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Flora Levy mit ihrer Tochter Marie, 1891

Personendaten

Flora Levy

Nachname: Levy
geborene: Levinger
Vorname: Flora
Geburtsdatum: 7. August 1869
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Eltern: Michael und Justine L.
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Ludwig L.;

Mutter von Erwin Walter (18.6.1896-18.7.1919) und Marie Babette (6.8.1891-?)
Adresse: Reinhold-Frank-Str. (Westendstr.) 69
Deportation: 22.8.1942 nach Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)
Sterbedatum: 23. April 1943
Sterbeort: Theresienstadt (Protektorat Böhmen-Mähren, heute Tschechien)

Biographie

Flora Levy

Flora Levy wurde am 7. August 1869 als Flora Levinger in Karlsruhe geboren.
Ihr Vater, Michael Levinger, der am 21. April 1834 in Karlsruhe geboren ist, hatte am 2. September 1863 im Alter von 29 Jahren die sieben Jahre jüngere Justine Levy aus Landau geheiratet. Der Familie gehörte das Haus Kaiserstraße 169, wo ihre vier Kinder behütet aufwuchsen.
Die drei älteren Geschwister von Flora waren Sophie Levinger, geboren am 26. Juli 1864. Etwa ein Jahr später, am 25. August 1865, folgte die Geburt des Zweitgeborenen, Hermann. Der im späteren Verlauf seines Lebens praktizierende Arzt, Friedrich, wurde am 7. Januar des Jahres 1867 geboren. Flora Levinger wurde schließlich am 7. August 1869 als viertes und letztes Kind von Justine und Michael Levinger geboren.

Als Tochter eines wohlhabenden Kaufmanns besuchte sie die Töchterschule und wuchs in dementsprechend guten Verhältnissen auf, sodass es ihr später auch möglich war, eine gute Mitgift in ihre Ehe einzubringen. Ihre Eheschließung fand am 8. Oktober 1890 in Karlsruhe statt. Flora verheiratete sich mit dem etablierten Architekten und Baurat Professor Ludwig Levy.

Er war das fünfte und letzte Kind von dem aus Herxheim stammenden Kaufmann Jonas Levy und seiner Frau Barbara, geborene Machkol, am 18. April 1854 in Landau geboren. Er hatte seit 1870 am Karlsruher Polytechnikum (heute KIT) und seit 1875 an der Baugewerkeschule (heute Hochschule Karlsruhe - Technik und Wirtschaft) Ingenieurwissenschaften und Architektur studiert. Nach einigen Jahren Tätigkeit in bekannten Architekturbüros hatte Ludwig Levy es zu einem eigenen in Kaiserslautern gebracht. Er plante Sakralbauten, Synagogen ebenso wie Kirchen, aber auch zahlreiche Villen. Levy war ein herausragender Vertreter des Historismus. 1886 folgte er einem Ruf an die Baugewerkeschule nach Karlsruhe, wo er im Jahr der Heirat mit Flora im Alter von 36 Jahren eine Professur antrat.

Ludwig Levy war äußerst aktiv, neben seiner Lehrtätigkeit an der Hochschule arbeitete er weiter als Architekt, zumeist für wohlhabende Auftraggeber in verschiedenen Städten Süddeutschlands. Auch an Großprojekten, wie zum Beispiel am Bau des Reichstagsgebäudes in Berlin, wirkte er mit. Die Familie verfügte durch die guten Einkünfte über einen hohen Lebensstandard. Flora Levy war, wie es sich für Damen der gehobenen Stände gehörte, für die Führung des Hauses mit Dienstpersonal zuständig und repräsentierte an der Seite ihres Mannes. Einzelheiten über ihre persönlichen Schwerpunkte und eventuelle kulturellen Interessen und Aktivitäten ließen sich nicht herausfinden. Flora Levy war Mitglied im Israelitischen Frauenverein, der Mitte des 19. Jahrhunderts gegründet worden war. Dabei handelte es sich um einen reinen Wohltätigkeitsverein, mit Politik hatte Flora Levy nichts zu tun. Die Mitgliedschaft in diesem Frauenverein war Ehrensache für bessergestellte Frauen wie für solche von Geschäftsleuten.

Ihr Mann baute das eigene Zuhause, eine prachtvolle Villa im historistischen Stil in der Westendstraße 69 (Reinhold-Frank-Straße) und nebenan (Hausnummer 67) das für die Schwiegereltern Michael und Justine Levinger. Jenes Haus steht heute noch, während das eigene den Luftangriffen des Krieges zum Opfer fiel.

Flora und Ludwig Levy hatten zwei Kinder. Die erstgeborene Tochter Marie Babette kam am 6. August 1891 in Karlsruhe zur Welt. Erwin Walter Levy wurde am 18. Juni 1896 geboren, ebenfalls in Karlsruhe. Während uns über die Tochter Marie nichts bekannt wurde, ließ sich feststellen, dass Erwin 1908/09 sowie 1911/12 das Humanistische Gymnasium (Bismarck-Gymnasium) in Karlsruhe besuchte. Er scheint seinem Vater nachgeeifert zuhaben, studierte Bauingenieurwissenschaften. Doch Flora Levy erlebte ein schweres Schicksal, ihre beiden Kinder früh starben. Sie schrieb 1939 einmal, dass ihre beiden Kinder „an den Folgen des Ersten Weltkriegs verstorben seien“. Erwin Walter starb tatsächlich im Alter von 23 Jahren 1919 in Karlsruhe, gerade als er beginnen wollte, seine berufliche Existenz zu begründen. Der Tod von Marie Babette ließ sich in Karlsruhe nicht feststellen.
Hatte sie ihre einzigen beiden Kinder auf tragische Weise verloren, so war sie auch schon früh Witwe geworden. Ludwig Levy starb überraschend im Alter von 53 Jahren am 30. November 1907 an einem plötzlichen Herzschlag während einer Dienstreise. Flora Levy war zu diesem Zeitpunkt erst 38 Jahre alt. Eine Wiederverheiratung kam für sie offensichtlich nicht in Frage.
Ihr Bruder, der Arzt Dr. Friedrich Levinger verstarb gleichfalls früh im Jahre 1924. Was diese persönlichen Schicksalsschläge für Flora Levy bedeuteten, lässt sich nur erahnen. Sicher, finanzielle Unsicherheit kannte sie nicht, auch nicht nach 1933.

Eine einzige noch zu findende Belegstelle zu Flora Levy vor 1939 gibt einen interessanten Einblick: Nach dem Tod der Mutter Levinger und des Bruders Dr. Friedrich Levinger wurde das Anwesen Westendstraße 67 an den Direktor der Berlin-Karlsruher-Industriewerke (später DWM bzw. IWKA) Dipl. Ing. Albert Wolff veräußert, der es selbst wenige Jahre später 1934 wieder verkaufen wollte. Der Kaufinteressent, Chirurg Dr. Paul Wagner, beabsichtigte darin seine Privat-Klinik einzurichten. Dagegen gab es nun Einspruch der unmittelbaren Nachbarn mit dem Hinweis auf mögliche Ansteckungsgefahren und nicht eingehaltene nachbarschaftliche Abstände, tatsächlich befürchteten sie aber eine Wertminderung des eigenen Hauses. Diese Nachbarn waren die im öffentlichen Leben angesehenen Franz Xaver Honold, Rechtsanwalt und letzter Vertreter Badens in der Länderkammer in Berlin, der den Einspruch besonders energisch vorantrieb, und Ministerialrat Dr. Hugo Freiherr von Babo sowie Buchdruckereibesitzer Max Müller und schließlich die Witwe Flora Levy. Dem Einspruch wurde stattgegeben, immerhin konnte Wolff das Haus dann doch noch andersweitig an eine Versicherungsgesellschaft veräußern. Interessant bei dem sichtbar gewordenen Konflikt ist jedoch die Nachbarschaft in diesem Villenquartier, auch die Frage, ob Flora Levy noch guten nachbarschaftlichen Kontakt hatte, wie eventuell vor 1933. Zwar zählte sie nicht zu den Haupttreibern des Einspruchs, aber einer von ihr allein hätte sicherlich nichts bewirkt, denn da hätte die städtische Bauverwaltung anders als gegenüber den honorigen Einwendenden auf schlechtere bauliche Bedingungen bei anderen Privatkliniken verweisen können.

Nachdem die NS-Gesetzgebung im April 1939 auf den Auszug von Juden aus „arischen“ Häusern drängte und zugleich so genannte „Judenhäuser“ bei jüdischen Hauseigentümern bestimmte, wurde auch das Haus von Flora Levy ein solches. In ihr Haus zog das jüdische Ehepaar Julius und Rosa Kander, das seine Wohnung in einem „arischen“ Haus verlassen musste. Sie konnten im ehemaligen Bereich der Kinder von Flora Levy einziehen, der etwas abgetrennt lag.

Am 22. Oktober 1940 wurden nahezu alle Juden aus Baden in einer organisierten Aktion nach Gurs deportiert. Ausgenommen waren Juden, die mit Christen verheiratet waren, Transportunfähige und solche, die Angehörige pflegten. Flora Levy gehörte nicht zu den Deportierten dieses Tages. Das verwundert. Ob die Erklärung ist, dass sie eventuell wegen einer Erkrankung als nicht transportfähig galt, ist möglich, bleibt aber eine Vermutung.
Nachdem die „Endlösung“, d.h. die Ermordung der Juden, beschlossen war und seit der Wannseekonferenz im Januar 1942 organisiert wurde, gingen fortlaufend Transporte aus Deutschland ab. In dem Transport vom April 1942, unter dem zahlreiche Karlsruher Juden waren, war sie noch nicht dabei. Jedoch dann in dem zweiten großen Transport von Karlsruher Juden in jenem Jahr. Am 21. August 1942 hatte sie sich abreisebereit in ihrer Wohnung zu befinden. Am Samstag den 22. August 1942 ging ihr Abwanderungstransport nach Theresienstadt über Stuttgart. Ihr gesamtes Vermögen wurde beschlagnahmt, die Kosten für den Transport mussten auch von ihr selbst getragen werden. Theresienstadt war kein Vernichtungslager, die Nationalsozialisten hatten darin ein „Muster-Altenheim“ eingerichtet. Doch Flora Levy musste ihr altes Leben hinter sich lassen; was folgte, war ein Leben unter extrem schlechten Bedingungen: Es herrschten unhygienische Zustände, auf kleinstem Raum musste gehaust werden.
Am 23. April 1943 starb Flora Levy im Alter von 74 Jahren im Konzentrationslager Theresienstadt.

Ihr Haus in Karlsruhe hatte sich bis 1945 längst eine Stelle der Wehrmacht angeeignet.
Einziger Erbe im Wiedergutmachungsverfahren in der Zeit der Bundesrepublik Deutschland war der Adoptivsohn ihres Bruders Hermann. Dieser war nichtjüdisch und während der NS-Zeit selbst aktiver Offizier gewesen.

(Laura Kienzler und Saskia Sachweh, 11. Klasse Marksgrafen-Gymnasium, August 2012)