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Edith Martha Moos, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Edith Martha Moos

Nachname: Moos
Vorname: Edith Martha
Geburtsdatum: 1. Februar 1893
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Heinrich und Rosalie, geb. Bloch, M.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Gideon (1875-1906), Babette (1876), Siegfried (1877-1932), Hedwig (1879-1939), Max (1880-1976), Iwan (1881-1971), Joseph (1883-1941), Martha (1884-1885), Leon (1886) und Friedrich
Adresse: Zirkel 30
Bismarckstr. 77
Ritterstr.
Beiertheimer Allee 5
Schule/Ausbildung: Töchterschule
Beruf: Hausfrau
Kontoristin
Deportation: 22.10.1940 - 7.5.1942 in Gurs (Frankreich)
8.5.1942 - 26.8.1942 in Pont de Manne (Frankreich)
2.9.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Friedrich und Klara Moos; Edith Moos

Dieser Bericht gilt vier Familien Moos - Heinrich und Rosa Moos, Iwan und Karoline Moos, Friedrich und Klara Moos, Josef und Emma Moos und der unverheirateten Schwester Edith Moos.

Ursprung der Familie Moos im Südbadischen
Unsere biografische Zeitreise beginnt in Randegg, dem Hegaudorf nordwestlich des Bodensees, zwischen Singen und Schaffhausen gelegen. Hier sind die Wurzeln der Moos Familie, die viele bedeutende Namen hervorgebracht hat.
Am 18. Dezember1842 wurde hier Heinrich Moos, Sohn von Gideon und Babette Moos, geborene Lehmann, Enkel des ursprünglich aus Hohenems, heute Vorarlberg/Österreich, stammenden Rav Maier Moos, Stammvater aller Randegger Moos - Familien, geboren.
Um diese Zeit hatte Randegg eine recht stattliche jüdische Bevölkerung von ca. 350 Personen, die höchste Zahl, die Randegg je hatte. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten viele in die USA aus oder zogen in die großen Städte.

Nach dem Besuch der Volksschule in Randegg ging Heinrich Moos, der zeichnerisch begabt war, nach Straßburg, um dort an der „Ecole des Arts et de Travail“ Xylographie und Lithographie zu erlernen. Nach vierjähriger Ausbildungszeit machte er dort sein Examen, ging nach Paris und besuchte die „Ecole des Beaux Arts“, die bedeutendste Hochschule für Kunst und Technik der damaligen Zeit. Leider konnte er dort das Abschlussexamen nicht mehr ablegen, da sein Vater Gideon Moos, genannt „Götsch“, ursprünglich Lehrer in Schmieheim und nun Gastwirt der „Krone“ in Randegg, 1872 gestorben war und er diese Gastwirtschaft übernehmen musste.
Schon während seiner Studienzeit veröffentlichte er Lithographien. Ein ganzes Album widmete er der Großherzogin 1867, betitelt „Album vom Höhgau und Untersee. Ihrer Kgl.
Hoheit Frau Großherzogin Luise in Ehrfurcht gewidmet. Nach der Natur gezeichnet und in Holzschnitten, von Heinrich Moos.“
Es hieß, in vielen Wohnstuben der Bodenseegegend hingen von Heinrich Moos hergestellte Lithographien, hauptsächlich Landschaften, aber auch Porträts.

1874 heiratete Heinrich Moos die am 11. Januar 1854 geborene Rosalie, genannt Rosa Bloch aus Randegg. 1875 eröffnete er die „Xylographische Kunstanstalt“ im großen Saal seiner Gastwirtschaft und damit den ersten Vervielfältigungsbetrieb dieser Art in Baden (Xylographie: Holzschnitt-Technik, graphisches Hochdruckverfahren mit aus Holz geschnitztem Druckstock). Von 1875 bis 1886 wurden dem Ehepaar Moos neun Kinder in Randegg geboren: Gideon (1875), Babette, genannt Betty (1876), Siegfried (1877), Hedwig (1879), Max (1880), Iwan (1881), Joseph, genannt Pepi (1883), Martha (1884, bereits 1885 verstorben), Leon (1886).
Heinrich Moos hatte auch den Randegger Turnverein gegründet und einen Gesangverein ins Leben gerufen. Beide Vereine machten ihn zum Ehrenmitglied.

Neubeginn in Karlsruhe
Nach der Geburt des jüngsten Sohnes Leon zog Heinrich Moos mit „Sack und Pack“, wie es hieß, d.h. mit Frau und den acht Kindern sowie mit seinen angestellten Xylographen und Galvanoplastikern und einem Lehrling nach Karlsruhe; offenbar versprach er sich in der prosperierenden, dynamischen Landesmetropole eine weitaus bessere Karriere für seine künstlerischen Fähigkeiten und natürlich auch bessere Lebensbedingungen für seine Familie, insbes. für die Ausbildung der Kinder als in dem Dorf Randegg.
Zunächst ließ er sich in der Gottesauerstraße 5 nieder, zog aber schon im Folgejahr in die Bahnhofstraße 6 (heute Baumeisterstraße), 1893 finden wir ihn unter der Adresse Steinstraße 29, 1893 am Zirkel 30 und ab 1894 in der Adlerstraße 32. Er beschäftigte bis zu acht Xylographen und Galvanoplastiker. In den 90er Jahren startete er auch einen Ansichtskartenverlag, der wohl nicht recht erfolgreich war.

1889 wurde noch ein weiterer Sohn, Friedrich, genannt Fritz, geboren und 1893 als Nachzüglerin die Tochter Edith - zu dieser Zeit war der älteste Sohn Gideon schon 18 Jahre.
Alle Kinder gingen in Karlsruhe zur Schule, die männlichen Kinder, mit Ausnahme von Leon, lernten beim Vater den Beruf des Xylographen und arbeiteten auch - kürzer oder länger - in seiner Werkstatt.
1910 finden wir Heinrich Moos und Frau mit den Kindern Hedwig und Edith sowie Iwan und Friedrich in der Erbprinzenstraße 12, 1914 in der Erbprinzenstr. 29, die anderen Kinder waren zu dieser Zeit schon ‚ausgeflogen’: Max war in Genf (von ihm wird noch zu berichten sein); Babette hatte nach Zürich den Kunsthändler Leon Bollag geheiratet; Siegfried heiratete nach Spanien, ging später in die USA, änderte dort seinen Namen in Henry und starb bereits 1932; Joseph (von ihm wird auch noch ausführlich zu berichten sein); Leon, inzwischen studierter Pharmakologe, ging 1912 in die USA, um bei der Weltfirma Parke Davis eine Stelle anzutreten und nannte sich dort Sidney; Gideon war bereits 1906 gestorben.
Am 4. November 1917 starb Heinrich Moos in Karlsruhe, Rosalie am 28. Januar 1922. Sie hatten ein erfülltes Leben.

Anfänge der Kunsthandlung Moos
Die wohl bedeutendste Persönlichkeit unter den Kindern von Heinrich Moos war Iwan Moos. Dieser ‚exotische’ Name lässt darauf schließen, dass Heinrich Moos während seiner Pariser Zeit engen Kontakt zur „russischen Szene“ hatte, vielleicht hatte er einen Freund mit diesem Namen. Er wurde am 29. November 1881 in Randegg geboren. In Karlsruhe besuchte er die Gartenschule und danach von 1891 bis 1897 das Humboldt-Realgymnasium bis zur Obersekundareife. Im Anschluss daran absolvierte er eine zweijährige kaufmännische Lehre bei der Firma Adolf Schnurmann in Karlsruhe, Kaiserstraße 50, Ledergroßhandel. Danach erlernte er bei seinem Vater das xylographische und lithographische Handwerk. Bereits am 1. Juni 1902, mit 21 Jahren, machte er sich zusammen mit seiner Schwester Hedwig selbständig. Sie gründeten als OHG in der Kaiserstraße 96 (das Haus bekam später die Hausnummer 187) die Firma Geschwister Moos, anfangs Verkauf und Verlag von Postkarten und Kunstdrucken. Daraus entwickelte sich allmählich eine Kunsthandlung. Eine rege geschäftliche Reisetätigkeit führte ihn u.a. nach München, Berlin, Leipzig, Straßburg, Paris, Brüssel, Luxemburg, Zürich und Genf. Überall besuchte er nicht nur Kunden, sondern auch Museen und Ausstellungen. Die Liebe zur Kunst war bei ihm eine „Erbanlage“, wie er nach dem Zweiten Weltkrieg in seinem Lebenslauf schrieb.
1907 gründete er zusammen mit seinem Bruder Max eine Filiale in Genf, die fortan auch von diesem geführt wurde. 1908 wurde eine weitere Filiale gegründet, und zwar in Baden-Baden, im Hause Pagenhardt in der Lichtentaler Allee 6. Sehr wahrscheinlich wurde diese Filiale von der Schwester Babette geführt. Diese Filiale ist jedoch nur nachweisbar bis 1914; vermutlich wurde sie mit der Heirat von Babette nach Zürich aufgegeben.
Am 1. April 1914 wurde die Galerie Moos - im 1. und 2. OG über dem Ladengeschäft im gleichen Gebäude- angegliedert, das einzige private Ausstellungsunternehmen in Karlsruhe zur damaligen Zeit.

Die Galerie Moos im Kunstleben von Karlsruhe
Karlsruhe hatte zwar eine Akademie mit renommierten Professoren wie Dill, Schönleber, Trübner, Thoma u.a., aber die Stadt zählte nicht zu den nationalen oder gar internationalen Kunstzentren, hier ging alles seinen Gang, der nur selten und in geringem Umfang gestört wurde. Diskussionen um die moderne Kunst, d.h. insbesondere den Expressionismus, fanden fast nur unter den Gelehrten in den Mauem von Universitäten und Museen statt. Zwei Ereignisse im Karlsruher Kunstleben störten die ‚Kunstruhe’ jedoch deutlich: 1910 stellte die „Neue Künstlervereinigung München“ Werke von Braque, Jawlensky, Kandinsky, Kanoldt und Picasso aus; 1913 brachte der Berliner Kunsthändler und Verleger Herwarth Waiden eine Wanderausstellung der „Sturm“ mit futuristischen Bildern nach Karlsruhe.
Das gab wohl Iwan Moos die Inspiration für seine Galerie mit der Intention, auch Neulingen und Unbekannten eine Ausstellungsmöglichkeit zu bieten und dabei auch selbst bekannt zu werden. Nach dem Zweiten Weltkrieg sagte einer der Kunstprofessoren im Wiedergutmachungsverfahren aus, Iwan Moos habe immer den „richtigen Riecher“ gehabt, Kunst und Kommerz mit einander zu verbinden. Bereits die zweite Ausstellung im Mai 1914 mit Werken von Albert Haueisen sei ein Ereignis im Karlsruher Kunstleben gewesen, schrieb Iwan Moos.

Die erfolgreiche neue Sparte wurde jedoch alsbald durch den Krieg blockiert. Iwan Moos selbst war vom 8. März 1915 bis 16. November 1918 Soldat im Grenadier-Regiment 110. Während dieser Zeit führten die Schwester Hedwig und der Bruder Friedrich das Geschäft.
Kaum aus dem Militärdienst entlassen, heiratete Iwan Moos am 23. Januar 1919 in Mannheim die am 10. März 1894 in Meisenheim/Glan geborene Karoline (Lina) Lilien, älteste Tochter des aus Seligenstadt stammenden Getreidehändlers Louis Lilien und seiner Frau Pauline geb.
Altschüler. Gleich nach der Heirat zogen Iwan Moos und Frau in die Wohnung Kriegsstraße 146. Am 17. März 1920 wurde die Tochter Gertrud, später Gert genannt, geboren, am 20. Juni 1924 die Tochter Marion Rose.

Im Jahre 1919 wurde Maria Gartner als Lehrmädchen für eine kaufmännische Ausbildung in der Firma eingestellt. Nach der Lehre blieb sie als kaufmännische Angestellte noch bis Ende 1938 in der Firma tätig, also auch zu einer Zeit als es Juden schon längst verboten war, „Arier“ zu beschäftigen.

Die Eigentümer der Galerie Moos waren klug genug, nicht nur auf die moderne Kunst zu setzen, auch die Traditionalisten wie Hans Thoma stellten bei Moos aus. Es wurden auch Gemälde von Künstlervereinigungen von Mannheim, Heidelberg, Pforzheim, Stuttgart, Frankfurt a.M., Berlin und Wien gezeigt. Ein absolutes Novum für die damalige Zeit: auch Schulklassen der Höheren Schulen wurden zu den Ausstellungen geführt. Eine unbezahlbare Werbung für die Galerie waren auch die monatlichen Besprechungen der Kunstkritiker Prof. Oeftering, Adam Roeder, Anton Rudolph und Prof. Beringer über die Galerie in der Presse.
Iwan und Friedrich Moos besuchten auch regelmäßig die Leipziger Messe als Aussteller mit eigenem Stand im Schengler Hof innerhalb der Gruppe „Süddeutsche Graphische Kunst“, der 25 deutsche Verlage - einschließlich der größten deutschen Kunstverleger wie Hanfstengl und Bruckmann, beide München, und der Karlsruher Künstlerbund - angehörten. Neben der Galerie wurde noch ein Graphikverlag geführt, der zwischen 1925 und 1933 über 400 Radierungen heraus brachte. Kurz: Verlag und Galerie hatten sich einen weit über Karlsruhe hinaus gehenden Ruf erworben, der sich auch in klingender Münze niederschlug: den Eigentümerfamilien ging es gut, sie gehörten zum gehobenen Bürgertum, reich wurden sie allerdings nicht. Und Iwan Moos durfte nach dem Krieg in seinem Lebenslauf mit Überzeugung schreiben, dass ihm und seinem Bruder die Künstler und Käufer immer großes Vertrauen entgegen gebracht hatten.
In einer Retrospektive aus dem Jahre 1981 bewertete ein Historiker jene Zeit so: „Ohne Moos nichts los“. Sie waren die Nummer 1 in Karlsruhe und hatten ihre beste Zeit zwischen 1919 und 1933 - trotz Inflation und Weltwirtschaftskrise.

Schon im Januar/Februar 1919 stellten die Künstler Rudolf Schlichter und Wladimir Zabotin in der Galerie Moos aus. Beide waren neben den Malern Walter Becker, Oskar Fischer, Egon Itta, Georg Scholz und Eugen Segwitz, Mitglieder der alsbald danach gegründeten Künstlergruppe „RIH“, benannt nach dem Pferd Rih der Karl May'schen Romanfigur Kara Ben Nemsi. Ihre erste Ausstellung hatte die Gruppe bei Moos bereits im April 1919, sie sorgte für reichlich Diskussionsstoff in der Kunstszene. Geschickt verstand es Iwan Moos, die Ausstellungen durch Vorträge renommierter Kunsthistoriker in der Galerie publik zu machen.
Ab 1920 wurden auch Kunstauktionen in der Galerie durchgeführt, angeregt durch die erfolgreichen Auktionen der Galerie Moos des Bruders Max in Genf. Und im April 1925 wurde Iwan Moos zudem als Kunstsachverständiger vereidigt.

Unterstützung erfuhr die Karlsruher Kunst-Avantgarde durch den neuen Direktor der Kunsthalle Willy F. Storck, der 1920 die Nachfolge von Hans Thoma angetreten hatte. Mit Ankäufen, Ausstellungen und Veröffentlichungen in der Presse wurde die neue Richtung gefördert, was einen „Kulturkampf“ vor allem mit Künstlern konservativen Stils, die sich benachteiligt fühlten, auslöste.
Wie groß das Interesse an der Kunst und Kulturentwicklung auch bei der jüdischen Bevölkerung der Stadt im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geworden war, beweist die Tatsache, dass 1933 über 200 Bürger jüdischer Abstammung Mitglieder im Badischen Kunstverein waren. Daran hatten die Brüder Moos sicherlich einen gewichtigen Anteil.
Allerdings wurden diese jüdischen Mitglieder bereits ab 1933 nach und nach zum Austritt veranlasst oder letztlich relegiert. Am 12. Mai 1920 wurde als weiterer Gesellschafter der jüngste Bruder Friedrich Moos, der bis dahin Angestellter von Iwan und Hedwig Moos war, als Teilhaber in die Firma aufgenommen und im Handelsregister eingetragen.

Friedrich Moos
Friedrich Moos wurde am 13. März 1889 in Karlsruhe geboren. Auch er besuchte - wie sein Bruder Iwan - die Gartenschule und anschließend das Realgymnasium bis zur Obersekundareife, danach absolvierte er eine kaufmännische Lehre bei einer Karlsruher Großhandelsfirma, mutmaßlich bei der gleichen Ledergroßhandelsfirma Adolf Schnurmann, bei der schon Iwan Moos seine Lehre gemacht hatte.
Am 10. August 1922 heiratete Friedrich Moos in Gailingen die aus diesem Ort stammende, am 17. Juni 1893 geborene Klara (Clara) Kadisch, jüngste Tochter des Optikers Anton Kadisch und seiner Frau Pauline geb. Weil. Sie bewohnten die elterliche Wohnung in der Erbprinzenstraße 29, die sie für sich hatten, nachdem die Mutter im Januar des gleichen Jahres gestorben war.
Am 26. Juli 1923 wurden die Söhne Heinrich, genannt Heinz, und am 6. September 1926 Walter in Karlsruhe geboren.

Gailingen, an der Schweizer Grenze unweit von Schaffhausen gelegen, war für die Juden ein höchst bemerkenswerter Ort, hier lebten über viele Jahrzehnte im 19. Jahrhundert - relativ zur Gesamtbevölkerung - mehr Juden als an jedem anderen Ort in Baden: schon 1825 waren es 596 (48 Prozent), 1858 gab es mit 996 (50,1 Prozent) mehr Juden als Christen und von 1870 bis 1885 war mit Leopold Guggenheim sogar ein Jude Bürgermeister. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts setzte eine starke Abwanderung nach Zürich und Konstanz aber auch in andere große Städte ein, viele wanderten auch in die USA aus.

1922 schied Hedwig Moos aus der Firma nach ihrer Heirat aus. Sie heiratete am 14. November 1922 in Karlsruhe den aus Berlin stammenden, am 13. Februar 1874 geborenen Kaufmann Richard Rosenberg und zog mit ihm nach Berlin. Sie war seit Gründung der Firma 20 Jahre zuvor die kaufmännisch-administrative Säule der Firma gewesen. In Berlin verliert sich ihre Spur, lediglich ihr Todesjahr 1939 ist überliefert, ihr Mann starb bereits 1934. An ihre Stelle trat - als Angestellte, nicht als Gesellschafterin - die Schwester Edith Moos, geboren am 1. Februar 1893 in Karlsruhe. Sie hatte nach der Volksschule eine Handelsschulausbildung absolviert und sprach und schrieb fließend Französisch, wie ihre Nichte Marion erinnert. Zwischen 1908 und 1911 hatte sie längere Zeit in der französischen Schweiz verbracht, um die Sprache zu erlernen. Über Edith Moos ist jedoch kaum etwas überliefert, sie blieb immer im Hintergrund und auch unverheiratet. Sie hatte auch nie eine eigene Wohnung, wohnte immer bei anderen in einem möblierten Zimmer - in wechselnden Anschriften - zur Untermiete, zuletzt - d.h. als sie, wir greifen den Ereignissen weit voraus, im Oktober 1940 deportiert wurde - bei der Familie ihrer Cousine Alice Weil in der Beiertheimer Allee 5.

„Machtergreifung“
Mit dem 30. Januar 1933, als Hitler an die Macht kam, begann eine neue Ära für alle Juden in Deutschland. Die Reichstagswahl vom 5. März 1933 gab den Nationalsozialisten im Bündnis mit den Deutschnationalen die absolute Mehrheit im Reichstag. Mit dem „Gesetz zur Behebung der Not von Volk und Staat“ vom 24. März 1933, dem sogenannten Ermächtigungsgesetz, schaltete sich der Reichstag von der Gesetzgebung praktisch selbst aus und schuf die Plattform für die Regierung, alle missliebigen Personen, Organisationen und Einrichtungen, vor allem aber die Juden, aus dem öffentlichen Leben auszuschalten. In Folge wurden die Juden sozial ausgegrenzt, entrechtet, verfolgt, ausgeplündert und schließlich massenhaft ermordet.

Am 1. April 1933, einem Samstag, wurden - reichsweit von der NSDAP generalstabsmäßig organisiert - alle jüdischen Geschäfte, Anwaltskanzleien und Arztpraxen boykottiert, uniformierte SA-Posten hinderten die Menschen am Betreten, was allerdings nicht immer gelang, aber um 10 Uhr waren nahezu alle Geschäfte geschlossen. Plakate mit einem großen gelben Punkt auf schwarzem Grund stigmatisierten die Juden. Es ist zwar nicht überliefert, ob dem Ladenlokal der Galerie Moos dieses Schicksal widerfuhr, jedoch kann dies mit großer Wahrscheinlichkeit angenommen werden, die Galerie Moos war einfach zu bekannt in Karlsruhe, um von den Nazis ausgenommen zu werden.

Josef Moos
Der nächste aus der Familie, den es traf, war Joseph Moos, in der Familie von allen liebevoll Pepi genannt. Er verlor 1933 - das genaue Datum ist nicht mehr feststellbar - seine Tätigkeit als Reisender für die Pforzheimer Gold- und Silberwarenfirma Otto Beck & Henne. Als Jude wurde er kurzerhand entlassen. Nach einiger Zeit fand er zwar wieder eine Tätigkeit als freier Handelsvertreter für die Ludwigshafener Textilgroßhandelsfirma Auerbacher, aber mit der „Arisierung“ dieser Firma 1935 verlor er abermals seinen Broterwerb. Von da ab war er formell zwar Angestellter seiner Brüder Iwan und Friedrich, praktisch hatte er aber keine Arbeit und lebte mit seiner Frau, die nicht berufstätig war, von der Unterstützung seiner Brüder. Seine Vorgeschichte sei hier kurz berichtet: Joseph Moos wurde am 26. Mai 1883 in Randegg geboren. Er besuchte in Karlsruhe die Gartenschule und erlernte danach bei seinem Vater das Xylographen-Handwerk. Seine Biografie weist erhebliche Lücken auf, die auch nicht mehr zu schließen sind. Wir finden ihn wieder als Soldat im Ersten Weltkrieg als Landsturmmann bei der 4. Kompanie des 2. Grenadierregiments 110 vom 29. Mai 1915 bis 19. November 1918, eingesetzt an der Westfront, wo ihm mit Datum vom 28. März 1918 das EK II und mit Datum vom 15. Mai 1918 die Badische Silberne Verdienstmedaille verliehen wurde.
Am 16. Mai 1925 heiratete er in Untergrombach bei Bruchsal die in Karlsruhe am 24. Juni 1894 geborene katholische Emma Seitz, Tochter des Arbeiters Michael Seitz und seiner Frau Magdalene, geborene Weisenburger. Die Ehe blieb kinderlos. Nach der Heirat bezogen Joseph Moos und Frau eine Wohnung in der Kriegsstraße 125, 1933 zogen sie in die Augartenstraße 32.
Die erwähnte Reisendentätigkeit hatte er offenbar erst nach der Heirat übernommen. Es kann als wahrscheinlich angenommen werden, dass er in der Zeit nach dem Militärdienst bis zur Heirat in der Firma seiner Brüder tätig war.

„Arisierung“ der Kunsthandlung Moos
Die Nazi-Parole „Kauft nicht beim Juden“ wirkte sich natürlich auch in spezifischer Ausprägung auf den Kunsthandel und die Galerie der Brüder Moos aus: das Geschäft wurde mehr und mehr boykottiert, durch Kunden wie auch durch Künstler, die keine Ausstellung in der Galerie mehr riskieren wollten. Und langjährige Freunde und Geschäftsleute wandten sich von Moos' ab. Diese Entwicklung führte zwangsläufig zu ganz erheblichen Einkommensverlusten.

Durch Verfügung der Reichskulturkammer in Berlin vom Sommer 1936, zu deren Mitgliedern Iwan und Friedrich Moos zwangsweise als „Kulturschaffende“ gehörten, erfolgte ein Berufsverbot für den Kunsthandel, sie mussten diesen verkaufen, denn Kulturgüter durften nicht mehr durch Juden verkauft oder versteigert werden. Um einer möglichen Beschlagnahme zu entgehen, verkauften sie den Kunsthandel mit allen Beständen an Kunstdrucken, Lithographien etc. mit Vertrag vom 22. November 1936 an den Karlsruher Kunsthändler Armin Graeff, die Übergabe erfolgte zum 1. Dezember 1936. Als Kaufpreis wurden 26.000 RM vereinbart - ein ‚Schnäppchen’ für den Käufer, aber als Juden hatten die Brüder Moos kaum eine andere Wahl als dieses ‚Preisdiktat’ zu akzeptieren. Aber der Käufer hatte nicht einmal diesen bescheidenen Betrag, er zahlte lediglich 5.000 RM in bar, für den Restkaufpreis gab er ein ihm gehörendes Mehrfamilienhaus in der Weinbrennerstraße 17 in Zahlung. Das Haus hatte einen angenommenen Wert von RM 55.000 und war mit 34.000 RM belastet, die Differenz war der noch offene Verkaufspreis aus dem Verkauf der Kunsthandlung. Zur Sicherung dieser Forderung wurde - wie üblich - im Grundbuch eine Auflassungsvormerkung eingetragen. Der grundbuchmäßige Eigentumsübergang kam jedoch nicht mehr zustande, weil es Juden - wir greifen den Ereignissen weit voraus - ab 1939 nicht mehr erlaubt war, Grundbesitz zu haben. Das Haus musste also von Graeff als Noch-Eigentümer an einen Dritten verkauft werden, damit Graeff seine Schulden bei den Brüdern Moos begleichen konnte. Erwerber des Hauses im Frühjahr 1939 war ein Bauinspektor Eugen Jösel aus Karlsruhe. Statt der 21.000 RM Restschuld zahlte Graeff jedoch nur 15.000 RM in einem den Brüdern Moos aufgezwungenen Vergleich, die Brüder Moos mussten auf weitere Forderungen verzichten und der Löschung der Auflassungsvormerkung im Grundbuch zustimmen. So wurde ein weiteres Mal ihre Situation in der sie sich als Juden befanden, ausgenutzt - wie in nahezu jedem anderen Fall der Veräußerung jüdischen Eigentums in jener Zeit. Jösel verkaufte das Haus 1942 weiter zum Preis von RM 65.000 RM. In wenigen Jahren hatte das Haus also eine Wertsteigerung von 10.000 RM erfahren, trotz scharfer Preiskontrollen der Behörden, insbesondere während des Krieges. Hier wird besonders deutlich, wie die Brüder Moos letztlich ausgeplündert wurden. In einem Vergleich vor dem Landgericht Kar1sruhe vom 26. August 1950, in einem sogenannten Restitutionsverfahren wurde vereinbart, dass der Eigentümer Schneider zwar Eigentümer bleibe, aber noch 13.000 DM an Iwan Moos und die Söhne von Friedrich Moos zu zahlen habe. Graeff hatte im Vertrag zugleich die Verpflichtung übernommen, die Gemäldebestände der Galerie im Wert von RM 100.000 - 150.000 auf Kommissionsbasis zu verwerten. Darüber wird noch berichtet.
Nach dem Verkauf der Kunsthandlung gründeten die Brüder Moos zum 1. Januar 1937 einen Postkartenverlag und -großhandel und kehrten damit zu den Anfängen der Firma Geschwister Moos von 1902 zurück.

Entwicklung der Kinder Moos, aus dem Familienleben
Die Kinder von Iwan und Lina Moos, Gertrud (genannt Gert) und Marion, und die Kinder von Friedrich und Klara Moos, Heinrich (genannt Heinz) und Walter, besuchten - in der Familientradition - die Gartenschule, danach die Mädchen die Fichte-Mädchenoberschule, Gert von Mai 1930 bis Ostern 1936, Marion von April 1935 bis 10. November 1938. Am 11. November ging sie - wie jeden Morgen - zur Schule und lief dort dem Schulleiter in die Arme, der sie mit den Worten, „Was machst Du noch hier, mach dass Du nach Hause kommst“, nach Hause schickte. Als sie zu Hause ankam, war der Vater schon abgeholt, um nach Dachau gebracht zu werden. Heinz Moos besuchte von 1934 bis Anfang 1938 die Kant-Oberrealschule. Da es für ihn als Juden keine Möglichkeit mehr gab, den Schulbesuch auf einem Gymnasium fortzusetzen, nicht in Karlsruhe, nicht andernorts, beschloss die Familie durch Vermittlung von Bekannten oder Verwandten ihn nach England in eine „Public School“, also eine Privatschule zu schicken, nichts ahnend, dass sie ihm dadurch wahrscheinlich das Leben retteten. Die Mutter brachte ihn am 2. Mai 1938 nach England. Walter war für diesen Auslands-Schulbesuch noch zu jung. Solange es von Deutschland möglich war, bezahlte der Vater das Schulgeld, danach Vaters Bruder Max in Genf, von dem noch die Rede sein wird.
Walter Moos, Jahrgang 1926, hatte keine Möglichkeit mehr, ein Gymnasium zu besuchen, er kam ab September 1936 in die neu eingerichtete jüdische Schule (Schulabteilung im Gebäude der Lidellschule) in der Markgrafenstraße Dies ging bis zu den November-Pogromen 1938.
Durch ministerielle Verfügung vom Dezember 1938 konnte der Unterricht in diesem Gebäude allerdings nicht mehr fortgesetzt werden. Die Jüdische Gemeinde richtete daraufhin im gemeindeeigenen Gebäude Kronenstraße 15 einen Notbetrieb für den Schulunterricht ein. Das war mit vielerlei Erschwernissen verbunden, so dass der Unterricht trotz bester Absichten und großer Anstrengungen der Verantwortlichen eher mühselig war. Und so schleppte sich dieser Behelf bis zum 22. Oktober 1940 hin, als die Massendeportationen der badischen Juden dem Schulbetrieb ein jähes Ende setzten. Walter besuchte die Jüdische Schule bis zur Deportation und auch Marion für einige Monate im Jahre 1939 bis zu ihrer Ausreise in die Schweiz, nachdem sie das Fichte-Gymnasium verlassen musste.

Alle vier Kinder verbrachten eine glückliche, behütete Kindheit und Jugend in Karlsruhe, die ihnen allerdings auch genügend Freiraum für eine eigenständige Entwicklung ermöglichte.
Gert und Marion waren sportlich sehr aktiv in der Leichtathletik, nahmen an vielen Wettbewerben teil und holten auch zahlreiche Preise. Marion erinnert sich, dass ihr Kinderwunsch war, Sportlehrerin zu werden.
Walter Moos berichtet, dass er ein sehr lebhaftes Kind gewesen sei und viele Freunde gehabt habe. Sein bester Freund sei Hans Adler gewesen, Sohn von Abraham Adler, ehedem Gymnasial-Professor am Goethe-Gymnasium, und seiner Frau Brunhilde, Freunde der Familie, die im gleichen Hause wohnten.

Natürlich erfuhren die Kinder auch die vielfältigen Ausgrenzungen der Juden aus dem öffentlichen Leben wie die Verbote des Besuchs von Schwimmbädern, Kinos, Theater und Konzertveranstaltungen. Gelegentlich, so berichtet die Tochter Marion, wurde das Theaterbesuchs-Verbot - nicht ohne Risiko, denn sie konnten jemandem begegnen, der sie kannte - ignoriert und die Mutter, große Musik- und Theater-Liebhaberin, ging mit ihren Töchtern in die Oper. Glücklicherweise erfuhren die Kinder aber keine unmittelbaren Beschimpfungen, Demütigungen oder gar Verprügelungen durch Mitschüler, Lehrer, Nachbarn oder militante HJler oder BdMlerinnen - wie es viele Gleichaltrige zu jener Zeit immer wieder erleben mussten.

Vater Iwan Moos liebte ausgedehnte Wanderungen, die er mit Frau und Töchtern unternahm. Auch Vater Heinrich Moos machte mit Frau und den Söhnen viele Wanderungen, sie machten auch oft Fahrradtouren in die Umgebung. Und in den Ferien ging es regelmäßig nach Gailingen zu den Verwandten.
Der Beruf von Iwan und Friedrich Moos brachte es mit sich, dass sie zahlreiche Freunde unter den Künstlern hatten, die auch oft in deren Wohnungen eingeladen waren. Zu diesen zählte auch - als väterlicher Freund von Iwan Moos - der Maler-Professor Hans Thoma, der Maler Albert Fessler, der auch die Tochter Marion und auch Walter Moos porträtierte, der Maler Ferdinand Dörr und andere.

Verfolgung und Terror, das Ende der Kunsthandlung Moos OHG
Als am 9./10. November 1938 in einer in der Geschichte beispiellosen Pogrom-Aktion gegen die Juden die Synagogen angezündet und demoliert, die jüdischen Geschäfte und auch zahlreiche Wohnungen verwüstet und z. T. auch geplündert wurden, auch das Ladenlokal der Brüder Moos blieb nicht verschont, wurden aus Karlsruhe über 500 männliche Juden zwischen 16 und 60 Jahren verhaftet und am 11. November 1938 in das Konzentrationslager Dachau verbracht. Davon betroffen waren auch Friedrich Moos (Häftlingsnummer
20278); Joseph Moos (Häftlings-Nummer 21800), aus dem Krankenbett heraus in seiner Wohnung in der Markgrafenstraße 34 verhaftet, wo er mit einem Gipsverband wegen eines doppelten Rippenbruchs lag, den er sich Tage zuvor bei einem Radunfall - Zusammenstoß mit einem Pferdefuhrwerk- zugezogen hatte und Iwan Moos (Häftlingsnummer 21540). Wie fast alle Dachau-Häftlinge erlebten sie dort die endlose Kette von Demütigungen und Misshandlungen.

Am 18. Dezember 1938 wurde Joseph Moos aus Dachau entlassen. Auch er musste sich unterschriftlich verpflichten, Deutschland schnellstens zu verlassen. Der Antrag an das Passamt vom 17. März 1939 auf Ausstellung von Reisepässen für sich und seine Frau wurde umgehend genehmigt, bereits am 13. April 1939 konnten sie nach England abreisen. Aber es war eine Reise ohne Ziel, nur getragen von dem Wunsch, so schnell wie möglich aus diesem Land wegzukommen. Das weitere Schicksal wird noch beschrieben Am 20. Dezember 1938 kehrte Iwan Moos aus Dachau zurück, Friedrich Moos als letzter erst am 28. Dezember 1938.

Bereits drei Tage nach den Pogromen, am 12. November 1938, erließ Hermann Göring in seiner Eigenschaft als Beauftragter des Vierjahreplanes ein Verdikt gegen die jüdischen Gewerbetreibenden, die „VO zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben". Dies hatte auch unmittelbare Auswirkungen für Iwan und Friedrich Moos, denn sie mussten nun zwangsweise und schnellstens ihren erst zum 1. Januar im Jahr zuvor neu gegründeten Postkartenverlag und die vorhandenen Warenbestände - diese umfassten auch Glückwunsch- und Spielkarten, Briefpapier, Farbdrucke und Grafiken - veräußern. Erwerber sollte der Kaufmann Felix Korn aus Stuttgart werden, der sich allerdings nach Aktenlage als eine äußerst intrigante, ja infame Person zeigte, was Iwan Moos, der die Verhandlungen mit ihm führte, aber offensichtlich allenfalls bruchstückweise wusste. Zur Erzielung eines niedrigeren Kaufpreises als den mit Iwan Moos ausgehandelten Betrag von 25.000 Reichsmark (Vorvertrag vom 26. Mai 1939) war Korn jede Diffamierung Recht, so behauptete er z.B. er sei über den Wert der Warenbestände arglistig getäuscht worden, Geschäftsunterlagen seien ihm von den Brüdern Moos entwendet worden, der ganze Betrieb sei total verkommen. Er zeigte die Brüder Moos wegen angeblich falscher Angaben zur sogenannten Judenvermögens-Abgabe beim Finanzamt an. In einem Schreiben an die Industrie- u. Handelskammer Karlsruhe beschimpfte er die Brüder Moos als „dreckige Juden“, die nach wie vor verbotenerweise Ölgemälde verkauften, drohte mit einer Anzeige bei der Reichskulturkammer in Berlin und beantragte Versiegelung der Geschäftsräume. Ein von der für den Verkauf bzw. Erwerb zuständigen Behörde eingeschalteter Gutachter, Prof. Nagel, reduzierte den Wert des Objektes auf 19.500 RM. Am 2. August 1939 wurde der Verlag an Korn übergeben. Auf diesen Betrag zahlte Korn nur eine kleine Anzahlung. Im Wiedergutmachungsverfahren nach dem Krieg konnte Korn mit der Behauptung, er würde in die Pleite getrieben, wenn er den im Schlichtungsverfahren am 20. August 1950 vereinbarten Betrag auf einmal zahlen müsse, Iwan Moos zu einer sehr moderaten Teilzahlung ohne Zinszahlung bewegen. Hätte Iwan Moos gewusst, wie Korn ihn 1939 diffamiert hatte, hätte er sich wohl nicht auf diese Teilzahlung eingelassen. Aber auch diesen Betrag zahlte Korn nicht, focht vielmehr die getroffene Vereinbarung an, wurde vermeintlich zahlungsunfähig und leistete den Offenbarungseid.
Am 23. November 1939 war die OHG Moos auch im Handelsregister aufgelöst, als Treuhänder und Liquidator wurde mit Genehmigung des „Generalbevollmächtigten für jüdisches Vermögen in Baden“ Herbert Deck eingesetzt und im Handelsregister eingetragen. Was von diesem nicht verkauft werden konnte, wurde nach der Deportation der Brüder Moos vom Reich beschlagnahmt und eingezogen. Das war das Ende einer zwar mühevollen, aber über mehr als 30 Jahre erfolgreichen Lebensleistung. Es blieb nichts. Seit November 1938 hatten die Brüder Moos keinerlei wirtschaftliche Betätigung mehr und keinerlei Einkommen.

Versuchte Emigration
Spätestens seit den Erfahrungen der Pogrome vom 9./10. November 1938 und der Haft in Dachau war den Familien Iwan und Friedrich Moos klar, dass sie keine Zukunft mehr in Deutschland hatten, ja, dass ihr Leben unmittelbar bedroht war. So bemühten sie sich auf allen möglichen Wegen, ihre Ausreise realisieren zu können, Zielland war die USA.
Zunächst bemühten sich Iwan und Lina Moos, ihre Kinder ins sichere Ausland zu bringen.
Die Tochter Gertrud (Gert) konnte als erste nach USA reisen, am 19. April 1939 war es soweit.
Ihre Anlaufadresse war Vaters Bruder Leon in New York, der schon 1908 in die USA ausgewandert war, bei ihm lebte sie die erste Zeit. Es ist anzunehmen, dass er ihr auch das Affidavit (Bürgschaft für Aufenthaltskosten) gab. Die Tochter Marion erinnert sich, dass sie sehr enttäuscht war, nicht mit ihrer Schwester reisen zu können. Für sie konnte aber ein paar Monate später, nämlich im Juli 1939, eine Ausreise in die Schweiz realisiert werden zu Vaters Bruder Max, der in Genf eine gut gehende Galerie besaß.

Iwan und Lina Moos beantragten am 26. April 1939 beim Passamt in Karlsruhe Reisepässe. Die Auswandererberatungsstelle bestätigte mit Schreiben vom 27. Februar 1939, dass sie nach USA wollten - vom Konsulat in Stuttgart hatten sie die Quotennummer 10301 erhalten - die Wartezeit bis zur Erteilung der Visa wollten sie in der Schweiz oder in Costa Rica verbringen, für beide Länder lagen Zusagen der Konsulate für eine Visaerteilung mit befristetem Aufenthalt vor. Die relativ niedrige Quotennummer lässt darauf schließen, dass ein Auswanderungsantrag schon 1938 beim US-Konsulat gestellt wurde.
Für Friedrich Moos und Frau und Sohn Walter sind die Passakten, die Auskunft über die Auswanderungsbemühungen geben könnten, nicht erhalten geblieben. Es darf jedoch vermutetet werden, dass sie zeitgleich entsprechende Bemühungen unternahmen.
Warum die Auswanderungsbemühungen von Iwan und Friedrich Moos von Karlsruhe aus nicht realisiert werden konnten, ist nicht aktenkundig, es wird jedoch am US-Visum, das aus nicht bekannten Gründen nicht erteilt wurde, gelegen haben; die Pässe für Iwan und Lina Moos lagen jedenfalls abholbereit gegen Vorlage der Visa beim Passamt bereit.
Edith Moos unternahm keinerlei Auswanderungsbemühungen. Sie hatte sich wohl in ihr Schicksal ergeben und harrte der Dinge, die kommen würden.

Nach dem Beginn des Krieges am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen, wurden von der Stadt Karlsruhe - „arische“ - Kinder, Kranke und Menschen über 60 Jahre evakuiert und in so genannte Bergungsgaue, also weiter im Innern des Reiches liegende Regionen untergebracht. Den Juden stand es frei, die Stadt gleichfalls zu verlassen oder zu bleiben.
Nachdem Walter Moos gerade aus dem Krankenhaus entlassen worden war, wohin ihn am 31. August 1939, einen Tag vor Kriegsbeginn, ein ziemlich heftiger Unfall mit dem Fahrrad geführt hatte, reisten Friedrich, Klara und Walter Moos sofort nach Gailingen zu den Verwandten der Mutter, konnten dort aber nicht länger bleiben, denn auch Gailingen war Grenzbereich, so gingen sie nach einigen Tagen zu Verwandten nach Stuttgart, wo Walter Moos die Bar Mizwa erhielt und von dort nach kurzer Zeit - von der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe organisiert - nach Fürth/Bayern. Dort lebten sie bei einer Familie Hofmann und dort ging Walter auch für einige Wochen zur Schule. Am 19. November 1939 kehrten sie nach Karlsruhe zurück.

Deportation, Lager und Tod
Iwan und Lina Moos verließen ebenfalls unverzüglich Karlsruhe und reisten zu Verwandten nach Randegg, konnten dort aber aus den gleichen Gründen wie Friedrich Moos und Familie nicht bleiben. Ob sie danach gleich wieder nach Karlsruhe zurückkehrten oder sich einen anderen ,Zufluchtsort' suchten, ist nicht überliefert, ebenso nicht, ob die zu diesem Zeitpunkt in der Sofienstraße 5 wohnende Mutter von Lina Moos, Pauline Lilien, mit von der Partie war.

Emma Moos, die Frau von Pepi Moos, kam im Juli 1939, wenige Wochen vor Kriegsbeginn, nach Deutschland zurück, um eine Krankheit - welche ist nicht überliefert - in Baden-Baden auszukurieren. Dort lebte sie auch bei einer Tante. Ihre Rückkehr nach England war für Oktober 1939 geplant. Aber da kam der Krieg dazwischen, so konnte sie nicht mehr zurück und hat ihren Mann auch nicht mehr sehen können, denn er starb am 30. Juni 1941 nach dreimonatiger stationärer Behandlung im New End Hospital Hampstead in London an Krebs.
Laut ärztlichem Gutachten, erstellt von dem Arzt, der ihn nach der Entlassung von Dachau behandelt hatte, bevor er nach England emigrierte, war Joseph Moos durch die Haft in Dachau ein gebrochener, lebensunfähiger Mensch, dessen asthmatische Beschwerden und dessen desolates Nervensystem alle anderen Symptome überdeckten. Vermutlich war er nach Ausbruch des Kriegs wie alle Staatsangehörigen des Kriegsgegners Deutschland interniert.
Wovon er und seine Frau bis dahin in London lebten, bleibt ungeklärt, vermutlich haben Freunde oder Verwandte ihn und seine Frau anfangs unterstützt, gearbeitet hat er jedenfalls nicht. Es muss ein jammervolles Leben im Exil für ihn gewesen sein.
Emma Moos galt nach ihrer Rückkehr nach Deutschland - weil mit einem Juden verheiratet - als „jüdisch versippt“ und wurde wie eine Aussätzige behandelt, sie bekam keine Arbeit und musste sich kümmerlich mit Näharbeiten durchschlagen. Sie versuchte im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens in einem Prozess den Tod ihres Mannes als Folge der Haft in Dachau durchzusetzen, um eine kleine Witwenrente zu bekommen, aber das Gericht folgte ihr - gestützt auf medizinische Gutachten - nicht. Sie lebte noch viele Jahre nach dem Kriege in Karlsruhe. Am 11. Juni 1977 starb sie im Altenheim Hofgut Schafberg in Baden-Baden.

Dann kam der Schicksalstag der badischen und saar-pfälzischen Juden: am 22. Oktober 1940 wurden sie in einer Blitzaktion nach Gurs in Südfrankreich deportiert, auch Iwan und Lina Moos, Friedrich, Klara und Walter Moos, Edith Moos und die fast 80-jährige Pauline Lilien.
Walter Moos erinnert sich, dass er neben einigen Spielsachen seine Briefmarken-Sammlung mitnahm. Was all die anderen mitnahmen oder auch nicht, ist nicht überliefert. Überliefert, von Hausbewohnern bezeugt - ist hingegen, dass Lina Moos, nachdem ihr die Gestapo-Beamten morgens um 8 Uhr eröffnet hatten, dass sie und ihr Mann in zwei Stunden abgeholt würden und sie packen müsse, noch die Betten lüftete - eine extrem groteske Situation, die aber zweierlei zeigt: zum einen, dass Lina Moos eine außergewöhnlich Ordnung liebende Hausfrau gewesen sein muss, zum anderen, dass sie fest damit rechnete, bald wieder zu Hause zu sein, eine Deportation ohne Rückkehr konnte sie sich nicht vorstellen.
Über die Deportation, über die Ankunft im Lager Gurs, über die miserablen Lebensbedingungen, über die unsäglichen hygienischen Verhältnisse, über den Hunger ohne Ende, über das Sterben hunderter, insbesondere alter Menschen an Erschöpfung ist an anderer Stelle und von zahlreichen Autoren in Erlebnisberichten und Büchern geschrieben worden.
Das soll hier nicht wiederholt werden.

Im März 1941 wurden mehrere hundert Häftlinge von Gurs in das Lagers Rivesaltes (bei Perpignan) verlegt, hauptsächlich Familien mit Kindern. Alle waren froh, nach schlimmen Wintermonaten wegzukommen, es konnte nur noch besser werden. Und in der Tat, in Rivesaltes gab es steinerne Baracken mit Fenstern, nicht nur zugige, dünnwandige Holzbaracken ohne Fenster mit Dachluken und bessere hygienische Verhältnisse. Aber die Hoffnung auf bessere Verpflegung blieb ein Wunschtraum, sie hungerten genau so wie zuvor
in Gurs. Allerdings gab es hier Schulunterricht für die Kinder, was dringend notwendig war, um wenigstens ein Minimum eines geordneten Tagesablaufs für die Kinder zu haben.
Am 11. März 1941 kamen Friedrich, Klara und Walter Moos nach Rivesaltes. Wie schon zuvor von Gurs aus, so versuchten Friedrich und Klara Moos alles nur Erdenkliche, um doch noch eine Auswanderungsmöglichkeit von hier zu bekommen. Sie schrieben und schrieben an ihre Verwandten in den USA und hofften von Brief zu Brief auf ein positives Signal

Am 18. Juni 1941 wurde Friedrich Moos in das Lager Les Milles bei Marseille überführt, eine vormalige Ziegelei. Diese Verlegung nährte die Hoffnung, dass sich in Richtung Erteilung des US-Visums etwas bewegen würde. Für die Häftlinge war Les Milles schon der ,halbe Weg' nach Marseille, und Marseille bedeutete - allerdings nicht immer - die sehnsüchtig erstrebte Ausreise in die USA. Aber auch wie schon zuvor in Gurs und Rivesaltes: er hoffte und hoffte, immer wieder gab es neue Reglements der US-Regierung für die Visa-Erteilung; schließlich fielen alle Hoffnungen in nichts.

Im Lager Rivesaltes bekam Walter Moos - wie so viele andere, Erwachsene und Kinder - Gelbsucht und wurde in der Krankenstation des Lagers drei Wochen lang mit Milch wieder gesund gepflegt. Manchmal fanden auch Schweizer Zeitungen den Weg ins Lager. Berichte mit Fotos von amerikanischen Supermärkten erzeugten bei Walter - und bei allen anderen, die das lasen, sicher auch - ungläubiges Staunen. Und Produktreklame ließ ihn von süßer Kondensmilch in Dosen von Nestle träumen.
Am 15. September 1941 kam er auf Initiative der Eltern in das OSE-Heim Chateau de Chabannes (Saint Pierre de Fursac, Departement Creuse). OSE war- und ist noch immer- ein jüdisches Kinderhilfswerk (OSE = Oeuvre de Secours Aux Enfants). Es gab dort einen regulären, besseren Schulunterricht und vor allem bessere Verpflegung. Mehr als hundert Kinder lebten in diesem Heim, meist Deutsche.

Am 27. März 1942 wurde auch Klara Moos von Rivesaltes verlegt, und zwar nach Marseille in das zum Lager umfunktionierte Hotel Bompard, das unter Polizeiaufsicht stand. Am 6. August 1942 wurde sie von dort nach Les Milles zu ihrem Mann gebracht, um - die Deportationen nach Auschwitz waren schon längst im Gang und auch für Friedrich und Klara Moos beschlossen - am 13. August 1942 zusammen mit ihrem Mann und vielen anderen nach Drancy, dem riesigen Abschiebelager bei Paris für die Transporte nach dem Osten gebracht und schließlich am 17. August 1942 mit Transport 20 nach Auschwitz transportiert zu werden. Der Transport umfasste exakt 1.000 Personen, darunter 583 Kinder, die zweithöchste Kinderzahl, die je ein Transport von Frankreich nach Auschwitz hatte. 878 Personen worden sofort nach Ankunft vergast, auch alle Kinder, 99 wurden zur Arbeit selektiert, von diesen überlebten drei.

Iwan und Lina Moos, Edith Moos und Pauline Lilien wurden am 8. Mai 1942 zusammen mit 50 anderen Häftlingen von Gurs nach Pont de Manne, einem zum Lager umfunktionierten Bauern-Gehöft (Nähe Valence, Departement Drome) verlegt. Das Lager stand unter Aufsicht der französischen Gendarmerie, für die Häftlinge war es aber offenbar einigermaßen freizügig und nicht so streng reglementiert wie die großen Lager. Im Wiedergutmachungsverfahren wurde dieser Lageraufenthalt nicht als Haftzeit für die Entschädigung angerechnet - eine der vielen unverständlichen Unerträglichkeiten in diesem und ungezählten anderen Wiedergutmachungsverfahren.
Was schon für Friedrich und Klara Moos ausgeführt wurde, galt gleichermaßen für Iwan und Lina Moos: sie versuchten alles nur Mögliche über ihre Verwandten in der Schweiz und in den USA zu einer Ausreisemöglichkeit zu kommen, aber nichts klappte.

Wundersame Rettung von Iwan und Lina sowie Walter Moos
Der 26. August 1942 war der Auftakt zu einer hochdramatischen Rettungsaktion von Iwan und Lina Moos, die hier im Detail wegen ihrer Einzigartigkeit beschrieben werden soll.
Morgens 5 Uhr wurde das Gehöft von französischer Gendarmerie umstellt, 40 Namen, die auf einer Liste standen, wurden aufgerufen, die Menschen wurden auf einen LKW verladen.
Edith Moos war schon auf dem LKW. Dann wurde der Name Lina Moos, nicht jedoch der Name Iwan Moos, aufgerufen. Nach dreimaligem Aufruf meldete sich eine junge Frau unbekannten Namens, die unbedingt mit ihrem Freund, dessen Name auch auf der Liste stand und der sich schon auf dem LKW befand, zusammen sein und nicht allein zurück bleiben wollte, ohne zu wissen, dass dieser Schritt letztlich ihr Todesurteil bedeutete. Sie kam auf den LKW, Lina Moos blieb zurück. Ihr und Iwan Moos war das Leben wie neu geschenkt. Dem französischen Lagerkommandanten, Capitaine Jacques Henri Zagdoun, einem gebürtigen Ägypter, war dieser ,Personentausch' nicht entgangen, er kannte ja alle mit Namen, aber offensichtlich war es ihm egal, Hauptsache die Anzahl stimmte.
Nun begann für Iwan und Lina Moos ein Wettlauf mit der Zeit um ihr Leben. Capitaine Zagdoun wohnte zwar in dem Lager, aber seine Familie wohnte in dem nahe gelegenen Dorf St. Jean en Royans (Nähe Valence, Departement Drome) im Hause eines Schweizers mit dem Namen Bitsch. Iwan Moos gelang es, Zagdoun zu ,beschwätzen', über seinen Vermieter Bitsch Kontakt mit seinem Neffen Georges Moos in Genf aufzunehmen, Sohn des Bruders Max, der 1940 mit Frau Fanny nach USA gereist war, um dort die Tochter Madeleine und Familie sowie den Bruder Leon (Sidney) und andere zu besuchen. Georges Moos betrieb seit 1939 eine eigene Galerie in Genf. Er organisierte die Rettungsaktion für Iwan und Lina Moos.
Zunächst marschierten sie am 5. September 1942 bei ‚Nacht und Nebel’ ohne Papiere aus dem Lager davon, immer in Richtung Schweizer Grenze, nach Norden, vier Tage und vier Nächte liefen sie um ihr Leben, schliefen tags oder nachts irgendwo unter freiem Himmel. Iwan Moos war zu diesem Zeitpunkt schon über 60 Jahre. In nächster Nähe der Schweizer Grenze kamen sie zu einem Kloster in Annecy, wo sie übernachteten. Der von Georges Moos beauftragte Genfer Student Anthonioz führte Iwan und Lina Moos über die Grenze in die sichere Schweiz zu ihm nach Genf. Es gibt auch Hinweise darauf, dass ein Mann Iwan und Lina Moos vom Ausgangsort geführt, aber sie irgendwo unterwegs bei Nebel verloren hat. Wo dies war und ob es der gleiche Student war oder eine andere Person, ist nicht mehr verifizierbar. Anthonioz war der spätere Ehemann von Genevieve de Gaulle, der Nichte von Charles de Gaulle, die aktiv im französischen Widerstand engagiert war und noch im Jahr 1944 in Frankreich von der Gestapo verhaftet und in das deutsche Konzentrationslager Ravensbrück gebracht wurde, das sie glücklicherweise überlebte.
Vom 1. Oktober 1942 bis 7. April 1943 lebten Iwan und Lina Moos im Flüchtlingsauffanglager Aeugstertal, einem großen aufgelassenen vormaligen Fabrikgebäude im Kanton Zürich. Danach konnten sie nach Genf zurückkehren, nachdem Georges Moos die Bürgschaft für die Aufenthaltskosten übernommen hatte, denn Iwan Moos durfte auch nicht arbeiten und hatte mithin kein Einkommen; ohne diese Bürgschaft wären Iwan und Lina Moos nach Deutschland zurück geschickt worden.
Und endlich konnten Iwan und Lina Moos ihre Tochter Marion wieder in die Arme schließen;
sie war, nachdem Max Moos, bei dessen Familie sie in Genf lebte und dort auch die Schule besuchte, 1940 in die USA gereist war, zur Familie Bollag nach Zürich gekommen. Wir erinnern: Babette Moos, Schwester von Iwan Moos, hatte den Kunsthändler Leon Bollag aus Zürich geheiratet. In Zürich setzte sie ihren Schulbesuch bis 1945 fort.

Edith Moos wurde von Pont de Manne in das Abschiebelager Drancy bei Paris gebracht und von dort am 2. September 1942 mit Transport 27 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste 1.000 Personen, davon waren 140 Kinder; 877 wurden bei Ankunft sofort vergast, 123 wurden für das Lager selektiert, 30 haben überlebt, Edith Moos war nicht bei den Überlebenden.

Pauline Lilien blieb im Lager Pont de Manne mit einem Dutzend anderer alter Menschen bis zur Auflösung des Lagers im Mai 1944 zurück. Von diesem Lager kam sie danach in ein Hospiz in Romans (Nähe Villefranche, Departement Ain). Hier starb sie am 22. Juni 1945, 83-jährig.
Ihr sehnlichster Wunsch, Ihre Tochter Lina in Genf und ihre Tochter Alice im damaligen Palästina sowie ihre Enkeltöchter wiederzusehen, ging nicht in Erfüllung. Bis sechs Wochen vor ihrem Tod, als sie bettlägerig wurde, war sie - so eine erhalten gebliebene Grabrede - den ganzen Tag „geschäftig“, immer hatte sie etwas zu tun, nie saß sie still in einer Ecke und für alle hatte sie immer ein liebes Wort.

Walter Moos' Rettung war nicht minder dramatisch wie die von Iwan und Lina Moos. Und wieder war es Georges Moos, der die Aktion organisierte.
Am 26. August 1942 wurde Walter Moos im Chateau de Chabannes vom Direktor eröffnet, dass er in das Sammellager Boussac (Departement Creuse) gebracht werde, um von dort nach Drancy überstellt zu werden. Ihm war klar, Drancy war der Abtransport nach dem Osten.
In Boussac angekommen, sagte ihm ein Freund, dass nur diejenigen abtransportiert würden, die über 16 Jahre alt sind. Walter Moos fehlten an dieser Altersgrenze ganze 10 Tage. Und dies rettete ihm das Leben. Er ging sofort in das dortige Büro und trug seinen ,Fall' vor. Zufällig war gerade der Präfekt des Departements anwesend; er veranlasste, dass Walter Moos einen Passierschein erhielt, der ihn vor dem Abtransport bewahrte, vergaß aber nicht hinzuzufügen: wir holen ihn später.
Erstmal war die unmittelbare Gefahr gebannt. Aber was nun? Zurück ins Chateau de Chabannes? Das schien zu gefährlich. So wurde entschieden, dass er - und mit ihm andere Kameraden - in das nahe gelegene OSE-Heim Masgelier kommen sollte, wo für die Älteren, zu denen er zählte, eine landwirtschaftliche Ausbildung erfolgen sollte. Jeden Morgen ging die Gruppe hinaus zur Feldarbeit. Da jedoch befürchtet wurde, dass die Gendarmerie alsbald auch hierher kommen würde, um ihn und andere abzuholen, wurde beschlossen, nicht mehr im Heim zu übernachten, sondern im Wald unter freiem Himmel. Inzwischen war es schon Mitte September, und es stellte sich die Frage, wie es weiter gehen sollte, wenn es kälter würde. Walter Moos schrieb einen Brief an seine Verwandten in Zürich und schilderte seine Situation. Von dort wurde der Cousin Georges Moos in Genf,informiert, der nun seine zweite Rettungsaktion einleitete. Wir erinnern: erst wenige Tage zuvor konnten sich Iwan und Lina Moos mit seiner Hilfe in die Schweiz retten. Bevor er die Flucht antrat, erreichte ihn noch ein Brief seiner Eltern von Les Milles, die ihm mitteilten, dass er sie nicht besuchen solle - Anfang August hatten sie ihn eingeladen, sie in Les Milles zu besuchen -, denn sie würden nun sehr bald wegkommen. Das war die letzte Nachricht, die Walter Moos von seinen Eltern hatte. Zu diesem Zeitpunkt waren diese längst nach Auschwitz deportiert worden und vermutlich nicht mehr am Leben. Aber das wusste er damals noch nicht.

Es muss am 21. September 1942 gewesen sein, als die Direktorin des Heimes Masgelier Walter Moos ins Büro kommen ließ, ihm ein Papier aushändigte, auf dem zu lesen war: "Vertraue diesem Mann. Herzlichst Georges" und ihn mit eben diesem Mann bekannt machte, den die Direktorin nicht kannte und er auch nicht und dessen Name auch nicht überliefert ist. Sie verabredeten ein Treffen spät am Abend in der Nähe des Bahnhofs. Dort sollte Walter seine Zugfahrkarte bekommen. Er besaß übrigens keinerlei Legitimations-Papiere. Was nun folgte, die Flucht erfolgte per Eisenbahn nach Lyon, von da über Annecy nach Annemasse, ist eine Kette von Konspiration, Zufälligkeiten, unglaublichem Glück, vielleicht war auch ein wenig Chuzpe dabei - es würde ein eigenes Kapitel füllen, alles im Detail zu beschreiben, insbesondere auch, wie er der Gestapo-Kontrolle im Zug entging. Einer inneren Eingebung und dem Rat einer wildfremden Frau folgend, die ihn im Zug ansprach, trennte er sich von dem Mann, dem er sich anvertrauen sollte. Dann gab es unvermutet weitere hilfreiche Menschen. Ob sie alle Teile eines Netzwerkes von Georges Moos waren? Vieles spricht dafür, denn so viele Zufälle gibt es im Leben eigentlich nicht. Jedenfalls brachte ihn schließlich ein Mann an die Schweizer Grenze in der Nähe von Annemasse und sagte ihm, er müsse unter dem Stacheldraht hindurch kriechen und immer in Richtung der Lichter gehen, dann komme er nach Genf. Am 23. September 1942 passierte er so die Grenze. Aber schon nach wenigen Schritten lief er direkt in die Arme eines Schweizer Grenzgendarmeriepostens, der ihn zu einem nahen Zollhäuschen brachte, von wo aus er noch in der Nacht zu einem Flüchtlingsauffanglager in Genf gebracht wurde. Am nächsten Tage konnte er endlich zu seinem Cousin Georges. Es war ein überwältigendes Erlebnis. Die nächsten eineinhalb Monate verbrachte er in dem Flüchtlingslager Aeugstertal bei Zürich, in dem sich auch Iwan und Lina Moos befanden.
Georges Moos erreichte es, dass Walter dann das Lager verlassen und zu ihm nach Genf kommen konnte. Das alles ist Walter Moos bis ins letzte Detail in seinem Gedächtnis wie eingebrannt, auch nach mehr als 60 Jahren.


Epilog
In Genf besuchte Walter Moos nach seiner Rettung 1942 die nächsten vier Jahre eine Höhere Handelsschule und legte im Sommer 1946 sein Examen ab. Im Juli 1946 kehrten auch Max und Fanny Moos aus USA zurück. Wie sollte nun die Zukunft von Walter Moos aussehen? Vielleicht durch Max Moos beeinflusst, verdichtete sich der Gedanke, in die USA zu gehen und dort seine künftige Existenz aufzubauen. Zuerst besuchte er für drei Monate seinen Bruder in England. Im Januar 1947, es war kalt, kam er mit dem zweiten Passagierschiff, das England von Southampton aus verließ, in New York an. Der Onkel Sidney (Leon) hatte das arrangiert.

Iwan Moos erhielt im Juli 1947 endlich eine Arbeitserlaubnis. Max Moos war von seinem unfreiwillig auf beinahe sechs Jahre ausgedehnten USA-Aufenthalt zurück und reaktivierte seine Galerie, die sich während seiner Abwesenheit in einer Art Dornröschenschlaf befand. Unter dem Firmendach seines Bruders, der Galerie Max Moos in Genf, startete Iwan Moos einen Kunstdruckhandel als wirtschaftlich selbständige Abteilung, für die nur er persönlich verantwortlich war. Einerseits wollte er seinem Bruder nicht mehr auf der Tasche liegen, andererseits fühlte er sich mit noch nicht 70 Jahren zu jung, um ‚auf der Rentnerbank’ zu sitzen. Die damals weltweit einzige Firma, die Kunstdrucke in erstklassiger Qualität herstellen konnte, war die New York Graphic Society. Deren Eigentümer, Anton Schütz, den Iwan Moos aus seiner Karlsruher Zeit gut kannte, gab ihm das Alleinvertriebsrecht für die Schweiz.
Das war die Basis für einen Neubeginn, ohne diese wäre alles sehr viel schwieriger gewesen.
Das Unternehmen ernährte zwar Iwan Moos und Frau, konnte aber an die erfolgreiche Karlsruher Zeit nicht anknüpfen Für den umfangreichen Bilderbesitz der Galerie Moos erhielt Iwan Moos nach jahrelangem zähen Kampf im Restitutionsverfahren mit prozessualer Auseinandersetzung vor dem Landgericht Karlsruhe von der Bundesrepublik Deutschland etwa die Hälfte des Wertes als Entschädigung. Wir erinnern: Graeff, der den Kunsthandel der Firma Geschwister Moos kaufte, übernahm auch kommissionsweise den umfangreichen Bilderbestand von - so von Iwan Moos nach dem Kriege beziffert - 100.000 bis 150.000 RM. Ein Teil wurde von Graeff verkauft, der Erlös an das Deutsche Reich abgeführt, ein erheblicher Teil blieb verschollen, ein Teil mag bei den schweren Bombenangriffen auf Karlsruhe 1944 zerstört worden sein, jedenfalls behauptete das Graeff. Hätte Iwan Moos nicht so ein exzellentes Gedächtnis gehabt, er kannte jedes seiner Bilder mit Titel, Maler, Größe. Wert und listete alles sorgfaltig auf, er hätte seine Ansprüche nicht annähernd so realisieren können, auch wenn letztlich ein großer Verlust blieb.
Am 23. September 1971 starb er, fast 90-jährig. Seine Frau Lina starb zwei Jahre später, am 19. Dezember 1973.

Max Moos starb am 11. Oktober 1976, 95-jährig, seine Frau Fanny schon 1957. Im Jahre 1976 wurde auch die Galerie Max Moos geschlossen.

Der Sohn Georges Moos starb am 12. Juli 1984. Seine Galerie wurde von der Stieftochter Maryam bis 1986 geführt und dann geschlossen.

Amerika, das war auch der Traum von Marion Moos, der jüngeren Tochter von Iwan und Lina Moos - die Schwester lebte dort seit 1939, nun auch der Cousin Walter und der Onkel Sidney mit Familie. Im Januar 1948 war es endlich soweit, sie reiste nach New York. 1954 erhielt sie dort die amerikanische Staatsangehörigkeit. Anfangs arbeitete sie als Sekretärin bei einer Import-/Exportfirma im Empire State Building, später im New York University-Bellevue-Medical-Center, erst als Sekretärin, später als Assistentin des Dekans. Ihre Aufgabe sei so interessant, vielseitig und anspruchsvoll gewesen, daß sie nach eigenem Bekunden bis zur Pensionierung hätte bleiben können und wollen - wenn nicht der Mann in ihr Leben getreten wäre, den sie am 9. November 1960 in New York heiratete: Dr. George Meyer, Rechtsanwalt, gebürtig in Deutschland in Mönchengladbach, dem es noch 1939 vor Kriegsbeginn gelang, nach England auszuwandern. Dank der Geschäftsbeziehungen seines Vaters, eines Textilfabrikanten, konnte er bald in Glasgow als Textilexperte und ‚Advisor’ für die Scottish Co-operative Wholesale Soc. Ltd. tätig werden. Während des Krieges war er - wie alle ‚feindlichen Ausländer’ - interniert. 1946 konnte er die britische Staatsangehörigkeit erwerben und änderte seinen Namen von Georg in George. Nach der Hochzeit zog das Paar nach England in die Grafschaft Yorkshire. Nicht zuletzt auch wegen des sprichwörtlich unfreundlichen englischen Wetters siedelten sie nach zwei Jahren in die Schweiz nach Genf um.
Hier übernahmen sie 1963 gemeinsam von Vater Iwan Moos, inzwischen 80 Jahre, dessen Kunsthandlung, machten daraus eine rechtlich eigenständige Firma mit dem Namen Editions Moos S.A. und betrieben diese erfolgreich bis 1991. Die Firma wurde verkauft und verlegte ihren Sitz nach Basel, der Schweizer Kunstmetropole, wo sie auch heute noch unter gleichem Namen existiert.
George Meyer starb 1996, hochbetagt. Die Ehe blieb kinderlos. Marion Meyer-Moos lebt heute in der Schweiz.

Gertrud (Gert) Moos absolvierte nach ihrer Auswanderung in die USA in New York eine Krankenschwester-Ausbildung, war aber nie in diesem Beruf tätig, sie hatte eine Vielzahl verschiedener kaufmännischer Tätigkeiten, z.B. auch als Buchhalterin. Am 4. September 1948 heiratete sie in Armonk/New York Dr. Maurice Kramer, Rechtsanwalt, zu dieser Zeit aber schon Investmentfond-Manager, dessen Vater gebürtiger Franzose aus Neuilly war und als junger Mann in die USA einwanderte. Sie bekamen zwei Kinder (Zwillinge), Leslie und Nina. Am 27. November 1994 starb sie in New York, 74-jährig. Maurice Kramer, über 90 jährig, lebt in New York.

Heinrich Moos, in England lebend, absolvierte nach dem Schulbesuch ein Ingenieur-Studium.
Danach hatte er eine gut bezahlte Anstellung als Ingenieur in der Luftfahrtindustrie.
Nach dem Kriege erhielt er die britische Staatsangehörigkeit.
Nachdem sein Bruder Walter in die Staaten gegangen war, wollte auch er in die Staaten, um bei seinem Bruder zu sein. Er kündigte seine Stellung und beantragte ein Visum für die Einwanderung in die USA. Als er das Visum beim US-Konsulat abholen wollte, wurde ihm dort mitgeteilt, dass zwei Tage zuvor die Einwanderungsquote für das laufende Jahr bereits erschöpft sei, er könne also nicht mehr in die USA. In seiner Verzweiflung buchte er das nächstbeste Schiff, das nach Nordamerika auslief, es fuhr nach Halifax in Kanada, denn zurück wollte er nicht. Im Januar 1950 kam er so nach Kanada. In Halifax wusste er nicht, was er hier machen sollte. Aber er fand bald wieder eine Anstellung in der Luftfahrtindustrie.
1952 heiratete er in Toronto Vera Koranyi, gebürtige Ungarin. Sie bekamen zwei Kinder, Thomas (geboren 1954) und Cindy (geboren 1958).
1954 übernahm er das Reisebüro eines Onkels seiner Frau in Toronto, das er recht erfolgreich mit Touren in die ost- und südosteuropäischen Länder ausbaute. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion und der von ihr abhängigen Ostblock-Staaten kamen auch viele Touren des Reisebüros von Heinrich Moos dem Ende entgegen, es wurde 1999 verkauft. Am 22. November 1997 starb Heinrich Moos in Toronto.

Zurück zu Walter Moos: Schon bald nach seiner Ankunft in New York bekam er durch Vermittlung seiner Cousine Gertrud (Gert) eine Anstellung bei einer Maklerfirma in New York. Mit Ausbruch des Koreakrieges 1950 wurde er zum Militärdienst eingezogen. 1952 wurde er entlassen. Er bezeichnet diesen Militärdienst als die schlimmste Zeit in seinem Leben. 1953 erhielt er die amerikanische Staatsangehörigkeit. Zu der Firma, bei der er vor seinem Militärdienst tätig war, konnte er nicht zurück, sie war in Konkurs geraten. Er fand eine neue Stellung bei einem Verlag. Jahre später gab ihm sein Bruder Heinrich die Anregung, nach Toronto zu kommen und dort eine Galerie zu eröffnen, denn es gab keine.
1959 eröffnete er seine Galerie in Toronto: Moos Galleries Ltd., die auch heute noch existiert.
1962 heiratete er Martha, aus der Schweiz stammend. Sie haben zwei Söhne: Michel (geboren 1963) und David (geboren 1965).
Von 1986 bis1992 hatte er noch eine Filiale in New York. 1978 erhielt er die kanadische Staatangehörigkeit.
Bis heute ist Walter Moos noch immer aktiv in seiner Galerie tätig und hat die Kunstszene in Toronto wesentlich mit geprägt. Regelmäßig besucht er auch die Kunstmesse in der Schweizer Kunstmetropole Basel.

Die Familie Moos lebt in ihren Kindern bzw. Enkelkindern weiter. Und erstaunlicherweise setzt Walter Moos nach mehr als 100 Jahren seit Gründung der Firma Geschwister Moos in Karlsruhe deren Tradition fort - wie es seinem Kunstverständnis und der Zeit entspricht.

(Wolfgang Strauß, Juli 2005)