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Verzeichnis der Habseligkeiten Efraim Lipskers, angelegt im KZ Buchenwald; Unterschrift Efraim Lipskers (Archiv Gedenkstätte Buchenwald)

Personendaten

Efraim Lipsker

Nachname: Lipsker
Vorname: Efraim
Geburtsdatum: 13. Dezember 1899
Geburtsort: Warschau (Russland, heute Polen)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Shimon und Feigel L.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Betty L.
Adresse: Waldhornstr. 62, 1939/1940 nach Leipzig
Beruf: Buchhändler (Inhaber der hebräischen Buchhandlung S. Poritzky, Waldhornstr. 62)
Deportation: 11.11. - 5.12.1938 in Dachau (Deutschland)
4.1.1940 von Berlin nach Sachsenhausen (Deutschland)
16./17.9.1940 nach Dachau (Deutschland)
5.7.1941 nach Buchenwald (Deutschland)
14.3.1942 nach Ravensbrück (Deutschland)
Sterbedatum: 18. Juni 1942
Sterbeort: Ravensbrück (Deutschland)

Biographie

Efraim und Betty Lipsker geborene Poritzky

Betty Poritzky wurde am 28. Juni 1890 in Schönsee (heute Polen, Kowalewo Pomorskie) nahe Danzig geboren. Ihre Familie väterlicherseits stammte aus der Region, in der sich die preußisch-deutsche, die polnische, die russische und die litauische Geschichte in einem tragischen Knäuel verwirrte. Ihr Vater Scheftel Poritzky war 1855/56 in Lomża, einer Kleinstadt etwa 50 km südlich vom ostpreußischen Johannisburg (Pisz) in Russisch-Polen geboren. Mit den Eltern und Geschwistern war er 1876 nach Karlsruhe gekommen. Während er nach 1890 hier auch seine Geschäftsgrundlage und den Lebensmittelpunkt hatte, scheint er in jüngeren Jahren seine kaufmännische Tätigkeit in Westpreußen ausgeübt zu haben, denn neben Betty kam auch ihr Bruder Isidor etwa ein Jahr später in Schönsee zur Welt, Bruder Jonas aber 1894 bereits in Karlsruhe. Bettys Mutter Auguste geborene Wertheimer war 1856 im badischen Diedelsheim geboren worden. (Zu Bettys Onkeln und Tanten siehe Beitrag Poritzky im Gedenkbuch).

Im Oktober 1925 verlobte sich Betty Poritzky mit Efraim Lipsker aus Neustadt-Momberg in Hessen, geboren am 13. Dezember 1899 in Warschau. Efraim ha-Levi („Efroim“) war ein Sohn von Shimon Lipsker und seiner Frau Fejgel Tsipora. Der Name Lipsk(i)er ist aus dem Herkunftsnamen „Leipziger“ herzuleiten.

Im Februar 1926 traten Efraim und Betty Lipsker sowie Jonas Poritzky zur Israelitischen Religionsgesellschaft über. Streng orthodox lebende Familien traten nicht automatisch aus der Hauptgemeinde aus, etliche vollzogen den Wechsel amtlich erst im Laufe der Jahrzehnte oder nie. Im Alltag orientierten sich die aus Polen und Russland Stammenden ohnehin an den in Dörfle und Südstadt vorhandenen kleinen „ostjüdischen“ Lehrhäusern bzw. Betstuben, wie z.B. denen in der Adlerstraße 38 oder der Wielandtstr. 10.

Im Israelit vom 6. Januar 1927 gaben Betty und Efraim Lipsker ihre Eheschließung bekannt:

„Trauung: 9. Januar 1927 um 1:30 Uhr, Synagoge, Isr. Religionsgesellschaft. Telegrammadresse. Waldhornstr. 62, Karlsruhe/Baden.“

1927 hieß das Geschäft des Ehepaars im Adressbuch: „S. Poritzky, Spezereihandlung und Hebr. Buchhandlung“.

Am 10. April 1927 starb die Mutter bzw. Schwiegermutter Auguste Poritzky, nachdem sie 1926 „in voller Rüstigkeit“ (Jubiläum erwähnt im Israelit, 8.7.1926) noch ihren 70. Geburtstag hatte begehen können.

1929 wird Jonas Poritzky erstmals im Adressbuch zusammen mit Betty und Efraim aufgeführt. Am 7. November 1929 meldete der Israelit, „Jonas Poritzky (Karlsruhe, Waldhornstr. 62) und Hedel Rosemann (Berlin-Wilmersdorf) empfehlen sich als Verlobte“.

Sein Schwager Efraim Lipsker war seit 1931 Mitglied der örtlichen Chevra Kaddisha, des Beerdigungsvereins, der sich um Krankenbesuche und rituelle Bestattung kümmert. Der junge Mann muss für dieses Amt ein besonders ehrenhafter, frommer Jude gewesen sein.

1933/34 wird Jonas Poritzky als „Generalvertreter“ im Adressbuch genannt und in einem Schreiben in der Bauakte als Verantwortlicher für das Haus Waldhornstr. 62; sein Schwager Efraim Lipsker firmierte in diesen Jahren als Inhaber der Hebräischen Buchhandlung.

Am 14. Januar 1937 brachte wiederum der Israelit eine Notiz: „Vermählte: Jonas Poritzky, Karlsruhe i.B., mit Hedel Poritzky, geb. Rosemann, Berlin W62, Bayreuther Str. 1.“

Bis 1938 ist die Familie der Nachkommen des Scheftel Poritzky in Karlsruhe nachweisbar. Im Adressbuch 1938 erscheint das Geschäft in der Waldhornstr. 62 noch als „S. Poritzky, Spezereihandlung und jüd. Buchvertrieb“. Bei der Polenabschiebung im Oktober 1938, bei der über 60 jüdische Männer aus Karlsruher Familien plötzlich und von ihren Familien getrennt über die polnische Grenze abgeschoben wurden, war Efraim Lipsker nicht dabei.

Nach den Pogromen am 9./10. November 1938 („Kristallnacht“) wurde er dann allerdings von 11. November bis 5. Dezember 1938 im KZ Dachau interniert, wie Hunderte von – meist jüngeren – Männern aus Karlsruhe und Umgebung. Dort wurden sie misshandelt und unter Druck gesetzt, das Land zu verlassen. Die Freilassung aus Dachau wurde häufig von der Vorlage entsprechender Dokumente für die Auswanderung abhängig gemacht.

Bei der Volkszählung am 17. Mai 1939 wurde Ehepaar Lipsker auf den „Ergänzungskarten für jüdische Haushalte“ in der Waldhornstr. 62.1 (Erdgeschoss) erfasst. Mit dem späteren Zusatz: „Unbekannt abgewandert“.

Im Juni 1939 wurde das Anwesen Waldhornstraße 62 „arisiert“. Ein Fabrikant erwarb für 30.000 RM das 1890 erbaute Mietshaus mit Geschäftsräumen samt Grundstück von den Erben Betty „Sara“ und Efraim Lipsker sowie Jonas Poritzky, der in Berlin gemäß dem dortigen Adressbuch, Bayreuther Str. 1 gemeldet war. Dies war auch der Sitz von „Rosemann & Co, Bekleidung für Herren und Damen“, wohl dem Betrieb seiner Schwiegereltern.

Efraim Lipsker bat im Zusammenhang der „Arisierung“ seines Hauses in einem Brief am 20. Juni 1939 an das Karlsruher Polizeipräsidium um beschleunigte Genehmigung des Hausverkaufs, „da wir auswandern müssen“. Auf Gestapo-Überwachungslisten von Sommer/Herbst 1939 ist das Ehepaar Lipsker noch als in Karlsruhe wohnhaft genannt, „voraussichtlicher Abreisetermin: unbestimmt“.

Am 5. September wurde eine Gruppe jüdischer Bürger/innen „aus Karlsruhe ausgewiesen“, und zwar nach Halle an der Saale, „geschickt“ von der Reichsvereinigung der Juden in Deutschland, Abt. Wanderung (Hilfsverein), Karlsruhe, Kriegsstr. 154.II (nach Unterlagen im Centrum Judaicum Berlin, Gesamtarchiv der deutschen Juden 75 A Halle). (Die „Reichsvereinigung“ war eine den Gemeinden aufgezwungene, selbst einflusslose Organisation, über welche die Nazibehörden die Abwicklung mancher Verfolgungsmaßnahmen durchsetzten.)

Unter den Ausgewiesenen war Efraim Lipsker. Am 12. September protokollierte über ihn ein Karlsruher Beamter: „seit 5.9. abgereist […] Familienangehörige sind ebenfalls unbekannt wohin abgereist“.
Irrtümlich listete das Karlsruher Adressbuch 1940 mit Stand Januar 1940 noch unter „Jüdische Einwohner“ der Stadt auf: „Lipsker, Ephraim. Waldhornstr. 62.I. Tel. 2438“.

Die Menschen waren in einer ehemaligen Trauerhalle am Hallenser Friedhof an der Boelckestraße (heute: Dessauerstraße) und in angrenzenden Baracken festgesetzt worden. Vermutlich war diese Abschiebung die Konsequenz des „Aufenthaltsverbots“ für staatenlose Juden in Karlsruhe ab 31. Juli 1939. In der Folge konnte Efraim aber offenbar nach Berlin gelangen, wo sich seine Frau aufhielt.

Ab 1940 wurden Jüdinnen und Juden im Raum Berlin „dienstverpflichtet“, d.h. zur Zwangsarbeit herangezogen. So folgten für Efraim Lipsker etwa 2 ½ Jahre Zwangsarbeit, Hunger, Krankheiten und Schläge in vier Konzentrationslagern auf deutschem Boden.

So wurde Efraim am 4. Januar 1940 von Berlin in das Lager Sachsenhausen bei Oranienburg verschleppt, wo er die Häftlingsnummer 10311, später 15942 erhielt. In einem riesigen Netz von Außenlagern schufteten dort Tausende von Häftlingen bei Elektro-, Chemie- und anderen Rüstungsbetrieben oder z.B. im Klinkerwerk.

Am 16./17. September 1940 wurde Efraim Lipsker ein zweites Mal in das KZ Dachau gebracht. Am 5. Juli 1941 wurde er von der Stapo Leipzig nach Buchenwald „überstellt“ (Häftlingsnr. 7503), wo er in Block 16 A untergebracht war. Am 13. oder 14. März 1942 schließlich wurde er nach dem Männerlager im Frauen-KZ Ravensbrück verlegt. Der Transport dorthin mit 800 Häftlingen, darunter 100 jüdischen Männern, stand offenbar „in direktem Zusammenhang mit den anstehenden Planierungs- und Aufbauarbeiten für das Siemens-Werk“. Dies hat Bernhard Strebel in seinem Buch „Das KZ Ravensbrück, Geschichte eines Lagerkomplexes, Paderborn u.a. 2003, S. 293“, eindringlich geschildert. Die Juden wurden „mit einem zusätzlichen gelben Dreieck auf dem Häftlingswinkel gekennzeichnet“ und waren besonders schweren Schikanen durch die Lagerhierarchie ausgesetzt.

Efraim Lipsker kam – vermutlich am 18. Juni 1942 – im Männerlager Ravensbrück zu Tode.

Noch im Frühjahr des Jahres hatte Johanna Rosemann (geb. 1874), die Schwiegermutter seines Schwagers Jonas in Berlin, einen Brief an Efraim nach Buchenwald bei Weimar geschrieben, der erhalten geblieben ist und beim Internationalen Suchdienst in Arolsen vorliegt:

„Lieber Efraim, ich wundere mich sehr auf mein letztes Schreiben keine Antwort bekommen zu haben. […] Wie geht es Ihnen? Ich erwarte umgehend Nachricht. Freundliche Grüße, Ihre Johanna Rosemann.“ (datiert 23./27.4.)

Die Briefeschreiberin selbst ist noch 1942 über Theresienstadt (Terezin) nach Minsk verschleppt und dort ermordet worden. Ihr Name findet sich auch im Gedenkbuch Berlins der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus.

Efraims Frau Betty geb. Poritzky, die zuletzt in der Innsbrucker Str. 3 im Bayerischen Viertel gewohnt hatte und (wie ihr Cousin Jakob Elias Poritzky) von den Eltern her noch die russische Staatsangehörigkeit besaß, wurde an einem Novembertag 1941 über die zum Sammellager umfunktionierte Synagoge Levetzowstraße in Moabit zum Bahnhof Berlin-Grunewald verfrachtet.

Dieser „7. Osttransport“ bestand aus 1054 namentlich bekannten Menschen, die am 27. November 1941 in Waggons 3. Klasse eine Reise ins Ungewisse antraten. Der Zug sollte nach dem etwa 1200 km entfernten Riga in Lettland gehen.

In Riga traf der Transport am 29. November ein. Noch bis zum nächsten Morgen mussten die Deportierten im Zug warten, weil offenbar keinerlei Unterkünfte bereit waren. Am 30. November 1941 ist Betty wie alle, die mit ihr fuhren, morgens in der Frühe im Wald von Rumbula außerhalb der Stadt erschossen worden. Kein Mensch aus diesem Transport hat überlebt. Über 26.000 lettische Jüdinnen und Juden aus dem Ghetto Riga wurden dort am selben Tag, dem „Rigaer Blutsonntag“, kurz darauf von SS- und Polizeiangehörigen und lettischen Helfern mit Kopfschuss ermordet. Diese schwer beschreibliche Entmenschlichung der NS-Schergen und ihrer litauischen nationalistischen Kollaborateure benennt Klaus Dettmer: Die Deportationen aus Berlin, in: Buch der Erinnerung. Bearbeitet von Wolfgang Scheffler und Diana Schulle. Band. I, München 2003, S. 80, 191-197, 216; ebenso auch Gerald Fleming: The Mass Shootings outside Riga, in: Hitler and the Final Solution, p. 89.

Die ehemalige Karlsruherin Lena Plachzinski schrieb 1957 für Betty und Efraim Lipsker Gedenkblätter bei Yad Vashem. Efraim Lipskers Geschwister Rivka verheiratete Bergrin (geb. 1885), Meir (geb. 1890) und Moshe (geb. 1906) finden sich ebenfalls unter den in Gedenkblättern gewürdigten Toten.

Jonas Poritzky ist 1939 nach Großbritannien emigriert,, sicher in der Hoffnung, dass seine Frau bald nachkäme. Hedwig gebürtige Rosemann, geb. 7. Februar 1902 in Górzno, wurde aber am 19. Januar 1942 von Berlin (zuletzt Westarpstr. 2) nach dem Ghetto Riga deportiert, wo dieser „9. Osttransport“ in Güterwaggons mit insgesamt 1002 Menschen am 23. Januar eintraf. Über zwei Jahre später gelangte sie in das KZ Stutthof bei Danzig (Gdansk), wohin die noch am Leben gebliebenen Häftlinge der Nazilager im Baltikum ab August 1944 „verlegt“ wurden. Ab 1. Oktober 1944 verlor sich dort ihre Spur. Der Ort ihres Todes ist unbekannt.

(Christoph Kalisch, April 2011)