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Robert Lieber, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Robert Lehmann Lieber

Nachname: Lieber
Vorname: Robert Lehmann
Geburtsdatum: 24. Mai 1897
Geburtsort: Bühl/Baden (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Moritz Mordechai (6.1.1867-7.3.1935) und Mina Lieber, geb. Felsenstein (2.4.1872-8.9.1957)
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Willy Siegfried
Adresse: 1935/36-1939: Kaiserallee 25b
1940: Eisenlohrstr. 24
1940: Südliche Hildapromenade 9
Schule/Ausbildung: Realschule, Bühl
Beruf: Kaufmann
Deportation: 11.11.1938-6.1.1939 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
6.3.1943 von Drancy nach Majdanek (Polen)
Sterbeort: Majdanek (Polen)

Biographie

Robert Lehmann Lieber

Um das Jahr 2005 tauchte bei einem Karlsruher Flohmarkt-Beschicker ein erschütterndes Dokument der Verfolgung auf, eine Karte, die der „Schutzhaftjude“ mit der Häftlingsnummer 20890, Robert Lieber, am 1. Januar 1939 aus dem Konzentrationslager Dachau an „Herrn S. Wertheimer, Karlsruhe (Baden), Kaiserallee 25 b“ adressiert hatte. Das Haus Kaiserallee 25 b war auch Liebers Wohnadresse bis 1939. Dies erklärt die Tatsache, dass er sich aus seiner „Schutzhaft“ heraus an den hier wohnenden Kaufmann und Inhaber einer Mineralölhandlung Semy Wertheimer wandte. Lieber dankte mittels der Karte für einen erhaltenen Brief, zwei Postanweisungen von je 10 Mark und „alle freundliche Mühewaltung“ für seine Person. Hierzu gehörte nicht zuletzt ein Entlassungsantrag. Um einen positiven Bescheid zu erreichen, bat Lieber, „sofort“ nachzutragen, dass er allein stehend und somit nicht in der Lage sei, von Dachau aus die notwendigen Schritte zu seiner „schnellsten Auswanderung“ zu unternehmen. Auch solle darauf hingewiesen werden, dass er „Frontkämpfer“ war.

Robert Lieber soll am 9. November 1938 in Karlsruhe in Haft genommen worden sein und gehörte zu den in der Nacht vom 10. zum 11. November 1938 aus Karlsruhe nach Dachau verbrachten jüdischen „Schutzhäftlingen“. Einer anderen Lesart nach wäre seine Verhaftung in seinem Geburtsort Bühl erfolgt. Als Datum seiner Entlassung aus Dachau wird der 6. Januar 1939 angegeben. Spätestens die Verschleppung in das Konzentrationslager mag bei Lieber die Überzeugung bewirkt haben, dass für ihn ein Verbleiben im Deutschen Reich keine wünschenswerte Perspektive mehr darstellte. Wie unten ausgeführt ist, scheint er aber nach seiner Entlassung aus Dachau eine „Auswanderung“ nicht weiter vorangetrieben zu haben.

Robert Lehmann Lieber kam am 24. Mai 1897 im badischen Bühl zur Welt. Die Stadt war durch das Bestehen einer verhältnismäßig großen jüdischen Gemeinde geprägt, die jedoch, vergleichbar mit anderen jüdischen Gemeinden, seit dem Ausgang des 19. Jahrhunderts durch Ab- und Auswanderung einen ständigen Rückgang zu verzeichnen hatte. Seine Eltern waren der Bühler Buchbinder und Kaufmann Moritz Mordechai Lieber und dessen Ehefrau Mina, geborene Felsenstein aus Ihringen. Sie gingen ihre Ehe in Ihrigen am 21. Juli 1896 ein. Als Eltern des Brautpaares werden aus diesem Anlass genannt der verstorbene Synagogendiener Lehmann Lieber zu Bühl und dessen Ehefrau Julie, geborene Nachmann, sowie der Handelsmann Jesaias Felsenstein zu Ihringen und Ehefrau Rosa, geborene Ljon.

Moritz und Mina Lieber betrieben ein Gemischt- und Haushaltswarengeschäft, das sie 1918 in die von ihnen erworbenen Anwesen in der Bühler Hauptstraße 78 und 80 verlegten. Moritz Lieber war seit 1926 Vorsteher der Israelitischen Gemeinde und Vorstand des Synagogenrates. Ein Verzeichnis der Bühler „Glaubensjuden“ vom 16. Juni 1933 führt Moritz Lieber, seine Ehefrau Mina und ihren zweiten Sohn Willy auf. Am 1. April 1933 war das Geschäft Ziel der Boykottmaßnahmen dieses Tages. Moritz Lieber verstarb 1935; damit blieb ihm das Erleben weiteren Unrechts erspart. Mina Lieber führte das Geschäft nach dem Tod ihres Ehemannes zunächst unter zeitweiliger Beteiligung von Willy Lieber weiter, gab jedoch 1938 unter dem Druck der Arisierungskampagne und des Novemberpogroms auf. 1939 verkaufte sie schließlich ihren Bühler Immobilienbesitz. Zusammen mit ihrem Sohn Willy gelang ihr 1940 noch die Ausreise nach Uruguay. Sie verstarb in Montevideo am 8. September 1957.

Willy Lieber wurde am 22. September 1898 in Bühl geboren und war somit der jüngere von zwei Söhnen von Moritz und Mina Lieber. Er verfügte über einen Lebenslauf, der bezüglich Schulbildung, Berufsausbildung, Kriegsdienstzeit und militärischer Laufbahn weitgehend mit dem seines älteren Bruders Robert identisch war. Auch er war nicht verheiratet. Der zuletzt als selbstständiger Handelsvertreter für Textilwaren Tätige, musste seinen Erwerb mit der Reichspogromnacht 1938 aufgeben. Sein letzter Wohnsitz vor der Ausreise nach Uruguay war Karlsruhe, Kaiserstraße 201. Er konnte sozusagen in letzter Minute, am 28. April 1940 der feindlich gewordenen Heimat zusammen mit seiner Mutter den Rücken kehren. Mit ihr ließ er sich in Montevideo nieder, wo er „in der Textilbranche“ als Fabrikant von Schürzen tätig wurde. In den 1950er und 1960er Jahren betrieb er von dort aus die Wiedergutmachung der materiellen Schäden, die seiner Familie durch die Verfolgung entstanden waren.

Doch nun zurück zu Robert Lieber. Anhand der Einträge in der Karlsruher „Judenkartei“ lassen sich einige Stationen seines Lebensweges nachverfolgen. Hierzu gehört der Besuch der „Realschule“ in Bühl, die er nach der Untersekunda mit der „Einjährigen-Prüfung“ verließ. Wenn wir annehmen, dass Lieber seinen Schulbesuch im Jahre 1903 mit dem Eintritt in die Volksschule begann, dürfte er also die aus der Bühler „Höheren Bürgerschule“ hervorgegangene „Realschule“ im Jahre 1913 nach der 10. Klasse (heutige Zählung) verlassen haben. Sein Bruder Willi gab 1962 im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens an, dass Robert die Realschule mit dem „Einjährigenschein“ beendet habe, um anschließend eine zweijährige Kaufmannslehre bei der Frankfurter Schmuck-Großhandelsfirma M. u. H. Levy zu absolvieren und die dortige höhere Handelsschule zu besuchen. Dazu passt, dass Robert Lieber auf seiner Karte in der Karlsruher „Judenkartei“ als „besondere Fertigkeiten“ „Maschinenschreiben“ und „Kurzschrift“ angab sowie das „Kraftfahren“. Als Fremdsprachenkenntnisse nannte er Englisch und Französisch. Nach seiner Lehre übernahm ihn die Frankfurter Firma als Angestellten. 1916 wurde er zum Heeresdienst eingezogen; der Frontkämpfer brachte es bis zum Unteroffizier; seine Deaktivierung erfolgte erst 1919. Willy Liebers Angaben zufolge trat sein Bruder nach seiner Entlassung wieder in die Dienste der Frankfurter Großhandelsfirma, nun als Reisevertreter mit hohem Monatseinkommen; Reisebezirke seien Teile Mittel-, Nord- und Ostdeutschlands gewesen.

1922 machte sich Robert Lieber mit der Firma „Lieber & Co“ selbstständig; sein Bruder Willy, der damals seinen Wohnsitz in München hatte, war angeblich kurzzeitig als Mitinhaber im Pforzheimer Handelsregister eingetragen. Die Nachrichten darüber sind allerdings nicht ganz frei von Widersprüchen, mit einiger Vorsicht lässt sich folgendes sagen: die Firma „Lieber & Co“ befasste sich mit Schmuckhandel bzw. Schmuckwarenherstellung mit zeitweiligem Doppelsitz in Bühl und Pforzheim. Ein Zeuge im Wiedergutmachungsverfahren zitierte Lieber mit der Bemerkung, er lasse in Bühl Schmuck in Heimarbeit anfertigen; auch stehe ihm im elterlichen Haus genügend Raum dazu zur Verfügung. Die Schmuckwarenfabrikation in Pforzheim stellte Robert Lieber wohl zwischen 1928-1930 ein. Das Pforzheimer Adressbuch von 1930 nennt „Vertretungen“ als Tätigkeitsfeld der Firma „Robert Lieber & Co“. Willy Lieber gab im Wiedergutmachungsverfahren an, dass die Firma wohl Ende 1933 oder Anfang 1934 aus „Verfolgungsgründen“ aufgelöst worden und sein Bruder Robert nicht mehr in der Lage gewesen sei, eine „andere Tätigkeit zu finden oder adäquat auszuüben“.

Lieber litt unter einer dauernden körperlichen Behinderung, die durch die Basedowsche Krankheit verursacht war, worauf auch sein Foto in der „Judenkartei“ verweist. Möglich, dass darin auch der Grund dafür zu suchen ist, dass Lieber unverheiratet blieb.

Zur besonderen Tragik im Leben von Robert Lieber gehört die Tatsache, dass er sich mit Eltern und Bruder überwarf; wie angespannt das Verhältnis war, geht daraus hervor, dass er 1932 einen Rechtsstreit mit seiner Familie führte. Eine weitere Entfremdung zu seiner Familie hätten, so der Bruder Willy, die „NS-Verhältnisse“ mit sich gebracht. „Sein Bruder hätte sehr darunter gelitten und habe (den) Eltern vorgeworfen, dass er der verfolgten Rasse angehörte.“ Noch 1940 sei Robert Lieber nicht zur Auswanderung zu bewegen gewesen. Markus Leukam sieht in seiner Darstellung der Schicksale der Bühler Juden in der Zeit des Nationalsozialismus in diesem Zerwürfnis einen möglichen Grund dafür, dass Robert Lieber sich nicht mit Mutter und Bruder durch eine gerade noch rechtzeitige Auswanderung in Sicherheit gebracht habe.

Im Karlsruher Adressbuch lässt sich Robert Lieber seit 1935/36 nachweisen. Er wohnte bis 1939 in der Kaiserallee 25 b. Von 1939 bis 1940 war er dann Untermieter in der Mansarde bei Ludwig Kaufmann (umgekommen 10.12.1943 Auschwitz) und dessen Ehefrau Käthe, geb. Walz in der Eisenlohrstraße 24. Käthe Kaufmann, die als Nicht-Jüdin das Dritte Reich überlebte, gab im Rahmen des Wiedergutmachungsverfahrens 1962 an, dass Lieber ein „sehr unangenehmer Mensch“ gewesen sei, weshalb sie ihm gekündigt habe. Robert Lieber habe ihr gegenüber angedeutet, dass er „in zurückliegender Zeit“ Vermögen besessen habe, von einer Schmuckwarenfabrik wisse sie aber nichts. Bekannt sei ihr sonst lediglich, dass ihr Untermieter mit seiner Mutter und seinem Bruder Willy Siegfried „verfeindet“ gewesen sei. Aus all diesen Ausführungen ergibt sich der Schluss, dass Robert Lieber ein Mensch war, der sich selbst und anderen das Leben nicht einfach machte.

Von der Eisenlohrstraße aus zog Robert Lieber 1940 in das Haus Südliche Hildapromenade 9 um. Dieses Haus war eines der so genannten Judenhäuser, wie sie mit dem „Gesetz über die Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939 entstanden. Dieses Gesetz ermöglichte die Einweisung von Juden in Häuser mit jüdischen Besitzern und erlaubte es interessierten „Volksgenossen“, in den Besitz begehrten Wohnraums zu gelangen; auch „arische“ Vermieter, die jüdische Mieter loswerden wollten, konnten sich auf dieses Gesetz stützen. Von der Südlichen Hildapromenade 9 aus wurde Robert Lieber in der berüchtigten Aktion des Gauleiters Wagner am 22. Oktober 1940 nach Gurs verschleppt, wo er bis zum 3. März 1943 verblieb. Aus Gurs führte ihn sein Leidensweg nach Drancy; von dort erfolgte die weitere Verschleppung am 6. März 1943 nach Lublin-Majdanek. Hier verliert sich die Spur des mit fiktivem Datum zum 8. Mai 1945 für tot erklärten Robert Lehmann Lieber. Markus Leukam hält es für möglich, dass Robert Lieber, wie andere seiner Leidensgenossen, Majdanek nicht erreicht habe, „sondern zuvor in den Gaskammern von Sobibor“ ermordet worden sei.

(Rainer Gutjahr, Januar 2013)