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Karl Rosenthal, 1938. Porträt in Reisepassantrag für die Schweiz (Foto: GLA)

Personendaten

Karl Rosenthal

Nachname: Rosenthal
Vorname: Karl
Geburtsdatum: 25. Mai 1893
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Gustav und Hedwig R. (1869-1956)
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Lotte Sinzheimer, geb. R.
Adresse: Bunsenstr. 14
seit 1929/1930: Weberstr. 6
Schule/Ausbildung: 1902-1908: Humboldt-Realgymnasium, bis Untersekunda
Beruf: Kaufmann (Inhaber des Teppich- und Gardinenhaus Dreyfuß & Siegel, Kaiserstr. 197)
Sterbedatum: 22. Oktober 1940
Sterbeort: Karlsruhe (Deutschland)
Suizid vor der Deportation nach Gurs

Biographie

Karl Rosenthal

Erinnerung an Familie Rosenthal

Familie Rosenthal gehörte zu einer der wohlhabendsten Familien in Karlsruhe bis zur Zeit des Nationalsozialismus. Sie war bis 1933 Alleininhaber des schon 1863 gegründeten Teppich- und Gardinenhauses „Dreyfuß & Siegel“ in der Kaiserstraße 197. Bis 1918 „Hoflieferant“, war es nicht nur das erste Geschäft der Branche am Ort, sondern zählte mit einigen anderen Häusern in Frankfurt a.M., München und Berlin zu den besten Adressen in Deutschland. Der Name „Dreyfuß & Siegel“ bürgte bei edlen Möbelstoffen und Gardinen für höchste Kompetenz und gute Qualität.
Gustav Rosenthal, der am 15. April 1859 in Lauterbach auf die Welt gekommen war, hatte das Geschäft als junger Mann übernommen und Zeit seines Lebens als Familienunternehmen aufgebaut. Er war mit der am 26. Januar 1869 in Augburg geborenen Hedwig Rosenthal, geborene Oberdörfer verheiratet. Über das Engagement in der jüdischen Gemeinde ließ sich nichts in Erfahrung bringen, gesichert aber ist, dass Hedwig Rosenthal sich für die jüdische Wohlfahrtsorganisation verpflichtete und im Israelitischen Frauenverein wirkte. Sicherlich gehörte die Familie zu den assimilierten bürgerlichen jüdischen Familien, die nach der staatsbürgerlichen Emanzipation der Juden durch ihren Gewerbefleiß eine angesehene Stellung einnahmen. Die Beiden hatten zwei Kinder: Tochter Lotte Bertha, die später den Mediziner Dr. Freddie Hans Sinzheimer heiratete und wegen der bereits großen Bedrückung durch die Nationalsozialisten mit ihm nach Surrey in England emigrierte, und den Sohn Karl.
Karl Rosenthal kam am 25. Mai 1893 in Karlsruhe auf die Welt. Er besuchte das Realgymnasium und wechselte danach auf die Höhere Handelsschule. Schon früh wurde er so mit der kaufmännischen Tätigkeit vertraut gemacht, um im elterlichen Betrieb arbeiten zu können. Er war ein gebildeter Mann, beherrschte nach eigenen Angaben perfekt die englische und französische Sprache und hatte insgesamt drei Jahre im Ausland verbracht.
Seinen ersten beruflichen Auslandsaufenthalt machte er 1909, im Alter von 16 Jahren, für ein Jahr in der französischen Schweiz. 1912 reiste er nach Frankreich und von 1913 bis 1914 war er in England.
Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, meldete sich Karl Rosenthal freiwillig zum Militär – ein deutlicher Hinweis für sein „vaterländisches Denken“, was die erwähnte Assimilation nur unterstreicht - und diente ab dem 29. August 1914 bis zum 16. Januar 1919 im Heer.
Am 24. Januar 1923 verstarb Gustav Rosenthal und Karl trat beruflich vollends an die Stelle seines Vaters. Er führte das Geschäft zusammen mit seiner Mutter als Teilhaber weiter, seit 1928 als offene Handelsgesellschaft (OHG). Dabei war er sehr erfolgreich, denn das Unternehmen war international bekannt. 30 Prozent des Umsatzes wurden im Einzelhandel erzielt, im Großhandel ganze 70 Prozent. Von der Industrie- und Handelskammer wurde der jährliche Umsatz des Geschäftes im Nachhinein auf 3-4 Millionen Reichsmark geschätzt. Im Hauptgeschäft in Karlsruhe arbeiteten bis 1932 etwa 35 bis 40 Angestellte, in Wiesbaden hatten sie auch eine weitere Filiale sowie deutschlandweit Vertreter. Während der Weltwirtschaftskrise ging das Geschäft allerdings etwas zurück.
Einen Großteil ihres beträchtlichen Privatvermögens hatten die Rosenthals in Wertpapieren und Hypotheken angelegt. Außerdem besaßen sie Häuser, so zum Beispiel in der Gerwigstraße 52, oder in anderen Städten wie Stuttgart, Berlin und Frankfurt, sowie Grundstücke in Baden-Baden.
Karl Rosenthal war ein großer Kunstliebhaber. Seit 1927 war er Mitglied im Karlsruher Künstlerverein, um Künstler finanziell zu unterstützen. 1933 musste er wie andere Juden den Verein verlassen. Außerdem besaß er eine in Sammlerkreisen wohlbekannte wertvolle Briefmarkensammlung, ob aus Sammelleidenschaft oder zur Wertanlage ist unbekannt.
Die Rosenthals hatten zunächst in der Ritterstraße 5, nach dem Ersten Weltkrieg in der Bunsenstraße 14 gewohnt. Seit 1929/20 wohnte Karl Rosenthal mit seiner Mutter im Karlsruher Westend in einer 7-Zimmer-Wohnung in der Weberstraße 6. Er blieb bis zuletzt ledig.
Mit dem NS-Regime kamen große Probleme für die Rosenthals, sich als jüdisches Geschäft zu halten. Sie nahmen 1934 den Kaufmann Albert Geissendörfer (verstorben 1943) als Teilhaber auf, um zu versuchen, nicht mehr unter den laufenden NS-Boykott „Kauft nicht bei Juden“ zu fallen. Doch die Nationalsozialisten strebten die vollständige „Arisierung“ an, so lange die Rosenthals noch im Unternehmen waren, gab es nicht das „Prädikat“ „Deutsches Geschäft“.
Am 2. November 1938, der Druck zur „Arisierung“ war bereits seit April jenes Jahres immer größer geworden, sahen sie sich dann gezwungen, 55 Prozent des Geschäftes an Paul Schulz zu verkaufen.
Wegen des Druckes war Karls Schwester Lotte nach England emigriert. Auch Karl Rosenthal dachte 1939 daran, das Land zu verlassen und stellte einen Reisepassantrag für die Schweiz. Doch die Ausreise gelang ihm nicht mehr.
Nach dem Novemberpogrom von 1938 wurden Hedwig und Karl Rosenthal zur „Judenvermögensabgabe“ von insgesamt 145.000 Reichsmark verpflichtet. Diese war vom NS-Regime auf 20 Prozent des Vermögens festgelegt worden.
Da das verbliebene Vermögen letztlich unter Treuhänderschaft des NS-Staates kam und per Verwaltungsakt 1942 das Eigentum der nicht mehr in Deutschland lebenden Juden an den Staat fiel, beraubte der NS-Staat Juden vollständig. Im Falle der Rosenthals war es trotz der Verfolgungsmaßnahmen noch ein Beträchtliches. Neben den Immobilien, Geld und Wertpapieren eignete sich das nationalsozialistische Deutschland auch Kunstgegenstände, wertvolle Möbel sowie orientalische Teppiche an.
In den frühen Morgenstunden des 22. Oktober 1940 rissen Polizei und NS-Beamte die jüdischen Einwohner in Baden, in der Pfalz und dem Saarland aus dem Schlaf, befahlen ihnen zu packen, um außer Landes gebracht zu werden. Als Karl Rosenthal wenig später abgeholt werden sollte, öffnete er nicht mehr. Man fand ihn tot auf, er hatte sich mit einem Schuss in die linke Schläfe für den Freitod entschieden, statt in ein ungewisses Schicksal zu gehen, das ihm das Land bereitete, das ihm einmal Heimat gewesen war. Laut staatsanwaltlicher Todesfeststellung war es 10:30 Uhr am 22. Oktober. Ein Abschiedsbrief ist nicht übermittelt.
Seine Mutter Hedwig Rosenthal ereilte das gleiche Schicksal wie insgesamt 6.538 Juden an diesem Tag: Sie wurden in insgesamt neun Eisenbahnzügen in den unbesetzten Teil Frankreichs verfrachtet, um dann später am Fuße der Pyrenäen auf Lkws bis zum Internierungslager Gurs transportiert zu werden.
Am Tag der Deportation hatte Hedwig nichts vom Selbstmord ihres Sohnes erfahren und suchte ihn während der Zugfahrt überall. Diejenigen, die es wussten, brachten es nicht über das Herz, ihr die Wahrheit über sein Schicksal zu sagen. So erfuhr sie erst später von seinem Tod.
In Gurs blieb sie bis zum 20. März 1941 interniert. Dann wurde sie in das Lager Récébédou, ebenfalls in Südfrankreich, gebracht und musste da bis zum 25. Oktober 1943 leben. Sie hatte das Glück, vom Vichy-Kollaborationsregime nicht in einen der seit Sommer 1942 regelmäßig abgehenden Deportationszüge nach Auschwitz verbracht zu werden, sondern kam mit Unterstützung von Hilfsorganisationen wie einige andere alte Juden in ein Altenheim, in das Hospital de la Charité in Macon, wo sie über die Befreiung im Herbst 1944 hinaus, bis zum 22. September 1946 blieb.
Schließlich kam sie nach Nizza-St Antoine in das Hospice Civils „La Colinne“. Weil völlig mittellos, wurde sie dort von der jüdischen Organisation C.O.J.A.S.O.R. (Comité Juif d’Action Sociale et de Reconstruction) unterstützt.
Hedwig Rosenthal rang seit 1950 mit einem Rechtsbeistand um ihre Entschädigungsansprüche, immer noch lebte sie unter sozial katastrophalen Bedingungen. Außer ihrer Haftentschädigung für 33 Monate Lagerzeit unter unsäglichen Bedingungen von insgesamt 4.950 DM, musste sie alles einklagen. Sie erhielt letztendlich weder Hinterbliebenenrente – weil nach dem Stand der Entschädigungsgesetzgebung die Bundesrepublik keine Zahlungen in das Ausland transferierte - noch eine Entschädigung für den Tod ihres Sohnes, aus erbrechtlichen Gründen nach der Entschädigungsgesetzgebung.
Sie stand noch bis zuletzt im Kontakt mit ihrer Tochter Lotte, die in England nun selbst Kinder hatte. Am 27. Mai 1956 starb Hedwig Rosenthal 87-jährig in armen Verhältnissen in Nizza.

(Jana Wigger, Februar 2007)