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Josefine Liebmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Josefine Liebmann

Nachname: Liebmann
geborene: Wertheimer
Vorname: Josefine
Geburtsdatum: 29. September 1875
Geburtsort: München (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Josef und Ida, geb. Dreyfuss, W.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Josef L.;

Mutter von Hans Herbert und Hilda Sophie Mohr, geb. L.
Adresse: Kreuzstr. 23
Amalienstr. 29
Bachstr. 10
Kaiserstr. 166
1940: Beethovenstr. 11
Schule/Ausbildung: Höhere Mädchenschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
Sterbedatum: 5. Oktober 1942
Sterbeort: Pau (Frankreich)

Biographie

Josefine Liebmann, geborene Wertheimer

Josefine Liebmann wurde am 29. September 1875 in München geboren. Ihre Eltern waren Josef Wertheimer und Frau Ida, geborene Dreyfuß, beide jüdischen Glaubens. Josefine hatte einen ein Jahr jüngeren Bruder Adolf, der auch in München zur Welt kam. Einzelheiten über die Eltern ließen sich nicht feststellen, zumal die Namen Wertheimer und Dreyfuß damals nicht nur in Deutschland sehr verbreitet waren. Auch über ihre Jugendzeit und Ausbildung ließ sich wenig erfahren. Anscheinend besuchte sie die höhere Mädchenschule. Eine spätere Urkunde erwähnt: „Ohne Gewerbe“.

Am 14. Mai 1903 heiratete Josefine in Karlsruhe den Kaufmann Joseph Liebmann, der am 26. Juli 1873 in Ellar zur Welt gekommen war. Sein Vater war Herz Liebmann (ca. 1838-1911), seine Mutter Johanna, geborene Kahn (1845-1934). In der Nazi-Zeit wurden zwölf Liebmanns oder geborene Liebmanns aus seiner Geburtsstadt Ellar Opfer des Nazi-Regimes.
Joseph Liebmann wird im Adressbuch von Karlsruhe zum ersten Mal 1905 erwähnt. Das Ehepaar wohnte in der Kreuzstraße 23 und die „Gewährung von Bau- und Hypothekengeld“ wird als Tätigkeit des Kaufmanns Joseph Liebmann genannt. Offensichtlich hatte er etwas Vermögen, sein Vater Herz Liebmann war in Ellar Lederhändler gewesen. Ab 1908 heißt die geänderte Bezeichnung: „Hypotheken und Bankkommissionsgeschäft“. Interessant dabei ist, dass Josefine schon 1908 neben ihrem Mann im Adressbuch namentlich erwähnt wird und über ein eigenes Telefon (Nr. 75) verfügte. Offensichtlich war sie geschäftlich und gesellschaftlich sehr aktiv. Am 26. Dezember 1908 kam Tochter Hilde Sophie auf die Welt und am 8. April 1912 der Sohn Hans Herbert. Josefines Schwager, der Arzt Dr. Leopold Liebmann wohnte in der Kreuzstraße 8, ganz in der Nähe. Die Familie ihres Bruders Adolf Wertheimer lebte in der Weltzienstraße 45. Etwa 1919 zogen Josefine, Joseph und die Kinder in die Amalienstraße 29 um. Joseph nannte sich inzwischen Bankier und führte sein Privat-Bankgeschäft sehr erfolgreich in der Kaiserstraße 221. Der Erwerb einiger Immobilien und Grundstücke in Karlsruhe, Untergrombach, Pforzheim und Freiburg zeugen davon. Josefine war sozial sehr aktiv und seit 1913 Mitglied des gesamtbadischen Vereins „Friedrichsheim in Gailingen“ und seit 1919 Mitglied des Israelitischen Frauenvereins und des Frauen- Wohltätigkeitsvereins.
Mit der Machtergreifung der Nazis begannen die Probleme. Joseph Liebmann hatte ab 1933 mit sehr großen Schwierigkeiten bei der Führung des Bankgeschäftes zu kämpfen und wurde gezwungen, die Liquidation seiner Firma einzuleiten. Infolge der Aufregungen, auch einer vorübergehenden Inhaftierung, wurde Joseph Liebmann sehr krank und verstarb am 1. Mai 1938. Frau Josefine war Alleinerbin und erhielt die Auflage, die Liquidation schnellstens vollständig zu vollziehen. Im Rahmen des Pogroms wurde am 9. November 1938 das gesamte Inventar der Büroräume des Bankgeschäfts zertrümmert, auch die Scheiben, und die Wände verschmiert. Ihr Schwager Dr. Leopold, der Bruder ihres Ehemannes „starb“ am 24. November 1938 nur wenige Tage nach Einlieferung in das KZ Dachau. Nähere Umstände ließen sich nicht feststellen. Ein weiterer Schicksalsschlag für die Familie!
Am 1. Februar 1939 übertrug Frau Josefine dem Bankgeschäft K. Feuchter & Co, Karlsruhe, Kaiserstraße 162, die Vollmacht, die Liquidation zu vollenden. Ihr wurde erlaubt, von ihrem Konto monatlich 600 RM abzuheben. Das Einfamilienhaus in der Bachstraße 10 hatte sie schon im Dezember 1938 verkauft, einige andere Vermögenswerte konnten ebenfalls noch veräußert werden. Edelmetalle und Schmuck brachte sie im April 1939 zum Pfandleiher. Der Versuch, Pfandbriefe über 10.000 RM ihrem („arischen“) Schwiegersohn Heinz Mohr, dem Ehemann ihrer Tochter Hilde, zu übertragen, wurde von den Behörden abgelehnt. Josefine Liebmann wohnte nach Verkauf des Hauses in der Bachstraße in der Kaiserstraße 166 und dann 1940 noch in der Beethovenstraße 11.
Dann kam der schreckliche 22. Oktober 1940, eigentlich der Tag des fröhlichen, jüdischen Laubhüttenfestes, dem Sukkoth. Über neunhundert der noch in Karlsruhe lebenden Juden, auch Kinder und Greise, wurden von Gestapo-Leuten und Polizisten zwangsweise eingesammelt und wie die meisten Juden aus Baden, der Pfalz und dem Saarland nach Gurs in Frankreich nahe der Pyrenäen geschickt, Josefine Liebmann war dabei, ebenso ihr Bruder Adolf Wertheimer. Über das Leben in Gurs, der „Vorhölle von Auschwitz“, ist schon viel berichtet worden, deshalb soll auf die katastrophalen Bedingungen dort hier nicht weiter eingegangen werden. Im Februar 1941 stellte der Sohn Hans, der sich inzwischen in den USA aufhielt, den Antrag, seine kranke Mutter gegen die Zahlung von monatlich 50 $ aus dem Lager zu entlassen und sie in der Nähe unterzubringen. Dieser Antrag wurde jedoch von den Behörden der Präfektur abgelehnt. Im März 1941 stellte eine Frau Martha Veit aus Chicago beim Konsulat in Marseille den Antrag, Frau Josefine bis zu einer Emigration in die USA, sich in der noch unbesetzten Zone Frankreichs bewegen zu dürfen, bzw. nach Marseille zu fahren. Offensichtlich wurde auch dieser Antrag abgelehnt. Frau Josefine erkrankte dann noch schwerer und am 22. September 1942 wurde sie im Krankenwagen liegend aus dem Lager Gurs in das Hospital des nahegelegenen Städtchens Pau überführt. Dort verstarb sie am 3. Oktober 1942 an extremer Blutarmut und vermutlich Unterleibkrebs. Sie wurde auf dem Hauptfriedhof der Stadt Pau beerdigt. Trauriges Ende einer aufrechten deutschen Frau jüdischen Glaubens!

Es ist interessant, noch kurz über die Lebensläufe von Hilde und Hans, der beiden Kinder des Ehepaares Liebmann zu berichten. Hilde heiratete 1935 in Karlsruhe nach jüdischem Ritus den „Arier“ Heinz Mohr, der auf Verlangen von Hildes Vater standesamtlich zur jüdischen Religionsgemeinschaft übergetreten war. Eine damals wahrhaft mutige Tat und ein offensichtlicher Beweis von Liebe und Solidarität! Das junge Ehepaar zog nach Potsdam, wo Heinz zunächst in einem jüdischen Modegeschäft arbeitete. Als dieses in der Pogromnacht des 9./10. November 1938 stark demoliert wurde, zog das Ehepaar schnell nach Berlin, um in einer Großstadt unauffälliger leben zu können. Heinz wurde von der Gestapo aufgefordert, sich von seiner Frau zu trennen, was er jedoch verweigerte. Dagegen traten beide im Juli 1940 standesamtlich bestätigt aus der jüdischen Religionsgemeinschaft aus, was für Hilde als geborene Jüdin den Nürnberger Gesetzen nach bedeutungslos war. Immerhin konnte Heinz Mohr seine Frau „in privilegierter Misch-Ehe“ lebend vor einer Deportation bewahren und die zwei Söhne des Ehepaares schützen. Nach dem Krieg wurde Heinz Mohr ein sehr erfolgreicher Geschäftsmann in der Mode-Branche, Präsident des Vereins Berliner Kaufleute, daneben einer der Gründungsväter der bekannten IDEGO, der Modemesse in Düsseldorf. Am 24. September 1996 verstarb Hilde Mohr, geborene Liebmann, im Alter von fast 88 Jahren, drei Monate später folgte ihr Ehemann Heinz Mohr. Diesem zu Ehren veranstaltet die Trabrennbahn Berlin- Mariendorf jährlich ein Heinz-Mohr-Memorial-Rennen.
Hans Liebmann, der Sohn des Ehepaares Joseph und Josefine Liebmann, legte 1931 an der Helmholtz-Oberrealschule in Karlsruhe die Reifeprüfung ab und studierte dann in Frankfurt/Main, Heidelberg und Berlin Jura mit dem Ziel, später das Bankgeschäft seines Vaters zu übernehmen. Da er als Jude nach 1933 seine Studien nicht fortsetzen konnte, arbeitete er zeitweise in Straßburg, dann als Lehrling beim Bankhaus Homburger, solange das möglich war. Im November 1938 stellte er einen Antrag auf Ausreise in die USA. Er erhielt einen Reisepass und ein britisches Durchreisevisum, doch zog er es vor im Februar 1939 nach Nizza zu reisen. Dann gelang es ihm mit dem Dampfer Champlain am 1. April 1940, also noch vor Beginn des deutschen Westfeldzugs Frankreich von St. Nazaire aus zu verlassen und am 27. Mai in den USA anzukommen. (Der große Dampfer wurde wenige Wochen danach versenkt!) In New York ging er zunächst verschiedenen Tätigkeiten nach, u. a. ist Maschinist als Beruf erwähnt. Er wurde amerikanischer Staatsbürger und ging zur Army. Dann entwickelte er zusammen mit einem irischen Partner ein Dampfbügeleisen, was sich sehr gut vermarkten ließ und ihn zu einem wohlhabenden Mann machte. Sein Sterbedatum ließ sich nicht feststellen.

(Richard Lesser, Juli 2010)