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Alfred Leopold, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Alfred Leopold

Nachname: Leopold
Vorname: Alfred
Geburtsdatum: 6. September 1897
Geburtsort: Baden-Baden (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Salomon und Karolina L.
Adresse: 1908: Schützenstr. 4
1909-1912: Markgrafenstr. 45
bis 1940: Kaiserstr. 245
Schule/Ausbildung: 1910-1912: Bismarck-Gymnasium, 6.-7. Klasse
Beruf: Handelsvertreter (für Büromaschinen und -einrichtung)
Deportation: 24.9. - 27.12.1935 in "Schutzhaft", wegen "staatsfeindlicher Äußerungen"
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
12.8.1942 nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Karolina und Alfred Leopold

Alfred Leopold wurde am 6 September 1897 als Sohn von Karolina, geborene Weil, und des Kaufmanns Salomon Leopold in Baden-Baden geboren. Die Eltern selbst kamen ursprünglich aus jüdischen Landgemeinden mit längerer Tradition. Im thüringischen Barchfeld, woher Vater Salomon stammte, hat es jüdische Familien seit dem 17. Jahrhundert gegeben, mehrere Generationen Leopold stammten von hier, Mitte des 19. Jahrhunderts waren fast 15 Prozent der Barchfelder jüdischen Glaubens; in Muggensturm bei Rastatt sind jüdische Familien seit 1701 nachweisbar. Für beide Landgemeinden gilt jedoch wie für viele andere, dass zum Ende des 19. Jahrhunderts die jüdische Bevölkerung mehr und mehr in die größeren Städte der Umgebung zog, um vor dem Hintergrund der staatsbürgerlichen Gleichberechtigung dort bessere Chancen anzustreben. Die jüdische Gemeinde in Muggensturm wurde 1913 mangels Angehörigen sogar förmlich aufgehoben.
Vermutlich aus beruflichen Gründen des Vaters übersiedelte die Familie Leopold 1907 oder 1908 nach Karlsruhe und wohnte hier bis 1912 zunächst in der Schützenstraße, dann in der Markgrafenstraße. Alfred muss ein strebsamer und aufgeweckter Schüler gewesen sein. Von 1910 bis 1912 besuchte er die Quinta und Quarta (6. und 7. Klasse) des Bismarck-Gymnasium. Wir können die näheren Umstände nicht nachvollziehen, doch der Besuch eines humanistischen, altsprachlichen Gymnasiums war für jüdische Kinder aus Familien mit kaufmännischem Hintergrund eher selten. Diese gingen in stärkerem Maße auf das Realgymnasium. Auch kennen wir den Lauf von Alfreds weiterer Schulkarriere nicht, sicher ist, dass er später wie der Vater Kaufmann wurde.
1912 zog die Familie aus Karlsruhe weg und damit für uns aus dem Blickfeld, aufgrund der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Einwohnermeldekartei wissen wir nicht, wohin sie ging. Ende 1928 oder zu Beginn 1929 zogen Salomon und Karolina Leopold wieder nach Karlsruhe, in die Kaiserstraße 245. Noch im selben Jahr, am 7. März 1929 verstarb Salomon 64-jährig hier.
Alfred Leopold hatte zwischenzeitlich vom Dezember 1916 bis Kriegsende 1918 seinen Militärdienst bei der Infanterie geleistet. Er war von nicht sehr großer Gestalt und aufgrund eines späteren Hüftleidens hinkte er leicht. Das von ihm überlieferte Porträt zeigt ihn als einen Mann, der sehr auf ein „korrektes Äußere“ achtete, ebenso wie seine Mutter. Sicherlich ist es ein subjektiver Eindruck, doch beim Betrachten der Bilder von Alfred und Karolina Leopold ergibt sich der Eindruck, dass beide sehr auf die Vermittlung eines würdevollen Anblicks bedacht waren, auch wenn die Umstände schwer waren. Alfred Leopold blieb unverheiratet. Nicht herauszufinden war, ob Alfred die ganze Zeit bei seinen Eltern bzw. seiner Mutter, die immer nur Lina genannt wurde, gewohnt hat. Amtlich nachweisbar unter der gleichen Adresse wie die Mutter ist er für uns erst ab 1931. Er führte als Selbständiger eine Vertretung für Bürobedarf, insbesondere für Schreib-, Rechen- und Vervielfältigungsmaschinen und vertrieb auch Büromöbel. Dieses Geschäft lässt sich im Adressbuch nicht nachweisen, doch zeugt ein Briefkopf von Alfreds Geschäftstätigkeit. Die Verfolgung mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten dürften Sohn und Mutter vermutlich durch Geschäftsrückgang sogleich erfahren haben. Alfred Leopold erlitt die nationalsozialistische Repression noch unmittelbarer, als er vom 24. September bis 27. Dezember 1935 wegen so genannter staatsfeindlicher Äußerungen in „Schutzhaft“ war. Die geschäftliche Tätigkeit Alfreds richtete sich vor allem in das Ausland nach Frankreich, Luxemburg und Belgien, wohin er größere Büroeinrichtungen vertrieb und auch die bekannten Fachmessen besuchte. In Deutschland selbst konnte er vermutlich deshalb nicht mehr geschäftlich wirken, weil Juden seit 1935 in der Regel der Erlaubnisschein für Reisetätigkeit verweigert wurde. Die Auskunft der Industrie- und Handelskammer Karlsruhe aus dem Jahr 1937 an das Polizeipräsidium, demnach der Geschäftsumfang „sehr gering“ gewesen sei, muss nicht unbedingt gestimmt haben oder sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung anders dargestellt haben. Immerhin vertrieb Alfred Leopold ins Ausland auch Artikel der renommierten Firma Stolzenberg für Büroeinrichtung und -organisation, die in Berlin und in Baden-Baden ansässig war; 1997 feierte sie ihr 100-jähriges Jubiläum.
Als Alfred Leopold im September 1937 seinen Reisepass für Geschäftsreisen in das Ausland verlängern lassen wollte, wurde ihm dies sechs Wochen später unter dem Hinweis auf seine „Schutzhaft“ polizeilich verweigert. Damit war die Existenzgrundlage endgültig ruiniert. Vermutlich war dies oder die Erfahrung der Reichspogromnacht vom 9./10. November 1938 der Auslöser für Auswanderungsgedanken. Im Dezember 1938 stellte er einen Reisepassantrag für Frankreich oder England, um dort seine Auswanderung vorzubereiten. Da die NS-Behörden zu diesem Zeitpunkt noch bestrebt waren, Juden aus Deutschland hinaus zu treiben, wurde ihm dieser sogar bewilligt. Wie weit die Emigrationspläne gediehen waren, lässt sich nicht mehr nachvollziehen. Für England, auch für Frankreich wäre die Wartezeit sehr lange gewesen, zu lange, um vor dem Beginn des durch die Nationalsozialisten begonnen Krieges zu entkommen.
Alfred Leopold und seine Mutter Lina mussten in Karlsruhe bleiben. So wurden beide am 22. Oktober 1940 zusammen mit tausenden Juden aus Baden, Pfalz und Saar nach Gurs in Südfrankreich deportiert. Da Männer und Frauen getrennt wurden, waren die Kontakte zwischen Mutter und Sohn sehr eingeschränkt und dürften sich bald verloren haben, da Karoline vermutlich wie andere Ältere im Laufe des Jahres 1941 in andere Lager in Südfrankreich kam. Vielleicht war ihr auch kurzzeitig eine Entlassung gelungen, um dann zu einem späteren Zeitpunkt doch wieder eingesperrt zu werden. Dreieinhalb Jahre ihres weiteren Lebens sind für uns nicht mehr nachvollziehbar.
Sicher ist, das sie am 30. Mai 1944 den Weg nach Auschwitz nehmen musste, in einem der letzten Transporte aus Frankreich, bevor diese Ende Juli 1944 nach der geglückten alliierten Landung und raschem Befreiungsvorstoß in Frankreich eingestellt wurden. Karolina Leopold muss mit hoher Wahrscheinlichkeit sogleich bei ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammer getrieben worden sein.
Alfred Leopold war bereits am 12. August 1942 in den Zug nach Auschwitz gepfercht worden. Aufgrund seiner körperlichen Statur und seiner Gehbehinderung wird auch er vermutlich sofort dort ermordet worden sein.

Nach der Befreiung, nach 1945 hat es niemals eine Spurensuche nach dem Leben von Karolina und Alfred Leopold gegeben. Es gab keine Familienangehörigen, die von Gesetzes wegen einen Antrag auf „Wiedergutmachung“ hätten stellen können.
Mögen die beiden und ihr Leben mit diesen wenigen Zeilen nicht in Vergessenheit geraten.

(Iris Müller, Ladivia Röhrl – Schülerinnen der 11. Klasse am Bismarck-Gymnasium, Juli 2004)