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Frieda Krotowsky, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Frieda Krotowsky

Nachname: Krotowsky
geborene: Freudenberger
Vorname: Frieda
Geburtsdatum: 30. August 1893
Geburtsort: Fürth (Deutschland)
Familienstand: verheiratet
Verwandtschaftsverhältnis: Ehefrau von Elias K.;

Mutter von Dorothea Debora, Hermann und Philipp
Adresse: Markgrafenstr. 30a
Kriegsstr. 176
Schützenstr. 86
Friedenstr. 19
Karlstr. 102
Schule/Ausbildung: Höhere Töchterschule, Würzburg
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Elias und Frieda, Hermann und Dorothea Krotowsky

Elias Krotowsky wurde am 6. Dezember 1882 in Krotoszyn in der preußischen Provinz Posen geboren. Das Städtchen mit damals rund 10.000 Einwohnern und einem hohen jüdischen Bevölkerungsanteil gehört heute zu Polen. Elias war preußischer Staatsbürger und frommer Jude. Mit den polnischen Menschen seiner Heimatstadt konnte er sich nur bruchstückhaft verständigen, da er nur ein wenig polnisch sprach, deutsch und jiddisch waren seine Umgangssprache. Er muss wohl große Pläne gehabt haben, doch wie er in Krotoszyn lebte, bleibt für uns im Dunkel. Wie viele andere Menschen verließ Elias vermutlich aus wirtschaftlichen Gründen seine Geburtsstadt, dies war 1913, und gelangte nach Würzburg. Dort kam er mit Frieda Freudenberger in Verbindung. Sie war am 8. August 1893 im bayerischen Fürth geboren und in einer sehr religiösen Familie aufgewachsen. Ihr Vater Juda Freudenberger war Lehrer an der israelitischen Bürgerschule. Die Mutter hieß Esther, geborene Wechsler. Elias und Frieda heirateten am 28. August 1922 in Würzburg, also bereits jenseits des gewöhnlichen Heiratsalters.

Ein Jahr später zog das Ehepaar nach Karlsruhe in die Markgrafenstraße 30a und gleichzeitig begann Elias eine eigene Metall- und Eisenwarengroßhandlung aufzubauen. Frieda hatte zwar eine gute Ausbildung in der Höheren Töchterschule Würzburg gehabt, blieb jedoch, wie es damals üblich war, Hausfrau. Sie dürfte aber vermutlich im Geschäft mitgeholfen haben. Noch im selben Jahr, am 30. Juni 1923 kam ihr erster Sohn Philipp zur Welt. Am 25. Juni 1925 wurde dann Sohn Hermann geboren. Die Familie gehörte zur orthodoxen jüdischen Gemeinde in Karlsruhe, besuchte am Sabbath die Synagoge in der Karl-Friedrich-Straße. Elias engagierte sich in der Gemeinde, im orthodoxen Wohlfahrtsverein Dower Tow und in der Beerdigungsbruderschaft Chewra Kaddischa. Diese sorgte sich ehrenamtlich um die Betreuung von Kranken und Toten der Gemeinde. Mitglied einer solchen Vereinigung zu sein galt als besondere Mizwa, als eine fromme Pflicht. Sie übernahm die Vorbereitung der Verstorbenen für die Bestattung. Dazu gehörten die Waschung des Toten, das Anlegen der Totenkleidung und die Beerdigung unter Einhaltung eines genau geregelten Ritus.

Elias Krotowsky schaffte es, sich zu etablieren, das Unternehmen lief recht gut. 1925 zogen sie mit der Eisenwarengroßhandlung in die Kriegsstraße 176. Es gab noch weitere Umzüge der Familie in die Schützenstraße 86 und in die Friedenstraße 19. An den Wohnungsadressen lässt sich der Aufstieg der Familie ablesen: von der Markgrafenstraße im “Dörfle”, dem ärmeren Wohnbezirk Karlsruhes, in die Friedenstraße mit ihren neueren Häusern der aufstrebenden Residenzstadt. Die Familie lebte in einer gut eingerichteten 5-Zimmer Wohnung, passend für die größere Familie. Elias besaß eine kleine Bibliothek an deutschen und hebräischen Büchern, sogar einige englische. Überhaupt verfügte er über ausreichende englische und französische Sprachkenntnise. Sie waren sicherlich für sein Geschäft von großem Nutzen, da er überwiegend im Export tätig war. Wohl auch dazu hatte er sich etwas Spanisch angeeignet.
Mittlerweile war nämlich am 14. Februar 1932 als Nesthäkchen Dorothea Debora zur Welt gekommen. Die Familie war strebsam, der älteste Sohn Philipp besuchte die Gartenschule und wechselte 1935 nach bestandener Aufnahmeprüfung in die Goethe-Oberschule (Durchschnitt: 3). Dieser Gymnasiumbesuch war ihm als Juden überhaupt nur möglich, weil Vater Elias unter die Bestimmung der “Frontkämpfer” fiel. Er hatte nämlich im Dienstrang eines Vizewachtmeisters bei der Luftwaffenabteilung in Trier den Ersten Weltkrieg vom Frühjahr 1915 bis Kriegsende 1918 erlebt. Doch spätestens 1937 mussten alle Juden die höheren Schulen verlassen.

Juden waren seit der Machtergreifung der NSDAP 1933 zunehmend aus vielen verschiedenen Lebensbereichen ausgegrenzt worden und Elias mit seiner Eisenwarengroßhandlung litt auch darunter. Für seine Geschäfte musste Elias zahlreiche Auslandsreisen unternehmen, für die bis 1937 anstandslos Reisepassanträge bewilligt worden waren. Auch mehrere Reisen nach Polen, unter anderem zum Grab seiner Mutter, auch nach Frankreich, um dort Geschäfte zu machen hatte Elias unternommen. Doch schon 1937 war ihm die Passaustellung zur Weltausstellung nach Paris verwehrt worden, da seiner Firma die Wahrung deutscher Exportinteressen abgesprochen wurde. Mit der Verordnung über Reisepässe von Juden vom 5. Oktober 1938 waren Auslandsreisen endgültig zu Ende. Auch Elias Krotowsky musste seinen Reisepass abgeben und erhielt keinen neuen mehr. Ein schwerer Schlag für ihn und sein Geschäft. Die Zwangsarisierung zum Jahresende 1938 vernichtete die Existenz gar völlig.
Zuvor hatte es einen weiteren Schicksalsschlag gegeben. Am 10. November 1938, dem Tag nach der “Reichskristallnacht”, wurde Elias Krotowsky zusammen mit vielen anderen männlichen Juden von der Gestapo verhaftet und in das KZ Dachau verbracht. Dort musste er für einige Wochen bleiben, ehe er nach Karlsruhe zurück kehren konnte. Doch das sollte nicht die letzte Deportation sein.

Für die Familie war klar, dass es eine Zukunft für sie in Deutschland nicht geben würde. So schickte das Ehepaar seine Kinder nach Amsterdam in die Niederlande, wo es Verwandte und Geschäftspartner gab. Der älteste Sohn Philipp ging sogar weiter, im Mai 1939 gelang dem gerade 16-Jährigen die Einreise nach England, wo es ebenfalls Verwandte gab. Elias und Frieda Krotowsky dachten ebenfalls daran, Deutschland zu verlassen, das gelang ihnen aber nicht mehr. Während sie die Kinder in Sicherheit wähnten, mussten Elias und Frieda Krotowsky das Schicksal der Juden in Baden und Saar-Pfalz erleiden. Sie wurden am 22. Oktober 1940 verhaftet und nach dem Lager Gurs in Südfrankreich verbracht.

Von dort aus ist uns ein einziger der Briefe Elias Krotowskys an seinen Sohn Philipp in England erhalten. Er schrieb am 23. März 1941:
“Geliebter, teuerer Sohn,
...als mir dein Brief vom 13.1.41. übergeben wurde, kamen mir die Tränen als ich nach acht Monaten Deine Schriftzüge auf der Adresse erblickte und deinen Zeilen entnahm, dass du g’ttlob [fromme Juden schrieben “Gott” nicht aus] gesund bist und koscher und ausreichend verpflegt wirst.”
Dann berichtete Elias seinem Sohn wie es ihm und Frieda bei der Verhaftung am 22. Oktober 1940 erging:
„Als wir gerade in der Gemeindesukko [Sukko – die Laubhütte nach dem Versöhnungsfeiertag Jom Kippur zur Erinnerung an die Zerstörung des zweiten Tempel in Jerusalem, 70 n.u.Z.] gefrühstückt hatten, wurden wir von Sicherheitspolizei im Gemeindehaus verhaftet und auf Polizeiwache gebracht, von dort aus wurden wir von einem Schutzmann heimgebracht. Die liebe Mutter ahnte noch nicht was uns bevorstand... Der Schutzmann eröffnete uns, dass wir innerhalb einer halben Stunde unser allernötigstes Handgepäck und Lebensmittel für 3 Tage zusammenrichten hätten, da alle Badischen und Pfälzer Juden auf unbestimmte Zeit das Land verlassen müssen.
Dann wurden wir von der Geheimen Staatspolizei zum Bahnhof gebracht, wo nach und nach die ganze Gemeinde eintraf und von Gestapo und SS in Empfang genommen wurde. In 3 Sonderzüge fuhren wir abends ab, um in ununterbrochener Fahrt von 2 Tagen und 3 Nächten hierher gebracht und interniert zu werden...
Wir haben alles zurücklassen müssen. Man hat uns innerhalb einer halben Stunde zu Bettlern gemacht, es fehlt uns hier das Notwendigste. Nur l00 RM Geld durften wir mitnehmen.”
Wie er sich unter den widrigen Umständen im Lager seine Hoffnung und den Glauben bewahrte, schilderte er ebenfalls. “Ich lebe auch hier mit einer kleinen Schar koscher und was das für mich bedeutet, teurer Sohn, darüber wenn wir uns in G’ttes Hilfe wiedersehen. Die Erfüllung des G’ttlichen Gebotes war mir stets eine Herzenspflicht, das habe ich im Felde, in Dachau bei Lebensgefahr gehalten, und auch hier getreu dem Posuk im Thillim [Psalmenbuch]: ‘Heil denen, deren Weg untadelig, die in der Lehre des Ewigen wandeln.’... Der Allgütige, gelobt sei sein Name möge uns nicht verlassen. Bleibe gesund und sei innig gegrüsst und geküsst von deinem Vater.”

Am 6. August 1942 wurden Elias und Frieda von Gurs nach dem Sammellager Drancy bei Paris verbracht und vier Tage später nach dem Vernictungs-KZ Auschwitz.
Von da an verliert sich ihre Spur, sie sind sie mit größter Wahrscheinlichkeit sofort nach Ankunft vergast worden.

Hermann und Dorothea, 1942 gerade 10 und 17 Jahre alt, waren keineswegs in Sicherheit. Nach dem deutschen Überfall auf die Niederlande erlebten sie und ihre Verwandten immer schlimmere Verfolgung. Seit April 1942 mussten in Holland alle Juden ab 6 Jahre den gelben Judenstern tragen und im selben Jahr noch begannen die Deportationen in die Konzentrationslager. 1943 führten die deutschen Stellen planmäßige Massen-Deportationen in die Vernichtungslager durch. Dorothea und Hermann gerieten in die große Verhaftungs-Aktion von über 3.000 Juden im Mai 1943. Beide Geschwister wurden im Mai 1943 von Amsterdam nach dem Vernichtungslager Sobibor deportiert. Ob die Menschen während des Transports etwas von ihrem Schicksal geahnt haben? Sie fuhren in “normalen” Personenwagen der Bahn, bei der Ankunft in Sobibor am 21. Mai 1943 sollten sie ihren Verwandten in Holland schreiben, sie seien in einem Arbeitslager. Stunden später wurden bis auf 81 Männer alle der über 3.000 Menschen in den Gastod geschickt.

So überlebte Philipp als einziger der Familie den Holocaust in England. Von dort wanderte er 1959 nach Kanada aus, lebte eine Zeit lang in Toronto und abeitete dort als
Metzger. Um 1970 ging er nach Israel.

(Ekaterina Platonova, 9. Klasse der Hebel-Realschule, Juli 2006)