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Siegmund Adler, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Siegmund Adler

Nachname: Adler
Vorname: Siegmund
Geburtsdatum: 24. November 1893
Geburtsort: Felsberg/Melsungen (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Elisabeth A.;

Vater von Karoline und Berta
Adresse: 1922: Kreuzstr. 25
1926: Hirschstr. 72
1931/32: Gebhardstr. 7
1932/33: Schützenstr. 12a, 5.9.-1.10.1939 in Halle
31.8.1939: Markgrafenstr. 34
Beruf: Kaufmann
Hilfsarbeiter
Deportation: 11.11.1938 - 13.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Siegmund und Elisabeth Adler

Die Adlers waren eine ganz gewöhnliche Familie. Was sie an persönlichen Erinnerungen gepflegt und vielleicht aufgehoben hatten, ging während ihrer Deportation verloren. Elisabeth und Siegfried Adler gehörten zu den 1.060 jüdischen Karlsruher Bürgerinnen und Bürgern, die durch die Verfolgung des Nationalsozialismus in den Tod getrieben wurden.

Siegmund Adler war am 24. November 1893 als Sohn des Kaufmanns Albert Adler und dessen Frau Bertha Adler, geborene Silberberg, in der kleinen Stadt Felsberg geboren, im heutigen hessischen Schwalm-Eder-Kreis. Zum Zeitpunkt seiner Geburt hatte die dortige jüdische Gemeinde noch etwa 150 Mitglieder, was über 15 Prozent der Einwohner waren. Vor der Industrialisierung waren es sogar fast 20 Prozent gewesen. Es gab eine bedeutende Synagoge, die heute noch steht, aber nach dem Terror von 1938 längst kein Gotteshaus mehr ist. Siegmund Adler wuchs in der Obergasse 103 der Kleinstadt auf, doch liegen keine Informationen zu seiner Kindheit und Jugend vor. In Felsberg gab es wohl keine berufliche Perspektive für ihn und so zog es ihn nach der Schule fort. Über seine Ausbildung gibt es widersprüchliche Angaben. Er scheint nach der Volksschule drei Jahre auf der Realschule in Friedberg gewesen zu sein. Einen Reifeabschluss, wie der Sohn später angab, hatte er aber wohl nicht. Auch dessen Angabe über ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule Darmstadt trifft nicht zu, da dort keine Immatrikulation nachgewiesen ist. Er scheint sich aber teilweise ein Spezialwissen im Selbststudium angeeignet zu haben. Seine Berufstätigkeit vor 1914 ließ sich nirgendwo belegen. Zu vermuten ist, dass er im Betrieb seines Bruders Ludwig Adler in Frankfurt a.M. arbeitete, der im Maschinenbauvertrieb tätig war.

Den Ersten Weltkrieg erlebte Siegmund Adler als Soldat an der Front, wo er zwei Mal verwundet wurde. Ausgezeichnet wurde er mit dem Eisernen Kreuz und der Hessischen Tapferkeitsmedaille. Nach dem Krieg kam er von Hessen an den Oberrhein, ließ sich 1920 in Karlsruhe nieder. Hier etablierte er seine eigene Firma „Siegmund Adler“, Vertrieb für autogene Schweißanlagen, auch Werkzeuge und Werkzeugmaschinen gehörten zu seiner Handelstätigkeit. Dies war eine kleine Spezialnische. Über den Erfolg des Geschäftes in den ersten Jahren ist nichts überliefert. Vermutlich ist es gelaufen, da in Karlsruhe zahlreiche Maschinenbaufirmen angesiedelt waren und auch das Metallhandwerk einen guten Stand hatte. Das Adressbuch führt das Postscheckkonto und die Telefonnummer auf.

In Karlsruhe lernte er seine Frau Elisabeth Westheimer kennen. Sie war am 8. September 1896 als Tochter von Salomon Westheimer und Augusta, geborene Hallgarten, geboren. Es war dies die zweite Ehe des Vaters, nachdem seine erste Frau, mit der er vier Kinder hatte, 1890 gestorben war. Es folgten nochmals drei Töchter, darunter Elisabeth. Schwester Anna Westheimer, verheiratete Löb, in Worms, wurde später auch ein Opfer des Holocaust im Vernichtungslager Belzec. Der Vater war Zigarrenhändler. Die Familie zog 1908 von Haßloch nach Karlsruhe, wo Salomon Westheimer ein Zigarrengeschäft eröffnete.

Die Heirat der beiden fand am 17. Februar 1921 in Karlsruhe statt und kurz darauf kam Tochter Berta zur Welt, am 28. Juli 1921. Tochter Karoline Chaja folgte am 4. September 1923. Die Familie wohnte in der Kreuzstraße 25 und von dort aus betrieb Siegmund Adler auch das Büro seiner Firma. 1926 verzogen sie in die Hirschstraße 72.

Eine nicht aufklärbare Merkwürdigkeit ist, dass die beiden direkt vor ihrer Heirat aus der liberalen jüdischen Religionsgemeinschaft austraten und die gesamte Familie im Sommer 1932 dort wieder eintrat. Der Grund könnte vielleicht ein Konflikt wegen der Schwangerschaft gewesen sein? Religiös war Siegmund Adler zweifelsohne, war er doch später nachweisbar Mitglied im orthodoxen Wohltätigkeitsverein Dower Tow.

Die geschäftliche Tätigkeit war nicht lange von Erfolg gekennzeichnet, 1928 musste Siegmund Adler seinen Schweißapparate-Vertrieb aufgeben. Er konnte in der Firma seines Bruders, der „Ludwig Adler GmbH“, als Handelsvertreter einsteigen, wo er den Vertrieb für Süddeutschland leitete. Die Familie zog um 1931 nochmals um und zwar in die Gebhardtstraße 7 und ein Jahr später in die Schützenstraße 12a. Vielleicht war dies aus finanziellen Gründen erfolgt.

Die Situation für Juden wurde nach 1933 immer schwieriger. Elisabeth und Siegmund Adler entschlossen sich dazu, dass ihre Kinder mit der zionistischen Bewegung nach Palästina gehen sollten, Jugendalyah genannt, und beantragten im Januar 1937 die notwendigen Papiere für Berta. Diese war noch keine 16 Jahre alt. Siegmund Adler schrieb im Antrag an die Karlsruher Polizeibehörde als Begründung für den Antrag auf einen Reisepass für sie: „Hierdurch ersuche ich Sie höflich um Ausstellung eines Reisepass für In- und Ausland auf den Namen meiner Tochter Berta Adler und hoffe auf baldige Erledigung desselben.
Begründung: Selbige verlässt das Elternhaus und geht in die Fremde.
Mit deutschem Gruß
S. Adler“
Es dauerte aber noch bis zum Februar 1938, ehe das „Palästinaamt“ der Jewish Agency for Palestine in Berlin bestätigte, dass im März wieder eine Jugendgruppe abfahren würde, in der auch Berta dabei sein sollte und auch ihre jüngere Schwester Karoline. Der Reisepass wurde am 7. März 1938 ausgestellt und die beiden begaben sich auf die beschwerliche Reise. Sie sollten ihre Eltern nie wieder sehen.

Am 9. November 1938 begann der Terror gegen Juden. Siegmund Adler wurde zusammen mit über 250 Karlsruher männlichen Juden am 10. November 1938 nach dem KZ Dachau verbracht. Dies sollte sie einschüchtern und dazu bringen, Deutschland „freiwillig“ zu verlassen. Angesichts der Brutalität versuchten auch die Adlers aus Deutschland herauszukommen. Siegmund Adler blieb bis zum 13. Dezember 1938 im KZ Dachau, verhältnismäßig deutlich länger als die anderen jüdischen Männer, die „nur“ etwa zwei bis drei Wochen dort waren. Ob der Grund war, dass Siegmund Adler nicht gleich zusagte auszuwandern? Gleich nach der KZ-Entlassung jedenfalls stellte er am 16. Dezember beim Karlsruher Polizeipräsidium für sich und Elisabeth einen Reisepass auf ein Jahr, weil Auswanderungsabsicht nach Panama bestehe. Südamerikanische Länder wie diese, waren für viele Juden eine Hoffnung, da die Auswanderungslisten für die USA zu langwierig waren. Aber auch in Südamerika war es schwierig das notwendige Visum zu erhalten, was mit hohen Kosten verbunden war. Der Reisepass wurde ihnen schließlich am 4. Juli 1939 ausgestellt. Diese lange Wartezeit sollte Siegmund und Elisabeth Adler schließlich zum Verhängnis werden, da mit dem Beginn des zweiten Weltkriegs im September
1939 die Möglichkeit der Auswanderungen extrem eingeschränkt waren, die Schiffsverbindungen unterbrochen waren.

Während der Wartezeit wurde die Lage für die Eheleute immer schwieriger. Einkommen hatten sie nicht mehr, weil die letzten jüdischen Firmen seit Jahresende 1938 aufgelöst waren. Die Gemeindeunterstützung reichte nicht, somit waren sie von der Fürsorge abhängig. Dies bedeutete aber Arbeitspflicht und so musste Siegmund Adler wie andere jüdische Männer 1939 Hilfsarbeiten beim städtischen Tiefbauamt in Rüppurr für spöttische 60 Pfennig die Stunde ausführen.
Dann kam auch noch der Verlust der Wohnung. Seit April 1939 gab es ein Gesetz, das es ermöglichte, Juden aus ihren Mietwohnungen in „arischen“ Häusern zu vertreiben. Dies passierte ihnen in der Schützenstraße. In einem Schreiben vom 3. Juni 1939 an die städtische Preisstelle, die zur Überwachung der Wohnungswechsel von Juden zuständig war, bat er um eine Wohnungszuweisung in Rüppurr. Dies konnte er nicht erreichen, stattdessen wurde das Ehepaar in die Markgrafenstraße 34 eingewiesen, ein so genanntes Judenhaus, das inzwischen überfüllt war.

Zur Auswanderung sollte es nie kommen. Schließlich gehörten auch die Adlers zu den tausenden von Juden aus Baden und der Saarpfalz, die am 22. Oktober 1940 in der „Wagner-Bürckel-Aktion“ in das französische Internierungslager Gurs
deportiert wurden, wo sie am 25. Oktober eintrafen. Kurz darauf schreibt Siegmund Adler an seine beiden Töchter in Palästina, zunächst an „Karola“, die er bittet, den Brief an Berta weiterzuleiten. Es handelt sich um den einzigen überlieferten Brief, in welchem es offensichtlich ist, dass er über die wahren Begebenheiten vor Ort nicht sprechen durfte. Er schreibt über die „Auswanderung“ aller Juden und dass sie hierher ausgewiesen seien, er schreib es gehe Ihnen gut, und „haben uns schon soweit eingewöhnt“. Tatsächlich hatte es bei Ankunft im Lager keine Schlafgelegenheit gegeben und noch nicht einmal genügend Stroh auf den Barackendielen in der kalten Jahreszeit. Berta und Karoline (Karola) bekamen bis Juli 1942 drei Briefe ihrer Eltern. Deren Lage war damit vergleichsweise noch schlechter gegenüber den anderen, die durch Zusendungen ihrer Verwandtschaft in den USA oder dem neutralen Europa Mittel bekamen, um Briefe schrieben zu können. Eine Zeitzeugin berichtet etwas zu Elisabeth Adler in Gurs. Die hygienischen Bedingungen dort waren katastrophal, Krankheiten und Läuse waren verbreitet. Hanna Meyer-Moses, die als 13-Jährige mit ihren Eltern auch in Gurs war, erinnert sich an Elisabeth Adler als „Laustante“ in Gurs. Das heißt, sie hat verscht, soweit wie möglich auf Hygiene zu achten und hat den mitgefangenen Frauen und Kindern geholfen, das Ungeziefer zu entfernen.

1942 begannen die Transporte in die Todeslager aus Frankreich. Elisabeth und Siegmund Adler wurden am 6. August 1942 von Gurs nach dem Transitlager Drancy bei Paris überstellt. Dort fuhr der nächste Todestransport am 10. August 1942 nach Auschwitz, in dem sie dabei waren. Von da an gibt es keine Spur der beiden mehr. Sehr wahrscheinlich wurden sie bei der Ankunft in Auschwitz sofort in das Gas geschickt.
Das genaue Sterbedatum von Siegmund und Elisabeth Adler ist nirgends mehr vermerkt worden.

Karoline und Berta hatten den Holocaust dank der Jugendalyah überlebt. Berta heiratete und lebte später in einem Kibbuz in der Nähe von Cesarea im Norden Israels, Karoline heiratete ebenfalls und lebte in dem Moschaw Ben-Ami, ebenfalls im Norden Israels, bei Naharya. Ein Moschaw hatte sowohl Kollektiv- als auch Privateigentum, während ein Kibbuz ganz auf das Kollektiv aufbaute. Nur wenig aus dem persönlichen Leben der Familie kann aus den Unterlagen zusammengestellt werden, trotzdem sollen sie nie in Vergessenheit geraten.

(Yannick Yeboua, 11. Klasse Lessing-Gymnasium, Oktober 2014)



Quellen und Literatur:
Stadtarchiv Karlsruhe 1/AEST 36, 38.1, 1237; 8/StS 34/145, Bl. 73, 125 und 212; 1/H-Reg 1489.
Generallandesarchiv Karlsruhe 330/4, 7, 12 und 15; 480/23540, 23541, 23542 und 22826.
Hauptstaatsarchiv Stuttgart J 386 Bü 317, S. 47.
Israelitisches Gemeindeblatt, Ausgabe B, 8.12.1937.
Josef Werner S. 457;
300 Jahre Juden in Halle. Hrsg. Jüdische Gemeinde zu Halle. Halle 1992, S. 257.
Wiedergutmachungsakte: GLA 480/23541.
Josef Werner, Hakenkreuz und Judenstern, Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1990, S. 457.
300 Jahre Juden in Halle. Hrsg. Jüdische Gemeinde zu Halle. Halle 1992, S. 257;
Wiedergutmachungsakte: GLA 480/23539.