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Wilhelm Moch, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Wilhelm Moch

Nachname: Moch
Vorname: Wilhelm
Geburtsdatum: 29. November 1891
Geburtsort: Nonnenweier/Lahr (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Baruch und Zierle, geb. Meyer, M.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Gerta M.;

Vater von Anneliese und Bruno
Adresse: 1923/24: Kriegsstr. 196
1925: Wendtstr. 7
1927-1930: Renckstr. 7
1930: Karlstr. 122
1931-1939: Gartenstr. 1
1939-1940: Sophienstr. 9
Beruf: Handelsreisender
Deportation: 11.11. - 28.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 - 31.3.1941 in Gurs (Frankreich)
31.3.1941 - 31.8.1942 im Lager Les Milles (Frankreich)
17.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Biographie der Familie Wilhelm und Gerta Moch

Wilhelm Moch kam ursprünglich nicht aus Karlsruhe. Wie schon einige Generationen der Mochs vor ihm stammt er aus Nonnenweier in Baden. Er ist der Sohn von Baruch (1835-1896) und Zierle Moch (1853-1929) und wurde am 29. November 1891 als achtes von zehn Kindern geboren. Zierle Moch war Baruchs zweite Frau, die er 1880, zwei Jahre nach dem Tod seiner ersten Frau Helena (1836-1878) , geheiratet hat. Aus erster Ehe hatte Baruch Moch schon acht Kinder zwischen 1864 und 1874.

In Nonnenweier bei Lahr, das vor der Angliederung an Baden 1803 infolge der napoleonischen Neuordnung der Territorien in Südwestdeutschland den ritterlichen Freiherren von Ratsamshausen gehörte, war Juden wie in anderen Orten des Ritterkantons Ortenau seit dem 18. Jahrhundert die Ansiedelung erlaubt worden. Diese Landjuden arbeiteten fast ausschließlich als Händler für Vieh und die Produkte der Landwirtschaft; im 19. Jahrhundert kamen insbesondere noch der Tabakhandel und die Zigarrenproduktion hinzu. Zum Zeitpunkt der Geburt Wilhelm Mochs hatte die Zahl der jüdischen Bewohner der kleinen Landgemeinde mit 250 von insgesamt 1.400 Einwohnern ihren Höchststand erreicht. Nach der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden in Baden seit 1862 und der sich durchsetzenden Industrialisierung zogen gerade Juden mehr und mehr vom Land in die Städte, um dort einen sozialen Aufstieg zu nehmen. War die erste beiden nachweisen Mochs in Nonnenweier, der 1763 geborene Aaron und der um 1769 geborene Baruch noch Handelsmänner, Viehhändler gewesen, so zogen seit Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche Mochs in die Städte, darunter Cousins von Wilhelm wie Dr. Berthold Moch, geboren 1901, als Rechtsanwalt und Julius Moch, geboren 1875, als vermögender Kaufmann für Hüttenprodukte.

Diesen Aufstiegswillen finden wir auch bei Wilhelm Moch, der offensichtlich nicht mehr in dem engen Lebensumfeld seiner Eltern seine Existenz begründen wollte. Nach dem Besuch der Volksschule ging er auf die Handelsschule. Offensichtlich setzte er auf Bildung und der Besuch der Handelsschule bot Fleißigen aus einfachen Verhältnissen bessere Chance. Nach dem Schulabschluss absolvierte er eine kaufmännische Lehre in Bentheim und arbeitete danach für einige Zeit als Angestellter weiter in demselben Geschäft, in dem er auch seine Lehre absolviert hatte. Er leistete keinen Militärdienst und wurde 1914 auch nicht als Soldat eingezogen. Nach dem Ersten Weltkrieg zog es ihn nach Karlsruhe, direkt in die Landeshauptstadt, nicht in das näher gelegene Lahr oder eventuell Offenburg. In der Residenzstadt sah er vermutlich bessere Chancen, sich als tüchtiger Kaufmann zu etablieren. Er gründete einen „Groß- und Kleinhandel für Rohprodukte, Alteisen und unedle Metalle“. Ob hierfür der oben genannte Cousin Julius einen Tipp gab? Für diese Recyclingprodukte gab es nach dem Ersten Weltkrieg für einige Jahre einen großen Markt und Tüchtige konnten damit gutes Geld verdienen. Nach ein paar Jahren war der Boom vorüber, zahlreiche dieser kurz zuvor entstandenen Firmen schlossen wieder, auch die von Wilhelm Moch. Nun begann er als selbständiger Handelsvertreter zu arbeiten für verschiedene Möbel- und Stuhlfabriken, was von seinem Mut und seinen Fähigkeiten zeugt. Er baute ein Auslieferungslager auf eigene Rechnung auf und konnte ein damit ein gutes Einkommen erzielen.

Gerta Moch stammte aus Gemen in Westfalen. Hier wurde sie am 17. Oktober 1900 als Tochter von Oskar und Paula Löwenstein geboren. Von ihren vier weiteren Geschwistern war sie die älteste Tochter. Die Familie Löwenstein war in Gemen im weltlichen Gemeindeleben wie n der jüdischen Gemeinde sehr erfolgreich und einflussreich. 1891 hatte Gertas Vater Oskar Löwenstein das Amt des Synagogenvorstehers, das heißt des Vorsitz der jüdischen Gemeinde, von seinem Vater Hirsch-Herz Löwenstein übernommen. Wie im Nachbarort Borken waren auch in Gemen viele Juden ansässig. Ihre Besiedelung geht auf das Mittelalter zurück, wurde aber durch die Pestpogrome um 1348/49 abrupt unterbrochen, ehe dann aber wieder bereits seit dem 16. Jahrhundert Juden hier lebten. Die fiskalischen Interessen der Herrschaft Gemen waren ausschlaggebend dafür, dass Juden sich wieder ansiedeln durften, ganz im Gegensatz zum nahen Fürstbistum Münster. Die Schutzbriefe der Herren von Gemen und benachbarter Freiherren boten ihnen gelegentlich auch Schutz gegen die Bedrohungen durch die christliche Umwelt.

Erst durch das Engagement Oskar Löwensteins wurde überhaupt erst eine Synagoge in Gemen errichtet, obwohl die Borkener Synagoge nicht sonderlich weit entfernt war. Dies war 1912, womit er einen lange gehegten Wunsch der jüdischen Gemeinde umsetzte. Ein weiterer Beweis seines großen Engagements war die gemeinsame Initiative mit dem Borkener Synagogenvorsteher Jonas Haas und anderen zur Gründung des „Verein zur Wahrung der religiösen Interessen des Judentums in der Provinz Westfalen“ im Jahr 1896. Hintergrund war ein auftretender Konflikt im Judentum zwischen den eher konservativ-orthodoxen westfälischen Landjudengemeinden und so genannten liberalen Strömungen wie sie in jüdischen Gemeinden der Großstädte wie in Münster herrschten sowie dem seit Ende des 19. Jahrhunderts aufkommenden Zuzug osteuropäischer Juden aus Preußisch- und Russisch-Polen oder dem österreichischen Galizien mit ihrer besonderen Ausprägung des religiösen Lebens und für „alteingesessene“ Juden eigentümlich anmutenden Frömmigkeit.

Seine Eingebundenheit in der bürgerlichen Gemeinde von Gemen zeigt sich in Oskar Löwensteins Mitgliedschaft im Gemener Schützenverein, wo er sogar dem Vorstand angehörte. Als Teilnehmer des Krieges von 1870/71 zählte er sich stolz zu den Kriegsveteranen. Man muss die Familie Löwenstein als deutsche Juden nationalkonservativer Gesinnung in Zeiten des Kaiserreiches ansehen. Sein Geld verdiente Oskar im Textilhandel. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Emil hatte er eine Firma und wie viele andere jüdische Geschäfte auch, hatten die „Gebrüder Löwenstein“ weitreichende Beziehungen. Der Verdienst reichte um die komplette Familie gut zu versorgen und ein Hausmädchen zu beschäftigen. Die Familie Löwenstein scheint für die damalige Zeit recht vermögend gewesen zu sein. Sie hatte genügend Geld um eine für die damalige Zeit hohe Summe für den Wiederaufbau eines abgebrannten Hauses zu spenden. Unter diesen Umständen wuchs Gerta mit ihren Geschwistern, der Familie ihres Onkels Emil und weiteren Verwandten im Ort auf. Nach dem Besuch der Schule arbeitete Gerta dann als Hausangestellte und schließlich brachte sie es zur Heimleiterin eines Altenheims.

Die Verbindung zwischen Wilhelm Moch aus dem mittelbadischen Nonnenweier und Gerta Moch aus dem Westfälischen fällt aus dem Rahmen, gab es doch zwischen der badischen und westfälischen Region keinen funktionierenden „Heiratsmarkt“. Jüdische Ehevermittlung war in der damaligen Zeit verbreitet, beschränkte sich für Baden aber doch auf die Verbindung verschiedner pfälzischer und bayerischer Regionen, eventuell noch Frankfurt a.M. Die Heirat zwischen Wilhelm Moch und Gerta Löwenstein fand 1923 statt. Die Familie lebte in Karlsruhe. Das Einkommen war recht gut und man könnte sie als gutsituierte Familie bezeichnen.

Zu Anfang wohnte die Familie in der Kriegsstraße 196, zog in den nächsten Jahren aber mehrmals um, unter verschiedenen Adressen in der Südweststadt, ehe sie ab 1931 für mehrere Jahre in der Gartenstraße 1 wohnen blieb. Als Juden ab 1939 nicht mehr in „arischen“ Mietshäusern erwünscht waren, zogen sie in die Sophienstraße 9, das seit dem Verkauf der Privatklinik Dr. Spanier kurz zuvor zum Jüdischen Altersheim wurde.

Am 27. Mai 1924 war ihr erstes Kind Bruno zur Welt gekommen. Kaum zwei Jahre später, am 22. Januar 1926 wurde das zweite Kind Anneliese geboren. Weitere Kinder folgten nicht. Bruno besuchte nach der Volksschule in der Gartenstraße im Schuljahr 1935/36 die Kant-Oberrealschule, die zum Abitur führen sollte. Seine Noten waren gut, in Deutsch, seiner ersten Fremdsprache und Sport hatte er eine zwei, nur in Mathe eine drei. Seine jüngere Schwester Anneliese besuchte 1932 bis 1936 die Volksschule in der Gartenstraße. Dann wechselte sie 1936/37 auf der Fichte-Oberschule für Mädchen (das heutige Fichte-Gymnasium). Auch ihre schulischen Leistungen waren gut, sie hatte nur Noten im Bereich zwei und drei. Dass sie überhaupt noch auf die höheren Schulen wechseln konnten, zu einem Zeitpunkt als das NS-Regime alle Juden aus den Volksschulen ausschloss und in separate jüdische Schulen zwang, lag allein am Status von Wilhelm Moch, der Weltkriegsteilnehmer gewesen war. Nun wurden auch die jüdischen Oberschüler systematisch aus den Schulen verdrängt. Bruno und Anneliese mussten auf die Jüdische Schule in der Markgrafenstraße gehen.

Die Gefahr durch den Nationalsozialismus musste die Familie von Beginn an erfahren. Bereits 1933 war Gertas jüngerer Bruder Kurt, der in Osnabrück Verwandte besuchte, verhaftet worden als er einen Boykottposten vor einem jüdischen Geschäft fotografierte. Solche Boykottposten gab es am 1. April 1933 vor vielen jüdischen Geschäften und war eine gezielt gegen Juden gerichtete Maßnahme um sie aus dem Wirtschaftsleben zu verdrängen. 1934 wurde die Gemener Synagoge von einer österreichischen nationalsozialistischen Gruppe auf Wanderfahrt überfallen. Als sie die Fenster einwarfen wurde Gertas Vater Oskar am Kopf verletzt. Vier Jahre später in der Pogromnacht 1938 wurde die Synagoge, das Lebenswerk Oskar Löwenthals, von innen total zerstört. Alles Vermögen der Gemeinde wurde verwüstet, verbrannt und geschändet und die Versicherungen wurden vom Staat dazu aufgefordert die Schäden nicht zu bezahlen. Oskar Löwenstein, seine Frau Paula und die Enkelin Anneliese aus Karlsruhe, die gerade zu Besuch war mussten über Nacht ins Gefängnis. Für die zwölfjährige Anneliese muss das ein Schock gewesen sein. Nach dieser Nacht beschlossen die Löwensteins in Gemen, dass sie nicht länger in Deutschland bleiben konnten. Die jüngste Tochter der Familie lebte zu dem Zeitpunkt schon in England und unterstützte nun ihre Eltern ihren Bruder und die Familie ihrer anderen Schwester bei der Emigration aus Deutschland.

Wilhelm Mochs jüngste Schwester war Lina, am 21. November 1895 in Nonnenweier geboren. Als junge Frau mit 19 Jahren arbeitete sie während des gesamten Krieges als Rot-Kreuz-Helferin im Lazarett, in Karlsruhe. Nach Kriegsende beschloss sie, diese Tätigkeit zu ihrem Beruf zu machen, für den sie offenbar große Fähigkeit aufbrachte. Statt als ungelernte Schwesternhelferin zu arbeiten, absolvierte sie nämlich eine ordentliche zweijährige Ausbildung zur Krankenschwester an der Universitätsklinik in Heidelberg. Mit diesem Abschluss ging sie zurück nach Nonnenweier und arbeitete selbstständig in der Gemeindepflege. Bis zum November 1933. Dann kam sie nach Karlsruhe und begann im Pflegedienst der Jüdischen Gemeinde, wo sie zum 1. Januar 1936 auch offiziell die Leitung dieses Dienstes übernahm. Nach der Reichspogromnacht 1938 wurde auch ihr klar, dass ein Leben in Deutschland unmöglich sein würde und so versuchte sie die Ausreise. England ließ ledige Frauen als Haushaltshilfen mit einem bestimmten Kontingent in das Land einreisen. Unter diesem Programm gelangte Lina Moch nach England, ihr Einreisestempel trägt das Datum vom 11. Juli 1939.

Gerta und Wilhelm Moch blieben aber in Karlsruhe, weil Gerta sich nicht im Stande sah, die Vorstandsposition, die sie in dem Altenheim hatte, in dem sie arbeitete, aufzugeben. Die Reichspogromnacht traf die Familie hart. Wilhelm Moch wurde wie hunderte andere jüdischer Männer in Karlsruhe am Morgen des 10. November 1938 verhaftet und in das KZ Dachau verbracht. Hier blieb er bis zum 28. Dezember 1938. Diese Erfahrung zeigte, dass es in Deutschland keine Lebensperspektive mehr gab. Seine Handelsvertretung hatte er längst aufgeben müssen. Das Familieneinkommen lag allein bei seiner Frau. Ihr half er nun in Angelegenheiten der Buchhaltung.

Das Ehepaar sorgte zuerst für das Wohl ihrer Kinder und schickten Bruno und Anneliese 1939 mit einem „Kindertransport“ nach England. Als das Ausland nämlich Berichte über die „Reichskristallnacht“ vom 9. Auf den 10. November erreichten, hatte das englische Parlament beschlossen jüdischen Kindern zu helfen. Schon 20 Tage später, am 30. November startete der erste Zug mit 196 Kindern von Berlin nach London. Insgesamt konnten so ca. 10.000 jüdische Kinder bis zu einem Alter von 17 Jahren aus Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei gerettet werden. Es existierte allerdings die Bedingung, dass in England lebende Verwandte oder Hilfsorganisationen eine Garantiesumme aufbringen mussten. Diese betrug 50 Pfund, was heute ungefähr dem Wert von 1.600 Euro entspricht. Zuerst fuhren die Kinder mit dem Zug bis nach Holland, von dort aus wurden sie mit einer Fähre nach Harwich gebracht. Nach 30 Stunden Reise wurden die Kinder dann auf Aufnahmelager verteilt und von dort aus gelangten sie in Heime oder zu Pflegefamilien. Die größten Chancen in eine Pflegefamilie zu kommen, hatten hübsche, gesunde und intelligente Kinder, darunter vor allem blonde zutrauliche Mädchen, da sie als besonders unproblematisch angesehen wurden. So konnten Bruno und Anneliese noch vor dem Nationalsozialismus fliehen.
Gerta und Wilhelm Moch jedoch war das Glück einer Rettung vor den Nationalsozialisten nicht vergönnt. Auch sie bemühten sich jetzt um Auslandsvisa über ihre Verwandten, doch zur Emigration reichte es nicht mehr angesichts der zurückhaltenden Haltung westlicher Länder bei der Aufnahme von ausländischen Flüchtlingen.

So wurden Gerta und Wilhelm Moch zusammen mit über 6.500 Juden aus Baden und Saar-Pfalz am 22. Oktober 1940 in einer organisierten Aktion der Gauleuter aus Deutschland deportiert und kamen in das südfranzösische Lager Gurs. Dort blieben sie bis zum 19. Juli 1941, allerdings getrennt, da Männer und Frauen in jeweils eigenen Baracken hausen mussten. Offensichtlich betrieben sie immer noch die Auswanderung, was zu diesem Zeitpunkt auch noch im Bereich des Möglichen lag, wenn sie ein Land zur Aufnahme fanden und Verwandte oder Bekannte für sie bürgten. Offensichtlich im Zusammenhang von Auswanderungsbemühungen brachte man sie im März 1941 aus Gurs in speziell dafür vorgesehene Auswanderungslager. Wilhelm Moch nach Les Milles, nahe Marseille und Gerta in das „Hôtel Terminus des Ports“ als „Centre d’Emigration Féminin“ direkt in Marseille. Die Schriftstellerin Anna Seghers, gleichfalls jüdischer Herkunft, hat die Mühen und Hoffnungen von Menschen aus Marseille die Ausreise zu erlangen in ihrem Roman „Transit“ eindringlich behandelt.

Auch die Hoffnungen von Wilhelm und Gerta Moch erfüllten sich nicht. Zur Auswanderung kam es nicht mehr, mit dem immer ausgedehnteren deutschen U-Boot-Krieg im Atlantik und dem Kriegseintritt der USA wurde die Emigration fast unmöglich, noch ehe NS-Deutschland eine Wendung in seiner bereits brutalisierten Judenpolitik vollzog und die so genannte Endlösung, das heißt die Ermordung aller Juden in seinem Machtbereich, beschloss und organisierte.

Gerta Moch, die seit dem 20. Juli 1941 bis zum 4. August 1942 in Marseille im „Hôtel Terminus des Ports“, praktisch ein Internierungslager, gewartet hatte, wurde nach erfolglosem Warten auf die Ausreise am 4. August 1943 nach Les Milles gebracht, wo sich auch Wilhelm Moch befand. Es war nur noch als Durchgangsstation zur Deportation in die „Endlösung“ gedacht. Am 17. August 1942 wurden Wilhelm und Gerta Moch gemeinsam unter insgesamt 1.000
Juden nach Auschwitz in Polen gebracht. Nur drei von ihnen überlebten bis 1945. Wilhelm und Gerta Moch nicht. Ein Lebenszeichen von ihnen gab es nach dem Abtransport in Frankreich nicht mehr. Mit hoher Wahrscheinlichkeit sind sie sofort nach der Ankunft in Auschwitz in die Gaskammer gebracht und ermordet worden.

Die zwei Kinder der Familie, Bruno und Anneliese Moch, sind später aus England in die USA eingewandert. Der Sohn war dort als Rechtsanwalt tätig gewesen. Nachdem Anneliese 1939 mit dem Kindertransport erfolgreich nach England gelangen konnte, besuchte sie dort mit Unterstützung des Jüdischen Komitees bis 1942. Bei Kriegsbeginn 1939 war sie in das Landesinnere nach Duntesbourne Leer gebracht worden, ab 1942 arbeitete sie bis sie im Juni 1947 in die USA emigrierte, wo sie Arbeit als Buchführerin fand. Im Juni 1949 heiratete sie und im Laufe der Jahre bekam sie mindestens zwei Kinder. Ihren Name anglizierte sie, ebenso wie ihr Bruder und wie viele andere ausgewanderte Juden auch.

Die Geschwister von Gerta Moch konnten alle vor dem Terror des Nationalsozialismus fliehen. Eine ihrer Schwestern und ein Bruder sind ebenfalls in die USA ausgewandert, der andere Bruder ging nach Johannesburg in Südafrika und die jüngste Schwester nach Nordirland.

Von den vielen Geschwistern von Wilhelm Moch wurden zwei ebenfalls zu Opfern des Holocaust. Schwester Lina Moch überlebte in England als Hausangestellte. Später konnte sie wieder in ihrem Beruf als Krankenschwester arbeiten, in einem Sanatorium in der Nähe von Worcester. Sie starb am 25. Oktober 1964 anlässlich eines Besuches in Strasbourg im Alter von 68 Jahren.

(Marie Rosengarten, 12. Klasse Lessing-Gymnasium, Juni 2009)