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Otto Löwenthal, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Otto Josef Loewenthal (Löwenthal)

Nachname: Loewenthal
abweichender Nachname: Löwenthal
Vorname: Otto Josef
Geburtsdatum: 14. Januar 1885
Geburtsort: Wuppertal-Elberfeld (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Lilly Charlotte L.;

Vater von Heinz
Adresse: 1921-1933: Nokkstr. 2
Uhlandstr. 44
1940: Haydnplatz 6
Schule/Ausbildung: Oberrealschule
Beruf: Kaufmann, Textilwarenhändler (Inhaber eines Kinderbekleidungsgeschäfts, Kaiserstr. 88)
Deportation: 11.11. - 29.11.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
4.9.1942 von Gurs nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Otto, Lilly und Heinz Loewenthal

Otto Josef Loewenthal stammte aus Wuppertal-Elberfeld, wo er am 14. Januar 1885 auf die Welt gekommen war. Zu dem dortigen Schwerpunkt der industriellen Textilproduktion passte der Beruf als Textilwarenhändler. Sein Aufenthalt in Karlsruhe kann erst ab 1921 nachgewiesen werden, also quasi zeitgleich mit der Geburt des Sohnes. Im Ersten Weltkrieg war er von 1915 bis 1918 Heeressoldat im Felde im Range eines Unteroffiziers. Otto Loewenthal war ab 1926 Inhaber des Kinderbekleidungsgeschäftes Loewenthal & Co (Mädchen- und Knabenbekleidung) in der Kaiserstraße 88, eine gute Adresse. Lilly Charlotte, geborene Gutenstein, kam aus Frankfurt a.M., wo sie zehn Jahre das Lyzeum besucht hatte. Ihr Vater war Inhaber einer Lederhandlung. Im Januar 1920 zog Lilly Charlotte nach Karlsruhe; nach der Hochzeit mit Otto Josef Loewenthal sorgte sie für die Familie als Hausfrau und Mutter. Am 6. März 1921 war in Karlsruhe das einzige Kind der Familie, Hans Heinz, geboren worden.
Bis 1933 lebte die junge Familie in der Nokkstraße 2. Ab 1932 besaß die Familie ihren eigenen Telefonanschluss, und zwar die Nummer 2098. 1934 zog die Familie in die Uhlandstraße 44 um. Die Wohnadressen zeugen von einem gewissen Wohlstand.
Nach der Volksschule wechselte Hans Heinz Loewenthal mit Beginn des Schuljahres 1931/32 auf das Humboldt-Realgymnasium Karlsruhe. Er war ein guter Schüler, hatte überwiegend die Noten zwei und drei, nur im Turnen bekam er meist die Note vier. Des weiteren zeichnete er sich die ersten Jahre durch sehr gutes Betragen aus, und auch im Bereich „Fleiß und Aufmerksamkeit“ bekam er gute Zensuren. Während seiner Zeit am Humboldt-Realgymnasium wurde Hans Heinz jedes Schuljahr problemlos versetzt. In den Jahren 1935 und 1936 schrieben die Lehrer in ihrer handschriftlichen Beurteilung über Hans Heinz Loewenthal: „schwerfällig, nicht immer ganz zuverlässig; mangelnder Fleiß bei guter Begabung, Erfolg im Ganzen befriedigend.“ Trotz der Ungleichmäßigkeiten in Fleiß und Mitarbeit war er den schulischen Anforderungen gewachsen, außerdem sei Hans Heinz „einsatzbereit“, „selbstständig denkend“ und „im Ganzen einwandfrei“ gewesen. Laut eines Vermerkes wurde diese persönliche Beurteilung nicht in das Zeugnis eingetragen, weil dies nach einer Verordnung bei jüdischen Schülern nicht erlaubt war.
1936 erhielt Hans Heinz Loewenthal die Mittlere Reife. Am 26. Mai 1936 stellte der Vater für seinen 15-jährigen Sohn einen Reisepassantrag, weil dieser in den Sommerferien für drei bis vier Wochen einen Auslandsaufenthalt plante; „vermutlich in Italien“, gab der Vater an. Behördlicherseits bestanden keine Bedenken und dem Antrag wurde stattgegeben.
Die Schulakten vermerken, dass Hans Heinz Loewenthal am 20. März 1937 aus dem Humboldt-Realgymnasium austrat, anschließend begann er eine Banklehre und besuchte für ein Jahr die Handelsschule.
1938 verlor Vater Otto Loewenthal sein Geschäft im Zuge der „Arisierung“. Nach der so genannten „Reichskristallnacht“ am 9. November 1938 wurde der Emigrationsdruck besonders hoch, so dass die Familie Loewenthal im Dezember 1938 einen Reisepass für die geplante Emigration in die USA beantragte. Allerdings hatten die Einreiseländer Einwanderungsquoten, die nur einer bestimmten Zahl an Flüchtlingen pro Jahr die Einreise gewährten. Die Familie hatte eine sehr hohe Registernummer, deshalb gab sie vor den NS-Behörden an, die Wartezeit „in der Schweiz, in England und in Holland“ zu verbringen. Lilly Charlotte Loewenthal stellte am 20. Juli 1939 ihren Ausreiseantrag über England in die USA, sie hatte aber ebenfalls eine viel zu hohe Registernummer, als dass in den fünf Wochen, die noch bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs verblieben, eine Ausreise möglich gewesen wäre.
Im Jahre 1940 lebte die Familie Loewenthal im Haus Haydnplatz 6. Dies ist eigentlich eine großbürgerliche Wohnadresse (Wohnungen mit 200-250 m2 Wohnfläche, schon rein äußerlich stattlich);1940 war es aber ein so genanntes „Judenhaus“, d.h. Juden hatten 1938 durch die Arisierung ihr Wohneigentum verloren und nach den Mietgesetzen sollten sie nicht mehr in „arischen“ Mietshäusern wohnen; so konzentrierten sie sich in „Judenhäusern“, wo nun oft zwei oder mehrere Familien in einer Wohnung leben mussten. Im Haus Haydnplatz 6 lebten 1940 etwa 48 Menschen jüdischer Herkunft.
Am frühen Morgen des 22. Oktober 1940 wurden die rund 6500 noch in Baden, der Pfalz und im Saarland lebenden Juden festgenommen und zu Fuß, mit Lastwagen und Militärfahrzeugen oder sonst wie in die bereitstehenden Züge verfrachtet. Zu den Juden aus Karlsruhe gehörten auch Hans Heinz Loewenthal und seine Eltern. Die Betroffenen durften 50 kg Gepäck und 100 Reichsmark Bargeld pro Person mitnehmen; zum Teil wurden sie erst eine Stunde vor dem Abtransport informiert. Nach viertägiger Zugfahrt traf der Transport im Internierungslager Gurs im Südwesten Frankreichs ein. Die Zustände dort waren katastrophal: die Wände und Dächer der fensterlosen Baracken waren weder wasser- noch winddicht; im Winter war es permanent frostig. Pro Tag erhielten die Insassen nur ca. 250 Gramm Brot und zweimal täglich eine Suppe aus „Viehrüben und Wasser“, insgesamt etwa 1000 Kalorien. Dies und die völlig unzureichende Hygiene führten zu zahlreichen Krankheiten und einer erschreckend hohen Sterblichkeitsrate. Hans Heinz Loewenthal und seine Eltern überlebten jedoch zwei Jahre in Gurs.
Unmittelbar nach der „Wannsee-Konferenz“ vom 20. Januar 1942, auf der die Vernichtung der europäischen Juden organisiert wurde, begann der SS-Hauptsturmführer Theodor Dannecker mit den organisatorischen Vorbereitungen zur Deportation der Juden aus Frankreich. Als Bevollmächtigter Adolf Eichmanns, des Organisators der „Judenvernichtung“ im Reichssicherheitshauptamt, bereiste er im Juli 1942 mehrere Internierungslager, darunter auch Gurs. Bei diesem Besuch stellte er die Zahl der ehemals deutschen Staatsangehörigen im Lager fest, die für eine Deportation in Frage kämen.
Infolgedessen wurde die ganze Familie Loewenthal zunächst in das Sammel- und Durchgangslager Drancy bei Paris gebracht. Von dort aus erfolgte am 4. September 1942 die Deportation nach Auschwitz (mit Transport Nr. 28), wo die Familie in den Gaskammern ermordet wurde. Das genaue Todesdatum ist unbekannt.

Die Deportation Hans Heinz Loewenthals nach Auschwitz wurde erst jüngst erkannt, deshalb fehlt sein Name auch auf dem kollektiven Grabstein auf dem Jüdischen Friedhof auf dem Hauptfriedhof. Dort sind nur seine Eltern aufgeführt.

(Julian Merkert, Humboldt-Gymnasium, März 2003)