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Ein Familienbild im Garten aus glücklichen Tagen, 1931. Die Eltern Jakob und Henriette Marx mit der älteren Tochter Elisabeth, stehend und Getrud (rechts)

Personendaten

Gertrud Marx

Nachname: Marx
Vorname: Gertrud
Geburtsdatum: 31. Juli 1922
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Jakob und Henriette M.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Elisabeth
Adresse: Beethovenstr. 1
Schule/Ausbildung: 1933-1937: Lessing-Mädchengymnasium
Emigration: 1937 nach England
1939 von England zur Mutter nach Nizza, Frankreich
Deportation: 2.9.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

an english translation of the following biography is availbale:
www.local-vicar.com/Fuchs/TFBHD%20translation.pdf

Henriette und Gertrud Marx

„Mit tiefer Dankbarkeit gedenkt der Chronist des aus Heidelsheim stammenden Rechtsanwaltes Jakob M a r x, der sich mit rührender Aufgeschlossenheit für die Geschichte Heidelsheims einsetzte und deren Herausgabe durch eigene Opfer in die Wege leiten wollte. Durch Flucht und Tod wurde er daran gehindert, während seine Familie bis auf eine Tochter, die sich nach England retten konnte, in den Vernichtungslagern Polens spurlos endete“. Dies schrieb Otto Härdle, Jahrgang 1900, gebürtig in Heidelsheim, Autor einer 1960 erschienenen Ortschronik von Heidelsheim, seinerzeit Rektor der Tulla-Schule in Karlsruhe. An dieser Ortschronik arbeitete er Jahrzehnte. Für diese verdienstvolle Arbeit wurde ihm 1960 die Ehrenbürgerwürde verliehen. 1978 starb er.
Jakob Marx war der Ehemann von Henriette, aus der großen Karlsruher Familie Fuchs stammend, und Vater von Gertrud. Doch beginnen wir von vorn.

Die Familien Marx und Fuchs
Unsere biografische Zeitreise beginnt vor den Toren Karlsruhes, in Heidelsheim, einem Ort mit über 1200-jähriger wechselvoller Geschichte: 770 erstmalig urkundlich erwähnt, 1241 erstmals als Reichsstadt dokumentiert (Verleihung des Stadttitels durch die Hohenstaufer), 1935 Verlust des Stadttitels durch die Gemeindereform, 1952 wieder Verleihung des Stadttitels durch die Landesregierung, seit 1. Oktober 1974 Stadtteil von Bruchsal; im Laufe der vielen Jahrhunderte wechselnde Obrigkeit, in vielen Kriegen wurde die Stadt oft arg geschunden, seit 1803 zu Baden gehörend. Und nicht unerwähnt soll bleiben, dass die jüdische Bevölkerung im 19. Jahrhundert mehrfach (1817, 1830, 1833, 1846, 1848) seitens der christlichen Bevölkerung Ausschreitungen und Sachbeschädigungen erfahren musste, vor allem aber an Fastnacht 1848, als es zu pogromartigen Ausschreitungen – fast vergleichbar denen vom 9./10. November 1938 – kam, in die Ortsgeschichte als „Judensturm“ eingegangen, die ein massives Einschreiten der Dragoner aus Bruchsal zur Wiederherstellung von Ruhe und Ordnung erforderte.

Hier in Heidelsheim wurde am 19.2.1880 Jakob Marx geboren als zweitjüngstes von 6 Kindern des Gerbermeisters Leopold Marx und seiner Frau Therese, geborene Stein. Heidelsheim hatte zu dieser Zeit 2.271 Einwohner, davon waren knapp 7% Juden. Die Familie Marx lässt sich in Heidelsheim bis in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts nachweisen. Im 19. Jahrhundert gab es mehrere Familienzweige Marx, die unterschiedlichen Berufen nachgingen (Gerber, Schneider, Viehhändler); der „Stammvater“ ist namentlich nicht erkennbar. Leopold Marx war der ältere von 2 Söhnen von insgesamt 8 Kindern von Herz Marx und seiner Frau Sarah, geborene Maier. Herz Marx war ebenfalls Gerber, seine Söhne Leopold (geb. 1846) und Hermann (geb. 1848) lernten dieses Handwerk bei ihm und gründeten - zu einem nicht bekannten Zeitpunkt - die Firma H. Marx Söhne, die von Jakob Marx' Bruder um 1921 von Heidelsheim nach Durlach in die Pfinzstraße 68/70, unmittelbar neben dem Anwesen der Glacéelederfabrik Herrmann & Ettlinger, verlegt wurde. Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde die Firma wegen wirtschaftlicher Schwierigkeiten stillgelegt. Moritz Marx erwarb 1931 zusammen mit seinem Bruder Jakob Geschäftsanteile an der Lederfabrik Hornberg Mosetter & Co in Hornberg/Schwarzwald und wurde zum Geschäftsführer dieser Firma bestellt.

Die Familie Fuchs, eine ganz außerordentliche, eine illustre Familie, mit sehr unterschiedlichen Charakteren, wie in der Biografie Philipp und Edith Fuchs detailliert beschrieben, der Henriette Marx entstammte, kam ursprünglich, so heißt es (nicht nachgewiesen) aus dem südlich von Straßburg/Elsaß gelegenen Dorf Niedernai Anfang des 19. Jahrhunderts nach Weingarten, einem zwischen Durlach und Bruchsal gelegenen Bauern- und Weindorf, unweit von Heidelsheim, damals mit etwas mehr als 2.000 Einwohnern , davon 3% Juden. Nathan Fuchs, der „Stammvater“, ließ sich hier mit seiner Frau Jeanette („Schönle“) und seinen beiden Söhnen Baruch und Nathan nieder. Am 18.1.1815 heiratete Baruch Fuchs, 29-jährig, die aus dem Nachbardorf Untergrombach (heute Ortsteil von Bruchsal) stammende Babette („Bräunle“) Lichter, 24-jährig. Sie bekamen 15 Kinder (11 Jungen, 4 Mädchen), von denen allerdings – nachweislich – nur 3 das Erwachsenenalter erreichten. Der jüngste von ihnen, Hirsch Fuchs, geboren am 1.12.1824, Viehhändler wie sein Vater, heiratete am 26.6.1855 die aus Nordstetten (bei Horb) stammende Fanni Ottenheimer, geboren 1832, Tochter eines Getreidehändlers. Auch dieses Paar bekam 15 Kinder (13 Jungen, 2 Mädchen), von denen 2 als Kleinstkinder starben. 13 Kinder wurden in Weingarten geboren, 2 als Nachzügler in Karlsruhe. Hirsch Fuchs zog nämlich mit Frau und der ganzen Kinderschar, 12 an der Zahl im Alter von 15 bis 1 Jahr, seiner Schwiegermutter Henriette Ottenheimer, die in der Familie ihrer Tochter lebte, und dem gesamten Hausrat mit 2 Leiterwagen, gezogen von Pferden oder Zugochsen, 1871, vielleicht war es auch 1872, nach Karlsruhe, so die Überlieferung. Er habe, so hieß es, während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 gute Geschäfte gemacht, d.h. viel Vieh an die Armee verkauft, und konnte sich nunmehr ein Haus im „Dörfle“, in der Zähringerstr. 28 (?) kaufen, in das die Familie einzog. Die Kinder von Hirsch Fuchs verschwiegen lange Jahre diese Tatsache, dass die Familie Fuchs in Karlsruhe im „Dörfle“ ihren Beginn hatte, sie schämten sich, denn das war keine ‚feine Gegend’. In der Landesmetropole Karlsruhe, die in jenen Jahren und in den folgenden Jahrzehnten rapide wuchs (Einwohner 1871: 36.582, 30 Jahre später schon mehr als 97.000), versprach sich Hirsch Fuchs gute Geschäfte, vor allem aber auch bessere Ausbildungs- und Berufsmöglichkeiten für die Kinder. Und in der Tat, alle Kinder wurden erfolgreiche und geachtete Persönlichkeiten. 1877 gründeten die 3 ältesten Söhne von Hirsch Fuchs, Bernhard, Max und Gustav, die Holzhandlung H. Fuchs Söhne OHG, die sich zur größten Holzhandlung im Südwesten, mit angeschlossenem Sägewerk und später auch Parkettfabrik, mit Niederlassungen in Stuttgart und Straßburg, in den folgenden Jahren und Jahrzehnten entwickelte (Detailbeschreibung s. Biografie Philipp und Edith Fuchs). Als Übername hießen später alle Mitglieder der Fuchs-Familien die „Holz-Füchse“, obwohl gar nicht alle im Holzgeschäft tätig wurden.

Jakob Marx – Schule, Berufsausbildung, beruflicher Beginn, Heirat

Über seine Kindheit ist nichts überliefert, bekannt ist nur, dass er in Heidelsheim die Grundschule besuchte und danach von Sept.1889 – Juli 1898 das ‚Großherzogliche Badische Gymnasium in Bruchsal’. Hier legte er am 19.7.1898 das Abitur mit der Gesamtnote „gut“ ab, eigentlich war es ein ‚gut bis sehr gut’, denn in 2 Fächern erreichte er ein ‚sehr gut’ und in weiteren 2 ein ‚gut bis sehr gut’ und 5 Mal ‚gut’, nur im Turnen reichte es nur zu einem ‚hinlänglich’. Ein Mitschüler bestätigte ihm, Jahre später, großen Fleiß und Zielstrebigkeit Im Abitur-Zeugnis war vermerkt, dass er sich dem Studium der Rechtswissenschaft widmen werde.
Und in der Tat, zielstrebig wie er war, begann er schon im Oktober 1898 sein Jura-Studium in Heidelberg. Nach 2 Semestern wechselte er für 1 Semester an die Königl. Friedrich Wilhelm Universität in Berlin, danach für 2 Semester an die Kaiser-Wilhelm-Universität in Straßburg und schließlich wieder für 2 Semester nach Heidelberg. Das 1. Staatsexamen absolvierte er im Frühjahr 1902 mit der Bewertung „hinlänglich“ als 11. von 51 Prüfungskandidaten.
Bereits im April 1902 begann er seine Ausbildung als ‚Rechtspraktikant’, wie die Referendarsausbildung damals hieß, und zwar am Amtsgericht in Bruchsal. Weitere Ausbildungsstationen waren das Amtsgericht in Gernsbach, das Landgericht in Mosbach, das Notariat in Bruchsal, das Bezirksamt in Bruchsal und wieder das Amtsgericht in Bruchsal, es folgte noch eine Anwaltsstation. Im März 1907 legte er sein 2. Staatsexamen ab, wiederum mit der Bewertung „hinlänglich“ als 6. von 48 Kandidaten. Am 10.7.1907 wurde er zum Assessor ernannt.
Vom 1.10.1902 bis zum 30.9.1903 absolvierte er als Freiwilliger seinen Militärdienst beim Königl. Bayer. 1. Infanterie-Regiment in München, mit Abgang als Unteroffizier der Reserve. Vom 1.8. bis 30.9.1904 absolvierte er eine Wehrübung. Und ebenfalls im Monat September 1904 wurde er mit einer Dissertation mit dem Thema „Beschränkte Haftung des deutschen Handels- und Schiffahrtsrechts“ an der Universität Heidelberg zum Dr. jur. promoviert.

Ein Ereignis aus Februar 1902 bedarf jedoch noch einer besonderen Betrachtung, weil es Jakob Marx um ein Haar seine weitere Ausbildung und damit auch seine spätere Anwaltskarriere unmöglich gemacht hätte. Er wurde nämlich mit ministeriellem Schreiben vom 21.8.1903, er befand sich zu dieser Zeit noch beim Militärdienst, zum 31.8.1903 aus dem Staatsdienst entlassen, weil er - so die Begründung -, „durch sein außerdienstliches Verhalten sich der Achtung und des Vertrauens, die sein Beruf erfordert, als unwürdig erwiesen habe“. Was war geschehen? Mitte Februar 1902 befand sich Jakob Marx mit seinem Freund Wilhelm Weis aus Neuenbürg, wie er Jurastudent, zur Examensvorbereitung in Karlsruhe. Spät am Abend durchstreiften sie mehrere Lokale, waren schon ziemlich angetrunken und kamen in das Lokal „Zum Thomasbräu“. Hier gerieten sie mit einer Gruppe Studenten der TH Karlsruhe in Streit, und zwar wegen der sie begleitenden Frau, einer stellungslosen Kellnerin (Name nicht genannt), wie es hieß, die statt eines Hutes nur ein Kopftuch trug und deshalb von den TH Studenten als „Dirne“ (!) bezeichnet wurden. Aus dem verbalen Streit entwickelte sich rasch eine tätliche Auseinandersetzung mit einem der TH-Studenten, es kam an einem der Folgetage zu einem Säbel-Duell zwischen diesem Studenten und Weis, das beiden durch Urteil des Landgerichts Karlsruhe eine mehrmonatige Festungshaft in Rastatt einbrachte. Jakob Marx' Bruder Adolf, 4 Jahre älter, Rechtspraktikant, erbat mit Schreiben vom 22.9.03 beim Justizministerium um eine Audienz, die ihm auch am 1.10.03 gewährt wurde; und tatsächlich erreichte er es, dass die Entlassung seines Bruders zurück genommen wurde und dieser seine Ausbildung ab 1.11.1903 fortsetzen konnte. Wer ihm diese Audienz gab, ist nicht aktenkundig. Der Beamte, der die Rücknahme der Entlassung zu Papier brachte, schrieb: „Höherem Auftrag zufolge…“ Jakob Marx muss seinem Bruder unendlich dankbar gewesen sein.

Nach seiner Ernennung zum Assessor arbeitete Jakob Marx noch einige Zeit bei Rechtsanwalt Hirsch in Heidelberg und bei den Anwälten Salomon Oppenheimer und Dr. Arthur Levis in Karlsruhe. Zum 6. November 1907 wurde er als Rechtsanwalt beim Landgericht in Karlsruhe zugelassen und gleichzeitig widerruflich bei der Kammer für Handelssachen in Pforzheim. Jakob Marx wohnte zu dieser Zeit in Karlsruhe in der Kaiserstraße 95. Sein Büro befand sich in seiner Wohnung. Am 16.7.1908 wurde er als Anwalt beim Oberlandesgericht in Karlsruhe zugelassen, er wohnte sodann und auch in den Folgejahren bis 1912 in der Stefanienstraße 55. Am 11.7.1912 heiratete er in Karlsruhe Henriette Fuchs, geboren am 14.7.1890 in Karlsruhe, älteste Tochter des Kaufmanns Bernhard Fuchs und seiner Frau Helene geb. Stern, geboren in Soest/Westfalen. Zum Zeitpunkt der Heirat waren die Eltern von Jakob Marx bereits verstorben; wann und wo konnte nicht ermittelt werden. Nach der Heirat erfolgte ein Umzug in die Jahnstraße 17.

Jakob Marx' Bruder Adolf, der ihm - wie oben beschrieben - in einer sehr schweren Situation geholfen hatte, seit 1906 Rechtsanwalt in Mannheim, war mit Elisabet Arnold, geb. 2.1.1876 in Stuttgart, verheiratet. Sie hatten 2 Kinder: Erich (geb. 30.9.1907 in Mannheim) und Erika (geb. 18.3.1918 in Mannheim). Am 15.12.1917 starb er in Mannheim, nur 41 Jahre alt. Seine Witwe zog mit den Kindern im September 1918 wieder in ihre Heimatstadt Stuttgart, vermutlich zu ihrer Familie. Über die Familie ist ansonsten nichts bekannt.

Krieg und Nachkrieg - Geburt der Kinder, Familienleben und Ausbau der Anwaltspraxis
Mit Beginn des Kriegs 1914 wurde er zum Militär einberufen, aufgrund seines Anwaltsberufs der Wirtschaftsverwaltung eines Truppenteils zugeordnet und wurde rasch befördert. 1917 war er bereits Major und stellvertretender Intendanturrat beim 5. Armeekorps. Er befand sich an der Ostfront. Und da dort über einige Zeit keine kriegerischen Handlungen stattfanden, konnten die Herren Offiziere, damit sie etwas Entspannung hatten, Besuch von ihren Ehefrauen empfangen, die in großem Ornat anreisten. So berichtete die Tochter Elisabeth in einem Interview 1997, das sie einem Verwandten, Steffen Jacob, gab, der dieses Interview und zahlreiche andere mit Familienangehörigen der Familien Fuchs aufzeichnete und unter dem Titel „Leben danach“ publizierte. Aus diesem Interview wird noch vielmals berichtet.

In der Folge dieses Treffens, das in Posen gewesen sein soll, wurde das lang ersehnte erste Kind geboren, nämlich Elisabeth, am 17.2.1918 in Karlsruhe. Jakob Marx ließ sich, mit welcher Begründung auch immer, nach Karlsruhe zurückversetzen, wurde aber erst mit Kriegsende vom Militär entlassen, ausgezeichnet mit dem EK II und dem Badischen Kriegsverdienstkreuz. Große Freude über die Geburt von Elisabeth war auch bei Bernhard und Helene Fuchs, den Großeltern. Bernhard Fuchs kaufte sofort eine Kuh, die auf dem Gelände der Holzhandlung Hirsch am Karlsruher Hafen gehalten wurde, damit das Kind, so die Begründung, immer frische Milch habe - es war ja noch Krieg, Lebensmittel waren rationiert.

1919 kaufte Jakob Marx von dem Architekten Wilhelm Stober das Haus Beethovenstraße 1, das fortan das Domizil der Familie war und blieb solange sie in Karlsruhe lebten. Im gleichen Haus waren auch die Büroräume der Kanzlei. Es darf vermutet werden, dass eine ansehnliche Finanzspritze des wohlhabenden Schwiegervaters diesen Kauf ermöglichte, denn Jakob Marx musste ja nach dem Krieg seine Anwaltspraxis erst wieder aufbauen. Eine Kinderfrau war selbstverständlich vorhanden.
Am 31.7.1922 wurde das zweite Kind, Gertrud, in Karlsruhe geboren, „Trutsch“ wurde sie in der Familie genannt. Elisabeth berichtete, sie hätte lieber einen Bruder gehabt. Zwar gab es zwischen den Schwestern später gelegentliche kleine Rivalitäten, denn die besondere Aufmerksamkeit der Eltern galt, wie meist, der jüngeren Tochter, aber es spricht alles dafür, dass die Schwestern ein gutes Einvernehmen hatten solange sie lebten. Die Kinder wurden von ihren Eltern wie von ihren Großeltern sehr verwöhnt, berichtete Elisabeth Marx, es habe an nichts gefehlt.

Was wissen wir von Henriette Marx? Sie war die älteste lebende Tochter von Bernhard Fuchs (dieser wurde als ältester Sohn von Hirsch Fuchs, mit dem Namen Baruch 1856 in Weingarten geboren, den Namen erhielt er in jüdischer Tradition von seinem Großvater, er änderte ihn später in Karlsruhe in Bernhard) und seiner Frau Helene geb. Stern, geb. 26.4.1861 in Soest, Tochter des Kaufmanns Eduard Stern und seiner Frau Sophie, geborene Schnerbeck. Eine Tochter Bertha war bereits am 28.8.1887 in Karlsruhe geboren und starb am gleichen Tage. Sie hatte einen älteren Bruder Philipp (geb. 1888 in Karlsruhe), über den in einer eigenen Biografie berichtet wird, eine jüngere Schwester Margarete (geb. 1891 in Karlsruhe) und zwei weitere jüngere Brüder, Heinrich (am 24.6.1894 in Karlsruhe geboren und 4 Monate später gestorben) und Erich (geboren am 31.7.1898), der als Kriegsfreiwilliger 1915 in den Krieg zog und am 31.8.1917 als 19-jähriger Soldat in Rußland fiel. So hatte sie eigentlich nur einen Bruder und eine Schwester. Aber sie hatte eine große Schar von Cousinen und Cousins, Onkel und Tanten.

Herbert Kaufmann (geb. 1924), ältester Sohn von Henriette Marx' Schwester Margarete, die den Frauenarzt Dr. Eugen Kaufmann 1923 geheiratete hatte und mit ihm im gleichen Jahr nach Basel umsiedelte, berichtete 1997 in einem Interview, das aufgezeichnet wurde: „Die Familie Fuchs war jüdisch, aber nicht in einem konservativen Sinn, sondern ausgesprochen liberal. Die Eltern meiner Mutter“ - also Bernhard und Helene Fuchs – „hatten an der Kriegsstraße (Nr. 41) in Karlsruhe ein geräumiges Haus. Von Freitag Morgen bis Sonntag Abend war es ein sog. ‚open house’, das hieß, die ganze große Fuchs-Familie und alle Angeheirateten konnten jederzeit ab zehn Uhr früh antreten. Die Verwandten kamen und gingen, ständig standen frische Speisen und Getränke auf dem Tisch, es war ein Hin und Her und ein umfassender Informationsaustausch zwischen allen. Man wusste genau übereinander Bescheid und man respektierte sich. Die Oma Fuchs“ - also Helene Fuchs – „führte auch nach dem Tod ihres Mannes einen sehr gutbürgerlichen Lebensstil; sie war eine Patriarchin, sie hat da gethront und das Defilee der Fuchs-Familie abgenommen. Für das leibliche Wohl und den Erhalt des Haushaltes sorgten 2 Mädchen und eine Köchin. Der Chauffeur wohnte mit seiner Familie auf dem Grundstück. Unter der Woche fuhr er für die Fabrik (gemeint ist die Holzhandlung H. Fuchs Söhne), und am Wochenende für die Familie. Den Sommer verbrachten die Füchse in Herrenalb, einige Familienmitglieder fuhren auch nach Marienbad oder Karlbad, mit dem eigenen PKW natürlich.“ Das war die Welt, in der Henriette Fuchs aufgewachsen war. Die Rolle der Fuchs-Familien-‚Matriarchin’ Fanni, die ihren 1893 verstorbenen Mann Hirsch noch um 20 Jahre überlebte, hatte Helene Fuchs nach dieser Beschreibung offensichtlich übernommen. Und die Töchter Henriette und Margarete haben auch noch das „Regiment“ von Fanni Fuchs erlebt und dies war gewiss lebenslang prägend (über Fanni Fuchs wird in der Biografie Philipp und Edith Fuchs berichtet). Als sie heiratete, war sie kaum 22 Jahre. Wir wissen nicht einmal, welche Schule(n) sie besucht hat.

Eigentümlicherweise wird Henriette Fuchs in dem langen Interview, das die Tochter Elisabeth gab, nur ein einziges Mal kurz erwähnt, so als hätte es sie gar nicht gegeben, der Vater hingegen wird in diesem Interview immer wieder, vor allem auch dankbar ob seiner steten, großen Fürsorge, erwähnt. Sie wird, wie das in jener Zeit üblich war, ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Familie, auf Mann und Kinder, und auf den Haushalt konzentriert haben. Hinzu kam, dass die Familie Marx, bedingt durch den Beruf des Vaters und die große Fuchs-Familie, viele Gastgeber-Verpflichtungen hatte, umgekehrt natürlich auch ungezählte Einladungen wahrnehmen musste. Eine ständig beschäftigte Hausangestellte war selbstverständlich. Man gehörte zur Gesellschaft. Jakob Marx kannte „Gott und die Welt“ und war mit vielen Menschen befreundet, vor allem auch aus der Anwaltsszene, so auch mit dem bekannten Dr. Ludwig Marum.

Elisabeth Marx berichtete, die Familie hatte in Herrenalb (damals noch nicht „Bad“) ein Ferienhaus gemietet, wo alle vier an den Wochenenden und während der kurzen Ferien weilten. Und da Jakob Marx auch Mitglied des Schwarzwald-Vereins war, darf angenommen werden, dass die Familie auch ausgedehnte Spaziergänge respektive Wanderungen im Schwarzwald unternahm. In den Großen Ferien machte die Familie regelmäßig Urlaub in der Schweiz, wie übrigens die meisten Fuchs-Familien auch.

Die Anwaltspraxis von Dr. Jakob Marx lief so gut, dass er bereits zum 1.4.1924 einen Sozius zu sich in die Praxis nahm, nämlich den ebenfalls beim OLG Karlsruhe zugelassenen Rechtsanwalt Dr. Reinhard Anders, geboren am 4.11.1898 in Berlin-Charlottenburg, jüngstes von 2 Kindern des Majors Lothar Anders und seiner Ehefrau Katharina geb. Fräntzel: von ihm wird später noch öfters die Rede sein. Anders wurde mit einer Dissertation über das Thema „Die rechtliche Stellung der Nebenberufe im gemischten Betrieb, insbes. In der Konkurrenz von Tarifverträgen“ am 1.10.1922 an der Universität Freiburg promoviert. Zu Dr. Anders ist aus dem Interview von Elisabeth Marx überliefert, dass dieser als sehr akribisch arbeitend geschätzt wurde, der vor allem - für OLG-Prozesse besonders wichtig - sich intensiv dem Studium von Literatur und Rechtsprechung widmete, während Jakob Marx diesem Teil des Berufes nicht viel abgewinnen konnte und sich lieber auf seine Plädoyers vor Gericht konzentrierte. Zu diesem Urteil kann Elisabeth Marx nicht selbst gekommen sein, sie wird es von ihrem Vater gehört haben.

Am 3.12.1926 starb Bernhard Fuchs in Karlsruhe, der älteste der Söhne von Hirsch Fuchs,
70-jährig, Vater von Henriette. Seine Witwe Helene blieb auch weiterhin in dem 1900 von ihrem Mann erworbenen Haus Kriegsstraße 41 wohnen, ab 1930 allerdings nur mehr als Mieterin, denn das Haus war an die Allgemeine Ortskrankenkasse Karlsruhe verkauft worden. 1935 zog sie dann aber in das Haus ihres Schwiegersohnes in der Beethovenstraße 1.

Jakob Marx war Mitglied in allen relevanten jüdischen Vereinen und Organisationen, so auch im Vorstand des „Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens“, was ihn monatlich einmal zu Sitzungen nach Berlin führte, außerdem war er auch im Jahre 1927 Vorsitzender des Landesverbandes Baden. Gleichwohl waren - so die Tochter Elisabeth - Jakob und Henriette Marx nie religiös, aber die Meinung vom Vater sei gewesen, man müsse etwas von der Religion wissen, um zu entscheiden, ob man religiös werden wolle oder nicht - deshalb wurden die Kinder auch in den Religionsunterricht geschickt, blieben an jüdischen Feiertagen dem Schulunterricht fern (was explizit erlaubt war), besuchten an Hohen Feiertagen die Synagoge und wurden auch jüdisch ,konfirmiert’.
Jakob Marx gehörte auch zu den ersten Mitgliedern des 1908 gegründeten Vereins "Badische Heimat" in Karlsruhe, der sich "Volkstum und Heimat" verbunden fühlte. Ihm gehörten seinerzeit zahlreiche staatliche Institutionen und Honoratioren als Einzelmitglieder an.

Die florierende Anwaltspraxis Dr. Jakob Marx/Dr. Reinhard Anders - eine der erfolgreichsten in Karlsruhe, so Dr. Anders - machte es erforderlich, dass schon am 1.1.1929 ein weiterer Sozius hinzukam: Dr. Friedrich (Fritz) Hertz, geb. am 9.11.1901 in Karlsruhe, älterer von 2 Söhnen des Ledergroßhändlers Otto und Charlotte Hertz. Friedrich Hertz machte 1920 sein Abitur am Bismarck-Gymnasium in Karlsruhe mit der Note „sehr gut“ und studierte danach 7 Semester Jura an den Universitäten Heidelberg, München und Freiburg und legte im Frühjahr 1924 sein Erstes Staatsexamen mit „gut“ ab (3. von 36 Kandidaten). 1925 wurde er mit einer Dissertation zum Thema „Zweckbegriff und juristische Person“ an der Universität Heidelberg promoviert. Seine Zweite Staatsprüfung legte im Dezember 1928 ebenfalls mit „gut“ ab. Eine seiner Ausbildungs-Stationen absolvierte er bei Dr. Anders, zu dessen Vertreter er auch im November 1927 vom OLG bestellt wurde. Am 29.12.1928 wurde ihm die Zulassung als Rechtsanwalt beim OLG Karlsruhe erteilt.
Am 31.12.1925 heiratete er in Weinheim die von dort stammende Erna Rosa Hirsch, geboren am 31.12.1902, Tochter des Fabrikanten Max Hirsch, Mitinhaber der Lederwerke Sigmund Hirsch GmbH. 2 Kinder wurden ihnen geboren: Anita Lore (24.11.1926) und Dorothea Brigitte (12.1.1930). Die jüngere Schwester von Erna Hirsch, Marianne (geb. 1905) hatte Dr. Wilhelm Werner Fuchs, einer der zahlreichen Miteigentümer der Holzfirma, jüngerer Sohn des belgischen Konsuls Arthur Fuchs, geheiratet; so war Dr. Friedrich Hertz durch seine Frau mit der Familie Fuchs verwandt.

Im Hause Marx wurde mit Freunden und Bekannten oft über Politik gesprochen, auch in Anwesenheit der Kinder. Elisabeth Marx berichtete von einem Spaziergang ihres Vaters mit seinem Freund Ludwig Marum, bei dem sie die beiden begleitete: „Ich habe gehört - das muß 1932 gewesen sein - da lagen die Nazis schon in der Luft - wie Marum sagte: ‚Die allgemeine Meinung ist, dass, wenn man Hitler an die Macht kommen lässt, der sich höchstens 6 Monate halten kann und dann wird’s vorbei sein. Und das ist vielleicht die beste Lösung’.
Er hat nicht gesagt, das sei seine Meinung, sondern wahrscheinlich, was seine Kollegen im Reichstag dachten. Aber mein Vater hat das nicht geglaubt. Er hat gesehen, dass da eine große Gefahr für die Juden besteht und auch für andere - und es nicht leicht wird, den Hitler als Kanzler rauszubekommen, wenn er mal dort sitzt.“ - Wie Recht er hatte, zeigte sich bald!

Das Jahr 1933 und was folgte
Der Erste von den hier genannten Personen, den die ‚Neue Zeit’ nach Hitlers Machtübernahme traf, war Rechtsanwalt Dr. Ludwig Marum. Er wurde am 10.3.1933 zusammen mit einigen anderen verhaftet und in das Gefängnis in der Riefstahlstraße verbracht; am 16.5.1933 wurde er zusammen mit den anderen Mitverhafteten von hier in das Konzentrationslager Kislau gebracht und dort am 19.3.1934 auf Anordnung des Gauleiters Robert Wagner ermordet.

Als nächsten trafen Friedrich Hertz die Auswirkungen des „Gesetzes über die Zulassung zur Rechtsanwaltschaft vom 7.4.1933“: seine Zulassung als Anwalt wurde mit ministeriellem Schreiben vom 18.4.1933 mit Wirkung zum 21.4.1933 zurück genommen. Eine Eingabe beim Ministerium, die er zusammen mit den Karlsruher Anwaltskollegen Dr. Bertold Moch, der erst seit dem 14.4.1932 als Anwalt beim OLG zugelassen war (und Sozius der Anwälte Dr. Meier und Dr. Straus war), und Ernst Marx (nicht verwandt mit Jakob Marx, Sozius der Anwälte Dres. Marum, Nachmann und Jeselsohn ), die das gleiche Schicksal traf, wenigstens die laufend bearbeiteten Vorgänge noch weiterhin bearbeiten zu können und die Rücknahme seiner Anwaltszulassung aufzuschieben, hatte nur einen minimalen Erfolg, die Zulassung wurde ihm schlussendlich per 15.7.1933 entzogen, seinen Kollegen bereits per 15.6, um ihnen die Beendigung ihrer Armenrechtsmandate zu erleichtern. Auch sein Bittgesuch an den Präsidenten des Oberlandesgerichtes, Dr. Karl Buzengeiger, dieser möge doch seinen Antrag beim Ministerium unterstützen, hatte keinen Erfolg, Buzengeiger machte keine Anstalten, der Bitte zu entsprechen. Das war natürlich für Friedrich Hertz, gerade mal 32 Jahre jung, verheiratet, mit 2 Kindern, eine Katastrophe, „vernichtend“, wie er in seiner Eingabe an das Ministerium schrieb, denn nun war er ohne Einkommen. Was sollte er tun? Schließlich wurde er in der Firma seines Vaters, der Ledergroßhandlung „Gebr. Schnurmann Nachf.“ in Karlsruhe, Kaiserallee 25, mit Zweigniederlassung in Pirmasens, als kaufmännischer Angestellter tätig, später erhielt er auch Prokura. Friedrich Hertz' Bruder Hermann (geb. 21.5. 1913), Student der Wirtschaftswissenschaften in Kiel und Heidelberg , brach sein Studium in Deutschland 1933 nach 3 Semestern aus Verfolgungsgründen ab und setzte es in Paris an der Sorbonne fort, aber schon nach einem Jahr konnte der Vater ihm das Studium nicht mehr bezahlen, und er kehrte nach Karlsruhe zurück und arbeitete ebenfalls im Geschäft seines Vaters, das natürlich auch massiv von dem Juden-Boykott finanziell betroffen war.

Jakob Marx behielt seine Anwaltszulassung, da er bereits vor 1914 als Anwalt zugelassen war. Reinhard Anders behielt ebenfalls seine Anwaltszulassung als Frontkämpfer im Krieg (Kriegsfreiwilliger seit 1.12.1916). Das waren die einzigen beiden Ausnahmetatbestände des erwähnten Gesetzes, nach denen jüdische Anwälte ihre Zulassung behalten konnten - vorerst. Als Dr. Anders dem Justizministerium gegenüber den „Ariernachweis“ zu erbringen aufgefordert wurde, antwortete er, seine Eltern und alle seine Großeltern seien evangelischlutherisch; er wurde belehrt, dass es nicht auf die Religionszugehörigkeit ankomme, sondern auf die Rasse. Und da er nicht oder nicht schnell genug entsprechende Nachweise vorlegen konnte, wurde von Amts wegen der „Sachverständige für Rasseforschung“ beim Reichsinnenministerium eingeschaltet, der herausfand, dass Anders eine jüdische Großmutter hatte. So wurde er in die „Liste der nichtarischen Anwälte“ aufgenommen.

Am 1.4.1933 wurden reichsweit alle jüdischen Geschäfte und - fast - alle jüdischen Anwaltskanzleien und Arzt-/Zahnarztpraxen durch die SA boykottiert, z.T. auch verwüstet, auch in Karlsruhe. Aber in keinem der erwähnten Interviews ist auch nur andeutungsweise die Rede davon, dass die Praxis von Dr. Marx oder von Dr. Albrecht Fuchs, einem Cousin von Henriette Marx, oder anderen aus dem Fuchs-Clan in irgendeiner Weise an diesem Tage in Mitleidenschaft geriet. Aber Moritz Marx, der Bruder von Jakob Marx, wurde am 16.8.1933 an der Haustür seines Hauses Turmbergstraße 17 in Durlach, das er 1922 erworben hatte, von SS-Leuten überfallen und brutal zusammengeschlagen. Die Gründe sind nicht aktenkundig und was aus diesem Überfall folgte, ebenfalls nicht.

1934 wurde Jakob Marx, so berichtete die Tochter Elisabeth, sehr krank, er habe eine schwere Operation gehabt und erlitt danach noch einen Herzinfarkt. Deshalb konnte eine frühzeitige Auswanderung der Familie - wie eigentlich geplant - nicht stattfinden.

Jakob Marx hatte zwar, wie dargestellt, seine Anwaltszulassung auch weiterhin, aber ab 1934 gingen seine Einnahmen aufgrund des Boykotts jüdischer Anwälte dramatisch zurück, fast niemand traute sich mehr, einem jüdischen Anwalt ein Mandat zu übertragen, und die Nazi-Oberen, die großen und die kleinen samt ihren zahlreichen Zuträgern, achteten sehr darauf, dass dieser Boykott auch praktiziert wurde. Es gehörte schon viel Mut dazu, wenn in dieser Zeit ein Nichtjude einem jüdischen Anwalt ein Mandat übertrug. Hatte Jakob Marx für 1933 noch über 54.000 RM Honorareinnahmen, so halbierte sich dieser Betrag im Folgejahr und sank auf weniger als 10.000 RM in 1935 und ging bis zu seiner Auswanderung 1938 auf 5.000 RM zurück.
Zum 1.7.1936 wurde die noch bestehende Sozietät zwischen Dr. Marx und Dr. Anders beendet. Anders übernahm - gegen Entgelt - die gesamte juristische Fachbibliothek und das Büroinventar von Marx und verlegte seine Praxis in das Haus Hoffstraße 8, wo die Kanzlei unter dem Kanzlei-Namen Hamm, Haidinger, Müller-Wirth, Auer, Maschke noch immer, nach 70 Jahren, domiziliert. Zum 1.10.1934 kam seine 4 Jahre ältere Schwester Dr. Charlotte Anders (geb. 22.9.1894), unverheiratet, zu ihm als Sekretärin in die Praxis. Sie war, seit 1921 Beamtin, seit 1928 als Regierungsrätin beim Hessischen Landesarbeitsamt in Frankfurt a.M. tätig, aufgrund des „Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ wegen ihrer nichtarischen Abstammung zum 31.3.1934 entlassen worden und fand - trotz intensiver Bemühungen und Fürsprachen prominenter Persönlichkeiten - in Hessen keine Arbeit mehr und kam deshalb zu ihrem Bruder nach Karlsruhe. Dr. Marx praktizierte noch ein wenig in seiner Wohnung als „Konsulent“ für jüdische Mandanten im Zusammenhang mit Auswanderungen, aber das brachte ihm nicht mehr als 5.000 RM im Jahr ein. Dr. Anders gelang es, so berichtete er, in der Zeit danach nur sehr mühsam und allmählich, eine geringfügige Praxis aufzubauen, durch seine Sozietät mit jüdischen Anwälten war er sozusagen stigmatisiert. Mit Kriegsbeginn kam die Praxis fast vollständig zum Erliegen, und er arbeitete danach bei der Karlsruher Lebensversicherung AG.

Elisabeth Marx besuchte von 1924 bis 1928 eine kleine Privatschule, in der Nähe ihrer Wohnung gelegen, das war ihre Volksschule. Von April 1928 bis Ostern 1934 besuchte sie das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe. Obwohl sie gute Noten hatte, stellte sie dieser Schule ob ihrer Lehrmethoden ein miserables Zeugnis aus; 7 Jahre habe sie dort Französisch-Unterricht gehabt, aber sie konnte weder Französisch sprechen noch verstehen. Und sie berichtete von Luftschutzübungen, die im Jahre 1933 an der Schule abgehalten wurden (!). Auch ihre Schwester Gertrud besuchte das Lessing-Gymnasium von Mai 1933 bis März 1937, mit weniger guten Noten als ihre Schwester Elisabeth. Direkten Antisemitismus habe sie nicht erlebt, berichtete Elisabeth Marx, möglicherweise jedoch ihre Schwester, die noch länger in Deutschland lebte, aber diese konnte kein Zeugnis mehr ablegen.
Elisabeth Marx wollte gleichwohl nicht mehr in Deutschland bleiben, es gefiel ihr nicht mehr, nicht nur wegen der Schule nicht, die Lebensverhältnisse wurden unangenehmer, das einzige Vergnügen, dem man noch nachgehen konnte, sei das Kino gewesen. Nach Ostern 1934 verließ sie Deutschland, die Eltern brachten sie in eine Internats-Schule bei Meran/Südtirol auf dem Vigiljoch gelegen, 1.500 m hoch, über dem Etschtal. Der Vater hatte das organisiert (und bezahlt). Für sie war das fast wie ein Traum. 1 Jahr blieb sie dort. Noch 60 Jahre später schwärmte sie von dieser Zeit: „Wir haben Ausflüge gemacht in die Dolomiten und nach Florenz und nach Verona zur Oper“. Und der Schulunterricht - die meisten Schulkinder seien Emigrantenkinder gewesen - habe ihr sehr viel Freude gemacht. Danach reiste sie nach Rom, 3 Monate lebte sie dort, und lernte die Stadt intensiv kennen. Sie habe sich nicht wegreißen können von Rom, sagte sie. Danach besuchte sie für 1 Jahr eine - sehr altmodische - Handelsschule in Neuchatel in der Schweiz, um Französisch zu lernen und wohnte in einer Privatpension Auch dieser Aufenthalt wurde von ihrem Vater organisiert (und bezahlt). 1936 ging sie - auf Dauer - nach England. Sie war inzwischen 18 Jahre und für volljährig erklärt worden. Der Vater hatte, wie immer, alles organisiert und sie auch mit genügend Geld versehen, wovon sie leben konnte, bis sie auf eigenen Füßen stehen würde. Ihr Ziel war eine eigene kleine Buchhandlung. Das war auch der Wunsch des Vaters, der auch gleich aus seinem sehr großen Bücherbestand 20 große Kartons voll mit Büchern zu ihr nach London schickte, das sollte der Grundstock für ihr Geschäft sein. Auch der Flügel wurde ihr nach London geschickt, was darauf schließen lässt, dass sie gut Klavier spielen konnte. Davon hat sie allerdings in ihrem Interview nichts erwähnt. Sie besuchte zunächst am Pitman's College in London englischen Sprachunterricht, lernte englische Handelskorrespondenz und Stenografie. In einem anschließenden Kochkurs lernte sie, wie man nicht kocht, sagte sie. Für die angestrebte Buchhändler-Tätigkeit musste sie zunächst eine entsprechende Lehre absolvieren, die der Vater ebenfalls organisiert hatte, und zwar in einem kleinen, renommierten Antiquariat. In London. Als sie nach England kam wohnte sie zunächst bei ihrem Onkel Hugo, einem Bruder des Vaters, in einem Vorort von London. Merkwürdigerweise gibt es über diesen Onkel Hugo überhaupt keine Informationen. Sie erwähnt diesen Onkel in ihrem Interview nur einmal. Von 1937-1941 war sie Lehrling in diesem Antiquariat. Da sie bald merkte, dass sie keinen Sinn für’s Geschäftliche hatte, verkaufte sie - aus diesem Laden - nach und nach ihre eigenen Bücher.

Gertrud Marx besuchte von Mai 1933 - März 1937 ebenfalls das Lessing-Gymnasium in Karlsruhe, wie schon erwähnt mit nicht ganz so guten Noten wie ihre ältere Schwester. Im gleichen Jahr ging sie nach England zu ihrer Schwester, die - nach ihrem Bekunden - nun die Elternrolle gegenüber ihrer kaum 15-jährigen Schwester wahrzunehmen hatte. Elisabeth hatte für ihre Schwester eine gute Schule ausgesucht, die sie die nächsten 1 ½ Jahre besuchte und die Examina gut bestand.

Das Jahr 1938
Das Jahr 1938 war ein Jahr voller Dramatik für die Juden und endete oft in einer Tragödie, es war vor allem das Jahr der - erzwungenen - Auswanderungen in großer Zahl in eine völlig ungewisse Zukunft, oft in bittere Armut. Alle wussten, dass es in Deutschland für sie keine Zukunft mehr geben werde, auch den letzten ,Optimisten’, die Verhältnisse würden sich bessern, war dies inzwischen klar geworden. Dass sie bald um ihr Leben fürchten mussten, ahnten vielleicht einige, die meisten sicherlich nicht. Die Nazis förderten die Auswanderungsbemühungen, d.h. Reisepässe zum Zwecke der Auswanderung wurden problemlos ausgestellt. Und nicht selten gab es auch ‚Parteigrößen’, kleine und größere, die ein sehr persönliches Interesse an der Auswanderung bestimmter Personen hatten, weil sie sich so sehr bequem deren Besitz aneignen konnten oder ganz einfach lästige Konkurrenten los werden wollten; auch freie Berufen wie Ärzte und Anwälte waren davon nicht ausgenommen. Aber die Juden mussten eine so genannte Reichsfluchtsteuer bezahlen, 25% ihres Vermögens, ihren Grundbesitz und oft auch ihr sonstiges Hab und Gut verkaufen (meist zu Spottpreisen), Wertpapiere zu einem winzigen Bruchteil verkaufen, um an die dringend für den Neuanfang benötigten Devisen zu kommen - um nur einige der Belastungen zu nennen, die die Menschen auf sich nehmen mussten. Oft wurde so ein Lebenswerk, an dem vielleicht Generationen gearbeitet hatten, im ‚Handumdrehen’ zerstört.
Einige Mitglieder der Fuchs-Familien waren bereits in den Jahren zuvor ausgewandert.
Am 28.5.1938 machte sich der oben erwähnte Friedrich Hertz auf die Reise in die USA, seine Familie, die Frau und die beiden Kinder, ließ er im September nachkommen, er wollte erst sehen, wo er festen Wohnsitz nehmen konnte. Das war dann in San Francisco. Sein Bruder war bereits im Jahr zuvor in die USA ausgewandert. Die Eltern, Otto und Charlotte Hertz, kamen im März 1939 ebenfalls in die USA. Ein Neuanfang als Anwalt war für Friedrich Hertz nicht möglich, so verdiente er ab März 1939 den Lebensunterhalt als Versicherungsvertreter.

Jakob Marx hatte versucht, Visa für sich, seine Frau und die Schwiegermutter Helene Fuchs für die USA zu bekommen, es waren sogar schon Schiffskarten bestellt, berichtete die Tochter Elisabeth, aber es klappte nicht. So entschloss sich die Familie zur Auswanderung nach Frankreich, Visa für Frankreich hatten sie vom Französischen Konsulat in Karlsruhe. Am 26.8.1938 reisten sie in Frankreich ein und nahmen Wohnsitz in Nizza in der Rue Verdi 21, eine Straße im Musikerviertel von Nizza, eine gute Wohngegend. Und mit ihnen kam auch das - nichtjüdische (!) - Hausmädchen aus Karlsruhe. Auch solcher ‚Komfort’ war zu dieser Zeit keineswegs ganz selten. Warum Nizza? Das ist nirgendwo aktenkundig, es gab auch weder Freunde noch Verwandte in Nizza.
Da er nicht sein ganzes bewegliches Hab und Gut nach Nizza abtransportieren lassen wollte oder konnte, bat Jakob Marx seinen vormaligen Sozius Dr. Anders, nach seiner Abreise den Verkauf dieser Gegenstände in seinem Haus in der Art einer Auktion zu organisieren und zu beaufsichtigen, was dieser auch tat. Er berichtete, wie dieser Ausverkauf vor sich ging: beschämend, unwürdig, die Interessenten fielen über die ‚Beute’ her, aber niemand wollte auch nur annähernd einen fairen Preis zahlen, so wurde am Ende alles verschleudert, und die Familie erlitt dadurch einen erheblichen materiellen Schaden. Von Nizza aus gab Jakob Marx mit Schreiben vom 15.10.1938 an das OLG seine Anwaltzulassung zurück, sie wäre ihm ohnehin per 30.11.1938, wie allen anderen jüdischen Anwälten auch, die die Zulassung nominell noch immer hatten, entzogen worden. .

Wenige Tage zuvor hatte Jakob Marx noch seine Geschäftsanteile an der Lederfabrik in Hornberg an die Tochter Margarete seines Bruders Moritz übertragen, der seinerseits mit Vertrag vom gleichen Tag seine Geschäftsanteile an seinen Sohn Hermann übertrug und von der Geschäftsführung der Firma zurücktrat, diese seinem Sohn übertrug, um dem Betrieb den Anschein eines jüdischen Unternehmens zu nehmen. Da Moritz Marx mit einer Christin, Wilma geb. Ammann, geboren am 7.8.1884 in Bretten, verheiratet war, waren die Kinder nach den so genannten Nürnberger Gesetzen „Mischlinge 1. Grades“.
Moritz Marx besaß in der Nähe von Hornberg im Schwarzwald, auf dem Fahrenbühl, ein Ferienhaus, in dem er oft mit Familie die Wochenenden verbrachte. Zweimal, am 1.9. und am 1.10.1938, wurden von 2 SA-Leuten aus der Nachbargemeinde Sulzbach im Auftrage des Kreisleiters aus Rottweil, der das Haus in seine Besitz bringen wollte, Sprengstoffanschläge auf das Ferienhaus verübt. Auch solche Vorfälle waren zu jener Zeit keinesfalls absolute Einzelfälle.
Dann kam der berüchtigte 9. November 1938, in die Geschichtsbücher als „Reichskristallnacht“ eingegangen, als reichsweit die Synagogen brannten oder sonstwie zerstört, jüdische Geschäfte verwüstet und geplündert wurden und zehntausende Juden in die Konzentrationslager Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen verbracht wurden, aus Karlsruhe allein mehr als 400 Männer, darunter auch Moritz Marx, der einzige von den Karlsruhern, der über 60 Jahre war, und der Cousin von Henriette Marx, der bekannte Architekt und Musiker Dr. Richard Fuchs, die alle nach Dachau kamen. Ihr Bruder Philipp war gleichfalls zum Abtransport nach Dachau vorgesehen. Als die Gestapo ihn am Morgen des 10. November aus der Wohnung abholen wollte, nahm er sich das Leben, er erschoss sich. In der Biografie Philipp und Edith Fuchs wird diese Tragödie im Detail beschrieben.

Elisabeth und Gertrud Marx beabsichtigten, ihre Eltern an Weihnachten 1938 in Nizza zu besuchen. Einige Tage vor der geplanten Abreise erhielt Elisabeth einen Anruf von ihrer Mutter aus Nizza, in dem sie gebeten wurde, sofort zu kommen, da der Vater schwer erkrankt sei. Jakob Marx starb am 14.12.1938 in Nizza, noch bevor die Töchter von London kommend, eintrafen. Sie flogen von London nach Paris und von dort mit einem Postflugzeug nach Marseille, verpassten den Anschluss nach Cannes, der nächste Flughafen für Nizza. Sie nahmen ein Taxi nach Nizza, am nächsten Tag war die Beerdigung, mit einer völlig befremdlichen Zeremonie, wie Elisabeth fand und schilderte.
Bald nach dem Tod von Jakob Marx zog es das Hausmädchen, deren Namen nie genannt wurde, wieder zurück nach Deutschland, obwohl sie hervorragend bezahlt wurde. Elisabeth und Gertrud kehrten zurück nach London. Im Sommer 1939, Gertrud hatte ihre Examina abgelegt, fuhr sie mit einer Freundin in die Ferien zu ihrer Mutter nach Nizza. ‚Krieg lag in der Luft’. Die Freundin kehrt nach London zurück, aber die Mutter fühlte sich so einsam nach dem Tod ihres Mannes und überredete ihre Tochter Gertrud, bei ihr zu bleiben und an der Universität Französisch zu lernen. Gertrud blieb - und saß in der Falle, denn nun war der Krieg ausgebrochen, und sie konnte nicht mehr zurück nach England. Was später folgte, konnte natürlich niemand ahnen, aber Tatsache in der Rückschau ist, dass dies das Leben von Gertrud Marx kostete. Henriette Marx hatte nach dem Tod ihres Mannes intensiv versucht, ein Visum für die USA zu bekommen, aber es klappte nicht.

Margarete Kaufmann, die jüngere Tochter von Helene Fuchs, in Basel verheiratet, Schwester von Henriette Marx, nahm danach noch für einige Monate ihre Mutter zu sich und ihre Familie nach Basel. Ihr Mann, Eugen Kaufmann, versuchte auch für Henriette Fuchs und ihre bei ihr lebende Tochter Gertrud eine Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, aber vergebens. Sie kamen zwar, blieben aber nur wenige Tage und fuhren dann alle drei zurück nach Nizza.

Moritz Marx konnte noch am 16.1.1940 nach Uruguay zu seinem Sohn Paul auswandern.

In der Falle - das Ende von Henriette und Gertrud Marx
Gertrud Marx wollte nun eine Dolmetscherausbildung beginnen, da sie eine solche in England, wie vorgesehen, nicht mehr machen konnte. Sie begann noch im Jahr 1939 diese Ausbildung an der örtlichen Universität bis in das Jahr 1940 hinein; genaue Daten sind nicht bekannt.
Was nun folgte, liegt weitgehend im Dunkel und wirft viele Fragen auf, die nicht mehr beantwortet werden können. Vermutlich im Zusammenhang mit dem Waffenstillstand zwischen Deutschland und Frankreich im August 1940 wurden Henriette und Gertrud Marx interniert. Ob auch Helen Fuchs, inzwischen 79 Jahre, ebenfalls interniert wurde, ist fraglich, vermutlich nicht. Wo und wie Mutter und Tochter Marx die Internierung verbrachten, wie ihr Leben dabei (oder dort) war, ist völlig im Dunkeln. Waren sie in einem der zahlreichen Lager in Südfrankreich? Jedenfalls im Jahre 1941, das genaue Datum fehlt, wurden sie wegen des schlechten Gesundheitszustandes von Henriette Marx wieder aus der Internierung entlassen und kehrten in ihre Wohnung nach Nizza zurück, wo Helene Fuchs - mutmaßlich - die ganze Zeit allein lebte. Elisabeth Marx schickte der Mutter regelmäßig Geld über das Rote Kreuz von London nach Nizza. Und es gab auch einen Briefwechsel über Lissabon, wo ein Cousin von Henriette Marx, auf der Flucht aus Deutschland zeitweilig lebte. Am 28.8.1942 wurden Henriette Marx und ihre Tochter Gertrud von der französischen Gendarmerie verhaftet und nach Nizza in die Kaserne Auvare, zusammen mit vielen anderen, gebracht. Der Karlsruher Rechtsanwalt Ernst Marx, von dem oben schon die Rede war, der in Nizza zusammen mit seiner Frau als Emigrant von Oktober 1940 - Oktober 1943 lebte, war bei der Verhaftung zugegen und berichtete darüber. Ein Rätsel ist allerdings, warum nicht auch er verhaftet wurde. Die Verhaftung erfolgte in der Ortschaft Moulinet, in den umliegenden Bergen gelegen, wo sie im Hotel des Tilleuls, einer kleinen Pension, lebten. Warum und seit wann sie dort lebten und nicht mehr in Nizza, ist unbekannt, ebenso, ob die Mutter auch dort lebte oder weiterhin in Nizza. Jedenfalls wollte die Gendarmerie die 80-jährige alte Helene Fuchs nicht haben, was völlig unverständlich ist, denn derartige Verhaftungen machten sonst vor dem Alter nicht Halt. Am Folgetag, 29.8.1942, wurden Henrietta und Gertrud Marx nach Chalons-sur-Saone, eine der Grenzstationen zur besetzten Zone, gebracht und den Deutschen übergeben. Von dort kamen sie noch am selben Tage nach Drancy bei Paris, dem riesigen Sammellager für die Transporte in die Vernichtungslager in Polen. Am 2.9.1942 wurden sie mit Transport Nr. 27 nach Auschwitz deportiert. Der Transport umfasste - wie üblich – 1.000 Personen, darunter 140 Kinder. Bei Ankunft wurden 10 Männer und 113 Frauen „zur Arbeit“ selektiert, alle übrigen wurden am gleichen Tag vergast und verbrannt. 30 von den 123 Selektierten haben überlebt. Henriette und Gertrud Marx waren nicht darunter. Henriette Fuchs war zu diesem Zeitpunkt schon über 50, es kann daher mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit angenommen werden, dass sie sofort bei Ankunft ermordet wurde. Gertrud Fuchs war aber gerade 20 Jahre, und oft wurden die unter 40-jährigen, Kinder ausgenommen, zur Arbeit selektiert und nicht gleich ermordet. Es ist daher durchaus möglich, dass sie tatsächlich noch einige Zeit gelebt hat und erst einige Wochen oder sogar Monate später starb oder ermordet wurde.

Elisabeth Marx berichtete, dass eines Tages in 1942 ihre Geldsendung zurückkam mit dem Vermerk „Empfänger unbekannt verzogen“. Sie ahnte Schlimmes, aber erst Jahre später erfuhr sie, was wirklich geschah.

Helene Fuchs blieb allein in Nizza zurück. Ernst Marx kümmerte sich um die alte Frau.
Am 1.2.1943 starb sie in Nizza an Bronchitis. Ihre in Basel lebende Tochter Margarete kam nach Nizza zur Beerdigung.

Nachzutragen bleibt:
Elisabeth Marx wollte schon während ihrer Buchhändler-Lehre zur britischen Army, aber das ging nicht, da sie die britische Staatsangehörigkeit nicht besaß (und während des Krieges auch nicht zu erlangen war). So kam sie zwar 1942 zur Army, aber nur als Köchin und blieb dies bis Ende 1945. Erst dann kam sie zum Army Education Corps, nach dem sie - endlich - naturalisiert war, zuständig für Ausbildung, Kurse und Lehrgänge für ehemalige Kriegsteilnehmer, später im administrativen Bereich als Sekretärin tätig. Anfang 1947 verließ sie die Army im Range eines Stabsfeldwebels. Ihr weiteres Leben ist hier verkürzt wiedergegeben. 1960 heiratete sie, inzwischen 42 Jahre, ihren - 20 Jahre älteren - Onkel Sigmund Heinz Fuchs, in Karlsruhe 1898 geboren als jüngster Sohn von Gustav Fuchs, einem der 3 Gründer von H. Fuchs Söhne, Arzt, Psychiater, seit 1933 in London lebend, der sich später Michael Foulkes nannte. Die Eltern von Elisabeth Marx waren in Karlsruhe sehr eng mit Siegmund Fuchs , der in den 20 er Jahren einige Zeit in Karlsruhe lebte und praktizierte, befreundet, sie mochte ihn seit dieser Zeit besonders. Für ihn war es die dritte Ehe: von der ersten Frau war er geschieden, die zweite starb. Aus der Ehe mit Michael Foulkes gingen keine Kinder hervor. In dessen Wirkungsbereich hatte sie schon Jahre vor der Eheschließung und später auch bis zu seinem Tode 1976 in London gearbeitet, als Sekretärin und später als Assistentin. 2004 ist sie in London gestorben, 86-jährig.

Ernst Marx, der der Marx -Familie in Nizza beigestanden hat, starb im Oktober 1954 in Paris. Ob seine Frau ihn überlebt hat, ist nicht bekannt.

Moritz Marx, der Bruder von Jakob Marx kam im Juli 1949 aus Uruguay nach Durlach zurück; er starb hier am 20.8.1957.

Dr. Reinhard Anders baute nach dem Krieg - praktisch von ‚Null’ - seine Anwaltspraxis wieder auf. Er war auch der erste Nachkriegs-Präsident der Karlsruher Anwaltskammer. Über Jahre hinweg waren er und die mit ihm zusammen arbeitenden Rechtsanwälte Dr. Alice Haidinger und Dr. Edmund Kersten sehr stark mit Wiedergutmachungs-Verfahren beschäftigt, so auch z.B. mit denen von Elisabeth Marx- Foulkes, der einzigen Überlebenden dieser Familie, und den zahlreichen Mitgliedern der Fuchs-Familien. Am 2.4.1970 starb er in Karlsruhe.

Das Haus Beethovenstraße 1 hatte Dr. Jakob Marx vor seiner Abreise nach Frankreich nicht verkauft, es wurde während des Krieges vom Reichsfiskus „vereinnahmt“. Als Elisabeth Marx 1947 mit ihrer Tante Irene, Rechtsanwältin wie ihr Vater Siegmund Fuchs, einer der Söhne von Hirsch Fuchs, zum ersten Mal wegen ihrer Restitutionsansprüche nach Karlsruhe kam, fand sie das Haus in einem ziemlich desolaten Zustand und mit vielen, vielen Menschen belegt, in jedem der 13 Zimmer lebte eine Familie, von der Stadtverwaltung eingewiesen, so berichtete sie. Mit Kriegsende wurde das Haus von den französischen Besatzungstruppen in Beschlag genommen, die mit dem Haus ziemlich rüde umgegangen waren und die auch nicht interessierte, dass es einer jüdischen Familie gehörte, die das Land gezwungenermaßen verlassen hatte. Mit Hilfe von Dr. Anders erhielt sie das Haus zurück und verkaufte es danach.

Dr. Jakob Marx war durchaus als wohlhabend zu bezeichnen, er besaß außerdem einige bebaute und unbebaute Grundstücke, war Hypotheken-Eigner und verfügte auch über ein beträchtliches Wertpapiervermögen. Für die Schwiegermutter Helene Fuchs, Witwe von Bernhard Fuchs, galt dies noch weit mehr. Es würde aber den Rahmen dieses biografischen Berichtes sprengen, wenn über das Schicksal aller dieser Vermögenswerte berichtet würde. Erbin war Elisabeth Marx-Foulkes, die - auch unabhängig von ihrer Heirat - bald keine finanziellen Sorgen mehr haben musste. Nach allem was überliefert ist, war sie jedoch ein durchaus genügsamer Mensch.

Von Dr. Friedrich Hertz, der sich nach seiner Auswanderung in die USA Frederic Hart nannte, auch seine Familie nahm diesen Namen an, ist das Todesdatum nicht bekannt.

(Wolfgang Strauß, November 2007)

Anmerkung: Postum gilt mein Dank Elisabeth Marx-Foulkes, ohne deren ausführliches Interview aus dem Jahre 1997 dieser biografische Bericht so nicht hätte geschrieben werden können. Und dass es zu diesem Interview kam und es aufgezeichnet, niedergeschrieben und in das Buch „Leben danach“ kam, ist allein das Verdienst von Steffen Jacob, dem ebenfalls mein Dank gilt.