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Rolf Ludwig Maas, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Rolf Ludwig Maas

Nachname: Maas
Vorname: Rolf Ludwig
Geburtsdatum: 5. Januar 1878
Geburtsort: Mannheim (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Weinhändler Moses und Sofie, geb. Abenhäuser, M.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Dora Therese L.;

Vater von Eva Emilie Hortense, Heinrich Martin Theodor, Hertha Martha Luise und Gertrud Klara Sophie
Adresse: Haydnplatz 6
Schule/Ausbildung: Technische Hochschule, zuvor Gymnasium, Mannheim
Beruf: Beamter (Ingenieur (Baurat bei der Badischen Eisenbahn))
Versicherungsvertreter (Generalvertretung der Karlsruher Lebensversicherungsbank und Harmonia Versicherungs AG)
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 20. November 1940
Sterbeort: Gurs (Frankreich)

Biographie

Rolf Ludwig Maas und Familie

Rolf Ludwig Maas wurde als Sohn von Sofie Maas und des Weinhändlers Moses Maas am 5. Januar 1878 in Mannheim geboren. Dort besuchte er auch das Gymnasium und später die Technische Hochschule für ein Bauingenieur-Studium. Nach Ablegen der Staatsprüfung wurde er im Februar 1900 bei der Badischen Staatseisenbahn als Ingenieurspraktikant aufgenommen. Nach dem rund dreijährigen Durchlaufen verschiedener Einsatzorte erklomm er 1903, zum Regierungsbaumeister ernannt, die erste Stufe einer Eisenbahnbaubeamtenkarriere. Seine Aufgaben versah er bei der Bahnbauinspektion Mannheim, seinem Herkunftsort. Seine Beamtenkarriere verlief in den folgenden Jahren kontinuierlich. 1906 wurde er unter Beförderung zum Bahnbauinspekteur zur Bahnbauinspektion III nach Heidelberg versetzt. 1910 erfolgte eine Abordnung an das für die Badische Eisenbahn zuständige Ministerium des Großherzoglichen Hauses und der auswärtigen Angelegenheiten. Vermutlich kam er während dieser Zeit in Bekanntschaft mit Dora Ettlinger.

Heirat und Berufskarriere
Kurz vor seiner Heirat mit Dora hatte Ludwig Maas am 16. Oktober 1911 die Erlaubnis vom Justizministerium erhalten, seinen Vornamen in Rolf Ludwig zu ändern. Was seine Beweggründe hierzu waren lässt sich nicht sagen, erstaunt aber jedenfalls.
Am 16. Dezember 1911 verheirateten sich die beiden in Karlsruhe, wurden schließlich Eltern von vier Kindern. Ehefrau Dora war die Tochter des wohlhabenden Fabrikanten Dr. Friedrich Ettlinger, der zusammen mit Eugen Geiger die „Lederfabrik Hermann & Ettlinger“ in Durlach betrieb. Beide waren Mitbegründer und Vorstandsmitglieder der „Gartenstadt Karlsruhe Rüppurr“. Zunächst wohnte das junge Ehepaar im Haus der Schwiegereltern, in der Fichtestraße 3. Im September 1912 kam die älteste Tochter, Eva Maas, zur Welt.

Die folgenden zwei Jahre nach der Heirat war Rolf Maas als Oberbauinspektor in Karlsruhe tätig. 1913 wurde er zum Vorstand der Bahnbauinspektion III in Heidelberg ernannt und zugleich zum Oberbauinspekteur befördert. Das Paar verzog nach Heidelberg, bekam drei weitere Kinder, die so dort geboren wurden: Heinrich Maas erblickte im März 1915 das Licht der Welt. Drei Jahre später 1918 wurde seine Schwester Gertrud Maas geboren und 1922 schließlich die jüngste, Hertha Maas. Inzwischen hatte Rolf Maas 1917 als Vorstand die Bahnbauinspektion I in Mannheim übernommen, offensichtlich blieb der Wohnort der Familie aber Heidelberg. Erst 1923/24 findet sich wieder ein Eintrag in Karlsruhe, in welchem Rolf Maas, als Regierungsbaurat, allerdings außer Dienst, aufgeführt wird. Von da an ist er in Karlsruhe gemeldet und findet sich zunächst unter der Adresse Kaiserstraße 26.

Das heißt, Rolf Ludwig Maas hatte seine Beamtenkarriere bei der Eisenbahn beendet. Die Gründe dafür sind nicht nachvollziehbar. Ob es eventuell im Zusammenhang des Übergangs 1920 von der Badischen Staatseisenbahn zur späteren Deutschen Reichsbahn steht oder eventuell in den Problemen des Personalabbaus bei Beamten, muss offen bleiben. Vielleicht aber wollte er aus eigenem Antrieb in die Privatwirtschaft gehen, denn er stieg in die Geschäftsführung der schwiegerväterlichen Lederfabrik ein. Fünf Jahre später, also im Jahre 1929, wohnt er mit seiner Familie im großzügigen Mehrfamilienhaus des Bankiers Paul Homburger am Haydnplatz 6. Dies ist auch seine letzte Adresse in Karlsruhe beziehungsweise in Deutschland. 1929 schied er offiziell aus der Geschäftsführung der Lederfabrik aus, warum ist nicht nachvollziehbar. Er erhielt eine Abfindung in Höhe von fast 20.000 RM. Sein monatlicher Verdienst lag in dieser Zeit bei 1.450 RM. Dora Maas wiederum bezog aus ihrer Kommanditbeteiligung mit einem Drittel an der Lederfabrik regelmäßige Bezüge. Familie Maas konnte ein Leben unter sehr wohlhabenden Verhältnissen führen. Nach seinem Ausstieg aus der Geschäftsführung war Rolf Maas Generalvertreter der Karlsruher Lebensversicherungsbank und der Harmonia Versicherungs AG. Hier blieb er bis 1938, ehe für Juden eine weitere wirtschaftliche Tätigkeit unmöglich wurde.

Vertreibung und Deportation
Die nationalsozialistische Verfolgung hatte so das Leben der Familie wirtschaftlich und gesellschaftlich schwer beeinträchtigt. An ein Weggehen aus Deutschland scheinen Rolf und Dora Maas jedoch zunächst nicht gedacht zu haben. Dabei hatten die drei älteren Kinder das Land – unfreiwillig – bereits 1938 verlassen.

Sohn Heinrich Maas war ein guter Schüler gewesen am Karlsruher Bismarck-Gymnasium, hatte 1933 sein Abitur abgelegt. Doch sein Wunsch, danach Musik auf Lehramt zu studieren, wurde ihm aufgrund seiner „jüdischen Abstammung“ verwehrt. Neun Jahre lang hatte er Klavierunterricht genossen. Deshalb machte er bis 1935 eine kaufmännische Lehre und arbeitete danach als Angestellter bei der Metallwarenfirma Firma L.J Ettlinger. Zu ihr gab es mütterlicherseits Verbindungen. Er arbeitete auch zweitweise als Schlosser dort. Das kann ein Hinweis sein, dass er versuchte, eine notwendige Qualifikation für eine mögliche Auswanderung nach Palästina zu erlangen. Diese Stelle verlor er durch die „Arisierung“ von L.J. Ettlinger, bevor er dann nur wenige Monate später am 9. November 1938 auswanderte. Das heißt, er erlebte das Pogrom am Abend jenes Tages nicht mehr.
Eva Maas konnte wenige Wochen später folgen und kam am 5. Dezember 1938 in den USA an. Gertrud Maas war die letzte der drei „großen“ Kinder, denen noch vor Kriegsbeginn die Ausreise gelang. Am 29. Juli 1939 erreichte sie mit dem Schiff New York.
Allein die „kleine“ Schwester Hertha Maas blieb bei den Eltern. 1938 war sie vom Schuldirektor des Lessing-Gymnasiums aufgefordert worden, die Schule zu verlassen, weil sie Jüdin war. Für die damals 16-Jährige muss das ein schlimmes Erlebnis gewesen sein.

Am 22 Oktober 1940, kamen Polizisten in das Haus der Familie Maas und zwangen Rolf und Dora Maas sowie die Tochter Hertha Maas innerhalb weniger Minuten ihre Sachen zusammenzupacken, um dann mit einem Zug aus Karlsruhe weggebracht zu werden. Nahezu alle Karlsruher Juden, beziehungsweise badischen Juden, wurden damals in das unbesetzte Frankreich abgeschoben. Es handelte sich hierbei um die sogenannte Wagner-Bürckel-Aktion, bei der die beiden Gauleiter Robert Wagner und Joseph Bürckel die Deportation von über 6.500 Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland veranlasst hatten. In Südfrankreich befand sich ein Internierungslager, in welches die Menschen gebracht werden sollten. Sie wurden dann, nachdem der Zug unterwegs zwei Tage stand, am 25. Oktober 1941 im Lager Gurs registriert. Hier musste die Familie dann den Winter in Baracken verbringen, in ständiger Ungewissheit darüber, wie es weitergehen würde.

Rolf Ludwig Maas verstarb bereits vier Wochen nach der Ankunft in Gurs am 20. November 1940 an einer bakteriellen Infektion des Darms, wie viele andere auch.

Seine Frau und Tochter Hertha versuchten aus dem Lager heraus, zur Familie nach Nordamerika zu gelangen. Die Kinder Eva, Henry und Gertrude taten von dort aus alles, um die noch mögliche Ausreise für die beiden zu regeln. Die Bürgschaft für das dazu notwendige Affidavit, das heißt die Erklärung für alle eventuell auftretenden Kosten aufzukommen, dürften sie aufgrund ihrer eigenen prekären Lage schwerlich abgegeben haben und müssen wohl Hilfe durch andere Familienangehörige oder Freunde gehabt haben. Dora und Hertha konnten tatsächlich zur Regelung der Auswanderung am 6. März 1941 das Lager Gurs verlassen und warteten nun im Fraueninternierungslager „Hôtel Terminus“ in Marseille auf ihre Visa und die Schiffspapiere. Schließlich reisten sie von Marseille aus mit dem Zug über Spanien nach Lissabon in Portugal, von wo aus noch ein einigermaßen regelmäßiger Schiffsverkehr mit den USA bestand. Am 16. Mai 1941 konnten sie das Schiff besteigen, das sie nach New York brachte. Von dort aus begaben sich die beiden zu ihren in Berkeley, Californien, lebenden Kindern bzw. Geschwistern.

Leben der Überlebenden in den USA
Heinrich Maas hatte nach seiner Ankunft in den USA in San Francisco eine Stelle als Lagerist gefunden, wo er dann für 16 Monate tätig war. 1940 gelang ihm eine kaufmännische Anstellung bei der Firma Jacuzzi Bros. Inc., die auch seiner eigentlichen Qualifikation entsprach. Er erhielt zwar anfangs ein niedriges Gehalt, stieg später aber innerhalb dieser Firma auf. Ein Jahr nach seiner Ankunft heiratete er, inzwischen hatte er seinen Vornamen auf Henry angepasst, am 18. Juli 1941 Nicoline Samson, mit der er dann später drei Söhne, Rolf, Peter, Daniel und die Tochter Elisabeth bekam. Henry Maas wurde am 20. September 1943 in den USA eingebürgert und zugleich für die US-Army registriert.

Alle überlebenden Familienmitglieder mussten in den USA unter schwierigen Bedingungen für ihren Lebensunterhalt sorgen. Mutter und Kinder lebten anfangs beieinander, in Berkeley, Kalifornien.
Dora Maas selbst arbeitete bis 1952, also bis zu ihrer Rente, in Berkeley als Näherin. Danach erhielt sie eine US-Rente in Höhe von 81,50 $ monatlich. Zusätzlich vermietete sie eines ihrer Zimmer für 30 $ monatlich und arbeitete als Vorleserin an der California School for the Blind, bei einem Gehalt von 19,30 $ monatlich, um ihre kleine Rente aufzubessern. Die einst wohlhabende Frau hatte durch Enteignungen und die Judenvermögensabgabe praktisch alles verloren.
Bis auf Gertrud, die mit ihrem späteren Mann Gerhart Friedländer nach Bayport, New York ging, blieben die anderen Familienmitglieder in Berkeley. Gertrud heiratete wie ihr älterer Bruder Henry relativ bald nach ihrer Ankunft in Amerika am 6. Februar 1941 und bekam die beiden Töchter Joan und Ruth.
Eva und Hertha, sie änderte in den USA ihren Vornamen zu Herta, lebten noch länger zusammen im selben Haus mit ihrer Mutter. Herta sogar mit ihrem Ehemann William Bregoff, den sie bereits im August 1948 geheiratet hatte. Henry wohnte zu diesem Zeitpunkt auch noch in Berkeley, jedoch unter einer anderen Adresse. Eva heiratete als letzte der vier Geschwister am 14. März 1952 Heinz („Henry“) Schlesinger. Die Ehe blieb kinderlos. Sie blieb weiterhin in Berkley wohnen, während Gertrud, nun Gertrude, mit ihrem Mann und ihrer kleinen Tochter Naomi, die 1954 geboren wurde, mittlerweile in Blue Point, New York lebte. Miriam, ihre zweite Tochter kam 1958 zur Welt. Während eines Frankreichaufenthaltes 1966 kam Gertrude bei einem Autounfall ums Leben.
Dora Maas verstarb am 23. April 1971 an einer Herzerkrankung in Berkeley.
Eva Maas verstarb knapp zehn Jahre nach der Mutter am 27. September 1980 in Alameda bei Berkeley.
Henry Maas starb am 27. April 2003 in Jefferson, Colorado. Herta, das letzte Maas-Kind am 26. Juni 2005 in Alameda, Kalifornien.

(Aliya Shige, Lessing-Gymnasium, Juli 2019)


Quellen:

http://www.berkeleydailyplanet.com/issue/2005-07-08/article/21802?headline=Herta-Bregoff-From-Baden-to-Berkeley-By-MIRIAM-DUNBAR-Special-to-the-Planet [Zugriff 11. Juni 2019]
Stadtarchiv Karlsruhe: 1/AEST 36; 1/AEST/1238; 8/Ds F XIV 8,7; 1/AEST/29 (Dora Maas)
Interview Herta Bregoff: USHMM, Accession Number 1999.A.0122.799;
Generallandesarchiv Karlsruhe: 330/760, 762; 480/7751, 10141, 10853 und 14339 und 14340;
Bismarck-Gymnasium-Archiv;
Israelitisches Gemeindeblatt Ausgabe B, 18. Mai 1933;