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Regina Nagelstein, vermutlich 1937 (Foto privat)

Personendaten

Regina Nagelstein

Nachname: Nagelstein
geborene: Damask
Vorname: Regina
Geburtsdatum: 6. Dezember 1868
Geburtsort: Krakau (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Wilhelm (Wolf) und Susanne (Süßel), geb. Eibenschütz, D.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Jakob N. (1861-1925);

Mutter von Dres. Arthur, Wilhelm, Edwin und Arthur
Adresse: 1926: Nuitsstr. 14
1930: Ritterstr. 31, 1938 nach Heidelberg verzogen
Deportation: 22.10.1940 von Heidelberg nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 26. November 1941
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Regina Nagelstein, geborene Damask

1893 schlossen Regina Damask und Jakob Moritz Nagelstein in Krakau die Ehe. Bei der traditionellen rituellen Trauung, so lesen wir im Trauschein des Israelitischen Matrikelamtes Krakau1, amtierte Rabbiner Dr. Samuel Landau; Zeugen waren Kantor Josef Fischer und ein Levi Berger. Alles scheint sich im Rahmen des Glaubens der Väter bewegt zu haben. Die Krakauer Juden konnten auf ein halbes Jahrtausend ihrer Geschichte in dieser Stadt zurückblicken, die das älteste und bedeutendste kulturelle Zentrum im damaligen galizischen Teil Österreich-Ungarns war.

Die Braut Regina, geboren am 6. Dezember 1868 in Krakau („Haus Nr. 392“), war eine Tochter des Wilhelm (Wolf) Damask, genannt Welwele, einem Gutsbesitzer aus Dąbrowa, und der Susanne (Süßel), Tochter des Jakob Eibenschütz, aus demselben Ort – ein mehrfach vorkommender Ortsname in Polen bzw. Galizien, gesprochen „Dombrowa“. In Krakau betrieb Wilhelm Damask mit seinem Bruder Adolf zusammen eine im selben Jahr gegründete Handelsgesellschaft2. Zu den Vorfahren der Familien zählte wohl auch der 1847 verstorbene, bekannte Krakauer Rabbiner Elieser ben Josef Damask.

In „Erinerungen fun mayn leben“ (1936), anekdotischen Schilderungen des alten Galiziens von Joseph Margoshes,3 wird ein Bild von Welwele Damask entworfen, das den ersten Eindruck sehr in Frage stellt:
In seiner Jugend talmudgelehrt und „frum“, habe Damask sich einen gewissen Skeptizismus angeeignet, sich stolz zu den „Maskilim“ gezählt, d.h. den Gelehrten der Aufklärungsbewegung (Haskala), und sei schließlich zum spottenden „Apikoyres“ geworden, der aus der Gemara zitierte, um im selben Atemzug scharfsinnig darzustellen, in wie vielen Punkten er gerade gegen das Religionsgesetz verstieß. Heimgekommen vom Gebet zu Jom Kippur, habe er sich z.B. zu Hause erst mal eine gute Zigarre gegönnt.4 Er habe nur Deutsch gesprochen und sich auch „deutsch“, d.h. westeuropäisch, gekleidet. Neben seiner Familie habe er sogar mehrere außereheliche Kinder mit örtlichen Bäuerinnen gehabt – und seinen Ruf als Skandalfigur genossen. Selbst wenn diese Geschichten über eine damals wie heute äußerst ungewöhnliche Erscheinung literarisch überzeichnet sein sollten, ist hier nicht viel „Yiddishkeit“ zu vermuten.

Der Bräutigam – polnisch Jacob-Maurycy Nagielsztajn geschrieben – geboren am 19. Juli 1861 im galizischen Jaroslaw (Jaroslau, damals Österreich-Ungarn), war ein Sohn des Israel5 Nagelstein (Sohn des Majer und der Bejle) und der Rosa, geborene Bartel (auch: Rosalie; Tochter des Michel und der Beile). Jakob hatte mindestens eine Schwester, Bertha, geboren um 1869.6 (Sie heiratete 1889 Shmaje Sigmund Meisels aus Stanislawow, 1893/94 wurden ihnen die Töchter Leonia und Irene geboren). Der Vater Israel, ausgesprochen mit Betonung auf dem -a-, war laut dem Amtlichen Firmenanzeiger von 1865 Inhaber einer Gelbgießerei7. In dieser Branche wurde Messing gegossen, also Kupfer-Zink-Legierungen, vielfältig verwendet in Haushalt, Maschinenbau und anderen Industriezweigen.

Auch Israel Nagelstein entsprach nicht dem althergebrachten Typus der Familienväter („Balebossim“) im galizischen Shtetl. Aus Zeitungen der Zeit ist zu entnehmen, dass er zwischen 1879 und 1883 ein kommunales Amt in Jaroslaw inne hatte, und zwar als Vizebürgermeister und „Assessor“8. Damit ist seine Familie religiös liberalen oder sogar assimilierten Kreisen zuzurechnen.

Jakob Nagelsteins Name findet sich zum ersten Mal 1891 in der Zeitung „Pester Lloyd“, einem deutschsprachigen, in Budapest erscheinenden Blatt. In der „Fremdenliste“ seiner Ausgabe vom 31. Oktober ist er als Gast im dortigen „Grand-Hotel Hungaria“ genannt.9

Nach seiner Ausbildung in Wien hat er sich bei der badischen Eisenbahn als Beamter in einer technischen Laufbahn beworben. So übersiedelt das jungvermählte Paar wohl noch 1893 ins Badische und Jakob tritt als Eisenbahningenieur seinen Dienst zunächst in Konstanz an. In der Folge übt er sein Amt in Überlingen aus, später in Markdorf, zuletzt in Lauda, dem heutigen Lauda-Königshofen im Main-Tauber-Kreis.
Die Wohnorte der Familie sind: bis etwa 1898 Überlingen, Goldbachergasse; bis 1902 Markdorf, von März 1902 bis um 1925 Lauda, Bahnhofstraße 7.

Jakobs Vater Israel ist 70-jährig im Jahr 1885, die Mutter Rosa im Jahr 1900 verstorben, beide in Jaroslaw. Reginas Vater ist etwa 1894, ihre Mutter Süssel 1901 in Krakau verstorben.10

Im September 1902 tritt Ehepaar Nagelstein in „Weiler bei Hornberg“ – wohl im Schwarzwald – der evangelischen Konfession bei. Beide werden getauft. Die Mutter nimmt mit den Kindern am kirchlichen Gemeindeleben teil, so wird berichtet, der Vater lebt sehr zurückgezogen. Die Konversion mit der sie begleitenden Assimilation und Akkulturation der Familie ist schwierig zu beurteilen, da die Motive nicht fassbar sind. Allein der Wunsch nach gesellschaftlichem Aufstieg wäre kein hinreichender Grund – der stand auch praktizierenden Juden der damaligen Zeit durchaus offen.
Einerseits ist von Luther her ein krasser, kirchlicher Antijudaismus vorhanden, bis hin zu den „Deutschen Christen“ unter Hitler und dem massenhaften Schweigen in der evangelischen Kirche zu Verbrechen und Unrecht in der Nazizeit. Andererseits gab und gibt es eine starke evangelische Strömung, die von Humanität und Nächstenliebe geprägt ist.

Der Übergang vom – auch äußerst liberalen – Judentum zum evangelischen Glauben bedeutet auf jeden Fall aus jüdischer Sicht, dass der Betreffende Teil der jüdischen Gemeinschaft bleibt – niemand wird „exkommuniziert“, es gibt keinen formalen Austritt. Der „Proselyt“ hat jederzeit Gelegenheit zur Rückkehr (Teshuva). Aus evangelischer Sicht ist der Übertritt zwar juristisch reversibel, bedeutet aber eine klare Zäsur. Das religionsgesetzlich geleitete, richtige Handeln nach der Torah und der rabbinischen Tradition wird nun radikal ersetzt durch eine vor dem eigenen Gewissen zu prüfende Moral, die sich weniger an Autoritäten, sondern am Text des Neuen Testaments orientiert („sola scriptura“). Obwohl beides Buchreligionen sind, kann diese Konversion auch als die größtmögliche Abkehr von der orthodoxen Tradition der Vorfahren verstanden werden.
Die Zugehörigkeit zu einer evangelischen Gemeinde bedeutet sicherlich auch einen Schritt zur Integration in eine zunächst fremde Umgebung – auch wenn die Nagelsteins beide schon im Elternhaus deutsch sprachen. Am 11. November 1920 berichtet die Badische Presse von einer „Tagung evangelischer Frauen von Lauda und Umgegend“, veranstaltet vom „hiesigen Gustav-Adolf-Frauenverein“, zu dessen Vorstand „Frau Nagelstein“ als Beisitzerin gehört. Ihr Mann Jakob wird als politisch „nationalliberal“ und als entschiedener Patriot beschrieben, ein deutliches Indiz für seine Identifikation mit Haltungen der deutschen Mehrheitsgesellschaft der Zeit, die sich weitgehend mit denen der Kirchen deckten.

Das Ehepaar Jakob und Regina Nagelstein hat vier Söhne, die alle getauft und christlich erzogen werden:

Wilhelm, geboren am 19. Juni 1894 in Überlingen, später Apotheker;
Edwin, geboren am 12. September 1895 in Überlingen, später Diplom-Ingenieur;
Arthur, geboren am 4. März 1897 in Überlingen, später Dr. jur., Rechtsanwalt;
Ernst, geboren am 26. April 1905 in Lauda, später Dr.-Ing., Chemiker.

Jakob Nagelstein gehört laut Badischem Hofhandbuch 1910 zur Bahnbauinspektion Lauda.11 Diese unterhält und beaufsichtigt den Bahnbau und -betrieb einschließlich der Hochbauten, Fernsprech-, Telegraphie-, Signal- und Sicherungseinrichtungen. 1918 wird er zum Bauinspektor befördert. 1920 rückt er in den Rang des „Zweiten Beamten der Eisenbahnverwaltung“ auf. Er muss 1921 in einem Schreiben an Eides statt erklären, die badische Staatsbürgerschaft zu besitzen. Bei seinem Beamtenstatus eigentlich selbstverständlich – offenbar aber nicht für die Bürokraten, die dies in Zweifel ziehen. Die badische bzw. deutsche Staatsangehörigkeit besitzt in der Tat die ganze Familie. Jakob Nagelstein wird als Beamter, wie damals üblich, mit 60 Jahren, also um 1921, „abgebaut“ und tritt in den einstweiligen Ruhestand. Er ist am 19. April 1925 mit nur 63 Jahren in Lauda gestorben.

Die Witwe Regina Nagelstein übersiedelt nun nach Karlsruhe. Laut Adressbuch wohnt die „Eisenbahnamtmannswitwe“ Ende 192612 in der Nuitsstraße 14.4 in Mühlburg. Um 1930 zieht sie in die Ritterstraße 31.2 in der Südweststadt, wo sie bis 1938 im Adressbuch aufgeführt ist. Das Haus Ecke Beiertheimer Allee steht schräg gegenüber vom Konzerthaus.

Im Juli 1937 beantragt Regina einen Reisepass, um einen ihrer Söhne in Genf zu besuchen. Aus den heute überlieferten Dokumenten wird nicht klar, ob sie wirklich hat reisen dürfen. 1938 verlegt sie ihren Wohnsitz nach Heidelberg zu ihrem Sohn Edwin und dessen Familie. Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 wohnen Regina Nagelstein und ebenso Edwins Bruder Arthur dort in der Ziegelhäuser Landstraße 69.

Regina Nagelstein wird am 22. Oktober 1940 von Heidelberg nach Gurs deportiert, zusammen mit dem Zweitjüngsten, unverheirateten Arthur. Unter den etwa 6.500 Menschen aus Baden und der Saarpfalz sind fast 300 Heidelberger/-innen, die schlecht versorgt und gänzlich im Ungewissen über ihr Ziel vier Tage lang per Bahn in den unbesetzten Süden Frankreichs verschleppt werden. Die – vor allem in den ersten Monaten verheerenden – Lebensbedingungen in Gurs sind an anderer Stelle beschrieben worden (vgl. etwa Hanna Meyer-Moses: Reise in die Vergangenheit (2009) und die Einführung zu „Briefe – Gurs – Lettres“ (2011)).

Nazis bedienten sich inzwischen am Eigentum der vertriebenen Juden, so wird deutlich aus dem 1951 gestellten Antrag ihres ältesten Sohns Wilhelm auf Entschädigung für den von seiner Mutter erlittenen wirtschaftlichen Schaden. Während der Haft in Südfrankreich wird die Witwenpension ein Jahr lang einbehalten und das Mobiliar am 31. Januar 1941 in Heidelberg in der „Harmonie“ zugunsten von NS-Stellen öffentlich versteigert. Vergleichbares geschieht mit Hunderten von Haushalten, hier profitieren auch die keineswegs ahnungslosen Käufer von billigen Preisen.

Über Regina Nagelsteins Haft im Camp de Gurs ist nichts Genaueres überliefert. Sie ist nach über einem Jahr unter schwierigsten Bedingungen am 26. November 1941 in Gurs gestorben. Ein Stein auf dem dortigen Deportiertenfriedhof erinnert an sie.

Vielleicht lassen die im Folgenden skizzierten Lebensläufe ihrer vier Söhne ein wenig ahnen, was für ein Mensch die Mutter gewesen ist – Quellen zu Regina Nagelsteins Person fehlen weitgehend.

Das erste Kind der Nagelsteins, Wilhelm, ist am 19. Juni 1894 in Überlingen zur Welt gekommen. Die Namenswahl ist noch ganz traditionell, er heißt nach dem verstorbenen Großvater. Wie später seine Brüder besucht Wilhelm das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Er dient im Ersten Weltkrieg im Badischen Infanterieregiment 170 und erhält 1918 das Ritterkreuz II. Klasse mit Schwertern des Ordens vom Zähringer Löwen.13 Nach einem entsprechenden Studium wird er Apotheker und ist später Inhaber der Löwen-Apotheke in Mosbach. Verheiratet mit Else, geborene Scheu, Jahrgang 1900, wohnt Wilhelm Nagelstein zur Zeit der Volkszählung am 17. Mai 1939 in der „Robert-Wagner-Straße“ 55 in Mosbach. Im selben Jahr wird er nach erzwungener Geschäftsaufgabe zunächst arbeitslos. Dann arbeitet er als Fotolaborant, getrennt von der Familie, für geringen Lohn. Wegen der nach damaliger Denkweise „arischen“ Ehefrau wird die Familie nicht nach Gurs deportiert – dorthin müssen nur „Volljuden“ nach den Maßstäben der Rassenpolitik. Im Februar 1945 erreicht Wilhelm in Heidelberg, Plöck 63, dennoch der Befehl zum „Geschlossenen Arbeitseinsatz“: Lebensmittel für fünf Tage sind mitzunehmen, Kennkarte und Marken abzugeben. Nichtbefolgung bedeutet: „Einweisung in ein K.L.“. Am 10. Februar geht der Zug von Stuttgart nach Theresienstadt, Wilhelm bekommt die Transportnummer XIII/6, Nr. 107. Im Sommer 1945 kehrt er, ähnlich wie eine kleine Gruppe Karlsruher Juden, aus der durch die Sowjetarmee befreiten Tschechoslowakei zurück.
Die Familie wohnt nach dem Krieg wieder in Mosbach. Angestellt in der dortigen Stadtapotheke in Mosbach, schafft er es aus finanziellen Gründen lange nicht in die Selbstständigkeit, erst spät gelingt die Übernahme. Wilhelm Nagelstein ist 1973 gestorben.


Edwin, der zweite Sohn, ist am 12. September 1895 in Überlingen geboren, Wie seine Brüder besucht er das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Als Gymnasiast ist er naturkundlich sehr interessiert; in der Internationalen Entomologischen Zeitschrift (z.B. 1914) finden sich Inserate, in denen er selbst aufgezogene Schmetterlingshybriden zum Verkauf anbietet. Er absolviert ein Studium zum Diplom-Ingenieur. Edwin Nagelstein und seine Frau Berta Regina, geborene Irmer, Jahrgang 1893, wohnen in Mannheim, wo zwei Töchter zur Welt kommen: Hildegard am 19. April 1921, Sigrid am 25. Oktober 1925.
Über Edwins berufliche Laufbahn ist wenig überliefert. Die Badische Presse vom 6. September 1921 schreibt: „In Mannheim wurde die Deutsche Zentralstelle zur wissenschaftlichen Erforschung der gesamten Ungeziefervertilgung und Bekämpfung der Seuchengefahr […] gegründet. Leiter der wissenschaftlichen Prüfungs- und Versuchsstelle ist Dipl.-Ing. Edwin Nagelstein, Chemiker […] Es handelt sich hier um höchst wertvolle und volkswirtschaftliche Bestrebungen“.
Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 ist Ehepaar Nagelstein in der Ziegelhäuser Landstraße 69 in Heidelberg zu Hause. Wegen seiner „deutschblütigen“ Frau, wie es damals heißt, wird Edwin Nagelstein nicht nach Gurs deportiert, muss aber später zur Zwangsarbeit verschleppt worden sein, denn zu Kriegsende hat er den Status einer „displaced person“.
Edwin und Berta Nagelstein wohnen 1945 wieder in Heidelberg, später in Ulm, wo Edwin bis 1950 Präsident der Industrie- und Handelskammer ist.


Arthur, der dritte Sohn, wird am 4. März 1897 in Überlingen geboren. Über den späteren Dr. jur. und Rechtsanwalt gibt es in den Akten eine ganze Menge Details, da er sich nach dem Krieg intensiv um Entschädigungen bemüht hat.

Am 31. März 1897 wird er in Meersburg getauft, Ostern 1910 in Tauberbischofsheim konfirmiert. Er besucht in Lauda die Volksschule, dann (wie seine Brüder) in Tauberbischofsheim das Gymnasium, bis Beginn Oberprima. Am 22. September 1914 rückt er als Kriegsfreiwilliger ein beim Ersatztruppenteil des Karlsruher Feldartillerieregiments 14. Von 30. November 1914 an ist er „im Feld“, 1916 im Rang des Leutnants der Reserve im Schallmesstrupp 89. Anfang 1919 wird er in Bühl aus der Truppe entlassen. Er besitzt u.a. das EKII und die Badische Silberne Verdienstmedaille am Bande. Während er zwischen August 1919 und September 1920 erneut als Offizier in Tauberbischofsheim und Limburg/Lahn eingesetzt wird, kann er sein Jurastudium in Würzburg und Heidelberg voranbringen. Das Thema seiner Dissertation14 von 1923 an der Fakultät für Rechts- und Staatswissenschaften in Würzburg lautet:„Die juristische Konstruktion der beim Post-Zeitungsvertrieb zwischen den beteiligten Rechtssubjekten bestehenden Rechtsverhältnisse“.15
1923 tritt Dr. Arthur Nagelstein als Jurist bei der Danatbank in Mannheim ein und wechselt im Oktober 1924 zur dortigen Hermes-Kreditversicherungsbank.
1934 bis 1936 wohnt er in Berlin-Charlottenburg, Leistikowstraße 4 bei Hirschberg, inzwischen ist ihm die juristische Berufsausübung untersagt. Er schlägt sich als „Werbeberater“ durch. Im Mai 1936 zieht er wieder zur Mutter nach Karlsruhe in die Ritterstraße. Dort beantragt er die Befreiung von den Auflagen des Reichsbürgergesetzes, d.h. die Anerkennung seines Status als Christ bzw. Nicht-Jude. Dies wird „aus rassischen Gründen“ abgelehnt. Damit ist endgültig klar, dass die Nagelsteins als Juden verfolgt werden, einzig auf Grund ihrer Abstammung.
Am 31. Juni 193816 zieht er mit der Mutter nach Heidelberg um. Im August des Jahres ist er vorübergehend bei seinem Bruder Ernst in Genf, um dort in der Kosmetikindustrie Fuß zu fassen. Er bekommt aber keine längerfristige Aufenthaltserlaubnis für die Schweiz und kehrt nach Deutschland zurück. Im September 1939 reist Arthur nach Italien, wird aber im grenznahen Domodossola festgehalten. Er kehrt zur Mutter nach Heidelberg zurück.
Am 22. Oktober 1940 wird Arthur zusammen mit der Mutter nach Gurs deportiert, wo die Mutter am 26. November 1941 stirbt. Arthur bleibt in Gurs bis 15. Juli 1942, als er von der protestantischen Organisation CIMADE in Chambon-sur-Lignon in ein Flüchtlingsheim aufgenommen wird. Das bedeutet: 21 Monate Gurs! Ab August 1942 muss er sich wegen der verstärkten antijüdischen Razzien mit zwei Kameraden insgesamt etwa 3 ½ Monate lang auf dem Hof „Aux Vernes“ und in den Wäldern verstecken. Im September verlässt er Chambon Richtung Lyon und versucht den Übertritt in die Schweiz in Argentière, wird aber von der Gendarmerie festgenommen. Letztlich findet er bei Privatleuten bis November 1942 Asyl. Ein erneuter Versuch, in die Schweiz zu kommen, gelingt mit Schleuserhilfe nahe dem Ort Pierre-à-Bochet am 15. November 1942.
Arthur Nagelstein gelingt es, in der Schweiz heimisch zu werden. In den Akten wird seine damalige Verlobte erwähnt, Julia Gaillard, die bei der Uhlmann-Uhrenfabrik arbeitet. 1947 ist Arthur bei ihrer Mutter in Genf gemeldet und sattelt beruflich auf Obstbau und Schädlingsbekämpfung um.


Ernst Walter wird als viertes Kind am 26. April 1905 in Lauda geboren. Über den späteren Dr.-Ing. und Chemiker liegen relativ viele Details vor, weil auch er nach dem Krieg um seine Rechte gekämpft hat.
Bis 1924 lebt Ernst in Lauda; 1914 bis 1924 besucht er wie seine Brüder das Gymnasium in Tauberbischofsheim. Er meldet sich im 1. Weltkrieg als Freiwilliger, wird aber nicht eingezogen.
Ernst Nagelstein studiert Chemie und Apparatebau (Verfahrenstechnik), und zwar 1924 bis 1928 an der TH Karlsruhe, 1928 bis 1929 an der TH Berlin-Charlottenburg, dann wieder in Karlsruhe. Seit 1. November 1932 ist er bei Wolff & Sohn in Karlsruhe in der Produktentwicklung als wissenschaftlicher Laborleiter angestellt. Das zuvor in Aussicht gestellte DAAD-Stipendium, um in den USA zu forschen, wird 1933 zurückgezogen. Ernst ist Mitglied der Deutschen Studentenschaft und der Karlsruher schlagenden Verbindung Sinapia, die ihn aber 1934 ausschließt.
Am 6. Dezember 1935 legt Ernst Nagelstein die Prüfung als Dr.-Ing. der Chemie an der TH Karlsruhe mit „sehr gut“ ab. Am 31. März 1936 scheidet er bei Wolff & Sohn als „Nicht-Arier“ aus. Im selben Jahr wird von einer Nazistelle seine Beziehung zu der 1902 geborenen „Arierin“ Waltraut Stänglen, Karlstraße 66, beanstandet. Es kann ihm aber kein „rassenschänderisches“ Verhalten nachgewiesen werden, wie es in damaliger Diktion heißt. Sein Gesuch um Freistellung vom Reichsbürgergesetz wird im selben Jahr abgelehnt. Damit werden auch seine Papiere mit einem „J“ gekennzeichnet.
Ernst geht 1936 von Karlsruhe nach Genf, erhält aber in der Schweiz keine Aufenthaltsbewilligung und versucht daher sein Glück in Griechenland als Chemiker in einer Ölraffinerie. Im Mai 1937 ist er zurück in der Schweiz. Auch ein Visum für Kuba wird beantragt. In der Schweiz arbeitet Ernst an einem Verfahren zur Herstellung eines Schutzpräparats gegen „Gelbkreuz“-Kampfstoffe bei der Firma Givaudan in Genf, wo er von Mai 1937 bis Ende 1940 angestellt ist. Unter „Gelbkreuz“ ist das seit 1917 gefürchtete Giftgas Senflost zu verstehen, das zu entstellenden Hautverätzungen führt, die Bronchien zerstört und krebserregend ist.

Als seine Mutter und sein Bruder bereits in Gurs sind, versuchen deutsche Kontaktleute, Ernst mit dem Versprechen der Befreiung seiner Angehörigen zur Rückkehr nach Deutschland zu bewegen, unter der Bedingung „einer Mitarbeit auf dem Gebiete der chemischen Waffen“, einschließlich der Preisgabe seines Gelbkreuz-Schutzpräparats an den NS-Staat. Er zögert, wie er später selbst berichtet, und zu seiner Bestürzung stirbt die Mutter in Gurs. Nun stimmt er schweren Herzens zu, um Arthur zu retten und kehrt im Mai 1942 – erst in einem Arbeitslager für Emigranten in Thalheim interniert. dann abgeschoben von der Schweizer Fremdenpolizei – nach Deutschland zurück. An der Grenze wird er von Angehörigen der deutschen Spionageabwehr in Empfang genommen.
Die Nazis halten ihre Zusagen nicht, denn sein Bruder Wilhelm wird nach Theresienstadt deportiert, sein Bruder Arthur entkommt nur mit fremder Hilfe. Ernst arbeitet nun zwischen 1942 und 1944 in der „kriegswichtigen“ Treibstoffproduktion bei den Hydrierwerken Wintershall in Lützkendorf bei Merseburg, protegiert vom dortigen Chef August Rosterg, und zusätzlich von Mai bis August 1943 bei der Sunlicht AG in Berlin als Berater. Die britische Regierung bietet ihm – so berichtet er später – große Summen für Unterlagen zu seinem Hautentgiftungsmittel.
Sunlicht patentiert anonym sein „Verfahren zur Herstellung von stabilisierten, aktives Chlor enthaltenden Präparaten“, das Ernst Nagelstein schon im März 1942 in der Schweiz zum Patent angemeldet hat. Die Firma stellt es ca. 35 Millionen mal her und verwertet die Lizenz auch zivil: Unterlizenzen werden an 4711 und Henckel verkauft.

Ernst Nagelstein muss ab Sommer 1943 den Gelben Stern tragen und lebt in Krumpa bei Merseburg, zeitweilig auch in Berlin bei einer Frau Friedmann. Er wird laut Berlin Document Center auf Weisung von höchster NS-Stelle „nicht evakuiert“. Schließlich flieht er im März 1944 nach Paris. Die dafür notwendigen, falschen Papiere kosten ihn 15.000 RM, geliehen von wohlwollenden Kollegen. Zur Fahndung ausgeschrieben wird er – verschleiernd – wegen Zugehörigkeit zu einer „Fälscherbande“.17 Die wissenschaftlichen Instrumente, Bücher und noch vorhandenen Wertsachen muss er komplett zurücklassen. Er reist unter den Aliasnamen Ernst Narden, E. Nagel und Jean E. Cartier. In Frankreich angekommen, wird er zunächst von Résistance-Leuten gefangen genommen, die ihn für einen deutschen Spion halten.

Nach der Befreiung von Paris im August 1944 kehrt Ernst zumindest einmal, nämlich im November, in die Schweiz zurück, denn es gibt im Deutschen Museum in München Dokumente über ein Verhör, das der Leiter der US-amerikanischen ALSOS-Mission, der holländische Physiker Samuel Goudsmit mit dem deutschen Chemiker Ernst Nagelstein geführt hat. Inhalt von Nagelsteins Aussage ist, dass seines Wissens Wissenschaftler um Prof. Otto Hahn an einer Atombombe arbeiten. Er nennt dafür auch einen wissenschaftlichen Gewährsmann aus dem Anti-Nazi-Lager. Obwohl Ernst Nagelstein selbst dem Uranverein nicht angehört – also kein Insider ist – und nur mutmaßen kann, dass Thorium oder Uran verwendet würde, schließen die Amerikaner auf ein fortgeschrittenes deutsches Atomwaffenprogramm.18

Nach dem Krieg arbeitet Ernst zunächst bis 1950 in der französischen Ölindustrie, lebt später in München, Karlsruhe und Marxzell und forscht auf dem Gebiet der Katalyse. Im Wiedergutmachungsverfahren wird er von Anschuldigungen NS-belasteter, ehemaliger Kollegen freigesprochen, die ihm die wissenschaftlichen Leistungen absprechen wollen. Der geltend gemachte Schaden durch die Verfolgung wird dem Grund nach anerkannt, wenn auch nur in bescheidenem Umfang entschädigt.
Mitte der 1950er Jahre lernt Ernst Nagelstein seine zweite Ehefrau Sophie, geborene Furrer, kennen. Ein Sohn geht aus der Ehe hervor. Die Familie lebt in Santiago de Chile, Buenos Aires, später New York, wo Ernst bei der UNO als Direktor für den Special Fund (das heutige Entwicklungshilfeprogramm United Nations Development Program, UNDP) arbeitet. Danach zieht die Familie nach Basel, wo Ernst als Berater weiterhin für die UNO und in der petrochemischen Industrie tätig ist. 1974 erhält er das Bundesverdienstkreuz. 1984 ist Ernst Nagelstein in Basel gestorben. 19


Die Geschichte der Familie Nagelstein, wenn auch bruchstückhaft, zeigt doch deutlich, dass die Aufnahme in die deutsche Gesellschaft wie in die evangelische Kirche beharrlich angestrebt, aber von Anfang an prekär gewesen sein muss. Für den deutschen Kleingeist waren die Nagelsteins immer nur „getaufte Juden“. Dem entgegen steht die Freiheit des Individuums, andere Wege zu gehen, als durch seine Abstammung vorgezeichnet scheint.

Regina Nagelstein muss eine mutige Frau gewesen sein, die zusammen mit ihrem Mann Jakob unkonventionelle Entscheidungen traf und damit zumindest ihren Söhnen ungeahnte Möglichkeiten eröffnet hat. Im Sinne der Religionsfreiheit als Menschenrecht war sie nicht-jüdisch. Da sie das Schicksal der jüdischen Verfolgten teilte – wie übrigens eine ganze Reihe Menschen christlichen Bekenntnisses20 in Gurs – , ist das Gedenkbuch der Karlsruher Juden ein passender Ort, ihrer zu gedenken.

Mein Dank geht an Regina Nagelsteins Enkel Alexander für Rat und Hilfe bei der Vorbereitung dieses Artikels.


(Christoph Kalisch, Januar 2016)


Anmerkungen:
[1] Vgl. Generallandesarchiv (GLA) 480/24300 Ernst Walther Nagelstein.
[2] Wiener Zeitung 1. Juli 1868, vgl. http://anno.onb.ac.at .
[3] Joseph Margoshes: A World Apart. A Memoir of Jewish Life in 19th Century Galicia (übers. 2008:82 ff)
[4] Ebenda, S. 83.
[5] JewishGen Jaroslav Marriages und http://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/plain-content?id=50636, http://jbc.bj.uj.edu.pl/dlibra/plain-content?id=16930 .
[6] Sie heiratete 1889 Shmaje Sigmund Meisels aus Stanislawow. 1893/94 wurden ihnen die Töchter Leonia und Irene geboren.
[7] Wiener Zeitung vom 22. März 1865, vgl. http://anno.onb.ac.at .
[8] https://pl.wikipedia.org/wiki/Zarz%C4%85dcy_Jaros%C5%82awia .
[9] Pester Lloyd vom 31. Oktober 1891, vgl. http://anno.onb.ac.at .
[10] Angaben aus JewishGen.
[11] Badisches Hofhandbuch 1910.
[12] Adressbuch Karlsruhe 1927 und von da an dito.
[13] Karlsruher Zeitung, 19.10.1918, Titelblatt.
[14] http://quart_ifk.bsb-muenchen.de/ifk_quarjsp/imageAnz.jsp?Display=ImageCard&ImageID=46708329&Lang=de .
[15] Diss. Masch.-Schr.,vom 16. Januar 1923, VI, 87 S.
[16] Angaben Ruth Fivaz, Schweiz, in: STAK Korrespondenzordner – F, Genève 15 novembre 1942.
[17] Deutsches Kriminalpolizeiblatt vom 25.4. und 2.5.1944 .
[18] http:
www.deutsches-museum.de/archiv/archiv-online/geheimdokumente/alsos-mission/protokoll-nagelstein/dokument-1/
[19] Auskunft von A. Nagelstein, November 2015
[20] Vgl. zum Beispiel Peter Selg; Maria Krehbiel-Darmstädter: Von Gurs nach Auschwitz – der innere Weg. Arlesheim 2010.