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Faiga Meer mit ihrem Neffen, um 1938

Personendaten

Fejga Serla Meer (Faiga, Fanny Feige Meir, Meyer)

Nachname: Meer
abweichender Nachname: Meir, Meyer
geborene: Oliwek
Vorname: Fejga Serla
abweichender Vorname: Faiga, Fanny Feige
Geburtsdatum: 10. September 1894
Geburtsort: Ostrowo (Deutschland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Zawel Leib M.;

Mutter von Bertha Paula Gutmann, geb. D.
Adresse: Kronenstr. 39
Kaiserstr. 37
Deportation: 1939 Abschiebung nach Polen (Polen)
später im Ghetto Warschau (Polen)
Sterbeort: Warschau (Polen)
Ghetto, seit Mai 1943 vermisst

Biographie

Zawel und Faiga Meer

Das Schicksal der Familie Meer
„…so dass mein Leben als Frau im Alter von knapp 33 Jahren ein Ende nahm“,
schreibt Berta Gutmann, geborene Meer im Alter von knapp 60 Jahren.

Bertas Eltern, Zawel Leib und Faiga Serla Meer stammten aus Ostrowo, aus der Provinz Posen im preußischen Teil Polens. Sie waren Juden polnischer Herkunft. Zu der Zeit der Geburt ihrer Tochter Berta Paula im Jahre 1909 lebten ihre Eltern bereits ein Jahr in Straßburg, das damals als Reichsland Elsass-Lothringen zum Deutschen Reich gehörte. Für ihre Auswanderung aus Preußisch-Polen sind armselige Verhältnisse und schlechte Verdienstmöglichkeiten anzunehmen. Genaue Beweggründe allerdings ließen sich nicht mehr rekonstruieren. Über das Leben in Ostrowo und die Familienverhältnisse ist außer den Namen und dem Beruf der Eltern von Zawel und Faiga nichts Weiteres bekannt.

Offensichtlich wurde der Name Meer jiddisch, Me-jer, ausgesprochen und Zawel Meer schrieb sich häufig Meyer, doch für die Behörden galt allein Meer. Der Name stammt wohl vom hebräischen me’ ir ab, was leuchtend brillant bedeutet.

Im Jahre 1912 heirateten Zawel und Faiga in Straßburg standesamtlich, da die religiöse Trauung allein vor dem Gesetz nicht galt. Zwei Jahre später, am 25. August 1914, zogen sie mit ihrer Tochter nach Karlsruhe, unmittelbar nach Beginn des Ersten Weltkriegs und der am 3. August erfolgten Kriegserklärung Deutschlands an Frankreich. Hier war die dreiköpfige Familie zunächst in Sicherheit. Sie wohnte in der Kronenstraße 30. Zawel, der einmal Lederzuschneider gelernt hatte und danach kaufmännisch tätig war, arbeitete auch hier als Händler. Ein nichtjüdischer Nachbar bezeichnete ihn später als einen „anständige[n] Mensch[en]“, den er „schätzte“.

Mit sieben Jahren ging Berta in die Schillerschule. Nach drei Jahren wechselte sie auf die Höhere Mädchenschule. Etwa zu diesem Zeitpunkt kamen ihr Cousin Leon und ihre Cousine Paula aus Polen nach Karlsruhe, da sie zu Waisen geworden waren. Dies geht aus einem Brief des Cousins, der seit 1969 in Israel lebt, hervor, den er uns dankenswerter Weise auf Anfrage zugesandt hat. „Meine Verwandtschaft mit Meer,“, so schreibt er, „ich bin Neffe von Zawel Meer. Meine Eltern sind in Polen 1918/1919 ermordet worden, deshalb als Waise hat mich Zawel Meer aufgezogen.“ Die Umstände der Ermordung sind unklar. Tatsächlich gab es 1918 und 1919 zu Beginn des Wiederaufbaus eines polnischen Staats zahlreiche Gewalttaten mit teils antisemitischem Hintergrund, bei denen viele Juden zu Tode kamen. Berta Meer und die Cousine Paula verstanden sich aber nicht, so dass Mutter Faiga im Jahre 1925 dafür sorgte, dass die Cousine bei der Verwandtschaft in Polen untergebracht wurde.
1922 erwarb sich die Familie Meer ein eigenes Grundstück mit einem einfachen, zweistöckigen Wohnhaus in der Kaiserstraße 37. Das Haus steht heute nicht mehr, es wurde 1944 total zerstört. Im Erdgeschoss führte das Ehepaar gemeinsam ein kleines An- und Verkaufsgeschäft vor allem von Kleidungsstücken, sowohl alten wie neuen. Faiga Meer selbst hatte einmal das Friseurhandwerk gelernt. Die Familie wohnte ebenfalls im Erdgeschoss. Die übrigen vier Wohnungen im Haus und Hinterhof waren vermietet. Die Familie Meer erstrebte einen gut bürgerlichen Stand. So hatte sie auch zeitweise ein Dienstmädchen, wie es gehobene und auch kleinbürgerliche Haushalte zu dieser Zeit pflegten.
Im Nachhinein bescheinigten verschiedene Zeugen „geordnete bürgerliche Verhältnisse“ und auch ein „großer, aber nicht angehäufter Wohlstand“ wurde dabei angegeben. So sagte später beispielsweise eine nichtjüdische Nachbarin, „ich glaube, dass die Meers wohlhabende Leute waren“ und ein weiterer Zeuge meinte, „dass der Verlust noch erheblich höher war“ als die geringe Summe an Entschädigungsgeldern in Folge der Wiedergutmachung lange nach den Ereignissen.
Jedenfalls konnten die Meers eine zeitlang vor 1933 sogar einen Angestellten beschäftigen, einen nichtjüdischen Abänderungsschneider, der noch angab, dass in dem Geschäft neben Kleidungsstücken auch „sonstige Sachen wie Fotoapparate, Ferngläser, Uhren, Schmuck und Küchengeräte“ verkauft wurden.
Das Geschäft scheint einige Jahre ohne größere Probleme gelaufen zu sein, der Bedarf nach Gebrauchtwaren war in der Zeit der problematischen Wirtschaftsverhältnisse ein großer, bis im Januar 1929 ein Konkursverfahren über das Vermögen geführt wurde, was jedoch ca. ein Jahr später wieder eingestellt wurde. Die Umstände sind unklar, liegen vielleicht in Kreditproblemen der Wirtschaftskrisenzeit begründet.

In der Zwischenzeit erfolgten weitere Schulwechsel für Berta. Nach drei Jahren auf der Fichte-Mädchenoberschule ging sie auf das Lessinggymnasium, zu Beginn 1893 das erste Mädchengymnasium in Deutschland. „Dass es gelegentlich auch schon vor 1933 Schikanen gegenüber jüdischen Schülern gab“, weiß Elisabeth Lunau-Marum zu berichten. Ihre jüdische Mitschülerin Berta Meer, Tochter eines Ostjuden, der in der Kaiserstraße 37 nahe der Kronenstraße ein An- und Verkaufsgeschäft hatte, sei vom Lateinlehrer am Lessing-Gymnasium „scheußlich behandelt“ worden.“ Vielleicht auch aus diesen Gründen wechselte Berta 1924/25 auf das Gymnasium nach Heidelberg und wohnte dort zeitweise im Mädchenpensionat Schwester Seligmann. Mit der Unterprima (12. Klasse) ging sie gar nach Berlin auf die höhere Schule und wohnte im Mädchenpensionat in der Haberlandstraße. Ihr Ziel war das Studium der Medizin. Ob sie dann tatsächlich das Abitur ablegen konnte, ist nicht bekannt, aber anzunehmen.

Unterdessen hatten Zawel und Faiga Meer die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. Im Antrag beim zuständigen Polizeipräsidium am 24. August 1927 schrieb Zawel Meer, „in den badischen Staatsverband bitte ich, mich nebst meiner Familie (Frau und Tochter) aufnehmen zu wollen.“ In dem nun folgenden Vorgang wurde von Seiten der Polizei gemeldet: „Gesuchssteller ist in der Lage sich und die seinigen durch redlichen Erwerb, ohne Inanspruchnahme von öffentlichen Mitteln zu ernähren…Die Einbürgerung wird beantragt, weil er an Polen keine Interessen mehr hat und weil seine Tochter an deutschen Universitäten studieren will. Die Einbürgerung wird nicht beantragt, um lediglich private Interessen zu erreichen, sondern aus oben erwähnten Gründen…Nach dem bisherigen Auftreten des Meer ist eine staatsfeindliche oder die wirtschaftlichen Interessen des Landes gefährdende Haltung nicht zu erwarten, sodass mit der Einbürgerung keine Steigerung der politischen Gefahren für das Reich oder die Länder zu befürchten ist…“. In dieser Meldung sind alle zum damaligen Zeitpunkt erforderlichen Kriterien zur Erlangung der deutschen Staatsbürgerschaft enthalten.
Dennoch wurde der Antrag drei Monate später mit folgender, widersprüchlichen Begründung gegenüber dem Polizeipräsidium abgewiesen: „Der Stadtrat hat gegen die Einbürgerung des Antragstellers Bedenken, da Zweifel an dessen Zahlungsfähigkeit bestehen; Meer zahlt seine Steuern entweder nicht oder erst nach Betreibung.“ Die dahinter stehende Befürchtung war wohl, dass ein nicht so vermögender Jude osteuropäischer Herkunft die deutsche Staatsbürgerschaft bekam. Gegenüber osteuropäischen Juden wurde während der Weimarer Republik die Einbürgerung äußerst restriktiv gehalten.
Zawel Meer allerdings bekam diesen Grund nicht zu Händen, stattdessen einen allgemein gehaltenen Ablehnungsbescheid ohne Begründung.

Berta Meer konnte ihre großen Pläne nicht umsetzen. Im Alter von 19 Jahren verlobte sie sich in Berlin mit dem im Jahre 1905 geborenen Adolf Goldmark, seine Eltern waren gleichfalls osteuropäischer Herkunft, und kurz darauf, im Dezember 1928, heiraten die beiden in Berlin. Da die Trauung nicht, wie zu erwarten gewesen wäre, in Karlsruhe als Wohnort der Brauteltern stattfand, lässt sich annehmen, dass die Eheschließung vielleicht nicht mit der Zustimmung der Eltern von Berta stattfand. Doch letztlich bleibt dies eine Vermutung. Nach zwei Fehlgeburten kam am 21. Mai 1931 in Karlsruhe der Sohn Erwin Elias Goldmark zur Welt. Bereits im September desselben Jahres trennte sich Berta von ihrem Mann.
Nach der Scheidung kehrte Berta mit ihrem Sohn wieder ins Elternhaus nach Karlsruhe zurück und arbeitete schließlich von 1932 bis Ende 1934 als „Propagandistin“, als Vermarkterin neuer Produkte, in verschiedenen Warenhäusern in ganz unterschiedlichen deutschen Großstädten. Sie kam unter anderem für jeweils kurze Zeit nach Dresden, Mainz, Essen, Braunschweig, Karlsruhe, Mannheim, Nürnberg und musste dort eine Unterkunft nehmen. Ihr Sohn wuchs unterdessen bei ihren Eltern auf. 1934 allerdings wurde sie in Mannheim aufgrund ihrer jüdischen Herkunft entlassen. Bis Weihnachten 1934 arbeitete sie dann dort im jüdischen Kaufhaus Schmoller, danach fand sie keinen Arbeitsplatz mehr.
Der kleine Sohn empfand als Kind, immer zwei Mütter zu haben, die Mutter und die Großmutter; den Großvater Zawel liebte er innig.
Die Situation der Juden in Deutschland hatte sich zusehends verschlechtert seit der Machtergreifung durch Adolf Hitler und die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933. In den folgenden Jahren wurde die Situation für die jüdischen Familien im ganzen Deutschen Reich immer schwieriger und gefährlicher. Auch Familie Meer bekam dies unter anderem finanziell zu spüren. So verringerte sich das Einkommen auf ein Drittel, von anfänglich 6.000 RM im Jahr 1931 auf 2.000 RM im Jahr 1938 – das bedeutete ein Armutsdasein.

Nach 1933 musste die Familie die einschüchternde SA-Kampagne „Kauft nicht bei Juden“ erleben. Als Leon eines Tages das SA-Schild, das das Geschäft in der Kaiserstraße als jüdisches denunzierte, entfernte, wurde er von einem Trupp SA-Männern geschlagen. Noch vor der Reichspogromnacht im November 1938 fand in ganz Deutschland eine „Säuberungsaktion“ statt: Jüdische Männer polnischer Herkunft – unabhängig davon, wie lange sie schon in Deutschland lebten oder dass ihnen die erlangte deutsche Staatsbürgerschaft in einem Akt des Unrechtsstaates aberkannt wurde - wurden nach Polen ausgewiesen. Auf der Transportliste des 28. Oktober 1938 ist auch der Name Zawel Leib Meers zu finden. Zunächst wurde er im Gefängnis inhaftiert und von dort zusammen mit anderen in einem Lkw zum Bahnhof verfrachtet, dies war das letzte Mal, das ihn der Enkel Elias Erwin sah. Zawel Meer wurde zusammen mit vielen anderen polnischen Juden über die Grenzstelle Neu-Benschen nach Polen abtransportiert. Am 29. Oktober ist sein Name nochmals im Lager Benschen verzeichnet. Dort blieben tausende jüdische Menschen über Monate interniert, da die polnische Regierung die Einreise nach Polen verweigerte und die nationalsozialistische Regierung die Rückkehr nicht erlaubte. Darüber kam es zu internationalen diplomatischen Verwicklungen. Nach und nach reisten die deportierten Juden nach Polen, oftmals zu ihren Herkunftsorten oder zu nahen Verwandten. Zawel Meer kam nach Warschau, jedenfalls befand er sich nach dem deutschen Überfall auf Polen in dem im Herbst 1940 eigens für Juden eingerichteten Warschauer Ghetto. Von dort aus erreichte seine Tochter Berta noch im Juli 1942 eine Nachricht. Es blieb das letzte Lebenszeichen von ihrem Vater. Über sein weiteres Schicksal ist nichts mehr bekannt. Ob er noch bis zum 16. Mai 1943 angesichts des grassierenden Hungers im Ghetto überlebte, ist nicht mehr festzustellen. An diesem Tag wurde das Warschauer Ghetto „liquidiert“, das heißt, alle noch Lebenden wurden in die Vernichtungslager nach Auschwitz oder Majdanek gebracht. Ein Arbeitseinsatz Zawels in diesen KZs ist angesichts seines Alters nicht anzunehmen.

Faiga ist ab Juni 1939 auf einer Liste in Polen zu finden. Im Mai 1939 war sie mittlerweile mittellos gezwungenermaßen ihrem Mann nach Polen gefolgt. Bis dahin hatte sie also ohne ihren Mann noch in Karlsruhe gelebt. Das Geschäft führte sie bis Ende 1938 weiter. Vom 16. September 1938 ist eine Anfrage des Polizeipräsidiums Karlsruhe beim Finanz- und Wirtschaftsminister erhalten, ob das Geschäft auf die Ehefrau übergehen könne. Doch zum Jahresende 1938 wurde das Geschäft mit der zwangsweisen Arisierung ohnehin aufgelöst.
In der Reichspogromnacht des 9./10. November 1938 waren Geschäft und Wohnung demoliert worden, Möbel und Ware zu Schaden gekommen. Ein Nachbar beschrieb nachträglich ziemlich genau, dass „3 Männer in die Wohnung eindrangen. Zu diesem Zeitpunkt war nur noch Frau Meer anwesend…An den Vorfall kann ich mich deshalb noch so gut erinnern, weil die 3 Männer erst an meine Türe gekommen waren und ein kleines Fenster eingeschlagen hatten. Als ich dann an der Türe erschienen war, wurde ich nach der Wohnung der ‚Juden’ gefragt. Daraufhin haben sie die Türe zu deren Wohnung eingeschlagen. Was dann in der Wohnung geschehen ist, kann ich nicht sagen. Aus dem Lärm war jedoch zu entnehmen, dass die Wohnungseinrichtung zertrümmert und wahrscheinlich Frau Meer geschlagen wurde. Weil ich Frau Meer nicht mochte, habe ich mich nicht weiter um die Sache gekümmert.“
Dem siebenjährigen Enkel Erwin Elias hat sich dieses Erlebnis in seine Erinnerung eingebrannt. Drei Männer mit Waffen waren in die Wohnung eingedrungen, einer hatte noch den Hammer in der Hand, mit der er die Wohnungstür eingeschlagen hatte. Sie zerschlugen die Einrichtung. Als sie im Wohnzimmer im Begriff waren, eine Glasvitrine zu zerschlagen, und die Großmutter, die die ganze Zeit ihren Enkel an sich gedrückt hielt, einen der Männer flehentlich ansah, ließen sie ab und verließen die zerstörte Wohnung.

Zawel und Faiga kamen im Holocaust um. Sie fanden den Tod vermutlich in einem der Vernichtungslager. Über den Zeitpunkt des Todes ist nichts bekannt, sie gelten offiziell als verschollen. Wie bei vielen anderen ermordeten Juden ist im Nachhinein das Jahr 1945 angegeben worden.

Der weitere Lebensweg von Berta und Max Gutmann und dem Sohn Elias Erwin Goldmark
Berta heiratete am 6. November 1939 den dreizehn Jahre älteren Karlsruher Max Gutmann, den sie im Jahr davor kennen gelernt hatte. Allzu viel ist über ihn nicht bekannt. Von 1902 bis 1910 hatte er die erweiterte Volksschule in Karlsruhe besuchte, das heißt, er nahm am Zusatzangebot Englisch teil, den die Eltern Nathan und Ernestine Gutmann, geborene Hess selbst bezahlten. Danach ging er drei Jahre auf die Handelsschule in Karlsruhe und erlernte den Beruf des Kaufmanns, den er später auch selbstständig ausübte. Max Gutmann wurde im Ersten Weltkrieg eingezogen und dabei als Frontsoldat zu 60 Prozent kriegsversehrt.
Als Berta ihn kennen lernte, führte er einen Kleinbetrieb mit Rohprodukten ohne Angestellte. Er wohnte in einer 2-Zimmerwohnung in der Sophienstraße 64, die Eltern hatten in der Bürgerstraße 15 eine 3-Zimmer Wohnung.
Berta und Max Gutmann wurden beide am 22. Oktober 1940 nach Gurs transportiert. Auf drei Tage später ist die Ankunft dort datiert. Die Monate, die sie dort verbringen mussten, beschrieb Berta Gutmann später mit folgenden Worten: „50 – 60 Frauen in Holzbaracken ohne Fenster, schlafen auf der Erde, später auf Strohsäcken mit 2 dünnen Decken, Regen durchs Dach“.
Vom 27. Februar bis 16. Juni 1941 waren sie im Lager Noè, ebenfalls in Südfrankreich. Berta kam danach bis zum 25. Oktober 1941 ins „Hotel Terminus des Ports“ in Marseille, einem der zentralen Frauenunterkünfte für eine eventuelle Emigration. Das Ehepaar versuchte also wie tausende andere noch verzweifelt, eine der letzten Möglichkeiten zur Emigrationsflucht aus Südfrankreich zu finden.
Währenddessen befand sich Max Gutmann getrennt bis August 1942, bis zu dessen Auflösung, im Lager Les Milles bei Marseille, ebenfalls ein besonderes Lager für diejenigen, die zu emigrieren versuchten. Durch äußerst glückliche Umstände gelang dem Ehepaar die Flucht. Max Gutmann schreibt später über die dramatischen Umstände in einem nüchternen Satz an das Landesamt für Wiedergutmachung: „Als die Polizei uns zur Deportierung dort holen wollte, ist es uns geglückt zu fliehen und wir begaben uns in die Schweiz.“

Berta Gutmann war während der Lagerhaft durch die Bedingungen mehrere Male erkrankt. Durch Unterernährung - Dysenterie - verlor sie 17 kg an Gewicht. Im März 1942 erkrankte sie an einer Bauchfellentzündung und wurde bewusstlos mit Fieber durch die französische „Police Secours“ in das Stadtkrankenhaus „Hospital de la Conception“ von Marseille eingeliefert. Sie wurde operiert, dabei ihre Gebärmutter entfernt, „so dass mein Leben als Frau im Alter von knapp 33 Jahren ein Ende nahm“, wie sie über zwei Jahrzehnte danach beim Antrag auf „Wiedergutmachung“ schrieb. „Infolge der Operation bin ich sehr dick geworden. [Mein] seelisches Gleichgewicht war sehr erschüttert und ich litt sehr unter meinen Nerven. Durch diese Krankheit verlor ich fast alle Oberzähne und musste ein Gebiss haben.“
Erschütternde und erschreckende Worte, die mich verstummen lassen (Mirjam Hermann).

Sie hatte in ihrem weiteren Leben mit den Auswirkungen dieser Krankheiten und den Erlebnissen physisch und psychisch zu kämpfen. Sie litt unter „Reizbarkeit“ und „Melancholie“ und unter weiteren schweren Erkrankungen. Dennoch gab sie nicht auf. Im Rahmen der „Wiedergutmachung“ in der jungen Bundesrepublik Deutschland stellte sie Anträge für sich und für ihre ermordeten Eltern. Es begann ein harter Kampf um „Wiedergutmachungszahlungen“, der sich über etliche Jahre unter teils entwürdigenden Umständen hinzog. Inzwischen waren sie und ihr Ehemann nach Kriegsende aus der Schweiz nach Frankreich zurückgekehrt und lebten in Marseille.
Nach endlosem Hin und Her, zahlreichen Klagen und Abweisungen, wurde der Antrag auf Wiedergutmachung schließlich doch anerkannt. Sie erhielt eine geringe Entschädigungssumme und ab 1966 wurde ihr rückwirkend eine monatliche Rente von 100 DM ausgezahlt.
Am 21. November 1971 starb Berta Gutmann im Alter von erst 62 Jahren.

Über das Schicksal von Erwin Elias Goldmark, dem Sohn von Berta und Adolf Goldmark, war anfangs gar nichts Weiteres bekannt. Durch die Nachforschung ließ sich sein Schicksal feststellen. Er lebt heute in Israel.
Mit 6 Jahren musste er die Jüdische Schule in Karlsruhe besuchen. Er wuchs bei seinen Großeltern auf. 1939, während der zweiten Klasse und vor der Ausweisung der Großmutter Faiga, flüchteten Bekannte seiner Mutter mit ihm nach Straßburg. Durch einen Verwandten wurde er in einem jüdischen Waisenhaus im elsässischen Hagenau untergebracht, bis kurz nach Kriegsbeginn. Von dort kam er nach Trelissac bei Périgueux, in der Dordogne und später in ein Waisenhaus nach Bergerac. 1941 sah er dabei zum ersten Mal während eines Besuches in Marseille – noch von dem Waisenhaus aus - seine Mutter nach drei Jahren wieder. Bertha und Max Gutmann hatten sich zur Flucht in die Schweiz entschlossen, meinten, den zwölfjährigen Erwin Elias dieser Gefahr nicht aussetzen zu können und dass er eher im französischen Kinderheim sicher wäre.
Im April 1943 gelang ihm als Elfjähriger wohl über das aufgebaute Fluchthelfernetz die Flucht in die Schweiz, wo seine Mutter, die – wie er erst dort erfuhr - ein zweites Mal geheiratet hatte, und Max Gutmann inzwischen angekommen waren. Während Erwin Elias bei einer katholischen Familie Unterschlupf fand, waren die Eltern - Erwin Elias sah nun auch seinen „Stiefvater“ als ein Elternteil an - in Flüchtlingslagern in Genf und dann in Finhaut, Valais.
Nach dem Kriegsende kehrte er mit seiner Mutter und seinem Stiefvater Max Gutmann nach Frankreich zurück. Dort fand er 1945-1946 Aufnahme in einem Kinderheim des französischen Kinderhilfswerkes OSE, wo er einen Lehrgang in Radiotechnik erhielt, als Vorbereitung zur Alijah – zur Einwanderung nach Palästina/Israel.
1946 bis 1949 wohnte er in Marseille. Dort war er bei einer Firma „Ets ‘Elles‘“ (Radio, Radaranlagen) vom 10. Januar 1947 bis 26. März 1948 als Lehrling. Im Juli 1949 erfolgte im Alter von 18 Jahren seine Auswanderung über Marseille auf dem Schiff „Theodor Herzl“ nach Israel, wo er bis 1950 in den Kibbuzen Kissaria und Hulata lebte. Anschließend leistete er seinen Militärdienst für den jungen Staat Israel. Danach arbeitete er an verschiedenen Stellen als Radiotechniker, zuletzt bei der staatlichen Fluggesellschaft „El Al“.

Das dargestellte Leben der Familie Meer ist allein durch die jüdische Herkunft, den politischen Umständen zu Beginn und der Mitte des 20. Jahrhunderts geprägt. Diskriminierung, Deportation, Flucht und Konzentrationslager bestimmten den Alltag und ihr Leben.
„Wieder gut“ gemacht werden konnte das niemals mehr in der Bundesrepublik Deutschland durch die so genannte „Wiedergutmachung“ nach dem Bundesentschädigungsgesetz seit 1953.
Von „Wiedergutmachen“ kann auch hier niemals die Rede sein, aber vielleicht kann die Erinnerung an einzelne Schicksale dazu beitragen, sensibler und mit Zivilcourage für die Rechte und die Würde von Menschen einzutreten.

(Mirjam Hermann, 12. Klasse Bismarck-Gymnasium, Juni 2006)