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Lion Gertrud, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Gertrud Lion

Nachname: Lion
geborene: Klaus
Vorname: Gertrud
Geburtsdatum: 4. August 1910
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Salomon und Minna K.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Siegfried L.;

Mutter von Hans
Adresse: Ebertstr. (Reichsstr.) 4
1939: Kriegsstr. 88
Schule/Ausbildung: Fichte-Mädchenrealschule mit Oberrealschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Gertrud Lion

Im Generallandesarchiv Karlsruhe wird im Bestand 330 unter der Nr. 723 der Reisepassantrag von Gertrud Lion, geborene Klaus, verwahrt.
Beigefügt sind alle erforderlichen Bescheinigungen:
- ein kurzer, auf der Schreibmaschine getippter Lebenslauf;
- die Versicherung, alle steuerlichen Vermögensangelegenheiten geregelt zu haben;
- Unbedenklichkeitserklärungen verschiedener Ämter.
Das konnte ihr Leben nicht retten.
Gertrud Lion wurde 1940 deportiert- später in Auschwitz ermordet.
Ihr Sohn Hans hat die Deportation überlebt.
Ihr Ehemann Siegfried konnte kurz vor Kriegsbeginn Deutschland verlassen.
Nachdem Gertrud Lion für tot erklärt werden musste, hat er in Palästina noch einmal geheiratet.
Die Informationen seiner zweiten Ehefrau im „Wiedergutmachungs“-Verfahren halfen, diese Biografie zu erstellen.

Die Familie Klaus
Salomon Klaus, der Vater von Gertrud Lion, wurde am 10. Dezember 1856 in Rülzheim in der Pfalz geboren. Ab 1890 erscheint sein Name mit wechselnden Anschriften in den Adressbüchern der Stadt Karlsruhe. Bei Veit L. Homburger Bank und Wechselgeschäft (bis 1890), Veit L. Homburger Bank (seit 1891) in der Zähringer Straße 75 war er einer der Prokuristen, selbst namentlich auch genannt im Adressbuch. Als Bankhaus Veit L. Homburger bezog die Firma 1901 das neue, vom Architekturbüro Curjel & Moser geplante Haus an der Ecke Karlsstraße/Akademiestraße. Am 4. Juni 1908 heiratete er, im Alter von 52 Jahren, die aus Regensburg stammende, etwa 20 Jahre jüngere Minna Springer. Am 4. August 1910 kam die Tochter Gertrud zur Welt - sie blieb das einzige Kind des Paares. Eventuell gehörte Salomon Klaus der orthodoxen Gemeinde an, denn er war Mitglied des jüdischen Vereins Dower Tow und im Verein Friedrichsheim Gailingen, der in ganz Baden zum Erhalt des größten jüdischen Altersheims in Gailingen bei Konstanz beitrug. 1912 bat er den Stadtrat in Karlsruhe für sich und seine Familie um Aufnahme in den Badischen Staatsverband. Vom Beamten der Polizeidirektion beim Großherzoglichen Bezirksamt war ihm am 20. August 1912 im Leumundszeugnis bescheinigt worden, „dass er nachweislich des Staatsregisterauszugs keine Strafen erlitten hat und sonst nichts Nachteiliges während seines Aufenthalts hier vom 16. Juni 1908 bis heute nicht [sic] zur Kenntnis der Polizeibehörde gelangt ist. “Am 7. September erging der Beschluss zur Aufnahme, die Gebühr betrug eine Mark.

Familie Klaus wohnte in der Viktoriastraße 15, in der 2. Etage des dreigeschossigen Mehrfamilienhauses. Die Bewohner gehörten der bürgerlichen Mittelschicht an: die Familie eines Blechners und Installateurs, eines Küchenchefs, die eines Kaufmanns, eines Lehrers, eines Akquisiteurs, eines Bierbrauers im 4. „Stock“ unterm Dach und eben die des Prokuristen Salomon Klaus. Die Tochter Gertrud Klaus lernte in der Fichteschule, einer Höheren Mädchenschule auch Französisch und Englisch: Danach besuchte sie ein Jahr lang eine Haushaltsschule in Frankfurt, wo sie in verschiedenen „Frauenfächern“, wie sie selbst es später nannte, wie Hauswirtschaft, Kochen und Nähen zur Vorbereitung auf das künftige Leben an der Seite eines Ehemannes unterrichtet wurde. 1928, im Alter von 18 Jahren verbrachte sie sechs Monate bei Verwandten in der Schweiz.

Die Familie des Ehemanns
In ihrem knappen Lebenslauf zum Reisepassantrag schrieb sie 1938, sie sei seit dem 7. September 1933 mit Siegfried Lion, einem Bankbeamten des Finanzhauses Ignaz Ellern in Karlsruhe verheiratet. Wie und wo sie ihren künftigen Ehemann fand, - ob ein jüdischer Heiratsvermittler diese Verbindung zustande brachte, oder ob es eine Liebesheirat war, hat sie nicht geschrieben. In der Heiratsurkunde steht als Adresse des Bräutigams die Kaiserstraße 36 in Karlsruhe. Im Bankgewerbe war der Bräutigam tätig, wie auch der Vater der Braut, und zwar beim hiesigen Bankhaus Ignaz Ellern. Die Eltern glaubten das einzige Kind wohl gut versorgt, zielstrebig und zugleich erfolgreich schien Siegfried Lion, der gebürtige Hesse auch zu sein.

Aus Frielendorf bei Kassel stammte der Bräutigam Siegfried, kurz Fritz genannt. Als Sohn des Lehrers Hugo Lion und seiner Ehefrau Bertha, geborene Hammerschlag, war er dort am 4. September 1900 zur Welt gekommen. Dem Anschein nach blieb er ein Einzelkind, zwei weitere Kinder der Familie, ein Knabe und ein Mädchen, kamen 1907 und 1911 tot zur Welt. Die Gemeinde Frielendorf unterstützte diese Biografie mit Auszügen aus den Standesamtsregistern und mit anderen Unterlagen. Fritz Lion schrieb später: „Mein Vater und Großvater waren zusammen über 50 Jahre als Lehrer im Preußischen Staatsdienst in Frielendorf tätig.“ Die Chronik von Frielendorf enthält Auszüge aus den Schulprotokollen der Pfarrei Spieskappel, verfasst im Rahmen der damaligen kirchlichen Schulaufsicht. Pfarrer Hebebrand, der „Localschulinspektor“ berichtete für das Jahr 1894 über die Verhältnissein der dortigen israelitischen Elementarschule und schrieb: „ Die … Schule … zählt 32 Schüler, derzeitige Lehrer, M. Lion unterrichtet in derselben bereits 46 Jahre, erteilt zur Zeit aber nur noch Religionsunterricht. Sein Gehilfe ist sein bereits 34-jähriger, aber immer noch ohne jede Besoldung angestellter Sohn Hugo Lion,... ein mit guten Kenntnissen und mit einem lobenswerten Lehrgeschick ausgestatteter, fleißiger, gewissenhafter und treuer Lehrer. Die Kinder haben gediegene Kenntnisse, sind gleichmäßig vorgeschritten, ein Zeichen, dass er nicht nur den Stoff durchnimmt, sondern sich auch den weniger Begabten widmet. Außerdem herrscht in der Schule eine mustergültige Ordnung sowie eine gute Disziplin, welche übrigens der Lehrer weniger durch allzu große Strenge als durch ein freundliches und liebreiches Verhalten gegen die Kinder aufrechterhält.“ Der Lehrer Markus Lion, der Großvater von Fritz Lion, starb am 15. März 1901 im Alter von 84 Jahren, seine Ehefrau Mariane war schon 1875 im Alter von nur 40 Jahren verstorben. Sohn Hugo übernahm den Lehrerposten und damit auch das Amt des Vorsängers und Schächters bis zu seiner eigenen Pensionierung im April 1924. Danach war er weiter als Religionslehrer und Kultusbeamter der orthodoxen jüdischen Gemeinde tätig. Über seine Ehefrau wissen wir nichts. Der Sohn des Lehrers Hugo Lion, Siegfried, wechselte 1911, nach der Volksschule zum Gymnasium im etwa 80 km entfernten Hannoversch-Münden bei Göttingen in Niedersachsen an der Grenze zu Hessen. Während des Schuljahrs wohnte er dort bei seiner Großmutter - nur die Ferienzeit verbrachte er in Frielendorf. Von Juli bis zum November 1918 musste er den Schulbesuch unterbrechen, weil er zum Militärdienst einberufen wurde, 1920 konnte er das Abiturienten Examen ablegen.

Beim Bankgeschäft Baruch Strauss in Marburg machte er im Anschluss daran eine zweijährige Lehre zum Bankkaufmann und wechselte 1922 als Buchhalter in das Frankfurter Haus der Firma. Als ausgebildeter Fachmann im Buchhaltungs-, Effekten- und Rechnungswesen arbeitete er ab 1. Oktober 1922 bei der „Deutschen Effekten- und Wechselbank, Frankfurt/Main, dort blieb er bis Ende November 1924, dann verliert sich seine Spur. Den Tod des Vaters am 7. Juli 1925 meldete nicht der Sohn, sondern ein Viehhändler namens Abraham Plaut dem Standesamt der Gemeinde. Die Zeitung „Der Israelit“ berichtete am 12. Juli 1925: „Ein großes Leichengefolge geleitete die sterblichen Überreste des 67-jährigen Lehrers a. D. zur letzten Ruhe“, dass sich darunter auch der Sohn befand, ist nicht gesichert. Die Spur des Fritz Lion findet sich erst am 15. Mai 1928 in Karlsruhe wieder, als Leiter der Effektenabteilung und der Devisen- und Couponabteilung beim Bankhaus Ignaz Ellern, an der Ecke Kaiser- und Douglasstraße, geleitet von Hermann Ellern und dessen Schwager Emanuel Forchheimer. Da das Adressbuch Fritz Lion nicht als Bewohner verzeichnet, ist davon auszugehen, dass er zur Untermiete gewohnt hat.

Heirat und erste gemeinsame Jahre
Bei der standesamtlichen Heirat mit der 23-jährigen Gertrud Klaus am 7. September 1933 war er 33 Jahre alt, als Trauzeugen nennt die Heiratsurkunde den 34-jährigen Richard Kälbermann und den 30-jährigen Lazarus Barth. Nach der Hochzeit bezog das junge Paar eine Wohnung in der Reichsstraße (davor und danach Ebertstraße) 4, wie es im Erhebungsbogen zur Ermittlung der ehemaligen jüdischen Bürger der Stadt Karlsruhe und im Adressbuch 1933/34 (Stand Mitte Dezember 1933) festgehalten ist. Das neue, erst Ende August 1930 fertig gestellte und bezugsfertige sechsstöckige Mietwohnhaus mit sechs Partien, Eigentum der Süddeutschen Wohnungsbau AG, war vom Architekten Prof. Hermann Heinrich Alker im Stil der „Klarheit des neuen Bauens“ geplant worden. In einer so genannten Komfortwohnung mit 3 m hohen Räumen lebten sie mit gut ausgestattetem Bad, einer Küche mit Gasanschluss und Zentralheizung. Heute gehört die Gesamtanlage, einschließlich des innen liegenden Gartenhofs, auf den Küchen und Balkone ausgerichtet sind, zu den Karlsruher Kulturdenkmalen.

Die 23-jährige Gertrud Lion führte hier nun den Haushalt, berufstätig war sie nie. Über das religiöse Leben, gesellschaftliche Aktivitäten, Interessen oder Hobbys beider ist fast nichts bekannt. Siegfried trat in den Kindergartenverein (Dr. Sinai Schiffer- Stiftung) ein, der in eigenen Räumen der orthodoxen Austrittsgemeinde, Karl-Friedrich-Straße 16, orthodoxe religiöse Kindergartenerziehung im Einklang mit den pädagogischen Konzepten von Friedrich Fröbel und Maria Montessori anbot, Gertrud Lion war Mitglied im israelitischen Frauenwohltätigkeitsverein. Am 25. Dezember 1935 kam der Sohn Hans Günter Klaus zur Welt.

Im Bankhaus hatte es bereits 1933 eine Veränderung an der Spitze des Unternehmens gegeben. Forchheimer leitete es nun allein, Hermann Ellern, überzeugter Zionist seit frühester Jugend, zeitweise Vorstand der Zionistischen Ortsgruppe Karlsruhe, glühender Verehrer von Dr. Theodor Herzl, war nach Palästina ausgewandert. Bereits 1931 hatte er beschlossen, dort am wirtschaftlichen Aufbau des Landes mitzuarbeiten. Später sagte er: „Nachdem Hitler Reichskanzler wurde, bin ich weg.“ Von 1933 bis Kriegsausbruch kamen 60.000 so genannte Jeckes wie er in das bis dahin rückständige Land. Im landwirtschaftlichen Sektor wollte er sich ursprünglich engagieren, doch man legte ihm schnell nahe, das zu tun, was er konnte und eine Privatbank zu eröffnen. Noch im selben Jahr gründete er die Ellern`s Bank Ltd. in Tel Aviv, die rasch zu einem florierenden und wachsenden Unternehmen wurde und es in den folgenden Jahrzehnten auf 17 Filialen mit über 500 Angestellten bringen sollte. In Zusammenarbeit mit dem Bankhaus in Karlsruhe engagierte sich Ellern‘s Bank Ltd. in Tel- Aviv für das Außenhandelsgeschäft zwischen Deutschland und Palästina. Die Bank unterstützte unter anderem den Import deutscher Waren, sogar ganzer Fabriken ins britische Mandatsgebiet Palästina.

Das Ende des Bankhauses Ignaz Ellern in Karlsruhe
Die Bank in Karlsruhe jedoch war von 1933 an gezwungen, das Geschäft sukzessiv zu verkleinern, was Siegfried Lion sicher mit Sorge beobachtete, vermutlich auch mit seiner Frau besprach. In der Nachkriegszeit sagte Emanuel Forchheimer aus, das Bankhaus Ignaz Ellern sei 1937 verschärften Kontrollen der Devisenstelle unterworfen gewesen. Die Devisenbehörde unterstellte, dass die Verbindung nach Palästina zu illegalen Devisenverschiebungen benutzt wurde und das Bankhaus geriet in den Focus der Ermittlungen. Mehrere Verhöre des Eigentümers und akribische Buchprüfungen fanden statt. 1937 wurde ein vermeintlicher Rechtsverstoß entdeckt, Forchheimer wurde verhaftet und saß mehrere Wochen in Untersuchungshaft. Währenddessen fanden in der Bank und in seiner Privatwohnung, wie er selbst berichtete, Hausdurchsuchungen statt. Die Reichsbank habe noch während seiner Haftzeit die Ermittlungen zum Anlass genommen, dem Bankhaus die Devisenbankeigenschaft abzusprechen. Das bedeutete die Einstellung des Auslandsgeschäfts, einer der wichtigen Säulen der Geschäftstätigkeit, was faktisch einer Zwangsliquidation gleichkam. Tatsache ist, dass zwischen Mitte 1937 und Sommer 1938 das Reichsbankdirektorium vermehrt jüdische Privatbanken unter dem Vorwand von Rechtsverstößen aus dem Devisengeschäft verdrängte. Hermann Ellern erzählte 1987, im Alter von 95 Jahren, sein Schwager sei, nachdem er in der Haft seine Auswanderung angekündigt hatte, schnell gegen eine geringe Geldstrafe wieder auf freien Fuß gesetzt worden. Ende 1938 leitete er die „stille“ Liquidation des Bankhauses Ignaz Ellern ein, „arische“ und „nichtarische“ Angestellte erhielten eine Abfindung. „Fräulein Klose, Tochter des Kunstmalers Wilhelm Klose hat das Haus gekauft... eine Firma Feuchter [ebenfalls eine Privatbank]das Lokal gemietet“, berichtete Hermann Ellern.

Beantragung von Reisepässen und Auswanderungspläne
Emanuel Forchheimer, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Ignaz Ellern, wanderte noch 1938 oder erst Anfang Februar/März 1939 nach Palästina aus. Mit der Liquidation des Bankhauses war die wirtschaftliche Existenz Gertrud und Siegfried Lions vernichtet, eine neue Arbeitsstelle zu finden war völlig ausgeschlossen. Die Absicht auszuwandern, hatten sie schon einige Zeit, wie Nachfolgendes beweist: Bereits am 9. September 1937 hatte Siegfried Lion einen Reisepass beantragt, der knapp 20 Monate alte Sohn Hans sollte darin ebenfalls eingetragen werden. Er gab an, er brauche ihn wegen einer Ferienreise, auch fahre er ab und zu ins Ausland. Am 28. des Monats wurde dieser Antrag abgelehnt, danach ebenfalls sein Einspruch und das intern wie folgt begründet: „Nachdem die Hetze im Ausland gegen den Führer und den nationalsozialistischen Staat unvermittelt anhalte und nachweislich auch deutsche Staatsangehörige sich während ihres Ferienaufenthalts daran beteiligen, kann ich keine Notwendigkeit erblicken, für derartige Ferienreisen ins Ausland behördliche Genehmigung zu erteilen. … ersuche ich daher, aus grundsätzlichen Überlegungen heraus, die Beschwerde des Lion kostenfällig abweisen zu wollen. Der Polizeipräsident: „Da seine Situation noch verhältnismäßig sicherer gewesen sei als die Anderer, sei er zweimal gebeten worden, (zu deren Gunsten) auf Familien-Einwanderungszertifikate nach Palästina zu verzichten“, wurde 1955 im „Wiedergutmachungs“-Verfahren berichtet.

Jedoch spätestens nach Siegfried Lions Haftzeit vom 11. November bis 2. Dezember 1938 im Konzentrationslager Dachau im Anschluss an die Reichspogromnacht, sah das Ehepaar keine Alternative mehr zur Flucht. Auch habe Siegfried Lion „seit 1938 ständig Drohungen und Warnungen von Seiten der NSDAP, respektive von gutmeinenden Nachbarn erhalten und musste sich tagelang außerhalb seiner Wohnung verstecken, um nächtlichen Razzien zu entgehen.“ Wo hielten sich Gertrud und der kleine Sohn auf, wenn sich der Ehemann und Vater versteckte? Was sollte die Lions noch in Deutschland halten? Gertrud Lions Eltern waren nicht mehr am Leben, der 79-jährige Salomon Klaus verstarb am 25. Januar 1936 und Minna Klaus am 6. September 1938 im Alter von 62 Jahren in der ehemaligen Privatklinik des Dr. Karl Mayer in der Stephanienstraße 66. Das Foto Gertrud Lions aus dieser Zeit in der „Karlsruher Judenkartei“, erstellt am 20. Dezember 1938, zeigt eine ernst blickende junge Frau, straff das dunkle Haar zusammengesteckt und schmucklos.

Also schrieben Gertrud und Fritz Lion einen kurzen Lebenslauf auf der Schreibmaschine, um mit Datum 31. Dezember 1938 Reisepässe zu beantragen. Beide schrieben im Antrag, er/sie „beantrage einen Deutschen Reisepass für In- und Ausland zum Zweck der Auswanderung auszustellen und das Kind Hans Günter Klaus Lion, zusätzlicher Vorname Israel“ sei jeweils im Pass aufzunehmen. Die erforderliche Unbedenklichkeitserklärung des Finanzamts Karlsruhe Stadt, die Grund-, Gewerbe-, Gebäudesonder- und Bürgersteuer betreffend, legten sie bei.
Die „Amtlich Anerkannte Öffentliche Gemeinnützige Auswanderer-Beratungsstelle“ hatte in einem Gutachten vom 28. Dezember 1938 bescheinigt: „Siegfried Lion hat nachgewiesen, dass er nach Palästina auswandern wird. Das Certificat erhält er vom Palästina-Amt in Berlin. Die Ausstellung eines Reisepasses ist erforderlich. Das Kind kommt mit auf den Pass des Vaters. Der Reiseweg wird über die Schweiz genommen.“ Im Gutachten für Gertrud wird ihr bescheinigt, sie habe nachgewiesen, dass sie nach Palästina auswandere und den Reiseweg über die Schweiz nehme, dafür brauche sie einen Reisepass und das Kind solle im Pass eingetragen werden.
Die NSDAP Gauleitung Baden Kreisleitung Karlsruhe bescheinigte Beiden:
„Gegen die Auswanderung bestehen keine Bedenken. Heil Hitler ! Leiter des Kreispersonalamtes.“

Die Reichsbankstelleschrieb am 10. Januar 1939 an das Polizeipräsidium Karlsruhe, Siegfried Lion habe „weder auf Grund des Volksverratsgesetzes, noch auf Grund der ergangenen Bekanntmachungen über die Anbietung und Anlieferung von Auslandsforderungen, Goldmünzen und ausländischen Wertpapieren einen Besitz bei der Reichsbank angemeldet.“ Es gäbe von ihrer Seite keine Einwände gegen die Reisepassausstellung. .. . Das Gleiche gilt für seine Ehefrau Gertrud, geborene Klaus“. Am 19. Januar 1939 schienen dem Oberfinanzpräsidium noch Rückfragen erforderlich, am 8. Februar 1939 wurde bescheinigt, man habe gegen die Ausstellung der Reisepässe für „die beabsichtigte Auswanderung des Siegfried Lion & Familie“ keine devisenrechtlichen Bedenken.
Am 9. Februar 1939 ergingen folgende Beschlüsse:
- einen Reisepass für ein Jahr für Siegfried Lion auszustellen, Zusatzvermerk: „der Sohn ist eingetragen“,
- einen Reisepass für 1 Jahr zu erteilen für Gertrud Lion, Zusatzvermerk: „Eintrag Kind Hans.“

Aufgabe der ehelichen Wohnung
Im März 1939 gab die Familie die Wohnung in der Reichsstraße auf, wurden sie schikaniert oder kündigte man ihnen oder nahmen sie freiwillig das ab April geltende „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ vorweg, das jüdische Familien zwangsweise in so genannte „Judenhäuser“ einquartierte? Die Süddeutsche Wohnungsbau AG fand schnell neue Mieter und Familie Lion zog in den Nassauer Hof in der Kriegsstraße 88. Dieses einzige jüdische Hotel in Karlsruhe gehörte Julius Odenheimer und der Witwe des Emil Rosenthal. Hier wollten sie, wie viele andere, die es sich leisten konnten, bis zur Ausreise im Sommer leben, eine „abhängige“ Verwandte soll als Kindermädchen bei ihnen gewohnt haben.

Nach der Zerstörung der Synagogen fand hier auch der Gottesdienst statt. Im „Wiedergutmachungs“-Verfahren argumentierten die Rechtsanwälte später, dass nach der Reichskristallnacht die Juden aus ihren Wohnungen vertrieben wurden und „im Nassauer Hof eine letzte Zufluchtsstätte vor ihrem Abtransport oder ihrer Abreise fanden. Der Nassauer Hof war seinerzeit bekannt als Judenasyl, es war in jenen Tagen der gewaltsamen Ausschreitung gegen das Judentum diesen Menschen nahezu unmöglich, irgendwo anders eine Unterkunft zu finden, … insbesonders war es völlig ausgeschlossen, noch irgendwo eine private Unterkunft zu finden, da sich verständlicherweise jeder Nichtbetroffene hütete, … einen Juden bei sich aufzunehmen. Es wird beantragt, die jüdische Gemeinde über die Situation der Juden 1938 in Karlsruhe zu hören, … unter welchen Verhältnissen die Juden im Nassauer Hof zusammengedrängt wurden. “ Familie Lion entschied sich für diese Unterkunft, die baldige Ausreise im Sommer vor Augen.

Der Haushalt der Familie Lion in der Reichsstraße war zum 1. April 1939 aufgelöst, Hab und Gut in einem circa 30 cbm großen so genannten Lift oder „lift-van“, einem Transportcontainer aus Holz, nach dem Freihafen Rotterdam verschickt worden. Er war für die Überfahrt nach Palästina bestimmt und sollte zu einem späteren Zeitpunkt abgerufen werden können. Neuwertige Möbel, Silber und Schmuck enthielt er, bescheinigte man von Seiten des Internationalen Transportkontors Karlsruhe, dessen Mitarbeiter den Container in Anwesenheit eines Versicherungsagenten packten, der Inhalt wurde auf 60.000 Reichsmark geschätzt. Die Frachtkosten inklusive Versicherung betrugen 2.000 Reichsmark und eine ersatzlose Abgabe für Umzugsgut zum Zweck der Erlangung der Versende-Erlaubnis. Damit schienen sämtliche Vorbereitungen für die Ausreise nach Palästina mit erster Station in der Schweiz getroffen.
Was nun geschah, scheint zunächst rätselhaft: Fritz Lion reiste am 24. August 1939 alleine aus, Frau und Sohn blieben zurück.

Siegfried Lions Schicksal als Emigrant
In der Akte im Generallandesarchiv Karlsruhe zu Gertrud Lions Passantrag ist ganz am Ende des Schriftwechsels, nach allen Bescheinigungen, Gutachten und Bestätigungen, ein Reisepass mit der Nummer 481 abgeheftet. Ausgestellt wurde er am 9. Februar 1939, gültig bis 8. Februar 1940 für Gertrud Lion, geborene Klaus, Gestalt mittel, Gesicht oval, Farbe der Augen und Haare braun. Das Passbild in diesem Reisepass zeigt eine fast zuversichtlich lächelnde junge Frau. Es unterscheidet sich damit deutlich von dem Bild in der „Judenkartei“.
Der Reisepass ist unbenutzt – scheint auch nach 73 Jahren noch fast neu.
Und hier beginnt die Spekulation darüber, was geschah, warum der Pass bis heute im Archiv ruht.

Die Aufnahmebereitschaft jüdischer Flüchtlinge in den Zielländern, nach der Weltwirtschaftskrise, war gering. Selbst wirtschaftlich gut gestellte und/oder menschenarme Staaten änderten die radikal herabgesetzten Einwanderungsquoten nicht. Bis Ende des Jahres 1938 waren auch deshalb bereits 10.000 Flüchtlinge aus Deutschland zunächst nur im Nachbarland Schweiz, ein Ende des Flüchtlingsstromes schien den Eidgenossen nicht absehbar. Nach der, für die Belange der potentiellen Auswanderer erfolglosen Konferenz in Evian-les-Bains, wurden ab dem 5. Oktober 1938 die Pässe deutscher (und österreichischer) Juden für ungültig erklärt, eingezogen und mit einem roten „J“, dem so genannten Judenstempel, versehen, und die Passinhaber somit für die Zöllner kenntlich gemacht, denn der schweizerischen Regierung schien „das Boot voll zu sein.“ Die Sorge vor Überfremdung und auch der Antisemitismus wuchsen partiell, und - Grenzen wurden geschlossen. Eine legale Einreise in die Schweiz wurde damit für die Familie Lion unmöglich.

Im Jüdischen Nachrichtenblatt Nr. 6 vom 20. Januar 1939, dem Mitteilungsblatt der Reichsvereinigung für die Juden in Deutschland – der einzigen jüdischen Zeitung im 3. Reich, war zu lesen: Die Bemühungen der Reichsvertretung der Juden in Deutschland „zur Förderung und Beschleunigung der Auswanderung haben dazu geführt, dass in England ein Transit Camp in Richborough (Kitchener Camp) eingerichtet wird. Es sollen dort solche Männer (zwischen 18 und 35, ausnahmsweise bis 45 Jahren), deren Auswanderung vordringlich und deren Einwanderung nach Übersee oder Palästina gesichert, frühestens nach drei, längstens nach neun Monaten durchführbar ist, [untergebracht werden]... Voraussetzung ist, dass auf andere Weise ein Zwischenaufenthalt nicht zu erreichen ist.“ Und weiter „Meldungen für die Aufnahme in das Durchgangslager sind ausschließlich bei den örtlich zuständigen Auswandererberatungsstellen des „Hilfsvereins der Juden in Deutschland“ oder, soweit das Ziel der endgültigen Auswanderung Palästina ist, bei den örtlichen zuständigen Zweigstellen des Palästinaamts anzubringen. „In den 23 Filialen des vom Hilfsverein eingerichteten Palästina-Amts in Deutschland wurden Kurse veranstaltet, Vorträge gehalten und Publikationen herausgegeben, um Auswanderer auf die Verhältnisse in Palästina vorzubereiten.
Am 1. Juli 1939 wurde die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland von den nationalsozialistischen Machthabern übernommen und damit zum verlängerten Arm des Sicherheitshauptamtes, abhängig von den Behörden und deren Weisungen, ihr Handlungsspielraum war gering.

Vielleicht sah Fritz Lion in dieser Zeitungsannonce seine letzte Chance zur Ausreise.
Am 25. Juli 1939 schickte der Hilfsverein der Juden in Deutschland mit Sitz in Berlin ein Einschreiben an die Adresse Siegfried Lions im Nassauer Hof, mit folgendem Inhalt: „Anliegend überreichen wir Ihnen Ihren Pass Nr. 480 ausgestellt in Karlsruhe am 9.2.1939 mit englischem und belgischem Visum versehen. Nach bestehenden gesetzlichen Bestimmungen besteht für Sie die Möglichkeit, Reichsmark 10.- in Devisen gegen Passeintrag zu erwerben und mitzunehmen. Die Beschaffung der Devisen bleibt Ihnen überlassen.“ Er sei nicht berechtigt, die Fahrt ins Ausland alleine anzutreten, vielmehr benötige er eine Transitkarte mit Lichtbild, ausgestellt vom British Passport Control-Office in Berlin, ohne diese sei das Visum ungültig. Der Sammeltransport mit den übrigen Transportteilnehmern aus dem Reich ins Durchgangslager Richborough starte am Mittwoch dem 23. August 1939 um Mitternacht in Köln und er müsse spätestens um 21 Uhr dort sein. Das Gepäck müsse einen Tag zuvor mit Ziel Dover aufgegeben werden, Pässe, Fahrkarten und Diphterie-, und Abstrich-Atteste (mit negativem Befund) seien beim Transportleiter abzugeben.

In der Wiedergutmachungsakte finden sich folgende Aussagen:
„Siegfried Lion sei fünf Tage vor Ausbruch des Krieges nach England geflohen um vielleicht von dort leichter Einwanderungsvisa für Palästina zu bekommen“.
„Gertrud Lion beabsichtigte, im Sommer 1939 auszuwandern, zunächst erhielt nur der Ehemann ein Visum für England, worauf der Haushalt aufgelöst wurde und Herr Lion nach England fuhr, in der Absicht, Frau und Sohn nachkommen zu lassen..
In Lions Lebenslauf, 1955 von seiner zweiten Ehefrau Lea Lion geschrieben, liest es sich so: „Im August 1939 gelang es … dann endlich, ein Transit-Visum für England für sich allein zu erhalten, und da er sich als Mann am meisten gefährdet glaubte und damit rechnete, dass man seiner Frau und dem damals 3 ½ jährigen Kind, die von eigenen Mitteln leben konnten, so bald nichts in Deutschland antun würde, entschloss er sich, allein am 23. August 1939 nach England zu fliehen.“

Das Visum, das Siegfried Lion durch die Reichsvertretung der Juden in Deutschland, Abt. Wanderung verschafft wurde, verpflichtete ihn, innerhalb eines organisierten Transports zu fahren. Am 1. September marschierte die deutsche Wehrmacht im Westteil der Zweiten Polnischen Republik ein, woraufhin Großbritannien und Frankreich am 3. September im Rahmen ihrer Beistandsverträge mit Polen Deutschland den Krieg erklärten. Damit war die Familie getrennt, eine Nachreise unmöglich geworden. Siegfried Lions Auswanderung nach Palästina führte über viele Stationen und sollte einige Jahre dauern. Das Kitchener Camp in der Grafschaft Kent war zwar als Transitlager für männliche Überseewanderer eingerichtet worden, doch nach Kriegsausbruch waren diese Flüchtlinge aus Deutschland unerwünscht, sie wurden als potentiell feindliche Ausländer betrachtet und, obwohl sie Zivilisten waren, wie Kriegsgefangene interniert. Siegfried Lion wurde im April 1940 aus dem Transitlager ins Internierungslager Ramswey auf der Isle of Man verbracht. Für die als „feindliche Ausländer“ („enemy aliens“ ) betrachteten Flüchtlinge folgte die Verfrachtung nach Liverpool, von wo aus sie das Schiff Dunera unter Militärbewachung zur weiteren Internierung nach Australien transportieren sollte. Dieser Transport wurde unter dem Titel „The Dunera Boys“ 1995 verfilmt und 2006 zeigte das ZDF eine Dokumentation. An Bord des ehemaligen Truppentransporters waren ehemalige, auf Bewährung freigelassene Sträflinge als Bewacher angeheuert, befehligt von Colonel William Patrick Scott, der keinen Hehl aus seiner antisemitischen Haltung machte. Unter den 2.542 Männern dieses Transports waren neben 2.036 jüdischen und politischen Emigranten auch etwa 450 deutsche und italienische Kriegsgefangene, unter denen sich zahlreiche Nazis befanden, was natürlich zusätzliche Spannungen erzeugte. Mitreisende berichteten später, sie seien schon zu Beginn der Reise unverhohlen von der Schiffsbesatzung ausgeplündert worden. Das Schiff sei fast zu 50 % überfüllt gewesen (zugelassen war es für maximal 1.600 Menschen, inklusive Besatzung), Passagiere schliefen auf Tischen oder auf dem Boden, die hygienischen Verhältnisse waren katastrophal. Von den Soldaten und Offizieren an Bord wurden sie schikaniert. Die Zugangswege nach oben waren mit Stacheldraht abgesperrt - den Flüchtlingen mangelte es an Licht und Luft. Nach 57 Tagen kam die Dunera, vorbei am Kap der guten Hoffnung und nach zweimaligem Torpedobeschuss durch feindliche Schiffe am 6. September 1940 in Australien an. Als erster Australier kam in Sydney ein medizinischer Offizier, der Quarantäne-Arzt an Bord, sein schonungsloser Bericht führte zu einem Kriegsgericht. Die Neuankömmlinge wurden im Camp Nr. 7 Eastern Command (bei Tatura) untergebracht, wo sie die Zeit bis zum Ende des Krieges verbringen sollten.

Rettung von Hans und Ermordung von Gertrud Lion
Von alledem wusste Gertrud Lion vermutlich nichts. Ob ein Lebenszeichen ihres Mannes auf dem Umweg über ein neutrales Land und mit Hilfe von Bekannten oder Verwandten bei ihr in Deutschland ankommen konnte, ist nicht bekannt. Über ihr Leben und das ihres kleinen Sohnes in dieser Zeit wissen wir nichts. Sie hat keine Briefe, Postkarten oder gar Tagebücher hinterlassen. Die Verwandte, die als Kindermädchen ebenfalls im Nassauer Hof wohnte, ist namentlich nicht bekannt. Ob sich die Bewohner des Nassauer Hofs nach Kriegsausbruch noch Hoffnung auf Auswanderung machten, ist fraglich - eher hofften sie wohl auf ein baldiges Kriegsende. Gertrud Lion lebte zunächst nicht in wirtschaftlicher Not – das gemeinsame Vermögen von Siegfried und Gertrud Lion wurde 1938 auf 70.000 Reichsmark geschätzt, doch Kost- und Logis im Nassauer Hof summierten sich, einer eidesstattlichen Versicherung im Wiedergutmachungsverfahren nach, bis Oktober 1940 auf insgesamt 15.000.- RM. Im Rahmen der systematischen Ausplünderung forderte der Staat das so genannte Sühnegeld, die fünf Raten der Judenabgabe betrugen insgesamt 16.700.- RM, dazu mussten 1.490.- RM Auswandererabgabe (Reichsfluchtsteuer) abgeführt werden. Die Badische Bank bestätigte später die Umbuchung von Vermögenswerten in dieser Höhe aus dem Depot der Familie Lion in ein Depot der Preußischen Staatsbank.

Am 22. Oktober 1940 geschah das Unfassbare. Über 900 Karlsruher Juden wurden festgenommen und zum Hauptbahnhof gebracht, Erwachsene mit Gepäckstücken bis zu 50 kg, für Kinder durften bis 30 kg mitgenommen werden. Außer einer Wolldecke musste Verpflegung für mehrere Tage und Geschirr eingepackt werden, 100 Reichsmark waren zur Mitnahme erlaubt. Aus allen Stadtteilen wurden am hellen Tag die Menschen zum Hauptbahnhof gebracht, der normalerweise unbenutzte Osteingang war der Sammelpunkt. Unter diesen Menschen war Gertrud Lion mit ihrem knapp fünfjährigen Sohn Hans, wahrscheinlich auch die Verwandte und andere Bewohner des Nassauer Hofs. Gegen 19 Uhr wurden sie, mühselig ihr Gepäck schleppend zum Bahnsteig und damit weiter auf den Weg in eine ungewisse Zukunft gebracht. Drei Tage dauerte die Bahnfahrt bis zum Bahnhof Oloron-St. Marie, dort folgte der Transport mit Lastwagen zum 18 km entfernten Camp de Gurs. Über die Lebensumstände im Lager soll hier nicht geschrieben werden. Vom 25. Oktober 1940 bis zum 13. April 1942 sollten beide dort bleiben, der kleine Hans besuchte die Lagerschule. Hilfsmaßnahmen verschiedener Hilfsorganisationen begannen 1941 aufgrund von Berichten über die unvorstellbaren Lebendbedingungen, sie betreuten die Menschen medizinisch und versorgten sie mit Nahrungsmitteln, so auch das jüdische Kinderhilfswerk OSE (Oevre de secours aux enfants). Die Helfer erteilten den Kindern Unterricht, machten Spaziergänge mit ihnen, ein kleines Stück Normalität - mit Einverständnis der Behörden und im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Am 13. April wurde Gertrud Lions Sohn wie zahlreiche Kinder ebenfalls, vom OSE aus dem Lager Gurs geholt. Das Ziel dieser legalen Aktionen war, die Kinder besser versorgt in OSE-eigenen Kinderheimen, in Waisenhäusern, in Klöstern oder bei Privatpersonen unterzubringen, soweit die Eltern zustimmten. Mit ihrem Einverständnis und der damit verbundenen Trennung wollte Gertrud Lion primär die Lebensumstände ihres Sohnes Hans verbessern, de facto rettete sie ihm damit das Leben. Hans Lion wurde zunächst nach Palavas-les-Flots, einem Vorort von Montpellier, in ein Auffangheim der OSE gebracht. Paul Niedermann, der ebenfalls in diesem Kinderheim eine kurze Zeit lebte, bezeichnete diese Zeit als eine des Aufpäppelns der durch das Lagerleben geschwächten Kinder. Nach der Ankunft gewaschen, frisch eingekleidet und ärztlich untersucht, bekamen sie dort die erste warme Mahlzeit nach langer Zeit. Hier sollten die Kinder zu Kräften kommen, bevor sie in einem weiteren Kinderheim oder an einem anderen sicheren Ort untergebracht werden konnten. Für Klaus Lion war dies die Klosterschule Chabannes. Seit der Besetzung Frankreichs und den ersten Transporten in die Vernichtungslager ab dem 27. März 1942 hatte die OSE ihre Aktivitäten in den Untergrund verlegt. 1943 baute sie einen Fluchthilfering auf und brachte, nach verschiedenen Schätzungen zwischen 1.500 und 2.000 junge Menschen aus der Süd-Zone in die Schweiz. Frauen und Männer führten die Flüchtlinge entlang der Route Limoges – Lyon nach Annemasse, Annecy, Aix-Les-Bains, von dort direkt zur Grenze. Unterstützt wurde die Organisation in Frankreich von einzelnen Gemeindebeamten, Geistlichen und Grenzbewohnern.

Das Staatsarchiv Genf hat folgende Information zum Fluchtweg von Gertruds Sohn Hans: Die Gruppe Georges Loinger der OSE bewerkstelligte die Flucht einer Gruppe von zehn Kindern mit Hans Lion. Am 17. April 1943 holte ein Herr vom Roten Kreuz Hans Lion und seine Kameraden in Chabannes ab und nahm sie im Zug nach Annemasse nahe der Schweizer Grenze mit. Er oder ein anderer Herr zeigte ihnen, wo die Schweiz ist und sagte dabei, sie sollten sich dorthin retten. Die Kinder rannten los und wateten durch ein Flüsschen ans andere Ufer. Die Grenzpassage nach Moillesulaz, Gemeinde Thonex, erfolgte am 18. April gegen 21 Uhr. Nach den Informationen des Staatsarchivs Genf wurde Hans Lion, damals gerade siebeneinhalb Jahre alt, am 7. Mai 1943 unter der Obhut von Mademoiselle Hohermuth in Ascona untergebracht. Onkel und Tante M. Fritz Wyler habe er in Luzern, wo er auch die Volksschule besuchte. Möglicherweise gab es auch noch eine Zeitlang Briefkontakt zwischen Mutter und Sohn, OSE hat stets versucht, den brieflichen Kontakt zu unterstützen.

Hans Lion gab später an, seine Mutter sei „in der zweiten Hälfte des Jahres 1942 an einen unbekannten Ort gebracht worden.“ Vielleicht hat er diese Information aber auch vom Rabbiner Leo Ansbacher, geboren in Frankfurt am Main, später wohnhaft in Tel Aviv, der 1954 in seiner eidesstattlichen Versicherung angab, er sei gleichzeitig mit Gertrud Lion und ihrem Sohn in Gurs gewesen und könne daher „ aus eigenem Wissen bezeugen, dass Gertrud Lion in der 2. Hälfte des Jahres 1942 von Gurs nach einem … unbekannten Ort deportiert worden ist. Von Gurs wurde sie 32-jährig in einem Sammeltransport in Güterwagen zum berüchtigten Sammel- und Durchgangslager Drancy, 20 km nordöstlich von Paris verschickt und nach etwa 30-stündiger Fahrt dort den Deutschen ausgeliefert. Am 10. August wurden die Menschen in einer zweieinhalbtägigen Fahrt in geschlossenen Viehwagen durch Deutschland nach dem Osten, nach Auschwitz transportiert- außen auf den Waggons stand das Wort „Jude“. Von diesem Transport sind nach der Selektion 140 Männer und 100 Frauen in das Lager gekommen, die anderen wurden sofort in den Gaskammern ermordet. Welches Schicksal Gertrud Lion erlitt, ist nicht überliefert. Von der Ankunft und damit der Rettung ihres Sohnes in der Schweiz hatte Gertrud möglicherweise noch in Gurs durch Briefe ihres Sohnes oder der Verwandtschaft in der Schweiz erfahren.

Vater und Sohn Lion in Palästina / Israel
Über die lange Odyssee ihres Ehemanns Fritz dürfte sie dagegen nie etwas erfahren haben. Siegfried Lion war am 1. September 1943 vom Internierungslager in Australien kommend in Palästina angekommen und hatte ab 12. September Anstellung gefunden - bei der Ellern`s Bank LTD. in Tel Aviv, im Bankhaus seines alten Chefs Hermann Ellern. Da er aber weder die hebräische Sprache beherrschte noch die örtlichen Verhältnisse kannte, musste er mit einem bescheidenen Einkommen ganz unten neu beginnen. Ob seine Ehefrau Gertrud zu diesem Zeitpunkt am Leben war oder ob sie unmittelbar nach ihrer Ankunft ermordet wurde, ist ungewiss und eine Frage, die viele Jahre später im „Wiedergutmachungs“-Verfahren aufgeworfen und kontrovers diskutiert wurde.
1949 schrieb er, er sei „seit 1. September 1943 bei der Ellern´s Bank Ltd. Tel Aviv wieder an meinem Posten, den ich in Karlsruhe innehatte“.

Im Jahr 1945 konnte der zehnjährige Hans Lion von der Schweiz nach Palästina auswandern, der erste mögliche Transport wäre im Frühsommer 1945 gewesen. Der schweizerische Bundesrat hatte am 15. Juli beschlossen, pauschal alle Deutschen aus der Schweiz auszuweisen, doch gleichzeitig betrieben jüdische Organisationen vehement die Familienzusammenführung. Auf welche Weise und mit wessen Unterstützung er die Reise antreten konnte, ist unbekannt. Er kam, wie zahlreiche andere junge Einwanderer in einem der ältesten Jugenddörfer, in Ben Shemen, in der Nähe von Tel-Aviv unter, wo sein Vater eine neue Heimat gefunden hatte. Im Jugenddorf sollte er auf das Leben in Palästina vorbereitet werden und besuchte bis 1951 die „Staatliche Schule Jugenddorf Ben Shemen“ Volks- und Gewerbeschule. Ein zweijähriger Kursus an der dortigen Tischlerei-Schule folgte, ab August 1953 arbeitete er ein Jahr lang, bis zum Militärdienst, in der Tischlerei Salman Danker in Tel-Aviv, zur vollen Zufriedenheit seines Chefs, der ihn im Zeugnis als „verlässlich, ehrlich und anständig“ bezeichnete. In den folgenden zweieinhalb Jahren beim Militär belegte er zwei Jahre lang einen Kurs im Technischen Zeichnen. Nach seiner Entlassung im Februar 1957 fand er in einem Architektenbüro eine Stelle als Zeichner und bereitete sich auf das Abitur vor. Ob er sein damaliges Ziel Architektur möglichst in Europa zu studieren, erreicht hat, ist ungewiss - zu diesem Zeitpunkt ist er Waise, der Vater Fritz ist einige Jahre zuvor gestorben.

Doch zurück ins Jahr 1945: im Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg. Spätestens jetzt erfuhr Siegfried Lion vom „Verlust seiner Ehefrau Gertrud, der durch Aussagen feststeht“, wie er selbst schrieb, spätestens hier erfuhr es auch der zehnjährige Sohn, dessen Vorname jetzt Elchanan lautete. Am 5. Dezember 1946 heiratete Siegfried Lion Lea Behr.
Am 30. September 1948 schrieb er diesen Brief:
„An das Justiz- Ministerium/Amt für Wiedergutmachung
Wie ich aus den Tageszeitungen ersehe, sollen die Wiedergutmachungsbeträge nunmehr zur Auszahlung kommen. Das Gesetz soll im Januar 1949 in Kraft treten, 40 % der Wiedergutmachungssumme soll sofort zur Auszahlung kommen“.
Siegfried Lion war zum Zeitpunkt dieses Schreibens bereits ein kranker Mann, der sich um die Zukunft seines nun 13 Jahre alten Sohnes sorgte. Ab November 1949 war er nur noch zu 50 % arbeitsfähig. Am 25. Oktober 1950 starb Siegfried Lion im Beilinson Krankenhaus in Tel-Aviv an einer Krebserkrankung.

Im Bescheid zur Entschädigungsklage, nur Sachwerte betreffend, bei der Landesbezirksstelle für Wiedergutmachung Karlsruhe-Prozessreferat im Jahr 1952 lautete wie folgt:
„Es wird festgestellt, dass die im Jahr 1942 verstorbene Gertrud Lion geborene Klaus unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wegen ihrer jüdischen Abstammung verfolgt wurde und dadurch Schaden an ihrem Vermögen erlitten hat. Die Verfolgte ist nach dem Erbschein des Landgerichts Tel-Aviv – Jaffa vom 16.7.1951 von ihrem Sohn Hans (Elchanan) Lion im Jugenddorf Ben-Shemen in Israel allein beerbt worden. Der Erbe der Verfolgten hat Entschädigung nach dem Wiedergutmachungsgesetz beantragt wegen:
- Judenvermögensabgabe;
- Auswandererabgabe an den Oberrat der Israeliten;
- Abgabe für Umzugsgut an die Deutsche Golddiskontbank Berlin;
- Frachtkosten inklusive Transportversicherung;
- Aufwendung von Hotelkosten nach Auflösung des Haushalts zur Durchführung der Auswanderung nach England.

Im „Wiedergutmachungs“-Verfahren zeichneten für Elchanan Lion als Vormunde:
-Lion, Lea, geborene Behr, geboren am 29. September 1914 in Berlin
- Ellern, Hermann.

Epilog
1988 lud die Stadt Karlsruhe anlässlich des 50-jährigen Gedenkens an die Reichspogromnacht über Annoncen in internationalen Zeitungen ehemalige jüdische Bürger und Bürgerinnen mit einer Begleitperson zu einem einwöchigen Besuch ein. Prof. Dr. Gerhard Seiler, damaliger Oberbürgermeister der Stadt, erläuterte 2011 dem Herausgeber des „Blick in die Geschichte. Karlsruher stadthistorische Beiträge“ in einem Interview: „Wir sahen in der Einladung allerdings keinen Versuch der Wiedergutmachung, verbanden damit auch nicht den Wunsch nach Verzeihung oder gar Vergessen. Wir setzten vielmehr die Hoffnung darauf, dass die Wunden der Vertreibung und Ermordung der Juden nicht wieder aufbrechen würden. Wir hofften, dass die ehemaligen Karlsruher Juden und die heutigen Karlsruher und Karlsruherinnen aufeinander zugehen könnten, dass unsere Gäste das Angebot der Wiederbegegnung mit Orten und Menschen ihrer Kindheit und Jugend annehmen und die Chance auf ein Wiedersehen mit jüdischen Verwandten, Bekannten und Freunden wahrnehmen würden.“ Auch Elchanan Lion besuchte mit seiner Ehefrau die Stadt, in der er geboren worden war, an die er sich wohl kaum erinnern konnte und die dennoch Bestandteil seiner Familiengeschichte ist.

(Christa Koch, April 2013)