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Adolf Richheimer, um 1940 (Foto:, Büro Klarsfeld)

Personendaten

Adolf Richheimer

Nachname: Richheimer
Vorname: Adolf
Geburtsdatum: 3. Dezember 1928
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Ferdinand und Johanna R.
Verwandtschaftsverhältnis: Halbbruder von Ilse und Fritz
Adresse: Haydnplatz 2
Baischstr. 5
Hirschstr. 62
Tullastr. 69
Melanchthonstr. 3
Emigration: 1933 nach Frankreich
Deportation: 3.8.1942 von Pithiviers nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familien Richheimer

Ferdinand, Johanna und Adolf Richheimer;
Ilse Richheimer (verheiratete Malicet);
Siegfried und Helene Richheimer;
Moritz Richheimer

Unser biografischer Bericht beginnt in Gemmingen, einem geschichtsträchtigen Bauerndorf mit wechselnder Herrschafts- und Landeszugehörigkeit, im Kraichgau gelegen zwischen Eppingen und Sinsheim, seit 1806 zu Baden und heute zum Landkreis Heilbronn gehörend.

Adolf (alt) und Therese Richheimer
Alle Namensträger der großen und weitverzweigten Familien Richheimer lassen sich auf Gemmingen zurück führen. Hier waren die Richheimers schon im 18. Jahrhundert ansässig. Beginnen wir in der Mitte des 19. Jahrhunderts, genauer: am 26. Dezember 1848. Gemmingen hatte um diese Zeit etwa 1.300 Einwohner und eine jüdische Bevölkerung von etwa 200 Seelen. An diesem Tage wurde dem Handelsmann, der damals üblichen Bezeichnung für Viehhändler, Lippmann Richheimer (geboren 1815 in Gemmingen) und seiner Frau Sara, geborene Oppenheimer, der Sohn Wolf geboren, das älteste von drei Kindern. Über dessen Gemminger Zeit ist so gut wie nichts bekannt, es kann aber wohl angenommen werden, dass er in Gemmingen zur Schule ging und am Ort den Beruf des Metzgers erlernte, vermutlich bei einem der zahlreichen Verwandten, und in diesem Beruf auch am Ort arbeitete. Dreißig Jahre nach seiner Geburt, 1878, zog es ihn nach Karlsruhe, der aufstrebenden Landesmetropole, die so viele Menschen aus dem Umland wie magnetisch anzog, Christen wie Juden. Hier hatte er am 4. August 1874 die Tochter des Karlsruher Metzgermeisters Maier Homburger und seiner Frau Karoline, geborene Oppenheimer, Therese Homburger, geboren am 29. Oktober 1851 in Karlsruhe, geheiratet, lebte aber bis zum Umzug weiter in Gemmingen. Als er nach Karlsruhe kam, nannte er sich Adolf und in allen amtlichen Publikationen ab 1890 wurde sein Name immer mit dem Zusatz „alt” geführt, weil es dann noch einen zweiten Adolf Richheimer gab, der den Zusatz „jung” erhielt (siehe unten). Er kam mit Frau und den beiden in Gemmingen geborenen Kindern Fauber (geboren 25. Juli 1875) und Sophie (geboren 18. August 1876, sie heiratete den bekannten Schriftsteller Simon Salomon - alias Siegbert Salte, sie heiratete den bekannten Schriftsteller Simon Salomon - alias Siegbert Salter) sowie seinem Vater Lippmann Richheimer, 63 Jahre alt, die Mutter war schon 1871 gestorben, nach Karlsruhe, kaufte das Haus Durlacher Straße 9 (seit 1974 Brunnenstraße) von dem Rentier Jakob Hartmann und errichtete hier eine Metzgerei. Über den Sohn Fauber, der sich später Ferdinand nannte, und seine Familie wird noch ausführlich berichtet. Wenige Wochen nach der Übersiedelung nach Karlsruhe starb hier am 19. Juni 1878 Lippmann Richheimer. Am 22. Dezember 1879 wurden die Tochter Johanna, am 4. Juli 1883 die Tochter Elsa und am 13. Dezember 1884 der Sohn Ludwig geboren. Im Jahre 1909 errichtete er noch eine Filiale in der dicht besiedelten Südstadt, wo auch viele Juden lebten, alles potentielle Kunden, und zwar in der Schützenstraße 39. Hauptgeschäft und Filiale behielt er bis zu seinem Tode am 21. Juni 1922 in Karlsruhe, da war er 74-jährig. Ob er allerdings den Metzgerberuf bis zum Tod selbst ausübte, ist nicht überliefert. Seine Frau Therese starb fünf Jahre später, am 14. Mai 1927 in Karlsruhe.

Adolph (jung) und Eugenie Richheimer
Am 11. Oktober 1869 wurde Adolph Richheimer als sechstes von insgesamt neun Kindern von Wolf Isaak Richheimer (geboren 1824 in Gemmingen) und seiner Frau Mina, geborene Menges (geboren 1829 in Michelfeld), in Gemmingen geboren. Mina starb am 11. September 1871, Wolf Isaak heiratete ein halbes Jahr später die aus dem Nachbardorf Berwangen stammende Babette Kirchheimer und hatte mit ihr noch zwei Kinder, von denen allerdings das erste wenige Tage nach der Geburt starb. Die verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem zuvor beschriebenen Adolf (Wolf) Richheimer gehen weit ins 18. Jahrhundert zurück. Auch Adolph Richheimer ging in Gemmingen zur Schule und lernte hier am Ort das Metzger-Handwerk. Auch ihn zog es nach Karlsruhe, 1890 finden wir ihn erstmals im Karlsruher Adressbuch in der Kronenstraße 16 mit einer Metzgerei, die ihm Heinrich Homburger, seines Zeichens ebenfalls Metzgermeister und Verwandter des oben erwähnten Maier Homburger vermietete. Ob sein Anverwandter Adolf (Wolf) den Anstoß dazu gegeben hatte oder die Initiative von ihm ausging, wer will das nach mehr als 100 Jahren noch sagen. Adolph Richheimer, wie oben schon erwähnt, in allen amtlichen Verzeichnissen mit dem Zusatz „jung“ vermerkt (die Schreibweise - Adolph/Adolf - wechselte immer wieder, wir benutzen die Schreibweise wie im Geburtsregister eingetragen), blieb hier zehn Jahre. Ende der 1880er Jahre heiratete er die am 8. August 1864 in Heidelberg geborene Eugenie Jeselsohn, Tochter des Kaufmanns Philip Jeselsohn und seiner Frau Babette geborene Mayer, die aus Neckarbischofsheim stammten. Die Heirat fand vermutlich in Lugano/Schweiz statt, da die Schwester Mathilde von Adolph Richheimer sich zuvor hier verheiratet hatte (die Heirat war jedoch durch das Standesamt Lugano nicht zu verifizieren). Dem Paar wurden in Karlsruhe am 31. März 1890 der Sohn Julius und am 27. September 1891 der Sohn Siegfried geboren, über diesen wird noch ausführlich berichtet. Im Jahre 1900 verlegte Adolph Richheimer Wohnung und Geschäftsräume in die Zähringer Straße 53a und weitere fünf Jahre später, 1905, finden wir die Familie in der Markgrafenstraße 34. Das Haus, das übrigens heute noch, nach Renovierung nach dem Krieg, steht, kaufte er von dem Kaufmann Karl Krüger. Hier wohnte die Familie, im Erdgeschoß befand sich der - kleine - Metzgerladen. Adolf und Eugenie betrieben das Geschäft gemeinsam - er den handwerklichen Part mit Hilfskräften, sie den Verkauf im Laden. Im Hof befand sich eine Art Schuppen für die Herstellung von Würsten und für das Räuchern sowie ein Stall für Schlachtgeflügel, Großvieh wurde im Schlachthof geschlachtet. Einige Jahre später schloß Adolph Richheimer mit der Israelitischen Religionsgesellschaft in Karlsruhe, der orthodoxen jüdischen Gemeinde, vertreten durch ihren Vorsitzenden Maier Altmann, einen Vertrag, in dem diese sich verpflichtete, für ihre Mitglieder höchstens zwei Metzgergeschäfte - tatsächlich war es aber nur die Metzgerei von Adolph Richheimer, wie die Fleischer-Innung 1951 bestätigte - in Karlsruhe ihre Aufsicht zu gewähren und damit ihren Mitgliedern ein streng rituelles Leben zu gewährleisten. Adolph Richheimer verpflichtete sich, nur solche Waren zu führen, deren Herkunft ihrer Kontrolle unterlag. So war der Kundenkreis - die Israelitische Religionsgesellschaft hatte nur wenig mehr als 600 Mitglieder - zwar abgegrenzt, aber auch - quasi wie eine Monopolstellung - garantiert. Reichtümer konnte Adolph Richheimer damit zwar nicht erwerben, aber für ein sicheres, stetiges Einkommen reichte es, die Familie zu ernähren. Es versteht sich von selbst, dass Adolph Richheimer auch zur Israelitischen Religionsgesellschaft gehörte und Mitglied im Verein Dower Tow war. 1928 wurde der Metzgereibetrieb mit einem 20-jährigen Vertrag verpachtet an den in Frankfurt ansässigen Metzgermeister Herbert Hofmann, gebürtig in Thüngen bei Würzburg; gesundheitliche Gründe waren für die Verpachtung maßgeblich, ihm war die schwere körperliche Arbeit zuviel. Zugleich wurden auch die Geschäftsräume in der Markgrafenstraße 34 an Hofmann verpachtet. Hofmann zog auch mit seiner Frau Thekla und dem Sohn Alfred in das Haus ein. Hofmann übernahm von Adolf Richheimer den Vertrag mit der Israelitischen Religionsgesellschaft, er war also - wie Adolph Richheimer - hier Mitglied, andernfalls hätte er den Vertrag auch nicht übernehmen können. 1932 wurde mit Hofmann vereinbart, dass der Pachtzins aus dem Gewerbebetrieb ausschließlich Eugenie Richheimer für deren Alterssicherung zufließen sollte. Adolph Richheimer widmete sich dem - weniger beschwerlichen - Großhandel mit rituell geschlachtetem Fleisch.

Mit dem 1933 erlassenen Schächtverbot - vordergründig aus Tierschutzgründen, tatsächlich aber als Maßnahme, die sich ausschließlich gegen Juden richtete - kam auch der Anfang vom Ende für den Metzgereibetrieb von Pächter Hofmann: geschächtetes Fleisch gab es nicht mehr zu verkaufen, seine Kundschaft hätte jedoch aus religiösen Gründen anderes Fleisch nicht gekauft. Er versuchte sich mit dem Verkauf von Fisch und Geflügel über Wasser zu halten, aber das reichte zum Leben auf Dauer für die Familie - es waren noch vier Kinder in Karlsruhe geboren worden – nicht. 1935 wurde der Betrieb der Metzgerei eingestellt. Das war nicht nur ein Desaster für die Familie Hofmann, sondern auch für Adolph und Eugenie Richheimer von einschneidender finanzieller Tragweite, denn sie erhielten keine Pacht mehr für den Metzgereibetrieb und für den Laden, Hofmann hatte keine Einnahmen mehr und konnte somit nicht mehr zahlen. Ob er noch die Miete für die angemieteten Wohnräume zahlte, ist nicht überliefert. Über das weitere Schicksal von Hofmann und seiner Familie wird noch berichtet.

Am 2. Juni 1938 starb Adolph Richheimer in Karlsruhe an den Folgen eines Schlaganfalls, ihm blieb so Schlimmes, was alsbald folgte, erspart. Die Witwe Eugenie konnte im Frühsommer 1939 in die Schweiz auswandern, dank der Hilfe ihrer Schweizer Verwandten, um in einem jüdischen Altersheim in Lengnau im Aargau zu leben. Am 6. Juni 1954 starb sie dort.

Geradezu absurd mutet im Zusammenhang mit der Familie Richheimer das Schicksal des Hauses Markgrafenstraße 34 an: auf Betreiben der Stadthauptkasse Karlsruhe wurde das Anwesen wegen rückständiger Grund- und Gebäudesteuern im Jahre 1942 zwangsversteigert - obwohl dem Amt bekannt war, dass Adolph Richheimer 1938 verstorben war, die Haupterbin, die Witwe, in der Schweiz in einem Altersheim lebte, von den beiden Miterben, den Söhnen Julius und Siegfried, der erstere 1936 nach Frankreich ausgewandert war, der andere Sohn im Oktober 1940 nach Gurs deportiert worden war. Das Haus Markgrafenstraße 34 hatte - zeitlich zuvor - noch ein anderes ,Schicksal’, darüber wird am Schluß noch berichtet.

Ferdinand Richheimer und Familie
Wenden wir uns nun Ferdinand Richheimer und seiner Familie zu. Wie oben erwähnt, wurde er am 25. Juli 1875 in Gemmingen mit dem Namen Fauber geboren; so hieß auch schon der Großvater. Als die Familie von Gemmingen nach Karlsruhe zog, war er noch nicht drei Jahre alt. Welche Schule er besuchte, ist nicht mehr feststellbar.
Von 1893 bis 1895 machte er eine kaufmännische Lehre, mutmaßlich bei der bedeutendsten Ledergroßhandlung J. Weil & Cie. Von August 1895 bis September 1896 absolvierte er seinen Wehrdienst. Danach war er - bis 1900 - wieder in seiner Lehrfirma tätig, als „Kommis”, wie es hieß. 1901 machte er sich selbständig mit einem Ledergroßhandel, seine Geschäftsadresse war das väterliche Haus. Wen belieferte er? Schuh- oder Handschuhfabriken? Taschenhersteller? Industrie-Ausrüster? Keine Antworten auf diese Frage, es gibt keine Spuren mehr.

Am 23. März 1905 heiratete er in Heilbronn die hier am 12. November 1884 geborene Frieda Richheimer, älteste Tochter von Ferdinand Richheimer (ebenfalls als Fauber in Gemmingen geboren) und Bertha Strauß. Frieda Richheimer war eine entfernt verwandte Cousine von Ferdinand Richheimer. Am 9. August 1907 wurden der Sohn Fritz und am 24. April 1909 die Tochter Ilse in Karlsruhe geboren. Die junge Familie lebte im Hause von Ferdinand Richheimers Eltern in der Durlacher Straße Als der Krieg ausbrach, wurde Ferdinand Richheimer sofort eingezogen und machte auch den ganzen Krieg mit. Frieda Richheimer stellte sich aus patriotischer Überzeugung, wie der Sohn Fritz bekundete, als Arzt-Assistentin - gemeint ist wohl als Hilfskraft, denn sie hatte keine medizinische Ausbildung - dem Großherzoglisch-Badichen Roten Kreuz zur Verfügung und wurde in einem Lazarett eingesetzt; wo dies war, ist nicht dokumentiert. Infolge dessen war sie nicht in der Lage, sich um ihre Kinder zu kümmern. Diese kamen in Internate, Fritz nach Waldkirch bei Freiburg, der Aufenthalt von Ilse ist nicht nachweisbar. Am 24. Juni 1920 starb Frieda Richheimer, 35-jährig, in Karlsruhe. Dass für ihren frühen Tod der „Kriegs-Einsatz” mit einer verschleppten Krankheit ursächlich war, ist nicht auszuschließen.
Ferdinand Richheimer heiratete noch im gleichen Jahr - am 29. Dezember 1920 - in Steinsfurt die hier am 27. September 1895 geborene Johanna Weil, zweitälteste Tochter von insgesamt sechs Kindern des Kaufmanns Gustav Weil und seiner Frau Mathilde Menges. Nach seiner Heirat finden wir die Familie in Karlsruhe am Haydnplatz 2, 1925 in der Baischstraße 5 und in den Jahren 1926 bis 1930 in der Hirschstraße 62 und Geschäftsräumen in der Rüppurrerstraße 2a, 1931 und 1932 in der Tullastraße 69. Am 3. Dezember 1928 wurde der Sohn Adolf in Karlsruhe geboren. Im Oktober 1929 ging die Firma - wohl im Sog der Weltwirtschaftskrise - in Konkurs. Ferdinand Richheimer versuchte sich ab 1930 in kleinem Umfang mit Herstellung und Vertrieb von Metzger-Wäsche und -bekleidung, durch die schwierige Wirtschaftssituation jedoch mit kümmerlichem Erfolg, zum Leben für die Familie reichte es nicht, so dass der Sohn Fritz zum Haupternährer der Familie wurde, wie dieser im Wiedergutmachungsverfahren erklärte.

Fritz Richheimer besuchte von 1919 bis 1922 das Humboldt-Realgymnasium. Seine schulischen Leistungen waren allerdings ,mäßig’, sodass er die Quinta zweimal wiederholen musste, nicht versetzt wurde und dann die Schule verlassen musste. Vermutlich hat er danach noch ein Jahr eine andere Schule besucht. Danach absolvierte er von 1923 bis 1926 eine kaufmännische Lehre bei der Ledergroßhandlung J. Weil & Co, Adlerstraße l a, bei der - mutmaßlich - auch schon sein Vater gelernt hatte.
Es war vorgesehen, dass er im väterlichen Geschäft mitarbeiten und dieses eines Tages übernehmen sollte. In den folgenden drei Jahren war er bei der Rheinischen Kreditbank in Karlsruhe tätig. Nachdem er seinem Vater kurzzeitig in dessen Firma half, den Konkurs konnte er allerdings nicht abwenden, war er als selbständiger Handelsvertreter tätig. Er versuchte, wie er selbst schrieb, mit allem, was ihm unter die Hände kam, Geld zu verdienen - er verkaufte Verpackungsmaterial, Zellstoffe, Kraftpapiere, Toilettenpapier, Servietten u.ä. Sein Hauptlieferant war eine Karlsruher Papiergroßhandlung. Er handelte aber auch mit Schuhen, Leder und Rohhäuten sowie Ziegen- und Hasenfellen. Allem Anschein nach war er ein guter Verkäufer.

Ilse Richheimer besuchte ab Schuljahr 1918/19 das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe und legte hier 1925 die Mittlere Reife ab. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung als Konzert-Pianistin am Karlsruher Konservatorium und hatte auch schon Auftritte in Karlsruhe, Stuttgart und anderen Orten. Durch Klavier-Privatunterricht steuerte sie auch etwas zum Unterhalt der Familie bei als diese in die finanzielle Misere kam.

1932 lebte die jetzt fünfköpfige Familie in der Melanchthonstraße 3 in Karlsruhe in einer gut eingerichteten 5-Zimmer-Wohnung. Ende 1933 floh die gesamte Familie nach Frankreich unter Zurücklassung der gesamten Wohnungseinrichtung. War es Panik nach der Machtübernahme Hitlers? War es weitsichtige Vorausahnung der kommenden Ereignisse? Ihr Weg führte sie zunächst nach nach Straßburg, von da nach Colmar. Hier wurden sie von der Jüdischen Gemeinde aufgenommen und unterstützt. Als ihnen dort 1934 die Aufenthaltserlaubnis entzogen wurde, gingen sie nach Spanien und lebten in Barcelona. Nach Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges 1936 finden wir die Familie - nach einer abenteuerlichen Flucht mit einem vor Barcelona liegenden britischen Kriegsschiff, zusammen mit anderen Flüchtlingen in Marseille. Von dort aus ging die Familie direkt nach Paris, Ilse Richheimer blieb jedoch in Marseille und heiratete hier am 4. Mai 1937 Maurice Malicet, geboren am 11. Juni 1898 in Issi-Les-Moulineaux (Departement Seine), drei Monate später, am 3. August 1937, wurde der Sohn Max in Marseille geboren.
Ferdinand Richheimer konnte in Frankreich beruflich nicht mehr Fuß fassen; wovon die Familie lebte, bleibt ungeklärt. Auch zu Fritz Richheimers beruflicher Tätigkeit in Frankreich ist nichts dokumentiert.
Mit Ausbruch des Krieges wurde Fritz Richheimer interniert, und im Wege der ‘Zwangswerbung’ bei den wehrdienstfähigen Männern in den französischen Internierungslagern gelangte er in die Fremdenlegion und kam zur Ausbildung nach Marokko. Nach dem Waffenstillstand mit Deutschland wurde er - wie alle anderen Zwangslegionäre auch - demobilisiert und aus der Legion entlassen. Er entschied sich, in Marokko zu bleiben, was ihm vielleicht das Leben rettete, und nahm Wohnsitz in Casablanca. Unter sehr schwierigen Bedingungen versuchte er mit allen möglichen Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Anfang Oktober 1944 startete er eine Hosenträger-Fabrikation, die er in mühseliger Kleinarbeit ausbaute und schließlich, nach vielen Jahren, davon gut leben konnte. Am 23. September 1944 heiratete er in Casablanca. Am 5. Januar 1946 wurde dort die Tochter Sonja geboren.

Johanna Richheimer und ihr Sohn Adolf wurden am 16. oder 17. Juli 1942 durch die Gestapo in Paris verhaftet und im Velodrome d’Hiver interniert. Am 21. Juli 1942 wurden sie in das Sammellager Pithiviers (bei Orleans) gebracht, von dort am 3. August 1942 mit Transport Nr. 14 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.034 Personen, darunter 110 Kinder. 482 Personen wurden nach Ankunft sofort vergast, 22 Männer und 542 Frauen wurden selektiert, darunter auch Johanna Richheimer, denn laut ITS (International Tracing Service) Arolsen vom 6. Dezember 1990 ist sie am 4. September 1942 in Auschwitz verstorben, Diagnose: allgemeine Körperschwäche - sie hat also noch genau einen Monat in Auschwitz gelebt (Häftlingsnumer 27596). Der Sohn Adolf wurde bei Ankunft von ihr getrennt und mit allen anderen Kindern zusammen sofort vergast.
Ferdinand Richheimer wurde am 23. Oktober 1942 in Paris verhaftet. Als seine Frau mit Sohn in Paris verhaftet wurden, befand er sich auf einer Reise nach Tours. Von Paris kam er nach Chalon sur Seine und von dort am Folgetag in das Sammellager Drancy bei Paris. Am 6. November 1942 kam er mit Transport Nr. 42 nach Auschwitz. Der Transport umfasste 1.000 Personen, 773 wurden nach Ankunft sofort vergast, 145 Männer und 82 Frauen wurden selektiert; 4 Personen überlebten die Befreiung von Auschwitz 1945.

Ilse Malicet lebte mit Mann und Sohn zunächst in Marseille; als ihr Mann sie 1941 verließ und nach Korsika ging, zog sie nach Montpellier, von da nach Toulouse. 1943 wurde der Sohn Max bei einem Bauern in der Nähe des Dorfes Montrejeau (bei St. Gaudens, zwischen Toulouse und Pau) untergebracht, Ilse Malicet arbeitete - zumindest zeitweise - als Verkäuferin in einer Bäckerei. Als sie im Dezember 1943 für ihren Sohn Schuhe kaufen wollte, wurde sie von der Gestapo verhaftet und nach Drancy verbracht. Am 20. Januar 1944 wurde sie mit Transport Nr. 66 von dort nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.155 Personen, darunter 205 Kinder, 864 wurden sofort bei Ankunft vergast, 236 Männer und 55 Frauen wurden selektiert; 42 Personen haben überlebt, Ilse Malicet war nicht darunter. Nach ihrer Verhaftung wurde der Sohn Max bei einer Pflegefamilie in Toulouse untergebracht. Diese Familie, gut katholisch, erzog ihn - mit ihren eigenen Kindern - wie einen eigenen Sohn und ermöglichte ihm eine gute Ausbildung als technischer Inspektor im Fernmeldesektor der Post. Dem Vater wurde 1947 durch Gerichtsbeschluß die elterliche Gewalt entzogen; er starb am 18. September 1957 in Auch (Departement Gers).

Siegfried und Helene Richheimer
Siegfried Richheimer, jüngerer Sohn von Metzger Adolph Richheimer (jung), wurde am 27. September 1891 in Karlsruhe geboren. Er besuchte die Volksschule und kam 1900 auf das Humboldt-Realgymnasium. Mit der Schule wurde er aber nicht recht glücklich, wie schon zuvor sein ein Jahr älterer Bruder Julius an der Realschule (heute Kant-Gymnasium), denn nach der dritten Nichversetzung musste er im Juli 1904 die Schule verlassen. Auch im Betragen hatte er seine Probleme in der Schule. Danach hatte er noch für ein oder zwei Jahre die Bürgerschule besucht. Die Eltern werden ihre Sorgen mit den schulischen Leistungen ihrer beiden Jungen gehabt haben.
Es ist anzunehmen, dass Siegfried Richheimer nach der Schule eine kaufmännische Lehre machte, aber es gibt keinen Nachweis darüber, bei welcher Firma und von wann bis wann diese erfolgte, ebenso wenig dafür, was in den folgenden Jahren bis Oktober 1911 war. So muss man zur Kenntnis nehmen, dass ein Zeitraum von fünf bis sechs Jahren nicht mehr aufklärbar ist.

Im Oktober 1911 wurde er zum Militärdienst einberufen, den er beim Württembergischen Dragoner Regiment 25 „Königin Olga” absolvierte. Warum in Württemberg und nicht in Baden'? Das lässt darauf schließen, dass er - zu dieser Zeit jedenfalls - in Württemberg, in Stuttuart oder in Heilbronn, wo Verwandte aus Gemmingen lebten, wohnte, vielleicht auch dort bei Verwandten arbeitete. Mit Kriegsbeginn 1914 wurde er sofort zum Fronteinsatz nach Frankreich abkommandiert, er machte dort den ganzen Krieg mit, er war also nahtlos von 1911 bis 1918 beim Militär.
Von 1920 bis 1925 finden wir ihn als Betreiber einer kleinen Parfümeriefabrikation und Parfümerie- und Toiletteartikel-Großhandlung in Karlsruhe in der Waldstraße 48. Erst mit einem Partner, dann als Alleininhaber, dann wiederum mit einem Partner, in Firmen mit wechselnden Namen, zunächst Firma Thran&Co, eine gekaufte Firma, dann mit Firma Freya-Parfümhaus Weil&Richheimer, schließlich mit Firma Siegfried Richheimer&Co. Ab 1926 gab es keine dieser Firmen mehr. Siegfried Richheimer betätigte sich nunmehr als Handelsvertreter für Textilien, er hatte die Generalvertretung für mehrere große Firmen. Bis 1920 wohnte Siegfried Richheimer noch im elterlichen Haus in der Markgrafenstraße 34. Am 6. Juli 1920 heiratete er in Mannheim die am 17. September 1897 in Mannheim geborene Helene Weinberger, ältere Tochter des Metzgers Emil Weinberger (geboren als Emmanuel) und seiner Frau Bertha, geborene Jeselsohn. Die jüngere Schwester von Helene Weinberger, Gertrude Henriette, geboren am 26. September 1907 spielte später noch eine wichtige Rolle für die Kinder von Siegfried und Helene Richheimer, darüber wird noch berichtet.
Am 14. Oktober 1929 wurden die Tochter Lore und am 8. Oktober 1937 der Sohn Werner in Karlsruhe geboren. Nach der Heirat wohnten Siegfried und Helene Richheimer in der Klauprechtstraße 27. Nach Aussagen eines langjährigen Freundes von Siegfried Richheimer, Gustav Wei1, hatte die Familie einen guten Lebensstandard, der einem Einkommen von ca. 10.000 Reichsmark im Jahr entsprach, das war mehr als ein Gymnasial-Professor damals verdiente, sie bewohnten eine gut eingerichtete 4-Zimmer-Wohnung.
Von Juli 1932 bis Juli 1933 lebte die Familie in Mannheim in der schwiegerväterlichen Wohnung, vielleicht aus beruflichen Gründen, die Mutter von Helene Richheimer war schon 1923 verstorben. Als die Familie nach Karlsruhe zurückkam wohnten sie in der Morgenstraße 14.

Julius Richheimer, der ältere Bruder von Siegfried, legte 1908 doch noch das Abitur in Karlsruhe ab. Danach studierte er Zahnmedizin in Heidelberg, München, Breslau und Erlangen, wo er 1912 sein Examen ablegte. Danach absolvierte er noch ein Zusatzstudium als Humanmediziner im damaligen Agram (heute Zagreb) mit Examen 1914. Während des Krieges 1914/18 war er Soldat beim Feldartillerie Regiment 25, nach zwei Jahren als Arzt in einem Feldlazarett. Nach dem Krieg ließ er sich als Zahnarzt in Schweinfurt nieder, 1921 promovierte er in Würzburg. Schon 1918 hatte er Else Marcuse in Nordhausen geheiratet, 1920 wurde der Sohn Armin, 1922 die Tochter Ellen geboren. Das weitere Leben von Julius Richheimer wäre eine Geschichte für sich, hat aber keinen relevanten Bezug zu Karlsruhe mehr.

Die Machtübernahme Hitlers führte sehr bald zu drastischen Einschnitten in die Lebensverhältnisse der Familie Siegfried Richheimer - von einem Juden wollten viele Kunden nicht mehr kaufen, so verlor er nach und nach seine Kunden und immer mehr von seinem Einkommen. Wann war der ‘Nullpunkt’ erreicht? Das ist nicht dokumentiert, aber spätestens mit den November-Pogromen 1938 bzw. der von Göring am 12. November 1938 erlassenen „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem Wirtschaftsleben“ war jegliche Erwerbstätigkeit beendet, die Familie lebte nur noch von Ersparnissen.

Die Tochter Lore kam ab September 1936 in die neu eingerichtete jüdische Schule (Schulabteilung) im Gebäude der Lidellschule in der Markgrafenstraße, zuvor wird sie in den Jüdischen Kindergarten gegangen sein. Bis November 1938 erfolgte der Schulbetrieb in der Lidellschule. Durch ministerielle Verfügung vom Dezember 1938 konnte der Unterricht in diesem Gebäude nicht mehr fortgesetzt werden. Die jüdische Gemeinde richtete daraufhin im gemeindeeigenen Gebäude Kronenstraße 15 einen Notbetrieb für den Schulunterricht ein. Das war mit vielerlei Erschwernissen verbunden, so dass der Unterricht trotz bester Absichten und großer Anstrengungen der Verantwortlichen eher mühselig war. Die Massendeportation der badischen Juden im Oktober 1940, wovon noch berichtet wird, setzte dem Schulbetrieb ein jähes Ende.

Im Zuge der November-Pogrome 1938 („Reichskristallnacht“) wurde auch Siegfried Richheimer verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verbracht, vom 11. November 1938 war er dort mit Häftlingsnummer 20733 bis zum 6. Januar 1939. Er erlebte dort, wie fast alle Häftlinge, die endlose Kette von Demütigungen und Mißhandlungen.
Seine Entlassung erfolgte ungewöhnlich spät, denn laut Weisung Görings sollten die Frontkämpfer des Krieges 1914/1918 noch im November 1938 wieder entlassen werden. Sein nach der Entlassung erstelltes Foto für die so genannte Judenkartei zeigt ihn noch mit der Kahlrasur von Dachau. Nach der Entlassung aus Dachau finden wir Siegfried Richheimer und Familie wieder im elterlichen Haus in der Markgrafenstraße 34.

Mit den Erlebnissen von Dachau (oder auch Buchenwald) und der Erkenntnis, dass sie in Deutschland keine Zukunft mehr hatten, ja, dass ihr Leben bedroht war, begannen viele Juden ihre Emigration in ein sicheres Land forciert zu betreiben, meist zu Verwandten, die auch die notwendigen Formalitäten für die Einreise besorgten und die finanziellen Mittel dafür aufbrachten.
Die Passakten des Polizei-Präsidiums Karlsruhe geben Auskunft über Ausreisebemühungen. Aber von Siegfried Richheimer und seiner Familie gibt es keine Passakten, entweder sind diese verloren gegangen oder aber die Familie hatte keine Ausreise ins Auge gefasst und betrieben, was allerdings schwer vorstellbar ist.

Als am 1. September 1939 der Krieg begann und Frankreich am 3. September 1939 in den Krieg eintrat, wurde Karlsruhe zur „Roten Zone“ erklärt, d.h. gefährdet, weil im Schussbereich der französischen Artillerie liegend, denn offenbar wurde damit gerechnet, dass die Stadt von der Grenze aus beschossen würde. Teile der Bevölkerung - Kinder, Menschen über 60 Jahre, Kranke - wurden vorsorglich in so genannte Bergungsgaue, also weiter von der Grenze zu Frankreich entfernte Regionen, evakuiert Allerdings betraf diese Evakuierung nur „Arier”, Juden stand es frei, die Stadt zu verlassen oder zu bleiben. Die Familie Richheimer ging, der Kinder wegen, am 11. September 1939 nach Mannheim in die Wohnung von Helene Richheimers Vater, aber sechs Wochen später kehrten sie wieder nach Karlsruhe zurück.

Dann kam der Schicksalstag der badischen und saarpfälzischen Juden: am 22. Oktober 1940 wurden sie in einer Blitzaktion nach Südfrankreich nach Gurs deportiert, auch die ganze Familie Siegfried Richheimer, mit ihnen auch die langjährig bei seinen Eltern tätige Hausangestellte Gertrud Oppenheimer, aus Neckarsteinach stammend, die im gleichen Haus wohnte. Über die Deportation, über die Ankunft im Lager, über die miserablen Lebensbedingungen, über die unsäglichen hygienischen Verhältnisse, über den Hunger ohne Ende, über das Sterben hunderter, insbesondere älterer Menschen an Erschöpfung, ist an anderer Stelle und von zahlreichen Autoren in Erlebnisberichten geschrieben worden, das soll hier nicht wiederholt werden.

Im März 1941 wurden mehrere hundert Häftlinge in das Lager Rivesaltes (bei Perpignan) verlegt, hauptsächlich Familien mit Kindern. Alle waren froh, nach schlimmen Wintermonaten weg zu kommen, es konnte nur besser werden. Und in der Tat, in Rivesaltes gab es steinerne Baracken mit Fenstern, nicht zugige, dünnwandige Holzbaracken ohne Fenster mit Dachluken, und bessere hygienische Verhältnisse. Aber die Hoffnung auf bessere Verpflegung blieb ein Wunschtraum, sie hungerten genauso wie zuvor in Gurs. Und ohne die Hilfe von im Ausland lebenden Verwandten oder Freunden - in Form von Geld und Päckchen mit Lebensmitteln und anderen notwendigen Dingen - wäre das Leben noch sehr viel schwerer gewesen. Es ist anzunehmen, obwohl nicht dokumentiert, dass die Schweizer Verwandten - von ihnen wird noch berichtet - auch derartige Hilfe geleistet haben. Hier in Rivesaltes gab es Schulunterricht für die Kinder, was dringend notwendig war, um wenigstens ein Minimum eines geregelten Tagesablaufs für die Kinder zu haben. Am 11. März 1941 kamen auch Siegfried und Helene Richheimer mit den Kindern Lore und Werner nach Rivesaltes, auch der Vater von Helene Richheimer, Emil Weinberger, der dort am 8. Februar 1942 im Alter von 71 Jahren verstarb, obwohl er bei der Deportation noch bei bester Gesundheit war.
Es wird eine rege Korrespondenz mit den Schweizer Verwandten und mit der in den USA lebenden Schwester von Helene Richheimer gegeben haben, aber nichts blieb erhalten.

Als im August 1942 die Transporte von Rivesaltes nach Drancy immer größeren Umfang annahmen, kamen die Aktivisten der verschiedenen Kinderhilfswerke - insbesondere OSE (Oeuvre de Secours Aux Enfants) und Quäker - verstärkt in die Lager und bedrängten die Eltern von Kindern, ihnen diese für eine Unterbringung in Kinderheimen, Waisenhäusern oder anderen Einrichtungen zu übergeben, in der Hoffnung, sie so vor einer Deportation zu schützen. Die Hilfsorganisationen wurden allerdings auch vielfach von Eltern inständig gebeten, ihre Kinder zu übernehmen.
Die Kinder Lore und Werner Richheimer wurden am 13. August 1942 von ihren Eltern getrennt, Quäker-Aktivisten brachten sie in ein Quäker-Kinderheim in Vernet-les-Baines (unweit von Rivesaltes), ein ehemaliges Hotel. Das war das letzte Mal, dass die Kinder ihre Eltern sahen.

Siegfried und Helene Richheimer kamen alsbald - am 23. August 1942 - in das Durchgangslager Drancy bei Paris, am 26. August 1942 wurden sie mit Transport Nr. 24 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.002 Personen, 937 wurden sofort nach Ankunft vergast, 27 Männer und 36 Frauen wurden selektiert, 24 haben die Befreiung von Auschwitz überlebt, Siegfried und Helene Richheimer waren nicht darunter.

Das Heim in Vernet-les-Bains war überfüllt, die hygienischen Verhältnisse schlecht, die Verpflegung sehr schlecht, eine ärztliche Versorgung gab es nicht, das Heim stand unter Bewachung, die Kinder trauten sich nicht auf die Straße - schrieb Lore nach dem Kriege aus ihrer Erinnerung. Als das Heim im Dezember 1942 aufgelöst wurde, kamen sie in ein anderes Heim in Nurieux ( Department Ain). Die Lebensbedingungen seien ähnlich denen im vorigen Heim gewesen, schrieb Lore. Und Werner berichtet, dass seine acht Jahre ältere Schwester sich rührend fürsorglich um ihn gekümmert habe, von ihrer - schmalen - Essensration habe sie ihm immer etwas abgegeben, darüber hinaus habe sie für ihn - auch für andere Heimkinder - Schals und Fäustlinge für den kalten Winter gestrickt.

Nachdem bekannt geworden war, dass Siegfried und Helene Richheimer deportiert worden waren und nicht zurück kommen würden (dass sie bereits in Auschwitz umgebracht worden waren, war jedoch nicht bekannt), sahen sich die Schweizer Verwandten aus Lugano und aus Genf veranlasst, die Kinder in die Schweiz zu holen und trafen alle dafür erforderlichen organisatorischen Vorbereitungen.
Am 15. Mai 1943 holte eine Frau, deren Namen nicht bekannt ist, die Kinder in Nurieux ab. In Massery wurde ein Stop eingelegt. In Annemasse bekamen sie im Schweizer Reisepassbüro ihre Pässe für die Einreise in die Schweiz von einem Herrn Sessler, der ihnen auch zeigte, wie und wo die Grenze überschritten werden konnte. Am 17. Mai 1943 kamen sie zur Grenze über Hermance über Chens, noch immer in Begleitung der anonymen Frau, gegen 11:00 Uhr gingen sie allein und ganz unspektaktulär über die Grenze und wurden auf Schweizer Seite von ihren Genfer Verwandten, Evet, Enkeltochter der Luganer Verwandten, und Ehemann John Brunschwig, Rechtsanwalt in Genf, in Empfang genommen. Der Grenzübertritt in die Schweiz war trotz Pass und Einreisevermerk illegal, denn sie hatten keine Erlaubnis, Frankreich zu verlassen. Zur Erledigung der üblichen Formalitäten für Flüchtlinge kamen sie für die nächsten zwei Tage in das Auffanglager Cropettes in Genf und danach zur Familie Brunschwig bis eine Pflegefamilie gefunden wurde, die bereit war, sie aufzunehmen. Allerdings befanden sich die Kinder die meiste Zeit im Krankenhaus, weil sie durch die permanente Unterernährung das Essen nicht bei sich behalten konnten. Die gesuchte Pflegefamilie war dann die Familie Dr. Max Rothschild in Hergiswil am See (Kanton Niederwald). Dr. Rothschild, im Hegaudorf Randegg geboren, war Arzt in Mannheim, verheiratet mit einer Schweizerin, war bereits Ende 1933 mit Frau und drei kleinen Kindern nach Italien emigriert und kam vor dem Krieg in die Schweiz, durfte hier aber nicht praktizieren. Die Verwandten der Kinder aus Lugano bezahlten für den Aufenthalt. Bis zu ihrer Ausreise in die USA blieben die Kinder bei den Rothschilds und besuchten die Schule am Ort.
In den USA kamen die Kinder zur - oben schon erwähnten - Schwester der Mutter, Gertrude, die im Juni 1936 in die USA auswanderte, später in Milwaukee - kinderlos - mit Max Mayersohn, der ursprünglich aus Rastatt stammte und im März 1937 in die USA auswanderte, verheiratet und bereit war, die Kinder aufzunehmen. Max Mayersohn war auch der Vormund für Werner Richheimer bis zu dessen Volljährigkeit, er starb 1965. Gertrude Mayersohn heiratete 1970 wieder, und zwar Ludwig Strauss, der 2002 starb. Sie lebt noch immer, 99-jährig, in einem Pflegeheim.

Lore und Werner Richheimer reisten am 4. Januar 1947 in die USA. Sie besuchten in Milwaukee die High School, Lore machte hier im Juni 1949 ihr Examen, Werner im Januar 1956.
Lore heiratete 1949 den aus Berlin stammenden John ( Joachim) Levy. Sie bekamen zwei Söhne. 1975 starb Lore Levy an Krebs, noch nicht 46-jährig. Zehn Jahre später, 1985, starb auch ihr Mann, ebenfalls an Krebs.
Werner Richheimer studierte Zahnmedizin, wurde 1962 graduiert, absolvierte danach seinen zweijährigen Militärdienst als Zahnarzt, und hat seit 1964 eine eigene Praxis bei Milwaukee. 1960 heiratete er und hat zwei Söhne und zwei Töchter.

Moritz Richheimer
Moritz Richheimer wurde am 4. Juli 1895 als jüngstes von vier Kindern des Kaufmanns Moritz Richheimer (geboren am 12. November 1855 in Gemmingen als Moses R.) und seiner Ehefrau Helene, geborene Linder (geboren am 23. April 1858 in Eschenau), in Gemmingen geboren. Sein Vater war acht Monate zuvor, am 26. Oktober 1894, an einem Herzleiden gestorben, die Mutter musste also die vier Kinder allein groß ziehen. Ob die zahlreichen Verwandten sie dabei unterstützt haben, ist zwar nicht überliefert, aber durchaus wahrscheinlich. Er besuchte die Volksschule in Gemmingen, danach die Realschule in Eppingen bis zum „Einjährigen“. Er war ein begabter Schüler, bester in seiner Klasse, strebsam, fleißig, bekundete sein späterer Schwager Bernhard Heumann, von dem noch die Rede sein wird, im Wiedergutmachungsverfahren. Im Anschluss machte er eine kaufmännische Lehre bei der Zigarrenfabrik Moses Richheimer in Stuttgart, die dort - nach Anfängen in Gemmingen - seit 1905 ansässig war. Moses Richheimer (geboren 1849), der Gründer dieser Fabrik, eine anscheinend recht umtriebige Person, wie die Annalen aussagen, 1886 Vorstand des Israelitischen Gesangvereins „Frohsinn“ in Gemmingen, war allerdings, als Moritz Richheimer seine Lehre dort 1911 antrat, schon einige Jahre zuvor gestorben, die Firma wurde aber von der Witwe Anna Richheimer und ihrem Sohn Hugo (Hermann) weiter geführt. Hugo Richheimer (geboren 1884) wurde sogar 1922 im Zusammenhang mit einer ansehnlichen Spende an die Gemeinde Ehrenbürger von Gemmingen.
Die Mutter von Moritz Richheimer, Helene R., zog am 1. November 1911 von Gemmingen nach Stuttgart, um bei ihrem Sohn zu sein, die anderen Kinder waren aus dem Haus.
Es ist anzunehmen, dass Moritz Richheimer nach Absolvierung seiner Lehre noch zum Militär eingezogen wurde und den Krieg mit gemacht hatte, obwohl ein Nachweis dafür nicht gefunden wurde.

Im Jahre 1919 startete Moritz Richheimer, in der Familie auch liebevoll „Morle” genannt, in Karlsruhe eine über viele Jahre erfolgreiche berufliche Karriere: er gründete zusammen mit seinem Schwager Bernhard Heumann (geboren am 25. August 1898 in Impfingen/Tauberbischofsheim), der mit seiner Schwester Fanny verheiratet war, die Firma Karlsruher Elektrizitätsgesellschaft m.b.H., in gemieteten Geschäftsräumen in der Adlerstraße 35; Moritz Richheimer, der als technisch sehr versiert und interessiert galt, war Geschäftsführer, Bernhard Heumann Prokurist. Die Firma gehörte beiden zu gleichen Teilen, es wurden hauptsächlich Elektro-Installationsmaterialien an Handwerker verkauft.
1922 erwarb die Firma das größere Anwesen Herrenstraße 4 und verlegte dorthin ihre Geschäftsräume. 1924 wurde Bernhard Heumann gleichberechtigter Geschäftsführer neben Moritz Richheimer. Dieser wohnte in der Kaiserstraße 110, also nahe beim Geschäft.

Am 17. Juni 1925 heiratete Moritz Richheimer in Lörrach die hier am 5. April 1899 geborene Maria Bloch, jüngstes von sechs Kindern des Viehhändlers Meier Bloch aus Lörrach und seiner Ehefrau Sophie, geborene Weil.

1927 erwarb die Firma Karlsruher Elektrizitätsgesellschaft m.b.H. 49,5 Prozent der Anteile der „Rheinisch Westfälischen Isolierrohrwerke AG” in Fröndenberg/Ruhr, Herstellung von Isolier- und Stahlpanzerrohren und einschlägiger Bedarfsartikel der Elektrotechnik. Moritz Richheimer wurde dort Vorstandsmitglied zusammen mit einem weiteren Vorstand und verlegte seinen Wohnsitz dorthin. Bernhard Heumann führte nunmehr die Karlsruher Firma allein.
Am 28. Mai 1928 wurde den Eheleuten Richheimer der Sohn Walter in Soest/Westfalen geboren.

1931 geriet die Karlsruher Firma, an der Moritz Richheimer nach wie vor mit 50 Prozent beteiligt war, im Zuge der Weltwirtschaftskrise in finanzielle Schwierigkeiten, ein Vergleichsverfahren wurde eingeleitet, der Vergleich wurde erfüllt, die Firma konnte weiter geführt werden. Nach der Machtübernahme Hitlers verringerte sich das Installationsgeschäft mehr und mehr, Handwerker wollten nicht von Aufträgen ausgeschlossen werden, wenn sie von einem jüdischen Geschäft kauften und erteilten deshalb immer weniger Aufträge. Das bedeutete schließlich das völlige Aus der Firma, am 12. Juni 1936 wurde sie im Handelsregister gelöscht. Aber Bernhard Heumann gründete fünf Wochen später eine neue Firma unter dem Namen Heumann & Co, nunmehr hauptsächlich als Einzelhandelsgeschäft mit Elektro-Groß- und Kleingeräten, Nähmaschinen, Schreibmaschinen, Kameras. Beschäftigt wurden je ein Buchhalter, Stenotypistin, Lagerarbeiter, Lehrmädchen. Die Ehefrau war Kommanditistin in der Firma.

Auf Betreiben der Deutschen Arbeitsfront wurde Moritz Richheimer, obwohl noch wenige Wochen zuvor zum Alleinvorstand bestellt, als Jude vom Aufsichtsrat am 1. April 1936 fristlos entlassen - mit ihm der Prokurist Eisinger, obwohl kein Jude - daraufhin stoppte der Hauptkreditgeber, das Karlsruher Bankhaus Veit L. Homburger, die Kredite, denn Moritz Richheimer galt der Bank gegenüber als Vertrauensmann in der Firma, so Bernhard Heumann. Die Firma musste daher am 8. Mai 1936 wegen Überschuldung das Konkursverfahren beantragen. Eine andere Version für den Konkurs gab der frühere Direktor der genannten Bank, Franz Blumenfeld: weil Moritz Richheimer Jude war, wurde die Firma von Kunden mehr und mehr boykottiert und kam dadurch in Zahlungsschwierigkeiten. Die Firma wurde 1940 gelöscht., die Akten des Konkursverwalters 1945 vernichtet, so dass eine exakter Nachweis nicht mehr zu führen ist.

Moritz Richheimer musste nun einen neuen beruflichen Anfang finden. Er beabsichtigte, nach Südafrika auszuwandern und sich dort - zumindest anfangs - handwerklich zu betätigen. Er ging zum 1. Mai 1936 nach Berlin zu seinem Schwager Hermann Bloch, Bruder seiner Frau, der dort eine Motorrad-Reparatur-Werkstatt besaß, um bei ihm das Zylinder-Schleifen zu erlernen. Der Berliner Aufenthalt musste jedoch mit Jahresende 1936 beendet werden, weil der Betrieb gezwungenermaßen geschlossen werden musste. Moritz Richheimer kehrte nun wieder nach Karlsruhe zurück, die geplante Auswanderung nach Südafrika wurde nicht weiter verfolgt. Frau und Sohn kamen nun ebenfalls von Fröndenberg nach Karlsruhe zurück, die Familie wohnte jetzt in der Wendtstraße 10, im Haus von Sally Strauß. In dieser Wohnung blieben sie bis zur Deportation 1940. Nach seiner Rückkehr nach Karlsruhe war er in der Firma seines Schwagers als Angestellter tätig, jedoch mit 50 Prozent Gewinnanteil, zugleich war er Stiller Teilhaber der Firma.

Der Sohn Walter besuchte am Wohnort Fröndenberg die Volksschule für zwei Jahre, nach der Rückkehr nach Karlsruhe die Jüdische Schule (Schulabteilung) im Gebäude der Lidellschule in der Markgrafenstraße, nach den November-Pogromem von 1938 die Jüdische Schule in der Kronenstraße 15 bis zur Deportation im Oktober 1940. Der Besuch eines Gymnasiums war ihm als Juden verwehrt.

Im Mai 1937 beabsichtigte Moritz Richheimer eine kurze Reise zu Verwandten nach Luxemburg. Wegen seines achtmonatigen Berlin-Aufenthaltes wurde vom Berliner Polizeipräsidium eine Unbedenklichkeitsbescheinigung für die Ausstellung eines Reisepasses vom Karlsruher Passamt angefordert, die mit folgenden Fragen verbunden war: Parteizugehörigkeit vor 1933, welche Zeitungen wurden vor 1933 gehalten; welche politischen Versammlungen wurden vor 1933 besucht; welche Flaggen vor 1933 gehißt; welche Geldspenden an welche Parteien. Die Unbedenklichkeitsbescheinigung wurde erteilt, der Pass wurde ihm ausgestellt. Am 2. Oktober 1937 fuhr er nach Luxemburg, die Rückreise war für den Folgetag vorgesehen. Der Beamte an der Grenze erklärte ihm, er könne zwar nach Luxemburg ausreisen, aber wenn er zurückkäme würde er als Emigrant betrachtet und käme sofort in ein ,,Schulungslager“, er solle besser nicht nach Luxemburg fahren, sondern seine Reise abbrechen - was er auch tat. Auf seinen Beschwerdebrief an das Polizei-Präsidium erhielt er - natürlich - nie eine Antwort.

Es war der 10. November 1938 am Morgen gegen 8:00 Uhr, als Bernhard Heumann in sein Geschäft kam, er wohnte in der Nowackanlage 11, und feststellen musste, dass in der Nacht im Zuge der „Reichskristallnacht“ seine Geschäftsräume in der Herrenstraße 4 – Laden, Lager, Büro – von einer Horde von SA-Leuten verwüstet worden waren, wie Nachbarn erklärten. Dass im ganzen Lande die Synagogen zerstört wurden, wusste er zu dieser Zeit noch nicht. Die Nachbarn warnten ihn auch, so schnell wie möglich zu verschwinden, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, ebenfalls zusammengeschlagen zu werden. In seiner Bestürzung ließ er alles so, wie er es vorgefunden hatte, und eilte in seine Wohnung zurück. Wo war Moritz Richheimer zu dieser Zeit? Das ist nicht überliefert. Einige Stunden später wurde Bernhard Heumann von der Gestapo verhaftet und - zusammen mit über 500 anderen Karlsruher Juden - nach Dachau verbracht. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 22433. Am 2. Dezember 1938 kehrte er nach Karlsruhe zu seiner Familie zurück.
Am gleichen Tag wurde auch Moritz Richheimer verhaftet und nach Dachau gebracht. Er erhielt dort die Häftlingsnummer 21514, auch er wurde am 2. Dezember 1938 von dort wieder nach Karlsruhe entlassen.
Das war das Ende der Firma Heumann&Co und damit auch das Ende von Einkünften für die Familien Heumann und Richheimer, sie mussten von nun an ausschließlich von ihren Ersparnissen leben. Das Anwesen Herrenstraße 4 wurde übrigens bei den Bombenangriffen 1944 total zerstört.

Aus einem Schreiben des Israelitischen Wohlfahrtsverbandes vom 2. Dezember 1938 geht hervor, dass der Sohn Walter mit einem Kindertransport nach Holland im Sommer 1939 kommen sollte. Der Antrag auf Ausstellung eines Passes wurde zwar genehmigt, aber mit Holland wurde nichts - aus welchen Gründen auch immer.

Nach der Entlassung aus Dachau wurden Pässe für lnformationsreisen zum Zwecke der Auswanderung in die Schweiz, dann in die USA beantragt. Die Anträge wurden zwar genehmigt, aber ob die Pässe ausgehändigt wurden - normalerweise geschah dies nur bei Vorlage eines Visums - bleibt offen, der bald ausgebrochene Krieg wird die Pläne zunichte gemacht haben, mindestens aber deren baldige Realisierung.

Am 22. Oktober 1940 wurden die badischen und saarpfälzischen Juden auf Betreiben der Gauleiter rechts und links des Rheines, Robert Wagner und Josef Bürckel, in einer „Blitzaktion“ nach Gurs in Südfrankreich deportiert, darunter auch nahezu 1.000 Juden aus Karlsruhe, auch Moritz Richheimer und Ehefrau Maria mit Sohn Walter, auch Bernhard Heumann mit Ehefrau Fanny, die Kinder Hans Norbert (geboren 4. Dezember 1920 in Karlsruhe) und Margot Ruth (geboren 18. Mai 1923 in Karlsruhe) konnten glücklicherweise schon 1937 bzw. 1939 in die USA auswandern, so blieb ihnen das Schicksal der Eltern erspart, auch Helene Richheimer, die Mutter von Moritz und Fanny Richheimer, die bei der Familie ihrer Tochter in Karlsruhe lebte.

Bernhard und Fanny Heumann hatten noch Glück im Unglück, ihnen schickte noch im Februar 1941 Karl Eisemann, damals noch amtierender Leiter der Bezirksstelle Baden - Pfalz der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland (Sitz Karlsruhe), die dringlichst benötigten Reisepässe in das Lager Gurs. Aufgrund dessen kam Bernhard Heumann am 25. Februar 1941 in das Lager Les Milles bei Marseille und Fanny Heumann am gleichen Tage in das Hotel Terminus in Marseille, Anfang April erhielten sie dort ihre Visa für die USA. Die Ausreise in die USA, die immer wieder mit unerwarteten Schwierigkeiten und Problemen verbunden war, auch mit Bangen und Hoffen, wäre eine eigene Geschichte. Mit Verzögerungen kamen sie schließlich über Spanien im September 1941 in die USA. Bernhard Heumann starb am 9. März 1965 in New York, Fanny Heumann 1989 eben dort. Die Kinder leben, hochbetagt, in den USA.
Moritz Richheimer und Familie, auch die Mutter Helene Richheimer, kamen am 11. März 1941 von Gurs nach Rivesaltes. Am 27. Juni 1941 starb Helene Richheimer hier, ein dreiviertel Jahr nach der Deportation von Karlsruhe, 83-jährig an Schwäche und Erschöpfung.
Walter Richheimer erkrankte im Juli 1941, vermutlich an Scharlach, am 11. Juli 1941 kam er in ein Hospital im nahe gelegenen Perpignan, danach, am 5. September 1941, zur Rekonvaleszens in ein Quäker-Kinderheim (Villa St. Christophe, Colonie d’Enfants Canet Plage) bei Perpignan. Von dort kam er 1942 zurück in das Lager Rivesaltes. Mit Hilfe von Aktivisten des Jüdischen Kinderhilfswerkes OSE (Oeuvre de Secours Aux Enfants) kam er - vermutlich war dies im Juni oder Juli 1942 - in das OSE - Kinderheim Chateau Montintin (Nähe Limoges). Im September 1942 wurde er von dort wieder nach Rivesaltes zurück gebracht, um zusammen mit den Eltern deportiert zu werden. Walter Richheimer berichtete im Wiedergutmachungsverfahren, dass „jemand” außerhalb des Lagers - wer dieser „Jemand” war, war nicht zu erfahren - ihn im gleichen Monat aus dem Lager herausholte und nach Villeurbanne bei Lyon zu einer Bekannten eines Onkels brachte, wo er illegal unter dem Namen Roger Corsellas, das war der Name der Bekannten, lebte. Er ging dort auch zur Schule und wurde - erstaunlicherweise - im Schulregister unter seinem richtigen Namen geführt.

Auch der Mutter Maria Richheimer gelang es, aus dem Lager Gurs, wohin sie von Rivesaltes am 26. Februar 1942 (das Datum ist unklar!) wieder zurück gebracht wurde, herauszukommen - wie und durch wessen Hilfe ist ebenfalls unklar - und in der Illegalität vom 19. Juli 1943 - 18. März 1944 im Chateau des Deux ( Department Correze) und danach bis 18. Oktober 1944 in der Residence Surveillee a Lubersac ( Department Correze) die Kriegszeit in Frankreich zu überleben.

Moritz Richheimers Aufenthalt in Rivesaltes ist bis 31. März 1942 dokumentiert. Für die Folgezeit ist in den Archivunterlagen von einer - nicht dokumentierten - Arbeitskompanie die Rede, zu der er, vermutlich zwangsweise, wie zahlreiche andere Häftlinge auch, abkommandiert wurde. Es spricht vieles dafür, dass er über mehrere Monate beim Festungsbau in Brest eingesetzt war. Ob er danach wieder nach Rivesaltes oder nach Gurs zurückam, ist ebenfalls unklar. Aus den Deportationslisten ergibt sich schließlich, dass er am 4. März 1943 von dem Sammellager Drancy bei Paris mit Transport Nr. 50 nach Auschwitz kam. Der Transport umfasste 1003 Personen, von denen bei Ankunft mindestens 950 sofort ermordet wurden, wieviele selektiert wurden, ist nicht dokumentiert, nur drei haben überlebt.

Im April 1947 kamen Maria Richheimer und ihr Sohn Walter mit finanzieller Hilfe eines Verwandten in die USA nach Philadelphia. Sie nannte sich hier Mary Rich, der Sohn Walter Rich. Sie arbeitete hier einige Jahre als Fabrikarbeiterin und starb am 15. Mai 1955, einsam, verarmt, verbittert. Der Sohn machte eine bemerkenswerte Karriere als Designer mit umfangreicher Produktion von Messe- und Ausstellunggestaltungs - Materialien, mit einem Partner beschäftigte er hier zeitweise über 100 Menschen. Zeitweilig betrieb er auch eine Werbeagentur. Jedenfalls hatte er es offenbar zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Er lebt - soweit bekannt kinderlos - zurückgezogen in den USA.

Familie Hofmann
Die Familie Hofmann - von dieser war die Rede im Zusammenhang mit Adolph Richheimer, Herbert Hofmann war seit 1928 Pächter der Richheimerschen Metzgerei in Karlsruhe in der Markgrafenstraße 34, er starb 1937 in Karlsruhe, und die Familie ging danach nach Frankfurt zurück - erlebte ein grausames Schicksal, die gesamte Familie wurde ermordet: Thekla Hofmann (geboren 8. Januar 1902) sowie ihre Kinder Manfred (geboren 19. Juni 1933), Max (geboren 5. Juli 1934) und Trude (geboren 7. April 1936) wurden - mit der zweiten großen Deportation - am 11.11.1941 von Frankfurt/M in das Ghetto von Minsk/Weißrußland deportiert. Ein Überlebender dieses Transports, einer von neun, berichtete: „Die Fahrt ging über Berlin, Warschau, Bialystok, Wolkowysk, Baranowitsch nach Minsk. Die Fahrt dauerte 6 Tage. Wir hatten zwar Lebensmittel dabei, aber kein Wasser, viele Leute starben vor Durst” In den ersten Monaten starben unter unsäglichen Bedingungen im Ghetto etwa 200 Menschen an Krankheit, Hunger, Verzweiflung, im Winter auch an der immensen Kälte (zeitweise bis minus 40° C), etwa 400 Personen wurden bei „Aktionen” im Ghetto getötet oder in Gaswagen weggebracht. Kinder hatten hier überhaupt keine Überlebenschance. Es kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass die Hofmanns dort alsbald umkamen - falls sie überhaupt lebend dort ankamen.
Die beiden ältesten Kinder Alfred (geboren 23. Oktober 1926 in Frankfurt a.M.) und Semi (geboren 4. Januar 1929 in Karlsruhe) wurden von der Mutter in Frankfurt in die Obhut des Israelitischen Waisenhauses im Röderbergweg 87 gegeben und dort von Isidor Marx, dem Leiter des Waisenhauses noch rechtzeitig mit einem Kindertransport nach Holland gebracht, wo sie im Nederlandse Israelitisch Jongensweeshuis in Amsterdam lebten. Am 4. März 1943 bzw. 5. März 1943 wurden sie von dem holländischen Sammellager Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert. Von diesen Transporten blieb niemand am Leben.

Markgrafenstraße 34
Nach den November-Pogromen 1938, insbesondere aber ab März/April 1939 nahm der Druck der Nazis auf die jüdische Bevölkerung mehr und mehr zu - in zigfältigen Formen von Diskriminierungen und Diffamierungen bis hin zur brutalen Vertreibung, vor allem in den Dörfern und kleineren Städten des Umlandes beiderseits des Rheins, damit die lokalen NaziParteigrößen nach oben' melden konnten: „Dieser Ort ist judenfrei“. Aber nicht nur die Parteifunktionäre und ungezählte Mitglieder der vielen Parteiformationen (z.B. SA, HJ etc.) zeigten sich immer aggressiver gegenüber Juden, auch viele willige Helfer der Judenpolitik Hitlers aus dem Millionenheer der Parteimitglieder, aber nicht nur aus diesem Personenkreis, auch zahlreiche Menschen, die nicht der Partei angehörten, zeigten sich - wie die Historiker-Forschung bewiesen hat - militanter gegenüber Juden, insbesonder in Form von Denunziationen für ‘alles und nichts’. Dies führte dazu, dass das Leben für die Juden vor allem in den Dörfern, wo jeder jeden kannte, und in den kleineren Städten immer unerträglicher wurde und sie deshalb in die Anonymität der großen Städte flüchteten. Im Sommer 1939 hatte die Stadt Karlsruhe im Hinblick auf den Zustrom auswärtiger Juden ein faktisches Zuzugsverbot erlassen, in dem alle neuen Mietverträge genehmigungspflichtig und Genehmigungen für Juden kaum noch erteilt wurden. Allerdings dämmte dies den Zustrom kaum ein, nicht wenige lebten illegal in der Stadt, trotz drakonischer Strafen. Hinzu kam, dass durch Gesetz vom 30. April 1939 der Mieterkündigungsschutz für Juden weitgehend aufgehoben war mit der Folge, dass zahlreiche Juden aus ihren Wohnungen heraus gekündigt wurden und nun eine neue Bleibe suchten.
So wurde im Zuge dieser Entwicklung - nach dem Wegzug der Familie Altmann nach Frankfurt/M. und nach dem Tod von Adolph Richheimer und der Ausreise seiner Frau Eugenie in die Schweiz - das Haus Markgrafenstraße 34, wie manches andere im Eigentum von Juden befindliche Haus auch, zum „Asyl“, zum so genannten Juden-Haus, für Unterkunftsuchende. Folgende Personen lebten hier 1939/1940, außer Siegfried Richheimer und seiner Familie sowie der Hausangestellten Gertrud Oppenheimer:

• Adler, Elisabeth; geborene Westheimer (geboren 8.9,1896), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Bravmann, Julius (geboren 2. August 1894) und Elka geboren Ettlinger (geboren 29. März 1892), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Dettling, Fanny; geborene Adler, gesch. Wolf (geboren 30. Juli 1881), am 26. April 1942 in das Ghetto Izbica bei Lublin deportiert, dort verschollen
• Eis, Rosa; geborene Gumbrich (geboren 11. Februar 1875), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, danach im Lager Recebedou, von da in ein Altersheim in Montpellier, dort verstorben am 29. Oktober 1944
• Eis, Elsa (geboren 26. Februar 1899), am 22. Oktober 942 nach Gurs deportiert, am 12. August 1942 nach Auschwitz
• Engel, Elisa (geboren 4. Oktober 1890), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Färber, Moses (geboren 25. Mai 1879), am 28. Oktober 1938 nach Polen ausgewiesen, später im Ghetto Gorlice, verschollen
• Gross, Anna; geborene Goldberger (geboren 27. April 1920), am 22.1U.1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Gross, Werner Jakob (geboren 3. August 1900), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Kafka, Wilhelmine; geborene Mané (geboren 25. November 1880), nach Mannheim verzogen, von dort am 26. April 1942 in das Ghetto Izbica bei Lublin deportiert, verschollen
• Levy, Jakob (geboren 31. März 1864), am 22. 10.1940 nach Gurs deportiert, dort verstorben am 31. Oktober 1940
• Oppenheimer, Moritz (geboren 4. November 1869), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, dort verstorben am 29. Januar 1942 verstorben
• Rosenthal, Gustav (geboren 19. August 1885), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 10. August 1942 nach Auschwitz
• Rosenthal, Eva; geborene Engel (geboren 27. Juli 1899), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 12. August 1942 nach Auschwitz
• Storch, Netti; geborene Silber (geboren 25. August 1875), 1940 nach München zwangsevakuiert, am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, am 18. Mai 1944 nach Auschwitz
• Storch, Jakob (geboren 25. November 1875), 1940 nach München zur Zwangsarbeit evakuiert, am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert, am 18. Mai 1944 nach Auschwitz
• Teicher, Pinkas (geboren 3. Juli 1889), 1939 nach Frankfurt verzogen, zu unbekanntem
Datum nach Auschwitz deportiert, dort umgekommen am 7. Mai 1943
• Ziegler, Edmund (geboren 27. Mai 1879), a. 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, am 6. März 1943 nach Sobibor
• Ziegler, Jeanette, geborene Teicher, verw. Silberberg (geboren 22. Februar 1894), am 22. Oktober 1940 nach Gurs deportiert, von da ins Lager Recebedou, dort verstorben am 8. April 1941

Die vorgenannten Personen wurden alle Holocaust-Opfer. Im Hause Markgrafenstraße 34 wohnten während der Jahre 1939/1940 noch weitere 18 Personen, die kein Holocaust-Opfer wurden, sei es, dass ihnen noch die Emigration gelang, sei es, dass sie in irgendeiner Weise ,untertauchen’ konnten und so die Zeit der Verfolgung überlebten. Natürlich haben die zahlreichen Menschen nicht alle gleichzeitig in der Markgrafenstraße 34 gewohnt, das wäre unmöglich gewesen, denn das Haus verfügte nur - die Geschäftsräume im Erdgeschoß mitgerechnet - über 3 Wohnungen. Die polizeilichen Meldedaten sind durch die Kriegsereignisse verloren gegangen, so dass nicht mehr nachvollziehbar ist, wer von wann bis wann im Haus gelebt hat. Man kann sich vorstellen, dass - zumindest zeitweise - eine qualvolle Enge geherrscht haben muss, vermutlich war jedes Zimmer mit mehreren Personen belegt, so dass von ‘wohnen’ kaum die Rede sein konnte, eher von ,hausen’. Warum wurde die Markgrafenstraße 34 zum „Judenhaus”. Wer waren all die Menschen, in welcher Beziehung standen sie zu den Richheimers? Waren es Freunde, Bekannte, denen in ihrer Not „Asyl” gewährt wurde? Hatte die Jüdische Gemeinde Einfluß auf die Bewohner genommen und die Richheimers veranlasst, diese Menschen aufzunehmen. Hat gar die Gestapo die eine oder andere Person zwangsweise in das Haus eingewiesen? Auch das gab es.
Wir werden im Einzelfall keine Antwort mehr darauf erfahren.

Dieser biographische Bericht wurde nach mehrmonatigen umfangreichen Recherchen niedergeschrieben, aber viele, sehr viele Fragen bleiben unbeantwortet: wer waren die Freunde und Bekannte der beschriebenen Personen, wer die Geschäftspartner, wie war ihr tägliches Leben, welche kulturellen und gesellschaftlichen Ereignissen spielten in ihrem Leben eine Rolle, welche die Religion, welche Hoffnungen und Träume hatten sie, wie haben sie die Zeit der Verfolgung erlebt. Diejenigen, die diese Fragen beantworten könnten, leben nicht mehr. Gleichwohl können die - z. T. eher dürftigen - Recherche-Ergebnisse ein wenig, mal mehr, mal weniger, den beschriebenen Menschen, insbes. jedoch den Naziopfern, ein Profil geben, damit ihrer gedacht wird und sie nicht vergessen werden.

(Wolfgang Strauß, Juli 2006)