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Auguste Palm, 1939. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Auguste Palm

Nachname: Palm
geborene: Flegenheimer
Vorname: Auguste
Geburtsdatum: 23. März 1864
Geburtsort: Odenheim/Bruchsal (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Simon und Ernestine, geb. Gundersheimer, F.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Isak P. (13.7.1849-1.3.1929;

Mutter von Julius (1885-1886), Moses und David
Adresse: Friedrichstr. 3
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
28.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Auguste Palm geborene Flegenheimer

Das einzige Bild, das von Auguste Palm vorliegt, ist das Foto auf ihrem Ausweis von 1939 mit dem großen „J“ und den Fingerabdrücken. Zuvor hatte sie als Jüdin den zusätzlichen Vornamen „Sara“ annehmen müssen. Der freundlichen, nachdenklich blickenden Frau sieht man weder ihre fast 75 Jahre noch die Energie an, die ihre Unterschrift zeigt.

Als Ochsenwirtstochter Augusta Flegenheimer kam sie am 23. März 1864 in Odenheim zur Welt. Ihr Vater Simon Flegenheimer, am 28. März 1830 als Sohn des in Odenheim ansässigen Handelsmanns Moses Flegenheimer und der Dusetta Mannheimer geboren, war Tabakhändler, hatte 1855 das Gasthaus zum Ochsen in Odenheim gekauft und betrieb die Wirtschaft und die im Hause eingerichtete Bäckerei erfolgreich weiter.

Ihre Mutter Ernestine geborene Gundersheimer stammte aus Hainstadt, heute ein Ortsteil von Buchen im Odenwald. Dort war sie als Tochter des Viehhändlers und Weinwirts Feist Guntersheimer (Schreibweisen verschieden) und dessen Frau Karolina geborene Halle aus Hardheim zur Welt gekommen, allerdings unter einem anderen Vornamen, wahrscheinlich, weil es ähnlich klingt, als Ester (* 22. Februar 1834), wenn nicht als Magdalena (* 16. September 1832) oder Göhle (* 5. Mai 1838), nach deren Geburt die Mutter tags darauf starb.

Nachdem sie bereits 1855, im Jahr des Ochsenkaufs, als erstes Kind eine Tochter bekommen hatten, heirateten Augusta Flegenheimers Eltern 1857 und bekamen bis 1869 insgesamt zehn Kinder, von denen Augusta das sechste war, acht Mädchen, von denen eines als Säugling starb, und zwei Knaben, Aaron und Moses. Letzterer wurde am 22. Oktober 1940 von Karlsruhe aus nach Gurs deportiert und starb dort am 12. Dezember desselben Jahres. Da die ab 1870 von der Gemeinde Odenheim geführten Standesbücher verschollen sind, ist unbekannt, wie viele weitere Kinder es gab. Es müssen aber mindestens drei gewesen sein: Adolf und Isidor, die im Ochsen 1898 eine Zigarrenfabrikation aufmachten, deren Hauptsitz 1914 nach Heidelberg verlegt wurde, und Lina, siehe unten.

Kaum 20 Jahre alt, heiratete Augusta Flegenheimer den 15 Jahre älteren Grötzinger Handelsmann Isak Palm (* 13. Juli 1849). Die Hochzeit war wohl in Odenheim, in Grötzingen ist sie jedenfalls nicht beurkundet. Isak Palm entstammte einer weit verzweigten Familie von Handelsleuten, Viehhändlern, Metzgermeistern und Kaufleuten. Seine Urgroßeltern Raphael und Mindel Palm, von denen alle jüdischen Palms am Ort abstammten, waren bereits 1770 in Grötzingen ansässig.

Isak Palm und seine Frau hatten ein Schuhgeschäft im Haus Friedrichstraße 3. Im Jahr 1939 bescheinigte das Bürgermeisteramt Grötzingen, dass das Haus ca. 100 Jahre alt ist und am 14. März 1883 von den Verkäufern erworben wurde. Wenn der Erwerb kurz vor der Hochzeit stattfand, war Auguste gerade 19 Jahre alt.

Auguste Palm brachte drei Kinder zur Welt, drei Söhne. Der am 30. Juli 1885 geborene Julius starb allerdings bereits am 28. August 1886. Die beiden anderen, der am 1. September 1887 geborene Moses und der am 13. Mai 1890 geborene David, wurden erwachsen.

Am 23. Oktober 1893 verzeichnete das Grötzinger Standesamt die Meldung von Isak Palm, dass Lina Flegenheimer, ledig ohne Gewerbe, 16 Jahre alt, israelitischer Religion, wohnhaft zu Grötzingen, geboren zu Odenheim, Tochter des Ochsenwirts Simon Flegenheimer und dessen Ehefrau Ernestine geborene Gundersheimer, am selben Tag in seinem Hause verstorben sei. Demnach war Augustes Schwester nicht nur zu Besuch da. Ob sie krank war oder ganz überraschend starb, ist nicht überliefert.

In der 1899 herausgegebenen „Festschrift zum Hundertjährigen Jubiläum der Erbauung der Synagoge in Grötzingen“ ist Isak Palm als eines der 25 Mitglieder der israelitischen Gemeinde Grötzingen aufgeführt. Für die Wiederherrichtung der Synagoge stellten 18 dieser Mitglieder im selben Jahr zwischen 50 und 375 Mark als zinslose und unkündbare Darlehen zur Verfügung. Isak Palm war mit 100 Mark dabei; er war wohl weder arm noch besonders begütert. Über 20 Jahre war er im Vorstand der Gemeinde in Grötzingen, wofür ihm 1928 der Oberrat der Israeliten Badens eine Ehrenurkunde verlieh.

Im Schuljahr 1901/1902 besuchte Augustes Sohn David die Sexta der Oberrealschule in Karlsruhe, heute Kant-Gymnasium, allerdings mit so geringem Erfolg, dass er nicht versetzt worden wäre, und trat im März 1902 wieder aus. Beide Söhne lernten nach der Schulzeit Kaufmann. Am Rand von Moses’ Geburtseintrag im Standesbuch ist unter dem 30. September 1911 vermerkt, dass er amtlich ermächtigt wurde, seinen Vornamen in „Manfred“ zu ändern. Offenbar war das für den 24-Jährigen beruflich von Vorteil.

In einer eidesstattlichen Versicherung schrieb David Palm im Januar 1958 aus New York an das Landesamt für die Wiedergutmachung Karlsruhe: „Ich wurde am 13. Mai 1890 in Grötzingen b/Karlsruhe als Sohn jüdischer Eltern geboren. Mein Vater war Isak Palm und meine Mutter Auguste geb. Flegenheimer. Ich besuchte die Realschule in Karlsruhe und lernte dann als Kaufmann. Während des ersten Weltkrieges diente ich an der Front und wurde dreimal verwundet.“

Das Bürgermeisteramt Grötzingen bescheinigte 1939, dass David bis einschließlich Juli 1908 und dann wieder von Ende Dezember 1918 bis einschließlich Juni 1921 in Grötzingen gemeldet war. Als er mit 18 Jahren von Grötzingen wegging, hatte er wohl seine Kaufmannslehre fertig und wurde zum Militär eingezogen und wenige Jahre später zum Kriegsdienst. Mit Manfred dürfte es ähnlich gewesen sein.

Ab Juli 1921 lebten Isak und Auguste Palm wieder alleine. Aus den folgenden Jahren fanden sich im Archiv der Druckerei Hafner zwei Anzeigen des Schuhhauses Palm im „Pfinztäler Boten“. Die eine ist vom Februar 1924, aus der Inflationszeit, die andere vom Februar 1926. Das Haus in der Friedrichstraße hatte damals noch die Hausnummer 2.

1929 starb Isak Palm. Die Todesanzeige im Pfinztäler Boten lautete:
„Heute entschlief nach kurzem schweren Krankenlager mein lieber Mann, unser guter Vater, Schwiegervater und Großvater
Isak Palm
im Alter von nahezu 80 Jahren.
Grötzingen, Düsseldorf, den 1. März 1929
Die trauernden Hinterbliebenen:
Auguste Palm geb. Flegenheimer
Manfred Palm
David Palm
Elsbeth Palm geb. Marcus und 2 Enkelkinder
Die Beerdigung findet Sonntag, den 3. März, nachm. 4 Uhr vom Trauerhause aus statt.“

Das Grab von Isak Palm ist noch heute auf dem Grötzinger Judenfriedhof zu finden. Sowohl Manfred mit seiner Frau Elsbeth und den beiden Kindern Alice und Ernst als auch David lebten 1929 anscheinend in Düsseldorf.

Nach dem Tod ihres Mannes räumte Auguste Palm das Erdgeschoss ihres Hauses und vermietete es 1930 an die Schneidereheleute Christian Schübel und Mina (Wilhelmine) geborene Kurz. Die im selben Jahr geborene Tochter Martha Wagner geb. Schübel erinnert sich noch gut an ihre Kindheit im Hause Palm. Ihr ist Frau Palm als vornehme alte Dame in Erinnerung, die immer akkurat und gut gekleidet war. Die Kinder durften sie gerne besuchen und erhielten Bonbons oder in der Osterzeit Matzen. Auch David, ein gestandener Mann, war lieb zu den Kindern, brachte ab und zu etwas mit und machte nach Otmar Schübels Erinnerung sogar den Nikolaus für die Kinder.

Die Wohnung von Familie Schübel hatte ein großes und ein kleines Zimmer zur Straße und ein Zimmer und die Küche zum Hof. In einem der Zimmer war Herrn Schübels Schneiderwerkstatt. Der Eingang mit der Treppe nach oben war von der Hofeinfahrt aus. Frau Wagner weiß nichts von einem Schuhverkauf. Dieser wird früher in einem der unteren Zimmer stattgefunden haben und mit der Räumung des Erdgeschosses von Auguste Palm aufgegeben worden sein.

David Palm schrieb in seiner eidesstattlichen Versicherung: „Nach dem Kriege war ich in verschiedenen Warenhäusern tätig. Vom Jahr 1930 bis August 1935 war ich Leiter der Schuhabteilung im Warenhaus Hermann Tietz in Gera, Thüringen. Mein monatliches Gehalt betrug RM 600,–. Im Juli 1935 wurde ich als Jude entlassen. Ich konnte keine andere Stelle finden und begab mich nach Grötzingen zurück. Ich lebte dort von meinen Ersparnissen.“

Auguste Palm und ihr Sohn David lebten damals sehr zurückgezogen und hatten selbst zu den anderen Juden im Ort wenig Kontakt. Die 1930 geborene Ruth aus einer weitläufig verwandten Familie Palm in der Nachbarschaft erinnert sich, dass die Beziehungen nur förmlich waren.

Als nach der Reichspogromnacht im November 1938 alle erwachsenen männlichen Juden verhaftet wurden, traf es auch David. Er wurde am 11. November 1938 in der Kategorie „Sch. J.“ (Schutzhaft Jude) ins KZ Dachau eingeliefert und bis zum 22. Dezember 1938 dort inhaftiert. Was dies bedeutete, wissen wir aus Berichten von Leidensgenossen: Misshandlungen, Hunger, Kälte und Schlafentzug. Danach wollte er so schnell wie möglich auswandern. Im Friseurehepaar Hanold fand Familie Palm Käufer für ihr Haus und schloss schon am 30. Dezember 1938 beim Notariat Karlsruhe-Durlach II den Vertrag über den Verkauf des Hauses für 12.000 RM (Reichsmark) ab. Darin ist als Manfred Palms Wohnung Münster i.W., Antoniuskirchplatz 22 angegeben. Die Auflassung (Übertragung des Eigentums) sollte beim Tod oder der Auswanderung von Auguste Palm geschehen.

Nachdem der NSDAP-Kreiswirtschaftsberater und danach auch der Badische Finanz- und Wirtschaftsminister dem Hausverkauf mit dem Hinweis, dass noch eine devisenrechtliche Genehmigung einzuholen ist, zugestimmt hatten, wurde der Kaufvertrag am 6. Februar 1939 geändert und die sofortige Auflassung vereinbart. Außerdem wurde Auguste Palm das Recht zugesprochen, den ganzen zweiten Stock für eine monatliche Miete von 5 RM „lebtäglich“ zu bewohnen, und beurkundet, dass Manfred Palm auf den ihm gemäß Erbschein von 1936 zustehenden Erbteil von 3/8 zugunsten seiner Mutter verzichtet.

Vertragsgemäß hatten die Käufer den Kaufpreis einen Monat nach der Auflassung auf ein Sperrkonto des Notars einzuzahlen, der dann die Anteile auszahlen sollte. Auf David Palms Konto bei der Badischen Bank, dessen Auszüge von 1938 und 1939 sich in den Akten finden, ging keine solche Zahlung ein. Dass auch Auguste Palm kaum etwas erhielt, geht indirekt aus den Akten hervor, siehe Nachwort. Wie beim Hausverkauf der Familie Weil an die Familie Schübel wird der „Generalbevollmächtigte für das jüdische Vermögen in Baden“ das Geld eingestrichen haben, ganz im Sinne der Absicht der Nationalsozialisten, die Juden auszurauben.

Zum Vermögen von Auguste Palm und ihren Söhnen gehörte außer dem Haus ein 16,23 a großer Acker, Flurstück Nr. 3747, im Gewann Hofacker mit „Niederlager“ und Gebäuden. Über diesen Acker schrieb Bürgermeister Franz Scheidt am 9. Januar 1939 an sie: „Die Gemeinde ist Liebhaber dieses Grundstücks. Aufgrund der VO. über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3. 12. 1938 ersuche ich Sie, dieses Grundstück alsbald zu veräussern und der Gemeinde bis zum 16.1.1939 über den Kaufpreis ein angemessenes Angebot zu machen. Jch mache darauf aufmerksam, dass nicht ein etwaiger Verkehrswert, sondern nur der Ertragswert des Grundstücks als Verkaufspreis in Frage kommen kann.“ Das Schreiben war adressiert an „Frau Jsaak Palm, Kaufmanns Witwe, Auguste geb. Fleckenheimer“ statt „Flegenheimer“ – ein zeitgemäßer kleiner Scherz.

In dem offenbar von David in feinsäuberlicher Handschrift geschriebenen und von ihr in ihrer eigenwilligen Art unterzeichneten Angebot vom 12. Januar 1939 nannte sie als Preis den Steuerwert von 1.600 RM und wies darauf hin, dass der Acker bis 1. Dezember 1940 verpachtet ist. Da Ortsbauernführer Karl Schaber den Wert des Grundstücks samt Birnbaum auf nur 650 RM geschätzt hatte, geschah zunächst nichts.

In den Gemeindeakten ist dokumentiert, dass sich Manfred Palm „hier in seinem Heimatorte für kurze Zeit aufgehalten hat“, da sein nach Grötzingen gesandtes Persönlichkeitsblatt am 17. April 1939 wieder nach Münster i.W. zurückgeschickt wurde.

Am 18. April 1939 schrieb das Bürgermeisteramt Grötzingen an das Badische Finanz- und Wirtschaftsministerium: „Der Jude David Palm in Grötzingen, der mit seiner Mutter Auguste Sara Palm das Haus bewohnt, wandert am 11. Mai 1939 nach Amerika aus. Wir bescheinigen hiermit dem Eugen Hanold, dass seinem Einzug in das Judenhaus, nach Wegzug des Juden David Jsrael Palm, nichts im Wege steht. Wir bitten um Erteilung der Genehmigung zur Eintragung des Kaufvertrags im Grundbuch von Grötzingen.“ Nachdem Familie Schübel am 6. Juni 1939 das Haus Niddaplatz 3 von der jüdischen Familie Weil gekauft hatte, konnte sie ihre Wohnung für Familie Hanold frei machen.

Mit einem beim US-Konsulat in Stuttgart erhaltenen Visum reiste David Palm am 8. Juni 1939 auf dem Dampfschiff „Deutschland“ der Hamburg-Amerika-Linie von Hamburg nach New York ab. Zuvor hatte er 1.400 RM Judenvermögensabgabe und für die mitgenommene Kleidung 2.250 RM Umzugsabgabe zahlen müssen.

Nach dem Erlass des Badischen Finanz- und Wirtschaftsministers vom 29. Juni 1939, dass alle Juden ihre Grundstücke innerhalb von drei Wochen an die Gemeinde zu verkaufen haben, wurde Auguste Palm zur Beurkundung des Kaufvertrags ihres Ackers mit Schreiben vom 28. Juli auf den 2. August 1939, 14 Uhr, auf das Grundbuchamt in Grötzingen vorgeladen. Der Kaufpreis, vom Ministerium auf 700 RM festgesetzt, war wegen des Verzichts beider Söhne ganz an sie zu bezahlen. Die Gemeinde bezahlte den Kaufpreis am 11. August an den Notar, die Auszahlung an Auguste Palm verzögerte sich, weil die steuerliche Unbedenklichkeitsbescheinigung wegen des devisenrechtlichen Ausländers David Palm trotz dessen Verzichtes auf sich warten ließ, bis mindestens zum 25. April 1940, wenn sie überhaupt erfolgte.

Im diesbezüglichen Schriftwechsel wurde am 4. April 1940 erwähnt, dass Auguste Palm jetzt bei ihrem Sohn Manfred in Münster wohnt. Verständlich, denn in Grötzingen wäre sie allein und nahe der Grenze zum Kriegsgegner Frankreich gewesen. Im Oktober 1940 war Auguste Palm wieder in Grötzingen. Fest steht außerdem, dass Manfred mit Familie nach Chile auswanderte. Vermutlich geschah dies, als Frankreich im Juni 1940 besiegt worden war, über dieses Land. Bis Anfang 1942 gingen Passagierschiffe mit Flüchtlingen vom Hafen Marseille ab, in einem davon die oben erwähnte Ruth Palm.

Der neue Hausbesitzer Hanold schreibt am 25. November 1940 in einem Brief: „Im März 1939 habe ich das Anwesen der Jüdin Auguste Sahra Palm käuflich erworben. Dieselbe hat sich den Altsitz, bestehend aus zwei Zimmern mit Küche vorbehalten. Seit dem 1. Juli 1940 habe ich die auslandsdeutsche Familie Hermann Haas mit Kind, die vor Ausbruch des Krieges aus Paris geflüchtet ist, behelfsweise in meine Wohnung aufgenommen.“ Wenn Auguste Palm statt der im Kaufvertrag vereinbarten ganzen oberen Wohnung mit vier Zimmern nur zwei Zimmer zur Verfügung hatte, wurde Familie Haas wohl in die restlichen zwei Zimmer oben einquartiert.

Nachdem Auguste Palms Kinder weg waren und sie ihren Besitz hatte hergeben müssen, nahm man ihr auch ihre Heimat.

Im Oktober 1940 wurde Auguste Palm als eine von 13 Grötzinger Jüdinnen und Juden in einer ganz Baden und die Pfalz umfassenden Aktion nach Südfrankreich ins Lager Gurs deportiert, das in der Nähe der Bahnstation Oloron-Sainte-Marie am Fuße der Pyrenäen liegt. Im „Verzeichnis der am 22. Oktober aus Baden ausgewiesenen Juden“ ist sie unter der Nummer 2158 aufgeführt.

Was mit ihrer Wohnung geschah, erfuhr Auguste Palm im fernen Gurs wohl kaum. Nachdem „Der Generalbevollmächtigte für das jüdische Vermögen in Baden“ am 22. November 1940 an den Bürgermeister geschrieben hatte, wie die versiegelten Judenwohnungen von einem Gendarmeriebeamten zu öffnen, auf Wert- und Kultgegenstände abzusuchen und vom Ortsgericht zu inventarisieren sind, übersandte die Geheime Staatspolizei, Staatspolizeileitstelle Karlsruhe, am 27. November 1940 dem Bürgermeister fünf Bund Schlüssel, darunter der für Auguste Palms Wohnung. Bald darauf dürfte die Wohnung inventarisiert, geräumt und der Hausrat versteigert worden sein. Wertgegenstände wurden anscheinend keine gefunden, nur Kultgegenstände, die Bürgermeisterstellvertreter Dörrmann am 1. Dezember 1941 dem Polizeipräsidenten, Abteilung Jüdisches Vermögen, in einer Kiste übergab.

Unter den erbärmlichen Lebensbedingungen in den Lagern in Gurs und an anderen Orten starben bis zum Sommer 1942 vier der 13 Personen. Auguste war nicht dabei, obwohl sie schon 78 Jahre alt war. Drei Personen gelang es, in die USA auszuwandern. Auch unter diesen war Auguste nicht. Sie war unter denen, die unter die „Endlösung der Judenfrage“ fielen.

Das Ministerium der ehemaligen Kämpfer und der Kriegsopfer der Französischen Republik bescheinigte dem Suchdienst des Roten Kreuzes am 29. September 1957, dass Madame PALN oder PAIN, geboren am 23. März 1864 oder 1904 in den Lagern RECEBEDOU und DRANCY interniert war und am 28. August 1942 in Richtung AUSCHWITZ deportiert wurde. Auguste Palm war demnach im Frühjahr 1941 von Gurs ins Lager Récébédou bei Toulouse verlegt worden. Ihre Spur verliert sich in einem der Viehwaggons, die am 28. August 1942 von Drancy bei Paris ins Vernichtungslager Auschwitz abgingen.


Das Leben der Auguste Palm, anfangs für mich nur eine ferne Geschichte aus staubigen Akten fast ohne ein persönliches Zeugnis, kam mir bei den Nachforschungen und dem Schreiben dieses Beitrags unerwartet nahe – rein zeitlich gesehen auf vierzehn Tage, denn ich bin zwei Wochen nach ihrem Abtransport nach Auschwitz geboren. Dem mörderischen Wahnsinn des Nationalsozialismus, der auch Auguste Palm vernichtet hat, stehe ich umso fassungsloser gegenüber.

Danken möchte ich allen, die mir geholfen haben die Informationen für diesen Beitrag zu sammeln oder eigene Erinnerungen beitrugen. Stellvertretend seien in alphabetischer Reihenfolge genannt: Herr Dr. Güss von der Grötzinger Arbeitsgruppe Gedenkbuch, Frau Hafner von der Druckerei Hafner, Herr Hanold, Herr Maier von der Ortsverwaltung Grötzingen, Herr Neckermann vom Heimatkundlichen Arbeitskreis Odenheim, das Institut für Stadtgeschichte und Frau Wagner.

(Karl Berger, August 2007)


Nachwort

Am 8. März 1961 wurde vor dem Schlichter für die Wiedergutmachung beim Amtsgericht Karlsruhe ein Vergleich geschlossenen, nach dem den Eheleuten Hanold in Grötzingen bei Karlsruhe, Friedrichstr. 3, als Zessionäre nach Auguste Palm zulasten des Deutschen Reiches 1.312,50 DM Kaufpreisanteil (Bankguthaben RM 10.500,--) zustehen. Dies entspricht dem größten Teil des vereinbarten Hauskaufpreises von 12.000 RM, den der Staat demnach vereinnahmte. Dazu passt, was Herr Hanold berichtet, dass seine Eltern nach dem Krieg das Haus noch einmal bezahlen mussten.

Am 25. Januar 1950 erklärte das Amtsgericht Karlsruhe-Durlach Auguste Palm auf den 22. 10. 1940 für tot und setzte als Erben des Nachlasses die beiden Söhne Manfred Palm in Providencia, Department Santiago und David Palm in Paterson/Neu Jersey, USA ein.

David Palm, der zeitlebens unverheiratet blieb, brachte es vom Tellerwäscher zum Teilhaber des Geschäftes „K+W Liquor & Delicatessen“ in Paterson bei New York. (Noch heute gibt es dort laut Internet den „Third Ave Delicatessen & Liquor Store“.) Nachdem er am 15. Mai 1974 in ein Altersheim gezogen war, starb er am 20. Juli 1976 im Alter von 86 Jahren. Die „Wiedergutmachungs“-Akten berichten von seinem jahrelangen Kampf um die Entschädigung, die er für das erlittene Unrecht beanspruchen durfte. Beispielsweise konnte er erst 1957 mit dem oben erwähnten Schreiben nachweisen, dass seine Mutter nicht, wie vom Gericht festgesetzt, bei der Deportation starb, sondern bis August 1942 in Lagerhaft war.

In der Entschädigungsakte von Auguste Palm findet sich ein 1957 zugunsten von David Palm abgegebener Erbverzicht der Witwe und der Kinder von Manfred Palm. Dieser muss also zwischen 1950 und 1957 gestorben sein. Nach einer Auskunft kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben.

(Karl Berger)