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Schulfoto aus der Jüdischen Schule, Ingrid Billigheimer in der zweiten Reihe von unten, links außen

Personendaten

Ingrid Billigheimer

Nachname: Billigheimer
Vorname: Ingrid
Geburtsdatum: 5. September 1928
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Kurt und Irma B.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Hannelore
Adresse: bis 1930: Kaiserstr. 101/103
1930-1933: August-Dürr-Str. 1
1933-1940: Jollystr. 41
Schule/Ausbildung: 1934-1936: Gartenschule
Beruf: Schülerin
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
bis 3.9.1942 in Rivesaltes (Frankreich)
9.9.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Kurt und Irma, Ingrid und Hannelore Billigheimer

Es war im Jahre 1880, als die Brüder Jonas (geboren 1839) und lsaak (geboren 1846) Billigheimer aus Rappenau, zu dieser Zeit noch kein Bad, sich entschlossen, ihre Zukunft in der prosperierenden Landesmetropole Karlsruhe zu suchen. Sie waren die zwei ältesten Söhne von insgesamt zehn Kindern von Mayer Billigheimer, der bereits 1860 verstorben war. Die Familie lässt sich seit Ende des 18. Jahrhunderts in Rappenau nachweisen.
Jonas Billigheimer übersiedelte mit Frau und drei Kindern, lsaak mit Frau und Tochter nach Karlsruhe in die Schützenstraße 86. Das Haus hatten sie von dem Schreiner Franz Kohlbecker gekauft. Im Folgejahr erscheint erstmals die von ihnen gegründete Firma M. Billigheimer Söhne, Branntweinbrennerei, unter der gleichen Adresse. Die Firmierung unter dem väterlichen Namen lässt darauf schließen, dass dieser in Rappenau bereits das gleiche Gewerbe zusammen mit seinen Söhnen betrieben hatte.
1898 verlegte lsaak Billigheimer - der Bruder Jonas war 1886 gestorben – die Geschäftsräume unter gleichem Namen in die Schützenstraße 42. 1902 machten sich die Söhne des verstorbenen Jonas Billigheimer, Maier (geboren 1869) und Theodor (geboren 1871) mit einer eigenen Firma im gleichen Anwesen Schützenstraße 42 selbständig. Der Geschäftszweck war nunmehr Branntweinbrennerei und Weinhandel. Die Brüder trennten sich jedoch bereits zwei Jahre danach, im Jahre 1904. Meier Billigheimer betrieb - mit gleichem Geschäftszweck - eine eigene Firma in der Luisenstraße 24.
Maier Billigheimer heiratete am 31. Januar 1895 Melanie Löw in Rastatt, geboren 1871, Tochter des Möbelfabrikanten Siegmund Löw aus Rastatt. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, Kurt Julius und Willi Leo. Kurt wurde am 20. Juli 1897, Willi am 8. Dezember 1898 geboren, beide in Karlsruhe. Bereits 1912 starb der Vater Maier Billigheimer. Die Firma wurde unmittelbar danach liquidiert. Die Familie wohnte zu dieser Zeit in der Kaiserstraße 101. Der Mutter Melanie oblag es, ihre beiden Söhne allein aufzuziehen.

Von 1903 - 1906 besuchte Kurt Billigheimer die „Gartenschule" in der Gartenstraße, danach - von September 1906 - April 1914 das Humboldt-Realgymnasium bis zur Untersekunda. Seine schulischen Leistungen ließen sehr zu wünschen übrig, er musste deshalb die Untertertia (8. Klase) und Untersekunda (10. Klasse) wiederholen. Er erhielt daher auch nicht den „Einjährigenstempel", sondern ein Abgangszeugnis und auf ministerielle Verfügung den „Einjährig-Freiwilligschein". Die Mutter bestand jedoch darauf, dass er vor dem Militärdienst eine Ausbildung absolvierte. So trat er nach dem Schulbesuch 1914 als kaufmännischer Lehrling für eine zweijährige Lehrzeit in die Firma L.J. Ettlinger, Eisengroßhandlung mit dem Verkaufsbüro in der Kronenstraße 24, ein. Im Hinblick auf die anstehende Einberufung zum Wehrdienst wurde die Lehrzeit vorzeitig beendet.
Ende 1915, der Erste Weltkrieg befand sich in vollem Gang - wurde er zum Wehrdienst eingezogen, die militärische Grundausbildung absolvierte er in Villingen. Während des Krieges war er auch als Dolmetscher im französischen Frontabschnitt eingesetzt, weil er von seiner Schulzeit her gute französische Sprachkenntnisse erworben hatte. Er wurde dreimal verwundet und brachte es bis zum Unteroffizier. Mit Ende des Krieges wurde er aus dem Militärdienst entlassen. Eine Gefangenschaft blieb ihm erspart.
Nach der Militärzeit ging er zurück in seine Lehrfirma. Daneben war er in der Bibliothek des kaufmännischen Vereins „Zirkel" als Bibliothekar und außerdem aktiv in der Leitung der Sommer-Volkshochschulkurse tätig. Nach Aussagen des Bruders Willi war er auch langjährig Klavierschüler am Konservatorium in Karlsruhe. Ob er mit einer Musiker-Karriere geliebäugelt hatte?
Am 3. Januar 1927 heiratete Kurt Billigheimer in Eppingen Irma Hochherr, geboren am 27. April 1901 in Berwangen, einem Dorf im Kraichgau, heute Ortsteil von Kirchardt und zugehörig zum Landkreis Heilbronn. Sie war die Tochter von Moses Moritz Hochherr (geboren 1867 in Berwangen) und Marie Kahn (geboren 1873 in Mannheim). Moses Moritz Hochherr war Tabakhändler. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts lebte er in Eppingen. Einen Beruf hatte Irma Billigheimer nicht erlernt.
Nach der Hochzeit lebten Kurt und Irma noch in der Wohnung der Mutter in der Kaiserstraße 101, der Bruder Willi, der bereits 1922 geheiratet hatte und im gleichen Haus eine Maßschneiderei betrieb, war zu dieser Zeit bereits ausgezogen. 1930 zogen sie in die August-Dürr-Straße 1, ab 1933 wohnte die Familie dann - bis zur Deportation 1940 - in der Jollystraße 41.
Ab Oktober 1927 arbeitete Kurt Billigheimer als freier Handelsvertreter für die Ankerwerke in Bielefeld, damals ein sehr bekanntes Unternehmen für Registrierkassen und Buchungsmaschinen. Sein Verkaufsgebiet erstreckte sich - den Ausführungen des Bruders zufolge - von Hannover bis zur Schweizer Grenze. Er selbst nannte sich Generalvertreter. Ebenfalls nach Aussagen des Bruders verkaufte er moderne Registrierkassen an das Kaufhaus Knopf, Kaiserstraße (heute Karstadt). Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde sein Vertrag durch die Ankerwerke per 18. September 1933 aufgelöst, weil er Jude war.
Im Zusammenhang mit dem Wiedergutmachungsverfahren in den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, betrieben von der Mutter von Irma Billigheimer, Marie Hochherr, die nach dem Krieg in New York lebte, ergab sich auch die Frage nach den Einkünften von Kurt Billigheimer bei den Ankerwerken. Die von der Wiedergutmachungsbehörde an die Ankerwerke gerichtete Frage, zugleich mit dem Hinweis versehen, gegebenenfalls bei früheren Betriebsangehörigen oder Kollegen Erkundigungen einzuziehen, wurde von der Buchhaltung (!) beantwortet mit dem Bemerken, da B. Handelsvertreter gewesen sei, nicht Angestellter, könnten mangels Unterlagen keine Auskünfte erteilt werden, außerdem sei er kein guter Verkäufer gewesen. Im Kontext der Anfrage war diese - schon fast als gehässig zu bewertende - Antwort unübersehbar getragen vom „Geist“ jener Jahre, als der Antisemitismus in Deutschland noch hunderttausendfach nachwirkte.

Inzwischen waren am 5. September 1928 die Tochter Ingrid und am 28. Oktober 1929 die Tochter Hannelore geboren worden.
Kurt Billigheimer war nach seiner Entlassung noch bis 1938 als Vertreter für die Spiegelfabrik Joseph Kunreuther in Fürth, die einem entfernten Verwandten gehörte, tätig. Ende 1938 wurde die Firma aufgrund der Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus der Wirtschaft liquidiert. Von da ab musste die Familie von den Ersparnissen leben - eine schwere Zeit!
Die schlimmen Pogrome am 9./10. November 1938 hat Kurt Billigheimer nicht in Karlsruhe erlebt, und er hatte deshalb auch das Glück, nicht in das Konzentrationslager Dachau, wohin die jüdischen Männer aus Karlsruhe (und von vielen anderen Orten) deportiert wurden, gebracht zu werden, da er sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Karlsruhe sondern auf Geschäftsreise für seinen Arbeitgeber befand.
Ingrid und Hannelore Billigheimer besuchten ab 1934 bzw. 1935 - wie der Vater schon 30 Jahre zuvor - die „Gartenschule" in der Gartenstraße, die sich zur Wohnung „um die Ecke" befand. Ob und wie sie in dieser Zeit in der Schule die immer stärker werdende Judenfeindlichkeit von Lehrern und Mitschülern zu spüren bekamen, ist nicht mehr verifizierbar.
Ab September 1936 kamen sie dann, wie alle jüdischen Schüler und Schülerinnen in Karlsruhe, in die Lidellschule in der Markgrafenstraße, wo für den Schulbetrieb für die jüdischen Kinder vier Schulräume von 13 vorhandenen zur Verfügung standen, zwei weitere Räume waren im Gemeindezentrum in der Herrenstraße 14. Das war aber mit einem wesentlich längeren Schulweg für Ingrid und Hannelore verbunden. Dies ging bis zu den November-Pogromen 1938. „Da ein Unterricht an deutsche und jüdische Schüler im gleichen Gebäude nicht mehr in Betracht kommen kann" - so eine Erlass vom Dezember 1938 des Reichsministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung - konnte der Unterricht in diesem Gebäude nicht mehr fortgesetzt werden. Die Jüdische Gemeinde richtete daraufhin im gemeindeeigenen Gebäude Kronenstraße 15 einen Notbetrieb für den Schulunterricht ein. Das war mit vielerlei Erschwernissen verbunden, so dass der Unterricht trotz bester Absichten und großer Anstrengungen der Verantwortlichen eher mühselig war. Und so schleppte sich dieser Behelf bis zum 22. Oktober 1940 hin, als die Massendeportation der badischen Juden dem Schulbetrieb ein abruptes Ende setzte.

Im Rahmen eines vermutlich von der Jüdischen Gemeinde Zürichs organisierten Ferienprogramms für jüdische Kinder aus Süddeutschland kam Ingrid Billigheimer, die ältere Tochter, für einige Wochen Mitte 1938 oder Anfang 1939 (die genaue Zeit ist nicht mehr feststellbar) zu einer Schweizer Familie. Die Mutter schreibt in einem späteren Brief an die Familie, dieser Aufenthalt sei die schönste Zeit im Leben ihrer Tochter gewesen.

Die Billigheimers hielten mit dieser Schweizer Familie in den folgenden Jahren eine enge Verbindung. Zahlreiche Postkarten und Briefe daraus sind durch glückliche Umstände erhalten geblieben und erst jüngst entdeckt worden. Dadurch kann das weitere Schicksal der Familie Billigheimer im Folgenden teilweise bis in Details nachgezeichnet werden.

Mit Kriegsausbruch verfügten die deutschen Behörden für Karlsruhe und andere in der so genannten ,,roten Zone“ liegende Grenzregionen die Evakuierung von Kindern (unter 12 Jahren), sowie Alten (über 60 Jahren) und Kranken in weiter im Landesinnern liegende Städte und Gemeinden, da Karlsruhe im Schussfeld der französischen Artillerie lag und Artillerie-Angriffe befürchtet wurden. Diese Evakuierungsmaßnahmen galten obligatorisch nur für die nicht-jüdische deutsche Bevölkerung. Der jüdischen Bevölkerung war es anheim gestellt, über ihre Organisationen ebenfalls Evakuierungen durchzuführen, z.B. nach Halle, München und anderen Städten. So kamen Ingrid und Hannelore Billigheimer nach Fürth/Bayern, mutmaßlich am 5. September 1939. Sie waren dort in einem Jüdischen Waisenhaus, in dem es, wie Ingrid Billigheimer von dort aus am 29. Oktober 1939 schrieb, ,,sehr, sehr fromm zugeht“. In Fürth besuchten die Kinder eine Realschule. Wir wissen nicht, bis wann sie dort waren und ob der Aufenthalt durch die Jüdische Gemeinde in Karlsruhe oder von Vater Billigheimer eigeninitiativ organisiert wurde (er hatte eine Reihe von Jahren für eine Fürther Firma gearbeitet). Und wo waren die Eltern in dieser Zeit? In Karlsruhe? Oder in Backnang? In einem Brief von September 1942 schrieb Kurt Billigheimer nämlich von einer „Evakuierung“ nach Backnang, jedoch ohne nähere Einzelheiten.
Jedenfalls, im September 1940, vielleicht auch viel früher, waren alle wieder in Karlsruhe.
Ingrid schrieb, am 1. November 1940, dass es wieder Zeugnisse gebe, und offensichtlich freute sie sich darauf mit dem Hinweis, im letzten Zeugnis habe sie 10 Einser und 5 Zweier gehabt. Zur
Zeugniserteilung kam es jedoch durch die kommenden Ereignisse nicht mehr.

Der Bruder von Kurt Billigheimer, Willi, war bereits 1938 mit Familie nach Argentinien emigriert; so lag es auf der Hand, dass auch die Billigheimers in Karlsruhe alle Anstrengungen unternahm, um aus Deutschland weg zu kommen.
Im gleichen Brief sprach Ingrid auch von einer geplanten Ausreise im Sommer 1940 in die USA, die aber nicht zustande kam. Die Mutter teilte später aus Gurs mit, dass die Familie bereits im Januar 1940 (!) ,,mit Ach und Krach“ die Bürgschaft für eine Ausreise in die USA bekommen habe, aber die Schiffspassage von 1000 US $ für vier Personen von den Bürgen nicht aufgebracht werden konnte. Wer waren die Bürgen? Wir wissen es nicht. Weiter schrieb Irma Billigheimer, sie hoffe, dass die Bürgschaft bald erneuert nach Marseille käme (zum US-Konsulat), die Bürgschaft war also bereits verfallen. Passanträge beim Polizei-Präsidium Karlsruhe konnten jedoch nicht festgestellt werden.

Dann kam der „Schicksalstag" für die badischen und saarpfälzischen Juden, der 22. Oktober 1940, die in einer Blitzaktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, so auch Kurt und Irma Billigheimer, die Kinder Ingrid und Hannelore und auch die Großmutter Melanie.
Innerhalb von 20 Minuten (!), so schrieb Irma B, mußten sie ihre Wohnung verlassen, so dass natürlich viele notwendige Dinge einfach vergessen wurden, zumal niemand wusste, wohin es geht und was sie erwarten würde.
Gurs hat sich in das Gedächtnis der Überlebenden ,,eingebrannt“ mit Regen, Nässe, Schlamm. Hunger ohne Ende, Krankheiten, Dunkelheit (die Baracken hatten keine Fenster) - mit Worten kaum zu beschreiben. Und die Alten starben an Entkräftung, Schwäche, Hunger, vor allem in den ersten Wochen und Monaten in großer Zahl. Eine detaillierte Beschreibung finden wir bei den Buchautoren Josef Werner (,,Hakenkreuz und Judenstern“), Hanna Schramm (,,Menschen in Gurs“) und anderen.
Eine Begebenheit aus Gurs muß jedoch berichtet werden, weil sie anrührend ist und zugleich zeigt, wie unbekümmert-couragiert Kinder sein können: Hanna Moses, Tochter des Rechtsanwalts Nathan Moses, Ingrid Billigheimer, die ältere der beiden Billigheimer-Schwestern, und Paul Niedermann, Sohn des Friedhofgärtners der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe, unternahmen vom Lager aus eine „Exkursion". Ingrid wollte nämlich für ihre alte Großmutter Melanie Billigheimer auf irgendeine Weise außerhalb des Lagers einen Nachttopf erstehen, um ihr den weiten Weg von der Baracke zur Abortanlage und auch die Beschwerlichkeit wegen des Schlammes auf den Lagerwegen, zu ersparen. Das Trio kam auch tatsächlich unbehelligt aus dem Lager und erreichte nach langem Marsch den Markt von Navarreux. Dort wurde der Nachttopf gefunden und - obwohl keiner von den Dreien ein einziges Wort Französisch konnte - gekauft. Voller Freude kam Ingrid ins Lager zurück. Hanna und Paul marschierten dann noch weiter in ein anderes Dorf und ergatterten dort bei einem französisch-jüdischen Ehepaar heiß begehrte Lebensmittel.
Die Mutter von Irma Billigheimer, Marie Hochherr, bisher in der gleichen Baracke untergebracht, wurde am 18. Januar 1940 in eine ,,Altersbaracke“ verlegt, sicherlich ein schwerer Schlag, von Tochter und Enkelkindern getrennt zu sein.

Inzwischen gab es für die Kinder zwei bis drei Stunden täglich Schulunterricht - für die Mutter und die Kinder eine sichtliche Erleichterung für das trostlose und beschwerliche tägliche Dasein auf den Strohsäcken, auf dem Boden liegend, meist eingehüllt in eine Decke wegen der Kälte, ein ,,Dahinvegetieren“, wie Irma beschrieb.
Mitte März 1941 wurde die Familie - und viele andere auch - nach Rivesaltes (bei Perpignan) verlegt. Von den Betroffenen wurde die Verlegung mit großer Erleichterung und der Hoffnung auf ein besseres Leben aufgenommen. Tatsächlich waren die klimatischen Bedingungen dort besser (weniger Regen, weniger Matsch), aber die Versorgungssituation war genau so miserabel wie zuvor, die Bewachung eher strenger. Hunger war der tägliche Begleiter. Ingrid schreibt, sie kochten sich Gänseblümchenblätter als Gemüse in einer als Ofen improvisierten, mit Luftlöchern versehenen Konservendose.

Am 3. Juli 1941 starb der Vater von Irma Billigheimer, Moritz Hochherr, an Entkräftung in Rivesaltes. Er war 1938 zusammen mit seiner Frau Marie von Eppingen nach Karlsruhe gekommen, um dem unerträglichen Druck, dem die Juden in Eppingen ausgesetzt waren, vor allem durch den Bürgermeister und Ortsgruppenleiter Zutavern, in der ,,Anonymität“ der Großstadt zu entgehen.

Am 15. Juli 1941 kam Kurt Billigheimer in Perpignan ins Krankenhaus. Voller Sorge berichtet seine Frau Irma am 21. Juli 1941, dass die Tochter Ingrid 40o C Fieber habe. Am nächsten Tag wurde sie mit „Gelbsucht“ ins Krankenhaus in Perpignan gebracht, unmittelbar danach auch die Tochter Hannelore, ebenfalls mit Gelbsucht. Irma schreibt, Ingrid sei zum Skelett abgemagert, und sie selbst wiege nur noch 39 kg. Auch Kurt Billigheimer bekam - im Krankenhaus – „Gelbsucht“.
Da die Ausreise der Familie in die USA offensichtlich in unerreichbare Ferne gerückt war, meldete Irma Billigheimer ihre Kinder schweren Herzens am 25. August 1941 für eine Ausreise in die USA durch die Organisation ,,American Friends“ an.
Am 15. September 1941 schrieb sie, dass die Kinder - nach langem Krankenhausaufenthalt- wieder bei ihr seien.

Immer wieder wird aus den Briefen der Familie Billigheimer deutlich, welche große Hilfe die Lebensmittel-Pakete und die Geldsendungen der Schweizer Familie waren. Und wiederholt fragt Irma Billigheimer auch nach Informationen. ,,Wir hören hier gar nichts, leben ganz hinterm Mond und möchten doch so gerne wissen, was in der Welt geschieht“. Die Briefe, die sie aus der Schweiz erhielten, waren - trotz strikter Briefzensur im Lager – „Fenster zur Außenwelt“. Mehrfach wurde auch gefragt, was wohl mit der Wohnung in Karlsruhe sei.

„Inzwischen haben die Kinder etwas Schule“, schrieb die Mutter am 2. Oktober 1941 mit
Erleichterung, weil sie sonst keine Beschäftigung hätten und hofft, dass die Kinder in Kürze in
die USA kämen.
Vier Wochen später bekam Kurt B. - er lag noch immer im Krankenhaus - zum zweiten Mal
„Gelbsucht“.
Voller Hoffnung teilte Irma Billigheimer am 31. Oktober 1941 mit, die Papiere für den Amerika-Transport der Kinder seien in Ordnung, es fehle nur noch die Genehmigung der Präfektur in Marseille, die Kinder kämen mit Bestimmtheit nach Marseille und von dort in die USA.
Aber bald stellte sich heraus, dass der Kindertransport sich verzögerte. Deshalb beschloss sie, ihre beiden Kinder bis zur Ausreise in die USA in einem Kinderheim unterzubringen.
Doch am 10. Dezember 1941 ist von Irma Billigheimer zu hören, dass die Kindertransporte eingeschlafen zu sein schienen; die Kinder sollten nunmehr dringlich in ein Kinderheim kommen, ,,denn hier ist ein Bleiben im Winter kaum möglich“. Sie meldete deshalb die Kinder für eine Unterbringung in einem OSE-Heim (Oeuvre pour le Secours des Enfants - eine jüdische Kinderhilfs-Organisation) an.

Ingrid und Hannelore befanden sich aber erst ab dem 16. März 1942 im Kinderheim Le Couret (bei Ambazac nahe Limoges, Departement. Haute Vienne), den Winter hatten sie nun doch in Rivesaltes verbringen müssen. Die Ernährungssituation war offenbar genau so schlecht wie zuvor in Rivesaltes. ,,Hannelore“, so notierte Ingrid, ,,ist das magerste Kind von allen (ca 80 Kinder) im Heim“. Und weiter: ,,Oft sitze ich da und weine vor lauter Sorgen und Heimweh. Wenn nur nicht immer die Ungewißheit wäre“. Und zum ersten Male ein Hilfeschrei: ,,Helft mir doch bitte alle“. Noch immer gebe es keine Schule. Die Mutter habe schon ihren Morgenrock versetzt, um Geld für Briefmarken zu haben.

Am 15. Juli 1941 kam Kurt Billigheimer in Perpignan ins Krankenhaus. Voller Sorge berichtete Irma am 21. Juli.1941, dass die Tochter Ingrid 40o C Fieber habe. Am nächsten Tag wird sie mit Gelbsucht ins Krankenhaus in Perpignan gebracht, unmittelbar danach auch die Tochter Hannelore, ebenfalls mit Gelbsucht. Irma schreibt, Ingrid sei zum Skelett abgemagert, und sie selbst wiege nur noch 39 kg. Auch Kurt Billigheimer bekam - im Krankenhaus – „Gelbsucht“.

Da die Ausreise der Familie in die USA offensichtlich in unerreichbare Ferne gerückt war, meldete Irma Billigheimer ihre Kinder schweren Herzens am 25. August 1941 für eine Ausreise in die USA durch die Organisation ,,American Friends“ an.
Am 15. September 1941 schrieb sie, dass die Kinder - nach langem Krankenhausaufenthalt -wieder bei ihr sind.

Immer wieder wird aus den Briefen deutlich, welche große Hilfe die Lebensmittel-Pakete und die Geldsendungen der Schweizer Familie für die Familie Billigheimer waren. Wiederholt fragte Irma Billigheimer auch nach Informationen. ,,Wir hören hier gar nichts, leben ganz hinterm Mond und möchten doch so gerne wissen, was in der Welt geschieht“. Die Briefe, die sie aus der Schweiz erhielten, waren - trotz strikter Briefzensur im Lager - Fenster zur Außenwelt. Mehrfach wurde auch gefragt, was wohl mit der Wohnung in Karlsruhe sei.

„Inzwischen haben die Kinder etwas Schule“, schreibt die Mutter am 2. Oktober 1941 mit
Erleichterung, weil sie sonst keine Beschäftigung haben und hofft, dass die Kinder in Kürze in
die USA kämen.
Vier Wochen später bekam Kurt Billigheimer - er ist noch immer im Krankenhaus - zum zweiten Mal „Gelbsucht“.
Am 31. Oktober 1941 schrieb Irma Billigheimer voller Hoffnung, die Papiere für den Amerika-Transport der Kinder seien in Ordnung, es fehle nur noch die Genehmigung der Präfektur in Marseille, die Kinder kämen mit Bestimmtheit nach Marseille und von dort in die USA.
Aber bald stellte sich heraus, dass der Kindertransport sich verzögerte. Deshalb beschloss Irma
die Kinder in einem Kinderheim unterzubringen, bis sie in die USA reisen können. Am
10. Dezember 1941 berichtete die Mutter, die Kindertransporte scheinen eingeschlafen zu sein; die Kinder sollten nunmehr dringlich in ein Kinderheim kommen, ,,denn hier ist ein Bleiben im
Winter kaum möglich“. Sie meldete deshalb die Kinder für eine Unterbringung in einem OSE-Heim (Oeuvre pour le Secours des Enfants - eine jüdische Kinderhilfs-Organisation) an.

Ab 16. März 1942 befanden sich die Kinder im Kinderheim Le Couret (bei Ambazac nahe Limoges, Departement Haute-Vienne), den Winter hatten sie nun doch im Lager Rivesaltes verbringen müssen. Die Ernährungssituation im Heim war offenbar genau so schlecht wie zuvor in Rivesaltes. ,,Hannelore“, so schreibt ihre Schwester Ingrid, ,,ist das magerste Kind von allen (ca 80 Kindern) im Heim“. Und weiter: ,,Oft sitze ich da und weine vor lauter Sorgen und Heimweh. Wenn nur nicht immer die Ungewissheit wäre“. Und zum ersten Male ein Hilfeschrei: ,,Helft mir doch bitte alle“. Noch immer gebe es keine Schule. Die Mutter habe schon ihren Morgenrock versetzt, um Geld für Briefmarken zu haben.

Am 8. April 1942 starb Kurt Billigheimers Mutter Melanie an Schwäche im Krankenhaus in Perpignan, sie war auf die Hälfte ihres Normalgewichtes abgemagert gewesen.

Am 21. April 1942 teilte Irma Billigheimer mit, dass nur noch Kinder bis zwölf Jahre nach den USA kämen, Ingrid und Hannelore seien ganz unglücklich darüber. Damit war auch die letzte Hoffnung auf eine Ausreise verflogen.
Ingrid bemerkte in einem Schreiben vom 1. Juni 1942, der Vater - noch immer im Krankenhaus - wiege nur noch 50 kg. Und zur Situation im Heim: ,,Hier ist es grässlich“. Und wieder musste sie ins Krankenhaus, diesmal in Limoges. Aus den Worten der Mutter wird die Verzweiflung deutlich: ,,Werden die Sorgen nicht einmal ein Ende nehmen? Ist es nicht bald genug?“
Aus einer Mitteilung von ihr am 25. August 1942 abgesendet, ist zu entnehmen, dass die OSE versuchen wollte - so ihre Worte - ,,alle Kinder bis 18 Jahre in die USA zu bringen“.

Die Ereignisse nahmen bald darauf einen dramatischen anderen Verlauf. Aus einem Schreiben von Kurt Billigheimer am 27. August 1942 entnehmen wir, dass seine Frau sei schon zweimal dazu bestimmt worden war, abtransportiert zu werden, aber seinetwegen zurück gestellt worden war.
Zehn Tage später berichtete er in tiefster Verzweiflung, er habe soeben erfahren, dass die Kinder am 2. September 1942 von Le Couret zur Mutter gebracht und am 4. September 1942 alle zusammen abtransportiert worden seien - ob direkt nach Drancy, im Sammellager bei Paris für die Transporte nach Auschwitz (und anderen Vernichtungslagern) oder zunächst nach Gurs und von da nach Drancy, bleibt ungeklärt.
Am 11. September 1942 wurden Irma und Ingrid und Hannelore Billigheimer nach Auschwitz transportiert. Vom gleichen Tage, also vermutlich unmittelbar vor dem Abtransport, datiert noch eine Karte von lrma Billigheimer aus Drancy an ihren Mann, mit Grüßen der Kinder und dass sie auf der Fahrt in Richtung Osten seien; ihrer Mutter schrieb sie, dass sie voraussichtlich nach Kattowitz/Oberschlesien kommen sollen.
Kurt Billigheimer blieb ahnungslos über das Schicksal, das „seine Lieben“ erfahren haben mussten. Am 2. Dezember 1942 äußerte er, immer noch keine Nachricht von Frau und Kindern zu haben. ,,Täglich, fast stündlich, muss ich an meine Familie denken, und je länger ich ohne ein Lebenszeichen bin, umso schlimmer wird die Angst und Sorge. Es ist eine so unmenschlich harte Probe, die zu ertragen mir fast unerträglich scheint. All mein Denken gilt nur meinen Lieben, und wenn ich nicht die Hoffnung hätte, sie wiederzusehen, wäre mein Sein unwert“.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit waren Irma, Ingrid und Hannelore Billigheimer unmittelbar nach Ankunft in Auschwitz ermordet worden. Sie wurden - in den 1950er Jahren - auf den 31. Dezember 1945 amtlich für tot erklärt.

Am 5. April 1943 schrieb Kurt Billigheimer in seiner letzten Karte an die Schweizer Familie, seine Schwiegermutter sei nach Masseube in ein Lager für alte Frauen gekommen.
Am 18. November 1943 war er selbst von Perpignan aus dem Krankenhaus gekommen. Wohin? Wieder ins Lager Rivesaltes? Wir wissen es nicht. Sicher ist, dass er am 7. Dezember 1943 von Drancy nach Auschwitz transportiert wurde. Dort muss er bei Ankunft „auf der Rampe“ als arbeitsfähig selektiert worden sein, denn er kam in das Arbeitslager Monowitz (KZ der Buna-Werke der IG-Farben-Industrie, Auschwitz III) und erhielt die Häftlings-Numer 167 467. Aber bereits nach wenigen Tagen kam er in den Krankenbau Monowitz, von wo er am 17. Januar 1944 wieder entlassen, also als arbeitsfähig eingestuft wurde. Am 14. Februar 1944 verstarb er aber im Krankenbau in Monowitz. Wann er dort wieder eingeliefert wurde, ist nicht dokumentiert.
Im März 1944 erhielt seine Schwiegermutter Marie Hochherr im Lager Masseube noch eine Karte von ihm aus Monowitz, mit der er ihr mitteilte, dass es ihm gut gehe. Zu diesem Zeitpunkt, als sie die Karte erhielt, war er bereits tot.

Nachzutragen ist: Marie Hochherr, Irma Billigheimers Mutter, hat im Lager Masseube überlebt. Sie konnte nach dem Krieg in die USA zu ihren vor dem Krieg ausgewanderten Nichten - Kinder des Bruders ihres Mannes, Bernhard Hochherr, der von Karlsruhe am 22. August 1942 nach Theresienstadt deportiert worden war und dort am 31. August1942 verstarb -auswandern und ist 1964 in New York 91-jährig gestorben.

(Wolfgang Strauß, Mai 2003)