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Johanna Ottenheimer, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Johanna Ottenheimer

Nachname: Ottenheimer
geborene: Mayer
Vorname: Johanna
Geburtsdatum: 24. August 1868
Geburtsort: Neidenstein/Sinsheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Samuel O.;

Mutter von Sigmund
Adresse: 1940: Bismarckstr. 77, von Gemmingen zugezogen
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 2. August 1941
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Die Familie Ottenheimer

Das Schicksal dieser eigentlich wenig auffälligen Familie ist ähnlich dem anderer badischer Familien jüdischen Glaubens, die schon seit Generationen auf dem Lande lebten. Um nach 1933 drohendem Unheil zu entrinnen, versuchten sie auszuwandern oder glaubten in einer größeren Stadt wie Karlsruhe besser überleben zu können. Doch die meisten von ihnen entgingen nicht dem Bestimmungsort, der ihnen von den Nationalsozialisten zugedacht war, dem Lager Gurs in Frankreich sowie den späteren Todeslagern.

Samuel Ottenheimer wurde am 12. August 1869 in Gemmingen (früher Bezirksamt Eppingen, heute Landkreis Heilbronn) geboren. Sein Vater war Wolf Ottenheimer, der sich in den revolutionären Jahren 1848/1849 aktiv bei der aufständischen Bürgerwehr betätigt hatte. Seine Mutter war eine geborene Schwarzschild. In erster Ehe war er mit Karoline Richheimer (1869-1903) verheiratet. Aus dieser Ehe entstammen die beiden Söhne Wilhelm und Sigmund, die in Gemmingen aufwuchsen.
In zweiter Ehe war er mit Johanna, genannt Hannchen Mayer aus Neidenstein verheiratet.
Dieser Ehe entstammen Adelheid und Moritz. Adelheid gelang es später in die USA auszureisen und Moritz nach Kanada, wo er sich Morris Otis nannte.
Samuel Ottenheimer wohnte in Gemmingen in der Bahnhofstraße und war Besitzer eines Geschäfts für Agrarprodukte mit einem großen Getreidelagerhaus in der Nähe des Bahnhofs. Seine beiden Söhne Wilhelm und Sigmund aus erster Ehe blieben ledig.
Sigmund arbeitete, solange es ihm erlaubt war, bei einer Bank in Heilbronn, dann bei seinem Vater im Geschäft. Wilhelm wurde Vertreter einer Textilfirma in Frankfurt am Main, doch trotz Flucht nach Italien und Frankreich endete sein Leben schließlich in Auschwitz. Samuels Schwester Mathilde führte mit der anderen Schwester Sofie selbständig ein kleines Spezereigeschäft in der Schwaigenerstraße, nahe dem Rathaus. Beide hatten keine bestimmte Berufsausbildung und blieben ledig.

1880 lebten in Gemmingen noch 182 jüdische Bürger. Durch Auswanderung oder Umzug in die Städte verringerte sich ihre Zahl bis 1933 auf 47. Der besonders starke Einfluss nationalsozialistischen Gedankenguts in einigen badisch-schwäbischen Landgemeinden dürfte zu diesem starken Rückgang mit beigetragen haben. So wählten schon 1928 26 Prozent der Gemminger Bürger die NSDAP, 1932 waren es 61 Prozent (Landesdurchschnitt Baden: 34 %). In der „Kristallnacht“ vom November 1938 wurde die Inneneinrichtung der Synagoge in der Schwaigener Straße Nr.3 durch auswärtige SA-Männer zerstört, das Gebäude jedoch nicht angezündet, da sich in der angeschlossenen, ehemaligen jüdischen Schule Wohnungen befanden. Die Stadtgemeinde ließ vor wenigen Jahren das Haus, das sie käuflich erworben hatte, zur Baulandgewinnung abreißen. In Jerusalem, im Gedenktal der Synagogen unterhalb der bekannten Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, ist auch die Gemminger Synagoge aufgeführt, dagegen befindet sich in Gemmingen kein Hinweis mehr auf sie.
Es ist nicht einfach, in der Dorfgemeinschaft alte Bürger zu finden, die über die kritische Zeit berichten können und auch wollen. Eine Zeitzeugin erzählte, sie habe mit ihren Eltern gegenüber der Synagoge gewohnt und als Kind viel vom Leben der Juden im Dorf mitbekommen. Jeden Freitagabend zum Beispiel seien sie festlich gekleidet zur Sabbatfeier erschienen.
Offensichtlich waren die Juden dort sehr konservativ, denn die Zeitzeugin musste öfters als kleines Mädchen nach Beendigung der Feier das Licht in der Synagoge ausmachen, was strenggläubigen Juden verboten ist. Ihre Mutter habe auch viel für Samuel Ottenheimer und seine Familie genäht. Samuel, der von kleiner Figur war und etwas gebückt lief, wurde der Samberle genannt, eine Bezeichnung, die offensichtlich freundlich gemeint war. Der Laden der Mathilde sei beliebt gewesen und man hätte dort auch noch spät abends Waren aller Art, vom Würfelzucker bis zur Kleiderschürze bekommen können. An die Zeit der Verfolgung konnte sich die Zeitzeugin nicht erinnern. Der Name von Sigmund taucht 1929 auf der Liste der Reservemannschaft der Freiwilligen Feuerwehr auf, ein Zeichen dafür, dass er integriert war. Nach 1934 durften allerdings nur noch Leute mit „arischer Abstammung“ Brände löschen!
Eine andere Zeitzeugin bemerkte, dass die Ottenheimer „herzensgute“, „anständige Menschen“ gewesen seien, dass sie und die anderen jüdischen Bürger aber trotzdem während der NS-Zeit von der Mehrheit der Dorfgemeinschaft ausgegrenzt worden wären. Ihrer Meinung nach seien sie bessere Nachbarn gewesen als manche Christen. Wegen ihres Glaubens waren und blieben sie jedoch immer Außenseiter. Eine traurige, schriftliche Spur aus dieser Zeit findet sich: In einem Antrag zum Umzug nach Karlsruhe schreibt die Gemminger Bürgerin Klara Kaufmann, geb. Oppenheimer, 1940 erstaunlich offen: Die Verhältnisse in Gemmingen sind derart, dass ich als Jüdin dort nicht länger leben kann. Der Karlsruher Beamte ergänzte die Ablehnung mit der zynischen Bemerkung: In Karlsruhe sei das auch nicht anders! (Klara Kaufmann wurde später in Auschwitz ermordet.)

Samuel und Mathilde mussten nach 1938 ihre Geschäfte verkaufen. Der Familie wurde es 1939 erlaubt, nach Karlsruhe zu ziehen, wo sie in der Bismarckstraße 77 eine 7-ZimmerWohnung mieten konnte. Im gleichen Hause wohnten die jüdischen Ehepaare Mayer und Ladenburger. Was die Familie Ottenheimer in dieser Zeit tat, ist nicht feststellbar. Vermutlich bemühten sie sich intensiv in die USA auszureisen, wo die Tochter Alice (Adelheid) lebte.

Am 22. Oktober 1940 wurde dann die fünfköpfige Familie Ottenheimer zusammen mit der Familie Mayer und Ladenburger und den meisten badischen Juden nach Gurs deportiert. Die Zustände in diesem Internierungslager in der Nähe der Pyrenäen im noch nicht von deutschen Truppen besetzten Teil Frankreichs, waren bekanntlich äußerst erbärmlich und so ist es nicht sehr erstaunlich, dass Johanna am 2. August 1941 an Unterernährung starb und Samuels Schwester Sofie am 28. Dezember 1941. In einer Postkarte vom 28. Mai 1942 vom neuen Lager Recebedou an Samuels Neffen Bernhard Heumann in New York schreiben Sigmund und Samuel: „...ist der Appetit immer sehr groß.“ Das war wohl eine Formulierung, die die Zensur gerade noch durchließ. Außerdem erwähnen sie, dass sie sehr dringend auf eine Bürgschaftsurkunde aus den USA warteten. Das Schicksal nahm jedoch einen schnelleren Lauf: Im August 1942 musste Samuel mit ansehen, wie sein Sohn Sigmund abgeholt wurde. Sein Name taucht letztmalig am 12. August 1942 in einer Transportliste nach Auschwitz auf.
Mathilde wurde von Gurs nach Rabes gebracht, in eines der Altersheime, in denen jüdische Deportierte endeten, wo sie dann auch am 13. Juli 1943 im Alter von fast 73 Jahren verstarb.
Samuel Ottenheimer kam nach Gurs in das Lager Nexon, dann im März 1943 auch nach Rabes, wo er 1944 die Befreiung erlebte. Er blieb noch bis Mai 1946 dort und konnte später in die USA ausreisen. Im Januar 1947 traf Samuel in Philadelphia ein, um dann zu seiner Tochter Alice (Adelheid) Strauss nach New York zu ziehen. Er lebte dort allerdings krank, bettlägerig, pflegebedürftig und unter finanziell sehr schlechten Bedingungen. Seine Tochter war ebenfalls kränklich und sein Schwiegersohn Otto Strauss nur ein schlecht verdienender Lagerarbeiter. Samuels Wiedergutmachungsanträge und Erbschaftsangelegenheiten wurden von den deutschen Behörden nur sehr schleppend bearbeitet. In Zusammenhang mit Rentenansprüchen wurde zum Beispiel zunächst als Todeszeit seiner Söhne Sigmund und Wilhelm der August 1942 angesetzt (der Monat des letzten Lebenszeichens), doch wurden die Behörden später gezwungen, den 9. Mai 1945, den Tag des offiziellen Kriegsendes als symbolischen Todestag anzuerkennen.
Samuel Ottenheimer starb am 21. Juni 1957 hoch betagt in New York, bürokratisch registriert als staatenlos, menschlich gesehen jedoch als unglücklicher, heimatloser Deutscher. Auch an seine Ehefrau Johanna, seine Söhne Wilhelm und Sigmund und seine beiden Schwestern Sofie und Mathilde bleibt nur die Erinnerung. Ihr Verderben war es, friedliche deutsche Bürger, aber jüdischen Glaubens gewesen zu sein.

(Richard Lesser, Januar 2003)