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Erna Krieger, 1938. Porträt in der nationalsozialistischen "Judenkennkarte"

Personendaten

Erna Krieger

Nachname: Krieger
geborene: Hochstetter
Vorname: Erna
Geburtsdatum: 15. Juli 1900
Geburtsort: Liedolsheim/Karlsruhe (Deutschland)
Familienstand: verwitwet
Verwandtschaftsverhältnis: Witwe von Sigmund K. (1895-17.11.1929);

Mutter von Hans Max (1922-2010) und Otto Jakob (1925-1942);

Schwetser von Julchen Süß, geb. H.
Adresse: 1940: Kriegsstr. 88, 1940 von Graben zugezogen
Beruf: Hausfrau
Deportation: 22.10.1940 nach Gurs (Frankreich)
10.8.1942 von Drancy nach Auschwitz (Polen)
Sterbeort: Auschwitz (Polen)

Biographie

Karl Hochstetter und Erna Krieger, geborene Hochstetter
auch im Andenken an Julchen Süß, geborene Hochstetter, und Otto Jakob Krieger

Karl Hochstetter wurde am 8. April 1872 in Liedolsheim, Landkreis Karlsruhe,
als Sohn von Handelsmann Jakob Hochstetter (1842-1917) und Julie Wertheimer (1848-1901) geboren. Juden sind in Liedolsheim seit Beginn des 18. Jahrhunderts nachweisbar, in der Zeit zwischen 1709 und 1738 lebten drei jüdische Familien am Ort. Es gab stets nur eine kleine jüdische Gemeinde, die mit einer Synagoge, einem rituellen Bad und einer Religionsschule - der Lehrer war zugleich Vorbeter und Schächter - dennoch alle Einrichtungen für das religiöse Leben hatte, allein die Beerdigungen konnten nicht auf einem eigenen Friedhof stattfinden, sondern auf dem alten Verbandsfriedhof in Obergrombach. Es war eine durchschnittliche Landgemeinde, in der Juden traditionelle Berufe wie Krämer, Metzger und Viehhändler ausübten. 1874 waren vier jüdische Händler in Liedolsheim ortsansässig, einer davon war der Vater von Karl Hochstetter.
1880, also zum Zeitpunkt der Kindheit von Karl Hochstetter, hatte die jüdische Einwohnerschaft die Höchstzahl von 50 Personen erreicht, danach sank sie infolge vor allem der Zuzüge in die Städte. 1905 gab es nur noch einen jüdischen Einwohner, die Gemeinde war bereits 1903 offiziell aufgelöst worden. Zu diesem Zeitpunkt war auch die Familie Hochstetter aus Liedolsheim verzogen. Zeitgleich mit ihrem Wegzug war das jüdische Leben in Liedolsheim beendet. Die größte jüdische Persönlichkeit aus Liedolsheim war der Lehrer und Historiker Berthold Rosenthal, der 1927 die bis heute noch wichtige „Heimatgeschichte der badischen Juden“ verfasste. Er war ein Groß-Cousin von Karl Hochstetter, dem gerade noch rechtzeitig mit seiner Ehefrau 1940 die Emigration über Portugal nach den USA gelang. Insgesamt wurden zwölf gebürtige jüdische Liedolsheimer Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung.

Karl Hochstetter hatte zwei Schwestern. Bertha war zwei Jahre jünger und Mina drei Jahre älter. Bertha Hochstetter heiratete 1892 Arthur Fischer und zog mit ihm nach Genf, wo sie 1951 starb. Mina Hochstetter heiratete 1899 Erich Blum, der im November 1941 im
Konzentrationslager Gurs starb. Sie war fünf Jahre zuvor in ihrem Wohnort Weingarten gestorben. Karl Hochstetter hatte einen großen Verwandtenkreis. Dazu zählten einundzwanzig
Cousinen und Cousins. Einer davon war Albert Weill, dessen Sohn der berühmte Komponist Kurt Weill (1867-1950) war, der unter anderem die Musik zu Bert Brechts „Die Dreigroschenoper“ geschrieben hatte.
Über die Zeit von Karl Hochstetter in Liedolsheim, wo er auch die Volksschule besucht hatte, ist wenig bekannt. 1899 heiratete er in Weingarten die am 14. Oktober 1876 dort geborene Bertha Hagenauer. Wie der Vater etablierte er sich als Händler in Liedolsheim. Am 15. Juli 1900 wurde in Liedolsheim die erste Tochter, Erna, geboren. Am 16. Juli 1904 die zweite Tochter, Julchen genannt. Dies allerdings bereits in Graben (Graben-Neudorf). Denn die Familie war ebenso wie die väterliche Familie im Jahr zuvor nach Graben gezogen. Warum nach Graben, das zwar eine stattliche Landgemeinde war, und warum nicht in die umliegenden Städte Karlsruhe, Bruchsal oder gar Mannheim wie andere Familienangehörige? Sicherlich lag Liedolsheim etwas abseits von den Handelswegen, hatte Graben einen Bahnanschluss, aber letztlich gibt es keine Antwort für diesen Wechsel. In Graben war die jüdische Gemeinde stets sehr klein gewesen, die Anfänge gehen auch hier auf den Beginn des 18. Jahrhunderts zurück. 1895 war mit 54 jüdischen Einwohnern die höchste Zahl im Ort erreicht, 1926 waren es nur noch 26. Die Gemeinde hatte einen Betsaal in einem Wohnhaus, der die Funktion einer Synagoge hatte. 1905 wurde der Betsaal neu eingerichtet und eingeweiht und blieb bis 1938 erhalten. Er entging der Zerstörung und wurde später zu einem Wohnhaus umgebaut. Das Ende der Gemeinde kam mit der Reichspogromnacht 1938.

In dieser kleinen Gemeinde finden wir Karl Hochstetters Vater Jakob Hochstetter, seit 1901 verwitwet, als Vorsitzenden des zweiköpfigen Synagogenrats (Gemeindevorsitzender). Zwischen 1905 und seinem Todesjahr 1917 unterzeichnete er in dieser Funktion. Später folgten ihm die eingesessenen und wirtschaftlich wohlhabenden Isak Weil (Zigarrenfabrikant) sowie Robert Baer (Likörfabrik und Brantweinbrennerei). Dies deutet darauf hin, dass die Familie Hochstetter in Graben sich in ökonomisch guter Position befunden haben muss. Namentlich Karl Hochstetter scheint einige Jahre mit seinem Handelsgeschäft in der Hauptstraße 1a gut verdient zu haben. 1922 zählte er neben den genannten Familien Weil und Baer zu den Hauptsteuerzahlern der jüdischen Gemeinde. Die Sätze hingen ab vom veranlagten Einkommen, das mit einem Prozentsatz zum aufgestellten Gemeindehaushalt in Beziehung gesetzt wurde. Für 1922 waren das von den aufgestellten 5.000 M 20 %, also 1.000 M; der niedrigste Satz betrug 2 % oder 100 M für das Jahr. Sigmund Krieger bezahlte bspw. 1923 12 % des Haushaltsansatzes. Zu diesem Zeitpunkt gehörte jener bereits zur Familie.

Am 25. März 1920 hatte sich Erna Hochstetter in Graben mit dem am 25. September 1895 in Weingarten geborenen Sigmund Krieger verheiratet. Krieger hatte in Graben ein Viehhandelsgeschäft, zahlreiche Geschäftskontakte bestanden nach Karlsruhe. Am 30. August 1922 wurde Sohn Hans Max geboren, am 4. Dezember 1925 Sohn Otto Jakob, beide in Karlsruhe, der erste in der Landesfrauenklinik (heute Psychiatrie des Städt. Klinikums Karlsruhe), der zweite im St. Vincentius-Krankenhaus in Karlsruhe. Die Mutter kam eigens aus Graben zu den Geburten nach Karlsruhe, ob Komplikationen zu erwarten waren oder ob sie statt der damals noch üblichen Hausgeburt lieber modern sein wollte?

In den 1920er Jahren war die Familie zur jüdischen Gemeinde in Graben in Konflikt geraten. Es ging um die Gemeindesteuern. Karl Hochstetter wie Sigmund Krieger waren 1927 jeweils mit 10 % - der niedrigere Ansatz im Vergleich zu den Vorjahren könnte sowohl auf geringere Einkünfte hindeuten als aber auch darauf, dass andere wie die genannten Baer und Weil deutlich höhere Einkünfte hatten - veranschlagt worden. Das wollten beide nicht aufbringen, sie verließen unter Protest eine anberaumte Versammlung und verweigerten auch die Zahlung.

Die Familie erlitt schwere Schicksalsschläge. Am 17. November 1929 verstarb Ernas Ehemann Sigmund Krieger mit nur 34 Jahren plötzlich in der Wohnung eines Lederhändlers in Karlsruhe. Vielleicht während eines Geschäftsaufenthaltes? Sie war nun mit ihren sieben und vier Jahre alten Buben auf sich gestellt, hatte aber sicherlich Stütze bei ihren Eltern und vermutlich auch bei ihrer Schwester Julchen, die mit dem nichtjüdischen Grabener Otto Süß verheiratet war.
Karl Hochstetters Ehefrau Bertha, Ernas Mutter, verstarb 1933.
Die Geschäfte gingen für jüdische Händler mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten schlechter. Vermutlich traf dies auch Karl Hochstetter. Jedenfalls zog er sich endgültig aus dem Geschäftsleben zurück. Schließlich verzog er sogar aus Graben nach Karlsruhe, wo er als „Privatier“ lebte, d.h. allein aus eigenen Ersparnissen, Vermögen, sein Auskommen hatte; dies war jedoch kümmerlich. Zunächst finden wir ihn 1938 in der Kaiserstraße 32, ab etwa Dezember 1938 in der Georg-Friedrichstraße 16 in Untermiete bei der Witwe Emilie Brauner.

Erna Krieger lebte mit ihren Jungen in Graben in der Schloßstraße 16. Hans Max ging auf die Volksschule. Ab 1936 durften jüdische Schüler diese nicht mehr besuchen. Während der jüngere Bruder Otto Jakob so nun täglich in die eigene Jüdische Schule nach Bruchsal musste, schickte die Mutter den älteren aus Graben fort, im Auswanderer-Lehrgut Groß-Breesen hatte Hans Max einen Platz gefunden. Das landwirtschaftliche Ausbildungsgut war im gleichen Jahr, 1936, nach jahrelanger Vorbereitung der „Reichsvertretung der Juden in Deutschland“ in Betrieb genommen worden. Es war ein ehemaliger Gutshof mit großer landwirtschaftlicher Fläche und Viehställen, in Schlesien an der deutsch-polnischen Grenze (heutiges Polen) gelegen. Infolge der Diskriminierung und Verfolgung seit 1933 forcierten jüdische Institutionen die Bemühungen, für Jugendliche landwirtschaftliche und handwerkliche Fähigkeiten für Umsiedelungen zu vermitteln. Groß-Breesen verstand sich aber nicht wie andere Ausbildungsstätten der „Hachschara“ in einem zionistischen Sinn und allein als eine Vorbereitung zur Auswanderung nach Palästina. In Groß-Breesen wurden auch Jugendliche, die keine engen Bindungen zum Judentum hatten oder sich nicht zum Zionismus bekannten, aufgenommen. Der charismatische Leiter Curt Bondy (1894-1972) vermittelte in zweijährigen Kursen den überwiegend Stadtkindern landwirtschaftliche Fähigkeiten, daneben aber auch normalen Schulunterricht. In der Pogromnacht vom November 1938 wurden das Leitungspersonal um Bondy und alle Jungen ab 18 Jahren in das Konzentrationslager Buchenwald gebracht, bis Dezember 1938. Die minderjährigen Jungen und Mädchen - wie Hans Max Krieger - wurden für mehrere Stunden in Viehställen auf dem Gut gefangen gehalten. Die SS-Horden schlugen die Fenster ein und zerstörten das Mobiliar. Die Ereignisse der Pogromnacht alarmierten das Ausland, aber außer den Niederlanden war nur England bereit Konsequenzen für Hilfeleistungen zu ziehen, wie die außerordentliche Aufnahme von jüdischen Minderjährigen. 145 Groß-Breesener, die ihr Training vor 1938 begannen hatten, konnten unter Leitung von Curt Bondy Deutschland verlassen. Ihre Familien und Freunde mussten sie zurücklassen. Die Meisten fanden einen zeitweiligen Zufluchtsort in den Niederlanden. 25 Jungen und Mädchen bekamen die Erlaubnis nach England auszureisen, da das englische Parlament beschlossen hatte, 10.000 jüdischen Kindern unter 16 Jahren aus Deutschland Zuflucht zu gewähren. So gelangte auch Hans Max Krieger mit seinen 13 Jahren nach England, er war ein so genanntes Kind des „Kindertransports“. Von dort gelangte er dann in die USA zu Familienmitgliedern.

Das Auswanderer-Lehrgut Groß-Breesen existierte trotz des Einschnitts von 1938/39 weiter. Nun wurde auch Otto Jakob Krieger 1939 dorthin geschickt. Hans Max berichtete später, dass er aus Briefen erfahren habe, dass seinem jüngeren Bruder sonst keine Möglichkeiten mehr offen standen, dass es ihm unmöglich gewesen sei, eine Lehrstelle zu finden. Konkrete weitere Informationen zu Otto Jakob liegen nicht vor, auch nicht wie es war, als seine Familie in Graben bzw. Karlsruhe 1940 deportiert worden war und er so endgültig allein auf sich bzw. die Unterstützung dieser jüdischen Lebenswelt im Ausbildungslager angewiesen war. Otto Jakob soll bis zuletzt in Groß-Breesen geblieben sein.

Erna Krieger aber zog ebenfalls aus Graben weg nach Karlsruhe. Sie lebte nicht mit ihrem Vater Karl Hochstetter zusammen, sondern nahm eine Beschäftigung als Hilfskraft in dem ehemaligen jüdischen Hotel Nassauer Hof in der Kriegsstraße 88 an. Dort hatte sie auch ihre Unterkunft. Zu diesem Zeitpunkt, 1939, war es kein Hotel im eigentlichen Sinn mehr, sondern ein so genanntes Judenhaus. Zahlreiche Juden, die bereits auf „gepackten Koffern“ für eine Auswanderung lebten, hatten dort ein Zimmer genommen und warteten auf Papiere und Bescheide, um aus Deutschland wegzugehen. Für die meisten von ihnen reichte es nicht mehr.

Als am 22. Oktober 1940 nahezu alle Juden aus Baden und der Saarpfalz nach Gurs in Südfrankreich deportiert wurden, waren auch Karl Hochstetter und Erna Krieger darunter. Männer und Frauen waren in den Baracken dort getrennt. Ob und wie die beiden eventuell Kontakt hielten ist nicht bekannt. Die schlechten Lebensbedingungen dort überlebte Karl Hochstetter zwei Winter. Ältere Menschen waren im Frühjahr 1941 von den französischen Behörden in andere, so genannte Alterslager, verbracht worden. Die Bedingungen dort waren dann jedoch auch nicht besser als in Gurs. Obgleich Karl Hochstetter altersmäßig für eine Verlegung in Frage gekommen wäre, blieb er in Gurs.

Karl Hochstetter verstarb am 28. April 1942 im Lager Gurs, kurz nach seinem 70. Geburtstag.

Erna Krieger wurde Opfer der „Endlösung“. Am 10. August 1942 wurde sie nach Auschwitz verbracht. Dort ist sie vermutlich sofort in die Gaskammer gekommen und ermordet worden. Von den 1.000 Deportierten dieses Transportes überlebt nur ein einziger Mann.

Nachtrag:
Von Otto Jakob Krieger fehlte jede Spur. Überlebende Familienmitglieder nehmen an, dass er 1942 zu denen gehörte, die aus Groß-Breesen direkt nach Auschwitz kamen. Gesicherte Erkenntnisse gibt es jedoch nicht. Es gab nie wieder ein Lebenszeichen von ihm. Ein Cousin legte bei Yad Vashem ein Gedenkblatt für ihn an.

Karl Hochstetters jüngere Tochter Julchen erlebte die Diskriminierung bis zum Ende in Graben. Im Februar 1945 sollte sie zur letzten Judendeportation, nach Theresienstadt. Sie und ihr christlicher Ehemann unternahmen daraufhin einen Selbstmordversuch.
Julchen Süß starb den „Freitod“ am 14. Februar 1945. Ihr Ehemann überlebte den Suizidversuch.

Insgesamt sind 19 jüdische Menschen aus Graben in der NS-Zeit umgekommen.

Hans Max Krieger konnte in den USA ein neues Leben beginnen. Wie es ihm dabei ging, wissen wir nicht. Die Geschichte Groß-Breesens, die zeitweise auch seine war, ist im Internet unter www.grossbreesensilesia.com verfügbar. Dort gibt es einen Dokumentarfilm, in dem auch Hans Max Krieger und seine Ehefrau für einen kurzen Augenblick zu sehen sind.
Hans Max Krieger starb 2010 in seiner neuen Heimat USA.
Dies erfuhren wir beim Versuch, ihn zu kontaktieren. Zu gerne hätten wir ihn noch einiges gefragt.

(Angelika Koutsandreou, Dezember 2011)