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Helene Poritzky, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Helene Poritzky

Nachname: Poritzky
geborene: Orzolkowski
Vorname: Helene
Geburtsdatum: 10. Januar 1874
Geburtsort: Lessen (Lasin) (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Aaron und Rivka O.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Elias P.;

Mutter von Ruth Rebekka
Adresse: Eisenlohrstr. 22, 1914/15 von Berlin hergezogen
Schule/Ausbildung: Töchterschule
Beruf: Künstlerin
Schriftstellerin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Helene Poritzky, geb. Orzolkowski
Auch in Erinnerung an Henriette und Jenny Orzolkowski

Zugleich eine Hommage an den Schriftsteller Jakob Elias Poritzky


Die Familie
Die Poritzkys gehörten zu den frühesten jüdischen Zuwanderern aus Osteuropa in die damals noch beschauliche badische Residenzstadt Karlsruhe. 1876 verließen sie die Kleinstadt Lomża (das -z- gesprochen wie -j- in „Journal“), gelegen am Fluss Narew, 80 km westlich von Bialystok in Russisch Polen. Sie fanden eine bescheidene Bleibe in der Karlsruher Altstadt – dem „Dörfle“ – und schlossen sich den strenggläubigen Kreisen der damals noch jungen Austrittsbewegung an, die sich als „Israelitische Religionsgesellschaft“ nach Frankfurter Vorbild zunächst in Privathäusern und kleinen Betstuben versammelte.
Der Familienvater findet sich in den in Polen überlieferten Akten aus Lomża: Abram Jankiel Porycki, auch: Abraham Jakob Lejbowicz, geboren 1834. Der in Russland üblichen patronymischen Namensangabe nach war er also ein Sohn des Leib (oder Löb, Löw). Dieser Leib Boruchowicz (Sohn des Baruch) ist tatsächlich belegt, er starb bereits 1853; seine Frau Sara Szymszowna (Tochter des Shimshon) lebte bis 1885.

Abraham Jakob Porycki wuchs mit sieben Schwestern in Lomża auf. Er heiratete Szejna (Jenny) Rosenbaum, geboren um 1835, eine Tochter des Jona (Jonas) David Rosenbaum und der Miriam Deborah.
Das Ehepaar Abraham Jakob und Jenny Poritzky hatte mindestens vier Kinder, die in Lomża zur Welt kamen. Das älteste war offenbar der um 1855/56 geborene Shabtai (Scheftel), die vermutlich einzige, 1871 geborene Tochter hieß Therese, und der Jüngste war allem Anschein nach Isak (Itzhak Eliyahu), später: Jakob Elias, auf dessen Erzählungen diese Angaben in der Hauptsache fußen - auf seiner Autobiographie „Meine Hölle“, Berlin 1906 sowie der anekdotischen Geschichte „Gastfreundschaft in Lomsa“, in „Jüdische Bibliothek. Unterhaltungsbeilage“ vom 1. November 1934. In dieser fünfzig Jahre später verfassten, humorvollen Schilderung seiner Geburtsstadt lässt (nunmehr: Jakob Elias) Poritzky den Ich-Erzähler sich als „Jizchok-Elle, Enkel des berühmten Reb Jaune“ vorstellen. Damit würdigt er Jona(s) David Rosenbaum, seinen Großvater mütterlicherseits, der offenbar in chassidischen Kreisen namhaft war.

Jakob Elias (Isak) Poritzky
Isak kam am 13. Januar 1876 in Lomża zur Welt. Die Schreibung des Nachnamens war vom Sprachraum abhängig. „Porycki“ lässt an polnisch sprechende Kanzleibeamte denken, in deutschen Amtsstuben wurde daraus „Poritzky“. Im Alter von „kaum 18 Wochen“ verließ Isak mit den Eltern und Geschwistern Lomża.
Bis 1890 scheint die Familie in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen gelebt zu haben. Die erste Eintragung für „Abraham Jakob Poritzki, Handelsmann“ findet sich noch 1876 in der Lange Straße (der heutigen Kaiserstraße) 32, im Hause des Metzgers Isaak Diefenbronner (gest. 1912). Dann wohnte die Familie in der Zähringerstr. 5 (1877), Durlacher Str. 37 (1878), Durlacher Str. 85 im Hause Isaak Feldmann (1880), Durlacher Str. 42 (1881), Durlacher Str. 46 (1882), Durlacher Str. 75 (1886) und Durlacher Str. 58 (1888), einem Haus im Besitz des Bankiers Samuel Straus (gest. 1904). Die Durlacher Str. (heute Brunnenstraße/Am Künstlerhaus) war eine typische Altstadtgasse mit z.T. bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichender niedriger Bebauung. Die Mitmieter hießen u.a. Fischel Fischbein und Lazarus Lewanderstein (1889). Die Vermieter Diefenbronner und Straus gehörten der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft an. Der Karlsruher Zeitgenosse Hermann Brand, dessen Eltern aus Galizien stammten, schilderte in seinem Buch Die Tournee geht weiter, wie damals die „Israeliten“ (damit waren die deutschen orthodoxen Juden gemeint) üblicherweise die Zugewanderten aus Polen und Russland zwar beherbergt und durch ihre Wohltätigkeitsvereine versorgt hätten, „allerdings sind sie dann etwas stolz zu uns“.

1891 schließlich erwarb Abraham Jakob Poritzky das abgewohnte, kleine Haus Waldhornstr. 42, Ecke Spitalstraße, ein einfaches Fachwerkhaus, zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss, dahinter ein kleines Hofgebäude. Auf dem Grundstück gab es keine Kanalisation, nur einen Brunnen und eine Abortgrube. Die Poritzkys wohnten parterre, ein Zimmer, eine Küche und ein oder zwei Kammern. Familie Fischel Fischbein und andere wohnten ab 1892 im oberen Stock zur Miete.

J.E. Poritzky berichtet in dem autobiografischen Werk „Meine Hölle“ (1906):

„Der Vater verdiente fast nichts; die Mutter quälte sich mit einer Gänsemästerei ab. [...] Das Leben hatte ihm stark zugesetzt und da er eine Natur war, die sich niemals aussprechen konnte — er war verschlossen wie die Cassette eines Geizigen — lagerte sich alle Bitterniß auf dem Grunde seines Herzens ab und machte einen Polterer aus ihm, einen Vesuv, in dem es beständig rumort und der nur einer kleinen Erschütterung bedarf, um gleich Feuer zu speien und seine Umgebung zu verheeren. [...] Er litt unter seinem Mangel an Geschick Geld zu verdienen und anstatt einem sicheren, wenn auch geringen Gewinn nachzugehen, saß er da und schmiedete große Pläne und ging unter die Erfinder, die kein Geld haben. Er stellte dem Gelde tausend Fallen, aber er konnte es in keiner fangen. Und er haßte es, weil er es lieben mußte. Wenn er aber Geld in der Tasche hatte, dann war er wie der Löwe, wenn er satt ist und schläft.“

Seine eigene Erziehung schildert er aufs Äußerste zugespitzt so:

„Am Vormittag in der christlichen Schule: Chemie, Physik, Mathematik, Zoologie, Botanik;
Nachmittags: Geisterglaube, Studium jüdischer prähistorischer Gesetze, Psalmengesinge und hündisch devote Gebete an einen persönlichen Gott, den man verabscheute.“

Das Kind begann früh mit Märchenbüchern, ja las bald alles Erreichbare auf Deutsch, statt, wie vom Vater verlangt, nur die heiligen Bücher zu studieren.

„Ich muß noch erzählen, daß ich die Märchen nur in jenem Raume las, der dem Deus crepitus geweiht ist, in einem dörfischen Abort ohne Wasserabguß, wo es athembeklemmend stank und wo mir die Mücken, trotz Wehren und Sträuben unablässig ins Gesicht flogen. Denn in der Wohnstube durfte ich nie lesen. Dafür stellte ich aber die Geduld der Bedrängten auf harte Proben und ließ sie oft vier, fünf Mal pochen, indeß ich glückfiebernd weiter las. Ehe ich mein pestendes Kämmerchen verließ, schob ich das Buch unter meine Weste, daß man es nicht entdecken konnte. Man fragte mich, warum ich so oft und so lange in jenem Häuschen säße; ich mußte wieder lügen, beständig lügen, entschuldigte mich mit »Durchfall« und war dann gezwungen, mehrere Tassen eines widerlichen stopfenden Getränks zu leeren. So oft ich meiner Heuchelei wegen diese Medizin einnehmen mußte, roch ich aus dem Munde wie ein Wiedehopf und verfluchte mein Leben und meine Peiniger. Wenn der Vater mich mit einem deutschen Buche betraf, riß er es mir aus der Hand und verbrannte es meist oder er zerrupfte es wohl auch in seine einzelnen Bogen und schnitt es für den Closettgebrauch zurecht.“

Die Schule in Karlsruhe beendete der Junge mit 15 Jahren:

„Ich war hartnäckig genug, meine Naturfreude an der Rose nicht für eine richtige Deklination einzutauschen, und verließ natürlich die Kinderkaserne mit einem sehr schlechten Zeugniß.“

Psychologisches Beobachten und Beschreiben und das Theater interessierten ihn früh; sein frühestes erhaltenes Werk ist ein Schauspiel in drei Akten mit dem Titel Priska, das der 14-jährige zwischen Mai und Oktober 1890 verfasste. Dieses und andere Manuskripte sind in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt.

Nachdem er vor dem Antritt einer Lehrstelle in Holland im letzten Moment umgekehrt war, absolvierte er seine kaufmännische Lehrzeit in der Textilhandlung David Veit & Co., Lange Str. 122 in Karlsruhe, und zwar wegen schneller Auffassungsgabe verkürzt auf ein Jahr.
Ein in dieser Zeit entstandenes Manuskript „Freisinn und Fanatismus. Wiedergekaut von J.E.P.“ (1892), liegt im Stadtarchiv Karlsruhe vor, es ist auf Geschäftspapier der Firma Veit geschrieben. Weiter aus „Meine Hölle“:

„Nunmehr war ich Kaufmann und Dichter in einer Person, und mit Shakespeare um die Palme zu ringen, schien mir keineswegs so kühn. Diesen Concurrenzkampf mußte ich aber auf spätere Jahre hinausschieben, denn inzwischen hatte ich Flanellhemden zu verkaufen und Unterhosen, System Jäger. Krank und verbraucht verließ ich endlich diese Stelle und gründete mit einem älteren Bruder ein Geschäft. Als es in kurzer Zeit blühte, trat ich, dem ältesten Bruder den Futtertrog überlassend, aus und wurde Schreiber bei einem Advokaten. Aber auch das gab ich bald auf und wanderte nunmehr ohne Kompaß von einer Stadt in die andere, von einem Dörfchen ins andere. Wie der Strohhalm im trüben Bache lebte ich – hierhin trieb mich's und dorthin – und um mich war Unruhe und Schmutz. Ich ging von einer Branche zur anderen über, versuchte mich schauspielerisch und wieder dichterisch, vertrödelte meine Jugendjahre in unsteter Zügellosigkeit, um endlich müd und gebrochen in Frankfurt am Main zu landen, wo ich nun vor der Wahl stand, mich zu erschießen, oder besser, zu ertränken, weil das billiger war […] Ich bemühte mich vergebens vom Sonnenaufgang bis zum Abend als Abschreiber, Mundharmonikaverkäufer, Lampendochtreisender, Coupletsänger, um mich über Wasser zu halten.“

Mit 17 Jahren erfuhr er, dass die bereits asthmakranke Mutter nun erblindet war. Er reiste nach Paris, um Geld für die notwendige Behandlung der Mutter zu verdienen und ein Studium aufzunehmen, scheiterte aber und zog weiter nach Berlin, wo er ab 1894 unter Schwierigkeiten sechs Semester an der Universität in den philosophischen und medizinischen Fakultäten studierte, obwohl es sehr an Geld mangelte. Zwei weitere Semester konnte er überhaupt nicht mehr die Gebühren aufbringen, d.h. nur noch als geduldeter Gasthörer studieren. Er hielt sich viel in der Anatomie auf, was er später auch literarisch verarbeitete. Daneben bemühte er sich um wissenschaftlichen Austausch, so suchte er Ernst Haeckel in Jena auf und freundete sich mit ihm an.

1894 erschien als Poritzkys erste gedruckte Arbeit das Trauerspiel „Bolko“.
Seine auch zu Studienzeiten verfasste Studie „Julien Offray de Lammettrie: sein Leben und seine Werke“ (Berlin, 1900) war ursprünglich als Doktorarbeit geplant, es kam aber nicht zur Promotion.

1895 unterschrieb der junge Mann noch mit „Is. Poritzky“, also Isak. Der Name, unter dem er nun allmählich in der literarischen Welt hervortrat, war hingegen „Jakob Elias“ Poritzky, kurz „J.E.P.“. Das ist vielleicht als legitime Selbststilisierung des Schriftstellers zu verstehen, durch die er zudem dem damals geläufigen Schimpfnamen „Itzig“ entgehen konnte.

Helene Orzolkowski, verheiratete Poritzky
Spätestens Anfang 1895 hatte Jakob Elias Poritzky die zwei Jahre ältere Helene Orzolkowski kennen gelernt, denn seiner „Bobinka“ (russ. etwa: „Mädchen, Fräulein“) widmete er im April 1895 handschriftlich ein (erhaltenes) Exemplar seines Jugendwerks „Priska“, sowie im selben Jahr das Gedicht „Die kleine Waise“ mit den Worten „meinem kleinen Lenchen Orzolkowsky gewidmet“. Die Gedichtsammlung „Lieder“ schenkte er ihr zum Geburtstag im Januar 1896, „ein Jahr“ nach seinem „zarten Geständnis“.

Wer war sie? Helene Orzolkowski (russisch: Orzolkowska, das z vermutlich -tsch- gesprochen) wurde am 10. Januar 1874 in Lessen, Regierungsbezirk Marienwerder, Kreis Graudenz, Westpreußen als Tochter des Kantors Aron Orzolkowski und seiner Ehefrau Rivka geboren. Wir wissen von Helenes zwei älteren Schwestern Henriette Ester (Rachel), geb. 18. Juli 1870 und Jenny Deborah, geb. 15. Dezember 1868, beide in Wirballen.
Diese Stadt (litauisch Virbalis, russisch Verzhbelov) im Bezirk Suwalk im damals russischen Litauen lag an der Bahnstrecke Petersburg-Berlin. Beide Orte gehören heute zu Polen.

Helene hatte eine Töchterschule besucht und absolvierte „musikalische Studien in Berlin und anderen Orten“. Sie war vermutlich Pianistin und veröffentlichte mehrere Lyrikbände: „Gedichte“ (1896); „Gedichte“ (1897); „Einsame Straße; Gedichte“ (1898 im vermutlich eigenen Verlag für Lyrik, Berlin, Zehdenicker Str. 11) und schließlich „Skizzen“ (1898).

Den Band „Einsame Straße“ und mehrere Gedichte darin widmete sie ihren verstorbenen Eltern. Die Sammlung enthält keinerlei Bezüge zum Judentum, dafür etliche christliche Motive. Ein Gedicht schildert den Spirding-See (polnisch: Śniardwy), den größten der masurischen Seen im damaligen Ostpreußen. Er liegt etwa auf der Mitte zwischen dem Geburtsort der Schwestern, Wirballen und ihrem eigenen, Lessen.

Helenes Schwestern Henriette, von Beruf Schneiderin, und Jenny, Näherin, wohnten laut Adressbuch ab etwa 1893 im Norden Berlins, zunächst in der Hirtenstraße und ab 1895 in der Christinenstr. 6.I. Jakob Elias Poritzky war ab 1896 ebenfalls dort verzeichnet; Helene und ihr Lebensgefährte werden zum selben Haushalt gehört haben.

Die 28-jährige Jenny Orzolkowski reiste 1896 an Bord des Dampfers „MS Italia“ von Hamburg nach New York, wo sie am 9. März in Ellis Island landete, mit dem Bestimmungsziel Chicago, IL. Auf der Passagierliste ist ihr geplanter Status angegeben mit „Protracted Sojourn“ (längerer Aufenthalt). Ob eine Heirat geplant war?

1898 nennt das Adressbuch „Frl. Jenny Orzolkowski, Näherin“, aus USA zurück, wieder in der Zehdenicker Str. 2 und Jakob Elias Poritzky laut „Kürschners Deutschem Literaturkalender“ (1898) an der gleichen Adresse, „bis 1.4., dann unbestimmt“.
Offenbar wohnten Jakob Elias und Helene auch hier mit den Schwestern zusammen. Denkbar, dass Helene den beiden älteren, die ja als Näherinnen bzw. Schneiderinnen arbeiteten, den Haushalt besorgte.

Nach zwei Umzügen innerhalb derselben Straße finden wir 1900/01 „Henriette Orzolkowski, Schneiderin“ als Haushaltsvorstand, sicherlich zusammen mit Schwestern und Anhang, in der Zehdenicker Str. 12.IV, wieder in einem Mietshaus im Berliner Norden.

Am 1. Oktober 1901 heirateten Jsak (Jakob Elias) und Helene standesamtlich in Berlin; am 24. August 1902 wurde in Berlin ihre einzige Tochter Ruth Rebekka geboren.

Die Geschichte von Helene und Jakob Elias Poritzkys Tochter Ruth ist in einem eigenen Beitrag ausführlich dargestellt.

Im Geburtsjahr der Tochter bringt „Kürschners Deutscher Literatur-Kalender“ erstmals einen Eintrag für Jakob Elias Poritzky mit Frau Helene in Berlin NW 23, Schleswiger Ufer 16, Gartenhaus I, 3-4. Henriette und Jenny blieben bis etwa 1908 in der Zehdenicker Str. 12.IV wohnen, danach werden sie im Adressbuch nicht mehr aufgeführt, was vielleicht bedeutet, dass sie wieder mit Schwester und Schwager im Haushalt lebten, wie später auch in Karlsruhe.

Schriftstellerei und Bühne
Ab Mitte der 1890er Jahre veröffentlichte J.E.P. zahlreiche Novellen und Essays, Kritiken und Rezensionen in Zeitungen, literaturwissenschaftliche und philosophische Arbeiten, teils düstere, fantastische Texte, teils Sozialkritik und Satire. Es gibt Lyrik, Theaterstücke und persönliche Erinnerungen. Es finden sich atheistische, anarchistische und tiefreligiöse Texte.

Am 15. September 1896 erschien von ihm in der orthodoxen Zeitung „Der Israelit“ unter dem Autoren-Kürzel „P“ ein Gedicht: „Zwei Bilder. Meinen theuren Eltern gewidmet“, in dem er Vater und Mutter als tief in der Tradition verwurzelt darstellt: „Sie ist arm, und doch versteht sie / Einen Schabbes herzurichten“; „Überm Thillim und Mischnajes / Bringt er hin die ganzen Stunden“. Die Mutter arbeitet fromm und selbstlos für das Wohl der Ihren, der Vater geht ganz im Studium der Psalmen und talmudischer Probleme auf. Der Text kann als etwas sentimentales Lob des gesetzestreuen Lebens gelesen werden, aber auch als leise Distanzierung davon.

Im selben Jahr erschien bei Reclam „Keinen Kadosch wird man sagen“, eine Genreschilderung aus dem „ostjüdischen“ Ghetto. Das Buch ist der „lieben Schwester Therese“ gewidmet. Dem Ich-Erzähler sind offensichtlich Elemente aus J.E.P.s eigener Herkunftsfamilie und der seiner Frau einverleibt, versetzt mit zahlreichen „Jargon“-Ausdrücken und naturalistischen Milieuschilderungen, aber ohne konkrete zeitliche und räumliche Bezüge. Trotz belegbarer Details z.B. über die Mutter des Autors ist das Buch nicht als Schlüsseltext zu betrachten.
Am 22. Dezember 1898 erschien ein weiterer – diesmal namentlich gezeichneter – Beitrag von J.E. Poritzky im „Israelit“ unter dem Titel „Meier Ettlinger (Ein Denkmal)“.

„Ein […] Held, von dem man nie sprach und der doch im reinsten Sinne des Wortes ein Held war, ist Meier Ettlinger gewesen.
[…]
Wir saßen auf einer Bank im Schloßgarten zu K. und aßen unser Frühstück und unterhielten uns. Er nahm aus meinem Gespräch wahr, daß ich mich auf dem besten Weg befand, ein Atheist zu werden. In welches Feuer gerieth nun dieser graubärtige Mann. Er schimpfte nicht und fluchte nicht, er ereiferte sich auch nicht; mit der ganzen Gewalt aber seines ehernen Glaubens senkte er Tropfen um Tropfen einer balsamischen Liebe in mein empfängliches Gemüth, eine unerschütterliche Liebe für das Judenthum und ein tiefes Mitleid für die Juden. Er […] wußte mir begreiflich zu machen, daß ich etwas Unerreichbares verlieren wollte. Damals im Schloßgarten zu K. war er mein Vater.“

Das Grab von Maier A. Ettlinger (gest. 1893) ist auf dem Karlsruher orthodoxen Friedhof an der Kriegsstraße zu finden. Die persönliche Erinnerung ist m.E. als Plädoyer gegen den rigiden Erziehungsstil des Cheder und für eine moderne jüdische Erziehung zu lesen, was unter den „Israeliten“ der Austrittsbewegung durchaus ein Thema war.

Zu Karlsruhe behielt J.E.P. auch sonst einen inneren Bezug. So schilderte er in der Zeitschrift „Ost und West“ vom 3. März 1911 in dem Artikel „Die Versteinerten“ legendenhaft die Ereignisse um die Aufhebung des Alten Jüdischen Friedhofs am Rüppurrer Tor im Jahr 1898.

Um die Jahrhundertwende knüpfte J.E.P. Freundschaften mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und suchte intensiv nach Anschluss zu literarischen Kreisen. So antwortete ihm Rainer Maria Rilke aus Goisern bei Ischl sehr anteilnehmend und widmete ihm ein Gedicht, überliefert in Rilkes Briefwechsel in der Harvard University. Zu den Freunden gehörte der Zola-Übersetzer und Kritiker Leo Berg (1862-1908), der damals durch sein Buch „Nächte. Gassen- und Giebel¬geschichten“ bekannte Autor und Theatermann Kurt Geucke (1864-1941) und der impressionistische dänische Maler Jens Birkholm (1869-1915). Im Kreis der literarischen und philosophischen Avantgarde des Nollendorf-Casinos in der Berliner Kleiststraße begegnete J.E.P. auch Rudolf Steiner und Else Lasker-Schüler.

Das 1902 erschienene, auch ins Russische übersetzte Werk Heine, Dostojewskij, Gorkij. Essays enthält die gedruckte Widmung „dem Privatdozenten Dr. Fritz Stier-Somlo in Hochachtung und Liebe“. Ähnlich das 1909 erschienene „Shakespeares Hexen. Ein historisches Kulturbild“ mit der Zueignung: „Professor Dr. Fritz Stier-Somlo in Bonn in alter Treue“. Der Jurist Fritz Stier-Somlo (1873-1932), getaufter Sohn eines Rabbiners, war offenbar ein Freund J.E.P.s aus gemeinsamen Studienzeiten in Berlin.

In dem 1921 erschienenen Buch „Dämonische Dichter“ findet sich die gedruckte Zueignung an „Meinem lieben Loe / Dr. B. W. Lowbury“, einem aus Litauen stammenden, englischen Naturwissenschaftler, dessen Name aus „Löwenberg“ anglisiert worden war.

Artikel für das „Berliner Tageblatt“ machen den Hauptanteil von Poritzkys kleineren Arbeiten aus. Chefredakteur dieser Zeitung aus dem Verlagshaus Mosse war Theodor Wolff, ein wichtiger Vertreter einer nicht-zionistischen Haltung, die im Sinne des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ für die Verwurzelung der jüdischen Deutschen in diesem Land eintrat.

Am 22. Februar 1906 starb in Karlsruhe der Vater Abraham Jakob im Alter von 71 Jahren.
Noch im selben Jahr erschien in Berlin als schroffe Abrechnung mit dem toten Vater der bereits zitierte autobiografische Text „Meine Hölle“ (verfasst bereits im Jahr 1900).

Ebenfalls 1906 war es, dass sich J.E.P. an die Schiller-Stiftung in Weimar mit einem Antrag auf Unterstützung wandte. Seit 1904 habe die Familie Mietschulden, und er sei „Opfer betrügerischer Verlage“ geworden. Dieser Brief liegt im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar. Es ist unklar, ob eine Unterstützung bewilligt wurde.

1908 wurde am Hoftheater in Karlsruhe das Stück „Die Glücklichen“ aufgeführt; sein Autor J.E. Poritzky wohnte der Premiere bei. Dies war mit Sicherheit ein Lichtblick für den nicht allzu sehr vom Erfolg Verwöhnten. Zwei Szenenfotos daraus sind im Stadtarchiv Karlsruhe erhalten.

Am 12. April 1909 starb die geliebte und immer – auch in dem Buch „Meine Hölle“ – in wärmsten Worten erwähnte Mutter im Alter von 74 Jahren. Sie wurde wie ihr Mann auf dem orthodoxen Teil des Neuen Friedhofs am Rintheimer Feld begraben. Im Sterberegister lesen wir, dass ihr Sohn Scheftel beim Standesamt den Todesfall anzeigte.

Das Haus Waldhornstr. 42 ging nach ihrem Tod an „Jakob Poritzkys Erben“ − wohl Scheftels Familie − über und verfiel zusehends. Es wurde von Tagelöhnern und Sinti bewohnt (die Familien Weiß, Reinhardt und Lehmann werden in Akten genannt). Der Brunnen wurde auf behördliche Anordnung als ungeeignet für Trinkwasser gesperrt. 1922 wurde das Häuschen verkauft (und später im Krieg zerstört).

Die Einträge im Berliner Adressbuch schwanken. Meistens lautet der Eintrag: „Poritzky, J. E. Dr., Schriftsteller“. 1909 heißt es „Poritzky, E., Dr. phil., Schriftsteller“, 1910 aber auch – ganz nüchtern – Poritzky, Isak, Schriftsteller, nun aber mit zwei Adressen: NW 21 (d.h. Tiergarten), Bochumer Str. 19, Gartenhaus II und Wilmersdorf, Gieselerstr. 21. „Kürschners Deutscher Literatur-Kalender“ führt Helene Poritzky bis 1913 in der Bochumer Str. 19, dann im Postbezirk NW, Dortmunder Str. 9, ihren Mann aber durchgängig bis 1915 in Wilmersdorf.

Bei der Adresse im aufstrebend bürgerlichen Wilmersdorf ist von einem gewissen gesellschaftlichen Aufstieg der Familie auszugehen, der mit der Zeit zusammenfällt, als J.E.P. zwischen 1911 und 1914 bei den Meinhard-Bernauerschen Bühnen („Berliner Theater“) als Dramaturg tätig war.

Für die deutschen Romantiker hatte er offenbar ein besonderes Faible, so brachte er 1913 Ernst Moritz Arndts „Märchen und Jugenderinnerungen“ heraus, die er der damaligen Zeit entsprechend psychologisierend deutete.

Unter (fast) allgemeinem Jubel brach der Weltkrieg aus. In den ersten Tagen der Mobilmachung meldete sich J.E.P. als Kriegsfreiwilliger, wurde aber abgelehnt. Damit zerschlug sich auch seine Hoffnung, durch den Militärdienst die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Das war ein herber Rückschlag: „Im Juli 1914 habe ich die Feder aus der Hand gelegt, um sie bis zum Jahre 1920 nicht mehr anzurühren“, so vermerkte der Autor später.

Noch während seiner Arbeit an den Meinhard-Bernauerschen Bühnen erhielt J.E.P. 1915 einen Vertrag mit dem Großherzoglich Badischen Hoftheater in Karlsruhe als Dramaturg, d.h. er hatte eingereichte Manuskripte zu lesen und war Spielleiter mit „Verpflichtung zur Regietätigkeit“. Im August 1915 beantragte er – als russischer Staatsbürger, der er geblieben war – bei der Berliner Kommandantur einen Reisepass und zog nach Karlsruhe um, wo er die Wohnung Eisenlohrstr. 22 II (1. OG) in der Weststadt mietete.

Seine erste Arbeit war, die zeitgenössische Verstragödie „Brand“ von Henrik Ibsen zu inszenieren. Am 25. September war Premiere. Es folgten:

• im November „Karinta von Orrelanden“ von Franz Dülberg,
• im selben Monat der Schwank „Herrschaftlicher Diener gesucht“ von Eugen Burg und Louis Taufstein;
• als Wiederaufnahme im Dezember „Herodes und Mariamne“ von Friedrich Hebbel;
• im Januar 1916 gab es den „Ersten historischen Lustspielabend“ mit: „Der Bauer im Fegefeuer“, Fastnachtsspiel (Hans Sachs); „Die ehrlich Bäckerin mit ihren drei vermeinten Liebsten“, ein Possenspiel (Jacobus Ayrer); „Die geliebte Dornrose“, Scherzspiel (Andreas Gryphius); „Die ehrliche Frau Schlampampe“, Lustspiel (Christian Reuter). Mit diesem Programm gastierte das Hoftheater im Februar auch in Heidelberg;
• ein weiterer Lustspielabend folgte im Februar mit dem „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ von Goethe;
• im selben Monat „Die versunkene Glocke“ von Gerhart Hauptmann;
• die nächste Inszenierung war „Vasantasena, ein Schauspiel [...] nach dem Indischen des Königs Sudraka“ von Lion Feuchtwanger;
• im Mai gab es „Die Prinzessin und die ganze Welt“, eine Filmkomödie von Edgar Höyer aus dem Dänischen;
• im Juni dann das ganz aktuelle Stück „Die Troerinnen des Euripides“ von Franz Werfel.

Die sehr hoffnungsvoll begonnene Zeit an einer renommierten Bühne – der Kritiker Paul Lindau und der Schriftsteller Carl Hauptmann hatten Poritzkys Anstellung in Empfehlungsschreiben unterstützt – stand aber nicht unter einem glücklichen Stern.

Konflikte um Rechte und Ansprüche, peinliche Auseinandersetzungen um das unberechtigte Führen des Doktortitels, ja sogar seine fehlende deutsche Staatsangehörigkeit wurden dem jungen Theatermann offensichtlich zum Verhängnis. Er beteuerte seine tiefe Verbundenheit mit der deutschen Kultur und dass er praktisch sein ganzes Leben in Deutschland gelebt habe, erlitt aber in der damaligen Atmosphäre des Hurra-Patriotismus giftige Angriffe von einem Zeitungskritiker. Ein Auflösungsvertrag mit einer gewissen Abfindung wurde ihm nahe gelegt. Fritz Engel vom Berliner Tageblatt setzte sich 1916 noch in einem Brief an die Karlsruher Intendanz für ihn ein. Im Januar 1917 kehrte J.E.P. gedemütigt und in finanzieller Not ohne Frau und Tochter zurück nach Berlin.

Zunächst arbeitete er dort offenbar für das Kino: „Er soll dein Herr sein“ (1918, mit Gertrude Welcker, Drehbuch J.E.P.) und „Sündiges Blut“ (1919, mit Otto Gebühr; Vorlage J.E.P.) entstanden in dieser Zeit. Regisseur dieser Stummfilme war Max Mack (eigentlich: Moritz Myrthenzweig, 1884-1973). Beide Werke gehören vermutlich zu den damals höchst populären „Sittenfilmen“ und waren reine Unterhaltung.

Bald konnte er in Berlin als literarischer Leiter bzw. Lektor bei dem Musikalienverlag Drei Masken Fuß fassen. Das von Ludwig Friedmann gegründete Unternehmen verlegte Opern-, Operetten-, Tanz- und Schlagermusik, Bücher über Musik – und eben auch Unterhaltungsliteratur. So erschien dort, für die Bühnen als Manuskript gedruckt, sein Stück „Über Nacht. Ein Drama in vier Akten“ (1925).

Von 1918 bis 1930 war J.E.P. zwar (meist als Regisseur oder als Schriftsteller) weiter im Karlsruher Adressbuch aufgeführt, lebte aber offenbar in Berlin.

Spätwerk
Ab Mitte der Zwanziger Jahren ist J.E.P. fast nur noch durch seine literarische Arbeit belegt. So erschienen jetzt z.B.:

„Die unsichtbare Kraft“ (1925); „Franz Hemsterhuis : Seine Philosophie u. ihr Einfluss auf d. deutschen Romantiker; Eine Monographie“ (1926); „Melancholie. Roman“ (1927); „Imago mundi : Von der Liebe, vom Luxus und von anderen Leidenschaften“ (1928 in 5. Auflage).

Zwischen 1926 und September 1932 sind von Poritzky 35 z.T. mehrteilige Radioprogramme belegt, die auf Funk-Stunde Berlin, Mitteldeutschem Rundfunk Leipzig und Deutscher Welle gesendet wurden. Einige waren Lesungen, andere scheinen feuilletonistisch oder ausgesprochene Jugendsendungen gewesen zu sein. Einige Beispiele:

• „Die Frau als Künstlerin“ (FST Berlin, 30.12.1927)
• „Das Gefühl der Heimat“ (FST Berlin, 26.4.1929)
• „Die Ethik des Spiegels“ (MIRAG Leipzig, 24.8.1930, an Ruths Geburtstag)
• „Schein und Wirklichkeit auf der Bühne“ (FST Berlin, 30.9.1930)
• „Einsamkeit in der Großstadt. Plauderei“ (FST Berlin, 17.11.1930)
• „J.E. Poritzky liest eigene Skizzen“ (FST Berlin, 1.9.1932)

Etwa 1931-33 wohnte er in Berlin-Wilmersdorf, Sächsische Str. 37a, später in der Paulsborner Str. 1. Einige undatierte Manuskripte im Stadtarchiv Karlsruhe – darunter finden sich Berliner Milieuschilderungen: „In der Bar“, „Die Jule“, „Brot“ neben „Das Märchen in der Weltliteratur“ und „Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow“ – sind mit der Adresse „J.E. Poritzky, Berlin-Wilmersdorf, Sächsische Str. 37a“ versehen, die Anschrift aber von Hand durchgestrichen und mit „Karlsruhe, Eisenlohrstr. 22 II“ überschrieben. Der Schluss liegt nahe, dass der inzwischen Erkrankte nun zeitweilig in Karlsruhe bei seiner Familie wohnte. Andererseits heißt es in einem 1935 datierten Dokument der Jüdischen Gemeinde Berlin über das Ehepaar Poritzky: „Leben getrennt“.

J.E.P.s letzte mir bekannte Veröffentlichung ist die anfangs zitierte autobiographische „Groteske“ mit dem Titel „Gastfreundschaft in Lomsa“, die am 1. November 1934 in der „Jüdischen Bibliothek, Unterhaltungsbeilage zum Israelitischen Familienblatt“ erschien.

Die letzten Wochen oder Monate seines Lebens verbrachte er in der von Hermann Oppenheim gegründeten Privatklinik „Hygiea“ in der Augsburger Str. 66 in Berlin-Wilmersdorf. Belegt ist, dass er bei Dr. Ernst Rachwalsky in Behandlung war und nach langer Krankheit einem Gallensteinleiden erlag.

Am 1. Februar 1935 starb Jakob Elias (Isak) Poritzky in Berlin. Er wurde am 4. Februar auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. Am Grab betete ein Kantor „El male rachamim“.

Am 6. März las Helene Poritzky im Lehrhaus in der Kronenstraße 15 im Rahmen des „Vereins für jüdische Geschichte und Literatur“ zum Gedenken an den Verstorbenen aus dessen Werken.
Die wohlwollende Kritik des Abends von „K.D.“, d.h. vermutlich Karoline Dreyfuß, im Gemeindeblatt vom 13. März 1935 endet:

[…] Mit tiefempfundenen Worten des Dankes beschloß Rabb. Dr. Schiff den Abend.
Die Buchhandlung Bielefeld veranstaltete eine Ausstellung der Werke S.E. Poritzkys […]

R.P. Mainländer (vielleicht ein Pseudonym) erzählte im März des selben Jahres in einem Nachruf in der Zeitschrift „Der Morgen“, Heft 12, 1935, Poritzky habe sich für seine sozialkritischen Berichte in der „Verkleidung als 'Tippelbruder'“ in der „Nacht- und Elendwelt der Berliner Asylisten“ wohl überstrapaziert; „mehrmals wurde der Unentwegte von der Heilsarmee aufgegriffen“.

Die oben erwähnte Erzählung „Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow“ wurde im November 1935 „aus dem Nachlass“ in derselben Zeitschrift abgedruckt.

Therese Färber-Gutel geb. Poritzky
Die Familie von Jakob Elias' Schwager, dem Wanderrabbiner, Kantor und Schochet Abraham Abel Färber-Gutel, geboren um 1863 im litauischen Tauroggen und seiner Frau Therese geb. Poritzky lebte in den 1920er Jahren in Hamburg. Alle drei Jahre etwa wechselte Rabbi Gutel die Stellen. 1923 wanderten er und seine Töchter Irma Mirjam Deborah (geb. 1903 in Malsch) und Rachel (geb. um 1900 in Tragny bei Metz) von Hamburg über den üblichen Hafen New York (Ellis Island) nach Kansas City, MO, aus.

Die Mutter, der Sohn Leopold und ein weiterer Sohn, Jakob, blieben zunächst in Hamburg, Schlachterstr. 46. Kontaktadresse Iin Kansas City war Rubin Kram und seine Frau Rahel, Abel Gutels Schwester. Therese Gutel mit den beiden Söhnen zog zu einem späteren Zeitpunkt ebenfalls nach Amerika nach.
Rabbi Leopold Gutel wurde um 1942 in Lake Placid, N.Y. von Rechtsextremisten durch eine Autobombe ermordet, nachdem er deren Angriffe auf eine Synagoge, bei denen rituelle Gegenstände zerstört worden waren, öffentlich kritisiert hatte. Therese Gutel geb. Poritzky starb 1945 in Kansas City.

Scheftel und Auguste Poritzky
Um 1893 erscheint erstmals Isaks ältester Bruder Scheftel Poritzky, Kaufmann, im Adressbuch und in den Bauakten in Karlsruhe. Um 1896/97 erwarb der Enddreißiger das fünfstöckige Mietshaus Waldhornstr. 62, wohnte dort mit seiner Familie parterre und betrieb einen „Manufakturwarenladen“. Ab 1904 hieß das Geschäft „Manufaktur- und Kolonialwaren“. Die Tafel am Geschäft auf einem undatierten Foto im Stadtarchiv Karlsruhe (um 1910) lautet: „Colonialwaren Kaffee Thee Scheftel Poritzky“. Über der Tür dazu ein Schild der bekannten Kaffeerösterei „A. Zuntz sel. Witwe“.

Mieter im Haus Waldhornstr. 62 waren zeitweise: Jakob Neger, Kaufmann; Hirsch Nelken, Kaufmann; Eisig Friedmann, Kaufmann; Abraham Silberberg, Reisender; Israel Manaster.

Ab 1908 kam im Adressbuch zu Scheftel Poritzkys Eintrag („Kolonialwaren“) der Zusatz neu hinzu: „Hebräische Buchhandlung Isak Schloß Nachfolger“. Der Buch- und Ritualienhändler Isaak Rabbinowitz in der Karl-Friedrich-Str. 16 hatte ein ähnliches Angebot. Der erwähnte Isak Schloß war laut Adressbuch „Kalligraph“ mit Sitz in der Zähringerstraße. Ein solcher Sofer (sprich: ssoffér) schreibt unter rabbinischer Aufsicht von Hand Torahrollen, Mesusot sowie Tefillin. Die Texte werden mit einer Vogelfeder und spezieller Tinte geschrieben. Der Beschreibstoff ist aus Rind-, Schafs- oder Ziegenhaut gefertigtes Pergament. Die hebräischen Texte müssen fehlerfrei von einer Vorlage kopiert werden. Ob es in Karlsruhe nach Schloß' Tod noch einen Sofer gab, oder diese Arbeiten auswärts gemacht wurden, ist noch nicht bekannt.

1924 druckte der Israelit diese Werbeanzeige:

S. Poritzky * Karlsruhe
Hebr. Buchhandlung Waldhornstr. 62
offeriert zu billigsten Preisen sämtl.
Gebet- und Lehrbücher :: Anfertigung
v. kompl. Sargenes besond. günstig
Preiswerte 1a Talesim, Tefilin, Mesuses usw.
Esrogim, Lulawim, Hadasim
Für Private u. Wiederverkäufer bill. u. beste Bezugsquelle.

Sargenes sind Leichenhemden, die auch bei bestimmten anderen Gelegenheiten getragen werden, so an Jom Kippur. Der Talles (Tallit) ist der Gebetsumhang für das Morgengebet; Tefillin sind die Gebetsriemen und die zugehörige Kapsel, die am linken Arm und an der Stirn befestigt werden; Mesuses (Mesusot) sind die traditionellen Schriftkapseln für den Türpfosten; Esrogim (Etrogim), Lulawim, Hadassim sind – neben den hier nicht aufgeführten Bachweidenzweigen (Arawot) – wichtige Utensilien für das Laubhüttenfest: eine Art Zitrone, Zweige der Dattelpalme und Myrtenzweige.

Scheftel Poritzky und seine Frau Auguste, gebürtige Wertheimer. geb. am 11. Juli 1856 in Diedelsheim, waren die Eltern von

• Betty, geboren am 28. Juni 1890 in Schönsee bei Briesen, Westpreußen, heute Kowalewo Pomorskie, Polen, verheiratete Lipsker (siehe Beitrag Betty und Efraim Lipsker im Gedenkbuch)
• Isidor geboren um 1891 in Schönsee; gefallen als Infanterist in Frankreich am 26. August 1914
• Jonas, geboren am 7. November 1894 in Karlsruhe
• Leopold (Geburtsdaten unbekannt)

Am 11. Januar 1918 starb Scheftel (Schabtai) Poritzky im Alter von 63 Jahren in Karlsruhe. Angezeigt wurde sein Tod durch seinen Sohn Leopold Friedrich Poritzky, Hamburg, „z.Z. Landsturmmann“. 1921 meldete der „Israelit“ dessen Eheschließung mit Sophie Sorkow aus Stolp in Pommern.

Im Adressbuch 1920 wird das Geschäft „Poritzky, Scheftel (Auguste) Kfm-Wwe“ in der Waldhornstr. 62 mit dem Zusatz aufgeführt: „Prokura: Betty Poritzky“; die 30-jährige Tochter hatte sicherlich schon zuvor dort im Laden gearbeitet.

Deportation und Tod

Bei der Volkszählung im Mai 1939 bereitete der NS-Staat mit Extra-Bögen für jüdische Haushalte die weitere Verfolgung vor, nachdem die Betroffenen schon seit Jahren mit Verboten, Auflagen und Sondersteuern drangsaliert worden waren. In der Eisenlohrstr. 22 II wurden erfasst: Helene Poritzky, ihre Tochter Ruth Rebekka und ihre beiden ledigen Schwestern Jenny Deborah und Henriette Ester Orzolkowski. Bei allen vier Namen steht der spätere Vermerk eines Nazibeamten: „Unbekannt abgewandert.“

Wie fast alle in Karlsruhe gebliebenen Jüdinnen und Juden wurden die vier Frauen am 22. Oktober 1940 während des Laubhüttenfests (Sukkot) überraschend in den Morgenstunden festgenommen, mit dem Befehl zur Abschiebung. Innerhalb von ein oder zwei Stunden mussten alle ihre Sachen packen (50 kg Gepäck war erlaubt, Proviant für mehrere Tage, 100 RM, keine weiteren Wertsachen). Die Festgenommenen wurden nach „Waffen, Munition, Sprengstoff, Gift, Devisen“ durchsucht und zum abgesperrten „Fürstenbahnhof“ im Ostflügel des Hauptbahnhofs verfrachtet. Die verstörten, teils verängstigten, teils wütenden Menschen, über 900 an der Zahl vom Baby bis zum Greis, mussten zunächst stundenlang auf dem Vorplatz und am abgesperrten Bahnsteig warten, dann ging die dreitägige Reise in einfachen Personenwaggons Richtung Süden. Nach vielen Halten und noch immer im Unklaren über das Ziel erreichten die Passagiere am Freitag, dem 25. Oktober im strömenden Regen den Bahnhof Oloron-St. Marie im Departement Pyrénées-Atlantiques. Der Ort lag im von den Deutschen noch unbesetzten Süden Frankreichs. Lastwagen brachten die Deportierten in das „Camp de Gurs“, ein riesiges, absolut tristes Barackenlager, in dem auch Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs untergebracht waren. In 13 „Ilots“ beiderseits der langen Lagerstraße standen jeweils 25-27 weitgehend leere Baracken, ohne Fenster, nur mit Luftklappen versehen. Vom Regen aufgeweicht, war das abseits der Hauptstraße zumeist unbefestigte Lager eine für Ältere und Kranke fast unpassierbare Schlammwüste. Es gab nur je eine Latrine pro Ilot. Jedes Ilot war mit Stacheldraht und französischem Wachposten von den übrigen separiert; außerdem waren die Frauen von den Männern getrennt, kleinere Kinder ausgenommen. Nur gegen Bestechung oder z.B. bei Begräbnissen war es zunächst möglich, in andere Teile des Lagers zu gelangen.

Erst nach einigen Wochen konnten Hilfsorganisationen die Versorgungslage verbessern, vor allem für die Kinder; später trafen auch von Angehörigen im Ausland Pakete ein, an denen sich allerdings die ansonsten eher desinteressierte französische Lagerverwaltung regelmäßig selbst bediente. Etwa 600 vor allem ältere Menschen starben in den ersten drei Monaten an Entbehrungen, Unterkühlung, Ruhr u.a. Den ersten Winter überstanden auch die beiden Frauen Orzolkowski nicht. So starb am 24. Dezember 1940 die ältere der beiden, Jenny; am 3. Januar 1941 auch ihre Schwester, Henriette. Auf dem Deportiertenfriedhof in Gurs wird ihrer gedacht.

Am 10. August 1942, nach fast zwei Jahren in Gurs, wurden Helene und Ruth – neben weiteren 107 Personen aus Karlsruhe, darunter Ruths erwähnter Kollegin Elsa Eis – nach Drancy bei Paris verfrachtet. Dieses Durchgangslager, ein abscheuliches, überfülltes Provisorium in einem 200x400 Meter großen Wohnblock, verließen sie am 12. August mit insgesamt 1007 überwiegend älteren Menschen im „18. RSHA-Transport“ Richtung Osten.

In der Sommerhitze, ohne ausreichendes Wasser und ohne Platz zum Schlafen in den etwa 20 Güterwaggons kamen sie am 14. August im oberschlesischen Auschwitz an der „Alten Rampe“ außerhalb der Stadt an und wurden in das einige Kilometer entfernte Lager Auschwitz II (Birkenau) geführt, Kranke und Gebrechliche zumeist per Lkw, alle anderen mussten zu Fuß gehen. Ihr Gepäck wurde den Eintreffenden komplett gestohlen.
62 Frauen und 233 Männer wurden desinfiziert, kahl geschoren und in das Lager eingewiesen, die übrigen sofort vergast und – nach dem Herausbrechen eventueller Goldzähne – in einem der gerade neu erbauten Krematorien von Häftlingen des „Sonderkommandos“ verbrannt, die Asche in nahe gelegene Gewässer geschüttet.

Helene und Ruth Poritzky waren nicht unter den Überlebenden.

Eine in den USA lebende Cousine, Irma, Tochter von Therese geb. Poritzky, hatte mit ihrem Mann Louis Freeman während des Krieges vergeblich versucht, ihre beste Freundin Ruth nach Amerika zu holen. Das Ehepaar Freeman benannte nach ihr eine 1940 geborene Tochter: Ruth.

Die Enkelinnen und Enkel von Therese Gutel-Poritzky und ihre Kindeskinder bewahren das Andenken der Familie; auch die Werke des schriftstellerisch begabten Großonkels sind unvergessen und werden auf Deutsch gelesen. Eine mit ihnen befreundete Germanistin in Oregon erarbeitet derzeit eine Dissertation über Jakob Elias Poritzky.

(Christoph Kalisch, April 2011)