Personendaten

Regina Mühlstein

Nachname: Mühlstein
geborene: Jakubowitz
Vorname: Regina
Geburtsdatum: 18. Mai 1905
Geburtsort: Lódź (Russland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Max M.;

Mutter von Alfred Robert, Bella und David Leib
Adresse: Zähringerstr. 78
Kaiserstr. 122
Karl-Friedrich-Str. 25
Hebelstr. 3

Biographie

Max, Regina, Leo, Bella und Alfred Mühlstein

Aus dem Leben der Karlsruher Familie Mühlstein sind nur wenige Bruchstücke überliefert. 70 Jahre nach Ende des 2. Weltkriegs wird ihrer als Opfer des Naziterrors nur in persönlichen Zeugenaussagen von Verwandten in der israelischen Gedenkstätte Yadvashem gedacht. Ihre Namen fehlen auf Gedenktafeln und in der Literatur.

Im Herbst 1921 finden wir den Damen- und Herrenschneider Max Mühlstein das erste Mal im Karlsruher Adressbuch, mit der Adresse Adlerstraße 18a im 4. Stock. Dort wohnte die Witwe eines Schneiders, vielleicht übernahm der aus der russischen Provinz Lublin nach Deutschland eingewanderte junge Mann dessen kleine Werkstatt.

Markus Mordechai „Max“ Mühlstein (Milsztein), Sohn von David Arie und Fejge, war am 14. August 1892 in Chelm im russisch verwalteten Teil Polens geboren. Das ist einem Gedenkblatt bei Yadvashem und Gestapo-Unterlagen aus Karlsruhe zu entnehmen. Ein zweites Gedenkblatt, geschrieben von Max Mühlsteins überlebendem Neffen Chaim, nennt einen anderen Geburtsort, wohl das 20 km von Chelm entfernte Dorf Uchanie. Als Geschwister von Max sind erwähnt: Jakob und Yehuda sowie Bela Sießel, verheiratete Laks. (Alle drei kamen mit ihren Familien im Holocaust zu Tode.)

Am 16. Mai 1927 heirateten Max Mühlstein und Regina Rivka, geborene Jakubowicz, in Franzensbad, einem deutsch-böhmischen Kurort in der Tschechoslowakei, heute Františkovy Lázně, wo es ein Hospital für arme Israeliten gab. Vermutlich war ein Elternteil dort in Behandlung.
Regina, geboren am 18. Mai 1905 im polnischen Łódź, war eine Tochter von Mojsie (Moshe) Chaim Jakubowicz, geboren 1871 in Ozorków und Frejdel (Freda), geborene Koppel, geboren etwa 1877 in Poddębice. Ein „Personenblatt“ der Stadt Łódź von 1918 führt sie auf und nennt neben Tochter Regina einen Bruder Benzion. Die Wohnung war in der ulica Widzewska 35 in Łódź. Familie Jakubowicz (Jakubowitz) zählte zu den Kohanim, wie am später in Palästina angenommenen Familiennamen von Reginas überlebendem Bruder Benjamin Kahane deutlich wird. –

Die Mühlsteins hatten drei Kinder, die alle in Karlsruhe zur Welt gekommen sind:
Arje Leo (David Leib) geboren am 6. Juli 1925; Bella, geboren am 21. August 1927 und Alfred Robert, geboren am 26. Februar 1931. Die Kinder des zeitweilig im selben Haus wohnenden Schuhmachers Martin Moses Jakubowicz (Sohn des Abraham und der Esther Necha) und der Sara, geborene Baumgart, hießen Fanny, Bella und Alfred Abraham. Dies lässt darauf schließen, dass die Kinder die Namen gemeinsamer, verstorbener Vorfahren trugen, und damit Martin Jakubowicz ein Cousin von Regina Mühlstein gewesen sein dürfte. (Fanny und Bella traten bereits in Karlsruhe als Tänzerinnen hervor, ihr Bruder Alfred als hochbegabter Geiger. Der Familie gelang die Auswanderung in die USA.)

Ab 1925 befand sich die Maßschneiderei von Max Mühlstein in der Zähringer Straße 59 parterre, die Wohnung in der Karlstraße 25, wo auch Verwandte seiner kurz zuvor geehelichten Frau Regina (Rivka), die Familie des Schuhmachers Martin (Moses) Jakubowicz zu Hause waren. Um 1928 war Max Mühlsteins Werkstatt in der Karlstraße 6 im 2. Stock, dann wieder in der Zähringer Straße 59, um 1930 in der Waldstraße 8. Die Familie wohnte inzwischen in der Kaiserstraße 201 im 3. Stock. Um 1930/31 zog sie in die Mainstraße 16, 2. Stock im Weiherfeld um. Die Werkstatt war nun in der Kaiserstraße 39 im 4. Stock; im Haus lebte wiederum auch die Familie von Martin Jakubowicz. Ein Jahr später zog Familie Mühlstein, inzwischen mit drei Kindern, in die Hebelstraße 3, 3. Stock um, wo sie bis 1938 nachgewiesen ist. Ab 1933 bestand auch die Werkstatt dort. Diese wechselnden, offensichtlich prekären Wohn- und Arbeitsbedingungen lassen ahnen, dass die Familie arm war. Ein Dokument von Sommer 1938 (Centrum Judaicum Berlin, 75 A KA 4, 14 Nr 4027 Jüdische Schule 1936-39, Bl. 171) untermauert dies. Bella aus der 5. Klasse und Alfred aus der 2. Klasse der Jüdischen Schule in der Markgrafenstraße gehören zu den Kindern, für die ein „unentgeltliches Milchfrühstück“ gespendet wurde. Leo Mühlsteins Name ist in dem selben Papier durchgestrichen, vielleicht war der 13-jährige bereits von der Schule abgemeldet, mit Blick auf eine geplante Auswanderung.

Die Schneiderei nach Maß war bereits damals eine schrumpfende Branche. Seit der Jahrhundertwende blühte die Konfektion, auch sehr hochwertige Kleidung war von der Stange zu kaufen und ließ sich bei Bedarf ändern. Gute Maßanzüge hielten viele Jahre. Zugleich war die Arbeit anstrengend und der Gewinn schmal, da die oft in großen Mengen importierte Konfektion auf die Preise drückte. Offenbar hatte Schneider Mühlstein nie ein Ladengeschäft, sondern betrieb seine Werkstatt in Wohnräumen.

1938 hatte Ehepaar Mühlstein noch polnische Pässe, da ihre Geburtsorte inzwischen zu Polen zählten und beide in Deutschland nicht eingebürgert waren. Die Verlängerung der Papiere wurde aber im Oktober 1938 vom polnischen Staat generell verweigert, wenn die Betroffenen länger als fünf Jahre im Ausland gewesen waren. Zugleich verwehrte Hitler-Deutschland aber auch Visa oder gar eine Bleibeperspektive. Am 28. Oktober 1938 wurde der nun staatenlose Vater Max Mühlstein daher zusammen mit etwa 60 anderen jüdischen Männern aus Karlsruhe per Bahn an die polnische Grenze bei Zbaszyn abgeschoben, Frau und Kinder blieben in Karlsruhe zurück. Am 1. November 1938 hat Frau Mühlstein laut einem „Verzeichnis der jüdischen Gewerbebetriebe“ (GLA 237 Nr 40492) die Maßschneiderei ihres Mannes in der Zähringer Str. 78, 2. Stock aufgelöst. Am 14. November wurden Mutter und Kinder bei einer „schlagartigen“ Kontrolle „unter Einsatz aller Kräfte der Sicherheits- und Ordnungspolizei“ in dieser Wohnung angetroffen, im Mai 1939 wurden die vier bei der Volkszählung mit ihren separaten Erfassungsbögen für Juden dann in der Zähringer Straße 50 erfasst.

Etwa im Sommer 1939 muss Regina Mühlstein mit den Kindern ihrem Mann nach Polen nachgereist sein – mit Aufenthaltsverbot in Deutschland belegt, ohne Reisepass und sicherlich ohne genügend Geld ein schwieriges Unterfangen.

Ein Brief vom 22. Februar 1940 von der „Ärztlichen Verrechnungsstelle“ in der Karlsruher Kriegsstraße 47 an Max Mühlstein in Kalisz, einer Industriestadt im seit Oktober 1939 deutsch annektierten „Warthegau“ (heute Polen), ist im Untergrundarchiv des Warschauer Ghettos (Archiv Oneg Schabbat, Jüdisches Historisches Institut in Warschau, 128 RING I/599/78 Mf. ZIH – 812, Brf. No 112) überliefert. Im gedruckt erschienenen Inventar zeigt sich, dass es im Umfeld des Briefs Materialien aus dem Jüdischen Krankenhaus Kalisz gibt, die ein dortiger Arzt mit nach Warschau gebracht haben mag – es muss nicht Max Mühlstein selbst gewesen sein. Dieser hielt sich jedenfalls im Februar 1940 in Kalisz auf, vielleicht im dortigen Krankenhaus. Dass er oder die Familie selbst in Warschau gewesen wären, folgt aus dem Dokument nicht.

Im weiteren Verlauf des Krieges flüchtete Ehepaar Mühlstein offenbar nach Osten auf ukrainisches Gebiet. Das Gedenkblatt von Max' Neffen Chaim nennt die Stadt Wladimir-Wolynsk, damals Ukrainische SSR. Reginas Nichte Tamar schreibt, die Tante sei auf dem Weg nach Russland in einem Eisenbahnzug durch eine Explosion getötet worden. Irgendwann muss Regina Mühlstein einen Transport durchgemacht haben, denn sie allein von der ganzen Familie ist im Gedenkbuch des Bundesarchivs erwähnt, mit dem Zusatz „unbekannter Deportationsort“, ohne Hinweis auf ihren Tod. Reginas Bruder Benjamin schreibt, das Ehepaar sei auf der Flucht nach Russland bei Zbaraz, Bezirk Tarnopol in der Westukraine umgekommen. Hier kann es sich um gezielte Gewalt gegen Juden, aber auch um Kampfhandlungen der Wehrmacht oder anderer deutscher Truppen auf dem Vormarsch nach Osten oder um einen Anschlag ukrainisch-nationalistischer Partisanen gehandelt haben, die dort einen blutigen Bürgerkrieg gegen die polnische Bevölkerung führten.

Der Todesort der Kinder scheint unbekannt. Max' Neffe Chaim schreibt lapidar: „Vernichtung“ bzw. „Auschwitz“, während Reginas Bruder Benjamin einen gewaltsamen Tod „an unbekanntem Ort“ angibt. Wenn auch die Umstände nicht klar sind, ergeben die fünf Gedenkblätter dreier Verwandter doch mit hinreichender Gewissheit, dass Max und Regina Mühlstein durch Krieg und Verfolgung im Osten zu Tode kamen und die Kinder – vielleicht mit den Eltern, vielleicht anderswo – im Holocaust ihr Leben verloren.

(Christoph Kalisch, Mai 2018)


Nachtrag: Zu einer weiteren Familie Mühlstein, namentlich Samuel (geboren 1880 in Zaklikow, Sohn von Benzion und Feiga), verheiratet mit Frymeta Fanny, geborene Rosenbaum (Jahrgang 1879) und deren Sohn Benzion Bernhard, geboren 1899 in Zaklikow, verheiratet mit Malka Zlata, geborene Beck, sowie deren Kindern Erna Esther, geboren 1923 in Krasnik und Arnold Nathan Aron, geboren 1928 in Straßburg gibt es keinen erkennbaren Zusammenhang. Sie lebten nur kurze Zeit in Karlsruhe und verließen vor 1933 die Stadt. Außer den beiden Großeltern, die in Frankreich überlebten, sind auch sie alle ermordet worden.