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Von Marie Mayer und ihrem Ehemann David sind in den Karlsruher Archiven keine Fotos überliefert.

In "Der Führer", Ausgabe Karlsruhe vom 4.5.1941, wird die Versteigerung der Wohnungseinrichtung am folgenden 6. Mai zugunsten des NS-Staates angezeigt

Personendaten

Marie Mayer (Martha)

Nachname: Mayer
geborene: Maier; Mayer
Vorname: Marie
abweichender Vorname: Martha
Geburtsdatum: 9. Dezember 1863
Geburtsort: Müllheim/Lörrach (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Dr. David M. (25.7.1854-22.6.1931);

Mutter von Ernst (15.7.1882-19.1.1900) und Paul
Adresse: seit 1887: Amalienstr. 40
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 1. Oktober 1941
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Marie und Paul Mayer

Am Dienstag, dem 6. Mai 1941, wurden vormittags um 9 Uhr in der Amalienstraße 40, III. und IV. Stock in Karlsruhe der fast komplette Hausrat und die Wohnungseinrichtung der ehemaligen Besitzer öffentlich versteigert - gegen bare Zahlung. In der Anzeige der NS-Zeitung „Der Führer“ vom 4. Mai, die diese Versteigerung ankündigte, stand am Ende der Aufzählung der angebotenen Gegenstände: „ … 1 Überseekoffer“. Versteigert wurden an diesem Tag der Hausrat und fast alles Hab und Gut von Marie Mayer, der Witwe des Geheimen Oberregierungsrats Dr. David Hugo Mayer und ihres Sohnes Paul. Es war die Auflösung des Haushaltes und der endgültige Zerfall der gutbürgerlichen Existenz einer ehemals vermögenden und einflussreichen jüdischen Familie in Karlsruhe und im Land Baden.

Ursprung der Familie Mayer in Müllheim
Marie Mayer wurde am 9. Dezember 1863 in Müllheim im badischen Markgräfler Land geboren. Ihre Eltern waren der Bürger und Handelsmann Max Josef Maier (Mayer), Vorsitzender der dortigen Jüdischen Gemeinde, und seine aus Bretten stammende Frau Karoline (auch Ernestine oder Erasine), geborene Wais (auch Weiss). Marie wuchs als Einzelkind auf.1881 heiratete sie ihren ebenfalls aus Müllheim stammenden Cousin David Hugo Mayer. Über dessen Familie sind Informationen zu einem großen Teil durch seinen Neffen Hugo Marx überliefert (Hugo Marx: Werdegang eines jüdischen Staatsanwalts und Richters in Baden (1892 - 1933); ein soziologisch-politisches Zeitbild. Villingen 1965). Hugo Marx (1892-1979), der Sohn von David Hugo Mayers Schwester Frieda war bis zu seiner Flucht 1933 Staatsanwalt in Mannheim, seine Autobiographie zeichnet sich durch hohe analytische Präzision aus.
In Müllheim gab es im 19. Jahrhundert eine relativ große jüdische Gemeinde. Die ansässigen jüdischen Familien stammten meist entweder aus dem Elsass oder aus dem nahen Sulzburg, von wo sie seit dem 18. Jahrhundert zugewandert waren. Der Urgroßvater von David Hugo Mayer, Israel Mayer, war aus Sulzburg gekommen und ließ sich im oberen Teil der Stadt nieder, wo laut Marx die weniger begüterten jüdischen Familien wohnten. Zwischen den jüdischen Einwohnern der oberen Stadt und denen im unteren Teil bestanden Spannungen, die dazu führten, dass die Obermüllheimer den Untermüllheimern das conubium, die Eherechtsfähigkeit, verweigerten.
David Hugo Mayers Eltern waren der Weinhändler Jakob Mayer und Lea Mayer, geborene Mayer. Auch sie stammten aus Müllheim und auch diese beiden waren Cousin und Cousine. Sie bekamen vier Kinder: Zuerst die Tochter Marie, dann David Hugo Mayer am 25. Juli 1854 (vermerkt war er im Geburtsregister nur mit dem Vornamen David, zu einem nicht bachvollziehbaren Zeitpunkt wurde der weitere Vorname Hugo „hinzugefügt“), es folgte Emil, dann das Nesthäkchen Frieda. Der Weinhändler Jakob Mayer hatte seine kaufmännische Lehre in den 1840er Jahren im elsässisch-französischen Straßburg absolviert, was auf einen gewissen Wohlstand der Eltern aber auch auf ihre Aufgeschlossenheit hindeutet. In Straßburg versuchten damals die Bürger, wenn sie es sich leisten konnten, das mondäne Paris zu kopieren. Aus dieser Zeit blieb Mayer bis ins hohe Alter die besondere Sorgfalt für eine gepflegte Erscheinung. Dazu gehörte auch, dass er im Winter gerne Gamaschen über den Schuhen trug, wie sein Neffe Hugo Marx erzählt. Die Ausbildung seiner Kinder lag ihm sehr am Herzen, wie es schon seine Eltern gehalten hatten. Die Familie war sich wohl sehr über Bildung als Möglichkeit zum gesellschaftlichen Aufstieg bewusst und dies insbesondere in Verbindung mit der seit 1862 in Baden bestehenden gesetzlichen Judenemanzipation.

David Hugo Mayer, Spitzenbeamter und führender Repräsentant des Großherzoglichen Oberrats der Israeliten
David Hugo trat im Schuljahr 1864/1865 in die Eingangsklasse der damals fünfklassigen Großherzoglich Höheren Bürgerschule in Müllheim ein und machte als Klassenbester 1869 seinen Schulabschluss. Anschließend besuchte er das humanistische Gymnasium in Karlsruhe - das spätere Bismarckgymnasium - bis zum Abitur im Herbst 1872. Nach je drei Semestern Jurastudium an den Universitäten Heidelberg und Straßburg meldete er sich zur Prüfung an, da der Vater sich zu einem längeren Studium „sehr schwer anschicke“, d.h. schwer an den Kosten der Ausbildung trug. Vom Militärdienst war er zu diesem Zeitpunkt bereits wegen eines Augenleidens ausgemustert worden. Nach bestandener Prüfung vor dem Justizministerium 1875 begann er im badischen Staatsdienst als Rechtspraktikant, legte dazu den Treueeid auf den Großherzog ab. Die Ausbildungszeit als Rechtspraktikant brachte ihn zunächst in eine Aktuarsstelle beim Amtsgericht Emmendingen, anschließend kam er nach Konstanz zur Staatsanwaltschaft und zum Kreisgericht, 1877 wurde er zur Staatsanwaltschaft Waldshut versetzt. Nach der bestandenen zweiten juristischen Prüfung 1879 wurde der 24-jährige zum „Referendär“ ernannt. Anschließend arbeitete er quasi im Fernstudium an der juristischen Fakultät der Universität Jena an seiner Promotion, die 1881 abgeschlossen war.
Nach der Promotion heiratete David Hugo Mayer am 31. August 1881 in Müllheim seine ‚Jugendliebe’ Marie. Dabei setzte er sich anscheinend gegen die Vorbehalte der Eltern durch, die dies wegen des Verhältnisses als Cousin - Cousine anfangs nicht befürwortet hatten. Mittlerweile hatte er, vielleicht schon vor der Heirat, eine Wohnung in der Douglasstraße 32 bezogen.
Mayer erhielt eine Einstellung in das Badische Ministerium des Inneren, als „Sekretär“, quasi Abteilungsleiter. Eine Seltenheit, gelangten damals doch nur wenige Juden in Deutschland trotz der gesetzlichen Judenemanzipation in den Staatsdienst. In Baden ging es auch dank der Aufgeschlossenheit des Großherzogs etwas liberaler zu. Im gleichen Jahr nahm er in Karlsruhe seinen Wohnsitz. Im Adressbuch von 1879 lautet der Eintrag: David Hugo Mayer, Secretär, Zähringerstraße 112.
Sein beruflicher Aufstieg verlief einigermaßen glatt, aber unspektakulär. 1884 wurde er Assessor beim Großherzoglichen Verwaltungshof, am 20. September 1885 erfolgte die Ernennung zum Regierungsrat und 1899 zum Geheimen Regierungsrat. Am 30. Juli 1904 wurde er nach der Pensionierung seines Vorgängers Vorsitzender Rat des Verwaltungshofs als oberster Leiter, und 1906 zum Geheimen Oberregierungsrat befördert. In seiner Personalakte liest sich das so: „GH [Großherzog] habe geruht, [David Hugo Mayer] anlässlich der Feier seiner Goldenen Hochzeit im September 1906 zum Geheimen Oberregierungsrat zu ernennen.“ Dazwischen erhielt er das Ritterkreuz I. Klasse und das Kommandeurkreuz II. Klasse des Ordens vom Zähringer Löwen, das Ritterkreuz des Ordens Berthold des Ersten und die Friedrich-Luisen-Medaille.
David Hugo Mayers Karriere endete am Verwaltungshof. Am 26. Juli 1919 stellte Hugo Mayer das folgende Gesuch: „Ich bin gestern 65 Jahre alt geworden und dadurch veranlasst, meiner Zurruhesetzung nachzusuchen was hiermit geschieht.“ Ab dem 1. November 1919 wurde David Hugo Mayer zur Ruhe gesetzt.
Der Verwaltungshof war die Stiftungsaufsichts- und Rechnungsbehörde, welche nach seiner Pensionierung als eigenständiges Amt aufgelöst wurde. Dieses Amt dürfte für den motivierten und hochkultivierten Mann vielleicht nicht übermäßig interessant gewesen sein: Mayers Juristen-Kollege Leopold Friedberg bezeichnete den beruflichen Verlauf von David Hugo Mayers Karriere als auf den Verwaltungsbereich abgeschoben. Vielleicht traf das zu, es war jedenfalls kein Amt, in dem in besonderem Maße politische Entscheidungen angestoßen wurden und wahrscheinlich, dass ihn die Tätigkeit trotz leitender Position darin nicht ausfüllte. Aber so konnte er seine Kraft in ganz besonderem Maß seiner Arbeit im „Großherzoglichen Oberrat der Israeliten“ widmen.
Der Oberrat (heute: Oberrat der Israeliten Badens) war 1809 eingerichtet worden zur Leitung des jüdischen Lebens in Baden nach dem Judenedikt von 1809, das die Juden im Großherzogtum erstmals in Deutschland als Religionsgemeinschaft anerkannte. Über dieses Gremium konnte der Staat aber zugleich auf die Religionsgemeinschaft im staatskirchlichen Sinn einwirken, wie es bis zum Ende der Monarchie 1918 üblich war.
1883 hält Mayers Personalakte fest: „Seine Königliche Hoheit haben geruht…erledigte Stelle eines Mitglieds des Oberrates der Israeliten … Regierungsassessor David Hugo Mayer zu verleihen.“ So wurde David Hugo Mayer mit gerade einmal 29 Jahren in dieses Gremium von überwiegend honorigen Kaufleuten, Bankiers und Rechtsanwälten aus den großen Städten Karlsruhe, Mannheim und Freiburg berufen. Ganz sicherlich geschah dies von staatlicher Seite aus mit Bedacht, galt es doch einige Reformen in diesem „in die Jahre“ gekommenen Führungsorgan umzusetzen und die Auseinandersetzung zwischen „liberaler“, orthodoxer und konservativer Ausrichtungen im Judentum auszubalancieren.
David Hugo Mayer, sehr religiös, gleichzeitig mit „liberaler“ Ausrichtung und dem Gedanken der Assimilation verbunden, war zweifelsohne der ‚richtige Mann’ für diese schweren Aufgaben.
Er stieß nun grundsätzliche Änderungen und Reformen an. 1884 kam auf seine Anregung das Verordnungsblatt des Großherzoglich Badischen Oberrats der Israeliten heraus, das in einem nichtamtlichen Teil zu allgemein interessierenden jüdischen Themen Stellung nahm und dessen Redakteur er bis 1929 blieb. Etwa zeitgleich wurde unter seiner Leitung eine Sammlung der geltenden Gesetze und Verordnungen als Grundlage des badisch-israelitischen Kirchenrechts erstellt.1884 wurde das im Argen liegende Rechnungswesen der Gemeinden und Synagogen geordnet. Er arbeitete an einer neuen Synodalordnung federführend mit, die den Charakter einer teils bestimmten, teils gewählten Vertretung der Landessynagoge für alle ihre Belange erhielt, die auch zum Vorbild für die Organisation anderer jüdischer Religionsgemeinschaften in deutschen Ländern wurde. Die Synode wurde zum religiösen und kulturellen Mittelpunkt und ein erster Schritt zu demokratisch legitimierten Strukturen. Schließlich konnte er seine Vorstellungen für eine bessere Qualifizierung der jüdischen Lehrer realisieren. Nach einer neuen Verordnung vom 31. Oktober 1890 wurde die Berechtigung zum Erteilen von Religionsunterricht nun vom Ablegen einer Prüfung abhängig gemacht. David Hugo Mayer war ein markanter, geachteter Vertreter der religiös-liberalen Richtung. Doch als er um die Jahrhundertwende, auf dem Gebiet des Gottesdienstes eine Modernisierung, nämlich ein neues Gebetbuch in deutscher Sprache, einführen wollte, stieß er auf harten Widerstand, er hatte wohl die orthodoxen Kräfte in der Synode unter- oder überschätzt. Trotz seiner Enttäuschung sagte er damals: „Was bedeuten alle Verordnungen über Verwaltung der Gemeinden und Bezirkssynagogen, über Steuern und dergleichen, gegenüber den Ikre Emuna, gegenüber der Pflege des religiösen Lebens, auf die es doch schließlich allein ankommt. Was nützt uns der schönste, solideste Rahmen, wenn das Bild, das Meisterwerk immer mehr darin verblasst und abblättert?“ David Hugo Mayer war ein tief religiöser Mann, wie es bereits seine Vorfahren waren, doch auch bereit, althergebrachte Gewohnheiten und Formen zu überdenken und in eine neuere Zeit zu transportieren, um sie zeitgemäß zu leben - mit aller Ehrfurcht und in tiefem Glauben, wie es ihm seine Altvorderen vorgelebt hatten.
Nach seiner Pensionierung 1919 beendete David Hugo Mayer 1920 nach fast 37-jähriger Tätigkeit und als langjähriger Präsident des Oberrats der badischen Israeliten dieses Amt. Vielleicht auch deshalb, weil seine Vision der jüdischen Religion, gleichberechtigt eingebettet in die Kulturlandschaft dieses Deutschlands der 1920er Jahre, in liberaler und assimilierter Form für ihn mittlerweile nicht mehr vorstellbar oder realisierbar schien. Vielleicht auch im Zusammenhang des Umbruchs vom Großherzogtum zur badischen Republik, der nun auch im Oberrat und der Landessynode starke Umbrüche notwendig machte, was nur unter schwierigen Auseinandersetzungen möglich war. So konnten z.B. erstmals 1923 Frauen in die Synode gewählt werden, um der Verfassungswirklichkeit der neuen Demokratie zu entsprechen. Auch sei, nach Hugo Marx, David Hugo Mayers Kampfgeist in dieser Zeit bereits gebrochen gewesen, wie bereits zuvor im Berufsleben. Er gestand ein, so Marx, dass er in seinem Assimilationsbestreben für das Judentum zu weit gegangen sei. Seine orthodoxen Gegner seien übermächtig geworden.
Möglicherweise unter dem Einfluss seines Sohnes Paul wurde David Hugo Mayer zunehmend zum Zionisten. Auch dies behauptet Hugo Marx. Bei der Eröffnung der jüdischen Landessynode im Ständehaus in Karlsruhe am 31. Mai 1920, der letzten unter dem Oberrats-Vorsitzenden Mayer, sagte deren 38-jähriger Präsident und Mitinhaber des Karlsruher Bankhauses Strauss & Co. Dr. Nathan Stein: „Wir wollen … Verwahrung einlegen … gegen die schmachvollen Anfeindungen unserer Gegner, die unsere Ehre beschimpfen und unsere Vaterlandsliebe in den Staub ziehen.“ Der Antisemitismus hatte sich in den Zeiten des Ersten Weltkriegs und in der Weimarer Republik immer deutlicher manifestiert. Sichtbare Auswirkungen dafür zeigten sich bald auch in Karlsruhe. 1919 beispielsweise an der Technischen Hochschule, 1920 bei antisemitischen Lebensmittelkrawallen und 1926 bei Hakenkreuzschmierereien in vielen Straßen und an der Synagoge, wo auf der Gedenktafel für die 58 gefallenen Juden aus Karlsruhe und Durlach die Namen mit Teer unleserlich gemacht wurden. Sicherlich waren dies Ereignisse, die Marie und Hugo Mayer sehr erschütterten.
Am 22. Juni 1931 starb der Geheime Oberregierungsrat Dr. David Hugo Mayer in Karlsruhe. Im Nachruf des Verordnungsblatts des Oberrats der Israeliten Badens vom 30. Juli 1931 wurde sein 37-jähriges Wirken gewürdigt. Herausgehoben wurden darin seine Reformbemühungen in der Synode und sein soziales Engagement, aber auch seine Enttäuschung über das Scheitern der Einführung eines neuen Gebetsbuchs wurde in diesem Nachruf nicht verschwiegen.

Familiäres und gesellschaftliches Leben von David Hugo und Marie Mayer
Neben der Karriere gab es natürlich auch ein Familienleben, ebenso erfüllend wie belastend. Am 15. Juli 1882 wurde der erste Sohn in Karlsruhe geboren, der den Namen Ernst erhielt. Der zweitgeborene Sohn kam am 21. September 1884 zur Welt und erhielt den Namen Paul. Die Familie wohnte zu Anfang in der Hirschstraße 35. Nach 1887 erwarb David Hugo Mayer das dreigeschossige Haus Amalienstraße 40, das teilweise vermietet war. Dieses Haus steht heute noch und gibt nach seiner Renovierung einen Eindruck der stattlichen bürgerlichen Wohnhäuser in Karlsruhe ganz im Geiste des Karlsruhe prägenden klassizistischen Architekten Friedrich Weinbrenner.
Die Ehe von Marie und David Hugo Mayer, so beschrieb es Hugo Marx, war eine glückliche und in den Interessen der Partner gleichklingende. Jeder bemühte sich nach Kräften, den Anderen zu fördern, alles zu tun, um ihm die Schwere des Lebens zu erleichtern, die trotz aller äußeren Erfolge auf ihm lastete. Im gemeinsamen sozialen Engagement ergänzten sie sich.
Marie Mayer erfüllte die Erwartungen, die jene Zeit an die Ehefrauen herausragender Persönlichkeiten stellte, voll und ganz. Sie organisierte Haushalt und Erziehung der Kinder - mit Dienstpersonal -, und sorgte zugleich für „des Heimes Zierde“, wie erwartet. Frauen ihrer gesellschaftlichen Stellung engagierten sich häufig in führender Stellung als eigenständige Persönlichkeiten in der Wohltätigkeit. Auch Marie Mayer ging darin auf. So wirkte sie in ihrem Engagement für jüdische Vereine sicherlich kongenial zu ihrem Mann.
Es war nicht nur das beständige spätere Werben für das Friedrich-Luisen-Hospiz - dazu unten mehr -, das sie durch Beharrlichkeit ihres Mannes mit auf den Weg gebracht hatte. Es gab weit mehr, was ihr am Herzen lag, doch in ihrem Focus lagen hauptsächlich die soziale Fürsorge für Kinder und die Mütter. So war sie Mitglied im Naphtali-Epstein-Verein, dem Hilfsverein für jüdische Lehrer und deren Hinterbliebene in Baden, Mitglied der Tachirim–Kasse und besonders herausragend, Vorsitzende des 1829 gegründeten Israelitischen Frauenvereins, dessen Anliegen es war, kranke Frauen und Wöchnerinnen zu unterstützen. 1929, anlässlich des 100-jährigen Bestehens fasste dieser Verein zudem die Einrichtung eines Altersheimes für den Mittelstand ins Auge und richtete sofort einen Jubiläumsfond ein, der den ersten Grundstein dazu legen sollte. Auch in der 1896 gegründeten Israelitischen Kinderkrankenkasse, die hilfsbedürftigen Kindern von 2 bis 14 Jahren kostenfrei ärztliche Behandlung und Medikamente ermöglichen wollte, hatte sie den Vorsitz.
Neben dem sozialen Engagement hatte das Ehepaar Mayer durch den hohen Beamtenrang des Mannes und der vielfältigen sozialen Tätigkeit seiner Frau Marie, die sie auch des Öfteren mit dem Hofe in Berührung brachte, gesellschaftliche Beziehungen zu nichtjüdischen Familien, Freundschaften entstanden dabei allerdings nicht. Der Kreis der Vertrauten und der Freunde bestand aus jüdischen Kaufleuten und Akademikern. Der Neffe Hugo Marx schrieb in seinen Erinnerungen an die Familie, viele hätten sich an seine Verwandten gedrängt und es als Ehre angesehen, zu ihrem Kreis zu gehören. Ein enger Freund von David Hugo Mayer war der Marburger Philosoph Hermann Cohen. Die beiden Männer verband eine Basis des Vertrauens und Marx erinnerte sich an eine unvergessliche Bemerkung. Cohen sagte: „Weißt Du, David, viel Unglück der Menschen rührt daher, dass sie glauben, ein Recht darauf zu haben, glücklich zu sein?“. Ob diese Bemerkung persönlich gemeint war, sei einfach dahingestellt. Das Ehepaar Mayer hatte sicher Grund, glücklich, aber auch unglücklich zu sein, hatten sie doch ihren erstgeborenen Sohn unter tragischen Umständen verloren und konnten keine ehrgeizigen Erwartungen an ihren zweitgeborenen Sohn Paul stellen.
Über die Kindheit und Jugend der Brüder gibt es weder Berichte und auch leider keine Fotografien. Ernst und der zwei Jahre jüngere Paul besuchten beide nach der Elementarschule das humanistische Gymnasium in Karlsruhe, das auch ihr Vater besucht hatte, das aber seit 1874 nicht mehr am Marktplatz, sondern in einem Neubau an der heutigen Bismarckstraße lag. Ob die Brüder dabei besondere Stärken oder Schwächen hatten, Freundschaften pflegten, ist nicht bekannt. Am 19. Januar 1900 widerfuhr der Familie Schreckliches. Am Abend jenes Tages beging der 18-jährige Ernst Selbstmord im elterlichen Haus. Der Großherzogliche Staatsanwalt stellte den Tod auf gegen 23 Uhr fest. Der Cousin Hugo Marx schrieb, man hätte die „psychopathische Veranlagung der Kinder oft darauf zurückgeführt“, dass die Eltern Vetter und Base waren.

Paul Mayer
Paul Mayer legte sein Abitur ab und schrieb sich danach am 30. April 1904 an der Universität Heidelberg zunächst zum Studium der Philosophie ein, wechselte aber laut Aktenvermerk am 1. Januar 1905 zur Juristischen Fakultät, um sich am 7. August 1905 exmatrikulieren zu lassen. Ob er sich noch an einer anderen Universität einschrieb, ist nicht erhalten. Was er in der Folge unternahm, wie er lebte, darüber ließ sich nichts feststellen. Auf der Eintragung der späteren „Judenkennkarte“ gab er an, das Erste juristische Staatsexamen gemacht zu haben. Dies erscheint zweifelhaft. Dort finden sich ebenfalls die Einträge, er hätte keine besonderen Fähigkeiten wie zum Beispiel Motorrad- oder Autofahren, Reiten, spreche keine Fremdsprachen, sei nie länger als drei Monate im Ausland gewesen.
Zu Beginn des Ersten Weltkriegs wurde er zum Militär einberufen. Der Eintrag in der „Judenkennkarte“, datiert die Militärzeit ab dem 14. August 1914. Beendet war sie bereits fünf Monate später, am 15. Januar 1915. Die Gründe für die Ausmusterung sind nicht bekannt. Lag es an einem etwaigen körperlichen Handicap oder war es vielleicht in der Psyche begründet?
Vermutlich wohnte er danach wieder bei den Eltern in Karlsruhe. Möglicherweise nahm er privaten Gesangsunterricht, denn er bezeichnete sich bald darauf als „freier Sänger“. Das heißt wohl, er hatte kein festes Engagement und war nicht beruflich eingebunden, Weder ein Engagement des Paul Mayer in der jüdischen Gemeinde ist nachzuweisen, noch Engagements an Bühnen oder Konzerte im weitläufigen säkularen Kulturleben Deutschlands oder inKarlsruhe. Für die Eintragung in der Ergänzungskarte zur Volkszählung 1939 gab er an, nie ein Arbeitsbuch besessen zu haben.
Nachweisbar ist Paul Mayers Wohnmeldung in Weinheim an der Bergstraße zum 15. April 1917, wo er bei dem Volksschullehrer Alfred Sommer in der Institutsstraße 4 wohnte. Es gibt vage Hinweise darauf, dass er dort Gesangsunterricht erteilte, aber beweisen lässt es sich nicht wirklich. 1919-1944 taucht sein Name in der Meldekartei der Stadt Stuttgart auf, doch die tatsächliche Aufenthaltsdauer in der Stadt ist unbekannt. In der „Judenkennkarte“ wurde der Vermerk nachgetragen: umgezogen 30. April 1940, von Stuttgart, Urbanstraße 116, nach Karlsruhe, Amalienstraße 40, also zurück ins elterliche Haus. Aber dieser Vermerk ist nur eine behördliche Notiz, die keine Informationen über Pauls Lebensumstände transportiert.
Pauls Cousin Hugo Marx war während seiner juristischen Ausbildungszeit im Bezirksamt Karlsruhe 1915 ein gern gesehener Gast im Hause Mayer, pflegte eine vertrauensvolle Beziehung mit Onkel David Hugo Mayer und Tante Marie Mayer. Das Verhältnis zum Cousin Paul beschreibt Marx als etwas problematisch, weil dieser in ihm einen Rivalen um die Gunst der Eltern sah. Er schrieb über Paul Mayer: „Der jüngere Sohn Paul war ein schwerer Psychopath, der sehr zum Schmerz seiner Eltern, trotz vielseitiger Begabung sich beruflich nirgendwo zu fixieren vermochte. Er hatte Jura studiert, aber nie sich dazu durchgerungen, ein Examen zu machen.“ Eine 1927 geborene Zeitzeugin, deren Eltern mit Paul Mayer befreundet waren, erinnert sich: „Wir bekamen damals nicht mehr viel Besuche, aber wenn es vormittags läutete und wir Kinder vermuteten, dass es Paul Mayer sein könnte, rannten wir hinter unserer Mutter her, die die Tür öffnete, denn wir wollten mit anhören, wie Paul Mayers Begrüßung lautete, nämlich: ‚Na, Du alte Schachtel, Du bist mir ein Dorn im Auge!’ Diese stete Begrüßungsformel blieb mir bis heute unvergessen.“ Diese Zeitzeugin räumt die Bezeichnung „seelenkrank“ für Paul Mayer nicht ein. Er sei einfach „exzentrisch, d.h. etwas überspannt“ gewesen. War er einfach ein Mensch, der es sich als Sohn aus vermögendem Hause leisten konnte, nach seiner Passion zu leben? War er zeitweise depressiv, wie einige andere Mitglieder der großen Familie Mayer?
Um 1940 kehrte Paul Mayer nach Karlsruhe zurück und zog wieder in das Haus der Mutter ein. Dort war nichts mehr wie zuvor – viele Freunde des Hauses waren bereits ausgewandert und der Rest der nichtjüdischen Karlsruher Gesellschaft hatte sich bereits still zurückgezogen. Der Glanz des “Hauses Geheimrat Mayer“ war erloschen, so beschrieb es Hugo Marx. Trotzdem versuchte Paul Mayer, seinem Leben einen neuen Sinn zu geben. Nach der Zerstörung der Synagoge 1938 fanden der Unterricht der Kinder und der Gottesdienst der „liberalen Gemeinde“ im jüdischen Hotel „Nassauer Hof“ in der Kriegsstrasse statt. Mit den Kindern der noch in Karlsruhe verbliebenen jüdischen Familien versuchte Paul Mayer, einen Chor zu bilden. Die Zeitzeugin berichtet: „Er lehrte uns, ohne Notenblätter, ihm vom Mund abzusingen, zumeist von ihm selbst komponierte Melodien. Bald mussten auch diese Aktivität und der Gottesdienst eingestellt werden.“ Nach dieser Erzählung scheint er aber auch schon vor 1940 wieder in Karlsruhe gelebt zu haben, entgegen dem Eintrag in der Stuttgarter Einwohnermeldekartei.

Das Friedrich-Luisen-Hospiz in Bad Dürrheim, Lebenswerk der Familie Mayer
Am 20. September 1906 hatte der Synodalausschuss der badischen Israeliten im Zusammenhang mit den Feierlichkeiten zur Goldenen Hochzeit des Badischen Großherzogs Friedrich I. und seiner Frau Luise den Beschluss gefasst, in Bad Dürrheim, dem höchstgelegenen Solbad Deutschlands, ein Hospiz für israelitische Kinder und minderbemittelte (weibliche) Erwachsene zu errichten. Treibende Kraft von Anfang an und unermüdliche Werber für die Realisierung dieses Projekt waren der Geheime Regierungsrat David Hugo Mayer und seine Frau Marie. Seine berufliche Stellung im Verwaltungshof verband sich in vollkommener Weise mit seinem Amt beim Oberrat und auch mit seinen religiösen Vorstellungen und dem Antrieb, die jüdische Wohlfahrt zu befördern. Marie Mayer stand ihm dabei eng zur Seite. Die Baumaßnahmen begannen im folgenden Jahr 1908, und am 28. Juli 1912 konnte das Haus feierlich eingeweiht werden, in Anwesenheit vieler prominenter Personen von Seiten des Staates, der Israeliten Badens und der lokalen Behörden. Die Weiherede hielt der Mannheimer Rabbiner Dr. Steckelmacher. Im August 1913 beehrte die Witwe des Großherzogs - Luise von Baden - das Hospiz durch ihren Besuch, sie hatte bereits 1907 den Bau durch eine Spende in Höhe von 8.000 Mark finanziell unterstützt. Die Gesamtkosten des Hospizes beliefen sich auf 258.545 Mark.
Das Haus wurde rituell geführt, so hatte beispielsweise neben der Oberin der Bezirksrabbiner von Gailingen die Aufsicht über die Küche. Auf die Pflege des Schabbat und der jüdischen Feiertage wurde höchster Wert gelegt, die Gottesdienste fanden im Haus statt, auch eine Thorarolle war vorhanden. Die meist drei- bis fünfjährigen Kinder und jungen Frauen bis 25 Jahren stammten nicht nur aus Baden, sie kamen auch aus dem übrigen Deutschland und sogar aus dem Ausland, denn im 705 m hochgelegenen Solebad wurden Blutarmut, Nervenschwäche, Rheuma und auch offene Wunden Erfolg versprechend therapiert und das schneereiche Schwarzwald-Baar-Wetter und die Wintersonne taten wohl das Ihrige dazu. Um zu ermöglichen, dass auch Minderbemittelte gegen geringeres Entgelt und ganz Arme dort einen Kuraufenthalt erleben konnten, bildete sich auf Anregung von David Hugo Mayer bald ein Verein für das Friedrich-Luisen-Hospiz, für den sich seine Frau Marie sehr engagierte. Anlässlich von Marie Mayers 50. Geburtstag 1913 überreichte Dr. Mayer seiner Frau eine Stiftungsurkunde über 1.000 Mark, und das Frankfurter Israelitische Familienblatt veröffentliche am 19. Dezember 1913 dazu den folgenden Text: „Zum heutigen Geburtstag … meiner lieben Frau, möchte ich ihr eine ganz besondere Freude bereiten“ für die nach so kurzer Zeit „schon jetzt dringende Erweiterung des Hauses“ von anfänglich 76 „auf 150 Betten, weitere Bausteine mögen sich anreihen.“ Diese Hoffnung erfüllte sich wohl und so kamen zwischen 1912 und 1937 insgesamt etwa 11.000 Kinder und Mädchen zur Erholung ins Friedrich-Luisen-Hospiz.
Als das Hospiz 1922 sein 10-jähriges Bestehen feierte, berichtete das Frankfurter Israelitische Familienblatt am 24. August 1922 darüber: „Besonders verschönt wurde die Feier durch gesangskünstlerische Darbietungen der Sopranistin Fräulein Elisabeth Friedberg und des Baritons Paul Mayer von Karlsruhe.“ Elisabeth Friedberg (siehe ihre Biographie im Gedenkbuch) war die Schwester des Rechtsanwalts und Vorstandsmitglieds der „liberalen“ Jüdischen Gemeinde Leopold Friedberg, dessen Ehefrau Nelly sich ebenfalls für das Hospiz engagierte. Die jüdischen Zeitschriften berichteten regelmäßig über das Hospiz. So berichtete „Der Israelit“ am 2. September 1937 über eine schlichte, weihevolle Feierstunde anlässlich des 25-jährigen Bestehens des Hospizes. Gedacht war dieser Tag als Tag des Erinnerns und er wurde zu einem Gelöbnis für die Zukunft und zu einer Huldigung der Juden Badens an den verstorbenen Gründer, den Geheimrat Dr. David Hugo Mayer und seine Familie. Der Vorsitzende, Dr. Fritz Strauß, begrüßte die Anwesenden und Paul Mayer hielt die Festrede, „glühend, voll innerem Feuer“. Seine Mahnung war: „Vergesst die Leidenschaft nicht, hütet die heilige Flamme der Begeisterung. Wir sind das Volk des Trotzdem. Erlahmen wir nicht in unserer Arbeit!“ Beide belegen, dass Paul Mayer sich wie seine Eltern für das Hospiz engagierte. Auch als Künstler brachte er sich dort ein, indem er als Sänger auftrat und auch für das Hospiz Melodien und Lieder zu hebräischen Texten für Feiern an Schabbat und jüdischen Feiertagen schrieb.
1939 wurde das Hospiz zwangsweise aufgelöst und die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland verkaufte das Haus 1941 unter Druck an die damalige Berufskrankenkasse der Kaufmannsgilden in Hamburg. Bis 1945 wurde es als Reservelazarett genutzt. Nach einem Vergleichsverfahren erhielt es die israelitische Landesgemeinde Baden zurück. Zunächst wurde das Haus verpachtet und später verkauft. Nach aufwändigen Renovierungen ist es heute zur „Luisenklinik“ geworden, einem Zentrum für Verhaltensmedizin. Das Stammhaus, das ehemalige Friedrich-Luisen-Hospiz, ist heute in den Klinikkomplex eingebunden. Die Homepage der Klinik weist in würdiger Erinnerung auf den Ursprung dieses Hauses hin.

Das Ende von Marie und Paul Mayer unter dem nationalsozialistischen Terror
Als ihr geliebter Ehemann 1931 im Alter von 77 Jahren verstarb, war Marie Mayer 68 Jahre alt. Auch nach seinem Tod blieb sie in seinem Gedenken und in eigenem Interesse weiter dem ehemals gemeinsamen sozialen Engagement für das Hospiz in Bad Dürrheim treu, ebenso wie ihrer Sorge für die Vereinigungen, in denen sie sich zu seinen Lebzeiten bereits engagiert hatte.
Die von ihr nicht selbst genutzten Etagen des Hauses in der Amalienstraße waren vermietet.
Bereits 1900 war ihre verwitwete Mutter nach Karlsruhe gekommen. Zwar hatte sie sich das Wohnhaus Bismarckstraße 31 gekauft, sie wohnte jedoch im Haus der Tochter Marie. Am 16. April 1919 meldete David Hugo Mayer den Tod seiner Schwiegermutter, sie wurde 82 Jahre alt. Danach ging das Haus in der Bismarckstraße in den Besitz von Marie Mayer über. Finanziell war die Witwe Marie Mayer gut gestellt.
Wie lange sich Marie Mayer in Deutschland nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten noch sicher fühlte, wissen wir nicht. Die Annäherung ihres Mannes an das zionistische Gedankengut hat Marie Mayer hautnah miterlebt, vermutlich hat sie ihn auf diesem Weg begleitet. Ob sich Marie Mayer spätestens nach der „Reichskristallnacht“ 1938 um die Ausreise aus Deutschland bemühte, ist nicht nachweisbar, ebenso wenig, ob Paul Mayer Anstrengungen unternahm, das Land zu verlassen. Von ihm als überzeugten Zionisten wäre es zu erwarten gewesen.
Nach dem Novemberpogrom vom 9. November 1938 musste Marie Mayer so genannte Judensühne und die Judenvermögensabgabe zahlen. Aus der „Wiedergutmachungsakte“ geht hervor, dass sie insgesamt fast 150.000 RM in Form von Wertpapieren und Bargeld an die Preußische Staatsbank als Judenvermögensabgabe hat entrichten müssen.
Die beiden müssen am Ende sehr einsam gewesen sein. Viele jüdische Freunde des Hauses waren bereits ausgewandert und der nichtjüdische Teil der Karlsruher Gesellschaft hatte sich längst zurückgezogen. Als es am 22. Oktober 1940 an der Tür klingelte, war Marie Mayer knapp 77 Jahre alt. Vermutlich standen auch bei ihr SA-Männer oder Polizisten vor der Tür und forderten sie und ihren Sohn auf, sich binnen zweier Stunden zur Abreise zu rüsten und Proviant mitzunehmen. Über die östliche Bahnsteigunterführung des Karlsruher Hauptbahnhofes mussten sie nach einem fast ganztägigen Warten den Zug besteigen, der sie nach drei Tagen in das südfranzösische Oloron-Ste. Marie bringen sollte. Von dort wurden die Menschen im Pendelverkehr in das Lager Gurs transportiert. Eine Fahrt, die einige nicht überlebten. Marie Mayer und ihr Sohn Paul kamen in Gurs an und mussten sich mit den dort herrschenden schrecklichen Lagerverhältnissen abfinden.

Marie Mayer überlebte unter diesen Bedingungen nur einen Winter im Lager und verstarb in Gurs am 1. Oktober 1941.
Paul Mayer wurde am 22. Oktober 1942 über das Lager Drancy nach Auschwitz verbracht. In einer Gaskammer des Lagers Auschwitz-Birkenau fand sein Leben ein gewaltsames Ende.

Bei der eingangs erwähnten Versteigerung des Hausrats der Familie Mayer noch zu deren Lebzeiten und der Ablieferung des Ertrags der Versteigerung an den deutschen Reichsfiskus handelte es sich im Grunde genommen um Raub und Diebstahl. Unter den Hammer des NS-Regimes kamen Möbel, Wäsche, Geschirr, Gemälde und vieles andere von beträchtlichem Wert, unter anderem auch „eine Blockflöte, zwei Operngläser und … ein Überseekoffer.“

(Christa Koch, Dezember 2009)