Aus dem Fotoalbum

Bild 1
Großansicht des Bildes
[Bild 1 von 3]
Erna Nachmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Erna Nachmann

Nachname: Nachmann
geborene: Haas
Vorname: Erna
Geburtsdatum: 10. April 1899
Geburtsort: Borken/Westfalen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Hugo N.;

Mutter von Hannelore
Adresse: Reinhold-Frank-Str. (Westendstr.) 24
Emigration: 1938 in die Niederlande
Deportation: 8.8.1942 in KZ Westerbork (Niederlande)
8.2.1944 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Familie Hugo, Erna und Hannelore Nachmann

Hugo Nachmann wurde als zweiter Sohn des Ehepaares Samuel Nachmann und dessen Ehefrau Friedericke, geb. Meier, am 3. Juli 1889 in Karlsruhe geboren. Das Ehepaar hatte noch weitere Kinder: Ludwig (1887-1942), Sofie (1891-1987) und Otto (1893-1961). Als Friedericke Nachmann 1899 im Alter von 44 Jahren starb, heiratete Samuel Nachmann ein zweites Mal, Fanny Meier, die Schwester von Friedericke. Aus dieser Ehe gingen hervor: Arthur, gleich nach der Geburt 1900 verstorben, Berthold (1902-1943), Bella (1903-?), Else (1905-?) und Luitpold (1907-2003). Hugos älterer Bruder Ludwig verstarb 1942 im Lager Noé. Seine Schwester Sofie konnte emigrieren und verschied im Alter von 95 Jahren in New York, der jüngere Bruder Otto kehrte nach dem Krieg nach Karlsruhe zurück. Stiefbruder Berthold wurde 1943 in Auschwitz ermordet. Die Grabsteine der Eltern Samuel und Friedericke sind auf dem Jüdischen Friedhof Karlsruhe erhalten, ebenso das Grab des Bruders Otto.
Über die Schulzeit von Hugo ist nichts bekannt. Vermutlich beendete er eine kaufmännische Lehre und begann schon früh in dem Betrieb seines Vaters mitzuarbeiten. Der Vater Samuel hatte schon 1887 in Karlsruhe und Umgebung eine Firma für Altmaterial gegründet, und später eine Lumpensortieranstalt, eingetragen 1919 als OHG im Handelsregister. 1914 wurden Hugo und sein Bruder Ludwig Prokuristen der väterlichen Firma „Eisen, Metalle, Rohprodukte“.
Als Soldat war Hugo im Ersten Weltkrieg in vorderster Front eingesetzt. Er nahm an vielen, schweren Kämpfen und Gefechten teil, an der Somme-Schlacht, bei Verdun, in der Champagne, usw. Offensichtlich wegen seiner Tapferkeit beförderte man ihn zum Gefreiten, Unteroffizier und 1918 zum Sergeanten. Im Juni desselben Jahres wurde er verwundet und im September vom Lazarett aus nach Karlsruhe entlassen. Nach seiner Genesung stieg er wieder voll in das Geschäft ein, das sich in der Sedanstraße 15 in Karlsruhe-Mühlburg befand. 1919 übernahm Hugo zusammen mit seinem Bruder Otto das Hauptgeschäft des Vaters, die Lumpensortieranstalt in Durlach. Auch wurde er Mitglied des Israelitischen Männerkrankenvereins.

Am 27. Dezember 1922 heiratete er Erna Haas in Borken. Dieses ist eine Kleinstadt im Westmünsterland, nahe der niederländischen Grenze. Erna wurde dort am 10. April 1899 geboren. Ihr Vater war Moses Haas, ein sehr erfolgreicher Holzfurnierhändler und zu seiner Zeit der reichste Bürger und beste Steuerzahler der Stadt (siehe zur Familie Haas in Borken/Westfalen: www.gegen-vergessen-borken.de/). Die Mutter von Erna war Ricka, geborene Friedmann. Erna erhielt wie ihre sieben Geschwister eine vorzügliche Ausbildung, wohl auch in Internaten außerhalb der Stadt. Wo und wie sich Hugo und Erna trafen ist nicht überliefert. Sicherlich mit einer sehr guten Aussteuer versehen, zog Erna dann nach Karlsruhe in die Wohnung im Haus Westendstraße 24, heute Reinhold-Frank-Straße. Das dreistöckige Haus wurde käuflich erworben. Am 5. Februar 1927 kam die Tochter Hannelore auf die Welt. Erna war auch sozial tätig und Mitglied des Israelitischen Frauenvereins und des Frauenwohltätigkeitsvereins.

Die Adresse der Lumpensortieranstalt und Putzlappenwäscherei war Alte Karlsruher Straße 8, 10 und 12. Ein erhaltener Briefkopf bestätigt eindrucksvoll die Größe des Betriebes. Nach einer Überlieferung wurde die Firma im Volksmund „Lumpenzwick“ genannt. Das Geschäft entwickelte sich im Lauf der Zeit sehr erfolgreich und gehörte vor 1933 zu den bedeutendsten Betrieben für die wichtige Rohstoffwiederverwertung dieser Art im süddeutschen Raum. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, wurde er von öffentlichen Ausschreibungen ausgeschlossen, konnte sich aber zunächst noch weitgehend halten, da durch Exporte damals sehr wertvolle Devisen erwirtschaftet wurden.
Im August 1937 wurden Hugo und Otto, sowie etwa zwanzig andere Besitzer ähnlicher Firmen aus nichtigen Gründen verhaftet und erst freigelassen, als sie sich verpflichteten, zu verkaufen. Im Bestfall bekamen sie 50 % des Lagerwertes und der Gebäude ersetzt. So wechselte die Firma Nachmann am 15. Januar 1938 den Besitzer. Das arisierte Geschäft florierte dann bis Kriegsende weiter, da Rohstoffe zur erneuten Verwendung zurückgewonnen wurden.

In der Westendstraße 24 konnte die Familie noch wohnen bleiben. Am 15. August 1938 ging Hugo Nachmann zur Auswanderer-Beratungsstelle in Karlsruhe. Er beantragte, mit seiner Familie über Holland in die USA auswandern zu dürfen. Das Finanzamt und die NSDAP hatten zunächst keine Einwände, doch musste Hugo kurz darauf aus unbekannten Gründen seinen Pass abgeben. Nach der Pogrom-Nacht im November 1938 versuchten die Eltern eine Ausreisegenehmigung für die damals elfjährige Tochter Hannelore zu erhalten, die in Winterswijk in Holland zur Schule gehen sollte. Auch dieser Antrag wurde abgelehnt. Über das junge Mädchen ist leider gar nichts weiter bekannt, nicht einmal ein Foto von ihr konnte gefunden werden.
Irgendwann zwischen Ende 1938 und Anfang 1939 gelang der Familie dann doch die Flucht nach Holland. Hugo, Erna und Hannelore lebten zunächst in der Kleinstadt Gennep, in der Provinz Limburg, dann zogen sie im Mai 1939 nach Amsterdam. Dort wohnten sie in verschiedenen Häusern, zuletzt in der Geelenstraat 29. Wovon die Familie ihren Unterhalt bestritt, ist unbekannt, vielleicht hatte Hugo Nachmann etwas Geld oder Vermögen aus Deutschland herausbringen können oder die Familie erhielt Unterstützung von Verwandten. Im Dezember 1939 schrieb Hugo aus Amsterdam an seinen Neffen Fritz Nachmann in Schweden, dass sie noch kein Visum für die USA erhalten hätten. Offensichtlich war es beantragt.

Schon 1933 hatten zahlreiche deutsche Bürger jüdischen Glaubens ihr Vaterland verlassen und in den Niederlanden Schutz gesucht. Wegen des nicht abbrechenden Flüchtlingsstromes erließen die niederländischen Behörden jedoch bald verschärfte Einwanderungsgesetze. Zahlreiche Juden oder andere politischen Flüchtlinge wurden bis 1938 wieder ausgewiesen, einige verübten vor Verzweiflung Selbstmord. Als jedoch nach der Reichspogromnacht der Flüchtlingsstrom weiter anschwoll, wurde bis zum Mai 1939 die Aufnahme von 10.000 Flüchtlingen genehmigt. Ab Oktober 1939 begann die niederländische Regierung deutsch-jüdische Flüchtlinge in das neu aufgebaute „Centraal Vluchtelingenkamp Westerbork“ zu schicken. Hier gab es Holzbaracken mit kleinen Wohnungen, eine Gemeinschaftsküche, ein Krankenhaus, eine Schule und selbst eine Synagoge. Die Bewegungsmöglichkeiten der Bewohner außerhalb des Lagers waren jedoch eingeschränkt.
Nach dem deutschen Überfall im Mai 1940 versuchten die Lagerinsassen gemeinsam zu fliehen, doch vergeblich. Auch die niederländischen Juden wurden nun von den deutschen Besatzern verfolgt, drangsaliert und ins Lager gesteckt, das nun streng bewacht wurde. Ab April 1942 mussten alle Juden im Land den gelben Judenstern tragen. Im Lager Westerbork wurde unter deutscher Verwaltung ganz gezielt eine Scheinwelt aufrechterhalten. Die Ernährung war nicht sehr gut aber ausreichend, Krankenhaus, Schule, Wäscherei und sonstige Dienste funktionierten, die Insassen wurden mit kriegswichtigen Arbeiten beschäftigt, Konzerte wurden gegeben, religiöse Feiern abgehalten, usw. Es war die perfekte Täuschung, denn ab Juli 1942 ging einmal wöchentlich ein Zug mit Häftlingen „für Arbeiten in den Osten“ ab und zwar jeden Dienstagmorgen, zwei Jahre lang. Die meisten fuhren direkt nach Auschwitz oder Sobibór! Die unerträgliche Fahrt, teilweise in vollen Viehwagen, dauerte drei Tage lang. Für über 107.000 Juden wurde Westerbork somit zum Durchgangslager auf dem Weg in den Tod. Auch Anne Frank war eines dieser Opfer.
Die Familie Nachmann wurde erst am 8. August 1942 in das Lager Westerbork gebracht und verblieb dort einige Zeit. Die Häftlingsbaracken waren zeitweise übervoll belegt und Insassen mussten auf dem Boden schlafen. In Postkarten nach Schweden zum Neffen Fritz Nachmann gibt Hugo als Absenderadresse die Baracke 22 an. Dort kann er jedoch nicht gewohnt haben, denn es war die Unterkunft der Feuerwehr und des Ordnungsdienstes. Vermutlich war er bei diesem tätig, wohnte aber in Baracke 85, einem großen Holzhaus, während Erna und Hannelore anfangs in einer kleinen Wohnung in der Baracke 46 untergebracht waren. In einer Postkarte schreibt Erna, Hugo sei sehr beschäftigt und da der Ordnungsdienst überwiegend mit deutschen Juden besetzt war, spricht das für die Annahme einer solchen Tätigkeit. Von Hannelore gibt es nur ein ganz kleines Lebenszeichen: In einem Archiv findet sich der Hinweis, dass sie in der „Gruppe Arbeitseinteilung“ mit der „Führung der Appellbücher und der Ablage eingehender Meldungen“ beauftragt war.

In der letzten, erhaltenen Nachricht schreiben sie am 13. Oktober 1943, dass sie auf die Austauschliste für Palästina gekommen seien. Sie hatten die Hoffnung auf ein Entkommen noch nicht aufgegeben! Doch das grausame Schicksal gab ihnen nicht mehr viel Zeit. Dienstag, den 8. Februar 1944, ging der wöchentliche Deportationszug „in den Osten“ auch für sie ab, drei Tage nach Hannelores 17. Geburtstag. Am 11. Februar kam der Zug in Auschwitz an. Von den, mit insgesamt 66 Fahrten von Westerbork nach Auschwitz transportierten 58.380 Häftlingen überlebten nur 854. Der tapfere, ehemalige Soldat Hugo Nachmann, der bei Verdun für sein Vaterland gekämpft und gelitten hatte, die brave Frau Erna und das junge Mädchen Hannelore waren nicht dabei!

Von Ernas sieben Geschwister brachten nur zwei Familien Nachkommen über den Krieg, die übrigen wurden umgebracht. Die Mutter Ricka Haas überlebte Theresienstadt und starb 1946 in Amsterdam. Der Rest der Familie Haas hat auf dem jüdischen Friedhof Muiderberg bei Amsterdam neben dem Grabstein der Mutter einen Gedenkstein für die Ermordeten gesetzt und auch die Namen von Hugo und Erna Nachmann und Hannelore vermerkt.

Hugos Bruder Otto Nachmann kehrte 1945 nach Karlsruhe zurück und bekam den Betrieb zurück übertragen, den er weiter ausbaute. Hugos Anteil wurde unter den Erben aufgeteilt. Otto Nachmann war neben seiner sozialen und beruflichen Tätigkeit vor seinem Tode 1961 einige Jahre lang Präsident des Oberrates der Israeliten Badens.

(Richard Lesser, Dezember 2008)