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Von Dr. Leopold Liebmann ist kein Foto überliefert, einzig seine Unterschrift zeigt ein persönliches Identifikationsmerkmal

Personendaten

Dr. med. Leopold Liebmann

Titel: Dr. med.
Nachname: Liebmann
Vorname: Leopold
Geburtsdatum: 16. Februar 1882
Geburtsort: Hadamar (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Lederhändler Herz und Johanna (Hannchen), geb. Kahn, L.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Joseph, Gustav, Sabina Benzion, geb. Liebmann, und Emma
Adresse: Herrenstr. 18
Ritterstr. 8
Schule/Ausbildung: Gymnasium in Hadamar, 1902 Abitur
1902: Universität
1902-1905: Universität Bonn
1905: Universität Gießen
1905/06: Universität
1906-1907: Universität Gießen
Beruf: Arzt (Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten)
Deportation: 10.11.1938 verhaftet und nach Dachau (Deutschland)
Sterbedatum: 24. November 1938
Sterbeort: Dachau (Deutschland)

Biographie

Dr. Leopold Liebmann

Leopold Liebmann kam am 16. Februar 1882 in der Kleinstadt Hadamar bei Gießen zur Welt. Sein Vater war der israelitische Vieh- und Lederhändler Herz Liebmann (1838-1911), seine Mutter Johanna (Hannchen), geborene Kahn (1845-1934). Leopold hatte drei ältere Geschwister, Sabina, verh. Benzion (Ben Zion), Joseph, Gustav und Emma. Leopold besuchte die dortige Volksschule und danach das Königliche Humanistische Gymnasium, wo er im Februar 1902 das „Maturitätsexamen“ bestand. Danach studierte er an den Universitäten München, Bonn, Gießen und Berlin insgesamt zehn Semester lang Medizin. Die ärztliche Vorprüfung bestand er 1904 in Bonn, das medizinische Staatsexamen am 24. Mai 1907 in Gießen mit der Note „cum laude“. Geprüft wurde er von den Professoren Vossius, Poppert und Frank. Seine Dissertation war ein „Bericht über die Wirksamkeit der Universitätsaugenklinik zu Gießen vom 1. April 1904 bis 31. März 1905“. Referent war Prof. Dr. Vossius, der ihm großen Fleiß und Gewissenhaftigkeit bescheinigte. Die Approbation erfolgte im Juni 1908.

Wo Dr. Liebmann in der Zeit direkt nach der Approbation tätig war, ließ sich nicht ermitteln. Im September 1910 meldete er sich in Karlsruhe polizeilich an und im Adressbuch der Stadt taucht sein Name 1911 auf. In dieser Stadt war bereits sein Bruder Josef Liebmann seit einigen Jahren als Bankier tätig, was wahrscheinlich der Grund seiner Ansiedlung in Karlsruhe wurde. Er wohnte in der Kreuzstraße 8 und als Berufsbezeichnung wird „Praktischer Arzt“ angegeben. Als sein Vater im Dezember 1911 in Hadamar starb, war er dort anwesend und zeigte dessen Tod beim Standesamt an. Im November 1918 beantragte er die Aufnahme in den Badischen Staatsverband und legte als Beleg seinen Militärpass vor. Der Antrag wurde im Februar 1919 genehmigt.
Nach dem ersten Weltkrieg wird er im Karlsruher Adressbuch als „Spezialarzt für Hautkrankheiten“ oder „Facharzt für Haut und Geschlechtskrankheiten“ angeführt. Er wohnte in der Herrenstraße 18 und der Ritterstraße 8. Einzelheiten über seine beruflichen Tätigkeiten ließen sich nicht finden, da wesentliche Unterlagen während des Krieges in Karlsruhe zerstört wurden. 1912 wurde er Mitglied des Schwarzwaldvereins. Offensichtlich war er auch ein begeisterter Ski-Läufer.
Am 30. September 1938 erloschen per Gesetz die Approbationen jüdischer Ärzte im Deutschen Reich. Sie durften sich nur noch „Krankenbehandler“ nennen und jüdische Patienten behandeln, sofern sie eine besondere Genehmigung des Reichsinnenministeriums besaßen. An der Vorbereitung des Gesetzes waren auch führende Vertreter der Ärzteschaft beteiligt und auf dem Ärztetag 2008 stellte der Präsident Jörg-Dietrich Hoppe fest: „Unter der Ärzteschaft und ihren Vertretern gab es vielfach den ausdrücklichen oder stillen Konsens zur Vertreibung der jüdischen Ärzte.“
Leopold beantragte im gleichen Monat die Ausstellung eines Passes, um „im Ausland gegebenenfalls ein Fortkommen zu sichern“. Er stellte der Behörde anheim, über seine beim Bankhaus Veit L. Homburger befindlichen Vermögenswerte zu verfügen! Die Kreisleitung der NSDAP äußerte Ende September 1938 in politischer Hinsicht keine Bedenken gegen seine Auswanderung. Aus unbekannten, unglücklichen Gründen gelang ihm jedoch kein schnelles Verlassen Deutschlands. Die Reichspogromnacht 9./10. November 1938 nahte!
In den späten Abendstunden des 9. November brannte die Karlsruher Synagoge und die brutale Verfolgung der jüdischen Bürger begann. Vom frühen Morgen des 10. November an wurden die männlichen Juden zwischen 16 und 60 Jahren in „Schutzhaft“ genommen, dabei auch Leopold Liebmann. Sie wurden zunächst zum Marktplatz gebracht, von einer teils schaulustigen, teils pöbelnde Menschenmenge beleidigt und drangsaliert, im Spießrutenlauf zum Polizeipräsidium gebracht und abends zum abgesperrten Hauptbahnhof, von wo aus die Fahrt zum Konzentrationslager Dachau begann. Leopold Liebmann, Häftlingsnummer 20838, war einer der weit über 200 betroffenen Karlsruher Bürger. Über viele böse Einzelheiten aus diesen Tagen in Karlsruhe und über persönliche Schicksale ist an anderen Stellen ausführlich berichtet worden.
Das im März 1933 eröffnete Konzentrationslager Dachau galt als „Schule der Gewalt“, in der fast alle Kommandanten der später eingerichteten Konzentrationslager ihre „Ausbildung“ erhielten. Die Bedingungen, unter denen die Häftlinge leiden mussten, waren mörderisch. Von den insgesamt etwa 200.000 Haftinsassen des Lagers von 1933 bis 1945 kamen mehr als 20 % zu Tode. Viele wurden willkürlich ermordet, andere z. B. nur, weil sie verbotenerweise aus dem Fenster schauten, andere starben bei Fluchtversuchen oder durch Selbstmord, viele kraftlos unter den seelischen Belastungen. Leopold Liebmann war eines dieser ersten Opfer der Deportierten aus Karlsruhe. Am 24. November, d. h. zwei Wochen nach seiner Einlieferung starb er, nach Angaben der Staatspolizeistelle München an „Herz- und Kreislaufschwäche“. Diese Ursache ist jedenfalls auf der vom Standesamt der Gemeinde Prittlbach ausgestellten Todesurkunde vermerkt. Auffällig ist nur, dass die Todesursache mit anderer Handschrift eingetragen wurde, wahrscheinlich nachträglich. Es war allgemeine Praxis der Nazi, falsche Angaben über die Todesumstände zu machen, um brutale Aktionen vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Leopolds Nichte Frau Hilde Mohr, geb. Liebmann, hat später berichtet, ihr Onkel sei erschlagen worden. Es ist möglich, dass diese Information von einem Mitgefangenen stammt. Hinweisen nach wurden die sterblichen Überreste von Leopold Liebmann, der unverheiratet und kinderlos war, auf dem Münchener Hauptfriedhof beigesetzt.
Sabina Benzion, geborene Liebmann, und Emma Liebmann, seine beiden Schwestern wurden 1944 in Auschwitz ermordet, sein Bruder Josef verstarb 1936 in Karlsruhe, das Schicksal des Bruders Gustav ist unbekannt. 1912 war er als Kaufmann in Frankfurt/Main gemeldet.

(Richard Lesser, Mai 2010)