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Ruth Poritzky, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Ruth Rebekka Poritzky (Porita (Künstlername))

Nachname: Poritzky
abweichender Nachname: Porita (Künstlername)
Vorname: Ruth Rebekka
Geburtsdatum: 24. August 1902
Geburtsort: Berlin (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Elias und Helene P.
Adresse: Eisenlohrstr. 22
Schule/Ausbildung: Höhere Mädchenschule
Beruf: Künstlerin (Komponistin)
Schauspielerin
Sängerin (Opernsängerin)
Musikerin (u.a. Harfenistin, Pianistin, Organistin)
Musiklehrerin
Stenotypistin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Ruth Poritzky alias Ruth Porita
Zugleich eine Hommage an den Schriftsteller Jakob Elias Poritzky


Die Familie
Die Poritzkys gehörten zu den frühesten jüdischen Zuwanderern aus Osteuropa in die damals noch beschauliche badische Residenzstadt Karlsruhe. 1876 verließen sie die Kleinstadt Lomża (das -z- gesprochen wie -j- in „Journal“), gelegen am Fluss Narew, 80 km westlich von Bialystok in Russisch Polen. Sie fanden eine bescheidene Bleibe in der Karlsruher Altstadt – dem „Dörfle“ – und schlossen sich den strenggläubigen Kreisen der damals noch jungen Austrittsbewegung an, die sich als „Israelitische Religionsgesellschaft“ nach Frankfurter Vorbild zunächst in Privathäusern und kleinen Betstuben versammelte.
Der Familienvater findet sich in den in Polen überlieferten Akten aus Lomża: Abram Jankiel Porycki, auch: Abraham Jakob Lejbowicz, geboren 1834. Der in Russland üblichen patronymischen Namensangabe nach war er also ein Sohn des Leib (oder Löb, Löw). Dieser Leib Boruchowicz (Sohn des Baruch) ist tatsächlich belegt, er starb bereits 1853; seine Frau Sara Szymszowna (Tochter des Shimshon) lebte bis 1885.

Abraham Jakob Porycki wuchs mit sieben Schwestern in Lomża auf. Er heiratete Szejna (Jenny) Rosenbaum, geboren um 1835, eine Tochter des Jona (Jonas) David Rosenbaum und der Miriam Deborah.
Das Ehepaar Abraham Jakob und Jenny Poritzky hatte mindestens vier Kinder, die in Lomża zur Welt kamen. Das älteste war offenbar der um 1855/56 geborene Shabtai (Scheftel), die vermutlich einzige, 1871 geborene Tochter hieß Therese, und der Jüngste war allem Anschein nach Isak (Itzhak Eliyahu), später: Jakob Elias, auf dessen Erzählungen diese Angaben in der Hauptsache fußen - auf seiner Autobiographie „Meine Hölle“, Berlin 1906 sowie der anekdotischen Geschichte „Gastfreundschaft in Lomsa“, in „Jüdische Bibliothek. Unterhaltungsbeilage“ vom 1. November 1934. In dieser fünfzig Jahre später verfassten, humorvollen Schilderung seiner Geburtsstadt lässt (nunmehr: Jakob Elias) Poritzky den Ich-Erzähler sich als „Jizchok-Elle, Enkel des berühmten Reb Jaune“ vorstellen. Damit würdigt er Jona(s) David Rosenbaum, seinen Großvater mütterlicherseits, der offenbar in chassidischen Kreisen namhaft war.

Jakob Elias (Isak) Poritzky
Isak kam am 13. Januar 1876 in Lomża zur Welt. Die Schreibung des Nachnamens war vom Sprachraum abhängig. „Porycki“ lässt an polnisch sprechende Kanzleibeamte denken, in deutschen Amtsstuben wurde daraus „Poritzky“. Im Alter von „kaum 18 Wochen“ verließ Isak mit den Eltern und Geschwistern Lomża.
Bis 1890 scheint die Familie in mehr oder weniger ärmlichen Verhältnissen gelebt zu haben. Die erste Eintragung für „Abraham Jakob Poritzki, Handelsmann“ findet sich noch 1876 in der Lange Straße (der heutigen Kaiserstraße) 32, im Hause des Metzgers Isaak Diefenbronner (gest. 1912). Dann wohnte die Familie in der Zähringerstr. 5 (1877), Durlacher Str. 37 (1878), Durlacher Str. 85 im Hause Isaak Feldmann (1880), Durlacher Str. 42 (1881), Durlacher Str. 46 (1882), Durlacher Str. 75 (1886) und Durlacher Str. 58 (1888), einem Haus im Besitz des Bankiers Samuel Straus (gest. 1904). Die Durlacher Str. (heute Brunnenstraße/Am Künstlerhaus) war eine typische Altstadtgasse mit z.T. bis ins späte 18. Jahrhundert zurückreichender niedriger Bebauung. Die Mitmieter hießen u.a. Fischel Fischbein und Lazarus Lewanderstein (1889). Die Vermieter Diefenbronner und Straus gehörten der orthodoxen Israelitischen Religionsgesellschaft an. Der Karlsruher Zeitgenosse Hermann Brand, dessen Eltern aus Galizien stammten, schilderte in seinem Buch Die Tournee geht weiter, wie damals die „Israeliten“ (damit waren die deutschen orthodoxen Juden gemeint) üblicherweise die Zugewanderten aus Polen und Russland zwar beherbergt und durch ihre Wohltätigkeitsvereine versorgt hätten, „allerdings sind sie dann etwas stolz zu uns“.

1891 schließlich erwarb Abraham Jakob Poritzky das abgewohnte, kleine Haus Waldhornstr. 42, Ecke Spitalstraße, ein einfaches Fachwerkhaus, zwei Stockwerke und ein Dachgeschoss, dahinter ein kleines Hofgebäude. Auf dem Grundstück gab es keine Kanalisation, nur einen Brunnen und eine Abortgrube. Die Poritzkys wohnten parterre, ein Zimmer, eine Küche und ein oder zwei Kammern. Familie Fischel Fischbein und andere wohnten ab 1892 im oberen Stock zur Miete.

J.E. Poritzky berichtet in dem autobiografischen Werk „Meine Hölle“ (1906):

„Der Vater verdiente fast nichts; die Mutter quälte sich mit einer Gänsemästerei ab. [...] Das Leben hatte ihm stark zugesetzt und da er eine Natur war, die sich niemals aussprechen konnte — er war verschlossen wie die Cassette eines Geizigen — lagerte sich alle Bitterniß auf dem Grunde seines Herzens ab und machte einen Polterer aus ihm, einen Vesuv, in dem es beständig rumort und der nur einer kleinen Erschütterung bedarf, um gleich Feuer zu speien und seine Umgebung zu verheeren. [...] Er litt unter seinem Mangel an Geschick Geld zu verdienen und anstatt einem sicheren, wenn auch geringen Gewinn nachzugehen, saß er da und schmiedete große Pläne und ging unter die Erfinder, die kein Geld haben. Er stellte dem Gelde tausend Fallen, aber er konnte es in keiner fangen. Und er haßte es, weil er es lieben mußte. Wenn er aber Geld in der Tasche hatte, dann war er wie der Löwe, wenn er satt ist und schläft.“

Seine eigene Erziehung schildert er aufs Äußerste zugespitzt so:

„Am Vormittag in der christlichen Schule: Chemie, Physik, Mathematik, Zoologie, Botanik;
Nachmittags: Geisterglaube, Studium jüdischer prähistorischer Gesetze, Psalmengesinge und hündisch devote Gebete an einen persönlichen Gott, den man verabscheute.“

Das Kind begann früh mit Märchenbüchern, ja las bald alles Erreichbare auf Deutsch, statt, wie vom Vater verlangt, nur die heiligen Bücher zu studieren.

„Ich muß noch erzählen, daß ich die Märchen nur in jenem Raume las, der dem Deus crepitus geweiht ist, in einem dörfischen Abort ohne Wasserabguß, wo es athembeklemmend stank und wo mir die Mücken, trotz Wehren und Sträuben unablässig ins Gesicht flogen. Denn in der Wohnstube durfte ich nie lesen. Dafür stellte ich aber die Geduld der Bedrängten auf harte Proben und ließ sie oft vier, fünf Mal pochen, indeß ich glückfiebernd weiter las. Ehe ich mein pestendes Kämmerchen verließ, schob ich das Buch unter meine Weste, daß man es nicht entdecken konnte. Man fragte mich, warum ich so oft und so lange in jenem Häuschen säße; ich mußte wieder lügen, beständig lügen, entschuldigte mich mit »Durchfall« und war dann gezwungen, mehrere Tassen eines widerlichen stopfenden Getränks zu leeren. So oft ich meiner Heuchelei wegen diese Medizin einnehmen mußte, roch ich aus dem Munde wie ein Wiedehopf und verfluchte mein Leben und meine Peiniger. Wenn der Vater mich mit einem deutschen Buche betraf, riß er es mir aus der Hand und verbrannte es meist oder er zerrupfte es wohl auch in seine einzelnen Bogen und schnitt es für den Closettgebrauch zurecht.“

Die Schule in Karlsruhe beendete der Junge mit 15 Jahren:

„Ich war hartnäckig genug, meine Naturfreude an der Rose nicht für eine richtige Deklination einzutauschen, und verließ natürlich die Kinderkaserne mit einem sehr schlechten Zeugniß.“

Psychologisches Beobachten und Beschreiben und das Theater interessierten ihn früh; sein frühestes erhaltenes Werk ist ein Schauspiel in drei Akten mit dem Titel Priska, das der 14-jährige zwischen Mai und Oktober 1890 verfasste. Dieses und andere Manuskripte sind in der Badischen Landesbibliothek aufbewahrt.

Nachdem er vor dem Antritt einer Lehrstelle in Holland im letzten Moment umgekehrt war, absolvierte er seine kaufmännische Lehrzeit in der Textilhandlung David Veit & Co., Lange Str. 122 in Karlsruhe, und zwar wegen schneller Auffassungsgabe verkürzt auf ein Jahr.
Ein in dieser Zeit entstandenes Manuskript „Freisinn und Fanatismus. Wiedergekaut von J.E.P.“ (1892), liegt im Stadtarchiv Karlsruhe vor, es ist auf Geschäftspapier der Firma Veit geschrieben. Weiter aus „Meine Hölle“:

„Nunmehr war ich Kaufmann und Dichter in einer Person, und mit Shakespeare um die Palme zu ringen, schien mir keineswegs so kühn. Diesen Concurrenzkampf mußte ich aber auf spätere Jahre hinausschieben, denn inzwischen hatte ich Flanellhemden zu verkaufen und Unterhosen, System Jäger. Krank und verbraucht verließ ich endlich diese Stelle und gründete mit einem älteren Bruder ein Geschäft. Als es in kurzer Zeit blühte, trat ich, dem ältesten Bruder den Futtertrog überlassend, aus und wurde Schreiber bei einem Advokaten. Aber auch das gab ich bald auf und wanderte nunmehr ohne Kompaß von einer Stadt in die andere, von einem Dörfchen ins andere. Wie der Strohhalm im trüben Bache lebte ich – hierhin trieb mich's und dorthin – und um mich war Unruhe und Schmutz. Ich ging von einer Branche zur anderen über, versuchte mich schauspielerisch und wieder dichterisch, vertrödelte meine Jugendjahre in unsteter Zügellosigkeit, um endlich müd und gebrochen in Frankfurt am Main zu landen, wo ich nun vor der Wahl stand, mich zu erschießen, oder besser, zu ertränken, weil das billiger war […] Ich bemühte mich vergebens vom Sonnenaufgang bis zum Abend als Abschreiber, Mundharmonikaverkäufer, Lampendochtreisender, Coupletsänger, um mich über Wasser zu halten.“

Mit 17 Jahren erfuhr er, dass die bereits asthmakranke Mutter nun erblindet war. Er reiste nach Paris, um Geld für die notwendige Behandlung der Mutter zu verdienen und ein Studium aufzunehmen, scheiterte aber und zog weiter nach Berlin, wo er ab 1894 unter Schwierigkeiten sechs Semester an der Universität in den philosophischen und medizinischen Fakultäten studierte, obwohl es sehr an Geld mangelte. Zwei weitere Semester konnte er überhaupt nicht mehr die Gebühren aufbringen, d.h. nur noch als geduldeter Gasthörer studieren. Er hielt sich viel in der Anatomie auf, was er später auch literarisch verarbeitete. Daneben bemühte er sich um wissenschaftlichen Austausch, so suchte er Ernst Haeckel in Jena auf und freundete sich mit ihm an.

1894 erschien als Poritzkys erste gedruckte Arbeit das Trauerspiel „Bolko“.
Seine auch zu Studienzeiten verfasste Studie „Julien Offray de Lammettrie: sein Leben und seine Werke“ (Berlin, 1900) war ursprünglich als Doktorarbeit geplant, es kam aber nicht zur Promotion.

1895 unterschrieb der junge Mann noch mit „Is. Poritzky“, also Isak. Der Name, unter dem er nun allmählich in der literarischen Welt hervortrat, war hingegen „Jakob Elias“ Poritzky, kurz „J.E.P.“. Das ist vielleicht als legitime Selbststilisierung des Schriftstellers zu verstehen, durch die er zudem dem damals geläufigen Schimpfnamen „Itzig“ entgehen konnte.

Helene Orzolkowski, verheiratete Poritzky
Spätestens Anfang 1895 hatte Jakob Elias Poritzky die zwei Jahre ältere Helene Orzolkowski kennen gelernt, denn seiner „Bobinka“ (russ. etwa: „Mädchen, Fräulein“) widmete er im April 1895 handschriftlich ein (erhaltenes) Exemplar seines Jugendwerks „Priska“, sowie im selben Jahr das Gedicht „Die kleine Waise“ mit den Worten „meinem kleinen Lenchen Orzolkowsky gewidmet“. Die Gedichtsammlung „Lieder“ schenkte er ihr zum Geburtstag im Januar 1896, „ein Jahr“ nach seinem „zarten Geständnis“.

Wer war sie? Helene Orzolkowski (russisch: Orzolkowska, das z vermutlich -tsch- gesprochen) wurde am 10. Januar 1874 in Lessen, Regierungsbezirk Marienwerder, Kreis Graudenz, Westpreußen als Tochter des Kantors Aron Orzolkowski und seiner Ehefrau Rivka geboren. Wir wissen von Helenes zwei älteren Schwestern Henriette Ester (Rachel), geb. 18. Juli 1870 und Jenny Deborah, geb. 15. Dezember 1868, beide in Wirballen, damals im russischen Litauen, heute zu Polen gehörig.

Zu Helene Poritzky und ihren beiden Schwestern sind ausführlichere Angaben unter ihrem Eintrag im Gedenkbuch gemacht.

Am 1. Oktober 1901 heirateten Jsak (Jakob Elias) und Helene standesamtlich in Berlin; am 24. August 1902 wurde in Berlin ihre einzige Tochter Ruth Rebekka geboren.

Schriftstellerei und Bühne
Ab Mitte der 1890er Jahre veröffentlichte J.E.P. zahlreiche Novellen und Essays, Kritiken und Rezensionen in Zeitungen, literaturwissenschaftliche und philosophische Arbeiten, teils düstere, fantastische Texte, teils Sozialkritik und Satire. Es gibt Lyrik, Theaterstücke und persönliche Erinnerungen. Es finden sich atheistische, anarchistische und tiefreligiöse Texte.

Am 15. September 1896 erschien von ihm in der orthodoxen Zeitung „Der Israelit“ unter dem Autoren-Kürzel „P“ ein Gedicht: „Zwei Bilder. Meinen theuren Eltern gewidmet“, in dem er Vater und Mutter als tief in der Tradition verwurzelt darstellt: „Sie ist arm, und doch versteht sie / Einen Schabbes herzurichten“; „Überm Thillim und Mischnajes / Bringt er hin die ganzen Stunden“. Die Mutter arbeitet fromm und selbstlos für das Wohl der Ihren, der Vater geht ganz im Studium der Psalmen und talmudischer Probleme auf. Der Text kann als etwas sentimentales Lob des gesetzestreuen Lebens gelesen werden, aber auch als leise Distanzierung davon.

Im selben Jahr erschien bei Reclam „Keinen Kadosch wird man sagen“, eine Genreschilderung aus dem „ostjüdischen“ Ghetto. Das Buch ist der „lieben Schwester Therese“ gewidmet. Dem Ich-Erzähler sind offensichtlich Elemente aus J.E.P.s eigener Herkunftsfamilie und der seiner Frau einverleibt, versetzt mit zahlreichen „Jargon“-Ausdrücken und naturalistischen Milieuschilderungen, aber ohne konkrete zeitliche und räumliche Bezüge. Trotz belegbarer Details z.B. über die Mutter des Autors ist das Buch nicht als Schlüsseltext zu betrachten.
Am 22. Dezember 1898 erschien ein weiterer – diesmal namentlich gezeichneter – Beitrag von J.E. Poritzky im „Israelit“ unter dem Titel „Meier Ettlinger (Ein Denkmal)“.

„Ein […] Held, von dem man nie sprach und der doch im reinsten Sinne des Wortes ein Held war, ist Meier Ettlinger gewesen.
[…]
Wir saßen auf einer Bank im Schloßgarten zu K. und aßen unser Frühstück und unterhielten uns. Er nahm aus meinem Gespräch wahr, daß ich mich auf dem besten Weg befand, ein Atheist zu werden. In welches Feuer gerieth nun dieser graubärtige Mann. Er schimpfte nicht und fluchte nicht, er ereiferte sich auch nicht; mit der ganzen Gewalt aber seines ehernen Glaubens senkte er Tropfen um Tropfen einer balsamischen Liebe in mein empfängliches Gemüth, eine unerschütterliche Liebe für das Judenthum und ein tiefes Mitleid für die Juden. Er […] wußte mir begreiflich zu machen, daß ich etwas Unerreichbares verlieren wollte. Damals im Schloßgarten zu K. war er mein Vater.“

Das Grab von Maier A. Ettlinger (gest. 1893) ist auf dem Karlsruher orthodoxen Friedhof an der Kriegsstraße zu finden. Die persönliche Erinnerung ist m.E. als Plädoyer gegen den rigiden Erziehungsstil des Cheder und für eine moderne jüdische Erziehung zu lesen, was unter den „Israeliten“ der Austrittsbewegung durchaus ein Thema war.

Zu Karlsruhe behielt J.E.P. auch sonst einen inneren Bezug. So schilderte er in der Zeitschrift „Ost und West“ vom 3. März 1911 in dem Artikel „Die Versteinerten“ legendenhaft die Ereignisse um die Aufhebung des Alten Jüdischen Friedhofs am Rüppurrer Tor im Jahr 1898.

Um die Jahrhundertwende knüpfte J.E.P. Freundschaften mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und suchte intensiv nach Anschluss zu literarischen Kreisen. So antwortete ihm Rainer Maria Rilke aus Goisern bei Ischl sehr anteilnehmend und widmete ihm ein Gedicht, überliefert in Rilkes Briefwechsel in der Harvard University. Zu den Freunden gehörte der Zola-Übersetzer und Kritiker Leo Berg (1862-1908), der damals durch sein Buch „Nächte. Gassen- und Giebel¬geschichten“ bekannte Autor und Theatermann Kurt Geucke (1864-1941) und der impressionistische dänische Maler Jens Birkholm (1869-1915). Im Kreis der literarischen und philosophischen Avantgarde des Nollendorf-Casinos in der Berliner Kleiststraße begegnete J.E.P. auch Rudolf Steiner und Else Lasker-Schüler.

Das 1902 erschienene, auch ins Russische übersetzte Werk Heine, Dostojewskij, Gorkij. Essays enthält die gedruckte Widmung „dem Privatdozenten Dr. Fritz Stier-Somlo in Hochachtung und Liebe“. Ähnlich das 1909 erschienene „Shakespeares Hexen. Ein historisches Kulturbild“ mit der Zueignung: „Professor Dr. Fritz Stier-Somlo in Bonn in alter Treue“. Der Jurist Fritz Stier-Somlo (1873-1932), getaufter Sohn eines Rabbiners, war offenbar ein Freund J.E.P.s aus gemeinsamen Studienzeiten in Berlin.

In dem 1921 erschienenen Buch „Dämonische Dichter“ findet sich die gedruckte Zueignung an „Meinem lieben Loe / Dr. B. W. Lowbury“, einem aus Litauen stammenden, englischen Naturwissenschaftler, dessen Name aus „Löwenberg“ anglisiert worden war.

Artikel für das „Berliner Tageblatt“ machen den Hauptanteil von Poritzkys kleineren Arbeiten aus. Chefredakteur dieser Zeitung aus dem Verlagshaus Mosse war Theodor Wolff, ein wichtiger Vertreter einer nicht-zionistischen Haltung, die im Sinne des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“ für die Verwurzelung der jüdischen Deutschen in diesem Land eintrat.

Am 22. Februar 1906 starb in Karlsruhe der Vater Abraham Jakob im Alter von 71 Jahren.
Noch im selben Jahr erschien in Berlin als schroffe Abrechnung mit dem toten Vater der bereits zitierte autobiografische Text „Meine Hölle“ (verfasst bereits im Jahr 1900).

Ebenfalls 1906 war es, dass sich J.E.P. an die Schiller-Stiftung in Weimar mit einem Antrag auf Unterstützung wandte. Seit 1904 habe die Familie Mietschulden, und er sei „Opfer betrügerischer Verlage“ geworden. Dieser Brief liegt im Goethe- und Schiller-Archiv der Klassik Stiftung Weimar. Es ist unklar, ob eine Unterstützung bewilligt wurde.

1908 wurde am Hoftheater in Karlsruhe das Stück „Die Glücklichen“ aufgeführt; sein Autor J.E. Poritzky wohnte der Premiere bei. Dies war mit Sicherheit ein Lichtblick für den nicht allzu sehr vom Erfolg Verwöhnten. Zwei Szenenfotos daraus sind im Stadtarchiv Karlsruhe erhalten.

Am 12. April 1909 starb die geliebte und immer – auch in dem Buch „Meine Hölle“ – in wärmsten Worten erwähnte Mutter im Alter von 74 Jahren. Sie wurde wie ihr Mann auf dem orthodoxen Teil des Neuen Friedhofs am Rintheimer Feld begraben. Im Sterberegister lesen wir, dass ihr Sohn Scheftel beim Standesamt den Todesfall anzeigte.

Das Haus Waldhornstr. 42 ging nach ihrem Tod an „Jakob Poritzkys Erben“ − wohl Scheftels Familie − über und verfiel zusehends. Es wurde von Tagelöhnern und Sinti bewohnt (die Familien Weiß, Reinhardt und Lehmann werden in Akten genannt). Der Brunnen wurde auf behördliche Anordnung als ungeeignet für Trinkwasser gesperrt. 1922 wurde das Häuschen verkauft (und später im Krieg zerstört).

Die Einträge im Berliner Adressbuch schwanken. Meistens lautet der Eintrag: „Poritzky, J. E. Dr., Schriftsteller“. 1909 heißt es „Poritzky, E., Dr. phil., Schriftsteller“, 1910 aber auch – ganz nüchtern – Poritzky, Isak, Schriftsteller, nun aber mit zwei Adressen: NW 21 (d.h. Tiergarten), Bochumer Str. 19, Gartenhaus II und Wilmersdorf, Gieselerstr. 21. „Kürschners Deutscher Literatur-Kalender“ führt Helene Poritzky bis 1913 in der Bochumer Str. 19, dann im Postbezirk NW, Dortmunder Str. 9, ihren Mann aber durchgängig bis 1915 in Wilmersdorf.

Bei der Adresse im aufstrebend bürgerlichen Wilmersdorf ist von einem gewissen gesellschaftlichen Aufstieg der Familie auszugehen, der mit der Zeit zusammenfällt, als J.E.P. zwischen 1911 und 1914 bei den Meinhard-Bernauerschen Bühnen („Berliner Theater“) als Dramaturg tätig war.

Für die deutschen Romantiker hatte er offenbar ein besonderes Faible, so brachte er 1913 Ernst Moritz Arndts „Märchen und Jugenderinnerungen“ heraus, die er der damaligen Zeit entsprechend psychologisierend deutete.

Unter (fast) allgemeinem Jubel brach der Weltkrieg aus. In den ersten Tagen der Mobilmachung meldete sich J.E.P. als Kriegsfreiwilliger, wurde aber abgelehnt. Damit zerschlug sich auch seine Hoffnung, durch den Militärdienst die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Das war ein herber Rückschlag: „Im Juli 1914 habe ich die Feder aus der Hand gelegt, um sie bis zum Jahre 1920 nicht mehr anzurühren“, so vermerkte der Autor später.

Noch während seiner Arbeit an den Meinhard-Bernauerschen Bühnen erhielt J.E.P. 1915 einen Vertrag mit dem Großherzoglich Badischen Hoftheater in Karlsruhe als Dramaturg, d.h. er hatte eingereichte Manuskripte zu lesen und war Spielleiter mit „Verpflichtung zur Regietätigkeit“. Im August 1915 beantragte er – als russischer Staatsbürger, der er geblieben war – bei der Berliner Kommandantur einen Reisepass und zog nach Karlsruhe um, wo er die Wohnung Eisenlohrstr. 22 II (1. OG) in der Weststadt mietete.

Seine erste Arbeit war, die zeitgenössische Verstragödie „Brand“ von Henrik Ibsen zu inszenieren. Am 25. September war Premiere. Es folgten:

•im November „Karinta von Orrelanden“ von Franz Dülberg,
• im selben Monat der Schwank „Herrschaftlicher Diener gesucht“ von Eugen Burg und Louis Taufstein;
• als Wiederaufnahme im Dezember „Herodes und Mariamne“ von Friedrich Hebbel;
• im Januar 1916 gab es den „Ersten historischen Lustspielabend“ mit: „Der Bauer im Fegefeuer“, Fastnachtsspiel (Hans Sachs); „Die ehrlich Bäckerin mit ihren drei vermeinten Liebsten“, ein Possenspiel (Jacobus Ayrer); „Die geliebte Dornrose“, Scherzspiel (Andreas Gryphius); „Die ehrliche Frau Schlampampe“, Lustspiel (Christian Reuter). Mit diesem Programm gastierte das Hoftheater im Februar auch in Heidelberg;
• ein weiterer Lustspielabend folgte im Februar mit dem „Jahrmarktsfest zu Plundersweilern“ von Goethe;
• im selben Monat „Die versunkene Glocke“ von Gerhart Hauptmann;
• die nächste Inszenierung war „Vasantasena, ein Schauspiel [...] nach dem Indischen des Königs Sudraka“ von Lion Feuchtwanger;
• im Mai gab es „Die Prinzessin und die ganze Welt“, eine Filmkomödie von Edgar Höyer aus dem Dänischen;
• im Juni dann das ganz aktuelle Stück „Die Troerinnen des Euripides“ von Franz Werfel.

Die sehr hoffnungsvoll begonnene Zeit an einer renommierten Bühne – der Kritiker Paul Lindau und der Schriftsteller Carl Hauptmann hatten Poritzkys Anstellung in Empfehlungsschreiben unterstützt – stand aber nicht unter einem glücklichen Stern.

Konflikte um Rechte und Ansprüche, peinliche Auseinandersetzungen um das unberechtigte Führen des Doktortitels, ja sogar seine fehlende deutsche Staatsangehörigkeit wurden dem jungen Theatermann offensichtlich zum Verhängnis. Er beteuerte seine tiefe Verbundenheit mit der deutschen Kultur und dass er praktisch sein ganzes Leben in Deutschland gelebt habe, erlitt aber in der damaligen Atmosphäre des Hurra-Patriotismus giftige Angriffe von einem Zeitungskritiker. Ein Auflösungsvertrag mit einer gewissen Abfindung wurde ihm nahe gelegt. Fritz Engel vom Berliner Tageblatt setzte sich 1916 noch in einem Brief an die Karlsruher Intendanz für ihn ein. Im Januar 1917 kehrte J.E.P. gedemütigt und in finanzieller Not ohne Frau und Tochter zurück nach Berlin.

Zunächst arbeitete er dort offenbar für das Kino: „Er soll dein Herr sein“ (1918, mit Gertrude Welcker, Drehbuch J.E.P.) und „Sündiges Blut“ (1919, mit Otto Gebühr; Vorlage J.E.P.) entstanden in dieser Zeit. Regisseur dieser Stummfilme war Max Mack (eigentlich: Moritz Myrthenzweig, 1884-1973). Beide Werke gehören vermutlich zu den damals höchst populären „Sittenfilmen“ und waren reine Unterhaltung.

Bald konnte er in Berlin als literarischer Leiter bzw. Lektor bei dem Musikalienverlag Drei Masken Fuß fassen. Das von Ludwig Friedmann gegründete Unternehmen verlegte Opern-, Operetten-, Tanz- und Schlagermusik, Bücher über Musik – und eben auch Unterhaltungsliteratur. So erschien dort, für die Bühnen als Manuskript gedruckt, sein Stück „Über Nacht. Ein Drama in vier Akten“ (1925).

Von 1918 bis 1930 war J.E.P. zwar (meist als Regisseur oder als Schriftsteller) weiter im Karlsruher Adressbuch aufgeführt, lebte aber offenbar in Berlin.

Spätwerk
Ab Mitte der Zwanziger Jahren ist J.E.P. fast nur noch durch seine literarische Arbeit belegt. So erschienen jetzt z.B.:

„Die unsichtbare Kraft“ (1925); „Franz Hemsterhuis : Seine Philosophie u. ihr Einfluss auf d. deutschen Romantiker; Eine Monographie“ (1926); „Melancholie. Roman“ (1927); „Imago mundi : Von der Liebe, vom Luxus und von anderen Leidenschaften“ (1928 in 5. Auflage).

Zwischen 1926 und September 1932 sind von Poritzky 35 z.T. mehrteilige Radioprogramme belegt, die auf Funk-Stunde Berlin, Mitteldeutschem Rundfunk Leipzig und Deutscher Welle gesendet wurden. Einige waren Lesungen, andere scheinen feuilletonistisch oder ausgesprochene Jugendsendungen gewesen zu sein. Einige Beispiele:

• „Die Frau als Künstlerin“ (FST Berlin, 30.12.1927)
•„Das Gefühl der Heimat“ (FST Berlin, 26.4.1929)
• „Die Ethik des Spiegels“ (MIRAG Leipzig, 24.8.1930, an Ruths Geburtstag)
• „Schein und Wirklichkeit auf der Bühne“ (FST Berlin, 30.9.1930)
• „Einsamkeit in der Großstadt. Plauderei“ (FST Berlin, 17.11.1930)
• „J.E. Poritzky liest eigene Skizzen“ (FST Berlin, 1.9.1932)

Etwa 1931-33 wohnte er in Berlin-Wilmersdorf, Sächsische Str. 37a, später in der Paulsborner Str. 1. Einige undatierte Manuskripte im Stadtarchiv Karlsruhe – darunter finden sich Berliner Milieuschilderungen: „In der Bar“, „Die Jule“, „Brot“ neben „Das Märchen in der Weltliteratur“ und „Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow“ – sind mit der Adresse „J.E. Poritzky, Berlin-Wilmersdorf, Sächsische Str. 37a“ versehen, die Anschrift aber von Hand durchgestrichen und mit „Karlsruhe, Eisenlohrstr. 22 II“ überschrieben. Der Schluss liegt nahe, dass der inzwischen Erkrankte nun zeitweilig in Karlsruhe bei seiner Familie wohnte. Andererseits heißt es in einem 1935 datierten Dokument der Jüdischen Gemeinde Berlin über das Ehepaar Poritzky: „Leben getrennt“.

J.E.P.s letzte mir bekannte Veröffentlichung ist die anfangs zitierte autobiographische „Groteske“ mit dem Titel „Gastfreundschaft in Lomsa“, die am 1. November 1934 in der „Jüdischen Bibliothek, Unterhaltungsbeilage zum Israelitischen Familienblatt“ erschien.

Die letzten Wochen oder Monate seines Lebens verbrachte er in der von Hermann Oppenheim gegründeten Privatklinik „Hygiea“ in der Augsburger Str. 66 in Berlin-Wilmersdorf. Belegt ist, dass er bei Dr. Ernst Rachwalsky in Behandlung war und nach langer Krankheit einem Gallensteinleiden erlag.

Am 1. Februar 1935 starb Jakob Elias (Isak) Poritzky in Berlin. Er wurde am 4. Februar auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee beerdigt. Am Grab betete ein Kantor „El male rachamim“.

R.P. Mainländer (vielleicht ein Pseudonym) erzählte im März des selben Jahres in einem Nachruf in der Zeitschrift „Der Morgen“, Heft 12, 1935, Poritzky habe sich für seine sozialkritischen Berichte in der „Verkleidung als 'Tippelbruder'“ in der „Nacht- und Elendwelt der Berliner Asylisten“ wohl überstrapaziert; „mehrmals wurde der Unentwegte von der Heilsarmee aufgegriffen“.

Die oben erwähnte Erzählung „Erlebnis mit dem toten Anton Tschechow“ wurde im November 1935 „aus dem Nachlass“ in derselben Zeitschrift abgedruckt.

Ruth Poritzky gen. Porita
Am 24. August 1902 kam Ruth Rebekka in Berlin zur Welt. Die Wohnung ihrer Kindertage lag am Schleswiger Ufer 16, Gartenhaus Aufgang I, 3./4. Stock, im Hansaviertel im Bezirk Tiergarten.
Die Tanten Henriette und Jenny wohnten in der Zehdenicker Str. 12.IV im Postbezirk NW 21, mit der S-Bahn vielleicht ½ Stunde entfernt.

Schilderungen aus Ruths Kindheit in Berlin enthält die Humoreske ihres Vaters: „Das Buch Ruth mit Anmerkungen“ in seinem Buch „Von jungen Philosophen und alten Narren“ (1912), S. 60 ff.:

„Von den Katzen.
Jüngst war unser Freund Geucke bei uns, um uns eine sechs Wochen alte Katze zu schenken. […] Früher dachte ich und hörte es oft, daß der ganze Haushalt eine Revolution erfährt, wenn man ein Kind bekommt. Aber wenn man eine Katze bekommt, ist es nicht viel anders.
Mein Töchterchen war stark enttäuscht. Denn sie hatte den Zucker wahrlich nicht in der Erwartung ein viertel Jahr lang vors Fenster gelegt, daß der Storch dafür eine Katze bringen würde.
„Hat die wirklich der Storch gebracht?“ fragte das kleine Fräulein.
„Nein, Onkel Langbein,“ sagte ich.
„Na, das ist doch der Storch!“
„Diesmal ist es Onkel Geucke.“
„Ach, das ist wirklich ulkig,“ rief mein Töchterchen und zog Mouche am Schwanze durch das Wohnzimmer, wie sie mich immer an der Strippe zu ziehen pflegt, wenn wir Pferdchen spielen. Aber, während ich als Gaul nie das Recht hatte, dagegen zu protestieren (ich darf nur mit den Hinterbeinen ausschlagen und wiehern), machte Mouche blitzartig linksumkehrt und kratzte.
„Kratzen denn alle Kätzen?“ wurde ich nun gefragt. Denn meine Nachkommenschaft war entrüstet. Trotz meiner Bestätigung wurde Mouche aber dennoch wie Edith (das ist die Mutterpuppe, die vor Alter schon das Augenlicht und die Beine verloren hat) auf den Arm genommen und nach der Küche getragen.“

Dort richtet sie allerlei Unheil an und wird vom Dienstmädchen ausgeschimpft.

„Texterklärung.
Vor einigen Tagen schickte mir meine von der Kultur der Schule noch unberührte Tochter Ruth aus der Sommerfrische einen eigenhändig geschriebenen Brief. Mein dreijähriges intensives Studium der ägyptischen Keilschriften machte mich ganz besonders befähigt, den Inhalt des Briefes schon innerhalb weniger Tage glücklich zu entziffern: […] ‚Süh sesp ap achen esi st hirse rschöhnsch ickemam an gelther zliche grüze rot.’
Flüchtig besehen, war der krause Sinn, den ich herausdestillierte, etwa der: ‚Die organischen Funktionen sind regelmäßig; ich esse Hirse; ich spiele mit Nickelmann; es wird schon kälter; ich esse rote Grütze.’
[…] Der Dichter Kurt Geucke, der Ruth vom ersten Tage ihres Erdenwallens an kennt, und der Grund hat, meiner Tochter, der treuen Mitarbeiterin seiner Werke, immer dankbar zu sein (er wartet auf sie, weil sie ihn in einer schwachen Stunde zu ihrem Bräutigam ernannt hat), faßte die an mich gerichtete Epistel als ein sinnloses Kindergekritzel auf […] er glaubt, daß sich hier einfach – wenn man so sagen darf – die vegetative Freude des Schriftstellerkindes am Federhalter und am unbeschriebenen Papier auslebte. Aber, obwohl ich weiß, daß meine Tochter sich redlich Mühe gibt, das Tintenfaß auszuschöpfen, befriedigte mich diese Erklärung nicht. […] Drei Graphologen wurden noch befragt; […] In meiner Verzweiflung klammerte ich mich an ein schlichtes Kindermädchen (natürlich nur bildlich!) […] Und sie las sofort fließend: ‚Süßes Papachen, es ist hier sehr schön. Schicke Maman Geld. Herzliche Grüße, Ruth.’“

„Probleme.
[…] Meine Tochter fragt mich zuweilen in einer Weise aus, die auf eine starke Begabung für den Posten eines Untersuchungsrichters schließen läßt. […] Nie wird mir das Bewußtsein meiner Unwissenheit stärker zu Gemüte geführt, als wenn mich diese junge Dame examiniert. Ich helfe mir dann immer durch Despotismus oder lasse ein Donnerwetter los. Aber nun ist sie auch hinter diesen Kniff gekommen und merkt, sobald ich anfange unparlamentarisch zu werden, daß es Ausweichmanöver sind, um meine Dummheit nicht bloßzustellen. Ich dachte schon an Prügel; aber schließlich – ein Kind ist ja kein Beefsteak, das vom Durchklopfen besser wird.
Wenn wir einen kleinen Ausflug nach einem Dorfe machen, soll ich z.B. wissen, warum die Sonne nicht herunterfällt […], warum es im Kuhstall so schön riecht und wieso die Milch weiß ist und nicht grün.
‚Du hast gesagt, sie fressen und dann kommt ihnen alles hoch, wie mir, wenn ich Mehlsuppen essen soll, und dann essen sie das Hochgekommene noch mal. Dann sind sie doch aber Schweine?’
‚Wieso?’
‚Na, wenn man sowas tut! ... Und wie machen sie denn in ihrem Bauch die Milch zurecht?’
Keine Ahnung; aber auf gut Glück sage ich irgend etwas: ‚Das Futter, das sie fressen, das wird erst zu einer Art Brei verarbeitet –‚
Da Brei nur Vorstellungen der Tortur in Ruth auslöst, ruft sie entsetzt: ‚Brei?’
‚Ja. Und dieser Brei wird vom Magen usw.’
Bis Ruth Lunte riecht und merkt, daß ich ahnungslos im Dunklen tappe. In solchen Augenblicken ist sie sehr nett und lenkt nachsichtig ab: ‚Ja, aber das Futter ist doch grün; wovon wird die Milch weiß?’
Keine Ahnung; ich helfe mir durch einen Hustenanfall […]“
‚Wenn ich tot bin, werde ich dann auch ein Engel?’
‚Natürlich.’
[…]
‚Wovon leben <Engel> denn?’
‚Sie speisen Manna.’
‚Solches, wie ich heut einbekommen habe?’
‚Nein solches nicht; das ist ja nur für Verdauungsbeschwerden.’
‚Was denn für welches?’
‚Himmlisches.’
‚Essen sie das immerzu?’
‚In alle Ewigkeit.’
‚Ist es Kuchen?’
‚So eine Art...’
‚Besser als Königskuchen mit Schlagsahne?’
‚Der Himmel ist keine Konditorei, Ruth. Es ist respektlos, so zu denken.’
‚Und muß man von früh bis spät singen?’
‚Du mußt nicht; du wirst es gern tun; so groß wird deine Freude sein.’
‚Na na!’
Ich bin starr über diese Skepsis. ‚Aber sicher,’ sage ich.
‚Immerzu? Tausend Jahre lang?’
‚Und noch einmal tausend und viele viele tausend dazu.’
‚Aber man kann doch hoffentlich davon dispensiert werden, wie in der Schule?’
‚Singst du denn so ungern?’
‚Aber tausend Jahre! Das hält doch kein Mensch aus.’
‚Du wirst ja dann auch kein Mensch sein, sondern ein Engel.’
‚Na ja – aber lieber nicht.’
[…]
Ruth seufzt. […] ‚Ach Väterchen, du weißt so schrecklich viel; ich glaube, du weißt alles.’ […] ‚Natürlich.’ sage ich. […] Meine kleine Dame grübelt wie über einem Rätsel, seufzt und sagt: ‚Wieso wissen bloß die großen Leute alles?’ […] Ich sage:
‚Wenn man lernt, dann weiß man eben etwas.’
‚Es gibt noch mehr Leute, die nicht viel gelernt haben und doch so tun,’ entgegnet sie. Ich sehe Ruth scharf an.“

In der Badischen Landesbibliothek ist ihr persönliches Exemplar dieses Buchs erhalten, das der Vater der Neunjährigen widmete:

„Liebe Ruth, weil du mir so viel bei diesem Buch geholfen hast, meine süße Schnauze, sollst du es auch haben. Dein Pepperepepps. J.E.P. Januar 1912“.

Ruth besuchte Schulen in Berlin und ab 1915 in Karlsruhe und schloss hier die „Höhere Mädchenschule“ ab; darunter war zu jener Zeit die 1911 eröffnete Lessing-Schule in der Sophienstraße 147 zu verstehen, die zum Abitur führte. In Karlsruhe gab es damals bereits seit über einem Vierteljahrhundert Gymnasialbildung für Mädchen. Im Frühjahr 1915 erwähnte Ruths Vater in einem Brief, seine Tochter habe noch drei Schuljahre vor sich. Im Oktober 1915 kam sie mit der Mutter nach Karlsruhe. Sie bezogen die Wohnung Eisenlohrstr. 22 II, die der Vater bereits seit August gemietet hatte.

Ruth absolvierte eine Gesangsausbildung (Sopran) und lernte Klavier, Orgel, Gitarre bzw. Laute sowie Harfe. Nachgewiesen ist, dass sie auf der Opernbühne und solistisch auftrat, als Klavierbegleiterin tätig war, Orgel in der Reformsynagoge spielte, sich selbst auf Laute oder Gitarre begleitete und verschiedene (chromatisch gestimmte, historische) Harfen spielte und auch entsprechenden Unterricht erteilte.

Von Ruths Mutter Helene liegt im Stadtarchiv Karlsruhe ein undatiertes Manuskript vor: „Das Konzert“, in dem sie die Reaktionen einer Pianistin auf ihr Publikum bei ihrem ersten großen Auftritt schildert: Die Künstlerin findet ihr Spiel misslungen und ist beschämt über den Beifall von Männern, die nur um ihres Aussehens willen zu applaudieren scheinen. Als einige im Publikum „zischen“, empfindet sie es als ehrlichen Ansporn und spielt einen brillanten zweiten Teil. Der kleine Text lässt die Atmosphäre intensiver Musikalität erahnen, die in der Familie geherrscht haben mag.

Am 9. November 1921 heißt es in einem Schreiben ihres Vaters an die Direktion des Landestheaters, seine „Tochter Ruth Porita“ sei derzeit zwar krankheitshalber nicht tätig, aber Mitglied des Karlsruher Ensembles. An der Verwendung ihres Künstlernamens wird deutlich, dass die 19-jährige bereits als Sängerin bzw. Musikerin hervorgetreten sein muss.

Das „Deutsche Bühnen-Jahrbuch“ 1920 und 1921 legt nahe, dass sie auch bereits kleine Schauspielrollen hatte. Ruth Porita findet sich dort unter „Landestheater Karlsruhe, Freiwilliges Mitglied des Schauspiels“; es fanden sich in der Tat einige Theaterzettel aus dem ersten Halbjahr 1921, denen zufolge Ruth in der Komödie „Lottchens Geburtstag“ von Ludwig Thoma die „Babette, Köchin bei Giselius“ spielte und in dem Drama „Heimat“von Hermann Sudermann die „Frau Schumann“.

Laut Jahrbuch 1922 trat sie dem „Lokalverbund“ der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger bei und wird im selben Jahr im Bühnenjahrbuch beim Hessischen Landestheater Darmstadt in der Rubrik „Darstellende Mitglieder: Damen“ aufgeführt. Da sie 1922/23 sonst nirgends erwähnt wird, liegt es nahe, dass die junge Frau in dieser Zeit ihrem Musikstudium nachging – vermutlich u.a. bei Carl Beines in Darmstadt – und vielleicht kleine Rollen am Theater hatte. Professor Beines (1869-1950) war Musiker und Gesangspädagoge, ab 1923 „Vortragsmeister“ am Darmstädter Landestheater.
Im Jahrbuch 1924 nennt das Jahrbuch Ruth Porita in der dortigen Abteilung „Oper und Operette; Damen“ mit der Wohnadresse Elisabethenstr. 49, in Darmstadt. Von August 1923 bis Juli 1924 wohnte sie dort, „bei Stolte“.

Sie hatte in der Spielzeit 1923/24 am Hessischen Landestheater ein Engagement als Sängerin, in der letzten Spielzeit des als sehr modern oder avantgardistisch geltenden Intendanten und Regisseurs Gustav Hartung. Nach den in der Theatersammlung der Landes- und Universitätsbibliothek Darmstadt überlieferten, lückenhaften Besetzungszetteln ist sie in dieser Zeit in folgenden Rollen aufgetreten:

• Zweite Adelige in: Richard Strauss, „Der Rosenkavalier“ (30. 9.1923)
• Vierte Magd in: Richard Strauss, „Elektra“ (14.10.1923)
• Rosette, Tocher des Pächters Semos in: Luigi Cherubini, „Der Wasserträger“ (12.12.1923)
• Besika, eine der vier Frauen von Izzet Pascha in: Franz v. Suppé, „Fatinitza“ (31.12.1923)
• Edelknabe in: Richard Wagner, „Lohengrin“ (4.1.1924)
• Zweite Bäuerin in: W. A. Mozart, „Figaros Hochzeit“ (5.3.1924)
• Gerhilde, Walküre, in: Richard Wagner, „Die Walküre“ (12.4.1924)
• Erster Page in: Richard Wagner, „Tannhäuser“ (20. 4.1924)
• Dritte Brautjungfer in: Carl Maria v. Weber, „Der Freischütz“ (16.5.1924)

Der in Berlin tätige Vater nahm am Werdegang seiner Tochter im Badischen sicherlich sehr Anteil. Sein 1923 in einer Auflage von 100 Exemplaren erschienenes, bibliophil gestaltetes Buch „Mysterien“ trägt die gedruckte Widmung „Für Ruth Porita“, die der Autor in einem Exemplar der Badischen Landesbibliothek handschriftlich ergänzt hat: „meine inniggeliebte Tochter“. Auch „Über Nacht. Ein Drama in vier Akten“ (1925) ist in einem Widmungsexemplar erhalten, im November des Jahres schrieb er hinein: „Meiner geliebten Ruth von Turtel“.

Es fanden sich auch einige Belege für das Presseecho auf Ruths Auftritte.
Das „Heidelberger Tagblatt“ vom 19. April 1928 brachte einen Artikel von Ruths Kollegen, dem Kritiker Dr. Karl Hessemer (1885-1951), der „Lehrer für Musikgeschichte und Violine“ am Munz'schen Konservatorium war. Nach einer einführender Erörterung bedeutender Komponisten für Gitarre und Laute (Berlioz, C.M. von Weber, Schubert) leitet er über:

„Mit dem echten Spürsinn für diese reizvolle Welt von Klangpoesien wird die bekannte Lautensängerin Ruth Porita aus Karlsruhe einige Juwelen aus dem verborgenen Schatz auslesen und mit ihrem Konzert >Ernstes und Heiteres zur Laute< am 23. April im Kammermusiksaal der Stadthalle [Heidelberg] dafür eintreten.“

Und am 1. Mai 1928 druckte das „Karlsruher Tagblatt“ folgende Besprechung des obigen Rezensenten:

„Heidelberg, 27. April. Ruth Porita, die bekannte Karlsruher Lauten- und Konzertsängerin und Lehrerin am Munzschen Konservatorium in Karlsruhe, stellte sich dieser Tage dem Heidelberger Publikum in einem eigenen Konzert vor. Daß ein reges Interesse für ihre Kunst vorhanden war, bewies der gut besuchte Kammermusiksaal der Stadthalle. Und sie erfüllte die Erwartungen, denen ein schmeichelhafter Ruf vorausging, aufs Trefflichste. Nicht nur, daß sie mit einer eindringlichen, von innen genährten und durchwärmten, wie ebenso diskret gestuften Vortragskunst das stets beliebte und dankbare Lautenlied-Repertoire vom Schalklied bis zur zartesten Volksliedpoesie in neue und originale Farben tauchte und mit eigenem Leben und Wesen erfüllte, sie traf mit hoher, einfühlungssicherer Meisterschaft den Stil des von ihr selbst kreierten höheren Niveaus von Kunstliedbereichen in Originalkompositionen von Schubert und Weber. Des Ersteren „Leiermann“ und des Letzteren „Die Zeit“ waren ein tiefgreifendes Erlebnis, dem die technische Fertigkeit der Interpretin ebenso entgegenkam wie ihre hochentwickelte Gesangskunst, die alle Register und stimmlichen Nuancen voll beherrscht und auch das Wesen des speziell Liedhaften durchaus erfaßt. Für den lebhaft gespendeten Beifall durfte sie sich mit einigen Zugaben bedanken.“

Am 18. Mai 1928 brachte wieder das „Karlsruher Tagblatt“ etwas von Karl Hessemer über die Jubiläumsfeier zum 60. Geburtstag von Theodor Munz:

„In einer sehr stimmungsvollen Feier hat am vergangenen Freitag das Kollegium des Munz'schen Konservatoriums seinen Direktor […] geehrt. Ein von Frau Darmstadt verfaßter Vorspruch hat nicht nur den Jubilar herzlich erfreut und überrascht, sondern auch die zahlreich erschienenen Festgäste, die bis jetzt Frau Darmstadt wohl nur als hervorragende Pianistin und Lehrerin gekannt und geschätzt haben. [...] Frl. Ruth Porita, von Herrn [Richard] Slevogt am Flügel trefflich unterstützt, sang drei Lieder des Gefeierten mit der bei ihr gewohnten Meisterschaft. Zwei Chöre, ebenfalls Kompositionen des Jubilars, frisch und flott von Schülerinnen des Konservatoriums aus der Gesangsklasse von Frau Burg gesungen, umrahmten die schlichte, aber eindrucksvolle Feier. [...]“

Das Programm nennt die von Ruth vorgetragenen „Drei Lieder für Sopran (Th. Munz)“:
• Auf Bergeshöh'
• Die Nacht
• O grolle nicht!

Am 12. Juni 1930 erschien im „Frankfurter Illustrierten Blatt“ eine Anzeige unter dem Titel: „König Davids Harfe“:

„Joseph Klingele (Karlsruhe) hat, angeregt von der Zierfigur des Königs David am Freiburger Münster, eine chromatische Harfe gebaut, die trotz eines Umfangs von vier Oktaven sehr bequem zu handhaben ist und deren Preis etwa nur ein Zehntel des Preises einer großen Harfe beträgt. Das Instrument ist geeignet zum Solospiel wie zur Begleitung des Gesangs, nicht zuletzt auch zur Mitwirkung bei Kammermusik und im Salonorchester. Die Berliner Sängerin Ruth Porita-Poritzky hat es im Konzertsaal mit Erfolg erprobt.“

Das zugehörige Bild zeigt die Musikerin „mit der neuen Harfe“.

Im Karlsruher Adressbuch findet sich ab 1930 als selbständiger Eintrag: „Porita, Ruth. Opern- und Lautensängerin. Eisenlohrstr. 22.2“.

Nach 1933
Im Vorspann über die Karlsruher Unterrichtsanstalten nennen die Adressbücher 1929 bis 1932/33 unter „Munzsches Konservatorium: Theater- und Orchesterschule, Musiklehrerseminar. Vorbereitung für die staatliche Musiklehrerprüfung“: „Porita, Ruth, Musiklehrerin“.

Das Israelitische Gemeindeblatt, Ausgabe B vom 23. November lud im Dezember 1931 zum „Synagogenkonzert“ für die Winternothilfe der Gemeinde ein. In der „Vortragsfolge“ finden wir neben Mozart, Händel und Lewandowski:

3. Einstimmige Chorgesänge: Ruth Porita (Mitglied des Synagogenchors)
a) „Gott, wie ist deine Liebe so groß“
b) „Alles, was Odem hat“

Die Zeitung vom 20. Februar 1932 kündigte eine „Synagogale Feierstunde“ zum Volkstrauertag an. Neben Musik von Sulzer und Lewandowski und Solovorträgen gesungener Psalmen führt das Programm auf:

Einzelgesänge (mit Harfe und Orgel): Porita
„Die Gnade des Herrn“
„Dies aber ist die stärkste Liebe“.

Am 25. Mai 1932 schrieb dasselbe Gemeindeblatt:

Hinweis! Als Schlußlied am ersten Schowuostag gelangt eine Herrn Stadtrabbiner Dr. Schiff und Frau zugeeignete Komposition für Chor und Orgel unseres Gemeinde- und Synagogenchor-Mitglieds, Fräulein Ruth Porita – mit dem hebräischen Text des Psalms 29 Vers 11 – zum erstmaligen Vortrag.

Am 16. Dezember 1932 berichtete dieselbe Zeitung von einem weitere „Synagogen-Konzert“ zugunsten der Winternothilfe:

Im Lechododi von Lewandowski und der Keduscha von Munz kam Herrn Oberkantor Metzgers warmes, weit tragendes Organ zu schönster Geltung. Einstimmige Chorgesänge, von Frl. Ruth Porita komponiert, wirkten durch einfache, klare Linie. Herr Th. Munz, der das ganze Konzert leitete, […] dirigierte vor allem das imposante Schlußwerk von Hiller rhythmisch straff und mit ganzer Hingabe. Zu diesem Werke sang Frl. Else Eis die Soli mit leuchtendem Sopran sehr musikalisch und sicher [...]

Am 30. Oktober 1933 berichtete ein weiteres Mal Karl Hessemer in einer ungenannten Zeitung über eine „Opernaufführung im Munzschen Konservatorium“:

„Anerkannt werden darf […] die treffliche Vorarbeit der beteiligten Gesangslehrkräfte: Bürg-Steinmann, Porita, Bussard, Eiffler und Sonntag (Tänze). So ergaben die beiden Einakt-Werkchen, Händels Acis und Galathea und Bachs Kaffeekantate ein abgerundetes und wirkliches vortreffliches Bild [...]“

Auch wenn hier ein mutiger Kritiker Ruth Porita noch ein dreiviertel Jahr nach der braunen Machtübernahme würdigte: Bald nach 1933 waren jüdische Künstler/innen aus dem „offiziellen“ Kulturbetrieb ausgeschlossen. Im Adressbuch stand Ruth zwar noch ein paar Jahre, 1938 wird sie noch knapp als „Opernsänger“ (sic!) aufgeführt, 1939 ein letztes Mal, als „Organistin“, sie kann aber praktisch nur als Privatlehrerin und im Rahmen des Jüdischen Kulturbunds bzw. der Gemeinde tätig gewesen sein. So findet sich im „Israelitischen Gemeindeblatt, Ausgabe B“, am 13. Dezember 1933 die Anzeige:

„Musikunterricht
Gesang (Methode Prof. Beines=Darmstadt), Klavier, Guitarre (Laute), Davidsharfe (Honorar nach Übereinkunft) erteilt
Ruth Porita, Karlsruhe, Eisenlohrstr. 22“

Dieselbe Zeitung berichtete am 15. Dezember 1934:

„Die Ortsgruppe Karlsruhe im Reichsbund jüdischer Frontsoldaten lud ihre Kameraden und deren Angehörige für den 17. November 1934 zu einem Familienabend mit buntem Programm ein. Viele auswärtige Kameraden von kleinen Gemeinden hatten sich eingefunden, und so war der Saal der Loge überfüllt, als Kamerad Leopold Neumann, der Vorsitzende der Ortsgruppe, die Gäste begrǘßte. Er gedachte, wie bei allen Veranstaltungen, zunächst der gefallenen Kameraden und übergab dann die Leitung des Abends Kamerad Goldschmidt. […] Das Programm eröffnete unsere bekannte Opernsängerin Else Eis, die mit ihrer schönen Stimme zunächst zwei Arien aus Figaros Hochzeit zu Gehör brachte, um später noch Lieder von Brahms, womöglich noch schöner vorzutragen. Darauf folgte ein indischer Tempeltanz, von Fanny Jakubowitz hübsch getanzt. Unsere einheimische Lautensängerin Ruth Porita erfreute im ersten Teil mit ernsten, im zweiten Teil mit lustigen, zum Teil selbst komponierten Liedern zur Laute. Nach einem lustigen Pat- und Patachon-Tanz der Geschwister Jakubowitz […] führten Frl. Dreyfuß und Max Kaufmann einen Sketsch vor. […] ...ein vergnügter Familienabend, im wahrsten Sinne des Wortes.“

Im April 1935 berichtet wiederum das Israelitische Gemeindeblatt von einem Konzert des Synagogenchors:

[...] verdient die Vertonung des 114. Psalms durch Ruth Porita Hervorhebung. Es handelt sich um eine gut gesetzte, klangvolle Komposition, in welcher die Themen sinnvoll durch alle Stimmen und den Gesamtchor geführt, zusammen mit der Solostimme zu eindrucksvoller Wirkung kommen können. In der Aufführung kam dies indessen nicht voll zur Geltung, da der Chor sich in dem technisch nicht ganz einfachen Satz nicht richtig zusammenfand. Zudem war Frl. Porita selbst mit einer für den Raum der Synagoge nicht ausreichenden und vielleicht deshalb besonders in der Höhe sehr angestrengt klingenden Stimme trotz ehrlicher Bemühung nicht die richtige Interpretin ihres eigenen Werkes […]

Im Januar 1936 berichtete dieselbe Zeitung von einer Chanukka-Feier für alleinstehende Frauen:

Festlich gedeckte Tische wurden von der Menorah überragt, deren Lichter Oberkantor Metzger entzündete. Entsprechend der Aufforderung des Herrn Dr. Schiff setzten sich alle wie eine Familie zu Kaffee und Kuchen um die Tische. Frau Poritzky las eine im russisch-jüdischen Milieu spielende, längere Novelle ihres Gatten. Dann hörte man noch Frl. Porita mit Liedern zur Laute und Margot Wimpfheimer mit Gedichtvorträgen […]

Das Gemeindeblatt erwähnt im Februar 1936 in der Besprechung einer „Synagogalen Feierstunde“

Im Urtext und in Übersetzungen gelesene – die neue Bubersche Übertragung stand im Mittelpunkt – und in Kompositionen von Mendelssohn, Lewandowski, Porita, Rosenberg und Munz gesungene Psalmen.

Im August des Jahres kam im Gemeindeblatt ein kurzer Bericht aus Bruchsal von einer Schabbatfeier an Tischa b'Av:

Fräulein Ruth Poritzky, die Leiterin des Synagogenchores, sang, von Frau Lang verständnisvoll begleitet, ein selbst komponiertes „Klagelied über Zion“, das in seiner wehmutstiefen Geschlossenheit ergreifend wirkte. Mit warmer, wohltönender Stimme formte die Künstlerin die Trauer- und Klagestimmung des Liedes zu beseeltem Ausdruck.


Im selben „Gemeindeblatt“ gab das Stadtrabbinat am 9. Dezember 1936 zu den „gottesdienstlichen Feiern an den Chanukka-Tagen“ bekannt:

„Die Gesänge werden geboten
an beiden Dienstagen von Frl. Eis
am Mittwoch durch Frl. Poritzky
am Donnerstag durch Herrn Oberkantor [Simon] Metzger
am Sonntag durch Herrn Dr. Karl Mayer.“

In der Zeitschrift „Der Morgen“, 1925 von Prof. Julius Goldstein in Darmstadt gegründet, erschien in Heft 12, 1937 ein Beitrag von Helene Poritzky-Orzolkowski: „Hand und Kult“, in dem sie, anknüpfend an die in ihrer Zeit neu aufgekommene Hand-Kultur-Lehre (Manufaktologie), die menschliche Hand als kulturstiftende Instanz beschrieb. Der Kritiker und Musikerkollege ihrer Tochter, Karl Hessemer, war ein führender Vertreter dieser – heute vergessenen – kulturwissenschaftlichen Sparte.

Das Jüdische Gemeindeblatt für die Rheinpfalz berichtete im April 1938 von einem „Konzert des Karlsruher Synagogenchors“ in Landau:

Der Orgelpart wurden bei den meisten Stücken von Fräulein Ruth Poritzki aus Karlsruhe mit schönem Können und guter Einfühlungskraft versehen

Das Jüdische Gemeindeblatt für die Israelitischen Gemeinden in Baden meldete am 16. September 1938 aus der Gemeinde Karlsruhe:

„Synagogale Feierstunde
Am Sonntag 18. IX. 1938, abends 8 1/2 Uhr, dem ersten Selichostage, findet eine synagogale Feierstunde statt.
Die voraussichtlichen Mitwirkenden sind:
Frau Gisela Liebermensch-Schiff, Mannheim – Gesang.
Frl. Ruth Poritzky – Orgel.
Herr Oberkantor [Simon] Metzger – Gesang.
Herr Kapellmeister [Kurt] Stern – Orgel.
Herr Alfred Jacubowitz – Violine.
Der Synagogenchor.“

Die erste Nacht des Slichot-Betens ist eine spezielle Gemeindeangelegenheit im aschkenasischen Brauchtum, an der auch Frauen und Kinder teilnehmen: Bußgebete, regulär am letzten oder vorletzten Sonntag vor Rosh Hashana bis Yom Kippur (Versöhnungstag), mit besonderen Piyyutim, d.h. alten poetischen Gesängen in Anlehnung an die Wochentagsliturgie.
Unmittelbar danach wurde Ruth Poritzky angestellte Organistin der Gemeinde. Im August 1938 hatte ihr der Gemeindevorstand die durch die geplante Emigration des früheren Staatskappellmeisters Kurt Stern freiwerdende Stelle offeriert und im September mit einem monatlichen Gehalt von 80,- RM übertragen. Aus diesem Entscheid geht auch hervor, dass sie bis dahin Organistin in der Synagoge in Bruchsal gewesen war und man eigens um ihre Freistellung hatte bitten müssen.

Die fragmentarisch erhaltene Karlsruher „Judenkartei“ enthält mit Datum 14. August 1939 folgenden Eintrag zu Ruth Poritzky:

„Ausgeübter Beruf: Stenotypistin, angestellt.
Gelernter Beruf: Opernsängerin.
Kenntnisse: Kurzschrift, Maschineschreiben, Kochen, Musik (Orgel, Laute, Davidsharfe)“

Offenbar hatte sie für den Lebensunterhalt der Familie auch noch eine Bürotätigkeit aufgenommen. Über ihre Tante, die als „Schneiderin“ aufgeführte Henriette Orzolkowski geht aus der Kartei hervor, dass sie nach „zwei Oberschenkelbrüchen“ gehbehindert war. Dass sie beruflich sehr engagiert war und ihre Mutter und ihre beide Tanten zu unterstützten hatte, mag ein Grund dafür sein, dass Ruth unverheiratet blieb.

Anfang 1939 wurde die Verwendung der Zwangsnamen Sara und Israel eingeführt. So erschien von Ruth „Sara“ Poritzky am 25. April 1939 ein Artikel mit dem Titel „Der fünfte Schöpfungstag“ in den Ausgaben Berlin und Wien des „Jüdischen Nachrichtenblatts“. Am fünften Schöpfungstag (Gen. 1, 20-23) werden die Fische und Vögel erschaffen und gesegnet; der Mensch ist noch nicht da. Der Artikel schildert ein lebhaftes Gespräch unter den Schülern des Berditschewer Rabbi Levi Jitzchok (1740-1809), einem Gefolgsmann des Baal Shem Tov. Es geht um Gottvertrauen, um das Bejahen des eigenen, rätselhaften, auch leidvollen Schicksals. Auf der selben Seite des Nachrichtenblatts schrieb die ebenfalls 1902 in Berlin geborene Regina „Sara“ Jonas einen Artikel zum Pesach-Fest. Regina Jonas war nichts weniger als die erste in Deutschland ordinierte und tätige Rabbinerin überhaupt. –

Deportation und Tod
Bei der Volkszählung im Mai 1939 bereitete der NS-Staat mit Extra-Bögen für jüdische Haushalte die weitere Verfolgung vor, nachdem die Betroffenen schon seit Jahren mit Verboten, Auflagen und Sondersteuern drangsaliert worden waren. In der Eisenlohrstr. 22 II wurden erfasst: Helene Poritzky, ihre Tochter Ruth Rebekka und ihre beiden ledigen Schwestern Jenny Deborah und Henriette Ester Orzolkowski. Bei allen vier Namen steht der spätere Vermerk eines Nazibeamten: „Unbekannt abgewandert.“

Wie fast alle in Karlsruhe gebliebenen Jüdinnen und Juden wurden Ruth Poritky, ihre mutter Helene und die beiden Tanten Orzolkowski am 22. Oktober 1940 während des Laubhüttenfests (Sukkot) überraschend in den Morgenstunden festgenommen, mit dem Befehl zur Abschiebung. Innerhalb von ein oder zwei Stunden mussten alle ihre Sachen packen (50 kg Gepäck war erlaubt, Proviant für mehrere Tage, 100 RM, keine weiteren Wertsachen). Die Festgenommenen wurden nach „Waffen, Munition, Sprengstoff, Gift, Devisen“ durchsucht und zum abgesperrten „Fürstenbahnhof“ im Ostflügel des Hauptbahnhofs verfrachtet. Die verstörten, teils verängstigten, teils wütenden Menschen, über 900 an der Zahl vom Baby bis zum Greis, mussten zunächst stundenlang auf dem Vorplatz und am abgesperrten Bahnsteig warten, dann ging die dreitägige Reise in einfachen Personenwaggons Richtung Süden. Nach vielen Halten und noch immer im Unklaren über das Ziel erreichten die Passagiere am Freitag, dem 25. Oktober im strömenden Regen den Bahnhof Oloron-St. Marie im Departement Pyrénées-Atlantiques. Der Ort lag im von den Deutschen noch unbesetzten Süden Frankreichs. Lastwagen brachten die Deportierten in das „Camp de Gurs“, ein riesiges, absolut tristes Barackenlager, in dem auch Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs untergebracht waren. In 13 „Ilots“ beiderseits der langen Lagerstraße standen jeweils 25-27 weitgehend leere Baracken, ohne Fenster, nur mit Luftklappen versehen. Vom Regen aufgeweicht, war das abseits der Hauptstraße zumeist unbefestigte Lager eine für Ältere und Kranke fast unpassierbare Schlammwüste. Es gab nur je eine Latrine pro Ilot. Jedes Ilot war mit Stacheldraht und französischem Wachposten von den übrigen separiert; außerdem waren die Frauen von den Männern getrennt, kleinere Kinder ausgenommen. Nur gegen Bestechung oder z.B. bei Begräbnissen war es zunächst möglich, in andere Teile des Lagers zu gelangen.

Erst nach einigen Wochen konnten Hilfsorganisationen die Versorgungslage verbessern, vor allem für die Kinder; später trafen auch von Angehörigen im Ausland Pakete ein, an denen sich allerdings die ansonsten eher desinteressierte französische Lagerverwaltung regelmäßig selbst bediente. Etwa 600 vor allem ältere Menschen starben in den ersten drei Monaten an Entbehrungen, Unterkühlung, Ruhr u.a. Den ersten Winter überstanden auch die beiden Frauen Orzolkowski nicht. So starb am 24. Dezember 1940 die ältere der beiden, Jenny; am 3. Januar 1941 auch ihre Schwester, Henriette. Auf dem Deportiertenfriedhof in Gurs wird ihrer gedacht.

Am 10. August 1942, nach fast zwei Jahren in Gurs, wurden Helene und Ruth – neben weiteren 107 Personen aus Karlsruhe, darunter Ruths erwähnter Kollegin Elsa Eis – nach Drancy bei Paris verfrachtet. Dieses Durchgangslager, ein abscheuliches, überfülltes Provisorium in einem 200x400 Meter großen Wohnblock, verließen sie am 12. August mit insgesamt 1007 überwiegend älteren Menschen im „18. RSHA-Transport“ Richtung Osten.

In der Sommerhitze, ohne ausreichendes Wasser und ohne Platz zum Schlafen in den etwa 20 Güterwaggons kamen sie am 14. August im oberschlesischen Auschwitz an der „Alten Rampe“ außerhalb der Stadt an und wurden in das einige Kilometer entfernte Lager Auschwitz II (Birkenau) geführt, Kranke und Gebrechliche zumeist per Lkw, alle anderen mussten zu Fuß gehen. Ihr Gepäck wurde den Eintreffenden komplett gestohlen.
62 Frauen und 233 Männer wurden desinfiziert, kahl geschoren und in das Lager eingewiesen, die übrigen sofort vergast und – nach dem Herausbrechen eventueller Goldzähne – in einem der gerade neu erbauten Krematorien von Häftlingen des „Sonderkommandos“ verbrannt, die Asche in nahe gelegene Gewässer geschüttet.

Helene und Ruth Poritzky waren nicht unter den Überlebenden.

Eine in den USA lebende Cousine, Irma, Tochter von Therese geb. Poritzky, hatte mit ihrem Mann Louis Freeman während des Krieges vergeblich versucht, ihre beste Freundin Ruth nach Amerika zu holen. Das Ehepaar Freeman benannte nach ihr eine 1940 geborene Tochter: Ruth.

In der Musikaliensammlung aus dem Nachlass des Kantors Simon Metzger im Leo Baeck Institut in New York sind Noten zu Konzerten und Gottesdiensten der Synagoge Kronenstraße erhalten (Center for Jewish History, AR 6484), in denen sich allem Anschein nach auch Ruths Bleistift-Eintragungen finden. Es bleibt zu wünschen, dass ihre Kompositionen noch gefunden werden, denn auch das zeitgenössische Nachschlagewerk „Brückner-Rock“ (1938) belegt „u.a. Chorwerke, Lieder“ von ihrer Hand. Gut denkbar, dass sich von ihr Kompositionen für die Synagoge in Familien erhalten haben, die z.B. in die USA auswandern konnten.

Die Enkelinnen und Enkel von Therese Gutel-Poritzky und ihre Kindeskinder bewahren das Andenken der Familie; auch die Werke des schriftstellerisch begabten Großonkels sind unvergessen und werden auf Deutsch gelesen. Eine mit ihnen befreundete Germanistin in Oregon erarbeitet derzeit eine Dissertation über Jakob Elias Poritzky.

(Christoph Kalisch, April 2011, erweitert Oktober 2011)