Personendaten

David Leidner

Nachname: Leidner
Vorname: David
Geburtsdatum: 1. Oktober 1913
Geburtsort: Krosno (Österreich-Ungarn, heute Polen)
Familienstand: ledig
Eltern: Abraham und Rosa L.
Verwandtschaftsverhältnis: Bruder von Änne Zinner, geb. L., Baruch, Bernd, Isaak, Moses, Regina, Sofie und Helene
Adresse: bis 1927: Marienstr. 16
ab 1927: Morgenstr. 23
Deportation: 28.10.1938 Abschiebung nach Polen (Polen)

Biographie

Abraham und Rachel, Baruch und David Leidner

Auch in Erinnerung an die weiteren Kinder von Abraham und Rachel Leidner: Isaak, Bernd (Beril), Regina, Änne, Moses, Sophie, und Helene

Abraham Leidner wurde am 25. Oktober 1876 im galizischen Kolbuszowa geboren. Damals gehörte der Ort zur Monarchie Österreich-Ungarn; nach deren Auflösung 1919 gelangte er zu Polen. Über Abraham Leidners Elternhaus ist wenig bekannt. Seine Eltern waren Ascher und Chava Leidner, geborene Weiss. In Kolbuszowa besuchte er zunächst die Volksschule, begann danach eine Lehre und wurde schließlich Angestellter in der Holzbranche.
Im Alter von 24 Jahren heiratete er Rosa Rachel Magenheim und siedelte gemeinsam mit ihr nach Zmyslowska, ebenfalls Galizien, über, wo er bis 1908 blieb. Auch hier war er weiterhin in der Holzbranche tätig, hatte sich jedoch inzwischen selbstständig gemacht. Während dieser Zeit in Zmyslowska kamen ihre ersten Kinder zur Welt: Isaak (15. September 1901), Beril bzw. Bernd (10. Oktober 1903) und Regina (3. März 1907). Im Jahre 1908 siedelte die Familie nach Krosno, gleichfalls Galizien, über, wo Abraham weiterhin als Selbstständiger in der Holzbranche tätig war. In Krosno bekam die Familie um vier weitere Mitglieder Zuwachs: Änne Leidner (15. März 1908), Moses (15. Februar 1909), Sophie (10. November 1911) und David (1. Oktober 1913). Bis 1914 blieben die Leidners in Krosno, doch während des Ersten Weltkrieges änderte sich ihr Wohnort öfters. Abraham Leidner musste sich in dieser Zeit mit Gelegenheitsarbeiten durchschlagen. Dabei gelangte er auch in die österreichischen Stammlande. Die Informationen über den Schulbesuch des ältesten Sohnes Isaak Leidner zeugen von den öfteren Wechsel: Von 1908 bis 1914 besuchte er eine Schule in Krosno. 1915 kam seine Familie nach Graz und bis 1916 besuchte er eine dortige Schule. Daraufhin zog die Familie nach Kolbuszowa zurück. Bis sie 1919 das untergegangene Österreich-Ungarn verließen, besuchte Isaak die Thalmud-Thora Schule in Kolbuszowa. Wenn auch sonst wenig über das religiöse Leben der Familie bekannt ist, beweist dies die Eingebundenheit in ein traditionelles, orthodoxes Judentum, für das das Studium Thora des Mannes elementar ist.
1919, nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und mit dem Zerfall der österreich-ungarischen Monarchie, zog die Familie nach Karlsruhe und ließ sich in der Südstadt, dem damaligen Arbeiterviertel, nieder. Es scheint eine familiäre Entscheidung gewesen zu sein, da auch weitere Mitglieder der verzweigten Familie Weiss nach Karlsruhe gegangen waren (vgl. Biographie zu Ida Schiffmann, geb. Weiss). Hier gründete Abraham Leidner sein eigenes Sackgeschäft. Dazu suchte Abraham Leidner benachbarte Städte und Dörfer auf, kaufte dort Säcke auf, sammelte diese und lieferte sie schließlich an Großhandlungen. Ein Zimmer der Wohnung der Familie diente als Lagerraum. Sein ältester Sohn Isaak war bereits als Angestellter in diesem Geschäft tätig. Im Laufe der Jahre wurden auch die anderen Söhne nach und nach in das Geschäft mit eingespannt.
Neben seiner Tätigkeit als Sackhändler übte Abraham Leidner das Amt eines Synagogen-Dieners aus. Da die Leidners eine sehr orthodoxe Familie waren, versah er dieses Amt in der orthodoxen Synagoge in der Karl-Friedrich-Straße.
1920 zog die Familie von der Marienstraße 16 in die Morgenstraße 23, ebenfalls eine Straße in der Südstadt. Wie auch schon vorher, wohnten sie hier zur Miete.
Allgemein kann man also davon ausgehen, dass die Leidners einfache Leute mit recht wenig Geld waren, die Wohnverhältnisse waren eng. Die Familie wuchs bald mit ihrem neunten Kind auf elf Köpfe an. Am 14. November 1920 wurde in Karlsruhe die jüngste Tochter der Leidners, Helene Leidner geboren.
1927 heiratete der älteste Sohn Isaak Leidner seine Frau Chane Leidner in Baden-Baden. Die Ehe blieb kinderlos.
Während die Söhne der Familie nunmehr alle im Sackgeschäft mitarbeiteten, ist über die Berufe der Töchter wenig bekannt. Einzig von Regina Leidner weiß man, dass sie von 1923 bis 1926 die Volks- und Mädchenfortbildungsschule in der Schützenstraße besucht hat, wobei sie eine gute Schülerin war. Daraufhin arbeitete sie als Kinderpflegerin in verschiedenen Haushalten und in orthodoxen Kindergärten. Ihr letzter Arbeitsplatz war bei einem Arzt in der Kriegsstraße.
1930 heiratete Regina Leidner ihren ersten Ehemann Abraham Bluth. 1932 kam der gemeinsame Sohn Oskar Bluth zur Welt.
Am 24. Februar 1931 heiratete Bernd bzw. Beril Leidner Ryfka Herzlich in Karlsruhe. Ryfka war am 19. Juni 1908 in Brezozow, Kreis Sanok, geboren. Sie stammte also ebenso wie die Leidners aus Galizien. Irgendwann war sie dann mit ihrer Familie nach Düsseldorf gekommen. Ihr Vater Elias Herzlich war dort Inhaber eines Wäscheversandgeschäfts. Die Eltern von Ryfka und Beril kannten sich.
1932 eröffnete Moses Leidner eine Schokoladengroßhandlung in der Morgenstraße, die er aber nicht lange aufrechterhalten konnte. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 verschlechterte sich die finanzielle Lage der Familie drastisch.
Bernd bzw. Beril Leidner und seine Frau Ryfka Leidner wanderten noch im selben Jahr nach Petah Tikwa in Palästina aus. Dort war Beril lange Zeit arbeitslos und musste sich mit Hilfsarbeit, zum Beispiel im Straßenbau, durchschlagen. Erst 1946 konnte er wieder im Sackhändlergewerbe Fuß fassen.
Durch die Emigration, das Klima und die Lebensbedingungen verursacht, litt Ryfka Leidner Jahre später an schwersten Erkrankungen, wie zum Beispiel Nervenleiden.
1933 wanderte auch Moses Leidner nach Palästina aus. Drei Jahre später heiratete er dort Sara Zwiebel, die am 29. Dezember 1918 in Bochnia geboren war. Die beiden bekamen drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter: Ascher Leidner (1938), Seev Leidner (1942) und Chava Leidner (1948). Am 21. Juli 1948 kam Moses Leidner nur drei Wochen nach der Geburt seiner Tochter ums Leben. Er fiel im ersten arabisch-israelischen Krieg.
1934 verließ Isaak Leidner „unter dem Druck der politischen Verhältnisse“, das heißt aufgrund der Machtergreifung der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933, Karlsruhe, um ebenfalls nach Palästina auszuwandern. Dabei fuhr er zuerst mit der Bahn nach Triest und von dort aus mit einem Schiff nach Jaffa. Doch in Palästina erging es ihm ähnlich wie seinem Bruder Beril: Er konnte sich keine eigene Existenz aufbauen, da seine finanzielle Lage sehr schlecht war. Er musste sich mit Gelegenheitsarbeiten zufrieden geben, wie zum Beispiel auf Baustellen, wo er schwere körperliche Arbeiten verrichten musste. Dadurch und durch das dortige Klima wurde Issak Leidner krank: Er litt an Bluthochdruck, Schwerhörigkeit, Rheuma, Typhus und zog sich einen Leistenbruch zu. Er sah diese Leiden als Folge der erzwungenen Emigration an und beantragte 1964 in Karlsruhe eine Wiedergutmachung für die schweren gesundheitlichen Schäden. Die Verhandlung fand am 19. November 1964 im Landgericht Karlsruhe statt. Der Antrag wurde jedoch zurückgewiesen, denn der Gutachter erachtete die gesundheitlichen Schäden mit Ausnahme des Leistenbruchs als nicht im ursächlichen Zusammenhang der Emigration.
Im Zeitraum der Jahre 1933/34 wanderte auch Regina Bluth, geborene Leidner mit ihrem Mann Abraham Bluth und dem gemeinsamen Sohn Oskar Bluth über Belgien nach Palästina aus. Regina arbeitete dort in verschiedenen Haushalten, vermutlich weiterhin, wie schon in Karlsruhe, als Kinderpflegerin. Am 20. April 1943 starb ihr Mann an Krebs. Von da an arbeitete Regina nur noch im Haushalt ihrer Schwester Änne Zinner, geborene Leidner in Tel Aviv. Über Änne Zinner, geborene Leidner, ist kaum etwas bekannt. So wissen wir nicht, wann sie aus Karlsruhe emigriert ist. In Tel Aviv arbeitete sie als Bankangestellte.
1945 heiratete Regina Leidner ihren zweiten Ehemann Kalmann Rosenblüth, der als Schuster tätig war.
Die folgenden Informationen basieren hauptsächlich auf Tagebucheinträgen von Helene Leidner:
Am 28. Oktober 1938 wurden Abraham, David und Baruch Leidner von den Nationalsozialisten abgeholt. Sie sollten nach Polen abgeschoben werden. Helene Leidner und ihre Mutter konnten sich nicht einmal mehr richtig von ihnen verabschieden, so schnell ging alles.
Die Nationalsozialisten schoben an diesem Tag alle habhaft gewordenen jüdischen Männer ab, die sie aufgrund ihrer Herkunft zu Polen erklärte, die tatsächlich aber zumeist mit dem Zerfall des früheren Österreich-Ungarn oder der 1934 erfolgten Wegnahme der in der Weimarer Republik erlangten deutschen Staatsbürgerschaft staatenlos geworden waren. Keiner von ihnen fühlte sich als polnischer Staatsbürger. Das Deutsche Reich schob sie ab, Polen wollte sie nicht hineinlassen, so mussten die Männer über Monate im Niemandsland, im Lager Bentschin (Zbaszyn) an der Grenze interniert zubringen, ehe sie weiter konnten. Die Leidners kamen bei Verwandten in Krakau unter. Die Familie blieb über Briefe in Kontakt, selten konnten sie auch miteinander telefonieren.
Am 10. November 1938 brannten die Karlsruher Synagogen. Es ging nun das Gerücht, dass nunmehr nicht nur alle jüdischen Männer, sondern auch die jüdischen Frauen und Kinder abgeholt werden sollten. Daraufhin packten Helene Leidner, ihre Mutter und ihre Schwestern das Nötigste zusammen und kamen in Rüppurr bei einer christlichen Freundin von Sophie Leidner unter. Obwohl sie dort herzlich empfangen wurden, hatten sie weiterhin große Angst.
Kurz darauf hörte Helene Leidner, dass sie wieder zurück könnten. Bevor sie allerdings in ihre Wohnung zurückfuhren, versteckten sie ihr Silber in Rüppurr.
Am 17. November 1938 klopfte die Polizei bei den Leidners an der Haustür. Die verbliebenen Frauen bekamen Angst, doch es stellte sich heraus, dass es sich lediglich um eine Passkontrolle handelte.
Die Familie beschloss, ihre wertvollen Besitztümer nach Palästina zu verschicken.
Die Mutter Rosa Rachel Leidner musste im Sommer 1939 ihrem Mann Abraham nach Polen folgen, die beiden Töchter Helene und Sophie Leidner erhielten Visa für England und wollten am 25. Juli 1939, dem letzten möglichen Termin für eine Ausreise, abreisen. An jenem Tag fuhren sie mit dem Zug nach Bremen und von dort aus mit dem Schiff nach England.

Mit Kriegsbeginn im September 1939 riss die Verbindung der Familie ab. Über das weitere Schicksal von Rosa Rachel und Abraham Leidner und ihren Söhnen, Davis und Baruch Leidner in Polen wurde nichts mehr bekannt. Vermutlich mussten sie in einem der Ghettos leben, ehe sie dort starben oder wahrscheinlicher, in eines der Vernichtungslager kamen. Wo, wann und wie wird sich vermutlich nie mehr feststellen lassen.

In den 1960er Jahren schickte Helene Leidner persönliche Aufzeichnungen nach Karlsruhe
Die beiden Schwestern Helene und Sophie Leidner blieben nach dem Krieg in England und lebten in London.

(Tanja Burkhardt, 12. Klasse, Lessing-Gymnasium, Juni 2007)