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Rosa Billig, 1937 (Foto: privat)

Personendaten

Rosa Billig

Nachname: Billig
geborene: Brechler
Vorname: Rosa
Geburtsdatum: 28. Januar 1868
Geburtsort: Stanislau/Galizien (Iwano-Frankiwsk) (Österreich-Ungarn, heute Ukraine)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Wilhelm B. (28.3.1860-16.2.1923);

Mutter von Sophie Loebl, geb. B., Emanuel, Samuel und Sigmund
Adresse: Brunnenstr./Am Künstlerhaus (Durlacher Str.; Durlachertorstraße) 68
Fasanenstr. 8
Kaiserstr. 67
Beruf: Kauffrau (Inhaberin eines Herrenkonfektionsgeschäftes, Markgrafenstr. 17 und Kaiserstr. 67)
Deportation: 22.8.1942 nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
Sterbedatum: 27. März 1943
Sterbeort: Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)

Biographie

Rosa Billig, geb. Brechler

Rosa Brechler wurde nach polnischen Archivunterlagen am 17. November 1865 in Stanislau, im früheren österreichisch-ungarischen Galizien und der heutigen Ukraine als „Reisel“ geboren. Ihre Eltern waren Israel Brechler und Menie. In späteren, deutschen Unterlagen wird als Geburtstag der 28. Januar 1868 angeführt. Der Unterschied könnte durch unterschiedliche Umrechnung des alten, jüdischen Kalenders entstanden sein. Es gibt ähnliche Beispiele. Stanislau, das heute Iwano-Frankiwsk heißt, war damals eine Stadt mit überwiegend jüdischer Bevölkerung. So waren im Jahre 1880 von den 18.000 Einwohnern etwa 10.000 jüdischen Glaubens. Sie waren in vielerlei kaufmännischen und handwerklichen Berufen tätig. Der Familienname Brechler, (Bressler, Bresler, Pressler) war in der ganzen Gegend sehr verbreitet. Über die Jugend von Rosa ist nichts weiter bekannt, vermutlich wuchs sie im Rahmen der Großfamilie behütet auf und wurde streng religiös erzogen.

Irgendwann lernte sie Wolf Wilhelm Billig kennen, der ebenfalls aus Stanislau stammte und dort am 28. März 1860 geboren worden war. Seine Eltern waren Salomon Karl Billig und Süssel. Vater Salomon hatte sich lange Zeit in Wien aufgehalten, war jedoch aus beruflichen Gründen wieder nach Stanislau zurückgegangen, wo er erfolgreich bei einer Petroleumfirma arbeitete. Seinen Sohn Wolf Wilhelm, geboren am 28. März 1860, schickte er zur Schulausbildung nach Wien, um ihn vertrauter mit der deutschen Kultur und Sprache zu machen.
Nach Familien-Angaben heirateten Wolf Wilhelm und Rosa am 13. April 1886, in Archiv-Unterlagen findet sich 1896 als Jahr der Hochzeit. Vermutlich bezieht sich das erste Datum auf die traditionelle, jüdische Hochzeit, das zweite Datum auf die später nachgeholte Heirat vor dem staatlichen Standesbeamten. Drei Söhne kamen in Stanislau zur Welt: Sigmund, am 18. Mai 1890, Samuel am 7. November 1891 und Emanuel am 17. August 1896.

Nach dem Tode seines Vaters arbeitete auch Wolf Wilhelm in der gleichen Industrie, war aber anscheinend weniger erfolgreich. Wohl deshalb und um dem antisemitischen Druck in Polen auszuweichen, entschied er sich mit Rosa und den drei Kindern nach Deutschland überzusiedeln. Am 25. Juli 1902 wurde seine Tochter Sophie in München geboren. Bald darauf zog die Familie nach Karlsruhe. Im Adressbuch taucht sein Name hier erstmals 1904 auf. Die Familie wohnte damals in der Durlacherstraße 63. Zunächst war er Tagelöhner, doch schon bald nennt er sich Kaufmann, denn es gelang ihm eine neue berufliche Existenz aufzubauen. 1910 konnte Wolf Wilhelm ein eigenes Kleidergeschäft eröffnen. Er starb am 16. Februar 1923. Sein Grab besteht noch auf dem orthodoxen, jüdischen Friedhof in Karlsruhe.

Nun war Mutter Rosa gefordert, ihre kaufmännischen Fähigkeiten zu beweisen, was sie auch erfolgreich tat. Nach dem Tode ihres Mannes führte sie das Geschäft weiter, zunächst in der Markgrafenstraße 17, dann in der Kaiserstraße 41 und schließlich zusammen mit ihrem Sohn Emanuel bis 1938 im repräsentativen Gebäude der Kaiserstraße 67. Im Erdgeschoss befand sich das Geschäft „R. Billig, Herren- und Berufskleidung, gegr. 1910“, in einer Vierzimmerwohnung im Obergeschoss wohnten Rosa und ihr Sohn Emanuel mit seiner Frau Bertha und Enkel Manfred. Die Firma war nicht im Handelsregister eingetragen, aber gewerbepolizeilich gemeldet. Als orthodoxe Jüdin trug sie eine Perücke und ging regelmäßig in die Synagoge, bzw. in den Betsaal in der Adlerstraße 38. Daneben war sie die Vorsitzende eines orthodoxen jüdischen Frauenvereins. Religiöse Regeln wie koschere Küche wurden streng eingehalten. Nach deutschen und polnischen Gesetzen galt sie ab Oktober 1938 als staatenlos.

Dann kam die Reichspogromnacht! Am 10. November 1938 wurden die beiden Schaufensterscheiben eingeschlagen, Waren im Werte von über 20.000 RM gestohlen oder zerstört und die ganze Einrichtung demoliert. Auch die Wohnungstür wurde aufgebrochen, Möbel beschädigt und viele Gegenstände, so auch zwei Schreibmaschinen wurden entwendet. Emanuel wurde geschlagen, verhaftet und nach Dachau gebracht. Rosa, 73 Jahre alt, hat die Wohnung danach nicht mehr betreten und zog zu Tochter Suse (Sophie) und Schwiegersohn Adolf Loebl in die Wilhelmstraße 25. Das Geschäft erlosch offiziell am 26. Februar 1939. Bertha, die Frau von Emanuel, musste dem Hausbesitzer, einem Juwelier, noch 795 RM für die Renovierung des beschädigten Geschäfts bezahlen.

Seit dem 1. September 1941 bestimmte die „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden“, dass alle Juden in Deutschland einen gelben Stern, den so genannten Judenstern zu tragen hatten. Auch Rosa Billig musste sich dieses diskriminierende Zeichen an ihre Kleidung nähen. Als sie am 15. Mai 1942 beim Passamt im Polizeipräsidium einen Termin zur Vorsprache wahrnehmen musste, wurde sie beschuldigt, den Judenstern in der Behörde nicht sichtbar getragen zu haben. Die Angelegenheit ging zur Gestapo. Bei der Untersuchung musste sich Rosa Billig erklären. Sie gab 14 Tage später dazu an, dass sie sich an jenem Tag im zweiten Stock des Polizeipräsidiums im Flur hingesetzt habe, da ihr das Treppensteigen Schwierigkeiten bereitete, und sie dabei den Mantel geöffnet habe, so dass das Zeichen wohl dadurch verdeckt war. Sie entschuldige sich dafür. Offenbar blieb der Vorfall ohne weitere schweren Folgen für sie. Einschüchterung und die eigene Ohnmacht vor der nationalsozialistischen Willkür, hat sie dadurch gewiss erfahren.

Die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Bezirksstelle Karlsruhe, sandte Rosa einen Einschreibebrief an die Adresse Wilhelmstraße 25, datiert vom 15. August 1942, mit folgendem Text (1. Abschnitt): „Auf behördliche Weisung eröffnen wir Ihnen, dass Sie zur Teilnahme an einem, Samstag, den 22. August 1942 von Karlsruhe abgehenden Abwanderungstransport bestimmt sind“. Den 140 badischen Juden dieses Transports, davon 14 aus Karlsruhe, wurde klargemacht: „Anträge auf Befreiung von der Teilnahme am Abwanderungstransport sind zwecklos.“ Dagegen mussten sie Verträge abschließen, die ihnen „auf Lebenszeit“ Heimunterkunft und Verpflegung garantierten. Dafür wurde ihr restliches Vermögen beschlagnahmt. Am 23. August 1942 kam Rosa im so genannten Alters-Ghetto Theresienstadt im damaligen Protektorat Böhmen-Mähren an. Wegen der unbeschreiblich schlechten, hygienischen Situation, der äußerst mangelhaften Verpflegung und den katastrophalen Wohnbedingungen (1,6 m2 pro Person) starben viele Insassen schon in den ersten Wochen, so auch vier aus Karlsruhe stammende Personen dieses Transports No. XIII/1. Die Todesrate lag im Jahr 1942 bei etwa 50 % der Insassen! Rosa Billig lebte noch bis zum 27. März 1943 und verschied dann im Alter von 78 Jahren. Ein Überlebender beschrieb später die Situation: „Sie starben friedlos und unbehütet, ohne Zuspruch, ohne freundlichen Blick – es war ein namenloses Sterben“.

Rosa und Wolf Wilhelm Billigs Kindern erging es unterschiedlich. Samuel und seine Frau Erna, geborene Westreich, sowie die Tochter Recha wurden in Auschwitz ermordet. Ihre Biografien sind im Gedenkbuch enthalten. Willi, dem Sohn von Samuel und Erna, gelang es in die USA auszuwandern. Er ging dort zum Militär und fiel wenige Tage vor Kriegsende auf den Philippinen. Der Sohn Sigmund wurde 1941 im Getto von Warschau umgebracht, (siehe seine Biographie im Gedenkbuch). Rosas Sohn Emanuel gelang es nach der Entlassung aus dem KZ Dachau mit seiner Frau Bertha, geborene Glotzer, und dem Sohn Manfred über Kreuzlingen in die Schweiz zu flüchten und von dort nach Italien, wo sie allerdings im Mai 1942 interniert, jedoch 1944 aus dem KZ Navelli durch die Alliierten befreit wurden. Dann gingen sie in die USA und später nach Israel. Sophie Loebl (Loebel), geborene Billig, und ihr Mann Adolf konnten sich mit den beiden Töchtern Ellen und Hannelore mit tatkräftiger Hilfe mutiger, deutscher Bürger in Karlsruhe, Württemberg und Schwarzwald getrennt verstecken. So wurde Adolf Loebl heimlich in einem Wochenendhaus nördlich von Ettlingen untergebracht. Nach der familiären Wiedervereinigung am Kriegsende und einem Aufenthalt in Neckargmünd wanderten sie in die USA aus. Adolf Loebl war derjenige, der in der Reichspogromnacht die Thora aus der brennenden Synagoge in Karlsruhe rettete und sie im Juli 1945 wieder aus dem Versteck holte. Sie befindet sich jetzt im Hechal-Shlomo-Museum in Jerusalem.

(Richard Lesser, September 2008)