Personendaten

Dr. Erich Bernheimer

Titel: Dr.
Nachname: Bernheimer
Vorname: Erich
Geburtsdatum: 30. Mai 1891
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Sigmund und Hortense, geb. Abenheimer, B.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Margot B.;

Vater von Robert Alexander;

Bruder von Fanny Hirschberg, geb. B.
Adresse: 1931-1937: Weberstr. 14
Redtenbacherstr. 21
Schule/Ausbildung: 1900-1909: Humboldt-Realgymnasium, Abitur
Beruf: Rechtsanwalt (zugelassen beim Landgericht)
Emigration: Juni 1938 nach Frankreich (Frankreich) Paris
Deportation: zu unbekanntem Zeitpunkt nach Moissac (Frankreich)
1939 an unbekanntem Ort interniert; Flucht in das unbesetzte Frankreich
Sterbedatum: 18. November 1942
Sterbeort: Moissac (Frankreich)

Biographie

Dr. Erich und Margot Bernheimer

Der Name Bernheimer steht für eine große Familie, die – zusammen mit der ebenfalls großen Familie Vogel – einen wesentlichen Beitrag zur industriellen Entwicklung von Ettlingen und Karlsruhe geleistet und als Arbeitgeber vielen Menschen Arbeit gegeben hat. Aber wer – außer Historikern und einigen wenigen noch lebenden ‚Altgedienten’ - kennt diese Namen heute noch? Es ist deshalb auch angezeigt, dieses wichtige Kapitel der Stadtgeschichte aufzuhellen und die unternehmerischen Leistungen zu würdigen. Dafür müssen wir jedoch 150 Jahre zurück gehen – in die Dörfer Schmieheim bei Lahr und Muggensturm bei Rastatt, wo alles seinen Anfang nahm

Der Beginn - Samuel Vogel und Simon Bernheimer
Am 23. Oktober 1851 wurde Simon Bernheimer als drittes von fünf Kindern des Handelsmannes Nathan Bernheimer und seiner Frau Sara, geborene Schnerb, in Schmieheim geboren. Die Familie Bernheimer ist seit mindestens 1770 in Schmieheim nachweisbar. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Schmieheim fast 500 jüdische Einwohner (nahezu 1/3 der gesamten Einwohner), 15 Jahre später, 1865, sogar 850 und war damit – nach Gailingen – die zweitstärkste jüdische Landgemeinde in Baden. Sara Schnerb stammte aus dem Nachbardorf Rust, wo ihr Vater als Viehhändler, Gastwirt und Judenschultheiß tätig war.
Simon Bernheimer besuchte nach der Volksschule in Schmieheim die Realschule in Ettenheim. Im November 1866 trat er bei der 1833 gegründeten Firma Vogel & Schnurmann in Muggensturm, einer Lumpensortieranstalt mit Lederhandel in die kaufmännische Lehre. Er machte bald durch Arbeitseifer, Strebsamkeit und hervorragende kaufmännische Befähigung auf sich aufmerksam, wie die „Papier-Zeitung“ in einem Nachruf aus Anlass seines Todes 50 Jahre später schrieb.

Am 2. Juli 1878 ersteigerten die Eigentümer der erwähnten Firma in Muggensturm, Samuel Vogel und Samuel Schnurmann, beide in Muggensturm gebürtig und verschwägert, die im Jahr zuvor in Konkurs geratene Papierfabrik Gramberger & Sack in Ettlingen bei einer abgehaltenen Versteigerung. Einige Wochen später wurden weitere Liegenschaften aus dem Besitz der Voreigentümer ersteigert. Im Grundbuch war nunmehr Samuel Vogel eingetragen.
Am 23. November 1878 wurde die OHG Vogel & Bernheimer gegründet; Geschäftszweck war die Zellstoff- und Papierherstellung und sonstiger einschlägiger Artikel und Nebenprodukte und der Handel damit, wie es hieß.
Samuel Vogel, 1845 geboren, war von seinem vormaligen Lehrling und späteren Commis so überzeugt, dass er ihn mit gerade mal 27 Jahren als Teilhaber in die Firma aufnahm. Die Firma Gramberger & Sack hatte schon mehrere Vorgänger als Eigentümer; auf diesen Teil der Firmengeschichte, der bis ins Jahr 1830 zurück reicht, soll hier jedoch nicht eingegangen werden. Am 7. Januar 1879 wurde die Firma ins Handelsregister in Ettlingen eingetragen; beide waren gleichberechtigte Partner. Der Gesellschaftervertrag ist zwar nicht überliefert, es steht aber mit Sicherheit zu vermuten, dass Simon Bernheimer ebenfalls Kapital in die Firma einbrachte. Im gleichen Jahr verlegte die Firma Vogel & Schnurmann ihren Sitz nach Karlsruhe in die Nähe des Mühlburger Tors. Samuel Schnurmann zog von Muggensturm nach Karlsruhe in die Mühlburger Straße 3 (später Kaiserallee).

Der Erwerb der in Konkurs gegangenen Papierfabrik und die Gründung der Firma Vogel & Bernheimer waren – bei Lichte besehen – ein enormes unternehmerisches Risiko, denn die Firmeninhaber hatten von der Papiererzeugung praktisch keine Ahnung. Aber offenbar sahen sie in der rasanten wirtschaftlichen Entwicklung Deutschlands nach dem Krieg 1870/71 ein enormes Potential für alles, was mit der Papiererzeugung in immer vielfältigeren Ausprägungen zusammenhing. Mit 20 Arbeitern begann die Produktion, zunächst mit Packpapier und Karton, bald auch mit lukrativeren Papiersorten. Die Anfänge muten aus heutiger Sicht dilettantisch, beinahe abenteuerlich an.
Es begann eine rege Bautätigkeit und Modernisierung der gesamten Produktionstechnik, die sich auch in den folgenden Jahren fortsetzte. Wiederholte Rückschläge blieben allerdings nicht aus – teils aus Unkenntnis, teils aus Gegebenheiten in einem überaus schnell wachsenden Markt. Dass sie trotzdem nicht aufgaben, beweist ihre unternehmerische Weitsicht, ihre unermüdliche Arbeitskraft und zähes Durchhaltevermögen.

Der große Schritt nach vorn - Maxau
Wiederkehrende Schwierigkeiten in der Rohstoffbeschaffung für das ständig steigende Produktionsvolumen führten bei Samuel Vogel und Simon Bernheimer zu der Überlegung, der Papierfabrik eine Zellstofffabrik anzugliedern. Zunächst war beabsichtigt, die Zellstofffabrik in unmittelbarer Nähe der Papierfabrik zu errichten, Gelände in Bahnhofsnähe wurde bereits gekauft. Da aber in Ettlingen eine Baugenehmigung nicht zu erhalten war, vornehmlich aus Abwasser-Gründen, entschieden die Firmeneigner, die Zellstofffabrik in Maxau am Rhein, damals noch Ortsteil der selbständigen Gemeinde Knielingen, zu errichten und Zellstoff nach dem Mitscherlich-Sulfitverfahren herzustellen, zweifellos die größte unternehmerisch-strategische Leistung von Vogel und Bernheimer. Die günstige Lage unmittelbar am schiffbaren Rhein mit Hafenanlagen und Gleisanschluss bot entscheidende Verkehrs- und Frachtvorteile für Kohle und andere Rohstoffe, insbesondere auch für ausländisches Holz und kostengünstigen Versand der eigenen Erzeugnisse.

Weil dieser Riesensprung im Ausbau des Unternehmens von Vogel und Bernheimer finanziell aber allein nicht zu schultern war, holten sie sich 1883 Samuel Schnurmann, den Kompagnon von Samuel Vogel aus der Fa. Vogel & Schnurmann, als dritten Gesellschafter in die Firma, die nunmehr Vogel, Bernheimer & Schnurmann OHG hieß. Zwei Jahre später, 1885, schied Samuel Schnurmann aus, an seine Stelle trat sein Sohn Adolf (geboren 3. Mai 1862 in Muggensturm). Samuel Schnurmann widmete sich fortan wieder ausschließlich seiner Aufgabe in der Firma Vogel & Schnurmann, zusammen mit seinem Bruder Jakob. 1896 wurde die OHG in eine GmbH umgewandelt.

1883 trat auch der jüngere Bruder von Simon Bernheimer, Sigmund, geboren 16. September 1858 in Schmieheim, in die Firma ein, die jetzt vier Eigner hatte. Er hatte wie sein Bruder Simon die Volksschule in Schmieheim und die Realschule in Ettenheim besucht. Über seine Berufsausbildung ist nichts überliefert, es darf aber wohl als zutreffend angenommen werden, dass er ebenfalls eine kaufmännische Ausbildung absolvierte.

Am 17. Juni 1884 wurde die Baugenehmigung für das Maxau-Projekt erteilt, Bau und Einrichtung der Fabrik erfolgten zügig nach modernsten Anforderungen unter Leitung eines eigens aus Sachsen dafür engagierten Fachmannes. 1886 wurde die Fabrik in Betrieb genommen. Es fehlte jedoch an den notwendigen Erfahrungen für dieses neue, komplizierte Produktionsverfahren, die ersten Jahre waren daher mit großen Schwierigkeiten verbunden, auch mit erheblichen Verlusten. Bald nach der Produktionsaufnahme beschwerten sich die Besitzer der umliegenden Grundstücke über große Flurschäden, hervorgerufen durch Abgase und Abwässer, und ihre Forderungen auf Entschädigung riefen die Behörden auf den Plan. Neue Kläranlagen und Abwasserleitungen mussten auflagegemäß gebaut werden. Es dauerte einige Jahre bis alle Schwierigkeiten überwunden waren. Dann aber expandierte die Produktion im Werk Maxau fortgesetzt, verbunden mit ständiger Modernisierung der Maschinen und Anlagen. In Ettlingen schritt unterdessen der Ausbau der Papierfabrik weiter fort, die Produktion wurde permanent gesteigert. Um 1898 beschäftigte die Firma etwa 90 Mitarbeiter.
1899 zog die Firma Vogel & Schnurmann in die neu errichtete Fabrikanlage am Westbahnhof (ehemals Grünwinkler Straße, später Zeppelinstraße). 1908 wurde dort zusätzlich mit der Produktion von Kunstwolle und Kunstbaumwolle begonnen, was sich sehr schnell als ein außerordentlich lukratives Geschäft erwies. 1914 wurden dort bereits 500 Arbeiter beschäftigt. Es war bereits zu dieser Zeit eines der bedeutendsten Unternehmen auf diesem Sektor im gesamten deutschen Reich.

Bernheimer und Vogel – die Familien, die Firma
1884 heiratete Simon Bernheimer die aus Mannheim stammende Rosa Abenheimer, geboren 28. Oktober 1863, viertes von insgesamt sieben Kindern des Handelsmannes Nathan Abenheimer und seiner Frau Fanny, geborene Fuld. Zwei Söhne werden ihnen geboren, Ernst am 8. Januar 1885, Norbert am 20. Januar 1887, beide in Karlsruhe. Mit der Heirat hatte Simon Bernheimer auch seinen Wohnsitz von Ettlingen nach Karlsruhe in die Kreuzstraße 8 verlegt, 1890 zog er in die Kriegsstraße 36 um, acht Jahre später in die Kriegsstraße 32, von 1906 ab wohnte er in der Hoffstraße 6, dort wohnten auch die Söhne bis zur Eheschließung.

Sigmund Bernheimer heiratete 1890 die jüngere Schwester von Rosa Abenheimer, Hortense Abenheimer, geboren am 5. September 1871, jüngstes Kind von Nathan und Fanny Abenheimer. Da diese 1884 bzw. 1886 verstarben, kam das 15 jährige Mädchen, Waise nunmehr, nach Bingen zu Verwandten. So waren also die Brüder Bernheimer mit den Schwestern Abenheimer auch über Kreuz verschwägert. Sigmund Bernheimer wohnte nach seiner Heirat ebenfalls in der Kriegsstraße, und zwar im Haus Nr. 24, also nur ein paar Häuser von der Wohnung des Bruders entfernt. 1909 zog er in die Hertzstraße 2a um.
Sigmund und Hortense Bernheimer wurden zwei Kinder geboren: Erich, am 30. Mai 1891, und Fanny, am 26. April 1895, beide in Karlsruhe.

Samuel Vogel hatte vier Söhne, alle in Muggensturm geboren: Julius, geboren 20. November 1874, Leo, geboren 28. September 1876, Sally Willi, geboren 12. April 1879, Arthur, geboren 12. Dezember 1884, und eine Tochter, Johanna, geboren 11. Oktober 1871; weitere zwei Töchter waren im Babyalter gestorben.

Ernst und Norbert Bernheimer waren viele Jahre später aufs Engste mit der Firma Vogel & Bernheimer verbunden, Erich nur wenige Jahre, und dies auch nur durch die politischen Umstände dazu gezwungen, von den vier Vogel-Söhnen nur der älteste, Julius. Die Vogel-Söhne Leo und Sally Willi waren – später – Teilhaber und Leiter der Firma Vogel & Schnurmann, Arthur war in dieser Firma Prokurist.

Am 2. November 1916 starb Simon Bernheimer in Karlsruhe. 700 Mitarbeiter waren zu diesem Zeitpunkt in beiden Werken beschäftigt. Die Presse lobte ihn in einem glanzvollen Nachruf: „Er war ein gerader, zielbewusster, aber bescheidener Mann von großer Herzensgüte, dessen Lebenserfahrungen und Lebensauffassungen jedem, der ihn kannte, Achtung und Wertschätzung abnötigte“. Auch vielen öffentlichen Anstalten und Wohlfahrtseinrichtungen widmete er seine Arbeitskraft, und für Bedürftige hatte er eine offene Hand, hieß es. Für seine Taten für das Allgemeinwohl verlieh ihm der Großherzog das Ritterkreuz vom Zähringer Löwenorden.
Bereits am 6. August 1910 starb Samuel Vogel, der Mitgründer von Vogel & Bernheimer, in seinem Haus in der Sofienstraße 78 in Karlsruhe. Das Sterberegister weist ihn aus als Privatier, er war also nicht mehr aktiv in der Firma Vogel & Schnurmann. Am 20. April 1921 starb seine Witwe Emma, geborene Weil.
Im Jahr 1916 trat Adolf Schnurmann aus der Firma aus. Aus diesem Anlass wurde die
Firma Vogel, Bernheimer & Schnurmann GmbH in die Firma Vogel & Bernheimer KG.
umgewandelt. Firmensitz war noch immer Ettlingen.

Schon frühzeitig erkannten Samuel Vogel und Simon Bernheimer, dass ihre unternehmerische Aufbauarbeit nur dann auf Dauer in den Händen der Familien bleiben konnte, wenn zumindest einige der Söhne den ständig steigenden technischen Anforderungen durch entsprechende Ausbildung gerecht werden können, d.h. wenn sie ein hochqualifiziertes naturwissenschaftlich/technisches Studium einbringen würden, selbst erarbeitetes Wissen und Können, hauptsächlich auf Erfahrung gestützt, würde in der Zukunft nicht mehr allein ausreichend sein. So studierte der älteste Sohn von Samuel Vogel, Julius, Chemie von 1894 bis 1898 in Berlin und München, mit einer Promotion am 19. November 1898 in Berlin zum Dr. phil. mit einer Dissertation zum Thema „Über die Einwirkung von Stickoxyd auf Allylacetatessigester und Isoamylacetatessigester“. Mit Beendigung des Studiums trat er als Mitinhaber in die Firma Vogel, Bernheimer & Schnurmann ein.
Der jüngere Bruder Sally Willi Vogel studierte an der TH Karlsruhe Maschinenbau, der Sohn von Adolf Schnurmann, Fritz, ebenfalls in Karlsruhe Maschinenbau.

1910 – nach dem Tod von Samuel Vogel - trat Ernst Bernheimer, der ältere Sohn von Simon Bernheimer, als Mitgesellschafter in die Firma ein. Ob er ebenfalls ein Studium bzw. welche Berufsausbildung er wann und wo absolviert hatte, konnte nicht festgestellt werden, lediglich sein Schulbesuch am Pro- und Realgymnasium in Durlach (heute Markgrafen-Gymnasium) von 1896 bis 1900 ist nachweisbar.

Norbert Bernheimer, der jüngere Bruder von Ernst, studierte nach seinem 1908 in Karlsruhe abgelegten Abitur Maschinenbau an der TH in Karlsruhe, an der TH in Darmstadt und an der TH in Berlin Charlottenburg in den Jahren 1908 bis 1913; dort promovierte er auch 1913
zum Dr. Ing. mit dem Thema „Beiträge zur Kenntnis des Zellstoffkochverfahrens nach System Mitscherlich“. Nach mehreren Praktika bei verschiedenen Firmen im In- und Ausland sowie einem Sprachstudium in der französisch sprechenden Schweiz und einem anschließenden 3½ jährigen Kriegsdienst in Frankreich und Russland trat er 1918 ebenfalls in die Firma ein und wurde Betriebsleiter mit Prokura des Zellstoffwerkes in Maxau.

Ernst Bernheimer heiratete am 31. Mai 1916 in Karlsruhe anlässlich eines Heimaturlaubes - er machte den ganzen Krieg an der Westfront mit - Emmy Bukofzer, geboren am 19. September 1883 in Karlsruhe, Tochter des Arztes von Dr. Karl Bukofzer und Johanna, geborene Vogel. Diese war die Schwester der Vogel-Brüder (Julius, Sally Willi, Leo, Arthur), Emmy war mithin eine Nichte der Vogel-Brüder und Enkelin von Samuel Vogel, somit war Ernst Bernheimer mit den Vogels durch Heirat verwandt. Aus der Ehe von Ernst und Emmy Bernheimer gingen die Kinder Ruth, geboren am 19. Januar 1920, und Gerhard, geboren am 15. März 1922, beide in Karlsruhe, hervor. Nach dem Krieg lebte er zunächst mit seiner Frau im schwiegerelterlichen Haus in der Kaiserallee 66, ab 1919 dann fortlaufend in der Mozartstraße 13.

Norbert Bernheimer heiratete am 19. Juli 1921 in Aschaffenburg die am 16. Mai 1901 hier geborene Eva Margarete Oestereicher, Tochter des Kaufmanns Rudolph Oestereicher und seiner Ehefrau Martha, geborene Lang. Sie hatten 2 Kinder: David Wolfgang, geboren am 12. August 1922 in Karlsruhe, und Georg, geboren am 22. Juni 1925, ebenfalls in Karlruhe.
Norbert Bernheimer lebte nach seiner Heirat zunächst weiterhin in der elterlichen Wohnung in der Hoffstraße 6, dort lebten die Eltern seit 1908, nach dem Tod des Vaters Simon Bernheimer 1916 zusammen mit der Mutter Rosa, nach deren Tod am 3. November 1922 lebte die Familie allein in der Wohnung. Ab 1927 bewohnte die Familie dann ein eigenes Haus in der Bachstraße 11.

Nach dem Tod von Simon Bernheimer 1916 und dem Ausscheiden von Adolf Schnurmann im gleichen Jahr waren nunmehr Gesellschafter der Firma Vogel & Bernheimer KG Sigmund Bernheimer, Dr. Julius Vogel und Ernst Bernheimer. Natürlich gab es noch über die Jahre eine Reihe von angestellten Ingenieuren, die z.T. auch als technische Leiter fungierten.

Der Krieg 1914/18 hatte die Firma zeitweilig schwer in Mitleidenschaft gezogen und fortwährend Schwierigkeiten über Schwierigkeiten gebracht, die ständige Improvisationen erforderten, aber keinen kontinuierlichen Aufbau ermöglichten: die waffenfähigen Mitarbeiter wurden eingezogen, ständiger Kohlemangel (Energie-Lieferant) und andere Vorgänge führten zu einem Ab- und Aufwärts der Produktion, zeitweilig auch mit völligem Stillstand. Ernst und Norbert Bernheimer waren im Krieg, die Firma wurde praktisch von Sigmund Bernheimer und Dr. Julius Vogel allein geleitet.

Am Ende des Krieges waren die Betriebe Ettlingen und Maxau infolge Mangels an Material und Arbeitskräften herunter gewirtschaftet, die Technik stark überholungsbedürftig, man ging daran, die Betriebe wieder instand zu setzen, zu verbessern und auszubauen. Allerdings waren die erforderlichen Maßnahmen von immer neuen Problemen und Schwierigkeiten begleitet: Kohlemangel, Streiks und fehlende Arbeitskräfte hinderten einen regelmäßigen Betrieb. Insbesondere Maxau litt unter der französischen Besatzung der Pfalz, später auch des Karlsruher Hafens mit französischer Einquartierung auch in Maxau; hier wurden auch die Vorräte an Kohlen und Zellstoff von den Franzosen beschlagnahmt und als Reparationslieferungen nach Frankreich geschickt. Monatelang war auch die Rheinbrücke gesperrt, sodass die überwiegend aus der Pfalz kommenden Mitarbeiter nicht zur Arbeit kommen konnten. Zu all dem kamen Brandschäden in den Werken und brachten längere Stillstände. Schließlich stellte die galoppierende Inflation täglich neue Aufgaben. Erst die Währungsreform im November 1923 schaffte die Voraussetzungen für einen einigermaßen geregelten Wiederaufbau. In den Folgejahren, bis in die Mitte der 30er Jahre, kam es aus konjunkturellen Gründen immer wieder zu einem Auf und Ab, auch mit monatelangen Produktionsstillständen.

Neue technische Anforderungen mit Investitionen in erheblichem Unfang machten auch einschneidende Änderungen der Firmenstruktur erforderlich: am 4. September 1928 wurde – auf Betreiben des Bankhauses Straus & Co – die Karlsruher Papierfabrik AG gegründet und am 18. Oktober 1928 in die Vogel & Bernheimer Zellstoff- und Papierfabriken AG mit einem Kapital von 4.200 000 RM umgegründet. In die Firma wurde die Fa. Vogel & Bernheimer KG mit eingebracht. Das Bankhaus Straus & Co war nunmehr Teilhaber der Firma (mit 28,5 % des Kapitals; mit 1.200 000 RM nominale Vorzugsaktien) neben Sigmund und Ernst Bernheimer und Dr. Julius Vogel als Vorstände; auch Dr. Norbert Bernheimer wurde in diesem Zusammenhang Mit-Gesellschafter und Vorstand.

Erich Bernheimer – Ausbildung, Kriegsdienst, beruflicher Anfang, Heirat
Erich Bernheimer, der Sohn von Sigmund und Hortense Bernheimer, wurde am 30. Mai 1891 in Karlsruhe geboren, besuchte nach der Volksschule von September 1900 bis Juli 1909 das Humboldt-Realgymnasium in Karlsruhe und legte dort am 26. Juli 1909 das Abitur mit der Gesamtnote „ziemlich gut“ ab. Über seine Kindheit, seine Schülerzeit, über Freunde, Interessen ist nichts überliefert. An einer Industriellen-Laufbahn wie der seines Vaters und seines Onkels Simon und seiner Cousins Ernst und Norbert hatte er offenbar kein Interesse, er studierte vielmehr Jura mit Beginn des Wintersemesters 1909/10 bis Ende Wintersemester 1912/13, in Heidelberg, Genf, Berlin, Freiburg und wieder Heidelberg. Die Erste juristische Staatsprüfung im Frühjahr 1913 bestand er nicht, sondern erst die Wiederholung im Spätjahr 1913. Mit Schreiben des Justizministeriums vom 20. November 1913 wurde seine Aufnahme als Rechtspraktikant (die damalige Bezeichnung für Referendar) bestätigt. Seine Ausbildung begann er beim Amtsgericht Karlsruhe und dann beim Bezirksamt Karlsruhe. Vom 4. August 1914 bis 30. November 1918 war er als Freiwilliger im Krieg. Während des Dienstes 1915 zog er sich ein schweres Ischialgie-Leiden zu, war deshalb über viele Monate in Militärlazaretten; da keine Heilung erfolgte, war er fortan nur noch garnisonsverwendungsfähig. Deshalb wurde er auch von März bis Oktober 1916 für das Bezirksamt Ettlingen vom Militärdienst freigestellt. Von November 1917 bis Mai 1918 wurde er in Rumänien eingesetzt und kam dort auch zum Fronteinsatz, dafür wurde er später mit dem Frontkämpfer-Ehrenkreuz ausgezeichnet. Er wurde vom Militärdienst als Vizewachtmeister entlassen.
Am 8. Juli 1915 promovierte er an der Universität Heidelberg mit der Dissertation zum Thema „Die Öffentlichkeit der strafgerichtlichen Hauptverhandlung im bürgerlichen und militärischen Strafprozess. Ihre Geschichte und ihre Bedeutung“.
Nach dem Kriege setzte er seine Ausbildung beim OLG Karlsruhe, beim Amtsgericht Wertheim und Bruchsal, beim Notariat Karlsruhe sowie mit einer längeren Anwaltsvertretung in Pforzheim fort. Im Frühjahr 1920 legte er seine Zweite Staatsprüfung ab und wurde mit Schreiben des Justizministeriums vom 9. Juni 1920 zum Gerichts-Assessor ernannt. Am 29. Juni 1920 erhielt er seine Zulassung als Rechtsanwalt beim Amtsgericht und Landgericht Karlsruhe und am 5. April 1921 auch seine Zulassung für die Kammer für Handelssachen des Landgerichts Karlsruhe in Pforzheim. Sein berufliches Ziel, sich als selbstständiger Rechtsanwalt niederzulassen, war nun erreicht. Er mietete ein Büro in der Karl-Friedrich-Straße 32 in Karlsruhe, das er auch während seiner ganzen Anwaltstätigkeit behielt. Er wohnte weiterhin bei den Eltern in der Weberstraße 14. Nun galt es, sich eine Klientel aufzubauen.

Am 19. April 1920 heiratete die jüngere Schwester Erich Bernheimers, Fanny, in Karlsruhe den aus Potsdam stammenden Dr. Hugo Hirschberg (geboren 16. Februar 1887). Für ihn war es bereits die zweite Ehe. die erste wurde nach kurzer Dauer geschieden. Nach der Hochzeit lebte sie mit ihrem Mann in Frankfurt. Am 21. März 1921 wurde dort die Tochter Eva Margarete, einziges Kind, geboren. Über das Schicksal dieser Familie wird später noch berichtet.

Am 12. Januar 1924 heiratete Erich Bernheimer in Frankfurt a.M. die am 28. Februar 1900 in Antwerpen geborene Margot (Marguerite) Amalie Heinemann, Tochter des aus Detmold stammenden Diamantenhändlers Bernhard Heinemann und seiner aus Krefeld stammenden Ehefrau Clementine, geborene Kohn. Nach der Hochzeit wohnten die Eheleute in der Redtenbacherstraße 21 und ab Folgejahr am Haydnplatz 2. Am 22. Februar 1927 wurde der Sohn Robert Alexander, einziges Kind, in Karlsruhe geboren. 1930 war Erich Bernheimer - wie damals viele liberal eingestellte Juden in Deutschland - Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei (DDP), der Partei Friedrich Naumanns und des vormaligen, 1922 ermordeten Außenministers Walther Rathenau.
Über zwölf Jahre, vom Beginn seiner Selbständigkeit bis zum Jahr 1933, der Machtübernahme Hitlers, die eine fundamentale Zäsur im Leben der Familie Erich Bernheimers wie für alle Juden in Deutschland brachte, mit damals ungeahnten und unvorstellbaren Folgen, ist nichts überliefert. Ungezählte Fragen bleiben unbeantwortet.
Über Margot Bernheimer berichtete ihr ein Jahr jüngerer Bruder André im Wiedergutmachungsverfahren, sie habe nach der Volksschule die „Höhere Deutsche Schule“ in Antwerpen besucht (einem deutschen Gymnasium gleichgestellt), 1917 legte sie das Examen mit der Primareife ab, danach habe sie in Berlin im privaten Lette-Verein ein Hauswirtschafts-Diplom und ein Sekretariats-Diplom erworben. Im Jahre 1918 sei ihre Familie von Antwerpen nach Deutschland geflüchtet und nahm sie Wohnsitz in Frankfurt a.M. in der Klüberstraße 16 und war in Frankfurt bis zu ihrer Heirat als Privatsekretärin tätig. Mit dieser Information endet allerdings die Überlieferung zu Margot Bernheimer bis zum Jahre 1938.

1933 bis 1937
Mit der Machtübernahme Hitlers am 30. Januar 1933 wurde der Antisemitismus Regierungspolitik. Es begann mit der Diskriminierung und der sozialen Ausgrenzung.
Am 1. April 1933, einem Samstag, begann reichsweit eine Boykott-Aktion gegen jüdische Geschäfte und auch Arzt- und Anwaltspraxen durch SA-Männer, z.T. mit massiven Verwüstungen, manchmal auch mit schweren Tätlichkeiten gegen die Besitzer. Ob auch die Praxisräume von Erich Bernheimer betroffen waren, ist nicht überliefert, aber es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass diese, mitten in der Stadt gelegen, ausgenommen gewesen sein sollten, oder vergessen oder übersehen, dazu war der Name Bernheimer durch die Firma Vogel & Bernheimer AG viel zu bekannt.
Nach dem Gesetz über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7. April 1933 hatte das Justizministerium beabsichtigt, Erich Bernheimer die Anwaltszulassung zu entziehen, es sei denn, er könne nachweisen, dass er während seiner Militärzeit 1914/18 an Fronteinsätzen teilgenommen habe. Mit großen Mühen gelang es ihm, den letzten noch lebenden
Vorgesetzten aus seinem Rumänien-Einsatz, den Leutnant C. J. Becker, ausfindig zu machen, der ihm dann am 7. Juni 1933 den Fronteinsatz in Rumänien bestätigte. Mit Schreiben vom 1. Juli 1933 teilte ihm das Justizministerium mit, dass nunmehr von einer Rücknahme der Anwaltszulassung abgesehen werde. Für ihn war das von existenzieller Bedeutung – wie er zu diesem Zeitpunkt glaubte. Er merkte jedoch bald, dass ihm dies nicht viel half, denn die Mandanten blieben ihm weg, nicht nach und nach, sondern ziemlich abrupt, wie den meisten jüdischen Anwälten auch. Hinzu kam, dass er – wie alle anderen jüdischen Anwälte auch – zum 1. Oktober 1933 als Jude aus dem Deutschen Anwaltsverein, der Standesorganisation der Anwälte in Deutschland, ausgeschlossen wurde. Seine Einnahmen aus Anwaltstätigkeit gingen so drastisch zurück, wie sich aus seinen Einkommens-Angaben gegenüber der Anwaltskammer Karlsruhe zeigt, dass er und seine Familie davon nicht leben konnten, so dass er als ersten Schritt aus einer drohenden finanziellen Misere seine Wohnung am Haydnplatz 2 aufgab und in das elterliche Haus in der Weberstraße 14, das der Vater 1925 erworben hatte, umzog, um die Miete zu sparen. Und dann hatte Erich Bernheimer das große Glück, dass ihm sein Vater, im Konsens mit den Mitgesellschaftern der Firma, noch im gleichen Jahr die Möglichkeit gab, in der Fa. Vogel & Bernheimer AG als Leiter des Holzeinkaufs, verbunden mit dem Status als Prokurist, tätig zu werden, wenn auch mit einem eher bescheidenen Gehalt. Ob er mit dieser Aufgabe zufrieden war, ist nicht überliefert. Immerhin enthob sie ihn drängender finanzieller Sorgen und der eventuellen Aussicht, am väterlichen „Geldtropf“ hängen zu müssen. Seine Einnahmen aus Anwaltstätigkeit genügten kaum, um die Miete für sein Büro zu zahlen.

Ein ähnliches Schicksal hatte auch der Schwiegersohn von Dr. Julius Vogel, Dr. Artur Emsheimer, geboren am 8. März 1900 in Pforzheim, Sohn des Weinhändlers Oskar Emsheimer und seiner Frau Alice, geborene Weil. Er heiratete am 26. September 1929 in Karlsruhe Lotte Vogel, geboren 27. Januar 1907 in Karlsruhe, einziges Kind von Dr. Julius Vogel und Frau . Sie hatten zwei Kinder: Herbert, geboren 24. Juli 1930 und Hannelore, geboren 4. März 1932, in Karlsruhe. Artur Emsheimer war, wie Erich Bernheimer, Jurist, hatte wie dieser in Heidelberg studiert und dort am 29. März 1923 mit einer Dissertation zum Thema „Die Untreue de lege ferenda (nach den Entwürfen zu einem deutschen STGB unter Heranziehung außerdeutscher Strafgesetzgebungen)“ zum Dr. jur. promoviert. Zum Zeitpunkt der Heirat und der Geburt der Kinder war er Staatsanwalt in Karlsruhe. Aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 wurde er als jüdischer Beamter mit Schreiben des Justizministeriums vom 24. Mai 1933 in den Ruhestand versetzt, also entlassen, er war zu dieser Zeit Amtsgerichtsrat am Amtsgericht in Lörrach in Südbaden. Der Schwiegervater Dr. Julius Vogel gab ihm die Möglichkeit, als Direktions-Assistent in der Firma Vogel & Bernheimer am Sitz der Firma in Ettlingen noch im gleichen Jahr zu beginnen, auch er erhielt mit seiner Aufgabe Prokura. Die Familie zog von Lörrach nach Ettlingen, zunächst in die Wilhelmstraße 6 und ab Mai 1934 in die Bismarckstraße 5.

In jenen Jahren trieb die Diskriminierung der Juden, gepaart mit Willkür der Amtsträger von Partei und Staat und genährt durch ein Heer von Denunzianten, fast immer „brave Bürger“, immer schlimmere Blüten. So widerfuhr es auch Dr. Norbert Bernheimer, der bei einem Einkauf in einem Sanitärgeschäft in der Stadt im Juli 1935 ein Schild mit der Aufschrift „Deutsches Geschäft“ bei den Inhabern beanstandete und angeblich dessen Entfernung verlangte, weil er es als judenfeindlich verstand. Der Inhalt des Gesprächs ist nicht belegt. Die Ladeninhaber hatten aber nichts Eiligeres zu tun als bei der Gestapo Anzeige zu erstatten. Am 19. Juli 1935 berichtete das Presse-Organ der NSDAP Karlsruhe „Der Führer“ unter der Überschrift „Karlsruher Juden provozieren“ ausführlich über diesen Vorfall. Die Gestapo nahm Dr. Norbert Bernheimer durch ihren Beamten Sauer für 3 Tage in „Schutzhaft“ wegen angeblicher Verächtlichmachung des Schildes, wofür er auch noch 50 RM für Haftkosten und 50 RM für Anwaltskosten zu zahlen hatte. Was er während der Haft erfuhr, ist nicht aufgezeichnet, es müssen aber böse Erlebnisse gewesen sein, denn er behielt von dieser Haft sein ganzes Leben ein Trauma, das sein Gesamtbefinden – so ärztlich testiert – bis zu seinem Tode negativ beeinflusste.

Ein anderer Vorfall betraf Dr. Artur Emsheimer im Juni 1937, der es sich zur Angewohnheit gemacht hatte, während seiner Mittagspause in den Sommermonaten das Schwimmbad in Ettlingen aufzusuchen, zu einer Zeit, in der er fast immer der einzige Badegast war. Angeblich hatten sich Badegäste beim Bademeister darüber beschwert, dass sich Juden (!) im Bad tummeln. und die Stadt es bis dato versäumt habe, ein Badeverbot für Juden – wie es dies in Karlsruhe schon zwei Jahre zuvor erlassen wurde – zu verhängen. Der übereifrige Bademeister Horsch machte Meldung und flugs berichtete auch das NSDAP-Blatt „Der Führer“ ausführlich darüber. Pflichteifrigst veranlasste daraufhin die Verwaltung die Anbringung eines Plakates mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“. Für Dr. Artur Emsheimer war es mit dem Badespaß vorbei.

Am 1. November 1937 starb Sigmund Bernheimer, der Vater von Dr. Erich Bernheimer, in Karlsruhe. Es hieß, er habe bis zu seinem 74. Lebensjahr, also bis 1932, unermüdlich für die Firma gearbeitet.

1938/39 – „Arisierung“ der Firma, Entlassungen, Emigration.
Im November 1937, die Produktion lief in Ettlingen wie in Maxau auf vollen Touren, das Jahr 1937 war das beste Jahr in der Firmengeschichte, monierte die für die Branche zuständige „Marktvereinigung der Forst- und Holzwirtschaft“ in Berlin beim Badischen Wirtschafts- und Finanzministerium, Außenstelle Berlin, dass die jüdische Firma Vogel und Bernheimer AG noch immer nicht arisiert sei und drohte unverhohlen damit, der Firma keine Holzkäufe mehr zu genehmigen, um Druck auf die Eigentümer auszuüben, die Firma endlich zu verkaufen, so eine Aktennotiz im Ministerium. Der Badische Beamte konnte diesen „Angriff“ allerdings erfolgreich abwehren mit dem Argument, die schon laufenden Arisierungsverhandlungen würden durch ein solches Vorgehen gestört, Freisetzungen von Arbeitskräften könnten die Folge sein.

„Arisierung“ war die verharmlosende Bezeichnung für direkte oder indirekte Zwangsverkäufe von jüdischen Firmen, Grundstücken, gewerblichen Rechten unter dem Druck der politischen Verhältnisse an Nichtjuden – ein Kapitel für sich; sehr oft, in Karlsruhe wie im ganzen Lande, mit brachialer Ausplünderung verbunden, an der sich auch zahlreiche „Ariseure“ (Notare, Wirtschafts- und Steuerberater, Rechtsanwälte) beteiligten und sich dabei eine „goldene Nase“ verdienten.
Große Unternehmen waren bis zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend von dem politischen Druck zum Verkauf ausgenommen, weil sie als Arbeitgeber eine bedeutende Rolle am Ort spielten, vor allem aber, wenn sie exportorientiert und damit Devisenbringer waren.
Die Vogel & Bernheimer AG konnte aber ihre Selbständigkeit als jüdisches Unternehmen dennoch nicht mehr länger halten. Der Verbands-Syndikus, Otto Fehrenbach, mobilisierte ein Konsortium badisch-pfälzischer Papierfabrikanten zur Übernahme der (Stamm-)Aktien von 3 Mill. RM, bestehend aus den Firmen Julius Glatz OHG, Neidenfels, August Köhler AG, Oberkirch, Papierfabrik Weissenstein AG, Dillweissenstein, E. Holtzmann & Cie AG, Weisenbachfabrik, Schoeller & Hoesch, Gernsbach und Knoeckel, Schmidt & Cie AG, Lambrecht. Die Vorzugsaktien von 1,2 Mill. RM waren bereits vom Bankhaus Straus & Co an die Badische Bank veräußert worden. Verhandlungsführer auf der Eigentümerseite war Dr. Julius Vogel. Zum 1. April 1938 ging die Firma Vogel & Bernheimer AG auf die neuen Eigner über und erhielt den Namen Ettlingen – Maxau, Papier- und Zellstoffwerke AG, Ettlingen. In dem Vertrag war u.a. auch geregelt, dass der bisherige Vorstand, also Dr. Julius Vogel, Ernst Bernheimer und Dr. Norbert Bernheimer, und auch der bisherige Aufsichtsrat, mit Ausnahme des Vorsitzenden, ihre Ämter niederlegten. Ernst Bernheimer schied mit 31. März 1938 aus, Dr. Erich Bernheimer und Dr. Artur Emsheimer wurden zum gleichen Datum entlassen, Dr. Julius Vogel und Dr. Norbert Bernheimer verpflichteten sich, dem neuen Vorstand, der von dem neu gebildeten Aufsichtsrat noch gefunden und bestellt werden musste, beratend zur Einarbeit bis 30. Juni 1939 bzw. 31. Dezember 1938 - bei gleichem Gehalt, jedoch ohne Tantieme – zur Verfügung zu stehen. Interimistisch war der erwähnte Otto Fehrenbach Allein-Vorstand. Diese Übernahme wurde von der sog. „Juden-Kommission“, vom ‚Reichsstatthalter“ Badens, Robert Wagner, eingesetzt „zur Behandlung aller Fragen in Zusammenhang mit nichtarischen Firmen und Geschäften“ genehmigt. Der erzwungene Verkauf der Firma bedeutete zunächst nur den Übergang der Aktien an die neuen Eigentümer, den Verkaufserlös bekamen die Verkäufer aber keineswegs zu Ihrer Verfügung, im Gegenteil, sie mussten vor ihrer Emigration noch die obligate Reichsfluchtsteuer und die Judenvermögensabgabe zahlen. Angesichts der Weiterbeschäftigung von Dr. Julius Vogel und Dr. Norbert Bernheimer fragte das Reichswirtschaftsministerium im August 1938 beim Badischen Wirtschafts- und Finanzministerium an, ob die Firma überhaupt als nichtjüdischer Betrieb angesehen werden könne. Das badische Ministerium bejahte diese Frage mit Schreiben v. 10. September 1938, da beide Herren nicht mehr vertretungsbefugt sondern nur noch beratend tätig seien.
Ob es für die Firmeneigentümer besser gewesen wäre, wenn sie die Firma früher verkauft hätten, ist nach so vielen Jahren eine nicht mehr eindeutig zu beantwortende Frage.
Jedenfalls muss man wohl Verständnis dafür haben, dass das Lebenswerk zweier Generationen nicht ohne Zwangsumstände aufgegeben werden konnte, ohne zu wissen, wie es weitergehen sollte. Immerhin war Dr. Vogel schon über 60 Jahre, die Bernheimer-Brüder über 50 Jahre.
Klar war für alle Betroffenen allerdings, schon seit Monaten zuvor, dass sie das Land verlassen wollten, hier konnten sie nicht bleiben. Die entspr. Vorbereitungen für die Auswanderung wurden getroffen. Das galt gleichermaßen auch für alle Vogel – Familien.

Am 18. Februar 1938 stellte Margot Bernheimer beim Passamt einen Antrag auf Ausstellung eines Auslandsreise-Passes für die Schweiz für den Sohn Robert, er sollte in Versoix (am Genfer See nahe Genf) die Internatsschule Ecole d’ humanitè für ein ¾ Jahr besuchen, um dort die französische Sprache zu erlernen, er sei an der Schule bereits angenommen, danach sei eine Auswanderung nach Belgien vorgesehen. In Deutschland hatte er als Jude keine Möglichkeit mehr, eine Realschule oder ein Gymnasium zu besuchen. Da sie ihren Sohn, dieser war gerade 11 Jahre alt, dorthin begleiten und dann ebenfalls nach Belgien auswandern wollte, beantragte sie für sich eine entspr. Verlängerung ihres Passes. Beide Passanträge wurden problemlos genehmigt.
Im Juni oder Juli 1938, das genaue Datum ist nicht mehr feststellbar, emigrierte Erich Bernheimer nach Paris. Es ist also durchaus wahrscheinlich, dass die ganze Familie zusammen nach Paris ging und die ursprüngliche Absicht, den Sohn erst in die Schweiz zur Schule zu schicken und dann nach Belgien auszuwandern, aus nicht bekannten Gründen aufgegeben wurde. Jedenfalls ist in den Akten keine Erwähnung von Schweiz und Belgien weiter zu finden. Diese Auswanderung hatte eher den Charakter einer Flucht, wenn es – später, viel später – hieß, es wurde nur das Nötigste mitgenommen, ein großer Teil des Wohnungs-Mobilars sei zurück gelassen worden. Aber für eine fluchtartige Ausreise gab es keinen Grund, der irgendwie bekannt wurde, sie wurden nicht verfolgt.
Die große Frage ist allerdings, warum eine Auswanderung nach Paris erfolgte, während doch alle anderen – wie wir noch sehen werden – nach England und USA auswanderten. Zwar lebte der jüngere Bruder von Margot Bernheimer in Paris, aber er konnte der Familie dort keine wirkliche Hilfe geben. Und in der Rückschau war die Auswanderung nach Frankreich für Erich und Margot Bernheimer letztlich der erste Schritt in den Tod, das konnten sie allerdings damals nicht wissen, nicht einmal erahnen.

Im September 1938 emigrierte Ernst Bernheimer mit Familie, Ehefrau Emmy und Kindern Gerhard (der sich später Gerald Bernett nannte) und Ruth, nach England. Im Oktober 1938 emigrierte Dr. Norbert Bernheimer mit Familie, Ehefrau Eva und Kindern Georg und David Wolfgang, in die USA. Ursprünglich war nur eine sechswöchige Reise zur Erkundung der Möglichkeiten in den USA vorgesehen, aber daraus wurde dann ein Daueraufenthalt. Er hätte nach dem „Arisierungs“-Vertrag noch bis 31. Dezember 1938 bleiben sollen und können, aber entweder wollte er nicht mehr oder die neue Firmenleitung brauchte ihn nicht mehr.
Am 28. Oktober 1938 reiste Dr. Artur Emsheimer ganz legal mit einem Visum in die Schweiz mit der Absicht, in der französischen Schweiz Französisch zu erlernen; unmittelbar nach den November-Pogromen gegen die Juden in Deutschland entschied er sich spontan, in der Schweiz zu bleiben und beantragte Asyl als Flüchtling.
Dr. Julius Vogel, der nach dem erwähnten Vertrag noch bis 30. Juni 1939 für die Firma arbeiten sollte, emigrierte mit Ehefrau Johanna am 29. Dezember 1938 nach England. Die vorzeitige Auswanderung war vermutlich seine Antwort darauf, dass er in der Pogrom-Nacht v. 9./10. November von SA-Leuten, die in seine Wohnung eindrangen, schwer misshandelt wurde: ihm wurden die oberen Zähne ausgeschlagen. Es gelang ihm noch sein Haus in der Beethovenstraße 5 zu verkaufen, allerdings nur zu einem Spottpreis – viele Juden verkauften zu dieser Zeit ihre Häuser im Zusammenhang mit einer Auswanderung, und so war der Markt für komfortable Villen wegen des Überangebots völlig am Boden.

Am 14. Februar 1939 emigrierte Leo Vogel, einer der beiden Inhaber der Kunstwoll- u. Baumwoll-Fabrik Vogel & Schnurmann, von der schon die Rede war, mit Familie, Ehefrau Erna Flora Maria und Kindern Werner und Marlies, nach England. Sein – unverheirateter - Bruder Willi Sally Vogel, der andere Inhaber der Firma, emigrierte am 26. April 1939 ebenfalls nach England. Zum gleichen Datum emigrierte auch Arthur Vogel, der dritte Bruder, in der Firma als Prokurist tätig, mit Familie, Ehefrau Klara und Kindern Hertha und Helmut, nach England.
Willi Sally Vogel war am 10. November 1938 zusammen mit fast 500 weiteren männlichen Karlsruher Juden in das Konzentrationslager Dachau (Häftlings-Nr. 20679) verbracht worden, erst am 6. Dezember 1938 wurde er von dort entlassen. Am 11. November 1938, also während seiner Haft wurde auch die Fa. Vogel & Schnurmann „arisiert“, für einen Betrag von 914 000 RM einschl. der Tochterfirma Fehrenbach & Co, Hadernsortieranstalt. Der neue Name der Firma war Oberrheinische Textilrohstoffwerke Heim, Huber & Co KG.
Dr. Norbert Bernheimer holte im März 1939 auch seine Schwiegereltern, Rudolf und Martha Oestereicher, die seit 1937 in Karlsruhe lebten, in die USA nach.
Die Ehefrau von Dr. Artur Emsheimer, Lotte, die Tochter von Dr. Julius Vogel, zog im Februar 1939 von Ettlingen mit ihren Kindern zu ihrem Cousin Willy Sally nach Karlsruhe und emigrierte dann mit ihm zusammen nach England.

Am 12. Oktober 1938 schrieb der Präsident der Rechtsanwaltskammer Karlsruhe an den Präsidenten des Oberlandesgerichtes und teilte ihm mit, Erich Bernheimer halte sich in Paris auf, mit einer Rückkehr sei nicht mehr zu rechnen und beantragte, diesem die Zulassung als Anwalt, die er noch immer hatte, zu entziehen. Dies geschah dann auch mit Schreiben v. 26. Oktober 1938 mit Wirkung zum 30. November 1938, wie für alle Rechtsanwälte, die ihre Zulassung noch hatten.

Erich, Margot und Robert Bernheimer im Exil, das Ende für Erich und Margot B.
Von dem wenigen Geld, das sie mit ins Exil nehmen konnten – der Sohn Robert gab im Wiedergutmachungsverfahren an, nur 2 % des in Karlsruhe vorhandenen Vermögens konnten die Eltern mitnehmen – kaufte Margot Bernheimer ein kleines Woll- und Damenmodegeschäft, von dessen Ertrag die Familie kärglich leben konnte. Sie wohnten zu dieser Zeit im 17. Pariser Arrond. in der Av. Brunetiere 35. Erich Bernheimer fand keinerlei Arbeit. Es ist anzunehmen, dass der Sohn Robert dort zur Schule ging.
Bei Kriegsausbruch im September 1939 kam Erich Bernheimer als feindlicher Ausländer, Juden wie Nichtjuden, in ein Internierungslager. Nähere Angaben zu diesem Lager konnten nicht gefunden werden. Nach dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich im
Juni 1940 wurde er aus der Internierung entlassen, er flüchtete – zu Fuß, Transportmöglichkeiten gab es nicht – in den unbesetzten Süden Frankreichs. Mit Gepäck war das eine ungeheure physische Strapaze für ihn. ‚Irgendwie’, die näheren Umstände wann, wie und durch wen, sind nicht bekannt, wurde ihm ein Zwangsaufenthalt in Moissac (Dept. Tarn et Garonne, ca. 30 km entfernt von Montanban) zugewiesen und er kam aufgrund seiner außerordentlich schlechten physischen und psychischen Verfassung in ein Altersasyl und starb dort ganz jämmerlich, ganz allein am 18. November 1942. Die Ehefrau konnte, da sie zu dieser Zeit im Versteck lebte, nicht in seiner schwersten Stunde bei ihm sein und auch sein Grab nicht besuchen.
1941 musste Margot Bernheimer ihre Tätigkeit zwangsweise aufgeben, die von der deutschen Besatzung erlassenen Bestimmungen erlaubten Juden keine Erwerbstätigkeit mehr. Im Juni 1942 flüchtete sie aus der Wohnung unter Hinterlassung aller Möbel und Einrichtungsgegenstände und versteckte sich in der Dachkammer von christlichen Bekannten in Neuilly s/S, Av. de Chateau 25, kärglichst ernährt, ohne Licht und Heizung, absolut menschenunwürdig, wie der Sohn nach dem Krieg schrieb. Am 10. Mai 1943 wurde sie in ihrem Versteck von der Gestapo verhaftet, irgend jemand hatte sie verraten; wer dieser ‚Jemand’ war, konnte nie festgestellt werden. Die Wohnung in Paris, die sie noch immer hatte, wurde von der Gestapo völlig ausgeräumt. Bis 31. Mai 1943 war sie in Gestapohaft, dann wurde sie nach Drancy, dem Sammellager bei Paris für die Deportationen nach Auschwitz gebracht. Am 23. Juni 1943 kam sie mit Transport Nr. 55 nach Auschwitz. Der Transport umfasste 1.018 Personen, davon 124 Kinder, 518 Personen wurden sofort nach Ankunft vergast, 283 Männer und 217 Frauen wurden an der Rampe zur Arbeit selektiert. Von diesem Transport haben 42 Männer und 44 Frauen überlebt, Margot Bernheimer war nicht darunter.
1941, das genaue Datum ist nicht mehr feststellbar, sollte sich der Sohn Robert bei einer deutschen militärischen Dienststelle in Paris zum Arbeitseinsatz melden. In der Nacht zuvor flüchtete er mit falschen Papieren bei Nacht und Nebel aus Paris in den Süden Frankreichs, ebenfalls zu Fuß in tagelangen Nachtmärschen, um nicht erkannt zu werden. Er kam unbehelligt bis an die spanische Grenze, wurde aber beim Grenzübergang von der spanischen Polizei festgenommen und kam für etwa 1 Jahr in verschiedene spanische Gefängnisse, zusammen mit Schwerverbrechern. Schließlich gelang es ihm nach Portugal zu kommen, nach Lissabon, wo der ältere Bruder der Mutter, Gaston Heinemann, zusammen mit seiner Mutter lebte, die nach dem Tod ihres Mannes 1934 zu ihrem Sohn nach Lissabon auswanderte, wo dieser damals als Leiter der deutschen Filiale der Firma AEG tätig war. Mit einem Affidavit seiner Onkels Dr. Norbert Bernheimer kam er Ende 1942 in die USA.

Krieg und Nachkrieg
Aus Platzgründen ist es nicht möglich, die Schicksale und Lebensverläufe aller oben erwähnten Personen nach ihrer Auswanderung im Exil zu beschreiben, teils auch deswegen, weil keine weiteren Informationen vorliegen. Ein besonders tragisches Schicksal muss jedoch erwähnt werden: Georg Bernheimer, der jüngere Sohn von Dr. Norbert und Eva Bernheimer. Er kam 1938 im Alter von 13 Jahren zusammen mit seinen Eltern und seinem älteren Bruder David Wolfgang in die USA. Dort besuchte er drei Jahre die High School, die er mit Auszeichnung abschloss. Danach studierte er zwei Semester in einem College, Fachrichtung Wasserbau. Danach wurde er zur Army einberufen. Nach einer ¾ jährigen Grundausbildung kam er zur weiteren Ausbildung als Brückenbau-Pionier nach Südfrankreich und wurde dort schon nach vierwöchigem Einsatz 1943 – das genaue Datum ist nicht aktenkundig – von deutschen Soldaten erschossen, aus dem Hinterhalt, wie es hieß. Er war gerade 18 Jahre alt.

Als der Krieg im September 1939 ausbrach, wurde das Werk Maxau in starkem Maße in Mitleidenschaft gezogen, weil von französischer Seite Artilleriebeschuss, ja sogar eine Invasion über den Rhein erwartet wurde: die Rheinbrücke wurde gesperrt, der Personenverkehr über den Rhein wurde eingestellt (wir erinnern: der größte Teil der Maxauer Belegschaft kam aus der Pfalz), die Schifffahrt auf dem Rhein wurde durch Versenken von Kähnen und Baggern unterbrochen, die Zufahrtstraßen und Wege zum Werk wurden durch Drahtverhaue gesperrt, die auf dem Werksgelände befindlichen Bunker des Westwalls wurden von der Wehrmacht besetzt, die umliegenden Ortschaften wurden geräumt, die Bevölkerung wurde nach Mainfranken, in die Oberpfalz und nach Hessen-Nassau evakuiert. Der größte Teil der Arbeiter und Angestellten kehrte aber bald ins Werk zurück, sobald die Angehörigen versorgt waren, und musste im Werksgelände untergebracht werden.
Das bei weitem größte Problem waren jedoch die fehlenden Arbeitskräfte, denn die Wehrdienstfähigen wurden eingezogen, der Einsatz von RAD-Arbeitsmännern, Kriegsgefangenen und später auch Zwangsarbeitern aus dem Elsaß, aus Holland und Belgien, aus Russland und der Ukraine, sogar aus Italien vermochte immer nur kurzfristig die Probleme zu lindern; sogar Schüler von Gymnasien wurden zeitweilig als Hilfskräfte eingesetzt. Dazu kamen natürlich Schwierigkeiten in der Rohstoffversorgung, insbes. mit Kohle und Holz – je länger der Krieg dauerte, umso mehr. Schwere Schäden verursachten die Luftangriffe v. 3. September 1942 und 6. Dezember 1942. Im Herbst 1944 wich die Wehrmacht auf den Westwall zurück, die Bunker am Rhein, also auch auf dem Werksgelände wurden wieder von der Wehrmacht besetzt, die Schifffahrt auf dem Rhein eingestellt. Wichtige Materialien wurden in das Werk Ettlingen verlagert. Am 17. Dezember 1944 wurde das Werk Maxau endgültig stillgelegt, Maxau wurde von französischer Artillerie von Lauterburg aus beschossen. Wenige Beschäftigte blieben für Brandschutz, Reparatur und Verladung der Zellstoffvorräte nach Ettlingen Am 13. Januar 1945 erfolgte ein ½-stündiger Bombenangriff auf die Rheinbrücke, das Werk Maxau wurde dabei fast vollständig zerstört, es blieb ein rauchender Trümmerhaufen. An einen Wiederaufbau glaubte damals kaum jemand, ein Behördenvertreter sprach von einem Friedhof.
Auch im Werk Ettlingen wurden alle brauchbaren Arbeitskräfte abgezogen, die Produktion sank mehr und mehr. Als im Frühjahr 1945 der Aufruf zum Volkssturm kam, kam auch das Werk Ettlingen zum Erliegen.
Mit dem Einmarsch der französischen Truppen wurde das Werk Ettlingen, das den Krieg im Wesentlichen unbeschädigt überstanden hatte, monatelang von den Truppen besetzt. Diese requirierten beinahe alles, was nicht „niet- und nagelfest“ war, auch die Papiervorräte. Nach Freigabe durch die Besatzungsverwaltung begannen die Aufräumungsarbeiten. Auch für das Werk Maxau wurde im Juli 1945 von der französischen Militärverwaltung die Genehmigung zum Wiederaufbau erteilt. Während in Ettlingen bereits im Oktober 1945 der Betrieb mit einer Maschine wieder in Gang kam, gelang es in Maxau erst ein Jahr später unter immensen Schwierigkeiten, den Betrieb in kleinem Umfang wieder aufzunehmen. Bis Herbst 1949 kam der Wiederaufbau unter gewaltigen Anstrengungen aller zum Abschluss.

Im Restitutionsverfahren einigten sich die neuen Eigentümer 1948 mit den alten Eigentümern (vor der „Arisierung“) dahingehend, dass die alten Eigentümer – das waren Dr. Julius Vogel, Ernst Bernheimer und Dr. Norbert Bernheimer – 50 % ihrer seinerzeit zwangsweise abgegebenen Aktien zurück erhielten. Dr. Norbert Bernheimer wurde – nach seiner Rückkehr aus den USA, er wohnte anfangs in Karlsruhe in der Eisenlohrstraße 18, ab Mitte 1950 in Ettlingen in der Bodelschwinghstraße 2 – am 5. Mai 1949 vom Aufsichtsrat, dem seit 14. Mai 1949 auch Dr. Julius Vogel angehörte, als drittes Vorstandsmitglied bestellt. Dieses Amt übte er bis 31. März 1952 aus, zu diesem Zeitpunkt wurde er aus gesundheitlichen Gründen pensioniert und ging zurück in die USA. Am 17. Dezember 1958 verstarb er dort.
Im November 1953 wurde das 75-jährige Jubiläum der Firma Ettlingen-Maxau groß gefeiert. Über 1.100 Beschäftigte hatte die Firma zu diesem Zeitpunkt.
Die Presse berichtete tagelang davon in allen Einzelheiten. Die Firma hatte bereits wieder eine größere Leistungsfähigkeit als je zuvor. Alles was Rang und Namen hatte, nahm an den Feierlichkeiten in der Stadthalle in Karlsruhe mit der gesamten Belegschaft mit Ehepartnern teil; 2.200 Teilnehmer wurden mit einem Sonderzug und vielen Bussen nach Karlsruhe gebracht. Tags darauf wurden die „VIP“s, wie wir heute sagen würden, zum festlichen Dinner in den Erbprinz in Ettlingen geladen.
OB Klotz und Bürgermeister Dr. Gutenkunst aus Karlsruhe, Bürgermeister Rimmelspacher aus Ettlingen, Landrat Weiß aus Germersheim, Landrat Groß aus Karlsruhe, Vertreter des Regierungspräsidiums, der IHK, des Arbeitsamtes, der TH Karlsruhe, Bundestagsabgeordnete, auch die Betriebsratsvorsitzenden der Werke Ettlingen, Schepka, und Maxau, Engel; natürlich auch die Vorstands- und Aufsichtsratsmitglieder, alle hielten eindrucksvolle Reden, aber nicht einer (!) erwähnte, dass die Gründer der Firma Juden waren ohne die es z.B. das Werk Maxau nicht gegeben hätte, und die defacto-Enteignung der Firma durch die Nazis und ihre Vertreibung der Gründer-Söhne und ihrer Familien aus Deutschland. Auch der betagte Dr. Julius Vogel (79 Jahre) sowie Ernst Bernheimer waren aus England mit ihren Ehefrauen gekommen, um an der Feier teilzunehmen. Auch diese Herren erwähnten von ihrer Enteignung und Vertreibung nichts, offensichtlich wollten sie keine alten Ressentiments wecken, die es zu jener Zeit noch sehr viel gab, weit mehr als heute.
Die weitere Geschichte der Firma Ettlingen-Maxau AG: 1964 übernimmt die Firma Holtzmann das Werk Maxau, 1968 erfolgt eine Trennung der Werke Ettlingen und Maxau, Ettlingen hieß nunmehr Holtzmann Dekor GmbH & Co KG Ettlingen, 1995 wird die WAZ Mehrheitsaktionär von Holtzmann, 1997 wird Holtzmann Dekor Ettlingen an die Fa. August Koehler AG in Oberkirch verkauft und erhält den Namen Koehler Dekor Ettlingen, im gleichen Jahr wird Holtzmann durch die Firma Enso übernommen, 1998 erfolgt eine Fusion von Enso mit der Firma Stora zur Firma Stora Enso Maxau AG (1999 Umwandlung in eine KG, 2005 in eine GmbH), das Werk Maxau ist heute einer der größten Hersteller von Zeitungspapier und Papieren für Magazine u.ä. in Deutschland.


Nachzutragen ist: Ernst Bernheimer starb am 11. Juli 1960 in England, er wurde 75 Jahre. Dr. Julius Vogel starb am 20. August 1960, also nur fünf Wochen später, im Alter von 86 Jahren in London. Seine Ehefrau Johanna starb 1980, ebenfalls in London. Es gelang Julius Vogel, dies sei noch erwähnt, sein 1938 für einen Spottpreis verkauftes Haus in der Beethovenstraße 5 in Karlsruhe von den damaligen Käufern zurück zu bekommen, er verkaufte es später.
Willi Sally Vogel starb am 4. Dezember 1956 in Zürich. Auch ihm gelang es durch Vergleiche 1953 und 1956 im Restitutionsverfahren mit den Eigentümern, die 1938 zwangsweise verkaufte Firma zurück zu bekommen.

Dr. Artur Emsheimer starb am 2. April 1991 in Zürich, hoch geehrt durch eine Ehrendoktorwürde der Rechts- u. Staatswissenschaftlichen Fakultät der Universität Zürich am 1. November 1978 und durch Verleihung des Großen Verdienstkreuzes der Bundesrepublik Deutschland 1980 für seine Leistungen als Leiter der Schweizer Zentralstelle für Flüchtlingshilfe. Seine Eltern wurden 1940 nach Gurs deportiert, sein Vater starb am 7. September 1941 im Lager Récébédou, seine Mutter wurde mit Transport Nr. 75 am 30. Mai 1944 von Drancy nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.

Die Informationen zur Familie Hirschberg sind äußerst dürftig. Festgestellt werden konnte, dass die Familie zuletzt in Frankfurt a.M. in der Schumannstraße 8 lebte, die Anwalts- und Notarkanzlei in der Neuen Mainzer Straße 25 wurde zum 28. Juni 1933 geschlossen, vermutlich weil Dr. Hugo Hirschberg die Anwaltszulassung entzogen wurde, obwohl er Kriegsdienst im Weltkrieg geleistet hatte. Die Familie emigrierte am 9. November 1933 nach Holland und nahm Wohnsitz in Amsterdam. Hugo Hirschberg starb 19. Juni 1940 in Holland. Für die folgenden Jahre gibt es keinerlei Informationen über die Witwe Hirschberg und ihre Tochter Eva.
Das Jüdische Museum in Amsterdam vermerkt auf seiner Internetseite, dass Fanny Hirschberg 1941 in Amsterdam in der Hunzenstraße 12 wohnte, am 8. Februar 1944 wurde sie vom Sammellager Westerbork nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Die Tochter Eva wurde am 26. November 1943 in das Lager Westerbork verbracht und ebenfalls am 8. Februar 1944 nach Auschwitz deportiert und kam dort um. So ist zum Schluss festzustellen, dass Fanny Hirschberg und ihre Tochter Eva praktisch keine Spur hinterlassen haben. Sie teilen damit das Schicksal so vieler ungezählter anderer Juden, die der Mordmaschinerie der Nazis zum Opfer fielen.

(Wolfgang Strauß, Juli 2007)