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Hermann Lehmann, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Hermann Lehmann

Nachname: Lehmann
Vorname: Hermann
Geburtsdatum: 20. September 1882
Geburtsort: Offenburg (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Eltern: Samuel und Ernastina, geb. Kiese, L.
Verwandtschaftsverhältnis: Ehemann von Bianca Barbara L.;

Vater von Lore Elsbeth
Adresse: 1910: Kriegsstr. 37
1912: Herrenstr. 9
1919: Wendtstr. 9
1930/31: Bahnhofstr. 26
1940: Nowackanlage 13
Schule/Ausbildung: Realschule, 1 Jahr
Gymnasium, 4 Jahre
Beruf: Kaufmann
Deportation: 11.11. - 10.12.1938 in Dachau (Deutschland)
22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
später nach Récébédou (Frankreich)
Sterbedatum: 8. April 1942
Sterbeort: Récébédou (Frankreich)

Biographie

Hermann und Bianca Lehmann

Ebenfalls erinnert wird an die überlebende Tochter Lore Elsbeth Lehmann, die nach Internierung und Trennung von ihren Eltern ein schlimmes Schicksal erlitt.

Familie Lehmann wohnte in Karlsruhe lange Zeit in einer großzügigen Wohnung in der Wendtstraße 9 im damals so genannten „Westend“, einem Wohnviertel, das seit Entstehung um die Jahrhundertwende von Menschen mit gehobenem bürgerlichen Stand bevorzugt wurde.

Der in Offenburg am 20. September 1882 geborene Hermann Lehmann war ein Sohn des Lederhändlers Samuel Lehmann und dessen Ehefrau Ernastina geborene Kiese. Hermann hatte nur noch einen älteren Bruder, den am 20. Februar 1879 geborenen Alfred. Dabei hatte die Familie noch weitere Söhne, die jedoch früh verstarben: Friedrich, geboren am 4. November 1880, der als kleines Kind am 28. Oktober 1884 verstarb. Nur einen Tag danach starb der am 27. September 1884 letztgeborene Siegfried Max noch als Säugling. Zwei seiner Brüder hatte Hermann also niemals kennen gelernt und dass diese Tragik die Stimmung in der Familie drückte, kann nur vermutet werden. Hermann selbst ging in Offenburg ein Jahr auf die Realschule und besuchte vier Jahre lang das dortige Gymnasium. Die höhere Schule verließ er ohne Reife-Abschluss, um sich, wie bereits der Vater, dem kaufmännischen Beruf zuzuwenden. Über seine Ausbildungszeit ist nichts festzustellen gewesen. Gesichert dagegen ist wieder, dass er 1898 bis 1907 als kaufmännischer Angestellter arbeitete. Dies war auch die Zeit, in der er nach Karlsruhe kam. Erstmals nachgewiesen ist er hier im Jahre 1910, da wohnte er in der Kriegsstraße 37. Das Haus lag in der Mitte zwischen dem südlichen Kriegsstraßenabschnitt zwischen Ritter- und Karlstraße, die heute gültige Hausnummerierung ist eine spätere Änderung. Im selben Jahr, am 14. April 1910, verheiratete er sich in Ludwigshafen auch mit Bianca Hirschler.

Bianca Lehmann war am 28. März 1884 als Barbara Hirschler in Frankenthal geboren. Wann und wie aus „Barbara“ Bianca wurde, wie sie nur noch hieß und auch von den Behörden geführt wurde, bleibt unklar. Ein Eintrag im Geburtsregister dazu liegt nicht vor. Ihre Eltern waren der Handelsmann Bernhard Hirschler und Bertha geborene Baer. Erst um die Zeit als ihr erstes Kind 1878 geboren wurde, waren sie nach Frankenthal gekommen. Barbara bzw. Bianca war das mittlere von insgesamt sechs Kindern: Sigmund (6. September 1878, 1934 mit Familie nach Australien emigriert), Joseph (25. Dezember 1879, 1939 mit Familie nach Argentinien emigriert), Karolina, geboren am 21. September 1881 verstarb mit nur einem halben Jahr am 4. März 1882. Nach Barbara oder Bianca kam Maximilian (11. Juni 1886, emigrierte 1938 mit Familie in die USA) und Karl Jonathan (9. März 1890, mit Familie 1938 nach England emigriert).

Bianca hatte sieben Jahre lang die Höhere Töchterschule besucht. Nach dem Verständnis jener Zeit hatten Mädchen nicht die gleichen Bildungschancen, Abitur und vor allem das Studium z.B. war ihnen erst nach 1900 möglich. Eltern der „besseren Kreise“ legten aber Wert darauf, dass ihre Töchter eine höhere Bildung erhielten, als sie an den gewöhnlichen Volksschulen vermittelt wurde. Es zeugt also von einem Willen zum sozialen Aufstieg, dass die Eltern sich auch um eine prestigeträchtigere Schule bemühten als allgemein für weniger Bemittelte üblich. Die genannten Brüder machten alle ihren Weg: Sigmund war vor der Emigration Direktor einer Eisengroßhandlung in Ludwigshafen, Joseph war Makler an der Mannheimer Getreidebörse, Karl Jonathan wurde Großhändler, der „Nachkömmling“ Karl Jonathan brachte es sogar zum Facharzt für Chirurgie.

Nach ihrer Heirat mit Hermann Lehmann führte Bianca den Haushalt und widmete den Großurteil ihrer Zeit der Pflege und Obhut ihrer Tochter. Die einzige Tochter Lore Elsbeth war alsbald nach der Heirat am 15. März 1911 in Karlsruhe zur Welt gekommen. Die Situation für die junge Familie war nicht einfach, denn Lore Elsbeth war nicht gesund. Sie war von Geburt an geistig behindert und blieb auf dem Stand eines Kindes - eine spätere amtliche Diagnose lautete „Schwachsinn mittleren Grades“ - und bedurfte ständiger Aufsicht und Führung, die sie bei ihren Eltern erhielt. Nach missglückten Schulversuchen erhielt sie ein wenig Privatunterricht, wäre aber aufgrund der Schwere ihrer Behinderung nie in der Lage gewesen, einen Beruf auszuüben. So konnte sie nur ein wenig im Haushalt mithelfen, konnte aber beispielsweise, wie einmal bemerkt wurde, nicht nähen.
Bianca Lehmann war durchaus eine engagierte Frau. Sie war begabt im Violinenspiel und pflegte dies. Außerdem engagierte sie sich ehrenamtlich im Israelitischen Frauenverein, einem Verein für Wohltätigkeit, ohne gesellschaftspolitischen Anspruch.

Hermann Lehmann sorgte seit der Heirat als selbstständiger Geschäftsmann, als „Fabrikant“ gar, wie es in den Adressbüchern vermerkt ist, für den Familienunterhalt. 1907 war er als Teilhaber in die Zigarettenfabrik und -verkauf „Alfred Lehmann“ eingestiegen. Das heißt, sein älterer Bruder hatte die Firma 1904 mitgegründet. Andere Teilhaber waren Joseph Hirschler und Karl Hirschler aus Ludwigshafen, also die Brüder von Bianca Lehmann. Das lässt vermuten, dass die Bekanntschaft mit seiner Frau aus der Geschäftsverbindung herrührte. Hermann stieg in die bereits etablierte Firma ein, sein Bruder Alfred überließ ihm die Firmenführung in Karlsruhe, weil er sich selbst veränderte, aus Karlsruhe wegzog und sein Kapitalanteil arbeiten ließ. Das Unternehmen firmierte auch unter „Lauterberg Zigarettenfabriken Alfred Lehmann“, ebenso nach dem Einstieg von Hermann Lehmann und selbst als er die Firma seit 1919 als Alleininhaber weiterführte. Der Standort der Firmenräume in Karlsruhe änderte sich ständig, anfangs in der Waldhornstraße 8, dann während des Ersten Weltkrieges in der Herrenstraße 31 und schließlich auch einmal in der Kaiserstraße. Es waren nur Büro- und Verkaufsräume, denn die eigentliche Produktion fand in Ludwigshafen statt. In einer Stadt wie Karlsruhe existierten 1910 rund acht Zigarettenfabriken, alles eher kleinteilige Fabriken. Nach dem Ersten Weltkrieg, der Bedarf nach sich in Rauch auflösender Ware muss enorm gestiegen sein, finden sich nun fast zwei Dutzend. Die Zahl der Tabakgeschäfte war ein Zigfaches davon, es war schließlich eine Zeit, die noch keine Zigarettenautomaten kannte. Lag es an den schlechten Zeiten? Führte die zunehmende Emanzipation der Frau zu solchen Steigerungen? Die Zahl der Herstellungsstätten in den 1930er Jahren lag dann aber wieder bei der vor dem Ersten Weltkrieg. Eine überlieferte Zigarettendose der Firma aus dem Jahr 1925 zeigt, dass Hermann Lehmann um Modernität bemüht war. Anstelle des oft üblichen figürlichen Musters im Werbedesign, meist engelhafte oder umflorte Frauen, manchmal florale Muster, wählte er für die Verpackungsblechdose der Eigenmarke „Sabrosa“ eine nüchterne Grafik nach Art Déco, die dem Produkt einen edlen Schein gab und sicherlich Begehrlichkeit erzeugte. Gestaltet wurde das Motiv von Emanuel Josef Margold (1889-1962), ein renommierter und vielbeschäftigter Vertreter der „Wiener Moderne“, der zahlreiche Grafiken und Gestaltungen für das Gebrauchskunstgewerbe ausführte.
Als Hermann Lehmann die Firma seit 1919 allein weiterführte, war dies zugleich mit einem Umzug der Familie in die Wendtstraße 19 verbunden. Das gutbürgerliche Wohnviertel zeigte auch an, dass Hermann Lehmann sich offensichtlich etabliert hatte.
Die Firma muss aber in Schwierigkeiten geraten sein, die schwierige wirtschaftliche Zeit vor den wenigen Jahren, die als die „Goldenen Zwanziger“ gelten, hat sie nicht verkraftet. 1926 konnte sie sich nicht mehr behaupten und ging am 23. Juli in Liquidation. Diese Phase der Liquidation war sogar erst 1938 abgeschlossen. Das muss bedeuten, dass die Firma wohl über beträchtliche Außenstände verfügte, eventuell auch über entsprechende Verbindlichkeiten, jedenfalls wurde über einen langen Zeitraum versucht, das in verschiedenen Formen gebundene Kapital zu verflüssigen. Als Liquidatoren, also diejenigen, die diese Geschäfte ausführten und überwachten, traten die bereits bekannten Josef und Karl Hirschler auf. Es blieb so quasi in der Familie.
Hermann Lehmann musste sich umorientieren, blieb aber in der Branche. Nun übernahm er als Selbstständiger die Vertretung von Tabakwaren en gros. Hier kannte er sich bestens aus, nur dass er nun die Marken der bisherigen Konkurrenz verkaufte. Er kaufte große Mengen Tabakwaren ein und verkaufte diese wieder in kleinen Mengen an Geschäfte, Einzelverkäufer und Hausierer.

Die Machtergreifung der NSDAP 1933 veränderte die Lage nochmals. Auch wenn keine Überlieferung dazu vorliegt, muss davon ausgegangen werden, dass er in dieser Branche mit großer Konkurrenz als Jude beträchtliche Geschäftseinbußen hatte. Eventuell war dies der Grund, dass er nicht nur als selbstständiger Tabakwaren-Vertreter sein Einkommen suchte, sondern auch Firmen der Textilbranche direkt vertrat. So wissen wir, dass er beispielsweise 1936 Geschäftsreisen unter anderem für die Firma Gantschi & Hauri in Oberweier sowie für die Tuchfabrik Weiller & Co in Bruchsal unternahm. Die nationalsozialistische Politik lief auf die vollständige Vertreibung von Juden aus der Wirtschaft hinaus. Wer von ihnen seine Firma bis zum 31. Dezember 1938 nicht „freiwillig“ an einen „Arier“ verkauft hatte oder aufgegeben hatte, der musste zwangsauflösen. Hermann Lehmann meldete sein Gewerbe zum 12. Dezember 1938 ab.

Zuvor hatte er aber noch etwas anderes Einschneidendes erlebt. In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurden die beiden Synagogen in Karlsruhe niedergebrannt, zahlreiche jüdische Geschäfte demoliert und auch Privatwohnungen verwüstet. Am Morgen jenes 10. November wurden viele jüdische Männer in das Polizeipräsidium am Marktplatz getrieben und von dort aus in das KZ Dachau verbracht, darunter Hermann Lehmann. Sie verblieben meist zwischen zwei und vier Wochen dort in so genannter Schutzhaft. Zweck war die Terrorisierung, damit alle Juden Deutschland verlassen sollten. Hermann Lehmann hatte die Häftlingsnummer 21546, er wurde am 10. Dezember 1938 wieder entlassen.
Bereits am 20. September 1938 hatte er bei der Polizeibehörde einen Antrag auf einen Reisepass nach Frankreich gestellt, um sich, wie er begründete, eine neue Existenz aufzubauen. Aus der Reise, für die er tatsächlich einen Pass für die Dauer von vier Wochen erhielt, war nichts geworden. Nach seiner Entlassung aus Dachau stellte er am 27. Dezember 1938 erneut Antrag auf vier Wochen Reiseerlaubnis. Doch der wieder zurückgegebene Pass weist aus, dass er nie in Frankreich war. Offensichtlich wurde aus den Plänen nichts, weshalb auch immer. Offensichtlich gab es auch Überlegungen, in die USA zu emigrieren, was aber noch schwieriger war. Diese Versuche wurden später sogar noch während der Internierung aufrechterhalten, so lange es noch denkbar war.

So geriet die Familie unter die Deportation nahezu aller Juden aus Baden, der Pfalz und der Saar am 22. Oktober 1940 nach Gurs, über 6.500. In diesem französischen Internierungslager starben aufgrund der schlechten Bedingungen und an Mangelernährung über 1.000 Menschen, ein großer Teil von ihnen alte Menschen und bereits in den ersten drei Wintermonaten. Das französische Vichy-Regime hatte zwar kein Interesse an diesen ausländischen Juden, wollte aber nicht noch länger die katastrophalen Bedingungen verantworten. Im Frühjahr 1941 organisierte sie das Internierungssystem neu. Aus Gurs wurden alte Menschen und ebenso Familien in andere, "besser" ausgestattete Lager verlegt, wobei die Realität dann doch eine andere war. Familie Lehmann aber mit ihrer behinderten erwachsenen Tochter Lore Elsbeth musste im Lager Gurs bleiben. Obgleich hier die Sterblichkeit etwas zurückgegangen war, gab es immer wieder Tote.

Am 25. September 1941 stirbt Bianca Lehmann im Lager Gurs. Sie war nur 57 Jahre alt geworden. Sie liegt auf dem dortigen Lagerfriedhof begraben.

In Gurs waren Männer und Frauen in getrennten Lagerabschnitten, so genannten Îlots, untergebracht. Das hieß, dass die nicht selbständig handelnde Lore Elsbeth Lehmann ohne ihre Mutter in große Schwierigkeiten kam. Wieweit sie von anderen Internierten in ihrer Baracke unterstützt wurde, ist fraglich. Alle Häftlinge waren auf Unterstützungspakete von Verwandten aus Übersee angewiesen, was möglich war, oder auf die Unterstützung von Hilfsorganisationen, die eingeschränkt im Lager wirken konnten. Ob Lore Elsbeth aber in ihrer Lage das dazu notwendige Quantum an Eigeninitiative und Selbstständigkeit hatte, ist zu bezweifeln. Ihre Situation muss sich nochmals massiv verschlechtert haben, vermutlich wollte die Lagerleitung sie auch loswerden. Dies sollte ihr Leben retten. Am 14. Januar 1941 wurde sie aus Gurs in die Psychiatrie gebracht, in das Hospital Psychiatrique in Limoux. Ihr Aufnahmebefund dort wies die 1,30 m kleine Frau mit 32 kg Gewicht aus, als „pueril“ (kindhaft), sie sei „agitiert“ (erregt, unruhig), stellte allgemeine Schwäche fest und hielt wegen ihrer „Schwachsinnigkeit“ ständige Pflege und Überwachung für notwendig. Diese erhielt sie in den kommenden Jahren. Aus dieser psychiatrischen Anstalt wie auch sonst aus Altenheimen, überstellten die französischen Verantwortlichen keine Juden an die deutschen Stellen zum Abtransport in die Massenvernichtung.

Hermann Lehmann befand sich immer noch im Lager Gurs. Nachdem die deutschen Verantwortlichen und Heinrich Himmler und Adolf Eichmann zusammen mit ihrer Abteilung in Paris im Juli 1942 unter Druck mit der Vichy-Regierung die Modalitäten zur Deportation von Juden abgesprochen hatten, rollten ab diesem Zeitpunkt die Züge in den Tod nach Auschwitz. Zu diesem Zeitpunkt aber war Hermann Lehmann bereits tot. Aus dem Lager Gurs am westlichen Nordabhang der Pyrenäen war er nach dem Lager Récébédou, unmittelbar bei Toulouse gelegen, verbracht worden. Dort sollte die Bedingung und medizinische Versorgung besser sein. Er wurde auch in die dortige Krankenbarracke gebracht, vermutlich mit Unterernährung und Durchfällen. Die medizinische Versorgung war jedoch keineswegs gewährleistet, dazu stellte die Vichy-Verwaltung nicht die nötigen Mittel bereit.
Hermann Lehmann starb am 8. April 1942 im Lager Récébédou. Nach einer anderen Quelle soll er noch in ein Krankenhaus nach Perpignan gekommen und dort verstorben sein. Dort befand sich nämlich ein eigens für Internierte 1939 wieder eröffnetes ehemaliges, inzwischen halb verfallenes, Krankenhaus, dem es jedoch an Personal und Ausstattung mangelte. Begraben wurde er auf dem Friedhof im unweit von Récébédou gelegenen St. Porte-sur-Garonne, wo sich sein Grab heute noch befindet.


Lore Elsbeth Lehmann überlebte die Verfolgung und den Krieg in der Psychatrie in Limoux. Sie lebte und wurde dort gepflegt, auch nach dem Krieg, auch noch 1949, 1950...1960. Niemand schien sie zu vermissen oder nach ihr zu fragen. Es waren dann französische Stellen, die sich erstmals 1961 an die Botschaft der Bundesrepublik Deutschland in Paris wandten, weil sie doch ein Fall für die deutsche Sozialfürsorge sei. Dann ging es schnell. Am 10. April 1961 wurde sie nach Deutschland zurück gebracht. Untergebracht wurde sie in der Kreispflegeanstalt Weinheim. Warum dort? Sie hatte keine Bekanten oder Verwandten mehr in der Region. Es war eine Entscheidung der damit befassten Sozialfürsorge. Lore Elsbeth Lehmann bekam einen Betreuer zugewiesen, der nun versuchte, für sein „Mündel“ ihre Geschichte zu rekonstruieren, was kaum mehr gelang, und an ihrer Stelle ihre Interessen zu verfolgen.
Der Platz in Weinheim bedeutete aber keine Stabilität für Lore Elsbeth Lehmann über längere Zeit, schließlich wurde sie wiederkehrend in das Psychiatrische Landeskrankenhaus nach Wiesloch gebracht. Zu ihrer geistigen Behinderung waren nun schwere psychische Erkrankungen hinzugekommen. Schizophrenie wurde ihr attestiert. Ihr Zustand verschlechterte sich zunehmend. Sie entwickelte Verhaltensstörungen und Verfolgungsängste, die vermutlich auf die schockartigen Ereignisse der Deportation, den Verlust des vertrauten Umfeldes und ihrer Eltern zurückzuführen sind. Abwegig ist dieser Gedanke nicht, da sie zum Beispiel im Krankenhaus wiederholt nachfragte ob „Hitlerleute“ im Haus seien. Ab 1965 musste sie dauerhaft in der Psychiatrie in Wiesloch untergebracht bleiben. Neben ihrem zugewiesenen Betreuer, der sich für ihre wirtschaftlichen Belange in überaus starkem Maß einsetzte, wurde sie allein von einer Frau auf ehrenamtlicher Basis ab und zu besucht, die ihr auf Abrechnung mit dem Sozialamt hin und wieder Obst, Südfrüchte, Schokolade, Gebäck und manchmal auch Kleider mitbrachte.
Lore Elsbeth Lehmann starb am 23. März 1972 im Psychiatrischen Landeskrankenhaus Wiesloch.

Ihr Betreuer hatte seit 1961 über viele Jahre für sie Anträge auf „Wiedergutmachung“ nach dem Bundesentschädigungsgesetz für die Opfer des Nationalsozialismus gestellt. Zunächst waren sie zu einem größeren Teil zurück gewiesen worden, auch unter Hinweis auf Fristversäumung. Als ihnen im Verlauf und unter Klagen stattgegeben wurde, mussten die vom deutschen Staat ausgezahlten Entschädigungsgelder an die Träger der Sozialhilfe für die Kosten der Psychiatrieunterbringung aufgewendet werden. Der Betreuer kämpfte vergeblich darum, dass Lore Elsbeth Lehmann mehr als das gesetzlich für Heimbewohner festgelegte Minimum verblieb.

(Jerónimo Haug, Lessing-Gymnasium Karlsruhe, 12. Klasse, August 2010)