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Moritz Richheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Moritz Richheimer

Nachname: Richheimer
Vorname: Moritz
Geburtsdatum: 4. Juli 1895
Geburtsort: Gemmingen/Eppingen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Marie R.;

Vater von Walter;

Bruder von Frieda, Arthur und Fanny Heumann, geb. R.
Adresse: 1920-1927: Kaiserstr. 110, nach Fröndenberg verzogen
Wendtstr. 10, 1936 wieder zugezogen
Schule/Ausbildung: Realschule
Handelsschule
Beruf: Kaufmann (Teilhaber der Karlsruher Eletrizitäts-GesellschaftmbH, Herrenstr. 4 (1920-1927))
Direktor (Direktor der Rheinisch-Westfälischen Isolierrohrwerke in Fröndenberg, Ruhr)
Deportation: 11.11. - 2.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
danach in Rivesaltes (Frankreich) und verschiedenen weiteren Lagern
4.3.1943 von Drancy nach Majdanek (Polen)
Sterbeort: Majdanek (Polen)

Biographie

(siehe zu Moritz Richheimer auch den Beitrag zur Familie Richheimer insgesamt)


Moritz (Morle) Richheimer

Moritz Richheimer wurde am 4. Juli 1895 in Gemmingen bei Eppingen geboren. Er schloss mit Marie Lisa Bloch, geboren am 5. April 1899 in Lörrach den Bund der Ehe. Am 28. Mai 1928 kam in Soest, Westfalen ihr Kind Walter zur Welt. Marie hatte die Koch-, Näh- und Handelsschule besucht, dann aber, wie es zu dieser Zeit für Frauen üblich war, keinen Beruf erlernt, sondern sich als Hausfrau ganz der Familie gewidmet.

„Morle“, der Spitzname von Moritz, hatte noch drei Geschwister namens Fanny (die Mutter von seinem Neffen John Heuman), Arthur (er heiratete eine christliche Frau und überlebte den Holocaust versteckt in Hamburger Kellern) und Frieda (sie heiratete Leo Giler, ging 1935 mit ihm nach Nizza und lebte dort bis zu ihrem Tode). Sein Neffe John Heuman – 1920 als Hans Norbert Heumann in Karlsruhe geboren -, der 1937 gezwungenermaßen in die USA emigriert war, kam 1988 anlässlich des Besuches ehemaliger jüdischer Karlsruher erstmals wieder nach Karlsruhe. Die späte Rückkehr nach Karlsruhe half ihm, wie er sagte, das Geschehene zu verarbeiten.
„Morle“ machte die Mittlere Reife, um später eine kaufmännische Ausbildung zu beginnen. 1920 gründete er zusammen mit seinem Schwager Bernhard Heumann in der Adlerstraße 35 die „Karlsruher Elektrizitäts-Gesellschaft mbH“, eine Elektrowarengroßhandlung. Ein Jahr später zog das Geschäft in laufkundschaftsnähere und repräsentativere Räume in die Herrenstraße 4 um. Moritz, der nahe beim Geschäft in der Kaiserstr. 110 wohnte, war technisch sehr begabt, er hatte sich seine eigene Radiostation gebaut. 1927 veränderte er sich grundlegend, verließ das gemeinsame Geschäft, das Bernhard Heumann allein fortführte, und ging auch aus Karlsruhe weg, um künftig als Vorstandsmitglied und Direktor der „Rheinisch-Westfälischen Isolierwerk GmbH“ in Fröndenberg an der Ruhr bei Essen zu wirken. Ein Jahr später wurde der Sohn Walter geboren. Moritz Richheimer soll ein strenger Vater gewesen sein, sein Neffe erinnert sich aber auch an einen humorvollen Menschen. Moritz Richheimers Firma im Ruhrgebiet ging infolge des Boykotts gegen Juden am 8. Mai 1936 Konkurs, er selbst war bereits zuvor schon entlassen worden.
In dieser Zeit der existenziellen Not kam die Familie zurück nach Karlsruhe, wo Moritz vorübergehend wieder im alten Geschäft in der Herrenstraße arbeitete, dessen Firmenname seit 1934 Heumann & Co lautete. Eine Wohnung fand die Familie bei Sally Strauß in der Wendtsraße 10. Die Lebensumstände ließen die Familie Richheimer an Emigration denken. Um die Chance für eine geplante Auswanderung nach Südafrika zu verbessern, hatte sich Moritz Richheimer bei seinem Schwager Bloch, Bruder von Ehefrau Marie, im Zylinder-Schleifen von Motoren ausbilden lassen.
Zu der erhofften Ausreise der ganzen Familie kam es nicht mehr, obwohl sie auch noch nach der Deportation nach Gurs weiter betrieben wurde. Am 22. Oktober 1940 war die ganze Familie ins Internierungslager nach Gurs (Frankreich) gekommen, am 23. November 1942 nach Rivesaltes (Frankreich) und einen Tag später wieder zurück nach Gurs. Der Ehefrau Marie und dem Sohn Walter Richheimer gelang es, der Deportation in die Vernichtungslager zu entkommen und in die USA auszuwandern, wo Marie am 15. Mai 1955 in Philadelphia/Pennsylvania starb. Walter änderte seinen Namen in Roger Rich.
Moritz aber war bereits am 4. März 1943 von Paris-Drancy nach dem Osten deportiert worden, über Lublin in das KZ Majdanek. Von da an verliert sich seine Spur, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wurde er dort ermordet.

Im Geschichtsunterricht beschäftigte sich die Klasse 10a des Heisenberg-Gymnasiums in einem längerfristigen Projekt mit dem Schicksal der Juden, insbesondere der Karlsruher Juden, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet worden sind. Dabei ging es uns darum, mit der Rekonstruktion der Lebensläufe ein Stück weit die jüdische Kultur und die jüdischen Traditionen kennen zu lernen. Im Rahmen des Geschichtsunterrichts hatten wir einen Holocaustüberlebenden als Zeitzeugen zu Gast, nahmen wir an einem Stadtrundgang auf jüdischen Spuren in Karlsruhe teil, studierten Akten der Opfer im Stadtarchiv Karlsruhe, recherchierten im Generallandesarchiv Karlsruhe und besuchten während unserer Schullandheimfahrt das Kleine Lager und das Ghetto in Theresienstadt, was uns sehr beeindruckte und bewegte.

(Elena Helmle und Eva Henseler - Schülerinnen der Klasse 10a des Heisenberg-Gymnasiums, Schuljahr 2001/2002)