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Sigmund billig, 1937 (Foto: privat)

Personendaten

Sigmund Billig

Nachname: Billig
Vorname: Sigmund
Geburtsdatum: 8. Mai 1890
Geburtsort: Stanislau/Galizien (Iwano-Frankiwsk) (Österreich-Ungarn, heute Ukraine)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Wilhelm (28.3.1860-23.11.1923) und Rosa, geb. Brechler, B.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Sofie B.;

Vater von Walter;

Bruder von Sophie Loebl, geb. B., Samuel und Emanuel
Adresse: Erbprinzenstr. 36
Beruf: Buchdrucker
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)
nach 1939 im Ghetto Warschau (Polen)
Sterbedatum: 18. August 1941
Sterbeort: Warschau (Polen)
Ghetto

Biographie

Sigmund Billig

Sigmund war der Erstgeborene des Ehepaares Rosa und Wolf Wilhelm Billig. Er kam am 8. Mai 1890 in Stanislau in Galizien zur Welt, das damals zur österreichisch-ungarischen Monarchie gehörte. Stanislau heißt heute Iwano-Frankiwsk und ist eine ukrainische Stadt. Laut Geburtsurkunde erhielt er die Vornamen Saloman Kassiel. Sein Vater hatte in Stanislau in der Petroleumindustrie gearbeitet. Um dem antisemitischen Druck in Osteuropa auszuweichen, um sich eine neue Existenz aufzubauen und wohl auch, um voll im deutschen Kulturkreis zu leben, siedelten die Eltern etwa 1900 mit ihren drei Söhnen Sigmund, Samuel und Emanuel nach Deutschland über, wo 1902 die Tochter Sophie in München geboren wurde. Dann zog die Familie weiter nach Karlsruhe.

Nach der Volksschule besuchte Sigmund die Handelsschule, dann machte er eine Lehre als Schriftsetzer und brachte es schließlich zum Meister in diesem Beruf. Am 14. Dezember 1922 heiratete er in Baden-Baden Sophie („Süssle“ laut Geburtsurkunde) Brühand, die am 13. Dezember 1902 in Brzesko, einer Kleinstadt östlich von Krakau, das Licht der Welt erblickt hatte. Sigmund Billig war viele Jahre lang beim Karlsruher Tagblatt beschäftigt, in dessen Betrieb auch Kursbücher der Reichsbahn gedruckt wurden. Nach Aussage seines Sohnes Wolfgang, geboren am 5. Januar 1924 in Karlsruhe, zeichnete er sich hierbei besonders aus, da er „Augen wie ein Adler“ hatte und sehr sorgfältig arbeitete. Beide Ehepartner sprachen und schrieben hervorragend gutes Deutsch. 1928 erwarb Sigmund den Führerschein, seine Ehefrau etwas später, und dann machten sie mit Wolfgang in ihrem neuen Opel P4 schöne Ausflüge in die Umgebung. Oft besuchte die Familie das Rheinschwimmbad Rappenwört oder spazierte durch Stadtgarten und Zoo. Im Winter ging Sigmund öfters mit seinem Sohn zum Schlittschuhlaufen. Am 4. Juli 1930 starb Chaim Brühand, Sophies Vater, im Alter von 65 Jahren. Sein Grab ist auf dem Jüdischen Friedhof Karlsruhe erhalten geblieben.
Als Jude verlor Sigmund Billig 1935 seinen Arbeitsplatz und er musste den Lebensunterhalt für die Familie mühsam als Vertreter für Metzger-Berufskleidung erarbeiten. Auf seinen Reisen zu den Kunden erwarb er sich viel Sympathie, auch, da er immer schlagfertig gute Witze zum Besten gab. Ganz heimlich wurde zuhause Radio Straßburg in deutscher Sprache abgehört, um nicht alleine auf die Nachrichten der Nazi-Sender angewiesen zu sein.

In Deutschland lebten damals viele so genannte Ostjuden, die aus Galizien und Polen nach Deutschland ausgewandert waren. Manche hatten noch im österreichischen Heer gedient, aber alle wurden nach dem 1. Weltkrieg polnische Staatsbürger. In Deutschland lebten sie oft Jahrzehnte lang, bauten sich hier fleißig ihre Existenzen auf und gründeten, wie Sigmund Billig, Familien und bekamen Kinder. Versuche, die deutsche Staatsbürgerschaft zu erlangen, scheiterten in den meisten Fällen, auch während der Weimarer Republik.
1938 verstärkten die Nazis ihre Bestrebungen, „rassisch unerwünschte Elemente“ aus den osteuropäischen Ländern loszuwerden und in ihre Ursprungsländer abzuschieben. Um das wiederum zu verhindern, erließ die polnische Regierung am 31. März 1938 ein Gesetz, nach dem die Pässe im Ausland lebender Juden ungültig seien, falls sie nicht bis zum 31. Oktober mit einem Kontrollstempel versehen würden. Juden, die länger als fünf Jahre im Ausland lebten, so wie Sigmund Billig, sollte diese Bestätigung ganz verweigert werden. Die Nazis reagierten darauf mit brutaler Härte und versuchten vor diesem Termin noch möglichst viele Betroffene abzuschieben. So wurde auch Sigmund Billig, der seit 1903 in Karlsruhe lebte, am 28. Oktober 1938 verhaftet, bis zum Abtransport nach Polen ins Gefängnis gebracht und dann mit einem Sammeltransport an die polnische Grenze geschafft, so wie etwa 17.000 andere Personen aus Deutschland. Als die Polizeibeamten Sigmund in seiner Wohnung abholten, fragten sie auch nach dem Sohn Wolfgang. Mutter Sophie entgegnete geistesgegenwärtig, er sei weggegangen, wohin wüsste sie nicht. Er besuchte damals die 9. Klasse der jüdischen Schule in Mannheim und entkam so der Deportation.

Die polnischen Behörden weigerten sich zunächst, die Züge die Grenze überqueren zu lassen. Unter erbärmlichen Umständen mussten die Vertriebenen tagelang im Niemandsland verbringen, zumal sie bei der Abfahrt nur für zwei Tage Verpflegung und Handgepäck dabei haben durften. Erst nach dem Eingreifen von Hilfsorganisationen erfolgte die notdürftige Unterbringung in Grenzdörfern, vor allem in Bentschen (heute Zbaszyn), einem Dorf mit damals 6.000 Einwohnern. Hier mussten etwa 5.000 Deportierte hausen. Andere konnten nach Polen weiterreisen, um bei Verwandten unterzukommen, Sigmund Billig jedoch verblieb im Lager Bentschen.

Sein Aufenthalt ist von der Verwaltung der Gemeinde am 29. April 1939 bestätigt worden. Um ihre Familien nachholen zu können und um geschäftliche Dinge abzuschließen, erlaubte die deutsche Regierung eine kurze Rückreise von einzelnen Deportierten. Sigmund Billig durfte aber anscheinend nicht reisen. Der November 1938 war besonders kalt und die Insassen erlitten große Qualen, da sie vielfach in Pferde- und Schweineställen, oder in anderen, notdürftigen Unterkünften hausen mussten. Viele erkrankten schwer oder starben. Im Juli 1939, d. h. kurz vor Beginn des deutschen Überfalls auf Polen, wurde das Lager aufgelöst und Sigmund Billig reiste nach Warschau, wohl in der Annahme, in einer großen Stadt besser überleben zu können. Die jüdische Gemeinde dort war mit über 380.000 Mitgliedern die größte in Europa, etwa jeder dritte Einwohner war Jude. Nach der deutschen Besetzung kam es zu unzähligen Zwangsmaßnahmen. Im Oktober 1940 wurde das Getto gebildet und im November vom Rest der Stadt abgeriegelt. Die Lebensbedingungen waren wegen des beengten Wohnraums, der schlechten Hygieneverhältnisse und der mangelhaften Versorgung mit Lebensmitteln äußerst schlecht. Im zweiten Halbjahr 1941 lag die (theoretische) Nahrungsmittelzuteilung bei 184 Kalorien pro Person und Tag. Sehr, sehr viele Bewohner erkrankten und starben, so auch Sigmund Billig am 18. August 1941 im Alter von nur 51 Jahren. Die Nachricht wurde von einem Bekannten übermittelt, Einzelheiten seines Dahinscheidens sind jedoch nicht überliefert.

In Zusammenhang mit der Abschiebung von Sigmund Billig aus Karlsruhe nach Polen muss auf die äußerst zynischen Bemerkungen eines deutschen Beamten hingewiesen werden. Bei der Ablehnung eines Wiedergutmachungsantrags des Sohnes schrieb das Landgericht Karlsruhe 1959 (!): „Der Erblasser wurde nicht irgend wohin in ein ungewisses Schicksal abgeschoben, sondern in seine Heimat, in der er Verständnis und Hilfe erwarten durfte. Deutschland war nicht zuständig und es lag keine Mißachtung rechtsstaatlicher Grundsätze vor.“ Solche Bemerkungen und ähnliche, in Kenntnis des Holocaust jede Menschlichkeit vermissenden Bemerkungen deutscher Beamten, die nach dem Krieg tätig waren, sind leider keine Einzelfälle.

Das Schicksal der Ehefrau Sophie, geborene Brühand, verlief gnädiger. Sie konnte bis zu ihrer Deportation im November 1941 in Karlsruhe wohnen bleiben, da es ihr vorübergehend gelang sich zu einer „Deutschen“ zu machen, die in Baden-Baden geboren worden war. Sie war dort aufgewachsen. Sie kam als Jüdin in die Lager Jungfernhof und Mühlengraben bei Riga, dann nach Liebau in Lettland und danach im Februar 1944 per Schiff mit einem Häftlingstransport nach Deutschland zurück. Hier wurde sie ins Gefängnis Hamburg-Fuhlsbüttel gesteckt, dann kam sie ins „Arbeitserziehungslager“ Kiel-Hassee und musste im Steinbruch arbeiten. Kurz vor Kriegsende wurden die Häftlinge gezwungen nach Neumünster zu laufen. Auf diesem Todesmarsch über 60 km kamen viele der armen Opfer um. Auch eine irrtümliche Attacke englischer Flieger musste überstanden werden. Am 1. Mai 1945 kamen die Überlebenden in die Obhut des Schwedischen Roten Kreuzes, zuerst in ein Quarantäne-Lager in Malmö, wo sich Sophie von den Strapazen der Verfolgung erholen konnte. In Schweden heiratete sie 1948 Samuel Feld. Am 14. Juni 1980 verstarb sie in Hälsingborg.

Der Sohn Wolfgang ging in Karlsruhe in die Volksschule, dann bis zur Pogromnacht vom 9. November 1938 in die Jüdische Schule Mannheim. Im Juli 1939 hatte er das Glück mit einem Kindertransport und polnischem Pass nach England zu kommen. Dort ließ er sich in einem Jugend-Alijah-Lager zur Vorbereitung der Ausreise nach Palästina landwirtschaftlich ausbilden. Danach sollte er zur polnischen Exil-Armee eingezogen werden, doch da er kein Polnisch konnte, kam er zum britischen Militär. Er änderte seinen Namen in Walter Bingham, kämpfte in der Normandie und arbeitete zeitweise für den britischen Counter Intelligence Service. In dieser Tätigkeit verhörte er in Hamburg den früheren Nazi-Außenminister Ribbentrop, der später hingerichtet wurde. In weiteren Zeitverlauf wurde Walter Bingham ein erfolgreicher Journalist, der auch heute noch im Alter von 84 Jahren im israelischen Radio oder über das Internet mit lebhafter Stimme zu hören ist. Im März 2008 besuchte er Karlsruhe, zusammen mit seinem Enkel zur Verlegung des Stolpersteins für seinen Vater. Darüber berichtete er dann im Radio Israel.

(Richard Lesser, September 2008)