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Elise Lämmle, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Elise Lämmle

Nachname: Lämmle
Vorname: Elise
Geburtsdatum: 10. Oktober 1883
Geburtsort: Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: ledig
Eltern: Eduard (ca. 1847-1908) und Mina (ca. 1847-1904), geb. Valher, L.
Verwandtschaftsverhältnis: Schwester von Auguste, Harry, Johanna Schapper, geb. L. und Bertha Finkelstein, geb. L.
Adresse: Seit 1892: Kronenstr. 51
Kaiserstr. 103
Schule/Ausbildung: Töchterschule
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Zur Erinnerung an die Geschwister Lämmle:
Elise, geboren 1883 in der Kaiserstraße 103, ermordet in Auschwitz
Auguste, geboren 1884 in der Kaiserstr.103, ermordet in Auschwitz
Berta Finkelstein, geb. Lämmle, geboren 1886 in der Kaiserstr.103, ermordet in Auschwitz (siehe eigene Biographie im Gedenkbuch)
Harry, geboren 1876 in der einstigen Brunnenstr. 2, er überlebte den Holocaust.
Johanna Schapper, geb. Lämmle, geboren 1882 in der Kaiserstraße 103, emigrierte vor 1939 in die USA.

Die Familie Lämmle (auch: Lämle) hatte ihren Ursprung in Rülzheim in der Pfalz, wo der Großvater Hirsch Lämmle den Lebensunterhalt als Buchbinder verdiente. Sein Sohn Eduard Lämmle erhoffte sich wohl mit seiner Ehefrau Mina, geborene Valher, bessere Lebensmöglichkeiten durch die Übersiedelung in die badische Residenzstadt Karlsruhe, weil das liberal regierte Großherzogtum Baden bereits ab 1862 den Juden die staatsbürgerliche Gleichberechtigung gewährt hatte und weil im aufstrebenden Karlsruhe eher an eine materiell gesicherte Grundlage zu denken war.

Die erste nachweisbare Wohnadresse der Lämmles in Karlsruhe war 1876 die Brunnenstraße 2, ein kleines Gässchen im so genannten Dörfle, die heute nicht mehr existiert und die heutige Straße diesen Namens nur eine Erinnerung an diese einst typische Dörfle-Gasse mit einfachen Häusern und äußerst armen Bewohnern ist. Hier wurde auch der erste Sohn 1876 geboren. Sein Name war Harry, so lautete der offizielle standesamtliche Eintrag. Während Juden zu dieser Zeit häufig zeittypische, also nicht mehr hebräisierende Vornamen wählten, war dieser angloamerikanische Vorname doch sehr außergewöhnlich für einen jüdischen Knaben im 19. Jahrhundert. Wie die Eltern wohl auf diesen Namen kamen, ob sie Verbindungen zu Amerika hatten oder Hoffnungen darin setzten?

Als Kaufmann versuchte Eduard Lämmle sich in verschiedenen Handelsgeschäften, Einzelheiten dazu sind nicht mehr nachvollziehbar. Doch scheint er sich schließlich als Möbelhändler ab etwa 1898 endgültig etabliert zu haben, in Verbindung mit seinem Teilhaber Isaak Levy, der das Möbelgeschäft Levy & Lämmle in Baden-Baden betrieb, während Eduard Lämmle für den Filialbetrieb in Karlsruhe verantwortlich war.
Offensichtlich war er aber auch bereits zuvor geschäftlich erfolgreich. Denn er konnte sein Ladengeschäft in die Kaiserstraße 103 (bis 1879 noch Langestraße genannt) verlegen und auch die Familie zog mit. Dieses Anwesen hatte Eduard Lämmle um 1878 erworben. Es war jedoch nicht das heute dort stehende stattliche fünfstöckige Gebäude mit Hausnummer 101/103 auf ehemals zwei Grundstücken, sondern ein einfaches zweistöckiges Haus aus der Anfangszeit der Stadt und inzwischen in schlechtem Zustand. Hier wurden die weiteren Töchter, Johanna 1882, Elise 1883, Auguste 1884 und Berta 1886 geboren.

1891 veräußerte Eduard Lämmle das Anwesen. Die Kaiserstraße war inzwischen zu einer repräsentativen Einkaufsstraße geworden, seit der Gründerzeit waren immer mehr stattliche Wohn- und Geschäftshäuser anstelle der Häuser aus dem 18. Jahrhundert und aus der Weinbrennerzeit entstanden. Vermutlich erlöste Eduard Lämmle aus dem Verkauf genügend, um abermals ein einfaches Haus, nämlich die Kronenstraße 51 zu erwerben. 1892 war die Familie dort eingezogen, zunächst als Mieter verzeichnet, seit 1894 als Eigentümer des vierstöckigen Hauses mit Hinterhofanbau. Dort befand sich auch das Ladengeschäft, das Eduard Lämmle modernisierte und vergrößerte. Dazu wurden Wände für durchgehende Räume herausgerissen, ein modernes Stützsystem stabilisierte die Decke.
1897 folgte das nächste Projekt: der Dachausbau für Wohn- und Schlafräume. Das „Dörfle“ wuchs mit der Industrialisierung neben der Südstadt zum dichtbesiedelten Karlsruher Arbeiterviertel. Die selbst nicht begüterten Viertelbewohner schufen sich mit Kost- und Schlafgängern ein zusätzliches Einkommen, Hauseigentümer vermieteten Kammern an mehrere Arbeiter oder bauten die Dachspeicher dazu aus, wie die Lämmles, die in diesen äußerst einfachen, Verschlägen ähnelnden Zimmern, italienische Bauarbeiter unterbrachten.
Das Haus in der Kronenstraße war nachweislich in keinem guten Zustand, so mahnte 1906 die Baupolizei die Erneuerung des Verputzes an. Ein andermal beklagte sich die Mietpartei einer Dachgeschosswohnung über Schimmel, Sporen und nasse Wände. Die Baupolizei bezeichnete diese Wohnung als menschenunwürdig und nur noch als Magazin verwendbar. Die ärmeren Mieter waren mit ihren Mietzahlungen auch oft im Rückstand. 1903/04 erwarb Eduard Lämmle von seinem Partner Levy dessen Hausanwesen in der Markgrafenstraße 20 und 22 hinzu, ein altes zweistöckiges Gebäude einfacher Bausubstanz, wovon das eine als Ladengeschäft geeignet war.

Über das familiäre Leben der Lämmles ist gar nichts überliefert. Anzunehmen ist, dass sowohl die Ehefrau Mina als auch die größer werdenden Kinder zur Mitarbeit in den Geschäften herangezogen wurden. Auf jeden Fall achteten die Eltern Lämmle auf eine gute Schulbildung. Gesichert ist, dass zumindest Elise, Auguste und Berta die Höhere Töchterschule besuchten, für die Schulgeld bezahlt werden musste. Für den Sohn Harry wurde sogar die noch teurere Realschule ermöglicht. Mit dem Abschluss der Mittleren Reife, hatte er das Privileg erworben, nur ein Jahr zum Militär eingezogen zu werden. Wahrscheinlich absolvierte er die Wehrübungen heimatnah um 1895, nachdem ihm der Vater auch noch eine Uniform bezahlt hatte. Trotz antijüdischer Haltungen in der Gesellschaft gegen Ende des 19.Jahrhunderts könnte man den Militärdienst aus der Sicht der jüdischen Gemeinden als große Hoffnung auf Integration werten.

Nach dem Tod der Eltern, die Mutter Mina Lämmle verstarb am 25. November 1904 und der Vater Eduard Lämmle am 12. Juli 1908, wurden die Kinder, die inzwischen alle erwachsen waren, Erben des Vermögens als Erbengemeinschaft. Alle Geschwister waren als Miteigentümer der Wohnhäuser in der Kronen- und Markgrafenstraße eingetragen. Doch Harry nahm offensichtlich eine besondere Stellung ein, da notwendige Unterschriften bisweilen von ihm allein geleistet wurden. An eine genaue Aufgabenaufteilung erinnert sich später Harry nicht und ist auch nicht feststellbar.

Sowohl Berta als auch Johanna heirateten und lebten eigenständig mit ihren Familien. Johanna, verheiratete Schapper, ging mit ihrem Ehemann und den beiden Kindern nach den USA, wo sie in Pittsburgh lebten. Die unverheirateten Geschwister Harry wie auch Auguste und Elise, verdienten ihren Lebensunterhalt gemeinsam mit den Geschäften, die sie jedoch jeweils getrennt führten. Während Harry hauptsächlich im Laden in der Markgrafenstraße 20/22 war, führten die beiden Schwestern die Geschäfte in der Kronenstraße 51. Dort betrieben sie eine Handlung für Leder- und Reiseartikel. Aus den Geschäftskassen konnte dabei jedes Mitglied das Geld für den eigenen Gebrauch entnehmen, so Harry später dazu. Vielleicht ist das auch ein Hinweis, dass die Geschwister sich untereinander gut verstanden. Hinzu kamen die Mieteinnahmen aus ihrem Haus Kronenstraße 51. Die Geschwister Lämmle wohnten dort auch zusammen, offensichtlich in einer Art Wohngemeinschaft, jedoch ist nichts über die Lebensgestaltung im Einzelnen bekannt.
Nachgewiesen ist, dass Harry Lämmle seit 1909 Mitglied im „Karlsruher Turnverein“ (KTV) war, 1919 wurde er für seine 10-jährige Mitgliedschaft geehrt.
Er war also nicht Mitglied des 1902 gegründeten jüdischen Turnvereins „TCK 02“, das spricht dafür, dass er ganz allgemein in der Gesellschaft integriert war und sich seine Lebenswelt nicht auf die jüdische begrenzte. Auch im sozialen jüdischen Leben war er verankert, so engagierte er sich im jüdischen Armenunterstützungsverein „Malbisch Arumin“. Während viele Geschäftsfrauen im jüdischen Frauenverein organisiert waren, trifft dies auf die Lämmle-Schwestern nicht zu. Harry Lämmle wurde im Ersten Weltkrieg Soldat, war 1915 bis 1918 beim Feldartillerieregiment 205, das an der Westfront eingesetzt war.

In der Markgrafenstraße 20-22 befanden sich keine Wohnungen, das Ladengeschäft, das von der Erbengemeinschaft umgebaut und mit vergrößerten Schaufenstern ausgestattet wurde, erstreckte sich über die ganze Fläche des kleinen zweistöckigen Hauses. In diesen Räumen betrieb Harry, offensichtlich über den Geschäftszweig des Vaters hinausgehend, einen Antiquitätenhandel, einen Schmuckverkauf und eine Uhrenreparatur. Die Uhrenreparatur hatte er sich autodidaktisch angeeignet. Im Handelsregister war dieser Betrieb seit 1903 als Geschäft für Altwarenhandel und An- und Verkauf eingetragen. Das Dörfle galt als Problemviertel, als „sozialer Brennpunkt“ nach heutigem Ausdruck. An- und Verkaufsgeschäfte galten der Hehlerei verdächtig und wurden polizeilich überwacht. Die Polizei bestätigte, dass bei den üblichen wöchentlichen Kontrollen der Geschäfte wöchentlich niemals Diebesgut oder Hehlerware bei Lämmle festgestellt wurden, „immer alles in Ordnung“ befunden wurde.

Wahrscheinlich litten die Geschäfte der Lämmle-Geschwister nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten unter dem Judenboykott. Inserate finden sich noch im Israelitischen Gemeindeblatt, wo die Schwestern zum Beispiel 1935 für Damenhandtaschen ihres Geschäftes werben. Ein anderes Inserat von 1938 deutet bereits auf die starke Unterdrückung jüdischen Lebens hin. Diese führte zu massenhafter Auswanderung – eigentlich Vertreibung – von Juden aus Deutschland. Das Inserat vom Juli 1938 bewirbt die für die Auswanderung notwendigen Koffer aller Größen im Ladengeschäft Lämmle. Anfang Herbst 1938 kehrte die verwitwete Schwester Berta, verheiratete Finkelstein (siehe ihre eigene Biografie im Gedenkbuch), aus dem an Deutschland angeschlossenen Österreich zurück nach Karlsruhe. Nun wohnten die Geschwister für kurze Zeit zu viert in der Kronenstraße; Berta fand kurz danach eine andere Bleibe. Nach Aussage der Tochter von Berta, wurde das Haus in der Kronenstraße beim Pogrom vom 9. auf 10. November 1938 angegriffen. Die Ablehnung der „arischen“ Gesellschaft erlebten die Geschwister Lämmle auch ganz persönlich, als eine nichtjüdische Mieterin 1939 bei der Stadtverwaltung erreichte, dass sie eine andere Wohnung zugewiesen bekam, weil sie es wegen des Judenhasses als für sie unzumutbar empfand, als letzte „arische“ Mieterin im Haus der Lämmles zu wohnen.

Die Geschwister Auguste, Elise und Harry, deren Existenz in ihren Geschäften lag, verloren diese durch die Verordnung über den Einsatz jüdischen Vermögens vom 3. Dezember 1938, das die Ausschaltung der Juden aus dem „deutschen Wirtschaftsleben“ endgültig konkretisierte. Bis zum 31. Dezember 1938 waren jüdische Betriebe sowie Grundbesitz zu „arisieren“, das heißt zu veräußern oder aufzulösen. Am Hausbesitz der Lämmles war die Karlsruher Stadtverwaltung sehr interessiert. Die Lämmle-Geschwister blieben jedoch bis zuletzt dort wohnen.

Am 22. Oktober 1940 wurden Auguste, Elise und Harry Lämmle mit über 900 anderen Jüdinnen und Juden aus Karlsruhe in das unbesetzte Frankreich deportiert und im Lager Gurs interniert. Über die entsetzlichen Lagerbedingungen mit Hunger, Kälte und Tod wurde bereits viel berichtet. Allein im ersten Vierteljahr, zwischen Oktober 1940 und Januar 1941 starben über 600 der etwa 6.500 dorthin deportierten südwestdeutschen Juden. Die französischen Behörden reorganisierten das Lagersystem, schickten Familien sowie alte Menschen aus Gurs in andere Internierungslager. Die Bedingungen verbesserten sich jedoch nicht wirklich durchgreifend. Die Geschwister Lämmle hätten vom Alter her in das Lager Noé, unweit Toulouse, verbracht werden können, jedoch blieben sie in Gurs. Harry war allerdings von Anfang an von seinen Schwestern getrennt, da Männer und Frauen separat untergebracht worden waren.
Seit Juli 1942 rollten die Transporte mit Juden nach Osten, wie es das nationalsozialistische Deutschland mit dem kollaborationistischen Vichy-Regime abgesprochen hatte. Ein Zug mit jeweils etwa 1.000 nichtfranzösischen Juden fuhr vom Transitlager Drancy bei Paris nach Auschwitz, wo die meisten von ihnen sofort bei Ankunft im Gas ermordet wurden.
Auguste und Elise Lämmle waren bei einem der ersten Überstellungen von Juden aus dem unbesetzten Frankreich nach Drancy dabei und beide wurden am 10. August 1942 von dort nach Auschwitz verbracht. Zwar wurden 100 Frauen dieses Transports in Auschwitz noch zur Zwangsarbeit selektiert, von denen keine den Krieg überlebte, es ist jedoch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass die 57- und 58-jährigen Schwestern sofort bei Ankunft im Gas ermordet wurden.

Harry Lämmle befand sich nicht unter den nach Drancy und Auschwitz Deportierten, obgleich er sich nachwievor im Lager Gurs befand. Dies grenzt fast an ein Wunder. Vielleicht befand er sich in der Zeit von August bis Oktober, als die meisten Transporte abgingen, im Krankenlager? Inzwischen litt er unter Bronchitis, hatte Beinödeme und zog sich später, 1943, nach einer Fingerverletzung eine Phlegmone am Unterarm zu, die zur Gelenkversteifung führte. Als die Transporte im Frühjahr 1943 wieder aufgenommen wurden, jedoch von französischer Seite nicht mehr mit der gleichen Energie wie im Vorjahr, blieb er wieder ausgenommen. Die französischen Stellen schickten inzwischen über 65-Jährige kaum noch zur Deportation. Harry Lämmle wurde wegen seines Alters sogar am 31. Mai 1943 aus dem Lager Gurs entlassen und in das „Centre d’Accueil de Douadic“ und anschließend nach Sereilhac im Départment Haute Vienne verbracht, wo er am 21. August 1944 befreit wurde.

An eine Rückkehr nach Deutschland nach Kriegsende dachte der inzwischen fast 70-Jährige zunächst wohl nicht. Im Mai 1947 begab er sich nach London, um eventuell eine Übersiedelung zu Familienmitgliedern zu sondieren, er ging jedoch wieder zurück nach Frankreich, wo er von jüdischen Hilfsorganisationen unterstützt wurde. 1950 kehrte Harry Lämmle zurück, nach Karlsruhe. Er wohnte in der Yorckstraße 54 und er setzte seine gesamte verbliebene Energie ein, seinen Antrag auf Wiedergutmachung nach dem Bundesentschädigungsgesetz sowie nach dem Restitutionsgesetz zu betreiben, denn er konnte nachweisen, dass er vor der Verfolgung über beträchtliches Vermögen verfügt hatte. Nach einem Schlaganfall im März 1953 blieb er halbseitig gelähmt, lebte danach bis zu seinem Tod zur Pension und Pflege im Haushalt einer Familie. Harry Lämmle starb am 9. März 1956 in seinem Geburtsort Karlsruhe.

(Anna Maria Welsch, Oktober 2015)