererberatungsstelle -, dass sie nach Frankreich zwecks Information zur Auswanderung und zum Schulbesuch für die neunjährige Edith wolle, gab es plötzlich keine Hindernisse mehr. Mit Zustimmung der Gestapo wurde ihr der Reisepass im Mai 1938 ausgestellt. So konnten Mutter und Tochter nach Frankreich und die Rosenfelders waren wieder vereinigt. Im Jahr zuvor hatte Fritz Rosenfelder das Haus Wendtstraße 19 an den Badischen Gemeindeversicherungsverband (BGV) veräußert.

Fritz Rosenfelder selbst musste sich in Frankreich mit Handelsvertretungen durchschlagen, als Jurist konnte er nicht mehr arbeiten. Das anfänglich noch beträchtliche Vermögen schmolz dahin. Mit der Auswanderung verloren die Rosenfelders die deutsche Staatsangehörigkeit und waren damit Staatenlose geworden. Fritz Rosenfelder verlor auch förmlich im Oktober 1938 die Zulassung als Rechtsanwalt. Dies wäre ihm auch bei einem Verbleiben in Deutschland widerfahren, da jüdischen Rechtsanwälten generell per Verordnung die Zulassung zum Jahresende 1938 entzogen wurde.
Über die Ausplünderung, die Juden bei Auswanderung unter anderem mit der Reichsfluchtsteuer einherging, liegen uns keine Angaben vor. Der Hausverkauf war bereits unter Druck erfolgt. Nach 1945 musste der Käufer dafür nochmals zusätzlich 5.000,- DM als Ausgleich bezahlen.
Eine vermutlich eher relativ geringere Enteignung ist aber anhand einer erhalten gebliebenen Akte nachvollziehbar: Sowohl Käthe als auch Fritz Rosenfelder hielten an der „GESPA – Gesellschaft für stromsparende Beleuchtung mbH, Karlsruhe“ Gesellschaftsanteile von je 1.000,- RM, neben zwei anderen jüdischen Gesellschaftern unter den 16 insgesamt mit insgesamt 20.000,- RM Gesellschaftskapital. Gemäß den „Arisierungs-Verordnungen“ 1938 galt es, alle Juden aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. Bei Gesellschaften hieß dies, dass ihr Anteil in „arische“ Hand übergehen sollte. Am 6. Dezember 1939 ging im Auftrag des GESPA-Geschäftsführers an die vier jüdischen Gesellschafter ein Schreiben, dass sie „im Zuge der Entjudung“ ihre Anteile zu verkaufen hätten. Aufgrund der Bilanz sei ihr Anteil bei 1,85 RM und wenn keine Äußerung bis 20. Dezember käme, ginge er davon aus, dass „Sie damit einverstanden sind, dass ihr Geschäftsanteil ohne Zahlung einer Vergütung von einem anderen Gesellschafter übernommen wird.“ Fritz und Käthe Rosenfelder konnten sich gar nicht äußern, die an sie in die Wendtstraße gerichteten Briefe erreichten sie erst gar nicht.

Inzwischen hatte das nationalsozialistische Deutschland den Krieg begonnen. Die Rosenfelders galten trotz ihrer Verfolgung als feindliche Ausländer, denn sie kamen ja aus Deutschland. Deshalb wurde Fritz Rosenfelder gleich zu Kriegsbeginn wie viele Andere interniert. Nachdem es zu keinen aktiven Kriegshandlungen kam und wegen seiner Invalidität wurde er relativ rasch wieder entlassen, ohne dass er sich „freiwillig“ als Prestataire oder gar Fremdenlegionär wie so viele andere Emigrierte zur Verfügung stellen musste. Für einige Monate konnte die Familie wieder normal leben in Paris, soweit man das Leben unter Kriegsbedingungen normal führen konnte. Mit dem deutschen Angriff auf Frankreich am 10. Mai 1940 über die Benelux-Staaten wurde Fritz Rosenfelder abermals interniert, am 15. Mai, die deutsche Wehrmacht hatte gerade begonnen die Maas zu überschreiten. Diesmal kam er nach dem Örtchen Damigny im Department Basse-Normandie. Ein Lager, das durch den französischen Kommandanten und die intensive Arbeit der Internierten etwas bessere Bedingungen bot als zahlreiche andere. Allerdings waren hier politisch linke Antifaschisten und offensichtlich Verfolgte wie Fritz Rosenfelder neben sich bekennenden deutschen Nazis zwangsvereint.
Der rasche Vormarsch der deutschen Truppen führte zur Massenflucht und zu chaotischen Umständen in Frankreich. Während sich auf den Straßen Flüchtlingstrecks nach Süden stauten, wurden Internierungslager rasch vor oder neben den vorstoßenden deutschen Heereskeilen geräumt und immer weiter südlich verlegt. Zum Zeitpunkt des Waffenstillstandes am 25. Juni befand sich Fritz Rosenfelder in einem Lager in Tence, einem Örtchen in der Auvergne im Zentralmassiv.

Währenddessen waren Käthe und Tochter Edith in Paris verblieben, die Internierung traf sie nicht. Sie blieben dort und flohen auch nicht bei dem deutschen Einmarsch in die französische Hauptstadt. Zwar lebten sie in großer Not und Unsicherheit, doch noch gab es das Programm zur Vernichtung der europäischen Juden nicht. Im Sommer 1940 gelang es Käthe sogar, zu einem kurzen Besuch zu ihrem Mann nach Tence zu kommen. Zu Beginn des Herbstes wurden die Internierten in Tence zum Lager Gurs an den Pyrenäen verlegt. Dieses Lager, 1939 für spanische Bürgerkriegsflüchtlinge errichtet, sollte im Oktober 1940 das Lager für über 6.500 Juden aus Südwestdeutschland werden. Mit diesem zeitlichen Zusammentreffen traf Fritz Rosenfelder auch Verwandte und viele Bekannte aus Karlsruhe und ganz Baden wieder, die am 22. Oktober in Zügen nach hier deportiert worden waren.

Trotz der unmenschlichen Lebensbedingungen in Gurs mit ihren zahlreichen Todesopfern verlor Fritz Rosenfelder seinen Lebensmut nicht. Noch war es theoretisch möglich, in die USA auszuwandern. Diese Möglichkeit versuchte er durch Verbindung mit seinem Bruder Karl wahrzunehmen. Tatsächlich waren die nötigen Papiere teilweise zusammen, so dass er im Frühjahr 1941 vom Lager Gurs in das Lager Les Milles bei Marseille verlegt wurde, wo diejenigen Männer hinkamen, die eine begründete Aussicht auf Auswanderung hatten. Les Milles war eine ehemalige Ziegelfabrik, 1939 als Lager für „unerwünschte Ausländer“ eingerichtet. Interniert dort waren zahlreiche deutsche Intellektuelle wie z.B. Lion Feuchtwanger - der das Lager in seinem Buch „Der Teufel in Frankreich“ authentisch schildert -, Golo Mann, Franz Hessel, Max Ernst. 1941 war der Gebäudekomplex aber bereits ein Transitlager für Auswanderer.

Obwohl Fritz Rosenfelder bereits ein Visum für die USA hatte, durch glückliche Umstände lebten Käthe und Edith inzwischen in Allauch bei Marseille, konnte die Auswanderung nicht realisiert werden, weil entweder neue Bestimmungen aus Amerika eintrafen oder die Schiffsroute nicht mehr befahren wurde.
Inzwischen war es Sommer 1942. Seit Juli hatte Deutschland mit Frankreich vereinbart, dass dieses ihm alle ausländischen Juden für den Abtransport nach dem Osten zustellen würde. Seit August 1942 fuhren fast täglich Transporte mit etwa 1.000 Menschen aus Sammellagern wie Drancy nach Auschwitz in die Gaskammern. Sie wurden aus Internierungslagern wie Gurs oder Les Milles zusammengestellt oder in Razzien verhaftet

Käthe und Edith in ihrem Privatquartier waren ebenso nicht mehr sicher wie Fritz. Während Fritz Rosenfelder sich zwischen Les Milles und Marseille weiter um die Auswanderung bemüht, wird Käthe Rosenfelder in einer der Suchaktionen nach nichtfranzösischen Juden am 26. August 1942 verhaftet und über Les Milles in das Sammellager Drancy gebracht. Fritz Rosenfelder gelingt es auf der Flucht Edith mitzunehmen, ehe diese den Häschern in die Hände fällt.

Käthe Rosenfelder wird mit zusammen 1.000 Juden am 7. September 1942 von Drancy nach dem Vernichtungslager Auschwitz überstellt. Fast alle werden bei der Ankunft in das Gas geschickt. 52 Frauen werden zur Zwangsarbeit selektiert. Ob Käthe Rosenfelder eventuell darunter war ist nicht feststellbar. 1945 lebt keine einzige dieser Frauen mehr.

Mit Edith verließ Fritz Rosenfelder Marseille am 10. September 1942 Richtung Thonon-les-Bains am Genfer See. In dieser Gegend versuchten zahlreiche Verfolgte den unerlaubten Grenzübertritt von Frankreich in die Schweiz, alleine oder mit Fluchthelfern, die dies teils ohne, teils für hohe Bezahlung taten. Fritz Rosenfelder fand Fischer, die Vater und Tochter einige Nächte später auf ihrem Boot nachts an das Schweizer Ufer bei Saint Prex brachten. Möglicherweise war der Umstand eine Hilfe, dass dies die fast breiteste Stelle des Genfer Sees war und vielleicht weniger streng bewacht war, weil illegale Übertritte mehr an den anderen Stellen vermutet wurden?

Fritz Rosenfelder erlitt eine schwere Erkrankung, an der er am letzten Tag des Jahres 1945, das den Sieg über die NS-Tyrannei gebracht hatte, in einem Genfer Krankennhaus verstarb.
Edith Rosenfelder war in der Schweiz zur Schule gegangen. Die 18-jährige Vollwaise Edith gelangte November 1946 zum Onkel nach Brasilien, wo sie sich schließlich ein eigenes Leben aufbaute und heiratete.
Das Haus in der Wendtstraße 19 wurde von den Rosenfelders 1936 an den Badischen Gemeindeversicherungsverband (BGV) verkauft und 1944 bei einem Luftangriff zerstört. Das Ruinengrundstück wurde später von einem gesichtslosen Bürohaus der Firma L’OREAL, die das Grundstück in den 1950er Jahren vom BGV gekauft hatte, überbaut.


(Hildegard Roller, November 2013)