Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 6]
Albert Niedermann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Albert Niedermann

Nachname: Niedermann
Vorname: Albert
Geburtsdatum: 31. August 1888
Geburtsort: Sindolsheim/Mosbach (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Simon und Babette N.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Friederike N.;

Vater von Arnold und Paul
Adresse: Kronenstr. 62
Herrenstr. 14
Beruf: Schneider (wegen Kriegsversehrtheit nicht mehr ausgeübt)
Gärtner
Friedhofaufseher (und Synagogendiener)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich) bis 14.3.1941
14.3.1941 nach Rivesaltes (Frankreich)
Juni 1942 nach Récébédou (Frankreich)
dann nach Noé (Frankreich)
4.3.1943 von Drancy nach Majdanek (Polen)
Sterbeort: Majdanek (Polen)

Biographie

Albert und Friederike Niedermann

Im Jahr 1925 gab es in der badischen Landeshauptstadt Karlsruhe einen große, 3386 Personen umfassende, jüdische Bevölkerungsgruppe, die in ihrer Mehrzahl der größeren Israelitischen Religionsgemeinschaft angehörte. Deren Synagoge stand in der Kronenstraße 17. Nicht weit von der Synagoge auf der anderen Seite der Kaiserstraße befand sich in der Kronenstraße 62 an der Ecke zur Steinstraße das ehemalige jüdische Krankenhaus. Es war kurz zuvor aufgegeben und in ein Wohnhaus umgewandelt worden.
Schon seit 1896 hatte hier der Spitalverwalter Adolf Heimberger mit seiner Familie - seiner Frau Wilhelmine, seinem Sohn Emil und seinen beiden Töchtern Friederike und Gertrud - eine Dienstwohnung. Der aus dem kleinen Dorf Sindolsheim bei Mosbach stammende Adolf Heimberger war nach einer Anstellung als Religionslehrer in Kuppenheim nach Karlsruhe umgezogen, wo er die Stelle des kurz zuvor verstorbenen Kastellans und Spitalverwalters Karl Hirsch übernommen hatte. Seine Frau Wilhelmine stammte aus einer Religionslehrerfamilie in Kuppenheim. Im Ersten Weltkrieg wurde aus dem jüdischen Spital ein Hilfslazarett, in dem die beiden als Krankenschwestern ausgebildeten Heimberger-Töchter arbeiteten.
Mitte des Jahres 1925 bereitete sich die Familie Heimberger auf eine besondere Feier vor: die älteste Tochter Friederike heiratete. Friederike Heimberger, geboren am 15. Juni 1897, wuchs in der Kronenstraße am Rande der Karlsruher Altstadt, dem „Dörfle“, auf und erhielt eine solide schulische Ausbildung. Die Eltern schickten sie auch auf das Konservatorium, wo sie Klavierspielen lernte. Da sie über eine ausgezeichnete Altstimme verfügte, sang sie regelmäßig in der Karlsruher Synagoge, fuhr aber auch gelegentlich nach auswärts, z. B. in die Landauer Synagoge.
Friederike Heimberger heiratete einen Mann, der aus einem anderen sozialen Umfeld kam. Ihr Ehemann, der am 31. August 1888 geborene Albert Niedermann, stammte aus einer Handwerkerfamilie, der Vater Simon war Metzger. Wie sein Schwiegervater kam er aus dem kleinen Dorf Sindolsheim bei Mosbach. Zur Familie gehörten mit der Mutter Babette und sechs Kindern acht Mitglieder. In Sindolsheim besuchte Albert die Volksschule, ehe er eine Schneiderlehre begann und abschloss. Um 1911 musste Albert dann zum Militär und gehörte zu den Männern, die gleich zu Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 in den Krieg zogen. Der mit dem Eisernen Kreuz Erster Klasse ausgezeichnete Soldat wurde schwer verwundet und verlor das linke Auge. Wegen dieser Verletzung konnte er seinen Beruf als Schneider nach dem Krieg nur noch eingeschränkt ausüben. Albert Niedermann arbeitete nach seiner Rückkehr aus dem Krieg in Frankfurt als Schneider und wohnte in der Sonnenstraße 73. Hier hörte er davon, dass die Tochter des Karlsruher Gemeindekastellans Heimberger noch nicht verheiratet war. Da beide Familien - Heimberger und Niedermann - aus Sindolsheim kamen, kannte man sich und hielt offensichtlich auch Kontakt miteinander. Albert Niedermann machte sich also zu der letztlich dann erfolgreichen Brautwerbung nach Karlsruhe auf. Nach der Heirat zog er dann nach Karlsruhe. Das junge Ehepaar wohnte in der großen Sechszimmerwohnung der Heimbergers. Außerdem wohnte dort noch deren Sohn Emil Heimberger.
Eine Anstellung hatte Albert Niedermann – auf Vermittlung seines Schwiegervaters – bei der jüdischen Gemeinde bekommen, wo er unter den „Kultusbeamten und -angestellten“ in den Gehaltslisten als „Kastellan-Anwärter geführt wurde. Tatsächlich half er seinem Schwiegervater bei allen anfallenden Arbeiten, u.a. auch bei den Arbeiten auf dem jüdischen Friedhof, weswegen als Berufsbezeichnung gelegentlich auch Friedhofsgärtner zu finden ist. 1936 wurde er zusätzlich vertraglich als Synagogendiener angestellt.
Zwei Jahre nach der Heirat wurde am 1. November 1927 der Sohn Paul geboren, gut zweieinhalb Jahre später am 20. Juni 1930 der zweite Sohn Arnold. Die Familie lebte in finanziell gesicherten Verhältnissen, es herrschte keine Not. Die Kinder besaßen Fahrräder, aber keine teuren und extravaganten Spielzeuge. Der Vater schneiderte auch noch gelegentlich auf seiner Schneidernähmaschine für die Familie. Die Eltern gingen – wohl auf Betreiben der Ehefrau - ins Theater. Albert hörte dagegen gern Militärmusik. Die Mutter Friederike war in der Ehe, wie sich Sohn Paul erinnert, eindeutig der intellektuellere Partner. Sie erzählte den Kindern häufig Geschichten und erfand auch eigene, so wenn sie erzählte, wie der alte Großherzog sich wohl über die vielen elektrischen Straßenbahnen und Autos in der Stadt wundern würde. Der Vater war dagegen eher ruhig und schweigsam, über eigene Erlebnisse der Vergangenheit sprach er kaum. Als die Niedermanns heirateten, trafen sich zwei durchaus unterschiedliche Charaktere. Dennoch unternahm man viel gemeinsam: an den Wochenenden standen häufig Ausflüge in den nahegelegenen Schwarzwald auf dem Programm, die Familie wanderte gern. Alle Niedermanns waren auch Mitglieder des Turnclub Karlsruhe 1903 (TCK 03), eines der beiden jüdischen Karlsruher Sportvereine, der seinen Sportplatz an der Hertzstraße in der Nähe des KFV-Sportplatzes hatte. Im Verein waren vor allem Mitglieder des Centralvereins der Deutschen Jüdischen Glaubens und des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten aktiv. Albert Niedermann selbst betrieb aufgrund seiner Kriegsverletzung außer Wandern keine andere Sportart. Die Hütte des TCK in Neusatz-Eck war oft das Ziel der Niedermanns. Die sozialen und freundschaftlichen Kontakte beschränkten sich aber im Wesentlichen auf die Familie und einige befreundete jüdische Familien wie die Familie Westheimer in der Herrenstraße und die Familie Gugenheim in der Kriegsstraße.
Die politische Entwicklung in Deutschland wurde durchaus verfolgt und wahrgenommen, die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler diskutiert. Als sich bald abzeichnete, dass die Nationalsozialisten ihren Antisemitismus auch umsetzten, wurde auch über eine Auswanderung gesprochen, der Bruder von Friederike Niedermann Emil Heimberger wanderte z. B. nach seiner Entlassung 1935/36 aus. Selbst vollzog man diesen Schritt aber nicht. Wie die meisten jüdischen Familien und wie vor allem viele Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges fühlte man sich als deutsche Familie und damit sicher.
Die Familie wohnte zum Zeitpunkt der Reichspogromnacht 1938 bereits im Haus Herrenstraße 14, in einer Dienstwohnung der jüdischen Gemeinde. Im Karlsruher Adressbuch von 1940, das als weiteres, für alle sichtbares Zeichen der Diskriminierung der Juden ein eigenes Verzeichnis der jüdischen Einwohner enthielt, ist die Familie noch in der Herrenstraße 14 aufgeführt. Es sollte aber das letzte Mal sein: Am 22. Oktober 1940 wurde die Familie, der 52-jährige Vater, die 45-jährige Mutter, der knapp 13 Jahre alte Paul und sein 10-jähriger Bruder Arnold mit ca. 950 anderen jüdischen Einwohnern von Karlsruhe nach Gurs in Südfrankreich verschleppt. In Gurs konnte Sohn Paul noch mit seiner Familie die erste Bar Mizwa im Lager feiern. Dann wurde die Familie gemeinsam in das Lager Rivesaltes transportiert, und dort getrennt. Es sollte das letzte Mal sein, dass die Kinder ihre Eltern sahen. Arnold konnte mit dem letzten Quäkertransport vor dem Kriegseintritt der USA entkommen, Paul gelang mit Hilfe einer jüdischen Untergrundorganisation nach einjährigem Aufenthalt in Rivesaltes die Flucht in ein Auffangkinderheim, in dem die Kinder aus den Lagern zunächst einmal versorgt wurden. Es folgte ab November 1942 eine Odyssee durch weitere Kinderheime und andere Verstecke, worunter auch das Kinderheim Izieu war. Paul hatte dieses Kinderheim schon wieder verlassen, als 44 Kinder und 10 Erwachsene von dort nach Auschwitz deportiert und ermordet wurden. Von Grenoble aus konnte er mit einer Gruppe Kinder und Jugendlicher, darunter auch Hanna und Susanne Moses aus Karlsruhe, in die Schweiz in Sicherheit gebracht werden. Als er am 29. Juli 1943 in der Schweiz ankam, wusste er schon, dass seine Eltern in den Osten verschleppt und vermutlich ermordet worden waren.
Seine Mutter Friederike war schon am 14. August 1942 über Drancy nach Auschwitz verschleppt worden und wurde dort nach Aussage von Ernst Michel, einer von drei Auschwitz-Überlebenden aus Karlsruhe, gleich nach ihrer Ankunft ermordet. Der Vater Albert Niedermann wurde am 4. März 1943 ebenfalls über Drancy nach Majdanek-Lublin verschleppt und dort zu einem unbekannten Zeitpunkt ermordet.
Arnold, der nach dem Krieg in den USA blieb, starb am 31. Juli 2000 in Los Angeles. Sein Bruder Paul Niedermann lebt heute noch als einziger der Familie in Frankreich und hat zu dieser Biographie zahlreiche Erinnerungen und Fotos beigetragen. Er ist seit 1988, als die Stadt Karlsruhe alle noch lebenden ehemaligen jüdischen Karlsruher einlud, regelmäßig in Karlsruhe und anderen badischen Städten und berichtet in Schulen über das Schicksal seiner Familie und anderer jüdischer Opfer des nationalsozialistischen Terrorregimes.

(Ernst Otto Bräunche, Januar 2005)